Weniger Bewerber, mehr Durchfaller und Abbrecher: Die Zahlen zur Polizeiausbildung aller Bundesländer im Check
Eine CORRECTIV-Abfrage zeigt, dass immer weniger junge Menschen Polizist werden wollen. Viele fallen durch die Aufnahmetests, andere brechen die Ausbildung ab. Ausbildungsstellen bleiben unbesetzt. Die Gewerkschaft der Polizei sieht eine „dramatische Entwicklung“.
Der Polizeiberuf gilt als eine der tragenden Säulen des Rechtsstaats. Doch die Polizeibehörden der Bundesländer stehen vor einem Problem, das auch viele andere Arbeitgeber kennen: Sie müssen um ihren Nachwuchs fürchten.
Wie eine Abfrage von CORRECTIV unter den Bundesländern zeigt, ist die Zahl der Bewerbungen für eine Ausbildung bei der Polizei zwischen 2020 und 2025 in fast allen Bundesländern deutlich gesunken. Viele Bewerberinnen und Bewerber fallen zudem durch die Aufnahmeprüfungen.
Die Folgen könnten mittelfristig sogar die Arbeitsfähigkeit der Polizei beeinträchtigen: Denn in einigen Bundesländern bleiben mangels geeigneter Interessenten Ausbildungsplätze unbesetzt – und von denjenigen, die eine Ausbildung aufgenommen haben, brechen viele diese vorzeitig ab.
Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Jochen Kopelke, bezeichnet die Lage als „dramatisch“ und warnt: „Obwohl wir mehr Polizistinnen und Polizisten in Deutschland brauchen, sinken die Bewerberzahlen, fallen immer mehr durch die Prüfungen und kündigen.“
Bewerberzahlen gehen bis zu 41 Prozent zurück
Die Nachwuchssorgen beginnen beim schwindenden Interesse für den Polizeiberuf: Wie die CORRECTIV-Abfrage zeigt, bewarben sich im Jahr 2020 noch 73.554 junge Menschen für eine Ausbildung bei einer der Länderpolizeien. Im vergangenen Jahr waren es nur noch 63.191. Das entspricht einem Rückgang von etwa 14 Prozent. Hessen und Baden-Württemberg bleiben bei dieser Berechnung mangels vorliegender Zahlen für eines der Vergleichsjahre unberücksichtigt.

Die stärksten Rückgänge verzeichnete Niedersachsen: Dort sank die Zahl der Bewerbungen für die Polizeiausbildung zwischen 2020 und 2025 von 4.932 auf 2.906. Aber auch in den meisten anderen Ländern bewerben sich immer weniger Menschen für den Polizeiberuf: Starke Rückgänge zeigen sich vor allem im Nordwesten der Republik sowie bei Bewerbungen für ein Studium für den gehobenen Polizei-Dienst.
Rückgänge bei den Bewerberzahlen für eine Polizei-Ausbildung zwischen 2020 und 2025
- Niedersachen: -41 Prozent
- Bremen: -39,9 Prozent
- Hamburg: -34,1 Prozent
- Schleswig-Holstein: -32,4 Prozent
- Rheinland-Pfalz: -29,5 Prozent
- Saarland: -15,6 Prozent
- Berlin: -13,7 Prozent (Gesamtzahl aller Bewerbungen über alle drei Laufbahnen hinweg; der Rückgang für eine Ausbildung für den gehobenen Dienst bei der Schutzpolizei liegt bei über 46 Prozent)
- Bayern: -9,9 Prozent
- Sachsen: -9,3 Prozent
- Hessen: -7,0 Prozent (Zeitraum 2023 – 2025)
- Brandenburg: -6,7 Prozent
- Baden-Württemberg: -3,0 Prozent (2020 – 2024)
- Nordrhein-Westfalen: -4,5 Prozent
- Mecklenburg-Vorpommern: -0,9 Prozent
Gestiegene Bewerberzahlen registrierten nur zwei Länder:
- Thüringen: +36 Prozent
- Sachsen-Anhalt: +11 Prozent
Wichtig: Die Zahlen sind zwischen den Bundesländern nur eingeschränkt vergleichbar. Die Polizeiausbildung ist in Deutschland föderal organisiert und unterscheidet sich von Land zu Land erheblich. Es gibt drei Laufbahnen bei der Polizei:
Im mittleren Dienst ist man bei der Schutz-, Kriminal- oder Bereitschaftspolizei. Im gehobenen Dienst führt man beispielsweise Ermittlungstätigkeiten und Führungsaufgaben aus. Im höheren Dienst haben Polizistinnen und Polizisten Leitungsfunktionen und strategische Aufgaben inne.
