Profil

Simon Wörpel

Datenjournalist

Seit 2015 gräbt Simon für CORRECTIV in großen Datensätzen und Dokumenten. Noch in der drögesten Tabelle findet er die spannendste Geschichte, die er dann manchmal über aufwändige Visualisierungen erzählt. Außerdem entwickelt er technische Tools, die investigative Journalisten bei ihrer Arbeit unterstützen. Zuvor arbeitete er als freier Journalist und Web-Entwickler. In Köln studierte er Journalismus, Volkswirtschaftslehre und Politik und wollte damals wie jeder Journalistenschüler gedruckte Magazinseiten vollschreiben. Eigentlich hätte er fast Musik studiert, doch er entschied sich für den sicheren Beruf des Journalisten. Musik macht er heute noch, und die eigene Platte ist in Arbeit.

E-Mail: simon.woerpel(at)correctiv.org
Website: https://medienrevolte.de
Twitter: @simonwoerpel

Bewertung: größtenteils richtig

Doch – Verschlüsselte E-Mails sind nach wie vor sicher

weiterlesen 4 Minuten

Angreifer können E-Mail-Verschlüsselung nur unter ganz bestimmten Umständen aushebeln. (Symbolbild)© Neonbrand / Unsplash

von Lyudmila Vaseva , Simon Wörpel

Es hat viele verunsichert: In den vergangenen Tagen wurden Sicherheitslücken bei verschlüsselter E-Mail-Kommunikation bekannt gegeben. Können wir noch darauf vertrauen, dass verschlüsselte E-Mails nicht von Anderen gelesen werden? Auch viele Medienberichte stellen das in Frage. Unsere Analyse ergab: E-Mail-Verschlüsselung ist nach wie vor sicher, wenn man sie richtig nutzt.

Alles begann mit einem Tweet: Der Sicherheitsforscher Sebastian Schinzel von der FH Münster kündigte am Montagmorgen (14. Mai) an, Informationen über „kritische Schwachstellen“ in den Verfahren PGP und S/MIME zur E-Mail-Verschlüsselung zu veröffentlichen.

Kurz darauf folgte ein Blog-Beitrag der NGO „Electronic Frontier Foundation“, die sich unter anderem für Datenschutz und Bürgerrechte einsetzt. Dort empfehlen die Autoren, sofort die automatische Verschlüsselung in E-Mail-Programmen auszuschalten und auf alternative Kommunikationsmedien umzusteigen, bis weitere Informationen über die Sicherheitslücken bekannt sind.

Bloß: Die wissenschaftliche Arbeit, die die Schwachstellen aufdecken und technische Details zu den Sicherheitslücken liefern sollte, war zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht veröffentlicht. Doch die „Süddeutschen Zeitung“, die das betreffende Papier vorliegen hatte, titelte: „Massive Sicherheitslücke: Verschlüsselte E-Mails sind nicht sicher“. Kurz darauf veröffentlichten die Forscher ihre Ergebnisse unter https://efail.de.

Medienberichte verbreiten Panik 

Das Problem: Wer nicht ein gewisses Maß an technischem Verständnis mitbringt, um die wissenschaftliche Arbeit verstehen zu können, muss sich auf die kursierenden Medienberichte verlassen. Und die verbreiten Panik – nicht direkt mit Falschmeldungen, aber mit übertriebenen und aus dem Kontext gerissenen Formulierungen.

Zum Beispiel auf„Spiegel.de“: „Experten raten vorerst von E-Mail-Verschlüsselung ab“, und in der „Süddeutschen Zeitung“: „Sicherheitsforscher haben die Verschlüsselung von E-Mails ausgehebelt“ – sie hätten es geschafft, „einen der zentralen Bausteine für sichere Kommunikation im digitalen Zeitalter zu zertrümmern“. Besonders diese Formulierung geht etwas zu weit.

Was nicht stimmt: Dass die Verschlüsselungs-Algorithmen nicht mehr funktionieren.

Was stimmt: Dass es für einen Angreifer möglich ist, durch bestimmte Tricks eine verschlüsselte E-Mail nachträglich im Klartext zu lesen. Allerdings nur unter sehr speziellen Umständen, die die Forscher auch detailliert erklären.

Was ist die Schwachstelle?

Um die Entschlüsselung auszutricksen, muss das E-Mail-Programm so konfiguriert sein, dass es das automatische Nachladen von Inhalten in HTML-E-Mails erlaubt, zum Beispiel Bilder.

Durch das Nachladen können sich Angreifer eine Nachricht zurückschicken lassen. Zuvor müssen sie die E-Mail abgefangen und manipuliert haben. Dann können sie den vom E-Mail-Programm automatisch entschlüsselten Nachrichtentext erhalten.

Um einen verschlüsselten Text zu entschlüsseln muss jemand also folgendes tun: Eine E-Mail abfangen, manipulieren und sich diese durch einen Trick zurückschicken lassen. Ansonsten ist es nach wie vor technisch unmöglich, einen verschlüsselten Text zu entschlüsseln.

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Problematisch – aber nicht kaputt

Die Funktion, Inhalte nachzuladen, sollte im E-Mail-Programm allerdings sowieso deaktiviert sein – unabhängig davon, ob man E-Mails verschlüsselt oder nicht. Denn darüber findet Web-Tracking statt und Schadsoftware kann so auf den Computer gelangen.

Doch verschlüsselte E-Mail-Kommunikation ist nicht kaputt – anders als einige Medienberichte suggerieren.

Es ist aber trotzdem extrem problematisch, dass es Dritten überhaupt möglich ist, verschlüsselte E-Mails zu lesen. Whistleblower, Aktivisten, Oppositionelle in autoritären Regimen und Journalisten sind darauf angewiesen, sicher kommunizieren zu können.

Probleme für Verschlüsselung

„Efail“ nutzt Schwachstellen der Einstellungen in verbreiteten E-Mail-Programmen aus.

Allerdings haben auch die Verschlüsselungs-Verfahren selbst Lücken (sie beruhen auf unvollständigen Standards) – das berichten die Forscher.

Zum Beispiel ist beim Verschlüsselungs-Verfahren PGP nicht vorgeschrieben, ob eine manipulierte E-Mail trotzdem geladen oder automatisch verweigert werden soll.

Und das Verschlüsselungs-Verfahren S/MIME kann nicht einmal zuverlässig erkennen, ob eine E-Mail manipuliert wurde.

Der Satz „Richtig eingestellte kryptografische Verfahren gehören zu den wenigen Dingen, auf die man sich verlassen kann“ ist also nicht überholt, wie die „Süddeutsche Zeitung“ schreibt – sondern er trifft gerade jetzt nach Bekanntwerden der Sicherheitslücken umso mehr zu.


Mehr lesen?

Wie die verschiedenen E-Mail-Programme betroffen sind und was Experten raten, hat „Heise.de“ aufgeschrieben. Und die „Zeit“ berichtet über die Debatte, wer für die Sicherheitslücke verantwortlich ist.

Unsere Bewertung:
Einige Aussagen sind übertrieben. Angreifer können die Verschlüsselung nur unter ganz bestimmten Umständen aushebeln, schuld daran sind vor allem Einstellungen in den verwendeten E-Mail-Clients.

Von der Alten Apotheke in Bottrop aus vertrieb Peter S. seine gepanschten Medikamente.© Correctiv.Ruhr

Alte Apotheke

Alte Apotheke: Die Namen der Ärzte

von Hüdaverdi Güngör , David Schraven , Simon Wörpel , Anna Mayr , Bastian Schlange , Marcus Bensmann

Über 3700 Menschen. In sechs Bundesländern. Immer noch wissen viele von ihnen nicht, dass sie vermutlich gepanschte Krebsmedikamente aus der Alten Apotheke bekommen haben.

Die Folgen sind unerträglich in unseren Augen. Diesen Menschen wird die Chance genommen, sich erneut mit einem Arzt zu beraten; ihnen wird die Chance genommen, sich juristisch zu wehren.

Sie werden dumm gehalten.

Jeder betroffene Mensch hat in unseren Augen ein Recht auf die Information, ob er gepanschte Krebsmedikamente bekommen hat – und er muss sie bekommen. Wie er mit dem Wissen umgeht, ist seine eigene Entscheidung. Es liegt aber niemals im Ermessen einer Behörde, diese Information vorzuenthalten.

