Kinder müssen weiter schwitzen

Deutschlands Schulen haben kaum Konzepte für Hitzeschutz. Der Klimawandel wird zum bildungspolitischen Problem.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters

Hier finden Sie unseren neuen Podcast „Was zählt“, der das Wichtigste des Tages für Sie jetzt auch zum Hören aufbereitet. Er ist auch auf  Spotify, Amazon MusicDeezer und Apple Podcasts abrufbar.

Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser, 

haben Sie schulpflichtige Kinder oder Enkel – oder arbeiten Sie an einer Schule? Dann wissen Sie ja, wie dort in den vergangenen Wochen geschwitzt wurde. Bei der letzten Hitzewelle – als Deutschland über fehlende Klimaanlagen in Pflegeheimen und Krankenhäuser diskutierte – wurde ein anderes Manko deutlich weniger beachtet: dass auch unser Nachwuchs es kaum am „Arbeitsplatz“ aushielt.

Meine drei Kinder zum Beispiel gingen jeden Tag ausgerüstet mit Handventilatoren und anderen Abkühltricks in die Schule – und waren trotzdem mittags wieder zu Hause: hitzefrei. Und ich fragte mich in diesen Tagen, wie das denn langfristig gehen soll, wenn es immer mehr heiße Tage gibt: Wie soll denn dann der Schulstoff geschafft werden, der auf den Lehrplänen steht? Darum geht es im Thema des Tages.

Seit gestern haben wieder eine ganze Menge von Ihnen sich die Zeit genommen, mir zu schreiben. Ich hatte Sie gefragt, wie Sie es mit der Wegwerf-Mode halten – und mehr als 100 E-Mails bekommen. Ich lese die Nachrichten aufmerksam (und bitte um Nachsicht, dass ich es nicht schaffe, jede zu beantworten). 

Eine kurze Zusammenfassung dessen, was bei mir besonders hängen blieb: Alle, die geschrieben haben, sind sich des Umweltproblems längst bewusst und haben ihre Konsequenzen gezogen. Am häufigsten war die Antwort, dass man sich nur noch selten Kleidung zulege – und wenn, dann am liebsten gebraucht (zum Beispiel über die häufig genannten Apps „Vinted“ oder „Momox“) oder zu Kleidertauschbörsen gehe. Und das, was nicht mehr passt, geben einige von Ihnen – zum Beispiel Gabriele V. – nicht in den Container. Sondern machen sich die Mühe, gute Stücke zum Beispiel zum Deutschen Roten Kreuz zu bringen.

Was aber, fragen einige, wenn man Kinder hat, die weniger klimabewusst sind? Dieses Problem scheint eine ganze Reihe Leserinnen und Leser zu haben (und ja, ich kenne es von zu Hause auch). Dann hilft wohl nur Reden und Vorleben – oder das Thema in der Schule besprechen, so wie es Leserin Katrin L. im Kunstunterricht machte: Öko-Fashion als Thema, anhand eines Oberhemds. 

Zu guter Letzt noch diese schöne Idee von Susanne T.:

„Meine schönste Utopie wäre, dass alle Menschen erst im Secondhand schauen, bevor sie neu kaufen.“

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend! Schreiben Sie mir gern, was Sie gerade besonders umtreibt: anette.dowideit@correctiv.org.

Thema des Tages: Kinder müssen weiter schwitzen

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Neueste CORRECTIV-Recherchen: Geheime Chatgruppe und AfD-Schlacht: Landeschef wirft Weidel „Antifa“-Methoden vor • Neue Zahlen zu Drogentoten: Toxischer Mischkonsum gerade bei jungen Menschen • VW will Personalvorständin bei Bosch abwerben

Cartoon-Arena: Angriff auf die Informationsfreiheit

Leserfrage der Woche: Manfred W. fragt: Woher soll das viele Biogas kommen, das in steigendem Umfang benötigt wird?

Faktencheck: „Massenproteste am Kanzleramt“: Angeblicher Medienbericht ist KI-Fake

Gute Sache(n): Wie man klimafreundlich kühlt • Recht der Reparatur schützt Verbraucher • Pflege WG: Alternative zum Altersheim

CORRECTIV ganz persönlich: Wir sollten mit Gesetzen zu einem Social-Media-Verbot nicht zu lange warten

Grafik des Tages: Anteil ausländischer Arbeitnehmer an der deutschen Wirtschaftsleistung

Während der Hitzewellen der letzten Wochen heizten sich manche Klassenräume auf bis zu 45 Grad auf. Doch während wir über Hitzeschutzpläne für Pflegeeinrichtungen und über den Einbau von Wärmepumpen diskutieren, die man auch für Kühlung nutzen kann, kommen Schulen in der öffentlichen Debatte kaum vor.

Dieses Problem hat unsere Bildungsreporterin Alexandra Ringendahl nun unter die Lupe genommen – alles, was dazu wissenswert ist, steht in ihrem heute veröffentlichten Text.

