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Faktencheckerin

Uschi hat als Redakteurin und Reporterin bei der deutschen Ausgabe der HuffPost und bei FOCUS Online vor allem zu Klima, Umweltschutz und Nachhaltigkeit recherchiert und geschrieben sowie seit 2018 konstruktiven, lösungsorientierten Journalismus für breite Themenfelder vorangetrieben. Seit ihrem Masterabschluss in Sozialwissenschaften 2015 hat sie im Rahmen ihres Volontariats und anschließend bei ihrer Arbeit als Online-Redakteurin viele Seiten des Online-Journalismus kennengelernt. Seit Juni 2020 ist sie Teil des CORRECTIV.Faktencheck-Teams.

E-Mail: uschi.jonas(at)correctiv.org
Twitter: @UschiJay

Stoycho Katsarov (links), Vorsitzender des bulgarischen Zentrums für den Schutz der Rechte im Gesundheitswesen, interviewte den bulgarischen Pathologen Stoyan Alexov am 12. Mai 2020.
Stoycho Katsarov (links), Vorsitzender des bulgarischen Zentrums für den Schutz der Rechte im Gesundheitswesen, interviewte den bulgarischen Pathologen Stoyan Alexov am 12. Mai 2020. (Quelle: Youtube, Screenshot: CORRECTIV)

von Uschi Jonas

In mehreren Blog-Artikeln und Facebook-Beiträgen werden Behauptungen eines bulgarischen Pathologen verbreitet: Niemand sei durch das Coronavirus gestorben, es gebe keine Covid-19-spezifischen Antikörper und es sei unmöglich, einen Impfstoff gegen Covid-19 zu entwickeln. Diese Behauptungen sind falsch.

Das Coronavirus sei nicht tödlich, es gebe keine Antikörper und es sei unmöglich, einen Impfstoff herzustellen Dr. Stoyan Alexov ist Präsident der bulgarischen Pathologenvereinigung (BPA) und verbreitet in einem Video-Interview zahlreiche Behauptungen über die Corona-Pandemie. Interviewt wurde er von Stoycho Katsarov, dem Vorsitzenden des bulgarischen Zentrums für den Schutz der Rechte im Gesundheitswesen und ehemaligen stellvertretenden Gesundheitsminister, am 12. Mai.

In Sozialen Netzwerken und auf Blogs werden in mehreren Sprachen (zum Beispiel hier, hier oder hier) einige der Behauptungen, die der Pathologe Alexov in dem Interview aufstellte, verbreitet. Auch auf deutschsprachigen Blogs finden sich seit Juli seine Behauptungen (zum Beispiel hier). Ein Artikel auf der Seite Sariblog mit dem Titel „Niemand ist am Coronavirus gestorben“ wurde laut dem Analysetool Crowdtangle bereits mehr als 9.000 Mal auf Facebook geteilt.

CORRECTIV hat die Behauptungen von Alexov, die auf der Webseite der Pathologie-Vereinigung BPA schriftlich zusammengefasst und auf den deutschen Blogs veröffentlicht wurden, geprüft. Die Aussagen beziehen sich auf die Tödlichkeit des Coronavirus, Antikörper und die Entwicklung eines Impfstoffes. Laut unserer Recherche sind sie falsch.

Die Faktenchecker von Health Feedback haben Alexovs Behauptungen ebenfalls geprüft und als falsch eingestuft. Health Feedback ist eine Webseite, die wissenschaftliche Behauptungen in Medien prüft. Sie ist Teil des von der WHO geleiteten Projekts „Vaccine Safety Net“ und (wie CORRECTIV) Mitglied im International Fact-Checking Network.

Behauptung 1: Das Coronavirus sei nicht tödlich und niemand sei daran gestorben

Laut der schriftlichen Zusammenfassung des Interviews behauptete Alexov, Pathologen kämen zu der Schlussfolgerung, dass das Coronavirus nicht tödlich und niemand daran gestorben sei. Er behauptete laut Health Feedback zudem, das sei Konsens der Teilnehmenden eines Webinars der Europäischen Gesellschaft für Pathologie (ESP) am 8. Mai gewesen. Das ist falsch. 

Alexov ist zwar Mitglied der ESP und es gab ein Webinar am 8. Mai 2020. Ob Alexov wirklich daran teilnahm, ist unklar. Health Feedback hat jedoch nach eigenen Angaben Mitglieder der ESP-Führung zur Richtigkeit von Alexovs Behauptungen befragt. Diese hätten im Namen der Gesellschaft eine offizielle Klarstellung zu Alexovs Interview abgegeben, die bei Health Feedback zu lesen ist. 

Pathologen und Rechtsmediziner bestätigen das Coronavirus als mögliche Todesursache

Darin heißt es von Seiten der ESP: „Wie in den beiden ESP-Webinaren zu diesem Thema (8. Mai und 25. Juni 2020) diskutiert wurde, sind die auffälligen Autopsiebefunde in der Lunge und anderen Organen von COVID-19-Patienten nicht als Folge einer gleichzeitigen Erkrankung zu erklären und sprechen für das neuartige Coronavirus (SARS-CoV-2) als Todesursache in diesen Fällen. In Übereinstimmung damit haben Autopsiestudien von COVID-19-Patienten das Vorhandensein des neuartigen Coronavirus (SARS-CoV-2) in einer Vielzahl von Geweben, hauptsächlich in der Lunge und der Innenauskleidung von Blutgefäßen, nachgewiesen. Es gibt Hinweise auf eine spezifische COVID-19-assoziierte Koagulopathie (Anm. d. Red.: Blutgerinnungsstörung), die tödliche Thromboembolien verursachen kann.“ 

Die Gesellschaft für Pathologie bestätigte demnach, dass Menschen an der Infektion mit dem Coronavirus sterben können. CORRECTIV hat sich am 10. August ebenfalls an die ESP gewandt und nachgefragt, ob das Statement weiterhin aktuell ist, doch bislang keine Rückmeldung erhalten.

Obduktionen in Deutschland zeigen Covid-19 als Todesursache in zahlreichen Fällen

Das Robert-Koch-Institut (RKI) schreibt über Covid-19: „Die Krankheitsverläufe sind unspezifisch, vielfältig und variieren in ihrer Symptomatik und Schwere stark, sie reichen von symptomlosen Verläufen bis zu schweren Pneumonien mit Lungenversagen und Tod.“ 

Seit Beginn der Pandemie weist die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Todesfälle im Zusammenhang mit einer Covid-19-Infektion aus. Am 8. Mai dem Tag des Interviews mit Alexov lag die Zahl der Todesfälle laut WHO weltweit bei 259.474. 

Todesfälle definiert die WHO wie folgt: „Ein Covid-19-Todesfall wird für Überwachungszwecke als ein Tod infolge einer klinisch kompatiblen Krankheit in einem wahrscheinlichen oder bestätigten Covid-19-Fall definiert, es sei denn, es gibt eine eindeutige alternative Todesursache, die nicht mit der Covid-19-Krankheit in Zusammenhang gebracht werden kann (z.B. Trauma). Zwischen der Erkrankung und dem Tod sollte es keine Zeitspanne der vollständigen Genesung geben.“ 

Bereits Mitte Mai zeigte auch eine Studie Hamburger Mediziner um Klaus Püschel, den Leiter des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), dass Menschen am Coronavirus sterben können. Für die Studie wurden die ersten 80 Autopsien von Todesfällen in Zusammenhang mit Covid-19 in Hamburg untersucht. 

In 57 der 80 Fälle sind die Patienten demnach an einer Lungenentzündung oder akutem Lungenversagen durch das Coronavirus gestorben. In 19 Fällen sind die Patienten wahrscheinlich oder möglicherweise durch das Coronavirus gestorben. In vier Fällen wurde das Coronavirus nachgewiesen, die Todesursache war jedoch eine andere.

Die UKE-Studie kategorisiert die Autopsien in vier verschiedene Kategorien: Kategorie 1: definitiver COVID-19-Tod; Kategorie 2: wahrscheinlicher COVID-19-Tod; Kategorie 3: möglicher COVID-19-Tod bei gleicher alternativer Todesursache; Kategorie 4: SARS-CoV-2-Nachweis mit nicht mit COVID-19 assoziierter Todesursache (Quelle: UKE, Screenshot: CORRECTIV)
Die UKE-Studie kategorisiert die Autopsien in vier verschiedene Kategorien: Kategorie 1: definitiver COVID-19-Tod; Kategorie 2: wahrscheinlicher COVID-19-Tod; Kategorie 3: möglicher COVID-19-Tod bei gleicher alternativer Todesursache; Kategorie 4: SARS-CoV-2-Nachweis mit nicht mit COVID-19 assoziierter Todesursache (Quelle: UKE, Screenshot: CORRECTIV)

Fazit: Falsch. Eine Erkrankung in Folge einer Infektion mit dem Coronavirus kann zum Tod führen. Rechtsmediziner, Pathologen sowie andere Wissenschaftler und ihre Forschung bestätigen das. 

Behauptung 2: Es gebe keine medizinische Möglichkeit, den Tod durch das Coronavirus vom Tod durch eine andere Virusinfektion zu unterscheiden

Alexov behauptet, bei der Autopsie sei keine Unterscheidung zwischen einer Person, die am Coronavirus gestorben ist, und einer Person, die an einer saisonalen Virusinfektion gestorben ist, möglich. Das ist nach Aussage von Experten falsch. 

Auf Nachfrage von CORRECTIV erklärt Karl-Friedrich Bürrig, Professor für Pathologie und Präsident des Bundesverbands Deutscher Pathologen per E-Mail, dass es durch eine klinische Obduktion möglich sei, Aussagen zur Todesursache eines Verstorbenen zu machen. Dies gelte für SARS-CoV-2-Infekte genauso wie für alle anderen Todesursachen. 

So schreibt der Pathologe: „Durch eine Klinische Obduktion kann ganz überwiegend festgestellt werden, ob der Tod durch Covid-19 verursacht worden ist. Dazu werden alle bekannten Methoden zum Virusnachweis genutzt. Hinzu kommt, dass bei tödlichen Covid-19-Erkrankungen charakteristische Organveränderungen bei einer Obduktion festgestellt werden können.“ 

Tod durch das Coronavirus ist durch eine klinische Obduktion nachweisbar

Deshalb sei es auch möglich zu unterscheiden, ob Patienten an und nicht nur mit dem Coronavirus verstorben sind. Bürrig sagt: „Bei einer Klinischen Obduktion werden alle krankhaften Veränderungen eines Verstorbenen bewertet und in ihrer Schwere beurteilt. Daraus ergibt sich eine Kausalkette des Krankheitsverlaufes, wobei in dem in Deutschland bekannten Obduktionsgut (Anm. d. Red.: bei den durchgeführten Obduktionen) bei Covid-19 -Verstorbenen dieser Infekt bei mehr als 4/5 der Verstorbenen Todesursache war.“

Ein Ausschnitt der E-Mail des Bundesverbands Deutscher Pathologen an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)
Ein Ausschnitt der E-Mail des Bundesverbands Deutscher Pathologen an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)

All das gilt auch für die oben beschriebene Studie aus Hamburg. Eine weitere Studie aus Deutschland, die als Preprint im Juni 2020 erschienen ist, zeigt, dass „die Todesursachen bei der Mehrzahl der Verstorbenen in direktem Zusammenhang mit Covid-19 standen, während sie anscheinend keine unmittelbare Folge von bereits bestehenden Gesundheitszuständen und Komorbiditäten waren.“ Die Mehrheit der Patienten sei daher an Covid-19 gestorben.

Die Ergebnisse deckten sich insgesamt mit den Publikationen aus der Pathologie im deutschsprachigen Gebiet, die sich in den Ergebnissen einer Umfrage des Bundesverbandes Deutscher Pathologen widerspiegeln würden, erklärt Pathologe Bürrig in seiner E-Mail an CORRECTIV. Der Bundesverband Deutscher Pathologen werde die Ergebnisse der verbandsinternen Umfrage zu Covid-19-Obduktionen der Öffentlichkeit am 20. August vorstellen, teilte der Bundesverband CORRECTIV mit.

In Deutschland gibt es seit Mai zudem ein zentrales Register der Obduktionen von Covid-19-Erkrankten am Universitätsklinikum der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen.

Fazit: Falsch. Wie auch bei anderen Todesursachen ist es laut Experten durch eine klinische Obduktion möglich, SARS-CoV-2-Infekte als Todesursache zu identifizieren und von anderen Ursachen zu unterscheiden.

Behauptung 3: Die WHO habe angewiesen, keine Autopsien durchzuführen

Alexov behauptet, die WHO habe angewiesen, keine Autopsien durchzuführen. Das ist falsch. Zu Beginn der Pandemie gab es zwar immer wieder Diskussionen über die Durchführung von Autopsien so hatte beispielsweise das RKI laut Medienberichten im April noch empfohlen, bei Covid-19-Verstorbenen auf eine Obduktion zu verzichten, um eine Gefahr der Ausbreitung des Virus zu verringern. 

Damals gab es viel Kritik, zum Beispiel von Seiten der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin und dem Berufsverband Deutscher Rechtsmediziner. Noch im April änderte das RKI seine Einschätzung und veröffentlichte Empfehlungen zum Umgang mit Sars-CoV-2-Verstorbenen und bei der Leichenschau. 

Die WHO dagegen hatte bereits am 24. März 2020 einen Leitfaden für Autopsien von Covid-19-Erkrankten veröffentlicht. Darin ist nirgends von einem Obduktions-Verbot die Rede. In einem früheren Leitfaden zu Laboruntersuchungen im Zusammenhang mit Covid-19-Erkrankungen vom 19. März 2020 empfahl die WHO explizit, Proben von Autopsien zu sammeln.

Die WHO empfiehlt am 19. März, Autopsie-Gewebeproben zu entnehmen (Quelle: WHO, Screenshot und Markierung: CORRECTIV)
Die WHO empfiehlt am 19. März, Autopsie-Gewebeproben zu entnehmen (Quelle: WHO, Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Fazit: Falsch. Die WHO hat nicht angewiesen, keine Autopsien an Covid-19-Verstorbenen durchzuführen. Auch in Deutschland gab es kein Verbot.

Behauptung 4: Es seien keine Antikörper identifiziert worden, die spezifisch für SARS-CoV-2 sind

Auch behauptete Alexov, europäische Pathologen hätten keine Antikörper gefunden, die spezifisch für SARS-CoV-2 seien. Das ist falsch. Mehrere veröffentlichte wissenschaftliche Studien berichten über spezifische Antikörper, die an SARS-CoV-2, den Erreger von COVID-19, binden.

Antikörper sind Proteine (Eiweiße), die vom Immunsystem eingesetzt werden, um Krankheitserreger wie Bakterien und Viren zu neutralisieren. Das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) erklärt in einer Pressemitteilung vom 8. Juli, wie wichtig die Bildung neutralisierender Antikörper im Kampf gegen Covid-19 sei: „Diese können die Eindringlinge ausschalten und haben ein großes Potenzial, zum Schutz und zur Therapie von Covid-19 effektiv eingesetzt zu werden.“ Dem Forscherteam um Professor Florian Klein von der Uniklinik Köln und dem DZIF sei es gelungen, „Teile der Entwicklung dieser Antikörper zu entschlüsseln und gleichzeitig hochpotente neutralisierende Antikörper gegen SARS-CoV-2 zu isolieren“.

Die Forscher haben im Blut von zwölf genesenen Covid-19 Patienten gezielt nach Antikörpern gegen SARS-CoV-2 gesucht. Insgesamt fanden die Wissenschaftler so 28 Antikörper, die SARS-CoV-2 effektiv neutralisieren konnten.

Studien beweisen, dass Antikörper gegen SARS-CoV-2 existieren und bei Menschen nachgewiesen wurden

Es finden sich weltweit weitere zahlreiche Studien, die sich mit der SARS-CoV-2-Antikörperforschung beschäftigen. Bereits im März beschrieb beispielsweise eine internationale Gruppe Wissenschaftler in einer Studie sogenannte validierte Assays (Anm. d. Red.: Untersuchung zum Nachweis bestimmter Substanzen), die für den Nachweis von SARS-CoV-2-spezifischen Antikörpern für diagnostische, sero-epidemiologische und Impfstoff-Evaluierungsstudien genutzt werden könnten. 

Andere Studien haben Antikörper gegen SARS-CoV-2 bei Menschen nachgewiesen, die zuvor mit Covid-19 infiziert gewesen sind. Beispielsweise eine Studie vom 6. Juli 2020, die in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet erschienen ist. Experten haben für die Studie 35.883 Haushalte in Spanien untersucht und kamen unter anderem zu dem Ergebnis: „Die meisten PCR-bestätigten Fälle weisen nachweisbare Antikörper auf.“

Spezifische Antikörper sind wichtig, um einen Impfstoff gegen Covid-19 zu entwickeln

Auch Anja Brandt, eine Sprecherin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) schreibt auf Nachfrage von CORRECTIV per E-Mail, dass es SARS-CoV-2 spezifische Antikörper gebe. Während einer SARS-CoV-2 Infektion könnten unterschiedliche Antikörper gebildet werden. 

