Psychische Gesundheit? Zu teuer!

Eine neue Studie zeigt: Den Schülern geht es psychisch schlechter – gleichzeitig wird im Land jetzt auch noch an Psychotherapie gespart.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters
Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser, 

ich möchte Ihnen heute eine der letzten Folgen unseres Nachrichten-Comedy-Formats Fun Facts ans Herz legen. Darin erzählt der Satiriker Jean-Philippe Kindler, dass ihm – der schon lange ernste psychische Probleme hat – Psychotherapie das Leben gerettet hat. Hier geht es zur Folge.

Der Grund, weshalb wir das Thema bei Fun Facts aufgegriffen haben: An der Psychotherapie soll demnächst in Deutschland kräftig gespart werden. Weniger Geld für Psychotherapeuten – und dadurch weniger Zeit für Menschen in seelischer Not. Und nun ist eine neue Studie der Bosch-Stiftung erschienen, die zeigt: Den Schülerinnen und Schülern im Land geht es psychisch immer schlechter.

Sie bräuchten also – richtig: nicht weniger, sondern mehr Investitionen in Psychotherapie. Mehr dazu im Thema des Tages, heute geschrieben von unserer Bildungsreporterin Alexandra Ringendahl.

Außerdem heute bei uns: Zu unserer großen Verwunderung hat das Landgericht Berlin gestern ein Urteil gefällt, das der AfD nützt. Es ging um eine Klage wegen unserer Geheimplan-Recherche. Den Hintergrund erläutern wir in unserem Erklärtext – das Thema wird unter anderem hier aufgegriffen.

Übrigens hat jetzt auch der Rest der Medienwelt mitbekommen, dass das „Infrastruktur Sondervermögen“ bislang nicht in den Kommunen ankommt – weil dies eine gestern veröffentlichte Studie ergab. Erst vor ein paar Tagen hatten wir darüber zuletzt berichtet:

Leeres Klassenzimmer eines leergeräumten Schulgebäudes. AUf der Tafel steht: „Mach's gut altes Haus."
Viele Schulen in Deutschland müssen saniert oder neu gebaut werden. Doch Geld aus dem Sondervermögen Infrastruktur fließt noch nicht an die Kommunen. picture alliance / SZ Photo | Johannes Simon

Haben auch Sie Hinweise für unsere Recherchen zur Frage: Was passiert tatsächlich mit dem Infrastruktur-Geld? Dann melden Sie sich bei unserer SPOTLIGHT-Reporterin: pamela.kaethner@correctiv.org.

Thema des Tages: Psychische Gesundheit? Zu teuer!

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Sondern die Studie gibt den Schülerinnen und Schülern selbst eine Stimme: Abgefragt wird, wie es ihnen geht, wie wohl sie sich an ihrer Schule fühlen und was sie sich wünschen. Für die repräsentative Studie wurden 1.507 Kinder und Jugendliche von 8 bis 17 Jahren aus allen Schulformen befragt. 

Was sind die zentralen Ergebnisse?

  • Die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen nimmt deutlich zu: Ein Viertel der Schülerinnen und Schüler fühlt sich seelisch belastet. Das ist ein Anstieg um vier Prozent gegenüber dem Vorjahr. 
  • Zudem gaben 26 Prozent der Befragten an, dass sie eine geringe Lebensqualität hätten. 
  • Besonders entscheidend für die mentale Gesundheit ist demnach die soziale Herkunft. Kinder aus einkommensschwachen Familien sind von dieser Belastung überdurchschnittlich betroffen: 31 Prozent von ihnen berichteten von psychischen Belastungen und 36 Prozent von niedriger Lebensqualität. 
  • Armut wirkt sich also unmittelbar auf die psychische Gesundheit aus. Gleichzeitig empfindet fast die Hälfte aller befragten Schülerinnen und Schüler einen hohen Leistungsdruck und gibt an, auch am Wochenende für die Schule lernen zu müssen.

Ein weiteres Problem ist Mobbing:
Mobbing ist für viele der jungen Leute Alltag: Ein Drittel der 11- bis 17-Jährigen wird mindestens einmal im Monat von Mitschülerinnen oder Mitschülern schikaniert. Jeder Zehnte sogar wöchentlich oder täglich. Besonders häufig sind 14-Jährige betroffen (38 Prozent). 

Dabei wird Mobbing im persönlichen Kontakt häufiger erlebt als Cybermobbing, beides tritt aber oft in Kombination auf. Immerhin wissen vier von fünf Schülern, an wen sie sich für Hilfe wenden können. 

Wenig Gehör:
Schülerinnen und Schüler fühlen sich kaum gehört und möchten mehr mitreden. Es gibt eine große Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit bei der Mitbestimmung: Drei Viertel der Befragten wünscht sich mehr Einfluss auf Unterrichtsthemen oder Prüfungsformate. Vier Fünftel geben an, hier kaum mitreden zu können. 

43 Prozent der Befragten empfinden die etablierten Gremien wie Schülervertretungen an ihrer Schule als wirkungslos. Und an knapp zehn Prozent der Schulen gibt es noch nicht einmal eine Schülervertretung – bei den Grundschulen sind es sogar 22 Prozent. 

