Lasst die Hexe brennen!

Wie soziale Netzwerke und gewisse Medien digitale Scheiterhaufen aufrichten – und die Existenzen vor allem von Frauen vernichten.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters

Hier finden Sie unseren neuen Podcast „Was zählt“, der das Wichtigste des Tages für Sie jetzt auch zum Hören aufbereitet. Er ist auch auf  Spotify, Amazon Music, Deezer und Apple Podcasts abrufbar.


Liebe Leserinnen und Leser, 

die Juristin Frauke Brosius-Gersdorf ist eine extrem kluge, reflektierte und politisch versierte Person. Mitte dieses Jahres wäre sie fast neue Richterin am Bundesverfassungsgericht geworden – was für unser oberstes Gericht eine Bereicherung gewesen wäre. Es kam aber anders. Ein Mob aus rechtspopulistischen Medien und Social-Media-Accounts brandmarkte Brosius-Gersdorf als vermeintlich linke Aktivistin, diffamierte sie über Wochen hinweg – dann gab sie auf.

Prominente Frauen auf dem digitalen Scheiterhaufen, darum geht es im Thema des Tages. Und auch darum, was das Datenleck beim Portal Nius über den Fall Brosius-Gersdorf offenbart.

Die letzten beiden Abende war bei uns im Publix in Berlin das Haus voll: Mittwoch diskutierten wir vor Publikum und mit vielen Fußballern über Missbrauch im Jugendfußball – und gestern Abend ging es um Migration: Mit drei prominenten Menschen mit Migrationsgeschichte diskutierte ich über die Frage, warum bloß die Debatte über Migration derart aufgeheizt und spalterisch geführt wird. In der Rubrik „Ganz persönlich“ schreibe ich heute darüber, warum überhaupt ich als jemand ohne Migrationsgeschichte ein Buch zu diesem Thema geschrieben habe.

Während Sie den SPOTLIGHT lesen, bin ich zusammen mit vielen Kolleginnen und Kollegen unterwegs nach Magdeburg – zu unserer jährlichen Journalistenkonferenz! Wir diskutieren dort morgen und übermorgen über die Fragen: Wir reagieren wir als Medien am besten auf den Rechtsruck? Und über Künstliche Intelligenz: Macht sie unsere journalistische Arbeit besser? Oder killt sie das letzte bisschen Vertrauen, das Menschen noch in Medien haben?

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende! Schreiben Sie mir gern Ihre Gedanken: Was wünschen Sie sich jetzt von uns Journalistinnen und Journalisten? Und was müsste passieren, damit Sie wieder eine Lokalzeitung abonnieren? anette.dowideit@correctiv.org.

Thema des Tages: Lasst die Hexe brennen!

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Fun Facts – der satirische Blick auf die Nachrichtenlage: Wie Elon Musk wirklich reich geworden ist

CORRECTIV Events: Fakten, Fakten, Fakten

Faktencheck: Open File – Selenskyj soll Luxusinsel bei Venedig gekauft haben

Gute Sache(n): Rad statt Auto in Paris • Das sollte man zur Frühstartrente wissen • Autotraum vom Fliegen

CORRECTIV ganz persönlich: Darf man als „Kartoffel“ über Migration schreiben?

Grafik des Tages: Geld-Weg-Plantagen auf Costa Rica

Werden Frauen im Netz und in Rechtsaußen-Medien anders fertig gemacht als Männer – heftiger, unfairer, mehr unterhalb der Gürtellinie, sexualisierter? Darüber haben wir heute in unserer Morgenkonferenz gesprochen, und gerade bei unseren männlichen Kollegen, jüngeren und älteren, politisch eher konservativeren und eher progressiveren, war die eindeutige Antwort: Ja klar!

Ich bat um konkrete Beispiele von prominenten Fällen aus der Politik, in denen Frauen auf eine Weise niedergemacht wurden, die mit ihrer Arbeit so gar nichts mehr zu tun hatten. 