„Da es aber auch andere zirkulierende Corona-Viren mit unterschiedlichen Verwandtschaftsgrad zu SARS-CoV-2 gibt, die den Menschen infizieren können, kann es sein, dass ein Teil der unter der SARS-CoV-2-Infektion gebildeten Antikörper diese ebenfalls gut erkennt und umgekehrt. Dieses Phänomen nennt man Kreuz-Reaktivität. Ein (möglicherweise kleiner) Teil der gegen SARS-COV-2 gebildeten Antikörper wird aber diese verwandten Coronaviren nicht oder nur sehr schwach erkennen.“

Ein Ausschnitt der E-Mail des UKE an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)
Ein Ausschnitt der E-Mail des UKE an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)

Eine Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), Susanne Stöcker, schrieb ebenfalls, dass es spezifische SARS-CoV-2 Antikörper gebe: „Das gehört zu den Anforderungen in den klinischen Prüfungen (Anm. d. Red.: von Impfstoffen) der Phasen I und II, dass die Bildung von spezifischen Antikörpern gegen SARS-CoV-2 gezeigt wird. Bevorzugt neutralisierende Antikörper, die verhindern, dass das Virus an die Zellrezeptoren binden kann.“ 

Zudem gebe es klinische Prüfungen mit Blutserum von genesenen Personen, aus denen man spezifische Antikörper isoliere, um Patienten damit direkt zu behandeln.

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Und diagnostische Tests (Antikörper-Tests) seien ebenfalls auf spezielle Antikörper gegen SARS-CoV-2 ausgerichtet, schreibt die US-amerikanische Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC). 

Fazit: Falsch. Mehrere Studien zeigen, dass Wissenschaftler SARS-CoV-2-spezifische Antikörper entdeckt haben auch bereits zum Zeitpunkt des Interviews mit Alexov.

Behauptung 5: Es sei derzeit unmöglich, einen Impfstoff gegen das Coronavirus zu entwickeln 

Laut einem deutschen Blog-Artikel behauptet Alexov zudem, es sei derzeit nicht möglich, einen Impfstoff gegen das Virus zu entwickeln. Das ist falsch. 

„Der beste Schutz vor Covid-19 ist eine wirksame Impfung“, erklärte Klaus Cichutek, Virologe und Präsident des Paul-Ehrlich Instituts (PEI), des Bundesinstituts für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, am 17. Juni in einem Presse-Briefing.

Einen Impfstoff gegen eine Krankheit zu entwickeln ist immer dann möglich, wenn Krankheiten von Erregern wie Viren oder Bakterien verursacht werden. „Es ist grundsätzlich möglich, Impfstoffe und antivirale Medikamente gegen eine Vielzahl, theoretisch wahrscheinlich sogar gegen alle Erreger von infektiösen Erkrankungen zu entwickeln, ebenso für Krankheiten, die von Viren oder Bakterien hervorgerufen werden“, erklärt eine Sprecherin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) gegenüber CORRECTIV. 

Covid-19 ist eine Infektionskrankheit – folglich ist es möglich, einen Impfstoff zu entwickeln

Ein Impfstoff hilft dem Immunsystem dabei, Antikörper zu bilden. Da Covid-19 eine Infektionskrankheit ist, die von einem Virus ausgelöst wird, ist es grundsätzlich möglich, einen Impfstoff zu entwickeln.

Voraussetzung, um einen Impfstoff entwickeln zu können, sei, den Erreger einer Krankheit und idealerweise auch seine genetische Information zu kennen, erklärt die Sprecherin des UKE. 

Ein Ausschnitt der E-Mail des UKE an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)
Ein Ausschnitt der E-Mail des UKE an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)

Bevor ein Impfstoff entwickelt werden kann, müssen Forscher Antigene identifizieren und isolieren. Antigene sind körperfremde Substanzen, die von Antikörpern auf Immunzellen erkannt werden. „Gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 hat man das Spike-Protein auf der Oberfläche des Virus als Antigen identifiziert, auf das unser Immunsystem mit der Bildung von schützenden Antikörpern reagiert“, erklärt das PEI auf seiner Webseite. 

Auf Nachfrage von CORRECTIV erklärte auch Susanne Stöcker vom PEI, dass die Aussage, es sei derzeit unmöglich, einen Impfstoff gegen das Coronavirus zu entwickeln, falsch sei und „jeder wissenschaftlichen Grundlage“ entbehre. Sie verweist darauf, dass derzeit zahlreiche Impfstoff-Kandidaten weltweit in der klinischen Prüfung sind. 

29 Impfstoff-Kandidaten gegen Covid-19 werden derzeit laut WHO klinisch getestet

Bislang gibt es zwar keinen Impfstoff, aber laut WHO sind aktuell (Stand 13. August) 29 Impfstoff-Kandidaten gegen Covid-19 in der Phase der klinischen Prüfung, werden also bereits an Menschen getestet. Weitere 138 potenzielle Impfstoffe sind noch in der Entwicklung. Auch zum Zeitpunkt des Interviews mit Alexov im Mai befanden sich bereits Impfstoffe in der klinischen Prüfung. Am 22. April wurde laut PEI die erste klinische Prüfung eines Covid-19-Impfstoffes in Deutschland genehmigt. 

Ausführliche Erläuterungen, wovon die Entwicklung eines neuartigen, sicheren und wirksamen Impfstoffs im Allgemeinen abhängt, finden sich hier in einem Artikel der Österreichischen Ärztezeitung von 2017

Fazit: Falsch. Es gibt bislang zwar noch keinen Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus. Es ist jedoch laut Wissenschaftlern möglich, einen solchen Impfstoff zu entwickeln.

CORRECTIV hat Alexov mit den Fakten und Argumenten, die seinen Behauptungen widersprechen, per E-Mail konfrontiert und nachgefragt, ob er diese Ansichten weiterhin vertritt. Bis zur Veröffentlichung dieses Artikels haben wir darauf keine Antwort erhalten.

Unsere Bewertung:
Falsch. Es sterben Menschen am Coronavirus, es wurden Antikörper gegen SARS-CoV-2 nachgewiesen und es ist laut Experten möglich, einen Impfstoff zu entwickeln.

Der Beitrag des türkischen Nachrichtensenders TGRT Haber stellt falsche Behauptungen über Adrenochrom auf.
Der Beitrag des türkischen Nachrichtensenders TGRT Haber stellt falsche Behauptungen über Adrenochrom auf. (Quelle: Youtube, Screenshot: CORRECTIV)

von Uschi Jonas

In einem Beitrag eines türkischen Nachrichtensenders, der auch in deutscher Übersetzung verbreitet wird, wird behauptet, Kinder würden entführt, um ihnen Haut und ein Stoffwechselprodukt zu entnehmen, womit sich Erwachsene die Haut verjüngen ließen. Das ist falsch.

„Ich habe Ihnen gesagt, die heutigen Nachrichten werden Sie erschüttern“ – mit diesen Worten beginnt die deutsche Übersetzung eines Beitrags des türkischen Nachrichtensenders TGRT Haber auf Youtube. Der Sender gilt als regierungsnah. Sechs Minuten lang zeigt der Nachrichtensprecher Fotos von Prominenten und von einem Kleinkind mit schwarz-blau unterlaufenen Augen. 

Im Video ist immer wieder die Rede davon, dass Kinder in Angst versetzt würden, um ihnen Adrenochrom, ein Stoffwechselprodukt von Adrenalin, zu entnehmen. Dieses werde dann Prominenten als Verjüngungs- und Hautsstraffungsmittel gespritzt. 

CORRECTIV hat den Beitrag geprüft, die Übersetzung aus dem Türkischen ins Deutsche ist korrekt. Der Inhalt ist jedoch fragwürdig. Wann die Nachrichtensendung ausgestrahlt wurde, ist nicht ersichtlich. Das Video mit der deutschen Übersetzung wurde am 28. Juni auf Youtube veröffentlicht und bisher mehr als 177.000 Mal aufgerufen und mehr als 10.000 Mal auf Facebook geteilt. Eine Bilder-Rückwärtssuche mit Google ergibt keine Treffer vor dem 28. Juni. Es finden sich zudem auch Übersetzungen des Videos in andere Sprachen, zum Beispiel Englisch. Auf der Webseite des Senders selbst oder seinen Youtube-Kanälen ist das Video nicht zu finden, das Studio und der Moderator weisen aber darauf hin, dass das Video wirklich von TGRT Haber stammt.

Recherchen von CORRECTIV zeigen, dass die Behauptungen im Beitrag in die Irre führen und einen bekannten Verschwörungsmythos wiederholen. 

1. Behauptung: Prominente würden sich mit „Hautfetzen von koreanischen Babys“ die Haut verjüngen

Zu Beginn des Beitrags (ab Minute 00:58) wird ein Ausschnitt aus der US-amerikanischen Talkshow The Ellen DeGeneres Show von Mitte Mai 2018 gezeigt. Dort sprach Schauspielerin Sandra Bullock darüber, dass sie Fan der sogenannten Penis Facial-Methode sei. Weltweit berichteten Medien (zum Beispiel hier oder hier) bereits seit März 2018 darüber, dass sich Prominente wie Sandra Bullock oder Cate Blanchett mit dieser Methode die Gesichtshaut behandeln lassen würden.

Der Sprecher des türkischen TV-Senders kommentiert dazu (ab Minute 1:47): Wie unschuldig sie es doch erzählen. Was ist es? Hautfetzen von koreanischen Kindern, die unter die Gesichtshaut injiziert werden, um jung und schön zu bleiben.“ Damit stellt er den Sachverhalt irreführend dar. Es werden keine Hautfetzen injiziert, sondern Stammzellen.

Die von Sandra Bullock angeführte Schönheitsbehandlung existiert tatsächlich. Angeboten wird sie Medienberichten zufolge in New York von der Kosmetikerin Georgia Louise. Sie hat sich auf Gesichtsbehandlungen spezialisiert und betreibt ein Studio in Manhattan.

Bullock ließ sich in einem  Kosmetikstudio in New York mit Microneedling und EGF-Serum behandeln

Die Behandlungsmethode nennt sich The Hollywood EGF Facial. Auf der Webseite von Georgia Louise ist zu lesen, dass es sich um eine TCA-Peel-Microneedling-Behandlung handelt. Es werde ein Epidermal Growth Factor (EGF)-Serum aufgetragen, um die Bildung von Kollagen und Elastin zur Straffung und Festigung der Haut zu unterstützen“.

Auf der Webseite von Georgia Louise ist erklärt, wie die „The Hollywood EGF Facial“-Behandlung abläuft (Quelle: Georgia Louise, Screenshot: CORRECTIV)
Auf der Webseite von Georgia Louise ist erklärt, wie die „The Hollywood EGF Facial“-Behandlung abläuft (Quelle: Georgia Louise, Screenshot: CORRECTIV)

Microneedling beziehungsweise Mesotherapie wird beispielsweise bei Durchblutungsstörungen, Rheuma, Arthrose oder Rückenschmerzen angewandt. Aber auch in der Dermatologie und in der ästhetischen Medizin wird Microneedling eingesetzt. Wirkstoffe und Medikamente werden dabei mit winzigen Nadeln direkt in die Haut gespritzt. 

Die Kommission für kosmetische Mittel des Bundesinstituts für Risikobewertung schreibt in einem Protokoll von Mai 2013, die Methode sei kritisch zu bewerten, da Infektionen oder allergische Reaktionen auftreten können.

EGF epidermale Wachstumsfaktoren – spielen eine wichtige Rolle bei der Wundheilung, indem sie die Heilung der äußeren Zellschicht der Haut stimulieren. Auch bei der Behandlung von Krebs spielen Therapien, die epidermale Wachstumsfaktoren einsetzen, eine Rolle. EGF-Serum findet aber auch in der Kosmetikindustrie Verwendung, zahlreiche Hersteller verkaufen das Serum als Anti-Aging-Produkt oder bieten es in Kombination mit einer Mesotherapie an.

Die Stammzellen für die Gesichtsbehandlung werden angeblich aus der Vorhaut von Babys gewonnen

Gewonnen werden die EGF aus Stammzellen. Auf der Webseite von Georgia Louise sind dazu nicht direkt in der Behandlungsbeschreibung Details zu finden, aber auf der Webseite wird ein Artikel des People-Magazins verlinkt. Darin bestätigt eine Angestellte des Kosmetikstudios Sandra Bullocks Ausführungen, dass das Serum von der Vorhaut koreanischer Babys extrahiert werde. Die Angestellte von Georgia Louise erklärt People: Ja, sie hat recht. Das Serum wird aus der Vorhaut des Penis eines Babys gewonnen. […] EGF werden aus den Vorläuferzellen (Anm. d. Red.: Abkömmling einer Stammzelle) menschlicher Fibroblasten (Anm. d. Red.: Hauptbestandteil des Bindegewebes) von der Vorhaut koreanischer Neugeborener gewonnen.

Fremde Haut wird vom Körper abgestoßen, nicht jedoch embryonale Stammzellen

Professor Lukas Prantl, Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie und Präsident der Deutschen Gesellschaft der Plastischen Chirurgen, erklärt im Gespräch mit CORRECTIV, dass selbst die Transplantation kleinster Hautpartikel eigentlich vom Körper abgestoßen werde. Die Haut ist ein Immunorgan mit verschiedenen Abwehrspezialisten. Immer wenn ich Zellen von fremden Personen nehme, kommt es zu  einer Abstoßungsreaktion. 

Anders sei das jedoch bei embryonalen Stammzellen. In Deutschland ist die Verwendung embryonaler Stammzellen streng reglementiert und wird als ethisch bedenklich eingestuft. Aber grundsätzlich besitzen sie ein hohes Potenzial zur Regeneration zum Beispiel von Sehnen, Knorpel oder der Verbesserung von Hautstrukturen. Eine Alternative bieten hier die Stammzellen aus dem Fettgewebe, sagt Prantl.

Im Zusammenhang mit der Penis Facial-Methode ist die Rede davon, dass dafür Stammzellen aus der Vorhaut bei der Beschneidung Neugeborener verwendet würden. Facharzt Prantl berichtet zudem davon, dass die Zellen auch entnommen werden könnten, wenn ein Embryo im Mutterleib stirbt und ausgeschabt werde.

Fazit: Hier fehlt wesentlicher Kontext. Es werden keine Hautfetzen von Babys injiziert. Es stimmt aber, dass eine Gesichtsbehandlungs-Methode existiert, bei der embryonale Stammzellen in Form eines Serums verwendet werden. Die Behauptung, dass diese von der Vorhaut koreanischer Babys stammen könnten, lässt sich lediglich in Medienberichten über ein Kosmetikstudio in New York wiederfinden. 

2. Behauptung: Kinder würden in Stress- oder Angstsituationen versetzt, um ihnen Adrenochrom zu entnehmen und dieses dann zur Verjüngung zu verkaufen

Im Beitrag spricht der Moderator des türkischen TV-Senders immer wieder davon, dass Kindern Adrenochrom entnommen werde und sie dazu in außerordentliche Stresssituationen versetzt würden. Denn Adrenochrom entstehe bei Kindern, wenn sie Schmerz oder Angst verspüren würden (zum Beispiel ab Minute 2:20). Es werde an Reiche und Berühmte teuer verkauft, behauptet er weiter. Zu diesem Zweck würden angeblich täglich weltweit tausende Kinder entführt, gefoltert und getötet, um ihnen im Augenblick des Todes das Blut zu entnehmen und das Hormon den Reichen zu verkaufen (ab Minute 5:32). 

Zur Stützung der Behauptung werden immer wieder Fotos von Prominenten und das Foto eines Kleinkindes mit Blutergüssen unter den Augen gezeigt. Eine Bilder-Rückwärtssuche des Kinderfotos führt lediglich immer wieder zum Video des türkischen TV-Senders. Der genaue Ursprung lässt sich nicht ausmachen.

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Adrenochrom ist ein Abbauprodukt von Adrenalin ­ Erwachsene und Kinder produzieren es gleichermaßen

Die Behauptung, Kinder müssten Schmerz oder Angst verspüren, um Adrenochrom zu produzieren, ist falsch. Adrenochrom ist ein Abbauprodukt von Adrenalin. Adrenalin  produziert jeder Mensch, wenn er unter psychischem oder physischem Stress steht. Nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene produzieren dann in geringen Mengen Adrenochrom, erklärt Lukas Prantl im Gespräch mit CORRECTIV. Adrenalin ist ein Hormon, und dieses Hormon hat eine feste chemische Struktur und die ist bei einem Kind nicht besser oder schlechter als bei einem Erwachsenen. Es ergebe folglich rein biologisch keinerlei Sinn, Adrenochrom nur in Zusammenhang mit Kindern zu betrachten. 

