Ein stolzer Riese schrumpft

VW ist einer der größten Arbeitgeber des Landes. Doch heute geht es dort darum, mehr als 100.000 Arbeitsplätze abzubauen.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters

Hier finden Sie unseren neuen Podcast „Was zählt“, der das Wichtigste des Tages für Sie jetzt auch zum Hören aufbereitet. Er ist auch auf  Spotify, Amazon MusicDeezer und Apple Podcasts abrufbar.

Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser,

Volkswagen ist eine der Säulen, auf denen die deutsche Wirtschaft steht – und an denen der Arbeitsmarkt hängt. Der Autokonzern hat weltweit rund 660.000 Mitarbeiter, eine unvorstellbare Zahl. Aber: Bald wird es einen Kahlschlag geben, wir berichteten schon mehrfach darüber. Zum Beispiel hier. Es werden wohl deutlich mehr als 100.000 Arbeitsplätze wegfallen – viele davon in Deutschland.

Heute kommt es zum Showdown. Wenn Sie diesen SPOTLIGHT lesen, ist am Firmensitz in Wolfsburg schon seit ein paar Stunden die Aufsichtsratssitzung im Gange. Dort wird mit harten Bandagen darum gekämpft, wie viele Werke denn in Deutschland geschlossen und wie viele Arbeitsplätze gestrichen werden. Im Thema des Tages erklären wir das Ganze noch mal: Warum kam es zu der Krise? Und: Was haben wir alle damit zu tun?

Wie geht es Ihnen mit dem Thema Volkswagen: Gehen Sie davon aus, dass Sie der Sparplan betreffen wird – weil Sie selbst im Konzern arbeiten, oder weil Sie in einer Region wohnen, die stark von VW abhängt? Schreiben Sie mir: anette.dowideit@correctiv.org.

Thema des Tages: Ein stolzer Riese schrumpft

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Aber wie kam VW in diese Krise? Und welche Wirkungen hat diese für uns alle? Das hat unser Reporter Martin Murphy in diesem Überblicks-Stück aufgeschrieben.

In Wolfsburg berät der Aufsichtsrat über den Umbau von VW

Was in den vergangenen Jahren geschah:
So kurz wie möglich das „Big Picture“ zusammengefasst: Der Klimawandel wurde nach und nach sichtbarer. Deshalb kam ein politischer Prozess in Gange, der dafür sorgen sollte, so langsam die Verbrenner-Autos aus dem Verkehr zu ziehen. Bis heute geht es damit zwar hin und her, zuletzt kam auf EU-Ebene das „Verbrenner-Aus-Aus“ (also die Aufweichung des Plans, ab 2035 gar keine Verbrenner mehr zuzulassen). Die weltweite Tendenz ist aber dennoch: Schluss mit Benzin- und Dieselmotoren.  

Die deutschen Autobauer reagierten darauf zu verzagt und zu spät – Hersteller aus anderen Ländern waren schneller und sicherten sich Absatzmärkte.

Die Folgen …
… sieht man zum Beispiel in dieser Übersicht des ADAC. Sie zeigt die Zahl der neu zugelassenen Autos in Deutschland im Juni: Elektroautos machen jetzt den größten Anteil aus – 28,4 Prozent. Autos mit klassischen Benzinantrieben liegen bei nur noch 20,5 Prozent. Das liegt vermutlich auch an der neuen E-Auto-Förderung.

Der größte Hersteller von in Deutschland neu zugelassenen Elektroautos ist aber nicht VW – sondern Tesla (trotz all der politischen Eskapaden von Elon Musk). Deren „Model Y“ verkaufte sich im Juni in Deutschland doppelt so häufig wie das VW-Elektroauto ID.3. Zwar liegt VW insgesamt bei den Neuzulassungen in Deutschland noch vorne, der Anteil sinkt aber immer weiter.

„VW hat den Wandel lange Zeit ignoriert und dann halbherzig reagiert.“

So fasst unser VW-Reporter Martin Murphy die Lage zusammen. Der VW-Vorstand muss jetzt die Konsequenzen ziehen und sich eingestehen, dass es einen radikalen Kurswechsel braucht. Und eben viel schlankere Strukturen. Denn sonst gerät der ganze Konzern in Gefahr, wie wir in unserem Text erklären.

Und das wiederum hätte Auswirkungen auf ganz Europa:
Auf Deutschland sowieso, denn neben den Arbeitsplätzen bei VW direkt geht es um andere Branchen, die dranhängen: Hersteller von Stahl und Kunststoffen zum Beispiel. 

Thyssenkrupp etwa erzielt ein Drittel seines Umsatzes mit Zulieferungen an Autobauer. Auch für den Chemiekonzern BASF, für Siemens und selbst für die Softwarefirma SAP sind die Autobauer Schlüsselkunden.