Während einige Länder weiterhin sowohl den mittleren als auch den gehobenen Polizeivollzugsdienst ausbilden, stellen andere ausschließlich für den gehobenen Dienst ein.
Hinzu kommen Unterschiede in der Datenerhebung. Einige Behörden zählen Bewerbungen pro Kalenderjahr, andere pro Auswahlverfahren oder Einstellungstermin. In Baden-Württemberg erschwert zudem die Einführung eines Online-Bewerbungsportals im Jahr 2023 den direkten Vergleich mit früheren Jahren und anderen Bundesländern. Hessen wiederum änderte sein Bewerbungssystem 2023 grundlegend.
Anforderungen: Welche Tätigkeiten übt ein Polizist aus?
- Das Deutsche Polizeisportkuratorium (DPSK) bezeichnet etwa die körperliche Leistungsfähigkeit ausdrücklich als „Schlüsselqualifikation“ für die Funktionsfähigkeit der Polizei. Sie sei Voraussetzung, um Bürgerinnen und Bürger sowie sich selbst zu schützen.
- Auch ausreichende Deutschkenntnisse sind wichtig: Ein Polizist muss komplexe Sachverhalte in verständliche, rechtlich brauchbare Anzeigen und Berichte schreiben. Beamte müssen außerdem Platzverweise, Maßnahmen, Rechte erklären und zum Beispiel Beschuldigte belehren.
- Mathematik und logisches Denken sind ebenfalls wichtig: Bei einer Unfallaufnahme müssen beispielsweise Bremswege, Geschwindigkeiten, Entfernungen eingeschätzt werden können – Polizistinnen müssen Plausibilität prüfen, Zahlen grob überschlagen, Abstände schätzen und Proportionen verstehen.
- Dazu kommt noch psychische und physische Belastbarkeit und Stresskompetenz: Polizisten werden mit Leid konfrontiert, mit Toten bei Unfällen, mit Suiziden, Kindesmisshandlungen. Sie müssen Entscheidungen unter Zeitdruck treffen, etwa bei Gefahrensituationen wie einem Messerangriff oder einer Bedrohungslage.
Wie es um die Qualifikationen bei den Aufnahmetests der Ausbildungsstätten bestellt ist
Würden alle Bewerberinnen und Bewerber tatsächlich eine Ausbildung beginnen, müssten sich die Polizeibehörden – trotz gesunkener Bewerber-Zahlen – nicht um ausreichend Nachwuchs sorgen. Denn die Bewerberzahlen übersteigen die Zahlen der zur Verfügung stehenden Ausbildungsplätze meist immer noch deutlich.
Doch Interesse alleine reicht nicht. Wer den Verkehr regeln oder Demonstrationen absichern will, wer als „Freund und Helfer“ bereitstehen oder von Berufs wegen Verbrecher jagen möchte, muss seine Eignung unter Beweis stellen – und einen Aufnahmetest absolvieren.
Die Sprache ist eine zentrale Hürde
Wie diese Tests ausgestaltet sind, ist in den Bundesländern sehr unterschiedlich geregelt. Eine zentrale Rolle spielen aber flächendeckend die Sprachkenntnisse; wie streng diese geprüft werden, unterscheidet sich in den Ländern zwar teilweise erheblich.
