Bildung

Fehlender Hitzeschutz an Schulen als bildungspolitisches Problem

Bis 45 Grad Celsius in Klassenräumen: Schulen in Deutschland sind nicht auf den Klimawandel eingestellt. Statt Schutzmaßnahmen und einheitlicher Richtwerte gibt es Empfehlungen zum Lüften und Unterrichtsausfall durch Hitzefrei.

von Alexandra Ringendahl , Lea Messerschmidt

Hitze im Klassenzimmer
Selbst Ventilatoren in Klassenzimmern scheitern oft an bürokratischen Hürden. Foto: Bernd Weißbrod / picture alliance / dpa

Während die Schülerinnen und Schüler in Bayern, und Baden-Württemberg noch weiter schwitzen müssen, rettet sich das größte Bundesland Nordrhein-Westfalen am Wochenende über die Ziellinie. Die Sommerferien beginnen. Zwei Hitzewellen allein vor den Ferien machen deutlich: Hitze wird zum bildungspolitischen Problem, weil Schulen in Deutschland baulich nicht auf den Klimawandel eingestellt sind. Während viele Arbeitnehmer in klimatisierten oder hitzegeschützten Büros arbeiten, sollen Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte in überhitzten Klassenräumen lernen und Klausuren schreiben.

Das Land diskutiert über Hitzeschutzpläne für Pflegeeinrichtungen oder den Einbau von Wärmepumpen, die man auch für Kühlung nutzen kann. Schulen allerdings kämen in der öffentlichen Debatte kaum vor, bemängelt die Bundesschülerkonferenz. „Wir fallen mal wieder hinten runter, weil wir keine laute Stimme haben und keine Wählergruppe sind“, konstatiert die Generalsekretärin Amy Kirchhoff. Gesellschaftliche Prioritäten erkenne man daran, wer bei Hitze gekühlt wird. Dabei sei Hitzeschutz an Schulen angesichts des Klimawandels „eine Frage der Zukunftsfähigkeit unseres Bildungssystems“, sagt die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Maike Finnern.

So ist die Hitze-Lage in den Schulen

Die Bildungsplattform „News4teachers“ hat Lehrkräfte aufgerufen, Fotos von Thermometern aus ihren Klassenräumen zu schicken. Die Resonanz aus ganz Deutschland war riesig: Viele Klassenthermometer zeigten schon am Vormittag Temperaturen von über 35 Grad Celsius. Der baden-württembergische Landtagsabgeordnete Ralf Nentwich hat eine digitale Schul-Heatmap angelegt, auf der Schulen ihre Temperatur im Klassenzimmer eintragen sollen, um ein Lagebild zu gewinnen.

Innerhalb kürzester Zeit fanden sich dort knapp 800 Einträge aus Schulen in ganz Deutschland: Spitzenreiter auf der Karte sind Klassenräume in Leonberg und Heidelberg in Baden-Württemberg mit 45 Grad. Dabei beziehen sich die Klagen nicht immer nur auf Altbauten: „Unser Neubau heizt sich so auf, dass man darin nicht mal stehen möchte, geschweige denn, dort Unterricht zu haben“, berichtet etwa Ryan Nolte (16) aus Bottrop in Nordrhein-Westfalen der CORRECTIV-Jugendredaktion Salon5.

Klimawandel trifft auf Sanierungsstau

Für Arbeitnehmer in Deutschland gilt die „Arbeitsstättenregel ASR A3.5 Raumtemperatur“. Diese legt eine Höchsttemperatur für Innenräume von 26 Grad fest. Wird diese überschritten, muss der Arbeitgeber für eine Absenkung der Raumtemperatur sorgen – etwa durch Sonnenschutzsysteme oder Sonnenschutzverglasung. Für Schulen gelten solche Regeln allerdings nicht.