Die Namen prasselten auf mich ein:
Annalena Baerbock, Ricarda Lang, Heidi Reichinnek, Elif Eralp – alles Namen aus der linken und grünen Richtung. Aber auch: Angela Merkel, Linda Teuteberg, Marie-Agnes Strack-Zimmermann, oder – besonders krass – der Fall von Yvonne Magwas: 

Die CDU-Politikerin, damals Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags, musste erleben, wie digitaler Hass in echte Bedrohung in der realen Welt umschlug. 2024 explodierte bei einer Rede, die sie im sächsischen Auerbach hielt, neben ihr ein Sprengkörper. Wenig ­später wurde an ihr Wahlkreisbüro eine Deutschlandflagge voller Sperma geschickt. Irgendwann war für Magwas das Maß voll: Sie zog sich aus der Politik zurück. 

Yvonne Magwas (CDU) 2025 damals noch als Bundestagsvizepräsidentin. Quelle: Picture Alliance/dpa | Michael Kappeler.

Anfang dieser Woche haben wir ja mit Ihnen, den SPOTLIGHT-Leserinnen und -Lesern, die Debatte über den verlorengegangenen Anstand in der Politik diskutiert. Anlass war der Rücktritt von SPD-Politikerin Bärbel Bas als Arbeitsministerin. Bei ihr lag der Fall anders, es ging nicht um sexualisierte Beleidigungen der übelsten Art. Es ging aber schon auch darum, dass eine Frau entnervt aufgibt, weil sie Angriffe nicht mehr aushielt. 

Ohne dies werten zu wollen: Das Thema hat bei Ihnen einen Nerv getroffen – daher haben wir es weiter verfolgt. 

Wir wollten wissen:
Wie verbreitet ist digitaler Hass vor allem gegen Frauen, vor allem gegen prominente Politikerinnen? Wir sind dabei auf ein interessantes Buch gestoßen, Titel: „Feindbild Frau“, geschrieben von der österreichischen Journalistin Ingrid Brodnig.

Sie hat für ihr Buch verschiedene Studien ausgewertet – und die zeigen folgendes: Männern wird im Netz häufiger körperliche Gewalt wie Schläge oder Mord angedroht, Frauen hingegen wird sexualisierte Gewalt wie Vergewaltigung angedroht. 

Oft beginnt es mit als „Humor“ getarnten Gehässigkeiten und mündet in misogynen Herabsetzungen. Etwa, indem einer Politikerin gesagt wird, sie sei fett, sexuell ­abstoßend oder solle, wenn sie schon den Mund aufmache, damit doch andere Dinge tun. ­Solche Äußerungen sind meist unterhalb der Strafbarkeitsschwelle, zeigen aber dennoch Wirkung. Brodnig nennt dies „Rhetorik der 1.000 Nadelstiche“.

Das Ganze ist übrigens noch deutlich schlimmer geworden, seit sich mit Künstlicher Intelligenz „Deepfakes“ erstellen lassen – also Fake-Videos zumeist von Frauen, deren Köpfe auf Porno-Bilder montiert werden. Eine aktuelle Studie zeigt, dass dies ziemlich häufig weiblichen EU-Abgeordneten passiert.

Zurück zum Fall Brosius-Gersdorf:
Unser Reporter Max Bernhard hat sich noch einmal genauer angeschaut: Wie kam es genau dazu, dass die Juristin auf den digitalen Scheiterhaufen geriet – und wer profitierte davon? 

Vielleicht erinnern Sie sich, dass das rechtspopulistische Nachrichtenportal Nius hier eine große Rolle spielte. Da Nius kürzlich in großem Umfang Daten verlor, die ins Internet gelangten, haben wir uns angeschaut: Was haben sie da damals genau gemacht?

Das Ergebnis können Sie in unserem heute erschienenen Text nachlesen:

Foto: SOPA Images / Sipa USA / Picture Alliance

Eine Erkenntnis, auf die wir im Text genauer eingehen: Das Nachrichtenportal hat von der extremen Berichterstattung über Brosius-Gersdorf ziemlich profitiert.