CORRECTIV veröffentlicht die Namen der Ärzte

Die Behörden im Land NRW und in der Stadt Bottrop wissen spätestens seit Februar diesen Jahres um das Ausmaß des Skandals: Der Alte Apotheker in Bottrop hatte über 60.000 Krebstherapien gepanscht, tausende Menschen in sechs Bundesländern sind betroffen. Doch die Behörden haben nicht die Betroffenen informiert. Sie haben die Ärzte angeschrieben und diese gebeten, die Patienten aufzuklären. Dies ist nach Recherchen von CORRECTIV jedoch nicht immer passiert. Wir haben mit allen Ärzten gesprochen und sie angefragt. Etliche gaben an, ihre Patienten aus unterschiedlichen Gründen nicht umfassend informiert zu haben. Einige sagten, sie seien überfordert; andere, sie hätten die Kapazitäten nicht; wieder andere sagten, die Behörden seien in der Pflicht.

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Der Fall der Alten Apotheke: Ermittler gehen bundesweit von über 3700 Betroffenen aus, die möglicherweise mit gepanschten Krebsmedikamenten aus Bottrop behandelt worden sind. 37 Arztpraxen und Kliniken seien laut Staatsanwaltschaft in den vergangenen fünf Jahren von dem Bottroper Apotheker beliefert worden. Die meisten davon in Nordrhein-Westfalen. Es gab allerdings auch Abnehmer in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Saarland, Sachsen und Niedersachsen. 

Bei einer Pressekonferenz am 10. Oktober 2017 hatten die Verantwortlichen der Bottroper Gesundheitsbehörde erklärt, dass jeder Patient über die Hotline eine Information bekommen könnte, ob er betroffen ist. Doch weiß von dieser Hotline außerhalb von Bottrop so gut wie kein Mensch. Die Stadt ist überfordert und das Land hat sich weggeduckt. Offen und transparent nach dem Namen der behandelnden Ärzte kann niemand suchen. Aber nur, wenn ein Betroffener erfährt, ob sein behandelnder Arzt möglicherweise gepanschte Medikamente bekommen hat, kann er sich mit diesem über weitere Schritte beraten. Die Ärzte haben in unseren Augen nicht das Recht, ihren Patienten bewusst diese Information vorzuenthalten.

Der frühere Richter am Bundesverwaltungsgericht, Dieter Deiseroth, hat dazu gesagt: „Die mangelhaften Kontrollen der Behörden haben dazu beigetragen, dass der Skandal entstehen konnte. Durch die mangelhafte Informationspolitik der Behörden werden nun die Patienten ein zweites Mal in ihrem Recht verletzt: in ihrem Recht, sich zu wehren und mögliche Ersatzansprüche geltend machen zu können.“

Da die Betroffenen auch nach Monaten noch nicht aktiv von den Behörden informiert wurden, haben wir uns entschlossen, den Patienten die Möglichkeit zu geben, zu überprüfen, ob ihr Arzt Krebsmedikamente aus der Alten Apotheke bezogen hat. Geben Sie in unserer Suchmaske die Postleitzahl ihres Arztes ein, um herauszufinden, ob auch er möglicherweise gepanscht Mittel bekommen hat. Die Liste der Ärzte ergibt sich aus unseren Recherchen und Konfrontationen. Es kann sein, dass weitere Praxen beliefert worden sind.

Das gemeinnützige Recherchezentrum CORRECTIV finanziert sich aus Spenden von Menschen, denen unsere Arbeit für die Gesellschaft wichtig ist. Hinter uns steht kein Konzern, sondern nur der Wille zur Aufklärung beizutragen. Unterstützen Sie uns bei unserer Arbeit.


Jetzt wird’s schmutzig

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Screenshot: afd.de

von Sarina Balkhausen , Carla Reveland , Simon Wörpel , Karolin Schwarz

Die USA haben es vorgemacht. Schmutzkampagnen stehen dort im Drehbuch vor Wahlen. Jetzt kopiert die AfD die schmutzige Strategie. Kein Zufall. Trumps Stratege Vincent Harris führt heimlich Regie.

Angela Merkel die Eidbrecherin.“ Diese Seite wird seit Montag­abend prominent auf der AfD-Website beworben sowie von diversen AfD-Partei-Accounts in den sozialen Netzwerken verbreitet. Darauf zu sehen ist Angela Merkel, die in Sepia-Tönen über die Seite rauscht. Daneben in roter Schrift: „Die Eidbrecherin“. Dem Aufruf, die „Eidbrecherin“ mit bereitgestellten Bildern zu stoppen, sind zahlreiche Nutzer nachgekommen. Bilder und Website trenden innerhalb von kurzer Zeit im AfD-Umfeld. Merkel als Gesetzesuntreue, das Bild ist nicht neu. Erst in der Vorwoche hatte AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel der Kanzlerin mit einer Klage gedroht. „Lock her up“ – sperrt sie ein, diese Forderung war im US-Wahlkampf gegen Hillary Clinton laut geworden.

Die Parallele ist kein Zufall. Wie kürzlich bekannt wurde, hat sich die AfD für die heiße Wahlkampfphase Hilfe aus den USA geholt: die Agentur Harris Media. Gründer der Agentur ist der Rechtskonservative Vincent Harris, der sich weltweit um die Internet-Kampagnen von rechten Populisten kümmert. Im US-Wahlkampf hat er Donald Trump beraten. In Großbritannien unterstützte Harris Media die EU-feindliche Ukip-Partei von Nigel Farage. Stets provokant. Stets aggressiv. Jetzt wird’s schmutzig – auch in Deutschland.   

 

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Die neue Netzkampagne der AfD

Die AfD setzt auf negative Campaigning, gezielte Schmutzkampagnen gegen den politischen Gegner. „Negative Campaigning ist im deutschen Wahlkampf nichts Neues,” sagt Thomas Praus. Die Intensität sei in den USA jedoch eine andere. Praus hat einst für Gerhard Schröder Wahlkampf gemacht, jetzt betreibt er in Berlin eine eigene PR-Agentur. Auch die emotionalisierte Darstellung Angela Merkels als Eidbrecherin verwundert ihn nicht. „Das Gefühl, dass die Regierung sich nicht mehr an Gesetze hält, eint die Anhänger der AfD, auch über die Asylpolitik hinaus.”

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Die AfD macht im Netz mobil

Die AfD ruft derzeit massiv zu Spendengeldern auf, die ihren Netzwahlkampf finanzieren. Ihr Ziel ist es eine Million Euro zu sammeln. Mit einer Million Euro könne man auf Facebook bis zu 15 Millionen Nutzer sogar mehrfach erreichen, sagt Thomas Praus. Nur die AfD und die FDP würden seiner Einschätzung nach signifikante Summen einsetzen, um Werbung in sozialen Medien zu schalten.

Mehrere Indizien sprechen dafür, dass die jüngste Anti-Merkel-Kampagne die erste gemeinsame Großoffensive von AfD und Harris Media ist. Im August hat die AfD ihre Netzkampagne gestartet und die Attentate in Europa mit Merkels Flüchtlingspolitik verknüpft. Damals noch im traditionellen Blau der Partei gehalten.

 

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Der Anfang der AfD-Kampagne

Nun werden die Farben weicher, aber die Positionen härter. Zu den Themen Merkel, Union und „Lügenpresse“ bietet die Seite „merkeldieeidbrecherin.com“ vorgefertigte Memes, die im Internet verbreitet werden sollen. Alles AfD-Themen, aber die rechtspopulistische Partei gibt sich nur im kleingedruckten Impressum zu erkennen. Noch andere Verbindungen sind eklatant. So ist in Bezug auf die Kampagne brisant, dass sich AfD-Bundesvorstandsmitglied Julian Flak um den Zeitpunkt der Registrierung der Webseite Anfang September in den USA aufhielt. Dies vermochte CORRECTIV-Kollege Marcus Bensmann aufgrund eines Kommunikationsverlaufs mit Flak zu rekonstruieren.

Nach CORRECTIV-Recherchen wurde die Domain erst am 1. September registriert, die dazugehörige Facebook-Seite besteht seit dem 7. September. Angemeldet wurde die Domain über die gleiche US-Firma, über die Harris Media seine Domain registriert hat. Die anderen AfD-Seiten dagegen sind in Deutschland angemeldet. Außerdem liegen beide Webseiten, die von Harris Media und die der AfD-Kampagnenseite, auf dem gleichen Webserver eines professionellen WordPress-Anbieters. Dort gibt es einige weitere Websites, darunter eine Pro-Fracking-Seite und die Kampagnen-Website eines republikanischen Gouverneurs-Kandidaten.

Anfragen ließ die AfD bislang unbeantwortet.

Update, 13. September, 15:00 Uhr:
Eine weitere Domain, merkeldieeidbrecherin.de, wurde ebenfalls am 1. September angemeldet. Hier ist der Anmelder allerdings nicht verschleiert: die Adresse ist registriert auf die Harris Media LLC.