Die CORRECTIV-Abfrage zeigt aber doch einen klaren Trend: Die Bewerberinnen und Bewerber sind demnach im Durchschnitt schlechter qualifiziert als noch vor einigen Jahren – und die Durchfallquoten steigen.
- Bayern: Hier hat sich der Anteil der Bewerber, die am Sprachtest scheitern, innerhalb weniger Jahre verdoppelt. Fielen 2020 noch rund neun Prozent der Teilnehmenden durch, waren es 2025 bereits 18 Prozent. Das Innenministerium selbst spricht von einem „negativen Trend“.
- Auch in Nordrhein-Westfalen scheitern jedes Jahr Hunderte Bewerber an unzureichenden Deutschkenntnissen; im Jahr 2025 knapp zehn Prozent der Kandidaten, was minimal besser ist als 2020.
- Besonders auffällig ist die Entwicklung in Schleswig-Holstein: In der Laufbahngruppe für den gehobenen Dienst fielen im Ausbildungsjahrgang 2021/22 wegen mangelnder Deutschkenntnisse im Diktat 21,74 Prozent durch. 2025 stieg der Wert auf mehr als die Hälfte aller Prüflinge.
- Auch Berlin meldet eine hohe Durchfallerquote aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse. Im Jahr 2024 wurden laut Hauptstadt-Polizei 45 Prozent der Bewerbenden deswegen abgelehnt. Aus Berlin heißt es weiter, die Ablehnungsquote des Gesamtverfahrens sei „nicht signifikant gestiegen“.
- Bewerbende erweckten mitunter aber den Eindruck, „sich nicht auf das Auswahlverfahren vorbereitet zu haben“. Daten aus 2022 zeigten zudem, dass rund 35 Prozent der Bewerbenden jegliche Kommunikation während des laufenden Bewerbungsprozesses abgebrochen hätten – „ohne Rückmeldung oder Begründung“.
Trotz solcher Zahlen bestreiten die meisten Behörden eine generelle Verschlechterung der sprachlichen Fähigkeiten. Bayern etwa erklärt, die Qualifikation der Bewerber habe sich „nicht pauschal verschlechtert“.

Mathematik-Kenntnisse werden meist nicht gesondert geprüft
Mathematische Kompetenzen von Bewerbenden werden von den meisten Polizeibehörden nur selten als eigener Prüfungsbereich ausgewiesen. Sie werden stattdessen durch allgemeine kognitive oder psychologische Fähigkeitstests- oder standardisierte Intelligenztests erfasst.
Einige Bundesländer prüfen numerische Fähigkeiten jedoch weiterhin ausdrücklich.
- In Rheinland-Pfalz müssen Bewerberinnen und Bewerber beispielsweise Aufgaben zu Rechenoperationen oder Zahlenreihen lösen. Nach Angaben der Polizei würden Bewerbende „erfahrungsgemäß“ häufig an den „Prüfungen der numerischen Fähigkeiten (Rechenaufgaben) sowie der sprachlichen Kompetenzen (Rechtschreibung, Grammatik)“ scheitern.
- In Sachsen-Anhalt wird mathematisch-logisches Denken durch den Intelligenzstrukturtest I-S-T-5 geprüft. Welche Bedeutung einzelne Defizite, etwa in Deutsch oder Mathematik, im jeweiligen Einzelfall haben, lasse sich „nicht pauschal beurteilen“ – gleichzeitig könne nicht von einer „pauschalen Verschlechterung der Qualifikation oder Eignung von Bewerberinnen und Bewerbern“ gesprochen werden.
- In Nordrhein-Westfalen heißt es: „Mathematische Kenntnisse sind nicht Teil des Einstellungsprofils und kein Ausschlussgrund.“ Auf der Website der Polizei heißt es auch ausdrücklich, es gebe „keine Voraussetzung bestimmter Schulnoten“ für eine Bewerbung und auch „keine Mindestanforderung“, wie gut die Note im Fach Mathematik sein müsse.