Nicht einfach.
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Dabei sind diese von der Hitze besonders betroffen: Denn viele Schulen sind sanierungsbedürftig, schlecht gedämmt und heizen sich schnell auf. Der Sanierungsstau an Schulen wird laut dem Kommunalpanel der Kreditanstalt für Wiederaufbau auf knapp 70 Milliarden Euro geschätzt. 17 Prozent aller Kommunen können nach eigenen Angaben nicht einmal mehr den regulären Unterhalt ihrer Schulgebäude finanzieren.

Es sind eben nicht nur Schultoiletten marode: Selbst Rollos und Verschattungsmöglichkeiten sind längst nicht an allen Schulen Standard oder defekt. Viele Schulen haben Flachdächer, die für Aufheizung sorgen. Selbst in Schul-Neubauten sind Kühlungssysteme oft Fehlanzeige. „Der dringend notwendige Hitzeschutz“ werde beim Thema Sanierung einfach nicht mitgedacht, so Kirchhoff.

Kaum Hitzeschutzpläne für Schulen

Das Bundesgesundheitsministerium hat eine Hitzeschutzstrategie entwickelt. Als Grundlage dafür hat das Ministerium Musterhitzeschutzpläne etwa für Pflegeeinrichtungen, Apotheken oder den Sport veröffentlicht. Nur von den Schulen in Deutschland ist nicht die Rede. Bildung ist eben Ländersache und Bau und Ausstattung der Schulgebäude liegen in der Verantwortung der klammen Kommunen. Ginge es nach den Plänen des Gesundheitsministeriums, sollte jede Kommune einen allgemeinen Hitzeaktionsplan entwickeln. Doch gibt es diesen längst nicht in jeder Stadt. Und dort, wo es sie gibt, wie etwa in Stuttgart, findet sich unter „Hitzeschutzplänen für Einrichtungen“ ein Muster etwa für Pflegeheime oder Kitas. Schulen Fehlanzeige.

Hessen hat dagegen einen Hitzeaktionsplan für Schulen veröffentlicht: Verbindliche Mindeststandards sucht man allerdings darin vergebens. Stattdessen gibt es allgemeine Empfehlungen wie mit Schülern Aufenthalte in der direkten Sonne zu vermeiden oder besonders hitzeempfindliche Kinder und Jugendliche im Blick zu behalten. „Hilflos“ und „bildungspolitischen Irrsinn“ nennt die Chefin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Finnern solcherlei allgemeine Hitzeschutzpläne.

Hürden der Bürokratie beim Hitzeschutz

Zumal es schon bei der Empfehlung, die Klassenräume in den frühen Morgenstunden zu lüften, schwierig wird: Wenn Fenster frühmorgens oder nachts unbeaufsichtigt gekippt sind oder geöffnet sind, erlischt nämlich der Versicherungsschutz des Schulträgers. Lehrkräfte müssten da schon freiwillig um 7 Uhr kommen, um vor dem Unterricht den überhitzten Raum zu lüften.

Auch Lehrkräfte, die auf eigene Kosten Ventilatoren kaufen, scheitern an der deutschen Bürokratie: Für elektrische Betriebsmittel am Arbeitsplatz ist eine offizielle Elektroprüfung gesetzlich vorgeschrieben. Lehrkräften, die solche mitbringen, wird dann bisweilen schriftlich von ihrer Schulleitung mitgeteilt, dass private Elektrogeräte aus Gründen des Arbeits- und Brandschutzes sowie der Haftung nicht betrieben werden dürften.

Letzter Ausweg: Hitzefrei?

Wenn die Gebäude zu stark aufgeheizt sind, ist der letzte Ausweg hitzefrei. Dabei fehlen dafür nach wie vor bundeseinheitliche Regelungen. Die Hitzefrei-Bestimmungen sind in jedem Bundesland anders: Mal wird wie in Baden-Württemberg 25 Grad Raumtemperatur um 11 morgens als Grenze definiert. Mal sind es wie in Nordrhein-Westfalen 27 Grad im Klassenraum. Vielerorts liegt die Entscheidung komplett im Ermessen des Schulleiters, andernorts fehlen verbindliche Vorgaben gänzlich. In vielen Bundesländern ist die Sekundarstufe II komplett von Hitzefrei ausgeschlossen.