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Screenshot: Sam Dubberley

40 Stunden saubermachen bringen 400 Euro im Monat ein - brutto wie netto. Eine Rente sichert sich Susanne Rülfing damit nicht.© Ivo Mayr

Ungerechte Arbeit

„Reinigen ist ein schönes, angenehmes Arbeiten“

Auch in NRW verführt das Ehegattensplitting Frauen in Minijobs und macht sie finanziell abhängig von ihren Ehemännern. Zum Beispiel Susanne Rülfing aus Recklinghausen. Aber sie sagt, es sei gut so, sie sagt: „Ich kenne niemanden, der unglücklich mit seinem Minijob ist“

von Simon Wörpel , Anna Mayr

An Susanne Rülfings linker Hand presst ein goldener Ehering ihren Finger zusammen. 34 Jahre ist es her, dass er ihr angesteckt wurde, seitdem hat sie ihn nicht abgenommen. Ihr Finger veränderte sich, der Ring blieb, wo er war. Und klemmt nun dort die Haut ein. Ringe sind ein Symbol, auch hier. Die Ehe gab den Rahmen vor, Susanne Rülfing hat sich arrangiert.

Jeden Tag um 17 Uhr stülpt sie sich Gummihandschuhe über und putzt die Verwaltung einer Müllverbrennungsanlage in Recklinghausen. „Mein Bereich sind 17 Büros, zwei Besprechungsräume, eine Küche, Toiletten, die Podeste von zwei Treppenhäusern, ein Flur, zwei Kopierräume“, sagt sie. Zwei Stunden hat sie Zeit, pro Tag, dann muss alles sauber sein. Macht zehn Stunden die Woche und 40 pro Monat. Das ist ihr Minijob. Rülfing wird nach Tarif bezahlt und verdient zehn Euro in der Stunde, brutto wie netto.

Wer Susanne Rülfing kennenlernt, lernt das Ruhrgebiet kennen. Dunkle kurze Haare, Jeans, auf der Hülle ihres Smartphones fliegt ein Vogelschwarm gen Himmel. Ihr Vater war Bergmann, die Mutter SPD-Ratsmitglied. Der Ehemann ist Kraftfahrer. Sie haben ein Einfamilienhaus in Recklinghausen mit kleinem Garten, alles noch nicht abbezahlt. Die vier Kinder haben Abitur gemacht und dann Ausbildungen. Wenn Rülfing in Rente geht, werden ihr die Erziehungsjahre angerechnet und die kurze Zeit, in der sie „auf Steuerkarte“ gearbeitet hat.

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„Ich kenne niemanden, der unglücklich mit seinem Minijob ist“, sagt Susanne Rülfing.

Foto: privat

„Viel wird das nicht sein“, sagt sie. „Vielleicht 200 Euro.“ Aus einem Minijob entstehen kaum Rentenansprüche. Aus einer Ehe schon eher. Wenn ihr Mann sich scheiden lässt, hat Rülfing Anspruch auf die Hälfte seiner Rente. Etwas über 1200 Euro wird er bekommen – für ein Leben zu zweit gerade genug. Abhängig fühlt sie sich trotzdem nicht. „Ich treffe hier im Haus die Entscheidungen“, sagt sie. Er bringt das Geld, sie verwaltet es. Das ist die Abmachung: „In einer Ehe muss jeder was von seinem Ego wegstecken.“

Das Wegstecken begann nach ihrer Ausbildung zur Friseurin. Der Betrieb übernahm sie nicht, ein Jahr lang bekam sie Arbeitslosengeld. Irgendwann wollte sie nicht länger auf eine freie Stelle in einem Friseursalon warten. „Dann haben wir gesagt, dass wir jetzt auch eine Familie gründen können.“ Rülfing war 21, als ihr erster Sohn zur Welt kam.

„Ich kenne niemanden, der unglücklich mit seinem Minijob ist“, sagt sie. „Im Job ist alles okay. Das Reinigen ist ein schönes, angenehmes Arbeiten.“ Ein Tarifvertrag, bezahlter Urlaub und Kollegen, die einen guten Feierabend wünschen. „Nur das Drumherum könnte besser sein.“

Besonders in den ländlichen Regionen in NRW ist der Minijob häufig der einzige Job, den die Frau macht: Im Kreis Olpe bleiben 16,5 Prozent der Frauen länger als fünf Jahre im Minijob. Die Erklärung: Das traditionelle Familienbild ist auf dem Land noch stärker ausgeprägt. Der Mann ernährt, die Frau verdient hinzu.

Hier wohnen die Minijobber in NRW

Wer auf dem Land lebt, macht häufiger einen Minijob als in den Städteregionen wie Rhein/Ruhr

Aufschlüsselung der Daten nach Gemeinden, bezogen auf den Wohnort der Minijobber.

Daten: Statistiken der Arbeitsagentur, zum Download

Marissa Klockner, Beraterin bei der Agentur für Arbeit im Sauerland, bestätigt das: Viele Frauen blieben dort für die Kindererziehung bis zu 15 Jahre lang zuhause. Frauen, die danach wieder einsteigen wollen, können Maßnahmen und Weiterbildungen machen. „Aber wenn jemand sich auf dem Minijob ausruht und damit zufrieden gibt, dann können wir auch nichts tun“, sagt Klockner. Zudem sind auf dem Land oft die Fahrtzeiten länger, kommen die Busse seltener – vor allem Frauen haben dann keine Zeit für eine Teilzeitstelle, weil sie sich um die Kinder kümmern müssen, anstatt im Linienbus zu sitzen.

Neben dem Sofa und im Flur des Hauses, in dem Susanne Rülfing seit 15 Jahren wohnt, hängen Bilder der vier Kinder, von denen zwei schon ausgezogen sind. Am linken Arm, zwischen Ellenbogen und Handgelenk, hat Rülfing sich ein Tattoo stechen lassen: Ein Herz, drumherum ranken sich die Namen und Geburtsdaten der Kinder. David, Patrick, Sarah, Kimberly. Sie sind ihr Lebenswerk. „Erziehung hört nicht nach drei Jahren auf“, sagt sie. Wenn Kindererziehung bei der Rente mehr anerkannt werden würde, wäre sie ein bisschen weniger auf ihren Mann angewiesen.

Für Männer können Minijobs das Sprungbrett in eine Vollzeitstelle sein. Für Frauen hingegen sind Minijobs Treibsand. In Deutschland machen mehr als zwei Millionen Frauen zwischen 25 und 65 ausschließlich einen Minijob. Gegenüber rund 800.000 Männern. Zudem bleiben Frauen deutlich länger in ihren Minijobs. Frauen, die ausschließlich einen Minijob haben, sind oft verheiratet. Er hat das Haupteinkommen, sie verdient etwas dazu.

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So haben die Frauen Zeit für die Kindererziehung, machen sich allerdings finanziell abhängig. „Ein Minijob hat kurzfristige Vorteile, aber langfristige Nachteile“, sagt die Arbeitsmarktforscherin Karin Jährling von der Universität Duisburg-Essen. „Man erwirbt keine eigenen Ansprüche in der Alterssicherung, nur über die Ehe.“ Aus einem Minijob entstehen keine Rentenansprüche, außer man zahlt freiwillig in die Rentenkasse ein. Doch bei einem monatlichen Gehalt von etwa 450 Euro sind die wenigsten bereit, noch etwas davon abzugeben.

Wenn sich Teilzeitarbeit nicht lohnt

Für viele Frauen lohnt es sich nicht, eine Teilzeitstelle anzunehmen und damit eigene Rentenansprüche zu bekommen. Schuld ist das Ehegattensplitting. Susanne Rülfings Kinder sind alle erwachsen. Sie hätte Zeit für eine Halbtagsstelle, für ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis. Könnte, wie sie es nennt, „auf Steuerkarte arbeiten“. Doch da fängt das Problem an – bei den Steuern.

In Deutschland gilt das Ehegattensplitting: Der Partner, der weniger verdient, hat die schlechtere Steuerklasse. Als Rülfing einmal ihre Stunden aufstockte, musste sie von den rund 900 Euro, die sie verdiente, etwa 400 Euro für Versicherungen und Steuern abgeben. Damit blieb ihr kaum mehr Netto als bei ihrem im Minijob. „Da habe ich die Notbremse gezogen“, sagt sie. „Ich habe meiner Chefin gesagt, dass ich von der Steuerkarte wieder runter will.“

Susanne Rülfing erinnert sich an eine Rede der Bundeskanzlerin im Fernsehen. Angela Merkel sagte, dass sich Leistung in Deutschland wieder lohnen solle. Rülfings Leistung hatte sich nicht gelohnt.

Ihren derzeitigen Minijob macht Rülfing seit sechs Jahren. Viele Frauen bleiben über Jahre hinweg Minijobberinnen. In der Statistik der Arbeitsagentur sieht die Lage besser aus, dort ist die durchschnittliche Verweilzeit im Minijob etwa 900 Tage. Weil darin nur erfasst wird, wie lange jemand bei seinem jeweiligen Arbeitgeber angestellt ist.