Dass Adrenochrom genutzt werden könnte, um die Haut zu verjüngen und beispielsweise über Microneedling zu injizieren, ist dem Facharzt nicht bekannt. Und ich wüsste auch nicht, welchen Nutzen das haben sollte. Zudem gibt es viele andere gute Möglichkeiten, wie die Anwendung von körpereigenen Vorläuferzellen aus dem Fettgewebe oder Blutplättchen.

Der Verschwörungsmythos um Adrenochrom hat seinen Ursprung in antisemitischen Motiven

Immer wieder kursieren Behauptungen im Netz, die die angebliche Entführung von Kindern mit Adrenochrom und einem vermeintlichen Verjüngungselixier in Verbindung bringen. Sie sind Teil des weltweiten QAnon-Verschwörungsmythos. Deren Anhänger glauben unter anderem daran, dass eine satanistische Elite die Welt beherrsche. Diese entführe Kinder, halte sie in unterirdischen Gefängnissen und versuche mit ihrem Blut, das eigene Leben zu verlängern und sich aufzuputschen. CORRECTIV hat schon in mehreren Faktenchecks gezeigt, dass diese Theorien auf falschen Annahmen beruhen (zum Beispiel hier, hier und hier).

Die Behauptungen über Adrenochrom und das Entführen von Kindern hat seinen Ursprung auch in alten antisemitischen Motiven. Ein Vorläufer sei der antisemitische Mythos der „Hexensalbe“, wie Religionswissenschaftler Michael Blume erklärt. „In Werken wie dem Nürnberger ‘Formicarius’ von 1430 wurde vor allem Frauen vorgeworfen, gemeinsam mit Juden und Teufeln den ‘Hexensabbat’ zu begehen und aus ermordeten, christlichen Kindern eine teuflische, mächtige Salbe herzustellen“, sagt Blume. 

Fazit: 

Der türkische Fernsehbeitrag vermischt Informationen über eine umstrittene Gesichtsbehandlung mit embryonalen Stammzellen mit einem Verschwörungsmythos über Adrenochrom. Beides hat jedoch nichts miteinander zu tun.

Dafür, dass Kinder entführt und in Angst versetzt würden, um ihnen das Stoffwechselprodukt Adrenochrom zu entnehmen und es als Verjüngungsmittel an Prominente zu verkaufen, gibt es keine Belege. Auch aus medizinischer Sicht ergibt das laut einem Experten für Plastische Chirurgie keinen Sinn.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Der türkische Fernsehbeitrag verbreitet einen Verschwörungsmythos über entführte, gefolterte Kinder und Adrenochrom.

Am vergangenen Samstag fanden in Berlin Proteste gegen die Corona-Maßnahmen statt. In Sozialen Netzwerken kursieren viele falsche Behauptungen über die Anzahl der Teilnehmer.
Am vergangenen Samstag fanden in Berlin Proteste gegen die Corona-Maßnahmen statt. In Sozialen Netzwerken kursieren viele falsche Behauptungen über die Anzahl der Teilnehmer. (Quelle: Picture Alliance/ Christoph Soeder/ dpa)

von Uschi Jonas

Am vergangenen Samstag protestierten in Berlin Menschen gegen die Corona-Maßnahmen. Über die Zahl der Teilnehmer an der Demonstration und der anschließenden Kundgebung gibt es in Sozialen Netzwerken unterschiedliche Angaben. Manche behaupten, es seien 500.000 bis 3,5 Millionen Menschen gewesen. Das ist falsch.

Update, 6. August: Leserinnen und Leser haben uns darauf hingewiesen, dass wir in unserem Text die Kundgebung auf der Straße des 17. Juni falsch verortet hatten. Die Polizei hatte uns mitgeteilt, dass der Hauptbereich auf Höhe des Sowjetischen Ehrendenkmals gelegen habe. Das ist nicht richtig. Der Bereich der Kundgebung lag zwischen der Yitzhak-Rabin-Straße und dem Großen Stern. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen und haben den Text überarbeitet. Die Gesamtbewertung dieses Faktenchecks veränderte sich dadurch nicht.

„Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ – unter diesem Motto protestierten am vergangenen Samstag organisiert von der Initiative „Querdenken 711“ Menschen gegen die Corona-Maßnahmen in der Hauptstadt. Laut der Polizei Berlin fanden sich zunächst gegen 11 Uhr Unter den Linden Menschen für einen Demonstrationszug zusammen. Anschließend gab es ab 15.30 Uhr eine Kundgebung auf der Straße des 17. Juni.

Doch vor allem die Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sorgt im Nachgang für Diskussionen. In Sozialen Netzwerken kursieren zahlreiche Behauptungen und Vergleiche mit früheren Veranstaltungen wie der Love Parade, die von den offiziellen Angaben der Polizei abweichen. CORRECTIV hat einige dieser Behauptungen überprüft. Sie alle übertreiben die realistische Teilnehmerzahl bei der Kundgebung um ein Vielfaches. 

Behauptung 1: Luftaufnahme zeigt Teilnehmer der Anti-Corona-Kundgebung

In Sozialen Netzwerken tauchen zahlreiche Fotos auf, die die Anti-Corona-Kundgebung am vergangenen Samstag mit der Teilnehmerzahl bei der Techno-Veranstaltung Love Parade in Bezug setzen. In einem Facebook-Beitrag wird zum Beispiel mit einer Luftaufnahme behauptet, die Kundgebung habe auch rund um den Großen Stern und die Siegessäule stattgefunden, die Straßen seien in alle Himmelsrichtungen voller Demonstranten gewesen.

In einem Facebook-Beitrag wird mit einem Foto der Love Parade 2001 behauptet, dass es mehr Teilnehmer bei der Anti-Corona-Kundgebung gegeben habe als die Polizei meldete. (Quelle: Facebook, Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)
In einem Facebook-Beitrag wird mit einem Foto der Love Parade 2001 behauptet, dass es mehr Teilnehmer bei der Anti-Corona-Kundgebung gegeben habe als die Polizei meldete. (Quelle: Facebook, Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)

Eine Bilder-Rückwärtssuche bei Google ergibt jedoch, dass das verwendet Foto nicht die Kundgebung vom vergangenen Samstag zeigt. Stattdessen stammt es von der Love Parade am 21. Juli 2001, aufgenommen von einem Fotografen der Presseagentur AP. Die Polizei zählte damals laut Medienberichten 800.000 Besucher, die Veranstalter sprachen von rund einer Million. 

Fotos zeigen Kundgebung kurz nach ihrem Beginn

Auf Nachfrage von CORRECTIV erklärte ein Sprecher der Polizei Berlin am Montag, dass die Kundgebung unter dem Motto „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ für den Bereich auf der Straße des 17. Juni zwischen dem Sowjetischen Ehrendenkmal bis zum Brandenburger Tor angemeldet gewesen sei. Im weiteren Verlauf sei die Demonstration bis zur Yitzhak-Rabin-Straße erweitert worden. Der Bereich bis zum Großen Stern sei nur aus Sicherheitsgründen ebenfalls abgesperrt gewesen. 

Luftaufnahmen zeigen jedoch, dass das nicht stimmen kann. Ein Foto der Deutschen Presse-Agentur (DPA) zeigt, dass sich für die Kundgebung Menschen auf der Straße des 17. Juni versammelten. An einer Stelle ist die Strecke durch mehrere Kastenwagen der Polizei getrennt. Klar zu sehen ist, dass die Hauptkundgebung westlich von der Absperrung stattgefunden hat – zu erkennen ist eine große Bühne mit dem Banner der Initiative „Querdenken“.

Eine Luftaufnahme der DPA von der Anti-Corona-Kundgebung vor dem Brandenburger Tor am 1. August. Sie entstand etwa eine halbe Stunde nach Beginn der Veranstaltung. (Quelle: Picture Alliance/ Christoph Soeder/ dpa)
Eine Luftaufnahme der DPA von der Anti-Corona-Kundgebung vor dem Brandenburger Tor am 1. August. Sie entstand etwa eine halbe Stunde nach Beginn der Veranstaltung. (Quelle: Picture Alliance/ Christoph Soeder/ dpa)

Beim Hineinzoomen in die Luftaufnahme ist östlich von der Polizei-Absperrung eine Statue zu erkennen: „Der Rufer“. Wie Google Maps zeigt, steht diese Statue zwischen Brandenburger Tor und dem Sowjetischen Ehrendenkmal und somit östlich von der Yitzhak-Rabin-Straße. Zu erkennen ist ebenfalls, dass die Polizeiwagen in der Nähe von Ampeln platziert sind. Daher ist es plausibel, dass sie etwa auf Höhe der Yitzhak-Rabin-Straße stehen.

Der Bildausschnitt zeigt, dass die Statue „Der Rufer“ zwischen der Polizeiabsperrung und dem Brandenburger Tor steht. Die Ampeln zeigen, dass die Polizeiwagen mutmaßlich etwa auf Höhe der Yitzhak-Rabin-Straße standen. (Foto: Picture Alliance/Christoph Soeder/dpa, Markierung: CORRECTIV)
Der Bildausschnitt zeigt, dass die Statue „Der Rufer“ zwischen der Polizeiabsperrung und dem Brandenburger Tor steht. Die Ampeln zeigen, dass die Polizeiwagen mutmaßlich etwa auf Höhe der Yitzhak-Rabin-Straße standen. (Foto: Picture Alliance/ Christoph Soeder/ dpa, Markierung: CORRECTIV)

Die Kundgebung unter dem Motto „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ fand folglich im Bereich zwischen Yitzhak-Rabin-Straße und Siegessäule statt. CORRECTIV hat die Polizei Berlin am Donnerstag damit konfrontiert, doch keine Rückmeldung mehr erhalten. 

Das Ende der Menschenmenge ist zwar auf dem Foto der DPA nicht ersichtlich, aber es ist zu erkennen, dass sich die Menschenmenge am unteren Rand des Fotos Richtung Siegessäule bereits ausdünnt. 

Auf Nachfrage von CORRECTIV teilte die DPA mit, dass die Luftaufnahme des Fotografen Christoph Soeder zwischen 16:03 und 16:10 Uhr entstanden sei. Da die Kundgebung laut Polizei rund 30 Minuten zuvor um 15:30 Uhr begann, ist davon auszugehen, dass ein Großteil der Teilnehmer zum Zeitpunkt des Fotos anwesend war. Es existieren zudem keine Aufnahmen, die zeigen, dass die Kundgebung bis zum Großen Stern reichte oder gar darüber hinaus. 

Eine andere Luftaufnahme, die von der Tagesschau veröffentlicht wurde, bestätigt, dass die Menschenmenge nicht bis zur Siegessäule reichte. Ein Tagesschau-Redakteur wies uns darauf hin, dass das Foto von Imago Images stamme. Auf Nachfrage von CORRECTIV teilte der Imago-Fotograf Christian Spicker mit, dass das Foto um 15:39 Uhr entstanden sei, also kurz nach dem offiziellen Beginn der Kundgebung. Ein größerer Ausschnitt des Fotos bei der Tagesschau zeigt ebenfalls, dass sich die Menge deutlich ausdünnt und zumindest zum Zeitpunkt des Fotografierens  nicht bis zur Siegessäule reichte.

Fazit: Falsch. Ein Foto, das Menschenmassen rund um den Großen Stern zeigt, stammt nicht von der Anti-Corona-Kundgebung am 1. August in Berlin, sondern von der Love Parade im Jahr 2001. Luftbilder der Kundgebung „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ am 1. August zeigen deutlich geringere Menschenmengen.. 

Behauptung 2: Die Teilnehmerzahl bei der Kundgebung vor dem Brandenburger Tor habe nicht etwa 20.000, sondern 500.000 bis über eine Million Menschen betragen

In einer Pressemitteilung teilte die Berliner Polizei bereits am Samstag, mit, dass sich bei der Kundgebung 20.000 Menschen vor dem Brandenburger Tor versammelt hatten. 17.000 hätten an der davor stattgefundenen Demonstration, also dem Aufzug, der durch die Stadt führte, teilgenommen. Der Demonstrationszug war von 11 bis 15:30 Uhr angemeldet und stand unter dem Motto „Versammlung für die Freiheit“, wie ein Polizeisprecher CORRECTIV am Telefon erläuterte. 

Der Zug sollte eigentlich bis zur Straße des 17. Juni gehen, aber kam schon zuvor zum Ende, so der Polizeisprecher. Gestartet sei er Unter den Linden 74 bis 76 und zog dann über die Friedrichstraße, Torstraße, Rosenthaler Straße, Weinmeisterstraße, Münzstraße, Memhardstraße, Karl-Liebknecht-Straße, Spandauer Straße, den Molkenmarkt, Leipziger Straße, Glinkastraße, Dorotheenstraße und die Ebertstraße. Er endete noch vor der Straße des 17. Juni. 

Am Montag sagte der Pressesprecher der Polizei CORRECTIV, dass sich an der Schätzung der Teilnehmerzahl nichts geändert habe. Weiter erklärte er, es sei üblich, dass die Polizei bei Großlagen wie bei der Veranstaltung am vergangenen Samstag in Berlin Polizeihubschrauber einsetze, um die Teilnehmerzahlen abzuschätzen. 

„Der Polizeihubschrauber hat eine Kamera an Bord. Von dort findet eine Direktübertragung der Bilder an den Führungsstab statt. Dieser nimmt anhand der Bilder dann eine Schätzung vor. Gespeichert werden die Bilder jedoch nicht, da dies datenschutzrechtlich verboten ist“, sagte der Pressesprecher CORRECTIV. 

In Sozialen Netzwerken verbreiten sich dennoch zahlreiche Behauptungen, die Teilnehmerzahl habe weitaus höher gelegen und die Medien würden lügen. So heißt es beispielsweise in einem Artikel des rechtspopulistischen Magazins Compact, es seien 500.000 bis eine Million Teilnehmer bei der Kundgebung anwesend gewesen. 

Sind 500.000 oder eine Million Menschen plausibel?

Auf Facebook wird in zahlreichen Beiträgen behauptet, es seien mindestens eine Million Teilnehmer gewesen (zum Beispiel hier, hier oder hier). Recherchen von CORRECTIV zeigen, dass diese Behauptungen nicht richtig sein können. 

Immer wieder sind die Straßen im Tiergarten Schauplatz für Großveranstaltungen in Berlin. Ein Vergleich mit den Aufnahmen und den Informationen über die Teilnehmerzahl der Love Parade zeigt deutlich, dass bei der Kundgebung am Samstag nicht eine Million oder mehr Menschen anwesend gewesen sein können. 

Zwischen 1996 und 2003 fand die Veranstaltung rund um den Großen Stern im Tiergarten statt, 2004 und 2005 fiel sie aus, 2006 fand sie ein letztes Mal in Berlin statt. Auf Nachfrage von CORRECTIV konnte die Polizei Berlin keine Teilnehmerzahlen nennen; das Archiv reiche nicht so weit zurück. 

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Laut dem Online-Portal Statista, das sich als Quelle auf die Veranstalter der Love Parade beruft, betrug die Teilnehmerzahl im Berliner Tiergarten in den Jahren 1996 bis 2006 zwischen 750.000 und maximal 1,5 Millionen (1999).

Bei der Love Parade feierten die Teilnehmer dicht gedrängt nicht nur (wie am vergangenen Samstag bei der Anti-Corona-Kundgebung) auf dem Abschnitt zwischen Yitzhak-Rabin-Straße und Siegessäule, sondern auf der ganzen Strecke zum Brandenburger Tor und auch auf allen Straßen rund um den Großen Stern. 

Das zeigen Fotos wie das bereits erwähnte Luftbild der Presseagentur AP von dem Event 2001, bei dem die Veranstalter von einer Million Menschen sprachen und die Polizei von 800.000. Immer wieder kommt es vor, dass Veranstalter höhere Angaben machen als die Polizei. Dennoch ist es nicht möglich, dass bei der Kundgebung „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ ähnlich viele Menschen anwesend waren wie bei der Love Parade.

Schätzungen zeigen, es hätten dicht gedrängt maximal rund 173.600 Menschen bei der Anti-Corona-Kundgebung Platz gehabt

Das Online-Tool „Mapchecking“ ermöglicht es, die maximale Anzahl stehender Personen in einem bestimmten Gebiet zu schätzen. Das Tool bietet die Möglichkeit, bis maximal sieben Personen pro Quadratmeter die Größe einer Menschenmenge zu schätzen. Das Maximum liege bei fünf Menschen auf einem Quadratmeter; alles darüber hinaus sei ein großes gesundheitliches Risiko, zeigt eine Analyse zu Sicherheit und Risiko von Menschenansammlungen von Keith Still. Still ist ein Mathematik-Professor, der auch ein Gutachten zur Love Parade 2010 erstellt hat, bei der es zu einer Massenpanik kam.