Warum aber der Hass gerade gegen Frauen?
Unsere männlichen Kollegen in der Redaktion erklären es sich so: Je weiter die Emanzipation voranschreitet, je mehr Spitzenämter Frauen einnehmen, umso stärker werden sie zur Bedrohung für Männer. 

Natürlich nicht für alle Männer – aber für jene, die selbst nicht genug Selbstbewusstsein und genug auf dem Kasten haben, sich auch ohne Hass und Hetze behaupten zu können.

Bund plant eigene Wohnungsbaugesellschaft für 2027
Bauministerin Verena Hubertz (SPD) will eine staatliche Wohnungsbaugesellschaft im kommenden Jahr an den Start bringen. Noch im Herbst soll das Konzept stehen. Der Bund soll 51 Prozent der Anteile halten, externe Partner den Rest. Durch große Aufträge und günstige Finanzierung soll die Gesellschaft den Wohnungsbau ankurbeln. Ökonomen warnen, die Pläne würden verfassungsrechtliche Risiken bergen.
tagesschau.de

Deutschland und Frankreich wollen Verbrenner-Aus weiter lockern
Deutschland und Frankreich wollen das geplante Verbrenner-Aus ab 2035 stärker aufweichen als bisher vorgesehen. Autohersteller müssten ihre CO₂-Emissionen dann nur noch um 90 Prozent senken. Die restlichen zehn Prozent müssten sie nicht mehr ausgleichen. Im Gegenzug soll die Förderung stärker auf Produkte aus Europa setzen. Die EU muss noch zustimmen.
faz.net

Zigaretten werden schrittweise teurer
Der Bundestag hat eine schrittweise Erhöhung der Tabaksteuer beschlossen. Damit dürfte eine Packung mit 20 Zigaretten bis 2030 im Schnitt knapp zwölf Euro kosten, derzeit sind es etwa acht Euro. Auch andere Tabakprodukte werden teurer. Die Bundesregierung will damit zusätzliche Einnahmen erzielen und die Gesundheit schützen.
zeit.de

Live-Faktencheck mit der Community, Online
Der Online-Workshop des CORRECTIV.Faktenforum steht wieder an: Am 21. Oktober können Teilnehmende gemeinsam zu möglichen Falschbehauptungen recherchieren.
Anmeldung

Autorenlesung mit Bastian Schlange: Das einzig wahre Faktencheckbuch, Essen
Am 24. Oktober gibt CORRECTIV-Journalist Bastian Schlange in Essen Einblicke in sein Buch „Das einzig wahre Faktencheckbuch” und spricht über den Kampf gegen Desinformation.
Anmeldung

Auf Tiktok und Facebook verbreitet sich die Behauptung, der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj habe die Privatinsel Santa Cristina bei Venedig für 24 Millionen Dollar von der Familie Swarovski gekauft.

Ein Mitglied unserer Faktencheck-Community hat bereits eine erste Spur gefunden: Die Insel existiert tatsächlich und gehörte dem inzwischen verstorbenen Unternehmer Gernot Langes-Swarovski. Laut einem Bericht des ORF vom Juni 2026 steht sie für rund 24 Millionen Euro zum Verkauf.

Unsere Redaktion hat beim zuständigen Maklerbüro Venice Sotheby’s International Realty nachgefragt. Eine Antwort steht noch aus. Doch woher stammt die Behauptung über Selenskyj überhaupt? Gibt es Belege für den angeblichen Kauf? Und wie verbreitet sich das Gerücht in sozialen Netzwerken? 

Haben Sie Hinweise oder möchten Sie selbst Fakten sammeln?
Recherchieren Sie gemeinsam mit uns im CORRECTIV.Faktenforum!