Alle paar Jahre schreibt die Firma, deren Büros Rülfing putzt, den Reinigungsdienst neu aus. Personaldienstleister können dann ein Angebot machen, das beste bekommt den Auftrag. Danach erhalten alle Reinigungskräfte eine Kündigung vom bisherigen Personaldienstleister, anschließend einen neuen Arbeitsvertrag vom neuen. Die Arbeit bleibt dieselbe, die Frauen bleiben dieselben – doch in der Statistik sieht es aus, als hätten die Minijobberinnen den Absprung geschafft. Dabei bedeutet jeder neue Arbeitsvertrag eine neue Probezeit, kürzere Kündigungsfristen, Vertrauensverlust. Letztes Jahr wurde eine von Rülfings Kolleginnen in der Probezeit gekündigt – nach 17 Jahren im gleichen Job.

Ost-West-Vergleich: Dauer der Minijob-Verhältnisse in NRW und Brandenburg

Vor allem Frauen in ländlichen Regionen in NRW machen ihren Minijob überdurchschnittlich lange.

Daten: Statistik der Minijob-Zentrale: Geringfügig entlohnte Beschäftigungsverhältnisse im Gewerblichen Bereich nach der Beschäftigungsdauer, aufgeschlüsselt nach Kreisen und kreisfreien Städten für Nordrhein-Westfalen und Brandenburg. Stand: 31.12.2016

Mitarbeit: Tania Röttger, Sandhya Kambhampati
Datenvisualisierung: Simon Wörpel


Kellnerin auf dem Oktoberfest. In der Gastronomie sind sehr viele Männer und Frauen geringfügig beschäftigt.© Joe Klamar / AFP

Ungerechte Arbeit

Mehr als die Hälfte aller Beschäftigten in Restaurants und Cafes sind Minijobber. Wem nützt das eigentlich?

Minijobs sind ein Geschenk für Arbeitgeber: Sie führen dazu, dass sie stets auf ein flexibles Heer von Arbeitnehmern zurückgreifen können. Kein Wunder, dass Branchenvertreter dafür kämpfen, dass Minijobs weiterhin existieren. Wie zeigen die Branchen, in denen die meisten Minijobber arbeiten.

von Tania Röttger , Simon Wörpel

Das Stichwort, das die Branchenverbände gern verwenden, lautet: „Auftragsspitzen“. Eine Auftragsspitze liegt zum Beispiel vor, wenn nachts  am Wochenende Würstchen gebraten werden müssen. Wenn die Biergärten plötzlich voll sind. Wenn ein Rockfestival stattfindet. Wenn Menschen in der Adventszeit in die Läden strömen.  

Der Bundesverband der Arbeitgeber mag deshalb Minijobs. Sie seien unerlässlich für Betriebe, bei denen Nachfrage und Öffnungszeiten stark schwanken. Und ohne den Brutto-gleich-Netto-Anreiz hätten es viele Betriebe schwer, überhaupt Arbeitskräfte zu finden.

Minijobber und sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in den größten Branchen

Allergisch gegen Minijob-Kritik

Auf Kritik am Minijob reagiere man „sehr allergisch“, sagt Ingrid Hartges, Geschäftsführerin des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga. 1999 entzog die rot-grüne Bundesregierung einem Teil der Minijobs die Steuerfreiheit. Wer einen Minijob als Nebenjob machte, musste diesen Lohn von nun an versteuern. Das führte zu Aufruhr. Über Nacht, so eine Dehoga-Sprecherin, seien in ihrer Branche 100.000 Stellen verloren gegangen. 

Auch der Bundesverband deutscher Zeitungsverleger startete eine Kampagne gegen das Gesetz von Rot-Grün – kein Wunder, beschäftigen die Verlage doch rund 150.000 Minijobber als Zeitungsausträger. 

Die Arbeitgeber setzten sich durch: Im Zuge der Agenda 2010 wurde die alte Regelung wieder eingeführt. Bereits 2004 überstieg die Anzahl der Minijobber die Marke von sieben Millionen. Dort ist sie seither geblieben.

Verstöße gegen Arbeitsrecht

Die Unternehmen profitieren nicht nur von dem Riesenheer stets verfügbarer Arbeitnehmer. Manche profitieren auch auf illegale Weise. Etwa, indem sie Minijobbern bezahlten Urlaub, Lohn an Feiertagen, Lohn im Krankheitsfall oder die Teilnahme an Weiterbildungen verweigern. An die 40 Prozent der Minijobber erhalten keinen Lohn, wenn sie krank sind, und kein Geld, wenn sie mal Urlaub haben, fand das Leibniz-Institut in Nordrhein-Westfalen heraus. Ganz zu schweigen davon, dass rund 15 Prozent der Minijobber dort keinen Mindestlohn erhalten.

Die Bundesregierung hat erkannt, dass sie etwas gegen die Rechtsverstöße tun muss. Im Koalitionsvertrag von 2013 steht, dass Minijobber stärker über ihre Rechte aufgeklärt werden sollen.

Thorsten Vennebusch von der Minijobzentrale zeigt das Ergebnis: einen Flyer, der allen Minijobbern zugeschickt wird, wenn sie eine Stelle antreten. Darin steht, dass Minijobber die gleichen Rechte wie andere Arbeitnehmer haben. Dass sie bezahlten Urlaub bekommen sollen und ihren Lohn auch dann, wenn sie krank sind.

Aber: So, wie die Bundesregierung es formuliert hat, ist es die Verantwortung der Minijobber, ihre Rechte einzufordern. Claudia Weinkopf, die an der Universität Duisburg-Essen zu Arbeitsthemen forscht, findet das „ziemlich schräg“. Sie fragt: „Warum werden denn nicht die Arbeitgeber stärker über ihre Pflichten informiert?“

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Kein Wunder, dass die Praxis anders aussieht. Dass viele Minijobber nicht das bekommen, was ihnen zusteht.

Natasza Ormian, 40 Jahre alt, arbeitet seit zwei Jahren als Minijobberin in der Nähe von Berlin in einem Mode-Outlet. Sie erfuhr in einer Beratungsstelle, dass ihr Urlaubs- und Krankengeld zusteht. Mit einem Zettel, der die Rechtslage erklärt, traute sie sich zu ihrem Chef. Der telefonierte erstmal herum, um herauszufinden, wie andere Läden das mit den Minijobbern machen. Nach einigem Hin und Her habe er ihr schließlich das Urlaubsgeld zugesichert. Er gab ihr das Gefühl: Es geschehe aus gutem Willen. Ihrem Kollegen, ebenfalls Minijobber, habe der Chef gesagt, es gebe keinen bezahlten Urlaub.

Minijobberin Natasza Ormian: Urlaubsgeld als Gnadenakt

Minijobberin Natasza Ormian: Urlaubsgeld als Gnadenakt

Tania Röttger / Correctiv

Kritik an Minijobs

Ein Arbeitgeber-Verband kritisiert Minijobs: „Minijobs sind teuer und unflexibel“, sagt Johannes Bungart, Geschäftsführer vom Verband der Gebäudereiniger. Unflexibel deshalb, weil die Mitarbeiter penibel darauf achteten, nicht mehr als 450 Euro im Monat zu verdienen. Denn sonst müssten sie Steuern bezahlen. Und teuer, weil die Abgaben für Arbeitgeber zehn Prozent höher liegen als bei regulär versteuerten Jobs. Er würde es gerne sehen, wenn Minijobs wieder abgeschafft werden. Doch dafür gebe es bisher keine Unterstützung.

Minijob-Branchen im Vergleich mit sozialversicherungspflichtigen Jobs

Wenn man die Branchen vergleicht, in denen Minijobber arbeiten, finden sich einige Besonderheiten. Zum Beispiel, dass nicht in allen Branchen gleich viele Frauen arbeiten. Ihr Anteil hängt von der Tätigkeit ab. Das gilt auch für die Ausbildung der Minijobber. Manche Branchen brauchen Minijobber mit Qualifikationen und besonderen Berufsausbildungen, in anderen ist das egal. Die Minijobber arbeiten dann als sogenannte „Helfer“ – sie üben also Tätigkeiten aus, für die man keine oder kaum Fachkenntnisse braucht. So klassifiziert es die Agentur für Arbeit. Das hat aber nichts damit zu tun, welche Ausbildung die einzelnen Mitarbeiter tatsächlich haben, es beschreibt nur die Anforderungen im Job.