So dicht gedrängt stehen Menschen der Studie von Keith Still zufolge, wenn auf einen Quadratmeter fünf Personen kommen (Quelle: Keith Still, Screenshot: CORRECTIV)
So dicht gedrängt stehen Menschen der Studie von Keith Still zufolge, wenn auf einen Quadratmeter fünf Personen kommen (Quelle: Keith Still, Screenshot: CORRECTIV)

Selbst bei der Annahme von fünf Personen pro Quadratmeter beträgt die Schätzung des Tools „Mapchecking“ lediglich rund 173.600 Personen, die auf dem Bereich zwischen Yitzhak-Rabin-Straße und Siegessäule Platz hätten.

Selbst dicht gedrängt hätten in dem Bereich der Kundgebung lediglich rund 173.600 Menschen Platz gehabt, wie das Tool „Mapchecking“ zeigt. (Quelle: Mapchecking, Screenshot: CORRECTIV)
Selbst dicht gedrängt hätten in dem Bereich der Kundgebung lediglich rund 173.600 Menschen Platz gehabt, wie das Tool „Mapchecking“ zeigt. (Quelle: Mapchecking, Screenshot: CORRECTIV)

In Sozialen Netzwerken kursiert zudem die Behauptung, die Polizei habe nicht alle Protestierenden, die zur Kundgebung „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ auf die Straße des 17. Juni wollten, auch dort hin gelassen. Stattdessen seien zahlreiche Menschen in Seitenstraßen und rund um den Großen Stern geleitet worden. 

Dies verneinte der Pressesprecher der Polizei gegenüber CORRECTIV: „Wir haben alle, die zu dieser Kundgebung wollten, auch in den Kundgebungsbereich hineingelassen.“ Hinter der Yitzhak-Rabin-Straße oder rund um den Großen Stern seien keine Menschen umgeleitet worden, auch habe es dort keine weiteren Versammlungen gegeben. Die Behauptung ist also unbelegt.

Rund um das Brandenburger Tor fanden andere Kundgebungen statt

Lediglich – wie auch auf Luftaufnahmen zu erkennen – rund um das Brandenburger Tor und den Pariser Platz habe es einen weiteren abgesperrten Bereich gegeben, so der Polizeisprecher. 

Wie auf Fotos erkennbar ist, war dieser Bereich von der Kundgebung „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ durch die Kastenwagen der Polizei abgetrennt. „Es waren Teilnehmer anderer Kundgebungen“, sagte der Polizeisprecher. Um das Brandenburger Tor hätten im Tagesverlauf weitere Kundgebungen stattgefunden, die von anderen Veranstaltern angemeldet worden seien. 

„Dort hatten wir zeitgleich eine Versammlung unter dem Motto ‘Reform 3000  – Stolperstein auf der Querdenker-Demo’, die angemeldet war von 10:30 bis 18 Uhr. Und ebenfalls auf dem Pariser Platz eine Kundgebung ‘Gegen Rassismus, Antisemitismus – kein Fußbreit den Verschwörungstheoretikern’ von 10:30 bis 17:30 Uhr“, so der Sprecher. Die Angaben der Polizei von 20.000 Teilnehmer beziehen sich auf die große Kundgebung „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“.

Zur Teilnehmerzahl der anderen Kundgebungen um das Brandenburger Tor und auf dem Pariser Platz macht die Polizei keine Angaben. Großzügig mit dem „Mapchecking“-Tool berechnet hätten dort dicht gedrängt (fünf Personen pro Quadratmeter) 88.200 Menschen Platz.

Dicht gedrängt hätten in dem Bereich um das Brandenburger Tor rund 88.200 Menschen Platz gehabt, wie das Tool „Mapchecking“ zeigt. (Quelle: Mapchecking, Screenshot: CORRECTIV)
Dicht gedrängt hätten in dem Bereich um das Brandenburger Tor rund 88.200 Menschen Platz gehabt, wie das Tool „Mapchecking“ zeigt. (Quelle: Mapchecking, Screenshot: CORRECTIV)

Jedoch ist auf Fotos zu sehen, dass die Menschen auch dort nicht dicht gedrängt versammelt waren.

Eine Ausschnitt der Luftaufnahme der DPA zeigt die Menschenmenge vor dem Brandenburger Tor. (Quelle: Picture Alliance/ Christoph Soeder/ dpa, Screenshot: CORRECTIV)
Eine Ausschnitt der Luftaufnahme der DPA zeigt die Menschenmenge vor dem Brandenburger Tor. (Quelle: Picture Alliance/ Christoph Soeder/ dpa, Screenshot: CORRECTIV)

Fazit: Falsch. Es haben nicht 500.000 bis über eine Million Menschen an der Kundgebung auf der Straße des 17. Juni teilgenommen. Die Polizei spricht von 20.000, Schätzungen zufolge würde die Fläche zwischen Yitzhak-Rabin-Straße und Siegessäule maximal rund 173.600 Menschen dicht gedrängt zulassen. So dicht standen die Menschen am Samstag Luftaufnahmen zufolge jedoch nicht. Diese entstanden kurz nach Beginn der Veranstaltung. Selbst wenn später noch zahlreiche weitere Menschen zu der Kundgebung hinzugestoßen wären, sind Zahlen von 500.000 oder mehr Teilnehmern nicht realistisch. 

3. Behauptung: Die Polizei habe selbst von 800.000 Teilnehmern beim Demonstrationszug gesprochen

In einem Facebook-Beitrag wird behauptet, die Polizei habe von 800.000 Menschen bei der Anti-Corona-Demonstration gesprochen, die durch die Stadt zog. Auch Daniel Wald, Landtagsabgeordneter der AfD in Sachsen-Anhalt verbreitet diese Behauptung auf Facebook.

Auf Nachfrage von CORRECTIV dementierte die Polizei Berlin diese Behauptung. Telefonisch bestätigte ein Sprecher die in einer Pressemitteilung am Samstag veröffentlichten Zahlen. Demnach nahmen höchstens 17.000 Personen an der Demonstration teil, die am Samstag gegen 11 Uhr Unter den Linden begann und gegen 14 Uhr noch vor der Straße des 17. Juni endete.

In einem Tweet teilte die Polizei Berlin bereits am 1. August mit, dass sie die „exorbitant höhere Zahl, die laut verschiedener Tweets durch uns genannt worden sein soll“ nicht bestätigen könne.

Fazit: Falsch. Die Polizei sprach nicht von 800.000 Teilnehmern bei der Demonstration, sondern von 17.000.

4. Behauptung: Die Polizei habe getwittert, es seien 3,5 Millionen Teilnehmer bei der „Tag der Freiheit“-Demonstration bestätigt

Auf Facebook wird außerdem ein angeblicher Tweet der Polizei Berlin verbreitet. Demnach habe die Polizei getwittert: „Auf der ‘Tag der Freiheit’ Demonstration können wir zurzeit mindestens 3,5 Millionen Teilnehmer bestätigen.“ 

Sowohl der Twitter-Account-Name als auch das Logo des Accounts „Polizei Berlin Einsatz“ des Screenshots des angeblichen Tweets stimmen mit dem verifizierten Account der Berliner Polizei überein. Dort ist ein solcher Tweet aber nicht zu finden. 

Auf Nachfrage von CORRECTIV dementierte ein Sprecher der Polizei Berlin, dass die Polizei zu irgendeinem Zeitpunkt einen solchen Tweet veröffentlicht habe.

Eine Google-Suche nach dem Text des Tweets führt zu keinen relevanten Treffern. Der Screenshot des Tweets ist also eine Fälschung.

Auf Facebook wird ein gefälschter Screenshot eines Tweets der Polizei verbreitet (Quelle: Facebook, Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)
Auf Facebook wird ein gefälschter Screenshot eines Tweets der Polizei verbreitet (Quelle: Facebook, Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Fazit: Falsch. Die Polizei hat nicht getwittert, sie könne 3,5 Millionen Teilnehmer auf der „Tag der Freiheit“-Demonstration bestätigen.

Update, 5. August 2020: Zunächst hatten wir geschrieben, dass uns die Quelle der Luftaufnahme bei der Tagesschau unbekannt sei; diese Information haben wir ergänzt. Zudem haben wir den Text um Passagen über die angebliche Aufspaltung des Demonstrationszuges durch die Polizei ergänzt und erklärt, dass die Menschen rund um das Brandenburger Tor nicht zur Kundgebung „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ gehörten. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Die Angaben von 500.000 oder bis zu 3,5 Millionen Menschen bei dem Protest in Berlin sind falsch.

Stella Immanuel, eine der Ärztinnen der „America’s Frontline Doctors“ bei der Pressekonferenz am 27. Juli vor dem Supreme Court in Washington.
Stella Immanuel, eine der Ärztinnen der „America’s Frontline Doctors“ bei der Pressekonferenz am 27. Juli vor dem Supreme Court in Washington. (Screenshot: CORRECTIV)

von Uschi Jonas

Eine Gruppe Mediziner, die sich „America’s Frontline Doctors“ nennen, ziehen weltweit Aufmerksamkeit mit der unbelegten Behauptung auf sich, Covid-19 könne mit dem Malaria-Medikament Hydroxychloroquin geheilt werden. Ärztin Stella Immanuel verbreitet schon seit Jahren unwissenschaftliche Mythen.

In weißen Kitteln steht eine Gruppe Menschen vor dem US Supreme Court in Washington. Sie nennen sich America’s Frontline Doctors und sprechen davon, dass niemand an Covid-19 erkranken müsse. Es gebe ein Heilmittel, das Erkrankte gesund mache und Gesunde präventiv vor einer Erkrankung schütze: Hydroxychloroquin. Alle Schutzmaßnahmen vor dem Coronavirus seien zudem hinfällig und nutzlos. 

Hydroxychloroquin ist ein Medikament, das gegen Malaria eingesetzt wird, entzündungshemmend wirkt und auch gegen rheumatologische Erkrankungen helfen soll. Doch: Seit Monaten warnen Ärzte und Wissenschaftler vor der Einnahme von Hydroxychloroquin in Zusammenhang mit Covid-19. Es gibt keine Belege, dass es zur Behandlung der Krankheit geeignet ist. Das Video der „Frontline Doctors“ verbreitete sich trotzdem rasant in mehreren Ländern auch weil sich prominente Unterstützer fanden.

Am 27. Juli war die rechtspopulistische Nachrichtenseite Breitbart News laut Medienberichten live auf Facebook und übertrug die Pressekonferenz der „Frontline Doctors“. Unterstützt wurde die Veranstaltung von den „Tea Party Patriots“, einer rechtskonservativen politischen Organisation. Der Republikaner Ralph Norman eröffnete die Pressekonferenz. 

Youtube, Facebook und Twitter löschten Videos der „America’s Frontline Doctors“

Auch wenn das Video der Pressekonferenz mittlerweile von Youtube gelöscht wurde, findet sich auf dem Youtube-Kanal der „Tea Party Patriots“ noch ein über dreistündiges Video des sogenannten Gipfeltreffens der „Frontline Doctors“. Das Video tauchte auch in Deutschland auf: Die Pressekonferenz ist auf der Webseite „Corona-Datencheck“ zu finden. Ein Ausschnitt des Videos findet sich unter anderem mit deutscher Beschreibung auf der Plattform Bittube. Das Video dort trägt das Logo der Jugendorganisation „Turning Point USA“, die Donald Trump im Wahlkampf nahesteht.  

Nicht nur auf Youtube wurden die Videos der Pressekonferenz gelöscht, auch Facebook und Twitter löschten laut Medienberichten Posts, die Videos der „Frontline Doctors“ verbreiteten ­ darunter auch Tweets von US-Präsident Donald Trump und seinem Sohn Donald Trump Jr.. Auch Musikerin Madonna, die laut den Berichten schon häufiger Falschinformationen während der Corona-Pandemie verbreitete, veröffentlichte Botschaften der Gruppe und bezeichnete Stella Immanuel, eine der Ärztinnen im Video, als ihre Heldin

Facebook begründete die Löschung der Videos dem US-Nachrichtensender CNN zufolge damit, dass das Video falsche Informationen über die Heil- und Behandlungsmöglichkeiten von Covid-19 verbreite. Bevor das Facebook-Live-Video auf Breitbart News von Facebook gelöscht wurde, sei es mehr als 20 Millionen Mal angeklickt worden, schreibt NBC-Reporterin Brandy Zadrozny auf Twitter

Donald Trump verteidigte erneut den Einsatz von Hydroxychloroquin gegen Covid-19

Auf einer Pressekonferenz des Weißen Hauses am 28. Juli verteidigte Donald Trump die Tatsache, dass er das Video und das Statement einer der auftretenden Ärztinnen, Stella Immanuel, geteilt hatte: Sie sagte, sie habe enormen Erfolg bei hunderten von verschiedenen Patienten und ich hielt ihre Stimme für eine wichtige Stimme, aber ich weiß nichts über sie. Erneut betonte er, dass er selbst 14 Tage lang im Mai präventiv Hydroxychloroquin eingenommen habe und es ihm gut gehe. Immer wieder pries Donald Trump in den vergangenen Monaten das Malaria-Medikament als Heilmittel gegen Covid-19 an.

Doch wer sind die „Frontline Doctors“? Die Webseite der Gruppierung ist inzwischen nicht mehr verfügbar. Sie sei vom Website-Host Squarespace am 28. Juli gelöscht worden, schreibt eine der Ärztinnen auf Twitter. In der archivierten Version der Webseite ist zu lesen, dass die Mediziner ankündigten, einen Weiße-Kittel-Gipfel abzuhalten, um „die Amerikaner zu ermächtigen, nicht länger in Angst zu leben“. Die US-Bürger seien angeblich Opfer einer „massiven Desinformationskampagne“ geworden. Spätestens bei dem öffentlichen Auftritt am vergangenen Montag vor dem Supreme Court wurde deutlich, dass es ihnen dabei um den Umgang mit der Corona-Pandemie ging. 

Ärztin Stella Immanuel behauptet, Hunderte Covid-19-Patienten mit Hydroxychloroquin geheilt zu haben

Besonders eindrücklich sind dabei die Worte von Stella Immanuel. Sie gibt an, Ärztin in Houston, Texas zu sein und Medizin in Nigeria studiert zu haben. Bei der Liveübertragung vor dem Supreme Court redete sie sich regelrecht in Rage: Ich habe persönlich mehr als 350 Menschen mit Covid behandelt. Patienten, die die Diabetes haben, die Bluthochdruck haben, Patienten die Asthma haben. Ich habe ihnen Hydroxy gegeben, ich habe ihnen Zink gegeben, ich habe ihnen Zithromax gegeben, und es geht ihnen allen gut. 

Zudem habe sie sich selbst, medizinischen Angestellten und vielen anderen Ärzten auch Hydroxychloroquin zur Prävention gegeben. Niemand müsse krank werden, niemand müsse sterben, sagt Immanuel: Für dieses Virus gibt es Heilung. Und das sind Hydroxychloroquin, Zink und Zithromax. 

Studien, die vor Hydroxychloroquin warnten, seien gefälschte Wissenschaft und das Tragen von Schutzmasken und Abstandhalten bringe nichts, um die Ausbreitung des Coronavirus zu bremsen, behauptet Immanuel weiter. Belege für diese Behauptungen liefert sie keine.

Seit Monaten gibt es Diskussionen über die Anwendung des Malaria-Medikaments im Kampf gegen Covid-19

Zu Beginn der Corona-Pandemie häuften sich weltweit Meldungen, das Malaria-Medikament könne bei der Behandlung von Covid-19 helfen. So hatte die U.S. Food and Drug Administration (FDA), die Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelbehörde der Vereinigten Staaten, im März eine Notfallgenehmigung für den Einsatz von Hdydroxychloroquin und Chloroquin zur Behandlung von Covid-19 erteilt. 

Auch in anderen nicht-europäischen Ländern wurden ähnliche Regelungen erlassen, wie das Robert-Koch-Institut (RKI) in einem Hinweispapier zum Umgang mit Covid-19-Erkrankten schreibt. Doch die Entscheidung fußte laut der Behörde lediglich auf Einzelfallberichten und Beobachtungsanalysen, die zu uneinheitlichen Ergebnissen führten, was die Sicherheit und Wirksamkeit von Hydroxychloroquin anbelangt. 

Im Mai sorgte dann eine Studie für Aufsehen, die in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet veröffentlicht worden war. Dort wurde nicht nur die Wirksamkeit von Hydroxychloroquin in Frage gestellt, sondern behauptet, das Medikament würde schwere Nebenwirkungen hervorrufen und das Sterberisiko erhöhen. Die Studie wurde massiv kritisiert, drei der vier Autoren gaben laut Medienberichten ihren Rückzug aus der Studie bekannt.  

