Hü und Hott beim Katholikentag

Wie viel wird beim wichtigsten Treffen der katholischen Gläubigen über Missbrauch geredet? Die Organisatoren zeigen sich beim Umgang mit dem CORRECTIV-Film widersprüchlich.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters
Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser, 

während Sie diesen SPOTLIGHT lesen, starten 30.000 Menschen in Würzburg in den Katholikentag. Es ist die wichtigste Zusammenkunft der katholischen Gläubigen, alle zwei Jahre findet sie in einer anderen Stadt statt. Es wird gesungen, es werden Gottesdienste gefeiert, es wird diskutiert.

Letzteres diesmal besonders kontrovers. Denn die Veranstalter zeigen sich unsicher, wie sie mit den CORRECTIV-Recherchen zum Missbrauch katholischer Priester an Kindern umgehen sollen. Eigentlich waren sie zunächst offen, den CORRECTIV-Kinofilm „Akten des Missbrauchs“ noch ins Programm zu heben. Vor ein paar Tagen entschieden sie jedoch: Das ginge nicht. Was da los war, wie es jetzt weitergeht – und was ein neues Kirchenlied mit dem Ganzen zu tun hat – steht im Thema des Tages.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend und morgen einen erholsamen Feiertag! Schreiben Sie mir gern: anette.dowideit@correctiv.org.

Thema des Tages: Hü und Hott beim Katholikentag

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Neueste CORRECTIV-Recherchen: Zivile Verteidigung: Berlin erfasst potenzielle Schutzräume nicht – weil Vorgaben vom Bund fehlen

Fun Facts – der satirische Blick auf die Nachrichtenlage: Warum plötzlich alle ADHS haben „wollen“

Faktencheck: Altes Video mit Trump wird fälschlich dem Hantavirus zugeschrieben

Gute Sache(n): TÜV kämpft gegen Schummel-Tricks bei Führerscheinprüfungen • Weniger Versuchstiere durch neue KI-Anwendung • Bahn macht Familienreisen günstiger

CORRECTIV ganz persönlich: Wir möchten mit Menschen in Kontakt kommen, die undercover gehen wollen

Grafik des Tages: Iranisches Militär weiter einsatzbereit – Trump wütet über Presse

Die Absage kam, nachdem sich die Verantwortlichen den Film angeschaut hatten. Zu kontrovers für den Katholikentag? Zu viel Fokus auf Papst Benedikt XVI. (Joseph Ratzinger)? Oder organisatorische Gründe, wie die Veranstalter gegenüber CORRECTIV angaben?

Klar ist das nicht. Und es verwundert ein wenig, weil der Katholikentag an sich sehr wohl das Thema Missbrauch thematisiert, wie der Deutschlandfunk hier berichtet. Sogar das Motto lautet dieses Jahr: „Hab Mut, steh auf!“ Dazu passt die Sache mit dem einkassierten Film eigentlich so gar nicht.

Matthias Katsch, Sprecher der bundesweit bekannten Betroffeneninitiative Eckiger Tisch, bedauert, dass der CORRECTIV-Film nicht offiziell im Rahmen des Katholikentags gezeigt wird.

„In dem wichtigen Film ‚Akten des Missbrauchs‘ geht es nicht allein um die Person Joseph Ratzinger, der über Jahrzehnte für den kirchlichen Umgang mit Missbrauchstätern in aller Welt Verantwortung getragen hat.“ 

Was jetzt passiert:
Wir haben stattdessen nun eine Vorführung des Films in Würzburg organisiert, die außerhalb des offiziellen Programms stattfindet. Sagen Sie es gern weiter, denn wenn der Kinosaal voll ist, sendet das ein starkes Signal in Richtung der Veranstalter. 

Diese indes wollten sich doch nicht ganz von der CORRECTIV-Dokumentation abwenden – und sagten nachträglich zu, dass sie in ihrer App auf die Veranstaltung hinweisen wollen. Und: Um ein Zeichen zu setzen, kommt Claudia Nothelle zur anschließenden Diskussionsveranstaltung. Sie ist die Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Hier stehen alle Infos zur Vorführung am Freitag.

Wir diskutieren aber nicht nur …
… sondern setzen unsere Recherche über den organisierten Missbrauch in der katholischen Kirche und die Frage, wer im Vatikan was wusste, fort:

Wir haben – mit Ihrer Unterstützung – schon mehr als 10.000 Unterschriften gesammelt, und wir sammeln weiter – hier entlang. Die Unterschriften wollen wir dem amtierenden Papst Leo übergeben. 

Das Ziel:
Der Vatikan soll seine Archive für eine unabhängige Untersuchung öffnen, damit die Öffentlichkeit sich ein möglichst umfassendes Bild über den Umfang des Missbrauchs machen kann. Denn bisher ist überhaupt nicht klar, wie viele Fälle es weltweit gab.

