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Schadstoffbelasteter Boden der Deutschen Bahn: Neuer Verdacht wegen illegaler Entsorgung
Die Deutsche Bahn ist offenbar stärker von den dreckigen Geschäften eines mutmaßlich kriminellen Netzwerks betroffen als bislang angenommen. So steht ein weiterer Kiesbetrieb in NRW im Verdacht, belasteten Boden von einer Großbaustelle der Bahn illegal beseitigt zu haben.
Seit bald zwei Jahren ermittelt die Staatsanwaltschaft Dortmund gegen mehrere Transport-, Entsorgungs- und Baufirmen in Nordrhein-Westfalen (NRW). Sie sollen Teil eines kriminellen Netzwerkes sein, das im großen Stil kontaminierten Boden und anderen, teils giftigen Abfall illegal entsorgt hat. Gegen einen Kiesbetrieb im niederrheinischen Kamp-Lintfort hat sich dieser Verdacht jetzt offenbar erhärtet, wie einem Bericht aus dem Umweltausschuss des nordrhein-westfälischen Landtags zu entnehmen ist.
Die Firma soll im Jahr 2024 unerlaubterweise schadstoffbelasteten Boden von einer Großbaustelle der Deutschen Bahn in Dortmund angenommen haben. Es geht um insgesamt rund 2.100 Tonnen, in LKW-Ladungen umgerechnet circa 90 Transporte.
Staatsanwaltschaft und der zuständige Kreis Wesel ermitteln noch, was mit den Lieferungen konkret passiert ist. Erste Spuren fanden sie im Wasser, das sich in der Kiesgrube des Betriebes angesammelt hat.
Auch der Chef einer angesehenen Recyclingfirma in NRW, mit dem CORRECTIV über den Fall sprechen konnte, wirft dem Kiesbetrieb aus Kamp-Lintfort illegale Entsorgung vor. Dabei geht es noch um einen anderen Abfallstoff, der ursprünglich wohl aber auch von der Bahn stammt.
Drei verdächtige Tagebaue in einer Stadt
Der verdächtige Betrieb fördert Sand und Kies aus einem von Grundwasser gefluteten Tagebau. Eine Genehmigung, das Baggerloch mit anderen Materialien zu füllen, hat der Betrieb nicht. Das teilte der zuständige Kreis Wesel auf Anfrage von CORRECTIV mit.
Es ist bereits der dritte Standort in Kamp-Lintfort, der wegen des Bodens von der Bahn-Großbaustelle in Dortmund ins Visier der Ermittler geraten ist. Bei den beiden anderen handelt es sich um die Kies-Seen Rossenray und Rossenrayer Feld Süd, wie CORRECTIV vor ein paar Wochen berichtet hat.
Die Bahn teilte damals gegenüber unserer Redaktion mit, dass ihr Ermittlungen in dieser Sache bekannt seien. Diese richteten sich weder gegen den Konzern noch gegen Mitarbeitende der DB. Durch „entsprechende Nachweise” stelle die Bahn eine ordnungsgemäße Entsorgung ihrer Abfälle sicher, hieß es weiter.
Doch wie kann es dann sein, dass offenbar wiederholt schadstoffbelasteter Boden von der Baustelle in Dortmund und womöglich auch noch andere Abfallstoffe auf Abwege geraten sind? Diese Nachfrage wollte die Bahn jetzt mit Verweis auf das laufende Verfahren nicht beantworten.

Die Großbaustelle der Deutschen Bahn
In Dortmund errichtet die Bahn eine Werkstatt für ICE-Züge. Auf dem Baugelände befand sich früher ein Güterbahnhof. Der Boden ist unter anderem mit Unkrautvernichtungsmitteln, die die Bahn zur Pflege der Gleise eingesetzt hatte, belastet. Das geht aus einem Gutachten hervor, das CORRECTIV vorliegt. „Auffällig sind vor allem Verunreinigungen durch das seit 1990 verbotene Herbizid Ethidimuron”, heißt es darin etwa.
Was im jüngsten Fall konkret mit dem belasteten Bahn-Boden passiert ist, ist wohl noch nicht ganz klar. Ein Gutachter prüfe derzeit, wo auf dem Gelände des Kieswerks „eventuell angelieferte Bodenmassen” abgelagert worden sein könnten, berichtete der Kreis Wesel weiter.
Boden mit Unkrautvernichtungsmitteln belastet
Die Folgen dieses mutmaßlichen Umweltverbrechens hingegen sind offenbar schon messbar. Laut Kreis zeigten Untersuchungen von Boden und Wasser „erhöhte Herbizid-Rückstände und geringfügige Überschreitungen von Schwermetallen”.
Auf Nachfrage von CORRECTIV verriet der Kreis, um welche Herbizide es sich handelt: unter anderem Ethidimuron – also jener verbotene Stoff, der auch im Bahn-Boden in Dortmund gutachterlich festgestellt wurde.
Noch mehr verdächtige Kiesgruben
Neben den Gruben in Kamp-Lintfort gehören mit den Tagebauen Morschenich am Rande des Hambacher Forstes und Golzheim weiter südlich zwei weitere Kieswerke zu den Tatorten.