In der folgenden Liste vergleichen wir: Wie viele Frauen, wie viele Helfer, wie viele Ausländer und wie viele Menschen ohne Ausbildung arbeiten in welcher Branche? Der obere Balken zeigt jeweils den Anteil der Minijobber, der untere Balken den Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten.

Anmerkung: Wir haben im dritten Absatz korrigiert, für welche Minijobs die im Jahr 1999 eingeführte Steuerpflicht galt. 

 


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Ungerechte Arbeit

Datenauswertung: So viele Frauen tappen in die Minijob-Falle

Mehr als 7,5 Millionen Menschen in Deutschland sind Mini-Jobber. CORRECTIV zeigt in einer interaktiven Karte, in welchen Regionen diese Jobs besonders verbreitet sind und wer diese Jobs ausübt. Auffallend viele Frauen in westdeutschen Kleinstädten sind darunter. Für die Betroffenen ist das oft ein Problem.

von Tania Röttger , Simon Wörpel

Minijob, das klingt erst einmal nett. Bis zu 450 Euro im Monat steuerfrei dazu verdienen. Und für viele Menschen sind Minijobs tatsächlich praktisch. Für Studenten und Rentner zum Beispiel, und für all jene, für die der Minijob eine Nebentätigkeit ist. Bundesweit arbeiten mehr als 7,5 Millionen Menschen in einem solchen Job.

Für viele aber kann er zur Falle werden. Wenn sie über Jahre nur in Minijobs arbeiten. Wenn der Minijob kein Nebenjob ist, sondern der Hauptberuf. Es ist eine Falle, in die vor allem Frauen geraten, besonders häufig Frauen in Westdeutschland. Dort, in ländlichen Gegenden, verdient bis zu jede fünfte Frau ihr Geld ausschließlich mit einem Minijob.

Viele Frauen im mittleren Alter machen ihren Minijob als einzigen Job

Frauen und Männer zwischen 25 und 65 Jahren, die einen Minijob als einzigen Job
machen, verglichen mit allen Minijobbern.
Daten, Stand: 30.06.2016

Natasza Ormian lebt in Falkensee, einem Städtchen am Berliner Stadtrand im Landkreis Havelland. Ihr Mann arbeitet beim Bundeskriminalamt, die beiden haben drei Kinder.  Gerade arbeitet Ormian in einem Mode-Outlet in der Nähe. Gern würde sie wieder halbtags arbeiten, am liebsten im Kulturbereich. Doch sie findet keine Teilzeitstellen, nur Minijobs. Durch die vielen Minijobs, die sie seit 15 Jahren macht, hat sie kaum Qualifizierungen vorzuweisen. „Wenn man so lange raus ist und dann Stellenanzeigen durchforstet – dann denkt man: Das kann ich nicht. Man weiß nicht mehr, was man kann, was man will. Man fühlt sich verloren, irgendwann.“ Sie hat selbst den Eindruck, in einer Minijob-Sackgasse gelandet zu sein.

Minijobberin Natasza Ormian. Teilzeitstellen? Fehlanzeige.

Minijobberin Natasza Ormian. Teilzeitstellen? Fehlanzeige.

Tania Röttger / Correctiv

Vor allem Frauen in Westdeutschland sind in Minijobs

Daten: Statistik der Bundesagentur für Arbeit: Geringfügig Beschäftigte nach Geschlecht und Altersgruppen,
regionale Abgrenzung nach dem Arbeitsort, eigene Berechnungen, Stand: 30.06.2016

Erstmals hat CORRECTIV die Minijob-Daten in einer interaktiven Karte aufbereitet. Sie belegt, dass Frauen Minijobs häufiger als einzigen Job machen – und dass sie ihn länger machen als Männer. Vor allem in Westdeutschland. In Ostdeutschland arbeiten Frauen oft in Voll- und Teilzeit, im Westen sei hingegen das „Zuverdienermodell“ verbreitet, sagt Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. Männer im Westen arbeiten Vollzeit, Frauen kümmern sich um Haushalt und Kinder. Und machen dazu vielleicht einen Minijob.

Zum Beispiel Vechta

Der Landkreis Vechta liegt im südlichen Niedersachsen. Es ist eine ländliche, traditionell geprägte Region. Dort sei es üblich, dass der Mann Hauptverdiener ist und seine Frau die Familienarbeit übernimmt. Zudem fehle es an Angeboten zur Kinderbetreuung, sagt Frank Halbsguth, Sprecher der dortigen Arbeitsagentur. Die Folge: 20,3 Prozent der Frauen, die zwischen 25 und 65 Jahren alt sind, machen einen Minijob.

Ähnlich ist die Lage in den westdeutschen Landkreisen Dingolfing-Landau in Ostbayern (21 Prozent), Delmenhorst (18,9 Prozent) und Emden (18 Prozent).

Ganz anders sieht es in Ostdeutschland aus. Im Saale-Holzland-Kreis in Thüringen beispielsweise arbeiten nur 3,5 Prozent der Frauen zwischen 25 und 65 ausschließlich in einem Minijob.

Brücke oder Sackgasse?

Minijobs waren einmal auch als Brücke gedacht, um nach Phasen der Kindererziehung oder Erwerbslosigkeit wieder in den Arbeitsmarkt einzusteigen. Doch gerade für verheiratete Frauen wird der Minijob zum Dauerzustand. Zur Sackgasse. Eine Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung ergab, dass zwei von drei Minijoberinnen in Nordrhein-Westfahlen verheiratet sind – und der Mann der Hauptverdiener ist. Die Frau erwirbt damit kaum eigene Rentenansprüche. Die Ehe wird „zu einem Risiko im Erwerbsverlauf von Frauen“ – dieser vernichtende Befund stand schon im Jahr 2012 in einer Studie des Familienministeriums.

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Dauerhaft nur in Minijobs zu arbeiten ist aus vielen Gründen problematisch:

  • Rente? Fehlanzeige. Wer 20 Jahre lang einen Minijob macht, erwirbt einen Rentenanspruch von monatlich rund 86 Euro. Und das nur, falls man freiwillig drei Prozent des Lohns in die Rentenkasse abgeführt hat. Nur 18 Prozent der Minijobberinnen tun das.
  • Sackgasse Minijob: Zahlen der Minjob-Zentrale belegen, dass jeder siebte Minijobber seine jetzige Tätigkeit länger als fünf Jahre verrichtet. Minijobs sind in der Regel simple Tätigkeiten, sie qualifizieren die Menschen nicht, um eine reguläre Stelle zu bekommen.
  • Unternehmen schummeln. Jeder siebte Minijobber in NRW erhält nicht den Mindestlohn, in Supermärkten, Modeläden, Restaurants. Mehr als 40 Prozent der Minijobber in NRW erhalten keinen bezahlten Urlaub oder Krankengeld. Oft wissen weder Arbeitgeber noch Minijobber, dass dies vorgeschrieben ist

„Frauen, die einmal im Minijob waren, finden nur zu einem geringen Teil den Übergang in reguläre sozialversicherungspflchtige Beschäftigungsverhältnisse“, hieß es 2012 in der Studie des Familienmisteriums zum Thema Frauen in Minijobs. Diese Tätigkeiten funktionierten nicht als Brücke, „sondern als sehr schnell wirkender Klebstoff“.

Durchschnittliche Dauer eines Minijob-Verhältnisses

Falle Ehegattensplitting

Sylvia Kuhn (Name geändert) ist 50 Jahre alt, wohnt in Wolfsburg und hat seit vielen Jahren einen Minijob – als Buchhalterin. Ihr Mann arbeitet bei VW, verdient dort gut. „Eigentlich muss ich nicht arbeiten“, sagt sie. Aber sie will, denn „irgendwann werden Kinder, Küche, Haushalt langweilig“. Für acht Stunden in der Woche bekommt sie 450 Euro im Monat. Sie hat mal mehr gearbeitet, aber das lohnte sich nicht, die Steuern fraßen den Lohn auf. Sie arbeitete doppelt so viel, verdiente aber nur 150 Euro mehr.

Wegen des Ehegattensplittings hat ihr Mann – mit dem großen Einkommen – die günstige Steuerklasse 3, sie selbst hat Steuerklasse 5. Bei der die Steuern so hoch sind, dass sich das Arbeiten kaum lohnt. Es sei denn im steuerfreien Minijob. Der Staat subventioniert das Hausfrauenmodell. Ihre freie Zeit will Kuhn jetzt in ein Ehrenamt investieren.

Berufsberaterinnen kennen solche Geschichten. Egal, ob sie für Arbeitsagenturen oder in privaten Initiativen mit Menschen sprechen, die wieder in das Berufsleben einsteigen möchten. Angelika König ist Beauftragte für Chancengleichheit in der Arbeitsagentur in Mönchengladbach, sie gibt regelmäßig Workshops für Wiedereinsteigerinnen. Viele Frauen, die in ihre Beratung kommen, lassen sich gerade scheiden. Sie haben sich jahrelang um die Kinder gekümmert, aber nicht um ihr Berufsleben. Sie haben einen Minijob, aber der Einstieg in reguläre Beschäftigung fällt schwer.