Gleichzeitig zeigt das Schulbarometer einen deutlichen Zusammenhang zwischen mentaler Gesundheit und Mitbestimmung: Wer mehr mitentscheiden darf und dadurch Selbstwirksamkeit spürt, fühlt sich in der Schule wohler. 

Was heißt das politisch?
Mit dem Schulbarometer gibt die junge Generation der Politik einen klaren Handlungsauftrag: 

„Die Studie zeigt sehr konkret, wo wir unsere Hausaufgaben machen müssen.“
Julian Schmitz
Wissenschaftlicher Leiter der Studie

Der erneute Anstieg der psychischen Belastungen sei ein Warnsignal. Denn drei Viertel der psychischen Erkrankungen würden in dieser Altersspanne beginnen. Gerade für Kinder und Jugendliche, sagt Schmitz, gebe es aber unzureichende Versorgungsstruktur mit langen Wartezeiten für psychotherapeutische Hilfe. 

An dieser Stelle sei nochmal auf unsere letzte große Bildungsrecherche verwiesen, die zeigt: Auch Schulsozialarbeiter gibt es viel zu wenige.

Die Illustration zeigt ein symbolisches Bild einer Schulsozialarbeiterin, die überlastet ist.
Rund 550 Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter berichten CORRECTIV von ihrem Alltag – viele sind überlastet und können sich nicht um alle Kinder kümmern, die Hilfe brauchen. Illustration: Christina S. Zhu

Ein Lichtblick:
Die Studie belegt aber auch: Es gibt etwas, das unmittelbar hilft, die mentale Situation der Kinder zu verbessern: eine gut mit Ressourcen ausgestattete Schule, in der Lehrkräfte Raum und Zeit haben, die Kinder zu unterstützen. 

„Guter Unterricht fördert nicht nur den Lernerfolg, sondern stärkt ganz direkt das Wohlbefinden der Kinder.“
Anna Gronostaj
Bildungsexpertin der Bosch Stiftung 

Dafür bräuchten Lehrkräfte Zeit. Statt diese etwa durch multiprofessionelle Teams zu entlasten, werde derzeit aber vielerorts genau an dieser Stelle gekürzt. Das sei die falsche Antwort.

Unter dem Strich:
Die Studie ist nicht nur für die Frage relevant, wie gut es den Jugendlichen psychisch geht und wo hier Defizite liegen. 

Kuba wehrt sich gegen Ankündigungen Donald Trumps 
Nach mehreren Andeutungen von US-Präsident Donald Trump über eine mögliche US-Übernahme von Kuba kündigt Kuba Widerstand an. Sein Präsident betont: „Selbst im schlimmsten Fall kann sich Kuba einer Sache sicher sein: Jeder externe Angreifer wird auf unüberwindlichen Widerstand stoßen.“ 
zeit.de

Israel soll auch Irans Geheimdienstchef getötet haben 
Nach israelischen Angaben ist nun auch der iranische Geheimdienstminister Ismail Chatib durch einen Luftangriff getötet worden. Zudem erklärte der israelische Verteidigungsminister Katz, dass er und Ministerpräsident Netanjahu „die israelische Armee ermächtigt haben, jede hochrangige iranische Persönlichkeit zu eliminieren, ohne dass eine zusätzliche Genehmigung erforderlich ist.“
sueddeutsche.de

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Impfstoff Ampullen vor dem Logo der WHO
Laut einem weit verbreiteten Video trete Kenia aus der Weltgesundheitsorganisation aus. Grund dafür sei die Sterilisation kenianischer Frauen durch eine Impfkampagne der WHO. Beides entspricht nicht der Wahrheit. (Symbolbild: Jonathan Raa / NurPhoto / Picture Alliance)

So geht’s auch
Die US-Metropole Chicago hat eine Social-Media-Vergnügungssteuer eingeführt. Demnach müssen Social-Media-Unternehmen, die in einem Kalenderjahr Verbraucherdaten von mehr als 100.000 Usern aus Chicago sammeln, einen Steuersatz von monatlich 0,50 US-Dollar für jeden der Nutzer zahlen. Die neue Verordnung soll zusätzliche Steuereinnahmen für die Stadt generieren. Übrigens: Um die Idee, mit Besteuerung der ganz Wohlhabenden die kommunalen Finanzen aufzubessern, geht es heute auch in der Grafik des Tages. 
mossadams.com (EN) / chicago.suntines.com (EN)

Fundstück
Wer wissen will, ob die eigenen Vorfahren Nazis waren, sollte hier mal nachschauen: Das US-Nationalarchiv hat erstmals große Teile der NSDAP-Mitgliederkarteien im Internet veröffentlicht. Damit sind Millionen von Datensätzen nun frei zugänglich.
focus.de

Elena Kolb

Erneuerbare Energien lohnen sich – das hat nicht nur die Gaslobby privat erkannt. Auch Frank Schäffler, Ex-FDP-Bundestagsabgeordneter und einer der lautesten Kritiker des sogenannten „Heizungsgesetzes“, schaffte sich nach eigener Angabe eine Wärmepumpe an.

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Samira Joy Frauwallner, Sebastian Haupt, Pamela Kaethner, Ulrich Kraetzer und Jule Scharun.