Allein in der Grube Morschenich sollen rund 1.400 Tonnen belastetes Bodenmaterial verbuddelt worden sein. Nach Behördenangaben wurde das Material wieder ausgegraben und fachgerecht entsorgt.
Unklar ist, woher der Boden stammt. Die Firma, die beide Gruben betreibt, hat auf eine Anfrage von CORRECTIV nicht reagiert.
Im Fokus der Umwelt-Ermittler steht die Transportfirma, die den Boden geliefert haben soll. Gegen sie wird wegen des Verdachts illegaler Abfallentsorgung ermittelt.
Der Boden ist womöglich nicht das einzige belastete Material, das der Kiesbetrieb in Kamp-Lintfort verschwinden lassen wollte. So soll der Betrieb auch Reststoffe, die beim Recycling von sogenanntem Gleisschotter anfallen, illegal entsorgt haben. Das jedenfalls behauptet ein Recyclingunternehmer aus NRW im Gespräch mit CORRECTIV. Der Mann ist seit vielen Jahren im Entsorgungsgeschäft tätig und in der Branche gut vernetzt. „Es wird Kies und Sand beigemengt”, erzählt er über den Umgang des verdächtigen Betriebs mit dem Schotter-Material.
Der Unternehmer, der seinen Namen nicht in den Medien lesen möchte, will über LKW-Fahrer von den fragwürdigen Praktiken erfahren haben. Die Fahrer sollen ihm berichtet haben, dass die Schotter-Reste von einem Werk in Bochum stammten. Der fragliche Bochumer Betrieb bestreitet auf Anfrage von CORRECTIV jegliche Verbindung zu illegaler Entsorgung.
Laut dem Recyclingunternehmer war noch eine weitere Firma in den Deal verwickelt. Sie soll den Abfallstoff von dem Betrieb in Bochum übernommen und eine ordnungsgemäße Entsorgung vorgetäuscht haben. Tatsächlich soll die Firma, die ihren Sitz im westfälischen Soest hat, das Material zum Kiesbetrieb nach Kamp-Lintfort verfrachtet haben. Wir haben den Geschäftsführer der Firma mit diesem Vorwurf konfrontiert – ohne Reaktion.
Glyphosat festgestellt
Belasteter Schotter fiel auch bei der Großbaustelle der Deutschen Bahn in Dortmund an. Laut des vorliegenden Gutachtens ist das Material aus dem Gleisbett des früheren Güterbahnhofs mit diversen Herbiziden belastet: neben Ethidimuron unter anderem mit Glyphosat und Ampa, einem Abbauprodukt von Glyphosat. Auch Ampa wurde bei den Untersuchungen auf dem Gelände des verdächtigen Kiesbetriebs in Kamp-Lintfort entdeckt.
Glaubt man dem Recyclingunternehmer, steckt hinter dem schmutzigen Schotter-Geschäft ein Mann, der bereits wegen ähnlicher Vergehen angeklagt ist: Seit Anfang April muss sich ein 63-Jähriger vor dem Landgericht Dortmund unter anderem wegen bandenmäßigen Betruges und unerlaubten Umgangs mit Abfall verantworten. Der Angeklagte war Mitarbeiter der Soester Firma, die die Schotter-Reste aus Bochum übernommen haben soll.
Bargeld und Gold sichergestellt
Bei seiner Festnahme im vergangenen Herbst hat die Staatsanwaltschaft Bargeld und Gold im Gesamtwert von rund 230.000 Euro sichergestellt. Außerdem eine goldene Rolex.
Zu den Straftaten, die ihm die Staatsanwaltschaft vorwirft, gehören die Boden-Lieferungen zu den beiden Kies-Seen Rossenray und Rossenrayer Feld Süd in Kamp-Lintfort. Der jüngste Fall um den dritten Kiesbetrieb in der niederrheinischen Stadt ist nicht Teil der Anklage.

CORRECTIV hat den 63-jährigen Angeklagten über einen seiner Anwälte um Stellungnahme gebeten. Bis zur Veröffentlichung dieses Textes gab es jedoch keine Reaktion.
Auch der Kiesbetrieb aus Kamp-Lintfort, der Boden und Schotter-Reste illegal entsorgt haben soll, hat sich nicht zu den Vorwürfen geäußert. Man arbeite mit den zuständigen Behörden „konstruktiv und vollumfänglich” zusammen, teilte die Firma über einen Sprecher lediglich mit. Zu dem Angeklagten bestünden weder „private noch unmittelbar geschäftliche Beziehungen”.
Die mutmaßlich illegale Entsorgung von belasteten Boden der Deutschen Bahn in drei Kieswerken in Kamp-Lintfort ist Teil eines größeren Komplexes mit weiteren Tatorten und verdächtigen Firmen. Die bei der Dortmunder Staatsanwaltschaft angesiedelte Zentralstelle für die Verfolgung von Umweltkriminalität in NRW führt die Ermittlungen. Sie richteten sich laut der Strafverfolgungsbehörde gegen mehr als 40 Personen.
Redigatur & Faktencheck: Martin Böhmer