Sorgt sich Silvia Kuhn nicht um ihre Zukunft? „Doch, natürlich“, sagt sie. Aber sie hat sich informiert. Im Fall einer Scheidung würde sie einen Teil der Rente ihres Mannes bekommen, den Versorgungsausgleich. Sie müsste dann allerdings Vollzeit arbeiten. Kuhn sagt, das wäre kein Problem. Als Buchhalterin könne sie jederzeit eine volle Stelle bekommen.

Ost-West-Vergleich: Dauer der Minijob-Verhältnisse in NRW und Brandenburg

Vor allem Frauen in ländlichen Regionen in NRW machen ihren Minijob überdurchschnittlich lange.

Daten: Statistik der Minijob-Zentrale: Geringfügig entlohnte Beschäftigungsverhältnisse im Gewerblichen Bereich nach der Beschäftigungsdauer, aufgeschlüsselt nach Kreisen und kreisfreien Städten für Nordrhein-Westfalen und Brandenburg. Stand: 31.12.2016

Mitarbeit: Sandhya Kambhampati


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Ungerechte Arbeit

Der Bundesländer-Vergleich: In NRW gibt es die meisten, in Sachsen-Anhalt die wenigsten Minijobber

Speziell für Nerds: Hier findest Du mehr Daten also Du verarbeiten kannst. Wie viele Minijobber gibt es in Deinem Bundesland? In welchem Landkreis sind es besonders viele, in welcher Gemeinde am meisten?

von Tania Röttger , Simon Wörpel

Wir haben die Daten für Dich nach Bundesland kompakt und übersichtlich aufbereitet. Die Balken zeigen die Verteilung von Minijobs unter Männern und Frauen. Wenn Du auf das Balkendiagramm klickst, werden Dir Details über das Bundesland angezeigt. Unter anderem eine grafische Ansicht der Landkreise, die herunter geladen werden kann. Ebenso die Zahlen der Minijobber pro Landkreis und Gemeinde, jeweils nach Arbeitsort und nach Wohnort.

Die Daten geben Auskunft darüber, wie alt die Minijobber sind, ob männlich oder weiblich, ob sie den Minijob als Nebenjob oder als einzigen Job machen, an welchem Ort sie wohnen, und an welchem Ort sie arbeiten. Dadurch lassen sich zum Beispiel Arbeitgeber vor Ort finden, die viele Minijobber beschäftigen.

Alle Minijobber in Deutschland pro Bundesland

Klicke auf einen Balken, um Daten auf Kreis- oder Gemeindeebene für Dein Bundesland herunterzuladen. Eine Beschreibung der Daten findest Du unter dieser Grafik.

Über die Daten

Tabellarische Daten (CSV)

Die heruntergeladenen Dateien lassen sich mit einem gängigen Tabellenkalkulations-Programm wie Microsoft Excel öffnen. Für jeden Kreis oder jede Gemeinde finden Sie dort Daten zu Einwohnerzahlen (insgesamt, männlich, weiblich) sowie zu den Minijobbern (Spalten, die mit „mj_“ beginnen). Hierbei wird zwischen zwei Zählungen unterschieden:

  • „am Wohnort“ gibt an, wie viele Minijobber ihren Wohnsitz in dem entsprechenden Kreis oder der jeweiligen Gemeinde haben, unabhängig davon, ob sie dort arbeiten oder woanders.
  • „am Arbeitsort“ gibt an, wie viele Minijobber im entsprechenden Ort arbeitend gemeldet sind, unabhängig davon, ob sie dort auch ihren Wohnsitz haben. Das kann dazu führen, dass in bestimmten Orten Deutschlands mehr Minijobber arbeitend gemeldet sind als dort Menschen wohnen. Hier finden Sie eine Auswahl von Gemeinden, in denen sehr viele Minijobber arbeitend gemeldet sind.

Außerdem ist für jeden Ort der allgemeine Gemeindeschlüssel (AGS) angegeben, sodass Sie mit diesen Daten eigene Visualisierungen bauen können. Hier finden Sie ein Video-Tutorial darüber, wie Sie ohne Programmierkenntnisse eine Karte aus solchen Daten erstellen.

Geo-Daten (GeoJSON)

Diese Dateien enthalten die gleichen Daten wie die oben beschriebenen Tabellen, sind jedoch direkt für die Weiterverarbeitung für interaktive Karten-Tools gedacht.

Aktualität

Stichtag der Daten auf Kreisebene ist 30.06.2016, für Gemeindeebene: 31.12.2015

Um mehr über die lokalen Besonderheiten zu erfahren, können Sie sich sich an die zuständige Arbeitsagentur wenden. Der Arbeitgeberservice weiß, wo in der Gegend Minijobber arbeiten. Die Gleichstellungsbeauftragten haben in ihren Beratungsstunden oft mit Minijobbern zu tun. Fragen Sie auch bei den Jobcentern nach, Minijobber die dort registriert sind haben oft andere Erfahrungen als die von der Arbeitsagentur.

Beratungsveranstaltungen für Minijobber finden regelmäßig von verschiedenen Veranstaltern in ganz Deutschland statt. Wann und wo steht hier.

Mitarbeit: Sandhya Kambhampati


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Ungerechte Arbeit

So viele Minijobber gibt es in Deiner Gemeinde

Für jede der rund 11.000 Städte und Gemeinden in Deutschland findest Du in unserer interativen Karte die Zahl der Minijobber. Du siehst außerdem, wie sich die Situation seit 2003 verändert hat. Je stärker ein Ort eingefärbt ist, desto höher der Anteil derjenigen, für die der Minijob die einzige bezahlte Arbeit ist.

von Tania Röttger , Simon Wörpel

Daten: Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit: “Arbeitsmarkt in Zahlen”,
eigene Berechnungen, aufgeschlüsselt nach Kreisen und Gemeinden, Stand: 31.12.2015

Anmerkung: Bei vielen Gemeinden in Ostdeutschland reichen die Daten nicht bis 2003 zurück. Dort gab es nach 2003 Gebietsreformen, bei denen die Ortsgrenzen verschoben wurden. Deshalb ist nicht die gesamte Historie nachvollziehbar.

Hier gibt es eine andere Version dieser Karte, die einzelne Gemeinden, in denen besonders viele Minijobber arbeiten, gesondert vorstellt.

Datenaufbereitung: Sandhya Kambhampati

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© PATRIK STOLLARZ / AFP

Ungerechte Arbeit

Die deutschen Minijob-Hochburgen

Schon mal gehört von Altenkirchen, Elsterheide, Föhren, Höhr-Grenzhausen, Nürburg, Sietow, Stahnsdorf, Stäbelow oder Töpen? Hier gibt es prozentual außergewöhnlich viele Minijobber. Wir erklären, wie es dazu kommt.

von Tania Röttger , Simon Wörpel

Stahnsdorf ist ein beschaulicher Ort südlich von Berlin. 15.000 Menschen leben dort – und fast 4.500 machen einen Minijob. Das steht in der Statistik der Arbeitsagentur. Der Grund: In Stahnsdorf ist Impuls One beheimatet, ein Unternehmen, das „Dienstleistung für den Handel“ anbietet. Im Jahresabschluss der Firma steht, dass sie knapp 5.000 Menschen beschäftigt,  4.200 von ihnen sind Minijobber.

Aktuell sind bei Impuls One mehr als 180 Stellen zu besetzen. Etwa: „Warenverräumer m/w im Drogeriemarkt in Dörpen“. Drei Tage die Woche, ab sieben Uhr früh, 450 Euro.

Oder ein Beispiel aus dem Norden Deutschlands: „Wir suchen ab sofort in 23562 Lübeck zuverlässige und flexible Servicekräfte (m/w) für die Warenverräumung in einem Drogeriemarkt auf Geringfügigkeitsbasis bis 450,00 €. Einsatzzeiten: Mi. ab 6 Uhr.“

Das gleiche in Reinbek bei Hamburg. „Befristung: 12 Monate (mit Übernahmemöglichkeit). Erforderliche Softskills: Auffassungsvermögen, Flexibilität, Teamfähigkeit, Zuverlässigkeit.“

Quer durchs Land bietet Impuls One solche Jobs an – und sie sind alle am Firmensitz in Stahnsdorf gemeldet. Darum die hohe Minijob-Quote von 29,7 Prozent.

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Unten, auf der Karte, haben wir weitere Ausreißer eingetragen. Samt einer Erklärung, was dort jeweils der Grund für die Quoten ist.