Trotz Zweifeln an der Zuverlässigkeit der zugrundeliegenden Daten führte die Studie jedoch zum Widerruf der Notfallgenehmigung im Juni durch die FDA, wie das RKI schreibt

Inzwischen wurden einige klinische Studien zu Hydroxychloroquin wieder aufgenommen, wie auch in einem Papier des RKI zur Erkennung, Diagnostik und Therapie von Covid-19 vom 22. Juli zu lesen ist (Seite 12).

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte sieht keine Belege für eine Wirksamkeit von Hydroxychloroquin zur Behandlung von Covid-19. Auch die WHO rät von einer Einnahme ab, weil sie gefährliche Nebenwirkungen hervorrufen und sogar zum Tod führen könne.

Laut Stella Immanuel löschte Facebook ihre private Seite

Zahlreiche Medien berichten davon, dass Stella Immanuel dubiose, unwissenschaftliche Überzeugungen vertrete und verbreite. 

Immanuel arbeitet im Rehoboth Medical Centre in Houston, Texas. Online zu finden ist lediglich eine Facebook-Seite der Privatklinik, Facebook löschte die private Seite der Ärztin offenbar. Auf Twitter schrieb sie dazu: Wenn meine Seite nicht wiederhergestellt wird, wird Facebook im Namen Jesu zusammenbrechen. In ihrer Twitter-Biografie schreibt sie über sich selbst, sie sei unter anderem Ärztin, Autorin, Rednerin sowie Gottes Streitaxt und Kriegswaffe”. 

Immanuel verteufelt Masturbation und glaubt an Dämonen sowie Reptilien, die die Welt regieren

Außerdem predigt sie in der Fire Power Ministry. Dahinter verbirgt sich offenbar eine missionarische, religiöse Organisation. Die Website der Organisation ist nur in einer archivierten Version verfügbar. Aber auf Immanuels Youtube-Kanal finden sich seit 2009 Videos, in denen sie beispielsweise 2011 behauptete, wer masturbiere und Sexträume habe, rufe Dämonen, was wiederum die Ursache für zahlreiche gynäkologische Krankheiten sei.

Stella Immanuel, Mitglied von „America’s Frontline Doctors“, glaubt, dass allein die Kirche ein Recht auf Macht habe. (Quelle: Youtube, Screenshot: CORRECTIV)
Stella Immanuel, Mitglied von „America’s Frontline Doctors“, glaubt, dass allein die Kirche ein Recht auf Macht habe. (Quelle: Youtube, Screenshot: CORRECTIV)

2015 behauptete sie in einem Video, DNA von Aliens werde in medizinischen Behandlungen genutzt. Wissenschaftler würden einen Impfstoff entwickeln, um Menschen daran zu hindern, religiös zu sein und Reptilien säßen anstatt Menschen in der Regierung. Auch verbreitete sie die Behauptung, Illuminati und Dämonen würden die Weltordnung bestimmen. Lediglich die Kirche habe den Auftrag, diese Rolle zu übernehmen. Der Glaube daran, dass „Reptiloide“, also Echsenmenschen, die Länder der Welt anführen würden, ist ein Verschwörungsmythos. 

Fazit: Unbelegte Heilsversprechen einer umstrittenen Ärztin

Seit Beginn der Pandemie wird an der Wirksamkeit und den Folgen der Behandlung mit Hydroxychloroquin bei Covid-19-Patienten weltweit diskutiert und geforscht fest steht bislang, dass die Anwendung des Medikaments keine Wirksamkeit bei der Heilung oder Prophylaxe gegen das Coronavirus zeigt. 

Für die Behauptung von Stella Immanuel, sie habe Hunderte Patienten mit dem Medikament geheilt, gibt es keine Belege. Immanuel, deren Aussagen bei der Pressekonferenz der „Frontline Doctors“ auch im Weißen Haus diskutiert wurden, berief sich in der Vergangenheit bei vielen ihrer Äußerungen nicht auf wissenschaftlich fundierte Fakten, sondern auf religiöse Ansichten und verbreitete teils Verschwörungsmythen.

Weltweit werden PCR-Tests zum Nachweis des Coronavirus durchgeführt – Verletzungen am Schädel oder im Gehirn können dabei nicht entstehen
Weltweit werden PCR-Tests zum Nachweis des Coronavirus durchgeführt – Verletzungen am Schädel oder im Gehirn können dabei nicht entstehen (Symbolbild: Picture Alliance/ Robin Utrecht)

von Uschi Jonas

In mehreren Facebook-Beiträgen wird behauptet, der Corona-Test schädige die Blut-Hirn-Schranke und könne zu Infektionen im Gehirn führen. Das ist falsch. Ein Neurologe erklärt, warum.

Wer engen Kontakt zu einer mit Covid-19 infizierten Person hatte, Symptome zeigt oder in einer Risikoregion war, sollte sich auf das Coronavirus testen lassen. So sieht es die Nationale Teststrategie des Robert-Koch-Instituts (RKI) vor. 

Doch auf Facebook kursieren mehrere Beiträge (zum Beispiel hier, hier und hier), in denen behauptet wird, die Einführung des Stäbchens für den Test in die Nase würde eine hämato-enzephalitische Barriereschädigung der Schädeltiefe verursachen. Weiter wird behauptet, die Schädigung sei auch der Grund, weswegen das Einführen des Stäbchens schmerzen würde. Zudem diene der Test lediglich dazu, einen „direkten Eingang zum Gehirn für jede Infektion zu schaffen

Insgesamt wurden die Beiträge bislang mehr als 8.800 Mal auf Facebook geteilt. Recherchen von CORRECTIV zeigen: Die Behauptungen sind falsch. Durch den Abstrich für den sogenannten PCR-Test kann es zu keinen Verletzungen kommen. Dass das Einführen des Stäbchens schmerzhaft sein kann, liegt an der Empfindlichkeit der Nasenschleimhaut.

Es stimmt nicht, wie hier in einem Facebook-Beitrag behauptet, dass durch den Corona-Test Verletzungen an der Schädeldecke oder dem Gehirn verursacht werden können. (Quelle: Facebook, Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)
Es stimmt nicht, wie hier in einem Facebook-Beitrag behauptet, dass durch den Corona-Test Verletzungen an der Schädeldecke oder dem Gehirn verursacht werden können. (Quelle: Facebook, Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)

Für einen adäquaten Corona-Test empfiehlt das RKI Proben aus den oberen und tiefen Atemwegen

Um auf das Coronavirus zu testen, empfiehlt das Robert-Koch-Institut, dass möglichst Proben parallel aus den oberen und den tiefen Atemwegen entnommen werden. Diese dienen der PCR-Diagnostik zum direkten Erregernachweis. PCR steht für Polymerase-Ketten-Reaktion und ist eine Methode, die zur Diagnostik von Infektionskrankheiten eingesetzt wird.

Für die Entnahme der Proben schlägt das RKI jeweils verschiedene Möglichkeiten vor. Für die oberen Atemwege solle entweder ein Rachenabstrich (Oropharynx) oder ein Nasenrachenabstrich (Nasopharynx) oder eine Nasenrachenspülung erfolgen. Das Deutsche Ärzteblatt schreibt, dass die aktuelle wissenschaftliche Literatur zeige, dass ein Nasenrachenabstrich einem Rachenabstrich vorzuziehen sei, denn „die Erregerkonzentration im Abstrich des Nasenrachens (Nasopharynx) [ist] im Vergleich 10 bis 100-fach höher“.

Nasenrachenabstriche wurden auch 2018 bei der Diagnostik des Coronavirus MERS-CoV durchgeführt und sind auch bei Influenza üblich. Dafür müssen Tupfer entlang der Nasenscheidewand tief in die Nase bis zur Rachenwand eingeführt werden, dann dort wenige Sekunden belassen und in rotierender Bewegung herausgezogen werden, wie das RKI schreibt. 

Neurologe: Corona-Test birgt kein Verletzungsrisiko für Schädeldecke oder Gehirn

Wider den Behauptungen in den Facebook-Beiträgen sei daran nichts gefährlich, schreibt Peter Berlit, Neurologe und Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, CORRECTIV in einer E-Mail. Schmerzhaft könne das Einführen des Stäbchens für den Nasopharynx-Abstrich zwar sein: Die Nasenschleimhaut ist empfindlich, vor allem bei Entzündungen. Aber der Test könne keinerlei Schaden verursachen, erklärt Berlit.

Die E-Mail von Neurologe Peter Berlit an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)
Die E-Mail von Neurologe Peter Berlit an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)

Eine wie in den Facebook-Beiträgen beschriebene „hämato-enzephalische Barriere“ gebe es nicht, so Berlit. „Es gibt eine Blut-Hirn-Schranke, die dafür sorgt, dass Blutbestandteile nicht in den Nervenwasser-Raum gelangen können.“ Diese befinde sich aber nicht in der Nase, erklärt der Neurologe. 

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Auch könne der Corona-Test keine Schädigung der Schädeldecke verursachen: Zwischen Gehirn und Nase sind unter anderem Knochen und Hirnhaut eine Schädigung durch Abstrichröhrchen ist unmöglich. 

Lediglich bei einer Verletzung der Schädelbasis, zum Beispiel durch einen Verkehrsunfall, könne es zu einer Verbindung zwischen Nasen- und Nervenwasserraum kommen. Dies birgt das Risiko von Hirnhautentzündungen. Eine solche Beschädigung könne nur dann dazu führen, dass Bakterien ins Gehirn gelangen, wenn der Knochen kaputt sei und ein Leck entstehe nicht durch den Abstrich mit einem Stäbchen für den Corona-Test, sagt der Neurologe.

Unsere Bewertung:
Falsch. Der Corona-Test kann keine Verletzung der Schädelbasis verursachen. Auch kann der Test nicht dazu führen, dass Bakterien direkt ins Hirn gelangen.

Polizei Deutschland
Jedes Jahr werden zwischen 8.000 und 15.500 Kinder in Deutschland bei der Polizei als vermisst gemeldet. (Symbolbild: Unsplash/ Markus Spiske)

von Uschi Jonas

100.000 Kinder würden jedes Jahr spurlos in Deutschland verschwinden, 800.000 in den USA – das suggeriert ein Beitrag auf Facebook und vermutet eine Verschleppung der Kinder in Farmen, in denen Menschenfleisch produziert wird. Die Behauptungen sind falsch.

Ein Facebook-Nutzer behauptet in einem Beitrag, dass jedes Jahr hunderttausende Kinder in Deutschland und den USA spurlos verschwinden würden: Langsam dämmert es dann vielleicht den Menschen wohin 100.000 deutsche Kinder jährlich verschwinden! […] 100.000 Kinder können sich nicht alle im Wald verlaufen haben und dann spurlos verschwunden sein  […] In Amerika sind es jährlich 800.000 Kinder – heißt es in dem Beitrag vom 27. Juni.

Zur Stützung seiner Behauptung veröffentlichte der Nutzer den Screenshot eines englischsprachigen Facebook-Beitrags, in dem von der Produktion von Menschenfleisch die Rede ist. Die Behauptungen sind falsch. 

Es verschwinden nicht hunderttausende Kinder in Deutschland und den USA im Jahr spurlos

Es verschwinden in beiden Ländern deutlich weniger Kinder als im Facebook-Beitrag behauptet und ein Großteil der Fälle wird gelöst. Der Beitrag über die Menschenfleisch-Farm ist frei erfunden.

Der Facebook-Beitrag suggeriert, dass hunderttausende Kinder aus Deutschland und den USA in Menschen-Farmen verschleppt würden. (Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)
Der Facebook-Beitrag suggeriert, dass hunderttausende Kinder aus Deutschland und den USA in Menschen-Farmen verschleppt würden. (Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)

Vermisstenfälle werden in Deutschland vom Bundeskriminalamt (BKA) erfasst. Für Minderjährige im Alter von bis zu 18 Jahren gilt im Gegensatz zu Erwachsenen, dass sie ihren Aufenthaltsort nicht selbst bestimmen dürfen: Bei ihnen wird grundsätzlich von einer Gefahr für Leib oder Leben ausgegangen. Sie gelten für die Polizei bereits als vermisst, wenn sie ihren gewohnten Lebenskreis verlassen haben und ihr Aufenthalt nicht bekannt ist.

 

Bei Vermissten unterscheidet das Bundeskriminalamt zwischen Kindern bis einschließlich 13 Jahren und Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren.

Das BKA betont, dass das Thema vermisste Kinder in der deutschen Öffentlichkeit einen hohen Stellenwert besitze. Intensive Medienberichterstattung bei aktuellen Einzelfällen suggeriere insgesamt ein hohes Gefährdungspotenzial für Kinder. 

Die Hälfte der Vermisstenfälle in Deutschland klärt sich laut BKA innerhalb einer Woche

So entsteht mitunter der Eindruck, dass die Anzahl nicht wieder aufgefundener Kinder bzw. nicht aufgeklärter Fälle dramatisch hoch sei, eine maßgebliche Anzahl vermisster und nicht wieder aufgefundener Kinder Opfer sog. Kinderpornografie-Ringe seien und die Polizei nicht genug unternehme, um dem Einhalt zu gebieten. Die in den polizeilichen Datenbanken registrierten Zahlen würden jedoch ein anderes Bild zeigen, betont das BKA.

Zudem erläutert das BKA: „Täglich werden jeweils etwa 200 bis 300 Fahndungen neu erfasst und auch gelöscht.“ Das Bundeskriminalamt erklärt, dass sich etwa 50 Prozent der Vermissten-Fälle innerhalb der ersten Woche erledigen würden, 80 Prozent innerhalb eines Monats. Der Anteil der Personen, die länger als ein Jahr vermisst werden, bewege sich bei etwa 3 Prozent.

So wurden laut der Webseite des BKA im Jahr 

  • 2016: 8.084 Kinder als vermisst gemeldet 7.781 der Fälle aufgeklärt (Aufklärungsquote von 96 Prozent).
  • 2017: 8.259 Kinder als vermisst gemeldet 8.080 davon wieder angetroffen bzw. aufgefunden (Aufklärungsquote von 98 Prozent).
  • 2018: 12.791 Kinder als vermisst registriert 12.604 Fälle aufgeklärt (Aufklärungsquote von 98,5 Prozent).
  • 2019: 15.395 Kinder als vermisst registriert 97,9 Prozent der Fälle aufgeklärt (Aufklärungsquote von 97,9 Prozent).

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei vermissten Jugendlichen (14- bis 17-Jährige):

  • 2016: Vermisst insgesamt 52.702, davon wieder aufgefunden 52.554 (Aufklärungsquote 99,7 Prozent).
  • 2017: Vermisst insgesamt 53.546, davon wieder aufgefunden 53.326 (Aufklärungsquote 99,6 Prozent).
  • 2018: Vermisst insgesamt 76.719, davon wieder aufgefunden 76.322 (Aufklärungsquote 99,5 Prozent).
  • 2019: Vermisst insgesamt 77.499, davon wieder aufgefunden 76.424 (Aufklärungsquote 98,6 Prozent).

Am 5. März 2020 – der letzten Aktualisierung der Zahlen durch das BKA – gab es in Deutschland gerechnet ab dem frühesten registrierten Vermisstendatum 03.03.1951 bis heute insgesamt 1.869 ungeklärte Fälle vermisster Kinder

Die Behauptung, in Deutschland würden jährlich 100.000 Kinder spurlos verschwinden, ist folglich falsch und übertreibt die tatsächliche Lage um ein Vielfaches. 

In den USA werden jährlich mehr als 400.000 Kinder als vermisst gemeldet, aber fast alle Fälle gelöst

In den USA werden im National Crime Information Center, der zentralen Datenbank zur Sammlung von Informationen in Zusammenhang mit der Kriminalitätsbekämpfung, Vermisstenfälle erfasst. Die USA erfassen die Vermisstenfälle von Kindern und Jugendlichen bis zu einem Alter von unter 21 Jahren. 

Demnach sind im Jahr 2019 401.875 Kinder und Jugendliche verschwunden 401.764 Fälle wurden gelöst (Seite 4), im Jahr 2018 waren 405.046 Kinder und Jugendlichen in den USA als vermisst gemeldet worden 407.653 Fälle vermisster Kinder und Jugendlicher wurden im selben Jahr gelöst (Seite 4) und im Jahr 2017 sind 445.345 als vermisst gemeldet worden, 447.023 Fälle wurden gelöst (Seite 4). 

Demnach verschwinden in den USA nicht, wie im Facebook-Beitrag behauptet, jährlich 800.000 Kinder spurlos. In den vergangenen Jahren sind es jährlich zwischen 400.000 und 445.000 Kinder gewesen, die in den USA als vermisst gemeldet wurden aber mindestens genauso viele Fälle wurden im selben Jahr gelöst. 

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Im Facebook-Beitrag wird mit dem Screenshot eines anderen Beitrags zudem suggeriert, so viele Kinder würden verschwinden, weil sie in Farmen verschleppt würden, in denen Menschenfleisch produziert werde. 