So geht’s auch
Umgesattelt: Immer mehr Menschen fahren in Paris mit dem Fahrrad zur Arbeit. Das hat nicht zuletzt mit Entscheidungen in der Politik zu tun. Seit einigen Jahren treibt Paris eine ambitionierte Verkehrswende voran: mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer, weniger Fokus aufs Auto. Nun sollen Hunderte weitere Kilometer Radwege angelegt und gefährliche Kreuzungen entschärft werden. Was geplant ist, erklärt der Spiegel. Wer vom Verkehrskurs der Stadt profitiert und wer nicht, schlüsselte – vor einigen Wochen bereits – der Deutschlandfunk auf.
spiegel.de / deutschlandfunk.de 

Endlich verständlich
Der Bundestag hat die Frühstartrente beschlossen. Damit soll die Altersvorsorge für junge Menschen gestärkt werden. Kinder ab sechs Jahren, die 2020 oder später geboren wurden und in Deutschland gemeldet sind, erhalten bis zur Volljährigkeit jeden Monat zehn Euro vom Staat. Dieses Geld wird am Kapitalmarkt angelegt. Was genau geplant ist:
n-tv.de / tagesschau.de

Fundstück
Elon-Musk-Jünger sind aus dem Häuschen: Tesla hat ein Auto vorgestellt, das fliegen kann – wie einige Medien behaupten. Tatsächlich kann das mit Raketenantrieb bestückte Vehikel nicht dauerhaft fliegen, sondern eher kurze Sprünge und Flugmanöver ausführen. Weitere Schwierigkeit: Im Straßenverkehr wären solche Einlagen ohnehin untersagt. Allerdings ist Tesla nicht die einzige Firma, die von der Straße in die Luft will. Andere setzen aber beispielsweise auf Rotoren statt Düsenantrieb.
morgenpost.de / motor1.com  


Am vergangenen Wochenende war ich mit meinem neuen Buch „Ich bin doch kein Rassist, aber …“ auf der Frankfurter Buchmesse unterwegs – und gestern Abend war dann die offizielle Buchvorstellung bei uns im Publix in Berlin. Bei allen bisherigen Veranstaltungen kamen – zu Recht! – interessierte Leute auf mich zu und fragten: Sagen Sie mal, wieso haben Sie ein Buch über Migration geschrieben? Sie haben doch offenbar gar keinen Migrationshintergrund?

Ich sage es Ihnen ganz ehrlich: Bei keinem der Bücher, die ich bisher geschrieben habe, hatte ich ein derart großes Gefühl der Anmaßung. In all den Monaten, die ich das Buch konzipiert, gemeinsam mit unserem ganzen Redaktionsteam dafür recherchiert und später all die Gedanken zu Papier gebracht habe, hatte ich diese Frage im Hinterkopf: Ist das zu rechtfertigen? Kann ich glaubhaft über Rassismus schreiben, wo ich ihn doch nicht am eigenen Leib erfahre?

Genau deshalb habe ich für die Buchvorstellung gestern ausschließlich Gäste aufs Podium eingeladen, die eine Migrationsgeschichte haben: die Berliner Migrationssenatorin Cansel Kiziltepe, den Psychologen Ahmad Mansour und die Medienexpertin Elena Kountidou. Und habe ihnen Fragen gestellt, anstatt selbst zu referieren. 

Buchvorstellung im Publix – Anette Dowideit im Gespräch mit Cansel Kiziltepe, Ahmad Mansour und Elena Kountidou, Foto: Anna-Maria Wagner

Denn – und das ist meine Antwort auf die Frage, ob man als „deutsche Kartoffel“ über Migration schreiben darf: Bei uns Journalistinnen und Journalisten geht es darum, Fragen zu stellen. Zuzuhören. Und dann das, was man gehört (und hoffentlich richtig verstanden hat) wahrhaftig einzuordnen – und an eine möglichst breite Öffentlichkeit so wiederzugeben, dass viele lesen, verstehen, und im besten Fall ihre eingefahrenen Gedanken-Bahnen auch wieder verlassen. Beim Thema Migration ist das so wichtig wie kaum anderswo. Wenn ich mit dem Buch auch nur ein paar wenige Menschen dazu bringe, ihre Vorurteile zu überdenken, dann wäre es die Arbeit wert.

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Till Eckert, Sebastian Haupt, Pamela Kaethner und Elena Müller.