Im Frühjahr 2016 berichten das Magazin „stern“ und „Report Mainz“, wie das Drogerieunternehmen Rossmann Leiharbeiter anheuert: Unter anderem über Impuls One, an dem Rossmann Anteile hält. Uwe Alschner, Sprecher von Impuls One, bestätigt das. Der Grund für die Beteiligung sei, dass ein Unternehmen, das mit Dienstleistern arbeitet, Einfluss haben möchte auf die Standards, die für die Arbeiter gelten.

Rossmann möchte sich auf Anfrage nicht zu dem Thema äußern.

Ausgewählte Orte, an denen besonders viele Minijobber arbeiten

Wähle einen Ort aus der Liste aus, um zu erfahren, was dort los ist.

Daten: Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit: “Arbeitsmarkt in Zahlen”,
eigene Berechnungen, aufgeschlüsselt nach Kreisen und Gemeinden, Stand: 31.12.2015

Hier findest Du eine andere Version dieser Karte, die die Verteilung der Minijobber nach Wohnort darstellt.

Anmerkung: Bei vielen Gemeinden in Ostdeutschland reichen die Daten nicht bis 2003 zurück oder sind inkonsistent. Dort gab es nach 2003 Gebietsreformen, bei denen die Ortsgrenzen verschoben wurden. Deshalb ist nicht die gesamte Historie nachvollziehbar.

Datenaufbereitung: Sandhya Kambhampati


Verstärke das News-Nerds-Team von CORRECTIV!

Verstärke das News-Nerds-Team von CORRECTIV!© Ivo Mayr

Nerds

CORRECTIV stellt ein

Wir suchen neue Kolleginnen und Kollegen, die uns dabei helfen, die Bereiche Technologie und Datenjournalismus weiter auszubauen.

von Simon Jockers , Simon Wörpel

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige, investigative Journalismusbüro in Deutschland. Wir recherchieren langfristig zu Themen, die in anderen Medien zu wenig Aufmerksamkeit erhalten. In den vergangenen drei Jahren haben wir dafür zahlreiche Preise gewonnen – unter anderem den Grimme Online Award, mehrere Lead Awards, den Deutschen Journalistenpreis, den Reporterpreis.

Jetzt bauen wir die Bereiche Technologie und Datenjournalismus weiter aus. Ab sofort suchen wir neue Kolleginnen und Kollegen, die Schlüsselpositionen in diesen beiden Bereichen übernehmen wollen:


Wir bieten:

  • Arbeit in einem hoch motivierten Team in unseren Büros in Berlin oder Essen
  • die Möglichkeit, gemeinsam mit uns an der Zukunft des Journalismus in Deutschland zu arbeiten
  • feste Vollzeitstellen mit branchenüblicher Bezahlung, die sich an Tariflöhnen orientiert
  • die Chance, unser Redaktions-Fußballteam von der Außenseiterposition in die erste Berliner Medienliga zu führen.

Das CORRECTIV-Team

1. Webentwickler*in Python (senior)

Als Webentwickler*in bei CORRECTIV bist Du verantwortlich für die Entwicklung der Tools hinter unseren datengetriebenen Recherchen und die Weiterentwicklung unserer Django-basierten Publishing-Platform mit Mitglieder- und Spendensystem. Du triffst selbstständig Technologie- und Architekturentscheidungen, unterstützt die Redaktion mit technischem Fachwissen und hilfst dabei, unser technisches Team weiter auszubauen.

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Dein Profil:

  • Du beherrschst Python, Deutsch und Englisch auf verhandlungssicherem Niveau
  • Du hast mehrjährige Erfahrung mit Konzeption, Entwicklung und Betrieb von komplexen Webanwendungen, im Idealfall in einer Lead- oder Senior-Position
  • Du bist in der Lage, sauberes HTML, CSS und JavaScript zu schreiben
  • Du hast Erfahrung mit der Integration externer APIs (z.B. Mailchimp, Paypal, etc.)

Pluspunkte für:

  • Erfahrung mit Django und Django CMS
  • Erfahrung mit modernen JavaScript-Bibliotheken wie React, Riot.js oder Vue.js
  • Erfahrung mit Node.js
  • Erfahrung mit der Leitung von Softwareprojekten oder kleinen Entwicklungsteams
  • Ein starkes Portfolio mit eigenen Projekten oder Beiträgen zu Open-Source-Software

2. Datenjournalist*in (junior und senior)

Als Datenjournalist*in bei CORRECTIV arbeitest du selbständig an datengetriebenen Recherchen, von der Datenaufbereitung und -analyse bis zur Veröffentlichung. Du arbeitest gemeinsam mit Redakteur*innen, Entwickler*innen und Designer*innen an Texten, Grafiken und interaktiven Erzählstücken und hilfst dabei, die Datenkompetenz unseres Teams zu erhöhen, indem du andere Redakteure im Umgang mit Daten unterstützt und schulst.

Dein Profil:  

  • Du hast eine journalistische Ausbildung und/oder journalistische Berufserfahrung
  • Du bringst solides statistisches Grundwissen mit
  • Du bist sicher im Umgang mit Excel, Google Spreadsheets oder anderen Formen von Datenaufbereitung & -analyse
  • Du hast Erfahrung mit Datenanalyse in einer Scriptsprache (R oder Python) und/oder Erfahrung mit interaktiver Datenvisualisierung mit Tools wie d3.js oder Leaflet

Pluspunkte für:

  • Erfahrung mit Textmining / Dokumentenanalyse
  • Erfahrung mit Projektmanagement
  • Ein starkes Portfolio mit Arbeiten aus den Bereichen Datenvisualisierung, Datenanalyse oder technischen Veröffentlichungen

Du interessierst Dich für eine der Stellen aber bist Dir nicht sicher, ob Du alle Skills hast? Bitte bewirb Dich trotzdem! Wir helfen Dir gerne dabei, Neues zu lernen und Dich weiterzuentwickeln.

Aussagekräftige Bewerbungen mit Lebenslauf und einem Link zu Deinem Portfolio oder Arbeitsproben an: bewerbung@correctiv.org

Bitte verzichte auf Fotos sowie Angaben zu Familienstand und Deinen Eltern.

Nitrat NRW

So stark ist Deine Gemeinde mit Nitrat belastet

CORRECTIV.Ruhr hat die Messungen von über 1.300 Stationen im ganzen Bundesland ausgewertet. An vielen Stellen werden die von der EU vorgegebenen Nitrat-Grenzwerte überschritten. Klicke Dich durch unsere interaktive Karte, um zu erkunden, wie es bei Dir vor Ort aussieht.

weiterlesen 5 Minuten

von Patricia Ennenbach , Simon Wörpel

Dieser Artikel ist Teil unserer Serie Nitrat in NRW

Unsere Karte ist eine sogenannte Heat-Map, die zeigt, wo in NRW das Grundwasser stark mit Nitrat belastet ist (dunkelrot eingefärbt). In grün eingefärbten Bereichen liegt der durchschnittliche Messwert der vergangenen zehn Jahre unter dem Grenzwert von 50 mg Nitrat pro Liter Grundwasser. Extreme Ausreißer bei den Messwerten nach unten oder oben haben wir nicht in unsere Berechnung einbezogen, um die Aussagekraft zu erhöhen.

Beim Näher-Zoomen verwandeln sich die farbigen Bereiche in einzelne Punkte, die jeweils für eine Messstelle stehen. Mit Klick auf die Messstelle erfährst Du mehr Infos zu dieser Station: Außer dem dort gemessenen Durchschnittswert zum Beispiel auch eine Angabe, wie die Umgebung beschaffen ist: Handelt es sich um einen Acker oder um ein bebautes Gebiet?

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So ist NRWs Grundwasser mit Nitrat belastet

Daten: LANUV NRW. Es sind die jeweils aktuellen Messwerte für jede Station bis Mitte 2016 berücksichtigt.

Datenaufbereitung: Patricia Ennenbach
Programmierung: Simon Wörpel


© Ivo Mayr/Correctiv

Integration & Gesellschaft

Die Nullnummer: AfD-Stimmen für Migrantenpartei

Sind bei der NRW-Landtagswahl in einigen Stimmbezirken Zweitstimmen für die AfD nicht korrekt gezählt worden? CORRECTIV.RUHR hat Online-Meldungen der Stimmbezirke von knapp 75 Prozent der Städte und Gemeinden ausgewertet: In über 20 Stimmbezirken liegt die AfD demnach um die null Prozent. In derzeit 15 erhielt die AfD den Daten zu Folge zwar Erststimmen, aber keine Zweitstimme. Es geht derzeit um knapp 1000 Stimmen. Insgesamt sind in NRW nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis rund 13 Millionen Menschen wahlberechtigt. Ihre Stimme gaben über 8,5 Millionen Menschen ab. Die AfD erhielt laut Landeswahlleiter 624.552 Zweitstimmen.

von Marcus Bensmann , Simon Jockers , Simon Wörpel

Bei der Landtagswahl am Sonntag hat die AfD nach dem vorläufigen Endergebnis 7,4 Prozent der Stimmen und 16 Sitze im Landtag erhalten. Die CDU und FDP könnten mit einer Stimme Mehrheit eine Koalition gründen. Die Parteien der potenziellen Koalition hätten fast 50.000 Stimmen mehr erhalten als die übrigen Parteien, die in den Landtag eingezogen sind.