Der Beitrag über Menschenfleisch-Farm ist erfunden – hinter dem Foto steckt eine Geflügelfarm

Die Facebook-Seite Human Farming Project, von der der Screenshot zu stammen scheint, ist inzwischen gelöscht. Allerdings existiert eine archivierte Seite, in der “Human Farming Project” über sich schreibt, es handle sich um ein Projekt für nachhaltige Ernährung. Einige Leute behaupten, dies sei Satire.

Eine Google-Suche nach der dort angegebenen Telefonnummer in den USA liefert keine Ergebnisse. Bei einer Google-Suche finden sich zudem Beiträge in Sozialen Netzwerken, die die Seite in die Kategorie Satire oder Schwarzen Humor einsortieren. Seriöse Hinweise über den Ursprung der Seite konnte CORRECTIV nicht finden. 

Hinter der Farm steckt eine Hühnerfarm in den USA

In dem Screenshot des Beitrags von Human Farming Projectwird die Eröffnung einer Farm angekündigt, in der menschliches Fleisch produziert werde. Eine Bilder-Rückwärtssuche des dafür verwendeten Fotos mit Google und Yandex ergibt, dass die gezeigte Farm tatsächlich existiert – allerdings scheint es sich dabei um eine Hühnerfarm der Firma Herbruck’s in Saranac im US-Bundesstaat Michigan zu handeln. 

Herbruck’s ist der nach eigenen Angaben größte Ei-Produzent in Michigan. Seit Dezember 2014 finden sich vor allem in den USA Artikel von Umwelt- und Tierschutzorganisationen sowie Nachrichtenseiten, die über die Farmen von Herbruck’s berichten und dafür das Foto des Facebook-Beitrags verwenden. Seriöse Berichte darüber, dass dort Menschenfleisch produziert werde, konnten wir nicht finden. 

Auf Google Maps finden sich in Saranc mehrere Farmen von Herbruck’s. Fotos von Google Earth Pro zeigen unter der Adresse Green meadow organics division of Herbruck’s poultry Ranch, 3896 Grand River Ave, Saranac, MI 48881, Vereinigte Staaten ein Satellitenfoto einer Herbruck’s Geflügelfarm vom 26. September 2014, das der im Facebook-Beitrag gezeigten Farm stark gleicht. 

Ein Satellitenfoto der Herbruck’s Farm vom September 2014. (Quelle: Google Earth Pro, Screenshot: CORRECTIV)
Ein Satellitenfoto der Herbruck’s Farm vom September 2014. (Quelle: Google Earth Pro, Screenshot: CORRECTIV)

Fazit: Die Behauptungen sind falsch. In Deutschland verschwinden nicht jährlich 100.000 Kinder spurlos. Die Zahl der vermissten Kinder ist deutlich geringer, ein Großteil der Fälle wird aufgeklärt. In den USA ist die Aufklärungsquote ähnlich. Der Beitrag einer vermeintlichen US-Farm in der menschliches Fleisch produziert wird, ist falsch. Bei der gezeigten Farm handelt es sich um eine Geflügelfarm.

Unsere Bewertung:
Falsch. Es werden in Deutschland und den USA weitaus weniger Kinder vermisst, der Großteil der Fälle wird aufgeklärt.

Ex-US-Präsident Barack Obama
Es kursiert die Behauptung, dass die US-Regierung unter Obama das Institut für Virologie in Wuhan mit 3,7 Millionen US-Dollar unterstützt habe. Das ist falsch. (Symbolbild: Pixabay / janeb13)

von Uschi Jonas

In einem Artikel wird behauptet, ein Labor in Wuhan sei von der US-Regierung unter Barack Obama 2015 mit 3,7 Millionen US-Dollar finanziell unterstützt worden. Das ist falsch. An das Institut sind rund 600.000 US-Dollar geflossen – über mehrere Jahre, ein Teil davon während der Amtszeit von Donald Trump.

In einem Artikel auf der Seite Viral Virus wird behauptet, dass Ex-US-Präsident Barack Obama ein Labor in Wuhan im Jahr 2015 mit 3,7 Millionen US-Dollar unterstützt habe. Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle am 21. April zum ersten Mal auf Facebook gepostet und bisher mehr als 12.500 Mal auf Facebook geteilt (Stand 20. Juli).

Die konkrete Behauptung im Artikel bezieht sich auf die Berichterstattung der britischen Boulevardzeitung Daily Mail, die belegen soll, „ […] dass Wissenschaftler im Rahmen eines vom US-amerikanischen National Institute of Health (NIH) [eine Behörde des US-Gesundheitsministeriums, Anm. d. Redaktion] finanzierten Projekts Experimente an Fledermäusen durchgeführt haben sollen. Dem Labor in Wuhan wurde dafür von der Obama-Administration ein Fonds von 3,7 Millionen Dollar gewährt. Selbst Donald Trump bestätigte dies in einer kürzlich ausgestrahlten Pressekonferenz.

Um das Institut für Virologie in Wuhan ranken sich seit Monaten Gerüchte

Diese Behauptung ist größtenteils falsch. Das NIH bestätigte gegenüber CORRECTIV, dass nur ein Teil des Geldes an das Institut in Wuhan geflossen ist. Beendet wurden die Zahlungen erst im Jahr 2020 während der Amtszeit von Donald Trump. 

Zahlreiche ähnliche Behauptungen kursieren auf Facebook und Instagram seit einigen Wochen auch in den USA. Mehrere US-Faktencheck-Redaktionen, zum Beispiel von Politifact oder USA Today, haben die Behauptungen geprüft und kommen zu dem Schluss, dass die Behauptungen falsch sind. 

Bei dem mutmaßlich von der US-Regierung unterstützten Labor handelt es sich um das Institut für Virologie in Wuhan.  Um das Labor ranken sich in der Corona-Krise seit Monaten Gerüchte. Der genaue Ursprung des neuartigen Coronavirus ist bislang unklar. Immer wieder wird vor diesem Hintergrund die Behauptung verbreitet, das Virus sei versehentlich im Institut für Virologie in Wuhan freigesetzt – oder dort sogar künstlich hergestellt worden. Doch es gibt keine Belege für diese Thesen, wie CORRECTIV im April und Mai für Faktenchecks recherchiert hat. Bereits im Februar haben Wissenschaftler erklärt, dass alles auf einen natürlichen Ursprung von SARS-CoV-2 hindeutet.

Behauptung 1: Das Labor sei von der US-Regierung unter Obama mit 3,7 Millionen US-Dollar unterstützt worden

Im Artikel von Viral Virus wird behauptet, das Labor in Wuhan sei von der Obama-Administration mit 3,7 Millionen US-Dollar unterstützt worden. Das ist falsch. 

Auf Nachfrage von CORRECTIV bestätigte das National Institute of Health (NIH), die zuständige Behörde des Gesundheitsministeriums für biomedizinische Forschung, am 18. Juni 2020, dass die US-Regierung und das US-Forschungszentrum National Institute of Allergy and Infectious Diseases von 2014 bis 2019 ein Projekt namens „Understanding the Risk of Bat Coronavirus Emergence“ („Verstehen des Risikos, dass ein Fledermaus-Coronavirus entsteht“) der Nichtregierungsorganisation EcoHealth Alliance finanziell unterstützt haben. Insgesamt seien dabei in einem Zeitraum von sechs Jahren 3,4 Millionen US-Dollar (umgerechnet rund drei Millionen Euro) geflossen. 

Die im Artikel genannte Summe von 3,7 Millionen US-Dollar stimmt also nicht, und das Geld ging nicht direkt an das Institut in Wuhan. Auch auf der Webseite des NIH ist ersichtlich, dass die Gelder an EcoHealth Alliance geflossen sind.

Ein Ausschnitt der E-Mail des US-Gesundheitsministeriums an CORRECTIV
Ein Ausschnitt der E-Mail des NIH vom 18. Juni 2020 an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)

EcoHealth Alliance ist eine globale Nichtregierungsorganisation mit Hauptsitz in New York. Die Organisation ist auf wissenschaftliche Forschung zur Vorhersage und Verhinderung von Pandemien spezialisiert und führt nach eigenen Angaben Projekte in mehr als 30 Ländern durch. 

Die 3,4 Millionen US-Dollar flossen nicht nur nach Wuhan

Doch was genau hat die EcoHealth Alliance mit den 3,4 Millionen US-Dollar der US-Regierung gemacht? Dazu schreibt das NIH an CORRECTIV:  „EcoHealth Alliance ist die Stipendiatenorganisation, die Förderungen an das Wuhan Institute of Virology (Wuhan), die East China Normal University (Shanghai), das Institute of Pathogen Biology (Peking) und die Duke-NUS Medical School (Singapur) vergeben hat.

Nur ein Teil der 3,4 Millionen US-Dollar sind demnach an das Institut in Wuhan geflossen. CORRECTIV hat bei der EcoHealth Alliance nachgefragt, wie hoch der konkrete Betrag war, der an das Labor in Wuhan ging, jedoch keine Antwort erhalten. Politifact und USA Today schrieben jedoch, ein Sprecher von EcoHealth Alliance habe mitgeteilt, dass knapp 600.000 US-Dollar an das Labor in Wuhan geflossen seien, 265.000 US-Dollar davon während der Amtszeit Donald Trumps. 

Von wann bis wann wurden die Gelder gezahlt?

Auf der Webseite des NIH war Ende Juni ersichtlich, dass die Zahlungen an die EcoHealth Alliance am 24. April 2020 endeten. Die Förderung des Projektes begann folglich unter Obama, lief jedoch unter Trump weiter. Eine genaue Auflistung der Zahlungen für das Projekt von 2014 bis 2019 findet sich hier.

Informationen über das Projekt von EcoHealth Alliance und die Dauer der finanziellen Unterstützung auf der Webseite des US-Gesundheitsministeriums (Quelle: US-Gesundheitsministerium, Screenshot 29. Juni: CORRECTIV)
Informationen über das Projekt von EcoHealth Alliance und die Dauer der finanziellen Unterstützung auf der Webseite des NIH (Quelle: NIH, Screenshot und Markierung 29. Juni: CORRECTIV)

Ende Juni oder Anfang Juli wurden die Projekt-Angaben auf der Webseite des NIH allerdings geändert. Nun ist dort zu lesen, dass das Projekt-Enddatum auf den 30. Juni 2025 verlängert wurde, das Ende der Budget-Zahlungen wurde auf den 30. Juni 2021 datiert.

Informationen über das Projekt von EcoHealth Alliance und die Dauer der finanziellen Unterstützung auf der Webseite des US-Gesundheitsministeriums (Quelle: US-Gesundheitsministerium, Screenshot 20. Juli: CORRECTIV)
Informationen über das Projekt von EcoHealth Alliance und die Dauer der finanziellen Unterstützung auf der Webseite des NIH (Quelle: NIH, Screenshot und Markierung 20. Juli: CORRECTIV)

Behauptung 2: Trump habe in einer Pressekonferenz bestätigt, dass 3,7 Millionen an das Labor in Wuhan flossen

Donald Trump habe in einer Pressekonferenz die Zahlungen der US-Administration an das Institut im Wert von 3,7 Millionen US-Dollar bestätigt, so die Behauptung im Artikel. Das ist nur teilweise richtig. 

Ursprünglich endete die Unterstützung für das Projekt von EcoHealth Alliance im Jahr 2019, wie das NIH CORRECTIV per E-Mail mitteilte. Sie sei jedoch um weitere fünf Jahre verlängert, berichtete Politifact Ende April. Auf der Webseite des NIH ist zu sehen, dass es tatsächlich ein weiteres Budget für das Projekt gab, dessen Zahlungen am 24. Juli 2019 begannen.

Auf der Webseite des US-Gesundheitsministeriums ist zu sehen, dass die finanzielle Unterstützung ab Juli 2019 verlängert wurde (Quelle: US-Gesundheitsministerium, Screenshot 29. Juni: CORRECTIV)
Auf der Webseite des NIH ist zu sehen, dass die finanzielle Unterstützung ab Juli 2019 verlängert wurde (Quelle: NIH, Screenshot und Markierung 29. Juni: CORRECTIV)

Doch US-Präsident Trump sagte in einer Pressekonferenz am 17. April 2020, er wolle die Zahlungen beenden. Ein Reporter fragte Trump im Weißen Haus nach den Fördergeldern und wiederholte die falsche Behauptung, 3,7 Millionen Dollar seien 2015 nach China geflossen. 

Trump sagte daraufhin, dass er von den Zahlungen beziehungsweise deren Bewilligung gehört habe und dass er diese schnell beenden werde. Er bestätigte jedoch nicht, ob die Aussage des Journalisten korrekt ist. Das US-Gesundheitsministerium beendete die finanzielle Unterstützung an die EcoHealth Alliance wenige Tage später, am 24. April 2020.

Der Gesprächsverlauf zwischen Trump und dem Reporter über die angeblichen Zahlungen nach Wuhan. (Quelle: White House, Screenshot: CORRECTIV)
Der Gesprächsverlauf zwischen Trump und dem Reporter über die angeblichen Zahlungen nach Wuhan. (Quelle: White House, Screenshot: CORRECTIV)

Auf Nachfrage von CORRECTIV äußerte sich das NIH am 18. Juni nicht dazu, warum die Zahlungen abrupt beendet wurden.

Medienberichte von Ende Juni zeigen, dass auch Anthony Fauci, US-amerikanischer Immunologe und Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID), einer Einrichtung des NIH, die genauen Gründe für den Zahlungsstopp nicht zu kennen schien. Demnach sagte er: „Es wurde gestoppt, weil dem NHI gesagt wurde, es zu stoppen. Das Weiße Haus habe das kurzfristig angeordnet. 

Weshalb die Zahlungen für das Projekt also erst gestoppt und dann offenbar erneut verlängert wurden, ist unklar. CORRECTIV hat am 20. Juli sowohl beim US-Gesundheitsministerium als auch beim zuständigen NIH per E-Mail nach den Gründen für die kürzlichen Veränderungen auf der Webseite des NIH gefragt. Doch bislang haben wir keine Antworten erhalten.

Behauptung 3: Das Labor in Wuhan habe Versuche an Fledermäusen durchgeführt

Ob in dem Labor in Wuhan Versuche direkt an Fledermäusen durchgeführt wurden, ist unklar. Das US-Gesundheitsministerium bewilligte die finanzielle Unterstützung an die EcoHealth Alliance 2014 für die Erforschung von Coronaviren in Fledermäusen und des Risikos einer möglichen Übertragung auf den Menschen, wie das Ministerium CORRECTIV in einer E-Mail bestätigte.

Das Projekt der EcoHealth Alliance forschte an Fledermäusen, wie auf der Webseite des NIH ersichtlich ist. (Quelle: NIH, Screenshot: CORRECTIV)
Das Projekt der EcoHealth Alliance forschte an Fledermäusen, wie auf der Webseite des NIH ersichtlich ist. (Quelle: NIH, Screenshot und Markierungen: CORRECTIV)

2018 berichteten Forscher der EcoHealth Alliance, dass sie in Zusammenarbeit unter anderem mit dem Wuhan Institute of Virology bei Fledermäusen ein Virus gefunden hätten, das SARS ähnelte und sich offenbar auf Menschen übertragen könne. 

Peter Daszak, Präsident der EcoHealth Alliance, betonte damals, dass das nicht zwingend einen Ausbruch bedeuten müsse. „Aber es zeigt doch recht deutlich, wie wertvoll es ist, Hotspot-Regionen zu überwachen. Wenn wir wissen, welche Viren es in der freien Natur gibt und welche Menschen infizieren, dann haben wir eine Chance, Pandemien im Keim zu ersticken, sagte Daszak. 

Politifact berichtete, dass daraufhin die Wissenschaftler das Labor für Virologie in Wuhan beauftragten, genetische Analysen der gefundenen Viren durchzuführen. Das Institut sei auf Genehmigung des US-Außenministeriums und des US-Gesundheitsministeriums ausgewählt worden. 

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Ein Sprecher von EcoHealth Alliance sagte USA Today, dass es sich bei der Finanzierung für das Labor um eine Unterstützung für das Sammeln und Analysieren von Virusproben handelte. Von konkreten Versuchen an Fledermäusen im Labor ist nicht die Rede. Ob dort Versuche stattgefunden haben, ist also unbelegt. CORRECTIV fragte nochmal direkt bei EcoHealth Alliance nach, doch bekam keine Rückmeldung auf diese Fragen.

