Neue Rechte

Chef der Berliner Polizeigewerkschaft mit früheren Kontakten ins NSU-Umfeld

Er war eine Zeit lang Mitglied eines Bildungswerkes, das vom LKA Berlin später als mögliche Tarnorganisation von Rechtsextremisten eingestuft wurde. Zwei der Gründungsmitglieder waren später im NSU-Umfeld aktiv. Der heutige Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft Berlin kann sich laut eigener Aussage nicht an die Vereinstätigkeiten damals erinnern.

von Nathan Niedermeier , Simon Wörpel , David Schraven

Landeskongress der Deutschen Polizeigewerkschaft
Bodo Pfalzgraf, Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, war früher in rechtsextremen Bildungswerk, in dem auch spätere NSU-Helfer Mitglieder waren. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Die rechte Vergangenheit eines prominenten Berliner Polizisten zieht Kreise bis hin zum Umfeld des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). In der vergangenen Woche hatte die taz über Verbindungen des Vorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) in Berlin, Bodo Pfalzgraf, zu einem rechtsextremen Bildungswerk berichtet. Er war dort Anfang der 90er Jahre Mitglied. Das belegt eine Mitgliederliste, die von der taz veröffentlicht wurde und die auf Wikimedia zu finden ist. Wann er genau ausgestiegen ist, ist nicht bekannt. CORRECTIV-Recherchen zeigen zudem, dass dieses rechtsextreme Bildungswerk darüber hinaus enger mit dem NSU-Helfernetzwerk verknüpft war, als bisher bekannt ist.

Der Verein „Hoffmann-von-Fallersleben Bildungswerk e.V.“ mit Sitz in Berlin stand zu Gründungszeiten Anfang der 90er Jahre zunächst der rechten Partei „Die Republikaner“ nahe. Vereinsmitglieder waren zu Beginn ehemalige oder weiterhin aktive Parteimitglieder oder polizeilich bekannte Rechtsextremisten. Bodo Pfalzgraf hatte die Mitgliedsnummer 11. Der heutige Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) in Berlin war sowohl Mitglied der Partei „Die Republikaner“ als auch des inzwischen aufgelösten Bildungswerkes, das vom LKA Berlin als mögliche Tarnorganisation von Rechtsextremisten eingestuft wurde. Nach Auskunft von Pfalzgraf sei die Gründung des Bildungswerks seinerzeit von der Fraktion der Republikaner im Abgeordnetenhaus von Berlin vorangetrieben worden. Es sollte in Analogie zu den bekannten Parteistiftungen gleichartige Funktionen erfüllen.

Wie nun aus Unterlagen hervorgeht, die CORRECTIV vorliegen, hatten nicht nur die zwei Gründungsmitglieder des „Hoffmann-von-Fallersleben Bildungswerk“, Rita Bönisch und Frank Schwerdt, Verbindungen zum späteren NSU-Helfernetzwerk. Auf den Veranstaltungen des Vereins waren in späteren Jahren – nach Ausscheiden von Pfalzgraf – neben weiteren Rechtsextremisten auch der verurteile NSU-Unterstützer Carsten Schultze und der Anführer des Thüringer Heimatschutzes (THS), Tino Brandt, anwesend. Schultze überbrachte dem Kerntrio im Auftrag von Ralf Wohlleben die Ceska Pistole, mit der die NSU-Terroristen 9 Menschen ermordeten. Die Polizistin Michèle Kiesewetter tötete der NSU mit einer anderen Waffe. Tino Brandt hatte die NSU-Mitglieder im Untergrund mit Geld versorgt.

André Kapke, ebenfalls Führungsfigur des THS, leitete eine Veranstaltung des Bildungsnetzwerks im September 2000 in Rudolstadt, bei der Schultze und Brandt anwesend waren. Kapke war Frontmann der Kameradschaft Jena, die das NSU-Kerntrio Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe als Mitglieder hatte. Die Teilnehmerliste der Veranstaltung liegt vor.

In einer polizeilichen Vernehmung, die CORRECTIV vorliegt, im Zusammenhang mit den NSU-Morden gab Frank Schwerdt an, die Co-Gründerin des Hoffmann-von-Fallersleben Bildungswerk, Rita Bönisch, müsste den ebenfalls verurteilten NSU-Unterstützer Wohlleben gekannt haben.