Nordrhein-Westfalen hat als erstes Bundesland den Schulen in diesem Sommer neue Handlungsoptionen ermöglicht: Schulleitungen können nach eigenem Ermessen auf Kurzstunden von 30 Minuten umstellen. Damit wird Unterricht nach Stundenplan erteilt und der Schultag wird dennoch kürzer. So kann dort nun auch der Oberstufe am Nachmittag hitzefrei gegeben werden. Viele Schulen in Nordrhein-Westfalen nutzen diese neue Option.

Unterrichtsausfall wegen Hitze nicht dokumentiert

Wie viel Unterrichtsausfall angesichts der steigenden Zahl von heißen Tagen in Deutschland durch Hitzefrei entsteht, wird bislang in keinem Bundesland erhoben. Zwar erheben die einzelnen Bundesländer Statistiken über Unterrichtsausfall. Dort fällt Hitzefrei aber unter die Kategorie „Unterrichtsausfall aus organisatorischen oder äußeren Gründen“. Hitzefrei wird nicht separat ausgewertet. Wenn immer mehr Unterrichtsstunden ausfielen, werde „Hitze zur Frage der Chancengleichheit“, analysiert GEW-Chefin Finnern. Denn es treffe vor allem die ohnehin Benachteiligten: Kinder, die in unsanierten Schulgebäuden lernen, und deren Eltern sich kein kühles Zuhause leisten können.

Wie könnte Abhilfe geschaffen werden?

Um eine Verbesserung zu erzielen, müssten nicht gleich Klimaanlagen in allen Schulen installiert werden. Schon an allen Schulen die Fenster von außen zu beschatten, wäre effektiver Hitzeschutz, weil es die Sonnenstrahlen stoppt, bevor sie auf die Fenster treffen und einen Glashauseffekt erzeugen. Auch Dachbepflanzung der Flachdächer sowie die Entsiegelung von Schulhofflächen und Baumpflanzung haben kühlende Effekte.

Es führe kein Weg daran vorbei, die Modernisierung der Schulen unter dem Aspekt des Klimaschutzes engagiert voranzutreiben, so Finnern. Grünen-Chefin Katharina Dröge forderte in der Welt „volles Tempo beim Ausbau von Klimaanlagen in Verbindung mit Solaranlagen“. Durch Photovoltaik auf den Flachdächern der Schulen könnten die Klimaanlagen klimaneutral betrieben werden.

Eltern und Lehrergewerkschaft gehen in Widerstand 

Die GEW will einheitliche und verbindliche Richtwerte für den Arbeits- und Gesundheitsschutz an allen Schulen. „Der muss in allen Bundesländern für alle Schulstufen sowie für Lernende und Beschäftigte gleichermaßen gelten“, so Finnern von der GEW. Gleichzeitig brauche es endlich einheitliche Regeln für Hitzefrei und flexiblere Unterrichtsregelungen für den Sommer wie Homeschooling an besonders heißen Tagen, sagt Schülervertretung Kirchhoff.

Dabei zeigt das Beispiel Stuttgart, dass angesichts der anhaltenden Hitze öffentlicher Druck wirkt, wenn Eltern und Schulen gemeinsam agieren: Dort hatten sich Schulleitungen und der Gesamtelternbeirat der Stadt sich in diesem Monat mit einem Hitze-Positionspapier öffentlichkeitswirksam an die Stadt gewandt: Sie mahnten fehlenden Sonnenschutz an vielen Schulgebäuden im Altbestand ebenso an, wie defekte Beschattungsanlagen an Neubauten. Die Stadt reagierte kurzfristig und sagte zunächst 150 Klimageräte zu, um akut die am stärksten betroffenen Klassenräume auszustatten. Außerdem sollen auf den Schulhöfen zusätzlich 300 Bäume für mehr Schatten sorgen. Langfristig solle ein Katalog für den Hitzeschutz erstellt werden. Einstweilen wurden die Hausmeister erstmal angewiesen, die Schulgebäude nachts zu lüften.