Fazit: 

Die US-Regierung unter Barack Obama hat das Labor in Wuhan nicht mit 3,7 Millionen US-Dollar unterstützt. Fördergelder von 3,4 Millionen US-Dollar wurden von 2014 bis 2019 an eine Nichtregierungsorganisation gezahlt, die sie an fünf verschiedene Institutionen verteilte. Laut Medienberichten sind davon rund 600.000 US-Dollar an das Institut in Wuhan geflossen – ein Teil davon noch während der Amtszeit von Donald Trump (seit 2017). Es gibt Hinweise darauf, dass das Projekt im April 2020 aus unbekannten Gründen erst gestoppt und dann doch wieder bis 2025 verlängert wurde. Ob das Labor in Wuhan Versuche an Fledermäusen durchgeführt hat, ist unbelegt.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Obama hat das Labor in Wuhan nicht mit 3,7 Millionen US-Dollar unterstützt.

Kinder spielen im Kindergarten
Wie viele Kinder weltweit seit der Corona-Pandemie als vermisst gemeldet wurden, ist nicht belegbar. (Symbolbild: Unsplash/ BBC Creative)

von Uschi Jonas

Auf Facebook verbreitet sich ein Beitrag, in dem behauptet wird, seit Beginn der Corona-Pandemie seien 3.354 Menschen gestorben. Im selben Zeitraum seien zudem 924.000 Kinder verschwunden. Die Behauptungen sind falsch oder unbelegt.

3.354 Covid-19-Tote und 924.000 verschwundene Kinder im selben Zeitraum ­ auf einem Foto-Beitrag auf Facebook (zum Beispiel hier oder hier) wird diese Behauptung seit Anfang Juli verbreitet. Insgesamt wurde das Foto fast 1.400 Mal auf Facebook geteilt. 

CORRECTIV hat die beiden Behauptungen überprüft. Sie sind größtenteils falsch. Es sind bislang deutlich mehr Menschen an Covid-19 verstorben. Wie viele Kinder seit Beginn der Pandemie weltweit verschwunden sind, ist nicht belegbar – aber für Deutschland ist die Zahl von mehr als 900.000 als vermisst gemeldeten Kindern laut Bundeskriminalamt falsch.

Der Facebook-Beitrag mit dem eine falsche Behauptung über Covid-19-Todesfälle verbreitet wird. (Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)
Der Facebook-Beitrag mit dem eine falsche Behauptung über Covid-19-Todesfälle verbreitet wird. (Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)

Seit Beginn der Corona-Pandemie sind weltweit 532.340 Menschen im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben

Seit Beginn des Coronavirus sind etwa 3.354 Menschen gestorben, heißt es in den Facebook-Beiträgen. Die Zahl soll sich offenbar auf die Menschen beziehen, die nach einer Infektion mit  Covid-19 verstorben sind. Ob die Zahlen für Deutschland oder die ganze Welt gelten sollen, ist unklar. Aber in beiden Fällen liegt die Anzahl deutlich höher. 

 

Bis einschließlich zum 6. Juli dem Tag, an dem der Beitrag auf Facebook geteilt wurde sind laut Robert-Koch-Institut (RKI) in Deutschland 9.016 Menschen im Zusammenhang mit einer Covid-19-Infektion gestorben. Weltweit waren es laut den Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bis zum 6. Juli 532.340 Menschen.

Egal, ob man die Zahlen für Deutschland oder weltweit betrachtet insgesamt sind viel mehr Menschen seit Ausbruch des Coronavirus verstorben, als in dem Facebook-Beitrag behauptet wird.

Zahl vermisster Kinder wird in Deutschland vom Bundeskriminalamt erfasst

Doch was ist mit verschwundenen Kindern? Konkret wird in dem Facebook-Beitrag die Behauptung aufgestellt: In dieser Zeit sind auch etwa 924.000 Kinder verschwunden. Auch hier gibt es keine Angaben dazu, ob sich die Behauptung auf Deutschland, auf die Welt oder auf einen anderen regional eingrenzbaren Raum bezieht. 

Mit in dieser Zeit ist vermutlich der Zeitraum seit Beginn der Corona-Krise bis zum 6. Juli gemeint. Den ersten bestätigten Fall einer Infizierung mit Covid-19 gab es laut der WHO am 31. Dezember 2019. Den ersten laborbestätigen Covid-19-Fall in Deutschland gab es laut RKI am 28. Januar 2020. 

Den ersten bestätigen Covid-19-Fall in Deutschland gab es laut RKI am 28. Januar 2020. (Quelle: RKI, Screenshot und Markierung: CORRECTIV)
Den ersten bestätigen Covid-19-Fall in Deutschland gab es laut RKI am 28. Januar 2020. (Quelle: RKI, Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Vermisstenfälle werden in Deutschland vom Bundeskriminalamt (BKA) erfasst und regelmäßig veröffentlicht. Auf Nachfrage von CORRECTIV betonte das BKA, dass die statistischen Angaben zahlenmäßig schwanken können, denn: Sie können täglich variieren, da sich Fahndungen in der Zwischenzeit wieder erledigen bzw. Fahndungsinhalte aktualisiert werden. Bei den aktuell mitgeteilten Zahlenwerten handelt es sich daher um eine Momentaufnahme. Sie können sich in Abhängigkeit zum Abfragetag ändern. 

Viele Vermisstenfälle in Deutschland klären sich sehr schnell auf

Die aktuellen Vermisstenzahlen beinhalten demnach sowohl Vermisstenfälle, die innerhalb von einigen Tagen geklärt werden laut BKA gibt es täglich zwischen 200 und 300 neue Fälle, in etwa die gleiche Anzahl werden pro Tag gelöscht als auch die ungeklärten Fälle, die bis zu 30 Jahre zurückliegen.

Exakte Angaben zur Zahl vermisster Kinder zwischen Januar und Juli 2020 sind nicht möglich, aber das BKA schreibt:

  • Am 1. Januar 2020 waren in Deutschland 2.000 Kinder (bis 13 Jahre) und 3.500 Jugendliche (von 14 bis 17 Jahren) als vermisst gemeldet. 
  • Am 1. Juli 2020 waren in Deutschland 1.800 Kinder (bis 13 Jahre) und 2.800 Jugendliche (von 14 bis 17 Jahren) als vermisst gemeldet. 
Ein Ausschnitt der E-Mail des BKAs an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)
Ein Ausschnitt der E-Mail des BKAs an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)

Es wurden in der Gesamtzahl folglich im Juli weniger Kinder und Jugendliche vermisst als noch im Januar. Zu keinem Zeitpunkt wurden in diesem Jahr 924.000 Kinder in Deutschland vermisst. 

Weltweit werden jedes Jahr geschätzt mehr als eine Million Kinder als vermisst gemeldet – exakte Daten gibt es jedoch nicht

Konkrete Angaben für die Zahl der weltweit vermisst gemeldeten Kinder zwischen dem 31. Dezember 2019 und dem 6. Juli zu finden, ist nicht möglich. Laut dem International Centre for Missing and Exploited Children (ICMEC) werden jedes Jahr weltweit mehr als eine Million Kinder als vermisst gemeldet. ICMEC ist eine Nichtregierungsorganisation, die gegen sexuellen Missbrauch an Kindern, Kinderpornografie und Kindesentführung vorgeht. 

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

Ihren Angaben zufolge ist es unmöglich, genau zu erfassen, wie viele Kinder weltweit vermisst werden. Denn: In vielen Ländern sind nicht einmal Statistiken über vermisste Kinder verfügbar, und leider können selbst die verfügbaren Statistiken ungenau sein, und zwar aus folgenden Gründen: fehlende Berichterstattung, Inflation, falsche Eingabe von Fallinformationen in die Datenbank und Löschung von Angaben nach dem Abschluss eines Falles.

Es ist also falsch, dass in Deutschland seit der Corona-Pandemie 924.000 Kinder als vermisst gemeldet wurden. Wie viele Kinder seit der Corona-Pandemie global als vermisst gemeldet wurden, ist nicht belegbar. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Die Covid-19-Todeszahlen sind falsch, ebenso wie die Zahl vermisster Kinder in Bezug auf Deutschland. Unbelegt ist, wie viele Kinder weltweit seit Beginn der Pandemie als vermisst gemeldet wurden.

WHO-Kerkhove
Maria Van Kerkhove, technische Leiterin für Covid-19 bei der WHO, hat am 8. Juni in einer Pressekonferenz mitgeteilt, dass Covid-19-Infizierte ohne Symptome das Virus „sehr selten“ an andere übertragen würden – am Tag darauf relativierte sie diese Aussage. (Foto vom 4. März, Quelle: Picture Alliance / Xinhua News Agency/ Chen Junxia)

von Uschi Jonas

In Sozialen Netzwerken kursieren Beiträge, in denen behauptet wird, die WHO habe verkündet, Covid-19-Infizierte ohne Symptome könnten das Virus nicht auf andere übertragen. Das ist falsch. Eine Aussage einer WHO-Epidemiologin sorgte für ein Missverständnis.

Mehrere Beiträge auf Facebook (zum Beispiel hier oder hier) suggerieren Anfang Juli, die Corona-Maßnahmen seien unnötig gewesen. Denn die WHO habe angeblich bekannt gegeben, dass Covid-19-Infizierte ohne Symptome das Virus nicht übertragen würden. In einem der Facebook-Beiträge heißt es zudem, die WHO habe aufgrund dieser Erkenntnis auch das Abstandhalten und das Tragen einer Maske als unsinnig bezeichnet. Auch in den USA kursieren zahlreiche solcher Beiträge, zum Beispiel hier auf Twitter. 

Auch in der medialen Berichterstattung wurde die Behauptung, asymptomatische Personen seien nicht infektiös, teilweise verbreitet, beispielsweise von dem US-amerikanischen Nachrichten- und Meinungssender Newsmax.

Diese Behauptung ist jedoch falsch. Die WHO hat zwar am 8. Juni verkündet, dass Covid-19-Infizierte ohne Symptome das Virus laut einer Auswahl von Studien und Daten sehr selten an andere übertragen würden. Allerdings nicht, dass es ausgeschlossen sei. Zudem ist hier die Unterscheidung zwischen Personen, die nie Symptome entwickeln und solchen, die noch keine Symptome zeigen, wichtig.

Behauptung 1: WHO verkündete, Covid-19-Infizierte ohne Symptome könnten das Virus nicht an andere übertragen

Maria Van Kerkhove, Epidemiologin und technische Leiterin für Covid-19 bei der WHO, sagte am 8. Juni in einer Pressekonferenz: 

Uns liegt eine Reihe an Berichten aus Ländern vor, die sehr detailliert Kontaktpersonen ermitteln. Sie verfolgen asymptomatische Fälle, sie verfolgen Kontakte, und sie finden keine Weiterübertragung. Es ist sehr selten, und vieles davon wird in der Literatur nicht veröffentlicht.

Später betonte sie nochmals, …nach den uns vorliegenden Daten scheint es noch immer selten zu sein, dass sich (das Virus) von einer asymptomatischen Person auf ein anderes Individuum überträgt. 

Übertragung von SARS-CoV-2 ist möglich, unabhängig davon, ob Infizierte Symptome zeigen oder nicht

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie SARS-CoV-2 von einer Person auf eine andere übertragen werden kann. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) ist der Hauptübertragungsweg die respiratorische Aufnahme virushaltiger Flüssigkeitspartikel, die beim Atmen, Husten, Sprechen und Niesen entstehen“.

Zudem wird danach unterschieden, ob eine ansteckende Person zum Zeitpunkt der Übertragung auf eine andere Person 

  1. bereits symptomatisch war, 
  2. ob sie noch keine Symptome entwickelt hatte, oder ob sie 
  3. auch später nie symptomatisch wurde („asymptomatische Infektion“).

Laut RKI ist vor allem die Übertragung von infektiösen Personen, die bereits Krankheitssymptome entwickelt haben, bedeutsam. Weiter betont das RKI, dass sich vermutlich auch ein beträchtlicher Anteil an infektiösen Personen anstecke, die erst ein bis zwei Tage nach der Übertragung erste Symptome zeigen. 

Nicht ausgeschlossen sei zudem die dritte Variante: Schließlich gibt es vermutlich auch Ansteckungen von Personen, die zwar infiziert und infektiös waren, aber gar nicht erkrankten (asymptomatische Übertragung). Diese Ansteckungen spielen vermutlich jedoch eine untergeordnete Rolle.

Auf diese Form der asymptomatischen Übertragung bezieht sich die Aussage Van Kerkhove, die für zahlreiche Diskussionen in Sozialen Netzwerken sorgte. Auch Wissenschaftler äußerten, dass sie die Aussage der Epidemiologin problematisch fänden, wie beispielsweise Ashish Jha, Mediziner und Dekan der Brown University School of Public Health, auf Twitter. Er schrieb, er vermute, die WHO unterscheide zwischen „asymptomatischen“ und „prä-symptomatischen“ Infizierten. 

WHO-Expertin Kerkhove erklärt ihre Aussagen zur Coronavirus-Übertragung einen Tag später genauer

Maria Van Kerkhove sagte am 9. Juni in einer öffentlichen Fragerunde der WHO, sie wolle mögliche Missverständnisse aufgrund ihrer Aussagen vom Vortrag ausräumen. Es sei sicher, dass asymptomatische Personen die Krankheit übertragen können. Die Wahrscheinlichkeit einer solchen Übertragung jedoch eine große Unbekannte sei (ab Minute 2:40 im Video). 

Sie erläuterte außerdem, dass sie sich lediglich auf einige wenige, teilweise noch nicht veröffentlichte Studien und Daten bezogen hatte, die die WHO von Mitgliedstaaten erhalten habe und die versuchen würden, asymptomatische Fälle zu verfolgen. In diesem Kontext habe sie den Begriff „sehr selten“ verwendet. Es sei missverständlich, zu sagen, dass asymptomatische Übertragungen weltweit „sehr selten“ seien.

Wir wissen, dass einige Menschen, die asymptomatisch sind, oder einige Menschen, die keine Symptome haben, das Virus weitergeben können“, sagte die Epidemiologin. Deshalb sei es wichtig, besser zu verstehen, wie viele infizierte Menschen in der Bevölkerung nie Symptome zeigen und wie viele dieser Personen das Virus tatsächlich an andere übertragen. 

Es gebe bisher nur Schätzungen und eine große Spannbreite zwischen den einzelnen Modellierungen, aber laut einiger Schätzungen könnten es 40 Prozent der Übertragungen sein, die auf asymptomatische Fälle zurückzuführen sind“ (ab Minute 4:25 im Video).

Wissenschaftlicher Kurzbericht der WHO betont, dass Übertragung durch asymptomatisch Infizierte selten, aber möglich ist

Am 9. Juli veröffentlichte die WHO zudem einen wissenschaftlichen Kurzbericht, in dem der aktuelle Forschungsstand zur Übertragbarkeit von SARS-CoV-2 zusammengefasst wird. Darin betont die WHO, dass es schwierig sei, die Weiterübertragung des Virus durch Infizierte ohne Symptome zu untersuchen. 

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Es sei jedoch möglich, Erkenntnisse zu gewinnen, indem Kontakte nachverfolgt und Fälle und Kontakte epidemiologisch untersucht werden. Weiter schreibt die WHO: 

Informationen aus den Ermittlungen der Kontaktverfolgung, die der WHO von Mitgliedstaaten gemeldet wurden, verfügbare Übertragungsstudien und eine aktuelle Vorstudie legen nahe, dass Personen ohne Symptome das Virus mit geringerer Wahrscheinlichkeit übertragen als diejenigen, die Symptome entwickeln. Vier Studien aus Brunei, Guangzhou in China, Taiwan und Südkorea ergaben, dass zwischen null und 2,2 Prozent derjenigen mit einer asymptomatischen Infektion andere infiziert haben, verglichen mit 0,8 bis 15,4 Prozent der Personen mit Symptomen.“

Es stimmt folglich nicht, dass die WHO mitgeteilt hat, dass ein Covid-19-Infizierter ohne Symptome das Virus nicht auf andere übertragen könne und das Tragen einer Maske oder das Abstandhalten deshalb sinnlos sei. Die Beiträge in Sozialen Netzwerken führen in die Irre. Infizierte Personen sind bereits ansteckend, bevor sie Symptome zeigen. 

Die WHO erläuterte lediglich, dass die Übertragung durch Personen, die nie Symptome entwickeln, bislang recht selten nachgewiesen wurde. Um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen, empfiehlt die WHO weiterhin unter anderem, Abstand zu halten und eine Maske zu tragen.

Behauptung 2: Merkel umarmte einen Politiker während der Corona-Pandemie ohne Abstand

Der Facebook-Beitrag zeigt einen Screenshot von Angela Merkel und António Costa – die Aufnahme entstand im Dezember 2019 in Brüssel vor der Corona-Pandemie. (Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)
Der Facebook-Beitrag zeigt einen Screenshot von Angela Merkel und António Costa – die Aufnahme entstand im Dezember 2019 in Brüssel vor der Corona-Pandemie. (Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)

In einem der Beiträge auf Facebook vom 3. Juli über die WHO-Aussagen, der bisher mehr als 3.300 Mal geteilt wurde, wird zudem behauptet: „Die Regierung wusste das…deshalb halten sie selbst keinen Abstand ein, geschweige denn, dass sie Masken tragen, es sei denn, die Kameras laufen.“ Die Facebook-Nutzerin veröffentlicht zur Stützung ihrer These einen Screenshot von Angela Merkel, auf dem zu sehen ist, wie sie einen Mann umarmt. Das Bild sei „von heute“, schreibt die Nutzerin. 

