
Rund 420.000 E-Mails haben diese Woche wohl die größte Neugier geweckt: am Montag veröffentlichten Hacker die Datensammlung aus dem Inneren der AfD. KI-Zusammenfassungen von E-Mails und Dokumenten waren plötzlich frei im Netz zugänglich. Redaktionen fanden schnell Wege, die dazugehörenden Dokumente zu sichern. Auch wir.
Wie gehen wir mit so einem Leak um?
Ich nehme Sie einmal kurz mit hinter die Kulissen. Ein Leak macht uns natürlich auch erstmal neugierig. Wir haben daher alles daran gesetzt, die Daten auf Sicherheitsrisiken zu prüfen und dann zu speichern. Wir und andere Medien bekamen schnell die Frage: Was steht denn da alles drin? Nun ist es so, dass ein Leak erstmal nur eine Ansammlung von Informationen ist. Nach den Regeln der journalistischen Sorgfaltspflicht prüfen wir daher, was davon im öffentlichen Interesse liegen könnte. Damit haben wir Erfahrung. Also: Steht da was Brisantes drin, womöglich Hinweise auf einen Skandal?
Und wir müssen verifizieren, ob die Dokumente jeweils echt sind. In Zeiten von Künstlicher Intelligenz kann es durchaus sein, dass so ein Leak ganz oder zum Teil gefälscht ist (in diesem Video habe ich kurz erklärt, wie wir vorgehen).
Wir haben schnell ein ganzes Team auf den Leak angesetzt, schließlich kennen wir ja auch durch frühere Recherchen eine Menge Themen bei der AfD, die durchaus brisant sein könnten. Einen ersten Überblick haben wir hier veröffentlicht.
Vorsicht vor Fakes
Vor ein paar Tagen geschah das Unvermeidliche. Auf den Sozialen Plattformen teilten selbst Politiker Screenshots von angeblichen E-Mails aus der AfD. Es ging um explizit rassistische und neonazistische Aussagen. Das Problem: Es handelte sich um Fälschungen. Das zeigt, wie wichtig es ist, dass wir bei jeder Information genau prüfen, ob ein Dokument oder eine E-Mail aus dem Leak stammt und verifizierbar ist. Die Politiker haben ihre Posts zum Teil gelöscht. Hinter den Fakes kann eine Strategie stecken, Informationen aus dem Leak durch das bewusste Streuen von Falschinformationen unglaubwürdig zu machen. Nach dem Motto: Wer weiß schon, was da echt ist. Diese geschürte Unsicherheit ist das Gift, das den öffentlichen Diskurs zerstören soll.
Was können Sie nun erwarten?
Die AfD hatte ja sehr früh vermeldet, dass es tatsächlich einen Abfluss an Daten gegeben habe. Nun dürften einige in der AfD überrascht sein, dass die investigativen Medien nicht gleich alles herausposaunen. Bei mehr als 400.000 E-Mails gibt es eben vieles, was in diesem Zusammenhang irrelevant ist und nicht im öffentlichen Interesse liegt.
Wir werten die Dokumente intensiv aus und halten Sie auf dem Laufenden, natürlich auch über die Art, wie wir journalistisch arbeiten.
Mehr Demokratie wagen
Haben Sie schon unser Video-Interview mit der Demokratie-Expertin Claudine Nierth gesehen? In dem aktuellen Gespräch fand ich den Moment spannend, als sie eine neue Kultur im Parlament forderte, weg von Koalitions- und Oppositionsdenken. Aber auch, welche Chancen sie sieht, Politik durch neue Beteiligungsformen attraktiver zu machen. Schauen Sie hier rein (Youtube).
Unsicherer Krisenschutz
Falls Sie es nicht mitbekommen haben: Wir haben am Donnerstag über eine große Umfrage unter den Kommunen berichtet, wie gut sie auf einen Krisenfall vorbereitet sind. Ob Sie gut geschützt wären, hängt den Ergebnissen zufolge auch davon ab, wo Sie wohnen. Meine Kollegin Lilith Grull gibt Ihnen am Ende des SPOTLIGHT einen Einblick in die Recherche.
Cartoons: Ihre Stimme ist gefragt
Heute können Sie abstimmen, welchen SPOTLIGHT-Cartoon Sie diese Woche am besten fanden. Thema dieses Mal: die Wahl von AfD-Mann Tobias Rausch in Sachsen-Anhalt und damit dem ersten Landtagspräsidenten einer rechtsextremen Partei in der Geschichte der Bundesrepublik. Sechs Cartoonisten sind für Sie in den vergangenen Tagen in die Arena gestiegen und freuen sich, wenn Sie Ihr Favoriten-Bild bewerten. Den Abschluss macht heute Bettina Schipping. Hier finden Sie einen Überblick der sechs Cartoons dieser Woche. Hier gehts direkt zur Stimmabgabe.