Die inzwischen verstorbene Bönisch war auch Betreiberin eines Wohnmobilverleihs. Ob es einen Zusammenhang zu den vom NSU genutzten Wohnmobilen gibt, ist nicht geklärt.

Als weiterer NSU-Kontakt gab der bereits erwähnte Kapke in einer Vernehmung an, er habe eine Zeit lang bei Bönisch in Berlin gewohnt. Bönisch selbst räumte in einer Vernehmung ein, sie habe Ralf Mario Brehme, einen weiteren Führungskader des THS mit Kontakten zum Trio, persönlich gekannt.

Das BKA zählte die Gründer des Hoffmann-von-Fallersleben Bildungswerkes, Bönisch und Schwerdt, zu den wichtigsten Personen in ihren Ermittlungsverfahren im Zusammenhang mit den NSU-Morden. In einer Liste von dringend Verdächtigen, die das BKA 2011 kurz nach der Selbstenttarnung des NSU an das Bundesamt für Verfassungsschutz mit der Bitte um Informationen schickte, hatte Bönisch die Nummer 32 und Schwerdt die Nummer 37.

Die Verbindungen eines hochrangigen Funktionärs der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) in Berlin in dieses Umfeld werfen Fragen auf – auch wenn viele der beschriebenen Kontakte erst nach dem Ausscheiden Pfalzgrafs aus dem Bildungswerk auflebten. Wieso begibt sich ein Polizist in eine Welt, in der ein ausgeprägtes rechtes Weltbild herrscht? Gegenüber der taz schrieb Pfalzgraf in einer Email: Er habe damals mit den Republikanern die „Werte der freiheitlich demokratischen Grundordnung auf wertkonservative Weise stärken wollen“. Auch habe die Partei damals auf dem Boden der Verfassung gestanden. „Letztlich gaben dennoch von mir nicht mehr beeinflussbare bzw. hinnehmbare Radikalisierungstendenzen den Anlass für meinen Austritt am 7.10.1991, womit mein aktives Eintreten für diesen Rechtsstaat ausreichend dokumentiert sein dürfte.“

Zu seiner Mitgliedschaft im rechtsextremen Bildungswerk äußerte sich Pfalzgraf gegenüber CORRECTIV ausführlich: „Nach meinem Austritt bei den Republikanern bin ich auch dort ausgestiegen.“ Pfalzgraf sagte, ihm seien die genauen Daten seines Austritts nach rund 30 Jahren nicht mehr präsent. Die angeblich noch 1992 bestehende Mitgliedschaft halte er jedoch für unwahrscheinlich, „da ich mich wegen der Radikalisierungstendenzen aktiv bei den Republikanern zurückgezogen hatte und damit auch eine Mitgliedschaft im Bildungswerk unsinnig geworden wäre.“ Weiter sagte Pfalzgraf, bei der im Netz kursierenden Liste, handele es sich „ganz offensichtlich um die im Vereinsregister abgelegte Mitgliederliste der Gründung, die offenbar 1992 abgefragt und bestätigt wurde. Daraus eine noch 1992 bestehende Mitgliedschaft zu konstruieren, zeugt von schlechter Recherchekompetenz.”

Pfalzgraf sagt, nun einen Bogen von ihm zum Netzwerk des  NSU zu schlagen, sei „schlicht eine Unverschämtheit“. Im Gegensatz zu den Radikalisierungstendenzen  bei den Republikanern seien ihm tatsächliche Vereinsaktivitäten des Bildungswerks „nicht erinnerlich“. In der Zeit seiner Mitgliedschaft habe in dem Bildungswerk „ein Vereinsleben im herkömmlichen Sinne entweder nicht oder nicht unter meiner Beteiligung stattgefunden.“ Ob der Verein danach als Hülle für andere Aktivitäten benutzt worden sei, „ist mir nicht bekannt“. Pfalzgraf sagte, er sei ein „konservativ denkender Mensch aus einer sozialdemokratisch geprägten Familie. An meiner Verfassungstreue und Einstellung zur freiheitlich demokratischen Grundordnung hat es zu keinem Zeitpunkt beweisbare Zweifel gegeben.“ In seiner Rolle als Gewerkschaftsvorsitzender trete er ab und an in der Öffentlichkeit „mit klaren Worten der Politik und anderen gesellschaftlichen Akteuren auf den Fuß. So macht man sich nicht nur Freunde – aber damit kann ich gut leben.“

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