Recherchen von CORRECTIV zeigen: Das Foto entstand vor der Corona-Pandemie. Der Mann, den die deutsche Bundeskanzlerin umarmt, ist der portugiesische Premierminister António Costa. Die Aufnahme zeigt Merkel und Costa am 12. Dezember 2019 bei einem EU-Gipfel in Brüssel. 

Bundeskanzlerin Merkel und der portugiesische Premier Costa umarmten sich im Dezember 2019

Die auf den Fotos der DPA von diesem Tag erkennbaren Kleidungsstücke Merkel trägt einen roten Blazer mit Kragen, darunter ein schwarzes Oberteil, Costa trägt einen dunkelgrauen Anzug, dazu ein weißes Hemd passen zu dem Screenshot im Facebook-Beitrag.

Portugals Premierminister Costa (links) und Bundeskanzlerin Merkel am 12. Dezember 2019 bei einem EU-Gipfel in Brüssel. (Quelle: Yves Herman/ Picture Alliance/ Reuters)
Portugals Premierminister Costa (links) und Bundeskanzlerin Merkel am 12. Dezember 2019 bei einem EU-Gipfel in Brüssel. (Quelle: Yves Herman/ Picture Alliance/ Reuters)

Durch eine Bilderrückwärtssuche ist CORRECTIV auf die Behauptung einer Nutzerin auf Twitter gestoßen, die Bilder seien vor Kurzem bei RTL ausgestrahlt worden.

Andreas Greuel, ein Pressesprecher von RTL, bestätigte das auf Nachfrage per E-Mail: Es lief am 1. Juli bei RTL Aktuell und der Inhalt des Beitrags ist die Thematisierung der Ratsherrschaft Deutschlands der EU unter Einbezug auf diverse Archivbilder mit Blick in die vergangenen Jahre und Kanzlerin Merkel. Alles retrospektiv also. So wird es auch in der MAZ getextet. 

Das Material stamme von der Agentur EbS von der Europäischen Kommission und sei vom 12. Dezember 2019, so der RTL-Pressesprecher.

Ein Ausschnitt einer E-Mail von RTL an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)
Ein Ausschnitt einer E-Mail von RTL an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)
Ein weiterer Ausschnitt einer E-Mail von RTL an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)
Ein weiterer Ausschnitt einer E-Mail von RTL an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)

Bundeskanzlerin Merkel und der portugiesische Premier Costa umarmten sich folglich vor dem Beginn der Corona-Pandemie. 

Immer wieder kursieren in Sozialen Netzwerken Behauptungen, Politikerinnen und Politiker, allen voran Angela Merkel, hätten trotz der Corona-Pandemie nicht ausreichend Abstand zu anderen gehalten einige unserer Faktenchecks zeigten, dass als angebliche Belege immer wieder Archivbilder verwendet werden, zum Beispiel hier, hier und hier.

Unsere Bewertung:
Falsch. Die WHO verkündete nicht, dass Covid-19-Infizierte ohne Symptome keine Virus-Überträger sein können.

Verbreitung Coronavirus weltweit
Die Sterblichkeit im Zusammenhang mit Covid-19 kann aus dem prozentualen Anteil Verstorbener an den insgesamt Infizierten berechnet werden. (Symbolbild: Unsplash/ KOBU Agency)

von Uschi Jonas

In einem Facebook-Beitrag wird suggeriert, die Zahlen der an Covid-19 Verstorbenen würden weniger dramatisch wirken, wenn prozentuale Anteile anstatt der absoluten Zahlen betrachtet werden. Die angebliche Berechnung der Sterblichkeitsrate in dem Beitrag führt jedoch in die Irre.

Der Schmäh mit den Zahlen ohne Prozentsätze funktioniert jetzt viele Monate. Sind wir wirklich so leicht zu verarschen?, schreibt ein Facebook-Nutzer am 7. Juli. Der Beitrag wurde bisher 2.800 Mal geteilt. Er suggeriert, dass die absoluten Covid-19-Zahlen die Krankheit angeblich gefährlicher erscheinen lassen, als sie ist und berechnet deshalb angebliche Todesraten in Prozent. Damit führt er allerdings in die Irre.

Sterblichkeitsrate berechnet sich nicht aus Gesamtbevölkerung, sondern aus dem Anteil Verstorbener an Covid-19-Infizierten

Zu seinem Beitrag veröffentlicht der Facebook-Nutzer ein Diagramm der Coronavirus-Todeszahlen verschiedener Länder und setzt die Zahlen ins Verhältnis zu der Einwohnerzahl des jeweiligen Landes. Auf dieser Basis berechnet er eine vermeintliche Covid-19-Sterblichkeitsrate. Es wird beispielsweise suggeriert, die USA hätten eine Sterblichkeitsrate von 0,03 Prozent. Der Beitrag bezieht sich auf Daten vom 29. Juni 2020. 

In einem Facebook-Beitrag vom 7. Juli wird aus der Einwohnerzahl und der Anzahl der Todesfälle eine irreführende Covid-19-Sterblichkeitsrate berechnet
In einem Facebook-Beitrag vom 7. Juli wird aus der Einwohnerzahl und der Anzahl der Todesfälle eine irreführende Covid-19-Sterblichkeitsrate berechnet. (Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)

Die Berechnung ist jedoch irreführend. Die Covid-19-Sterblichkeitsrate ergibt sich nicht aus dem Anteil Verstorbener an der Gesamtbevölkerung. Es gibt zwei verschiedene Arten, sie zu berechnen. Die erste ist der Anteil der Verstorbenen an den tatsächlich an Covid-19 Erkrankten („Letalität“). Hierzu liegen laut Robert-Koch-Institut (RKI) noch nicht genügend Daten vor; es sei nicht bekannt, wie viel Menschen tatsächlich erkrankt sind. 

Die zweite Möglichkeit ist der Fall-Verstorbenen-Anteil: Er wird danach berechnet, wie viel Prozent derjenigen, die sich mit Covid-19 laborbestätigt infiziert haben, im Zusammenhang mit dieser Infektion  versterben. Am 29. Juni lag dieser Anteil in Deutschland beispielsweise bei 4,6 Prozent, wie das RKI in seinem täglichen Lagebericht mitteilte.

 

Der Fall-Verstorbenen-Anteil lag in den USA am 29. Juni bei 5,01 Prozent

Am 29. Juni gab es in den USA laut WHO 2.496.628 bestätigte Corona-Fälle und 125.318 Tote an diesem Tag lag der Fall-Verstorbenen-Anteil in den USA folglich bei 5,01 Prozent, nicht wie im Facebook-Beitrag behauptet bei 0,03 Prozent. 

Auch bei anderen Ländern führen die Zahlen in dem Beitrag in die Irre, wie unsere Überprüfung anhand der WHO-Daten stichprobenartig zeigt:

  • In Brasilien gab es am 29. Juni bei 1.313.667 bestätigte Fälle und 57.070 Tote. Das ergibt einen Verstorbenen-Anteil von rund 4,34 Prozent.
  • In Großbritannien lag die Zahl bestätigter Infiziertenfälle am 29. Juni bei 311.155 und die Zahl der Verstorbenen bei 43.550. Der Anteil der Todesfälle lag demnach bei rund 14 Prozent.

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Die Berechnungen in dem Facebook-Beitrag geben also nicht die Covid-19-Sterblichkeitsrate der jeweiligen Länder an. 

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Die Covid-19-Sterblichkeitsrate wird nicht aus dem Anteil Corona-Verstorbener an der Gesamtbevölkerung berechnet.

Puppe Corona
In Sozialen Netzwerken verbreitet sich das Foto einer Puppe, die auf einer Rettungsliege transportiert wird. (Screenshot: CORRECTIV)

von Uschi Jonas

In Sozialen Netzwerken wird ein Foto verbreitet, das den Transport einer Puppe auf einer Rettungsliege zeigt. Facebook-Nutzer behaupten, Medien würden mit diesem Foto Angst vor dem Coronavirus schüren. Diese Behauptung ist unbelegt.

Corona Angstmache geht weiter, die Medien hören nicht auf! Jetzt vergrößert mal das Bald, das ist eine Puppe! mit diesen Worten hat ein Nutzer am 28. Juni ein Foto auf Facebook gepostet. Der Beitrag wurde mehr als 1.600 Mal geteilt.

Auf dem Foto sind zwei Personen in Schutzanzügen zu sehen, die eine Puppe auf einer rollbaren Rettungsliege transportieren. Auf dem Rücken der einen Person ist ein rotes Kreuz zu erkennen mutmaßlich sind die beiden medizinische Fachkräfte. Auf einem gelben Absperrband steht prohibido Spanisch für verboten.

Auf Facebook verbreitet sich das Foto einer Puppe, die auf einer Rettungsliege transportiert wird und angeblich Angst vor Corona schüren soll.
In Sozialen Netzwerken verbreitet sich das Foto einer Puppe, die auf einer Rettungsliege transportiert wird. (Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)

Der Facebook-Beitrag suggeriert, Medien würden dieses Foto verbreiten, um Angst vor dem Coronavirus zu schüren. Diese Behauptung ist unbelegt. Recherchen von CORRECTIV zeigen, dass das Foto nicht in der medialen Berichterstattung zu finden ist. Es ist nicht klar, was auf dem Bild zu sehen ist, es könnte sich aber um eine medizinische Übung handeln.

Keine Medienberichte zu finden, die mit Puppen Corona-Angst schüren

Eine Bilder-Rückwärtssuche mit verschiedenen Suchmaschinen wie Google, Yandex oder Tineye lässt keine Rückschlüsse auf die Quelle des Bildes zu. Klar ist nach der Suche, dass keine Medien in Deutschland oder anderen Ländern dieses Foto verbreitet haben, um über das Coronavirus zu berichten. 

Stattdessen finden sich zahlreiche Posts mit dem Foto in Sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook, unter anderem auf Russisch, Spanisch oder Polnisch.

Keine Belege für den Ursprungsort oder -zeitpunkt des Fotos

Die Beiträge auf Sozialen Netzwerken tauchten erstmals Anfang Juni 2020 auf. Die Warnung auf dem Absperrband lässt darauf schließen, dass das Foto in einem spanischsprachigen Land entstanden ist. Der älteste Beitrag, den wir mit der Google-Rückwärtssuche fanden, stammt vom 6. Juni aus Mexiko

Corona: Puppe auf Liege und Rettungskräfte
Der älteste Beitrag mit dem Foto, den wir finden konnten, wurde am 6. Juni auf Facebook gepostet. (Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)

Er zeigt offenbar die vollständige Version des Fotos im Hochformat  Darauf ist im Vordergrund noch ein weißes Auto zu erkennen, doch auch das lässt keine Rückschlüsse darauf zu, wo das Foto gemacht wurde. 

Woher genau das Foto stammt und wann es entstanden ist, ist also unklar.

In den Kommentaren zu den Beiträgen diskutieren Nutzer ebenfalls über die Entstehung des Fotos. Immer wieder wird erwähnt, dass es sich bei der Szene auch um eine medizinische Übung handeln könnte. Dass Puppen für verschiedene medizinische Trainings und Notfallsimulationen für die Aus- und Weiterbildung genutzt werden, ist grundsätzlich international üblich. So gibt es in Deutschland beispielsweise die Gesellschaft zur Förderung der Simulation in der Medizin e.V

Simulationen mit Puppen sind ein Bestandteil der medizinischen Ausbildung

Der Verein erläutert die Frage, wozu es Simulationen braucht, wie folgt: In simulationsgestützten Trainings lernen Gesundheitsfachkräfte, unter Stress optimal zu kooperieren und zu handeln. Dies erhöht die Behandlungsqualität, die Patientensicherheit und die Zufriedenheit des medizinischen Personals.“ Auch Krankenhäuser selbst arbeiten für die Aus- und Weiterbildung medizinischer Fachkräfte mit Simulationen und Puppen, wie zum Beispiel die Berliner Charité.

Fazit: Es gibt keine Belege dafür, dass Medien das Foto einer Puppe verbreiten, um damit Angst vor Corona zu schüren. Das Bild wurde nach unseren Recherchen von keinem Medienunternehmen für die Berichterstattung genutzt. Das Foto findet sich lediglich in Sozialen Netzwerken und wird dort von Privatnutzern verbreitet. Es gibt keine Hinweise, wann und wo es entstanden sein könnte. Es ist aber möglich, dass es eine Übung zeigt. 

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Belege dafür, dass Medien das Foto in Berichten über das Coronavirus verwendet haben. 

MCDonalds Unsplash
Seit 2014 kursiert in Sozialen Medien ein Satire-Beitrag, in dem behauptet wird, in McDonalds Produkten sei Kinderfleisch entdeckt worden. (Symbolfoto: Unsplash/ Sepet)

von Uschi Jonas

Ein Beitrag auf Facebook suggeriert, dass in 90 Prozent der McDonalds-Filialen in den USA Kinderfleisch in den Produkten entdeckt worden sei. Das ist falsch. Bei dem verlinkten Artikel wird ein Satire-Blog als Quelle genannt.

In einem Beitrag auf Facebook wird behauptet: „Kinderfleisch zu 90 % in US-Mc Donald‘s Filialen ermittelt.“ Der Post stammt vom 23. Juni und wurde mehr als 750 Mal geteilt. Wie der Facebook-Nutzer selbst schreibt, stammt der Artikel, auf den er sich bezieht aus dem Jahr 2014 – was er allerdings nicht erwähnt: Der Ursprungs-Artikel ist Satire. Die Behauptung ist daher vollkommen falsch. 

Satire-Blog verbreitete 2014 Artikel über „Menschenfleisch“ bei McDonalds

Der gepostete Artikel stammt von der Webseite Daily Buzz Live, die sich in ihrem Artikel auf einen Artikel des US-amerikanischen Blogs Huzlers bezieht.

Daily Buzz Live gilt als fragwürdige Webseite. Die US-Webseite Media Bias/ Fact Check stuft Daily Buzz Live als extrem voreingenommen, Propaganda und Verschwörungstheorien fördernd ein und konstatiert, dass den Inhalten oft Quellen für glaubwürdige Informationen fehlen würden und die Seite häufig Falschnachrichten verbreite.

Huzlers wiederum gibt selbst an, ein Satire-Blog zu sein. In der Blog-Beschreibung steht: „Huzlers ist ein satirischer und fiktionaler Unterhaltungs-Blog, der Inhalte auf so komplexe Weise produziert, dass sie nirgendwo anders so wie bei Huzlers präsentiert oder dargestellt werden könnten.“ 

In einem Facebook-Beitrag wird behauptet, es gebe Hinweise darauf, dass Menschenfleisch in McDonalds-Burgern in den USA gefunden worden sei. (Screenshot: CORRECTIV)

Unter anderem steht im Artikel von Daily Buzz Live: Verschiedenen Berichten zufolge haben forensische Ermittler Fabriken und Restaurants im ganzen Land inspiziert und an 90 Prozent der Orte Menschenfleisch gefunden. In 65 Prozent der Betriebe wurde Pferdefleisch gefunden.” Ein vermeintlicher FBI-Agent habe zudem gegenüber Huzler-Reportern behauptet, dass es teilweise Kinderfleisch gewesen sei, das gefunden wurde.

Bei all diesen Behauptungen bezieht sich Daily Buzz Live auf den Artikel von Huzlers und nennt keine eigenen Quellen. Dass es sich bei dem Artikel von Huzlers um einen fiktionalen Artikel handelt, wird nicht erwähnt. Folglich ist der Artikel von Daily Buzz Live mit dem Titel: Menschliches Fleisch in Fleischfabrik von McDonalds entdeckt“ eine Falschmeldung. 

Seit Jahren kursieren Falschmeldungen über Menschenfleisch in McDonalds-Burgern

Seit Erscheinen des Artikels McDonalds entlarvt für die Verwendung von menschlichem Fleisch!“ bei Huzlers im Jahr 2014 kursieren Screenshots des Artikels oder von Artikeln, die sich auf den Satire-Beitrag von Huzlers beziehen. Auch andere Faktenchecker wie beispielsweise Snopes (2014) oder Politifact (2017) haben berichtet, dass es sich bei dem Artikel um Satire handelt.

Fazit: Die Behauptung, dass in 90 Prozent der US-McDonalds-Filialen Kinderfleisch in den Produkten entdeckt wurde, ist falsch. Bei der Quelle für die Behauptung handelt es sich um Satire.

Unsere Bewertung:
Völlig falsch. Die Behauptung, es sei Menschenfleisch in den Burgern von McDonalds gefunden worden, ist Satire.