Der Stern stellte nun allerdings Ungenauigkeiten in wenigen Stimmbezirken fest. Stimmen für die AfD seien nicht korrekt gezählt worden. Eine CORRECTIV.Ruhr-Auswertung zeigt: Es sind möglicherweise mehr Bezirke betroffen, als bislang bekannt. In 23 Stimmbezirken von allerdings über 15.000 Stimmbezirken in NRW liegt die AfD um die null Prozent der Zweitstimmen, obwohl sie bei der Erststimme gut abschnitt. Bei 15 erhielt die AfD zwar Erststimmen, aber keine Zweitstimme. 

CORRECTIV.Ruhr hat bis dato knapp 75 Prozent der Ergebnisse ausgewertet, die die Städte und Gemeinden online zur Verfügung stellen. Bislang haben die eventuell nicht bei der Auszählung berücksichtigten wenigen Hundert bis über 1000 Zweitstimmen keinen Einfluss auf das Wahlergebnis. Laut Landeswahlleiter zog die AfD mit insgesamt 624.552 Zeitstimmen in den Landtag ein.

Die auffälligen Stimmbezirke, bei denen die AfD angeblich nur null Prozent erhalten haben soll, sind über das ganze Bundesland verteilt und reichen von Korschenbroich bis Dortmund. Die Stimmbezirke sind unterschiedlich groß. In dem Bezirk 1000 in Erkelenz wählten 1046 Menschen, in dem in dem Bezirk 124 Oberschönhagen in Detmold nur 27. Aber in beiden liegt die AfD bei 0,0 Prozent.

Das ist merkwürdig.

Einige Gemeinden haben ihre Angaben bereits korrigiert. In Gütersloh erklärt der Pressesprecher der Stadt gegenüber CORRECTIV.Ruhr die Nullnummer mit einem Übertragungsfehler – der AfD wurden nachträglich 106 Stimmen mehr zugesprochen. In Bonn habe die AfD nach der Überprüfung über 100 Stimmen mehr, sagt eine Sprecherin der Stadt.

Geheimnisvoller Stimmenschwund

Der Pressesprecher von Dortmund sagt, dass in acht Fällen nachträglich  „die Werte zugunsten der AfD“ korrigiert wurden – das Wahlergebnis habe sich dadurch aber nicht signifikant geändert.

Der Sprecher des Landeswahlleiters sagt, dass ihnen bisher zwölf Hinweise auf Unregelmäßigkeiten vorliegen, die sie alle entsprechend prüften.

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Ein Grund für den geheimnisvollen Stimmenschwund wurde in Bonn und Gütersloh genannt. Er liegt in einer Namensähnlichkeit. Die Stimmen der AfD seien der ähnlich klingenden Partei AD-Demokraten bei der Übertragung zugeschlagen worden. Das hat eine besondere Ironie.

Die Allianz Deutscher Demokraten ist eine Partei für Menschen mit Migrationshintergrund, die zudem als Erdogan-nah gilt. Nach der Datenauswertung von CORRECTIV.Ruhr konnte sich die AD-Allianz in fünfzehn Stimmbezirken über überproportional viele Zweitstimmen freuen, während die AfD schlechter abschnitt, als ihr Ergebnis bei den Erststimmen vermuten lassen würde.

Spannend sind auch die Stimmbezirke 603 (Marxloh) und 1001 in Duisburg: Dort hat die AfD zwar mal 9 Prozent und 5,03 Prozent erhalten, aber die ADD hat dort mit 11 und 23 Prozent überdurchschnittlich abgeschnitten.

Ist das ein Hinweis darauf, dass nicht nur bei den Wahlkreisen, wo die AfD bei null Prozent liegt, der Fehler gemacht wurde – sondern auch dort, wo die AD-Demokraten überproportional abgeschnitten haben? Insgesamt erhielt die ADD landesweit 13.653 Stimmen, was 0,2 Prozent entspricht.

Stimmbezirk abgegeben ADD (1) ADD (1 in %) AfD (1) AfD (1 in %) ADD (2) ADD (2 in %) AfD (2) AfD (2 in %)
Korschenbroich 110 860,0 0,0 0,0 40,0 4,67 52,0 6,16 0,0 0,0
Duisburg 603 156,0 0,0 0,0 12,0 8,0 17,0 11,04 14,0 9,09
Duisburg 1001 206,0 0,0 0,0 16,0 8,94 47,0 23,62 10,0 5,03
Bonn 241 755,0 0,0 0,0 28,0 3,74 38,0 5,05 0,0 0,0
Hagen 7312 623,0 0,0 0,0 46,0 7,42 54,0 8,7 2,0 0,32
Winterberg 50 143,0 0,0 0,0 0,0 0,0 8,0 5,59 0,0 0,0
Köln 30503 382,0 0,0 0,0 11,0 2,91 3,0 0,79 1,0 0,26
Köln 30601 326,0 0,0 0,0 6,0 1,84 2,0 0,62 0,0 0,0
Köln 40402 359,0 0,0 0,0 29,0 8,26 35,0 9,89 0,0 0,0
Erkelenz 1000 1.046,0 0,0 0,0 49,0 4,78 1,0 0,1 0,0 0,0
Gütersloh 31 543,0 0,0 0,0 27,0 5,04 35,0 6,51 0,0 0,0
Gütersloh 82 517,0 0,0 0,0 53,0 10,54 71,0 13,89 0,0 0,0
Hilchenbach 15.1 349,0 0,0 0,0 24,0 6,94 25,0 7,16 1,0 0,29
Hallenberg 10 358,0 0,0 0,0 0,0 0,0 15,0 4,23 0,0 0,0
Sankt Augustin 04B 133,0 0,0 0,0 0,0 0,0 8,0 6,11 0,0 0,0
Mönchengladbach 11207 442,0 0,0 0,0 33,0 7,64 0,0 0,0 0,0 0,0
Bonn 210 1.034,0 0,0 0,0 52,0 5,13 0,0 0,0 0,0 0,0
Jülich 11.3 108,0 0,0 0,0 1,0 0,93 0,0 0,0 0,0 0,0
Pulheim 22.9 347,0 0,0 0,0 21,0 6,1 0,0 0,0 0,0 0,0
Aachen 6604 585,0 0,0 0,0 12,0 2,09 0,0 0,0 0,0 0,0
Beverungen 11 97,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0
Detmold 123 34,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0
Detmold 124 27,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0
Düsseldorf 3390 1,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0
Düsseldorf 5491 206,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0

Fehler passieren, aber…

Für die Sprecherin der Stadt Bonn, Monika Hörig, sind diese Fehler kaum vermeidbar. In Bonn seien viele ehrenamtliche Kräfte ganztägig im Einsatz, sagt Hörig, „bei einer derartigen Anzahl von Ergebnissen kann es immer zu kleineren Fehlern kommen“. Zumal deren Prüfung dann in den folgenden Tage erfolge, „auch ohne Hinweise von außen wurden hierbei die fehlerhaften Angaben bemerkt und korrigiert“.

Fehler passieren natürlich, aber: Weder der Sprecher des Landeswahlleiters, noch der Sprecher von Gütersloh oder von Bonn konnten sich daran erinnern, dass es in zurückliegenden Wahlen zu ähnlichen Vorfällen gekommen sei – dass also jemals zuvor eine Partei durch einen Übertragungsfehler auf Null gerechnet wurde.

Noch hat die AfD Vertrauen in die Wahlleitung. „Aber es ist schon alarmierend wenn dieser Fehler landesweit und nur bei der AfD auftaucht“, sagt der Landessprecher Michael Schwarzer gegenüber CORRECTIV.Ruhr.

Die AfD in NRW geht derzeit 30 Verdachtsmomenten nach, sagte der AfD-Sprecher Schwarzer. Man rechne mit weit über 1000 Stimmen, die nicht gezählt worden seien.

Der Fehler wird das Wahlergebnis wohl kaum signifikant ändern. Für den demokratischen Diskurs ist es aber misslich, dass die möglichen Fehler ausgerechnet die AfD betreffen.