Selbst Ventilatoren in Klassenzimmern scheitern oft an bürokratischen Hürden.
Selbst Ventilatoren in Klassenzimmern scheitern oft an bürokratischen Hürden. Foto: Bernd Weißbrod / picture alliance / dpa

Und hier hat unsere Jugendredaktion Salon5 das Thema aus Schülerinnen-Sicht bearbeitet. 

Jetzt regt sich allerdings Widerstand …
… und zwar sowohl von Schüler- als auch von Lehrerseite. Reporterin Ringendahl hat mit deren Vertreterinnen gesprochen:

„Wir fallen mal wieder hinten runter, weil wir keine laute Stimme haben und keine Wählergruppe sind.“
Amy Kirchhoff,
Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz

Gesellschaftliche Prioritäten erkenne man daran, wer bei Hitze gekühlt wird, sagt Kirchhoff weiter. 

„Hitzeschutz an Schulen ist angesichts des Klimawandels eine Frage der Zukunftsfähigkeit unseres Bildungssystems.“
Maike Finnern,
Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)

Die Sache ist nämlich die:
Wenn die Orte, an denen unser Nachwuchs aufs Leben vorbereitet wird, immer weniger nutzbar sind – na klar, dann wird der Nachwuchs tendenziell immer schlechter aufs Leben vorbereitet. 

Den Politikerinnen und Politikern im Land wird das sicher nicht gleichgültig sein, schließlich ist gute Bildungspolitik der Schlüssel zu Wirtschaftswachstum und eine gut laufende Wirtschaft ist der Schlüssel zur Zufriedenheit mit den Politikschaffenden. Klingt eigentlich nach einer einfachen Wirkungskette …

… ist aber in der Realität offenbar ziemlich kompliziert:
Das Bundesgesundheitsministerium hat eine Hitzeschutzstrategie entwickelt, mit Plänen etwa für Pflegeeinrichtungen, Apotheken oder den Sport. Nur von den Schulen in Deutschland ist nicht die Rede. 

Bildung ist eben Ländersache. Also liegen Bau und Ausstattung der Schulgebäude in der Verantwortung der klammen Kommunen. 

Ginge es nach den Plänen des Gesundheitsministeriums, sollte jede Kommune einen allgemeinen Hitzeaktionsplan entwickeln. Doch gibt es diesen längst nicht in jeder Stadt. Und dort, wo sie existieren, wie etwa in Stuttgart, findet sich unter „Hitzeschutzplänen für Einrichtungen“ ein Muster etwa für Pflegeheime oder Kitas. Schulen Fehlanzeige.

Aber selbst da, wo es sie gibt: Fast hilflos klingende Lüftungstipps in Hitzeschutzplänen und Hitzefrei als Dauer-Notlösung sind kein Konzept für immer heißere Sommer. Es braucht eine Anpassung der zahllosen sanierungsbedürftigen Schulen an den Klimawandel. Es muss ja nicht gleich überall die mit Photovoltaik betriebene Klimaanlage sein. Schon für schlichte verschattende Rollos von außen an den Fenstern wären die Schülerinnen und Schüler an vielen Schulen dankbar. Aber das würde ja Geld kosten.

Trump genehmigt umstrittene ICE-Verkehrskontrollen erneut 
US-Präsident Trump genehmigt wieder umstrittene Verkehrskontrollen der US-Einwanderungsbehörde ICE, obwohl führende Regierungsbeamte sie kürzlich ausgesetzt hatten. Zuvor hatten ICE-Agenten erneut zwei Menschen bei Kontrollen erschossen. Seit Trumps Amtsantritt im Januar 2025 wurden bereits sieben Menschen bei Einsätzen der Behörde getötet. 53 Menschen starben in ICE-Haft. 
tagesschau.de

Studie: EU verfehlt Ziel der Rohstoffunabhängigkeit 
Nach einer Studie des ifo Instituts droht die Europäische Union ihr Ziel einer unabhängigen Rohstoffversorgung zu verfehlen. Ressourcen für Batterien, Halbleiter oder erneuerbare Energien müssen weiter fast vollständig importiert werden. Dabei will die EU bis 2030 einen Teil davon selbst fördern. Bisher gibt es aber nur Absichtserklärungen mit Indonesien und Australien. Eine Förderung in Europa wird zwar diskutiert, ihre Wirtschaftlichkeit bleibt jedoch offen. 
fr.de

AfD-Leute bei einer Parteiveranstaltung: NRW-Chef Martin Vincentz mit den Vorsitzenden des Bundesvorstands Tino Chrupalla und Alice Weidel, sie tragen alle förmliche Kleidung.