Defizite bei Fitness und körperlicher Eignung
Getestet wird in den Polizeibehörden auch die körperliche Eignung von Bewerberinnen und Bewerbern – und auch in diesem Bereich können viele die Anforderungen nicht erfüllen.
- In Bayern etwa wurden im vergangenen Jahr 19 Prozent der Interessenten wegen mangelnder Fitness abgelehnt. 2020 lag der Anteil der Durchfaller im Bereich Sport noch bei 13 Prozent.
- In Mecklenburg-Vorpommern zeigten im Jahr 2020 rund 14 Prozent nicht die geforderten körperlichen Fähigkeiten. Im vergangenen Jahr stieg der Wert auf knapp 18 Prozent.
- Die Polizei in Schleswig-Holstein akzeptierte, je nach Laufbahn, im vergangenen Jahr zwischen knapp elf und knapp 15 Prozent der Bewerbenden nicht für eine Ausbildung.
- In Niedersachsen, wo derzeit nur Studierende für den gehobenen Polizeidienst ausgebildet werden, waren die Durchfallquoten im Bereich Sport mit sieben Prozent im Jahr 2020 und sechs Prozent im vergangenen Jahr vergleichsweise moderat.
- In NRW wurden aufgrund mangelnder Fitness im Jahr 2020 rund 13 Prozent der Bewerber nicht genommen. Im vergangenen Jahr fiel die Quote auf knapp zehn Prozent.
- Einen leicht positiven Trend meldet auch Hessen – allerdings auf besorgniserregendem Niveau: Die Durchfallquote im Bereich Sport fiel demnach von 20,1 Prozent im Jahr 2023 auf exakt 17 Prozent im vergangenen Jahr.
Bei ihren Tests zur körperlichen Eignung legen die Länder unterschiedliche Maßstäbe an. Auch die Systematiken zur Erfassung der Durchfallquoten unterscheiden sich. Die Werte der Länder sind also nicht unmittelbar miteinander vergleichbar.

Lockerungen oder Veränderungen der Kriterien
Angesichts sinkender Bewerberzahlen und hoher Durchfallquoten haben mehrere Bundesländer die Einstellungskriterien bei Körpergröße, Body Mass Index (kurz BMI, also das Körpergewicht im Verhältnis zur Größe), Fitness und Schulnoten gesenkt.
Ein neuer Trend zeichnet sich zum Beispiel bei der körperlichen Eignung ab: Die Polizei lagert die Sportprüfung zunehmend aus. Anstatt eigene, aufwendige Sporttests durchzuführen, fordern Länder wie Nordrhein-Westfalen, das Saarland und Sachsen-Anhalt von Bewerbenden das „Deutsche Sportabzeichen“ (oft in Silber oder Bronze). In NRW wird auch noch das Deutsche Rettungsschwimmabzeichen in Bronze für eine Einstellung gefordert.
In Baden‑Württemberg entfiel 2024 der Mindestnotenschnitt als Voraussetzung für eine Bewerbung. Mitunter deshalb habe sich ein „merklicher Anstieg der Qualität der Bewerberinnen und Bewerber“ gezeigt.
Hamburg senkte die Mindestkörpergröße von 160 auf 158 Zentimeter und hob den zulässigen Body‑Mass‑Index von 27,5 auf 29,5 an.

Können alle Ausbildungsplätze besetzt werden?
Die sinkenden Bewerberzahlen und die teils hohen Durchfallquoten bei den Aufnahmetests führen zu der Frage, ob die Länderpolizeien alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzen können.
Brandenburg, Bremen, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, das Saarland und Schleswig-Holstein geben hierzu Entwarnung. Die Zahl der geeigneten Bewerber sei zur Besetzung der vorgesehenen Ausbildungsstellen ausreichend.