In anderen europäischen Ländern ist der VW-Konzern ebenfalls ein wichtiger Arbeitgeber, und auch dort hängen viele Arbeitsplätze an Zulieferbetrieben. In Spanien zum Beispiel trägt die VW-Tochtermarke Seat/Cupra etwa ein Prozent zur Wirtschaftsleistung (BIP) bei. In Tschechien sind es (vor allem über die Tochtermarke Skoda) fünf Prozent – und in der Slowakei sogar noch mehr. 

Informationsfreiheitsgesetz: Hubig will Auskunftspflicht bewahren
Nachdem der Koalitionsausschuss in der vergangenen Woche eine Reform des Informationsfreiheitsgesetzes (IFG) angekündigt hatte, übten verschiedene Organisationen, Vereine und Medien, darunter auch CORRECTIV, Kritik an den Plänen. Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) betonte nun, dass sie die Auskunftspflicht, der die Regierung als Exekutive unterliege, bewahren und absichern wolle. Die Regierung  solle weiterhin transparent arbeiten und Rechenschaft darüber ablegen, was sie tut, so Hubig. 
tagesschau.de

Chatkontrolle: EU-Parlament stimmt für eine befristete Ausnahme
Das Europäische Parlament hat heute erneut über die sogenannte „Chatkontrolle“ abgestimmt. Dabei geht es um eine Ausnahme von Datenschutzregeln, die es Unternehmen wie Microsoft, Google und Whatsapp ermöglicht, mit automatisierten Programmen nach Inhalten sexualisierter Gewalt gegen Kinder zu suchen – freiwillig und ohne konkreten Verdacht. Die Ausnahmeregelung galt eigentlich bis April. Das EU-Parlament hatte eine Verlängerung zuvor abgelehnt. Die Abgeordneten stimmten nun grundsätzlich für eine befristete Ausnahme von europäischen Datenschutzregeln – der Vorschlag solle aber noch verändert werden. Das Gesetzgebungsverfahren geht nun weiter. 
zeit.de / stern.de

Symbolbild: Bernd Feil / Picture Alliance / M.i.S.

So geht’s auch
Betonturm statt Großbatterie: Ein Betonturm in Ostchina nutzt die Schwerkraft, um überschüssige Energie aus einem naheliegenden Windpark zu speichern – in Betonblöcken, die übereinander gestapelt werden. Wieder freigegeben wird die Energie, indem die Blöcke kontrolliert fallen gelassen werden. Das Manko: Die Methode macht die Energieerzeugung zwar unabhängig von Wind und Wetter, ist dabei aber auch sehr teuer im Vergleich zu bestehenden Methoden.
golem.de/ domusweb.it  

Fundstück
Stricken, Häkeln, Brotbacken – die GenZ entdeckt „Oma-Hobbys“ für sich. Unsere Jugendredaktion Salon5 hat sich diesen Trend genauer angeschaut und beobachtet: Diese Hobbys helfen dabei, im Hier und Jetzt anzukommen. Statt stundenlangem Scrollen wird dabei etwas mit den eigenen Händen erschaffen. Das hat eine positive Wirkung auf die Psyche. 
instagram.com


Viele von Ihnen sammeln Regenwasser in Tonnen, Tanks oder Zisternen und gießen damit Gemüse, Hortensien oder den ganzen Garten – ganz ohne Trinkwasser. Andere sprengen oder mähen ihren Rasen bewusst nicht mehr. Er werde zwar braun, schreiben Sie, nach dem nächsten Regen aber wieder grün. Stattdessen wachsen Wildblumen, längeres Gras oder pflegeleichte Pflanzen, die Hitze besser aushalten und Insekten Nahrung bieten. Über private Pools schütteln viele von Ihnen den Kopf.

Berührt hat mich die Nachricht einer Leserin, die während der Hitze ausnahmsweise Leitungswasser in ihren Gartenteich leitete – damit Kaulquappen nicht im austrocknenden Tümpel sterben. 

Auch im Haushalt nutzen Sie jeden Liter: Salatwaschwasser landet bei den Blumen, wassersparende Duschköpfe senken den Verbrauch, Badewasser wird ein zweites Mal genutzt. Viele von Ihnen schreiben aber auch: Die Verantwortung endet nicht am Gartenzaun. Sie kritisieren dauerhaft beregnete Sportplätze und hohe Wasserentnahmen der Industrie – und wünschen sich, dass dort ebenfalls genauer hingeschaut wird.

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Karolin Arnold, Till Eckert, Sebastian Haupt, Lea Messerschmidt und Elena Müller.