Diesen Cartoon teilen:

Symbolbild Leserfrage der Woche

Biomethan wird für Deutschland immer wichtiger. Das geplante Gebäudemodernisierungsgesetz sieht vor, dass die Brennstoffe für Heizungen ab 2045 klimaneutral sein müssen.  Schrittweise soll dem Heizungs-Brennstoff immer mehr Bioanteil beigemischt werden – definiert über die sogenannte „Biotreppe“ und die Grüngasquote. Der wohl wichtigste Stoff dafür ist Biomethan.

Dieses wird aus Biogas hergestellt, also im Kern aus Biomasse, die aus der Landwirtschaft stammt – beispielsweise Gülle, Stroh oder Zwischenfrüchte. 

Wir haben beim federführenden Bundeswirtschaftsministerium und beim Bundeslandwirtschaftsministerium (BMLEH) nachgefragt, wie sie den Bedarf an Biogas decken wollen. Das Bundeswirtschaftsministerium hat auf eine Antwort verzichtet. Eine Sprecherin des BMLEH schrieb uns hingegen: 

„In Deutschland werden sieben Prozent der landwirtschaftlichen Flächen für die Erzeugung von Biomasse für Biogasanlagen genutzt. Eine Flächenausweitung ist bei einer Ertüchtigung von Bestandsanlagen, also einer Umrüstung von heimischen Biogasanlagen auf Biomethan, voraussichtlich nicht notwendig.“ Zu großen Umstellungen werde es also nicht kommen.

Doch ob Biomethan die Zukunft für Deutschlands Heizungen sein kann, daran gibt es aus verschiedenen Bereichen Zweifel. Kritisch sehen das etwa Forschende vom Fraunhofer-Institut: Biomethan soll 2045 so teuer sein, dass sich Gasheizungen im Vergleich zu Wärmepumpen nicht mehr rechnen. Auch die Chemiebranche, die auf Biomethan in der Produktion angewiesen ist, hat Sorge. Ihre Vertreter warnten bereits vor Monaten, dass der Rohstoff teuer und knapp werden könnte, wenn er zunehmend zum Heizen genutzt werden soll.

Archivfoto: Michael Kappeler / DPA / Picture Alliance

So geht’s auch
Das Recht auf Reparatur verpflichtet Elektronikhersteller ab Ende Juli, bestimmte Geräte einfacher und günstiger reparierbar zu machen. Sie müssen Anleitungen, Werkzeuge und Ersatzteile bereitstellen – auch nach Ablauf der Garantie. Die neue Regelung stärkt nicht nur Verbraucherrechte, sondern fördert auch nachhaltiges Wirtschaften. 
wdr.de / heise.de

Fundstück
In Finnland gewinnen Pflege-WGs in Familienhäusern als Alternative zum Pflegeheim an Beliebtheit. Mehrere Senioren leben im Haus der Pflegerin oder des Pflegers. Befürworter loben die menschlichere Betreuung und die hohe Lebensqualität. Inzwischen gibt es 300 solcher Pflege-WGs im Land.
dw.com


Der Fokus liegt auf dem digitalen Wohlbefinden von Jugendlichen. Das Ergebnis: Jeder zweite Teenager beneidet frühere Generationen für ein Leben ohne Social Media. 72 Prozent sagen, Social Media lenke sie von den Dingen ab, die ihnen gut tun, wie Zeit mit Freunden und Teamsport. Um gleichzeitig Social Media als mit Abstand häufigste Freizeitbeschäftigung anzugeben. Mehr als jeder Zehnte verbringt allein auf TikTok täglich mehr als drei Stunden. Die Botschaft lautet: Tut ihr Erwachsenen was, wir schaffen es nicht alleine! Algorithmen und die Dopamin-Kicks haben unsere Gehirne im Griff. Knapp die Hälfte spricht sich ausdrücklich für Social Media bis zu einer bestimmten Altersgrenze aus. 

In dieser Woche hat sich ein Expertengremium der EU-Kommission genau dafür ausgesprochen. Frankreich geht ab 1. September mit einem Verbot für unter 15-Jährige in Europa voran. In Deutschland will Ministerin Karin Prien auch eine Altersgrenze, setzt aber zunächst noch auf eine einheitliche europäische Regelung. Sie weiß: Wer digitale Altersgrenzen wirksam umsetzen will, muss den großen Plattformen Pflichten wie eine technische Altersverifikation auferlegen. Das liegt in der Zuständigkeit der EU. Dauere das zu lange, bereite auch Deutschland nationale Gesetze vor. 

Prien sollte nicht zu lange darauf warten. Wenn ich mit Lehrkräften und Schulleitungen spreche, höre ich von Grundschulkindern, die regelmäßig pornografische Inhalte, Enthauptungsvideos oder rechte Hassvideos konsumieren. Die größte gesellschaftliche Gefahr ist, dass da eine Generation gerade ihre Empathiefähigkeit verliert. 

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Karolin Arnold, Tristan Devigne, Till Eckert, Sebastian Haupt und Pamela Kaethner.