- In Bayern blieben dagegen Stellen unbesetzt. 2022 waren es 20 Ausbildungsplätze. 2023 blieben 40 Plätze unbesetzt. Auch aus Niedersachen heißt es: „Die für eine Einstellung in Frage kommenden Bewerbenden in den Jahren 2022 und 2023 waren nicht ausreichend.“ Zu berücksichtigen ist dabei, dass die Jahre 2022 und 2023 von der Corona-Pandemie betroffen waren.
- In Thüringen standen im Einstellungsjahr 2025 im mittleren Dienst bis zu 310 Ausbildungsplätze zur Verfügung. Nur 285 Plätze konnten besetzt werden. Aus der Polizei Sachsen-Anhalt verlautete, es habe zwar ausreichend Bewerber gegeben. „Es lagen jedoch nicht immer alle Einstellungsvoraussetzungen vor, so dass im Jahr 2025 nicht alle Einstellungsoptionen besetzt werden konnten.“
- Besorgniserregend erscheint auch die Lage in Mecklenburg-Vorpommern: In den Jahren 2021 bis 2024 konnten insgesamt 76 Plätze für die Polizeiausbildung nicht besetzt werden. Auch in den Studiengängen für den Polizeiberuf blieben Plätze frei.
- In Berlin blieb laut Gewerkschaft der Polizei im Jahr 2025 sogar ein Fünftel der Polizei-Ausbildungsplätze unbesetzt. „Mit Blick auf die zukünftige Sicherheit dieser Stadt“ sehe es „düster aus“, heißt es in der Meldung von GdP-Landesvize Thorsten Schleheider.
Hohe Abbrecherquoten bei den Polizei-Ausbildungsstätten
Nicht alle Bewerberinnen und Bewerber, die nach bestandener Aufnahmeprüfung eine Ausbildung beginnen, werden tatsächlich zu Polizistinnen und Polizisten. Denn etliche brechen die Ausbildung vorzeitig ab.
- Besonders hohe Abbrecherquoten registriert Berlin. Im mittleren Dienst für die Schutzpolizei beendeten 2025 fast 30 Prozent ihre Ausbildung vorzeitig. Im Studium für den gehobenen Dienst bei der Schutzpolizei lag der Wert bei knapp 18, für die Kriminalpolizei bei knapp 25 Prozent.
- Brandenburg vermeldet, dass im Bachelor-Studiengang im Durchschnitt etwa 25 Prozent der Studierenden das Studium nicht beenden. In der Ausbildung für den mittleren Dienst würden rund 30 Prozent der Auszubildenden abbrechen.
- In Nordrhein-Westfalen brachen 2020 etwa 21 Prozent ihre Ausbildung ab. 2021 waren es 24 Prozent und 2022 23 Prozent. Für die Ausbildungsjahrgänge der Folgejahre liegen noch keine validen Zahlen vor.
- Schleswig-Holstein vermeldete auf Anfrage im Mittel der vergangenen Jahre eine Abbrecherquote von von knapp 19 Prozent.
- In Baden-Württemberg sank die Abbrecherquote von knapp 18 Prozent im Jahr 2021 auf gut 14 Prozent im Jahr 2024, wobei die Jahrgänge 2022 bis 2025 noch nicht komplett abgeschlossen sind.
In den übrigen Bundesländern lagen die Werte (meist nur geringfügig) niedriger – oder die Länder konnten oder wollten zu Abbrecherquoten keine Daten nennen.
Gewerkschaft der Polizei (GdP) warnt vor sinkenden Standards
Der sinkende Zulauf bei Polizeiausbildungen kann nach Einschätzung von Arbeitnehmervertretern die Einsatzfähigkeit der Polizei beeinträchtigen. Weniger Neueinstellungen könnten zu weniger Streifen führen und eine höhere Arbeitsbelastung bedeuten – was weitere Ausfälle und Abgängen nach sich ziehen könnte.
Zugleich wachsen die Aufgaben der Polizei: Terrorabwehr, Cyberkriminalität, Großdemonstrationen, Fußballspiele oder häusliche Gewalt binden immer mehr Personal.