Ihnen wünsche ich ein erholsames Wochenende, auch mit den Lese-, Hör- und Seh-Empfehlungen aus unserem Team! Wenn Sie Fragen oder Anregungen haben, schreiben Sie mir wie immer gern unter justus.von.daniels@correctiv.org.
Herzlich,
Ihr Justus von Daniels

Ein bayrischer Milliardär, der die Mächtigen kennt
Wie viel Macht haben Milliardäre über unsere Politik? Christian Angermayer pflegt enge Kontakte zu Donald Trumps Umfeld, Tech-Milliardär Peter Thiel und deutschen Spitzenpolitikern. Als Investor bewegt er sich zwischen Millionen-Geschäften, Biotech und psychedelischen Substanzen. Doch welchen Einfluss haben seine Netzwerke auf Politik und Gesellschaft? Eine Doku des ARD-Politikmagazins Kontraste hinterfragt das Image des bestens vernetzten bayrischen Milliardärs. Auch wir bei CORRECTIV haben uns in der Vergangenheit bereits mit dem Einfluss des Tech-Milliardärs beschäftigt – gerade in die deutsche Politik.
Der Angermayer-Trip (ardmediathek.de, Doku)
Das Zeitalter der Hitzestürme
2026 erleben wir eine neue Dimension weltweiter Hitzewellen. Eine datenjournalistische Recherche von Reuters zeigt, wie stark Ausmaß und Häufigkeit extremer Hitze zugenommen haben. Der größte bislang dokumentierte Hitzesturm dauerte 367 Tage und erfasste zeitweise fast 85 Prozent der Erde. Seine Folgen reichen von tödlicher Hitze in Asien über verheerende Waldbrände in den USA bis zu Überschwemmungen in Libyen. Die Recherche zeichnet die globale Spur eines Extremwetterereignisses nach und erklärt, wie eng die Katastrophen miteinander verbunden sind.
The Age of Heat Storms (reuters.com, englisch)
Das politische Spiel mit dem Gas
Eine Ministerin reist nach Texas. Kurz darauf vertritt Deutschland eine andere Position zu einem EU-Gesetz, das klimaschädliche Methanemissionen aus Öl und Gas begrenzen soll. Zufall? Die neue Episode des ARD-Podcasts „REICH“ folgt internen Dokumenten, Gesprächsnotizen und vertraulichen Vermerken. Sie führt zu Treffen mit den Öl- und Gasriesen Exxon Mobil und BP und wirft die Frage auf: Wie stark beeinflusst die fossile Industrie politische Entscheidungen – und was bleibt der Öffentlichkeit verborgen?
REICH (ardsounds.de, Podcast)
Wo die extrem rechten Parteien erfolgreich sind und waren
Warum erzielen extrem rechte Parteien in manchen Regionen von Deutschland seit Jahrzehnten Wahlerfolge? Eine datenjournalistische Spurensuche der Süddeutschen Zeitung zeigt: In vielen ehemaligen Hochburgen der NSDAP wird heute häufiger AfD gewählt. Historische Wahlkarten machen deutliche Parallelen sichtbar und die Gründe dafür sind vielfältig. Was verbindet die Wahlergebnisse von damals und heute? Und wie prägt die Geschichte die politische Landkarte Deutschlands bis in die Gegenwart?
Historische Wahlmuster (sueddeutsche.de, €)
Die Spur vom illegal entsorgten Gips
Heute möchten wir Ihnen außerdem eine Recherche empfehlen, die zeigt, dass sich Hartnäckigkeit gerade im Lokaljournalismus lohnt. Drei Kolleginnen der Nürnberger Nachrichten und der Main-Post – beide Redaktionen sind Mitglieder unseres CORRECTIV.Lokal-Netzwerks – waren mehr als ein halbes Jahr teils undercover in Bayern und in Tschechien unterwegs, um die Spuren fragwürdiger Abfalltransporte zu verfolgen. Während der Abbau von Naturgips umstritten ist und die Baubranche händeringend nach dem Rohstoff sucht, wird derselbe recyclingfähige Baustoff mutmaßlich bis heute illegal entsorgt. Ausgangspunkt war unsere CORRECTIV-Recherche „Verscharrt statt recycelt“.
Brisanter Verdacht (nn.de)
Was Europa bewegt
In ganz Europa wird darüber diskutiert, ob Kinder und Jugendliche von sozialen Medien ferngehalten oder besser geschützt werden sollten. Während einige Länder bereits eigene Regeln planen oder einführen, setzt sich EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen für einen gemeinsamen europäischen Ansatz ein. Doch wie gehen die einzelnen Länder damit um – und wie weit reicht der politische Konsens?