Wir recherchieren außerdem weiter:
Wenn Sie von Missbrauch durch katholische Geistliche betroffen sind, bitte unterstützen Sie die Recherche, indem Sie an unserer Umfrage im CrowdNewsroom teilnehmen (natürlich auch anonym möglich). Und bitte leiten Sie dies in Ihrem Bekanntenkreis weiter!

Jetzt noch eine tolle Sache aus unserem Team …
… die mich persönlich sehr begeistert. Es ist, basierend auf der Recherche, ein Kirchenlied entstanden und es wurde heute – pünktlich zum Katholikentag – veröffentlicht! 

Das Lied heißt „Der Vorhang zerreißt“. Geschrieben hat es Thomas Laubach, komponiert Thomas Quast und interpretiert die Kölner Band Ruhama – die es in einer Kirche aufgeführt und dazu ein Musikvideo gemacht hat. Hier können Sie es anschauen. Und hier steht mehr zu den Hintergründen.

Screenshot des Musikvideos von „Der Vorhang zerreist“ der Band Ruhama
Screenshot des Musikvideos von „Der Vorhang zerreist“ der Band Ruhama

Regierung reformiert Gebäudeenergiegesetz der Ampelregierung
Das Bundeskabinett will heute das neue „Heizungsgesetz“ auf den Weg bringen. Öl- und Gasheizungen dürfen demnach weiter betrieben und auch neu in Betrieb genommen werden. Grüne und Umweltorganisationen kritisieren diesen Schritt. CDU-Wirtschaftspolitiker Wiener verteidigt das Gesetz mit dem Hinweis auf Technologieoffenheit.  
deutschlandfunk.de

Özdemir neuer Regierungschef in Baden-Württemberg 
Grünen-Politiker Cem Özdemir übernimmt das Amt des Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg. Er erhielt 93 von 153 Stimmen. CDU-Landeschef Manuel Hagel soll Innenminister und Vize-Regierungschef werden. Am Montag unterzeichneten Hagel und Özdemir den Koalitionsvertrag. Im Fokus stehen Entbürokratisierung und ein kostenloses, verpflichtendes letztes Kindergartenjahr.
sueddeutsche.de

Symbolbild: picture alliance / Rainer Keuenhof | Rainer Keuenhof
Trump vor einem Rednerpult am Weißen Haus
Symbolbild: Julia Demaree Nikhinson / Associated Press / Picture Alliance

So geht’s auch
Tierversuche in der medizinischen Forschung sind hoch umstritten, aber gelten als notwendig. Eine neue KI-Anwendung soll nun den Einsatz von Versuchstieren um 30 bis 50 Prozent reduzieren. Die KI namens „genESOM“ erkennt die Struktur kleiner Datensätze und erstellt daraus Datenpunkte mit denselben Eigenschaften wie jene aus Laborexperimenten. So simuliert sie eine größere Zahl von Versuchstieren. 
taz.de

Fundstück
Die Deutsche Bahn bietet für die Sommerferien ein Familienticket an. Für knapp 100 Euro können bis zu fünf Personen gemeinsam zu einem Urlaubsort hin- und zurückfahren. Bahn-Chefin Evelyn Palla betont, dass Familien so trotz hoher Benzin- und Flugpreise ihren Sommerurlaub planen können. Das Angebot gilt ab Mitte Juni.
tagesschau.de


Na gut, ganz ehrlich: So läuft es leider nicht.

Wie es wirklich funktioniert, dazu geben wir einen Workshop. Hochkarätig besetzt: Julian Hessenthaler aus Wien, der die Videofalle auf Ibiza aufgestellt hat, die die österreichische Regierung zu Fall brachte. Ein weiterer Journalist, der mitten im US-Wahlkampf eine der spektakulärsten „Sting Operations“ durchgeführt hat, die ich kenne – und den ich aus Sicherheitsgründen nicht nennen darf. Dazu weitere Experten aus der Welt des strategisch verdeckten Ermittelns.

Undercover-Recherche kommt dann zum Einsatz, wenn öffentlich relevante Informationen anders nicht zu bekommen sind. Aber: Die autoritären Räume werden mehr, die Transparenz nimmt ab. Wer heute noch glaubt, alles ließe sich mit Pressemitteilungen und Auskunftsanträgen aufklären, hat den Beruf länger nicht ausgeübt. Die Abwägung, ob man undercover geht, wird daher in Redaktionen immer häufiger zur Routine-Frage werden.

Der Workshop richtet sich an alle, die tatsächlich planen, mit höchsten journalistischen Standards undercover zu recherchieren – und zwar ausschließlich an solche, die die Ergebnisse auch publizieren wollen. Keine Hobby-Journalist:innen, keine neugierigen Abenteurer. Das ist von Profis für werdende Profis.

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Karolin Arnold, Tristan Devigne, Till Eckert, Sebastian Haupt und Elena Müller.