In unserer neuen LensEU-Folge werfen wir einen Blick auf die Debatte in den Partnerländern. Produziert ist die Folge von DiePresse in Österreich. Zu Gast ist unter anderem Max Hillenberg von unserer Jugendredaktion Salon5.
LensEU (#lensEU, Podcast)
Schon vor CORRECTIV habe ich über Menschen in Grenzsituationen berichtet: bei Gericht, auf Neonazi-Veranstaltungen oder 2022 an der ukrainischen Grenze, als Russland erneut angriff. Mit Klimafolgen habe ich mich erst hier intensiver beschäftigt. Irgendwann wurde mir klar, wie blind wir oft für die Frage sind, worauf wir uns eigentlich vorbereiten müssten.
Nein, ich habe kein Kurbelradio. Aber vom letzten Umzug stehen noch ein paar Kisten Wasser im Keller. Wo der nächste sichere Ort ist? Keine Ahnung. Mit meiner deutschen Scheuklappenmentalität bin ich selbst kein Vorbild. Doch die wird uns weder bei einem Krieg noch bei Hochwasser oder Hitzewellen helfen.
Letztes Jahr fiel mir in Estland auf, wie selbstverständlich dort über Krisenvorsorge gesprochen wird. Fast so wie übers Wetter. Bei uns dagegen scheint schon der Gedanke daran unangenehm. Als ich Freunden von unserer Recherche erzählte, fragte ich, wie wir das Thema aufbereiten könnten, damit sie nicht wegklicken. Ihre Antwort: Sie würden die Texte nur meinetwegen lesen – damit auseinandersetzen wollten sie sich nicht.
Auch die Reaktionen der Behörden waren durchwachsen: Manche waren dankbar und hofften, dass die Bevölkerung endlich aufwacht. Ein Sprecher rief an und sagte, sie hätten dadurch selbst begonnen, zuvor fehlende Informationen zusammenzutragen. Ein anderer schrieb, es könne nicht im öffentlichen Interesse sein, Krisenvorsorge in diesem Maße medial zu besprechen.
Was ich gelernt habe: Krisenvorsorge beginnt bei Kommunen, die ihren Aufholbedarf kennen, bei Behörden, die zusammenarbeiten, und bei Menschen, die wissen, was sie tun können.
Wir müssen nicht auf alles vorbereitet sein. Aber wir sollten anfangen, uns die richtigen Fragen zu stellen, auch wenn es unbequem ist. Denn Sicherheit sollte nicht davon abhängen, wo wir wohnen oder ob wir Glück hatten. Sondern davon, ob wir als Gesellschaft hinsehen und zusammenarbeiten, bevor es ernst wird.

Propaganda trotz Sanktionen: Tätigkeit zweier russischer Korrespondenten wirft Fragen auf
Zwei Berliner sind aufgeflogen, als sie einen Beitrag für einen russischen Kriegskanal drehen wollten. Nach CORRECTIV-Recherchen arbeiteten die Russen jahrelang als Korrespondenten in Berlin – obwohl der Eigentümer ihres Verlags seit Jahren sanktioniert ist. Aus der Politik kommen nun Forderungen nach Konsequenzen.
correctiv.org
Spionage, Sabotage, Repression: Neues Abwehrzentrum verzeichnet Hunderte Angriffe auf Deutschland
Deutsche Sicherheitsbehörden gründeten im Sommer ein Abwehrzentrum gegen verdeckte Angriffe aus Russland, China oder Iran. Interne Papiere zeigen: Nachrichtendienste und Ermittler arbeiten bereits an Hunderten Fällen.
correctiv.org
Bundesschülerkonferenz schließt sich Gen-Z-Protest an
Der bundesweite Protest für bessere Bildung am 31. Oktober wird von extremistischen Akteuren vereinnahmt. Die Schülerinnen und Schüler wollten sich dadurch nicht hindern lassen, dort ihre Stimme zu erheben.
correctiv.org

Cartoon-Arena

Erstmals besetzt die AfD das Amt des Landtagspräsidenten. Die Cartoon-Arena nimmt die politischen Veränderungen in Sachsen-Anhalt satirisch unter die Lupe. Heute mit einem Beitrag von Bettina Schipping. Stimmen Sie hier gerne für Ihren Favoriten ab. Hier finden Sie eine Übersicht aller Beiträge.
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An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Elena Müller, Karolin Arnold, Marius Münstermann, Minou Becker, Till Eckert.
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