Um die Zukunft ihres Berufsstandes sorgt sich auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP). „Wir erwarten von allen Landesregierungen, dass diese dramatische Entwicklung gestoppt wird“, sagt der GdP-Bundesvorsitzende Jochen Kopelke auf Anfrage von CORRECTIV.

„Unsere Gesellschaft erwartet mehr Sicherheit und dafür brauchen wir verlässliche Personalstärken und eine Verstärkung der Polizei.“
Jochen Kopelke
Bundesvorsitzender, GdP
Kopelke weist daraufhin, dass die Bewerberzahlen überall zurückgingen. Dadurch beschränkten sich auch die Auswahlmöglichkeiten für den öffentlichen Dienst. „Deshalb muss sich der öffentliche Dienst stärker als früher anstrengen, um Nachwuchs zu gewinnen, zum Beispiel indem die Ausbildungsanstrengungen intensiviert werden.“
Eine Aufweichung von Einstellungsvoraussetzungen sieht die GdP kritisch. Zwar müsse man hinterfragen, ob jede Anforderung – etwa komplexe Mathematikkenntnisse – noch zeitgemäß seien. Doch dürfe die Qualität der Ermittlungsarbeit darunter nicht leiden. Entscheidend sei laut Kopelke vor allem, „was die Anwärterinnen und Anwärter am Ende ihrer Ausbildung können“.
Hinsichtlich der hohen Abbruchquoten in der Ausbildung sieht der Gewerkschaftschef die Dienstherren in der Pflicht. Es sei zu vermuten, dass die „berechtigten Erwartungen der Auszubildenden“ oft nicht erfüllt würden. Da jedoch keine strukturierten Daten zu den Kündigungsgründen erhoben würden, bleibe die Ursachenforschung schwierig.
Die Professionalität der Polizei könne gewahrt werden – „wenn die Dienstherren die Voraussetzungen schaffen, eventuelle Mängel in der Bewerberlage in Ausbildung und Studium zu kompensieren“.

Wie schätzen die Behörden selbst die aktuelle Situation ein?
In fast allen Bundesländern zeigt sich ein interessantes Muster: Während in der öffentlichen Debatte oft über sinkende Schülerleistungen geklagt wird, halten die Innenministerien im Bereich der Polizei-Ausbildungsstätten dagegen.
Es gibt eine fast demonstrative Einigkeit darüber, dass eine „pauschale Verschlechterung nicht feststellbar“ sei oder „bisher alle Plätze“ besetzt werden konnten. So sagt etwa eine Sprecherin des Innenministeriums von Schleswig-Holstein: „Die Anforderungen im Auswahlverfahren bleiben unverändert anspruchsvoll und orientieren sich konsequent an den Erfordernissen des Polizeidienstes.“
Sachsen-Anhalt führt den Mangel an Bewerbern auf veränderte Rahmenbedingungen am Arbeitsmarkt zurück: „Gerade junge Menschen der Generation Z verfügen heute über zahlreiche berufliche Alternativen, wodurch sich der Wettbewerb um gut geeignete Nachwuchskräfte spürbar verschärft hat.“
Blick aus Bildungssicht: Das Fundament bröckelt – warum der Nachwuchs die Standards verfehlt
Bildingsexperten sehen die schwierige Lage beim Polizeinachwuchs als Teil eines allgemeinen Phänomens, das längst auch etwa in Industrie-, Handel-, und Dienstleistungsberufen angekommen ist:
Bei der Unternehmensbefragung der Deutschen Industrie- und Handelskammer „Ausbildung 2025“ gaben mit 48 Prozent knapp die Hälfte der Betriebe an, dass sie nicht alle angebotenen Stellen besetzen konnten. Hauptgrund dafür ist der Mangel an geeigneten Bewerbern: 73 Prozent dieser Betriebe gaben an, trotz vorhandener Bewerbungen keinen passenden Auszubildenden gefunden zu haben.
Grund dafür waren unter anderem die große Defizite bei den Schulabsolventen: Fast jeder zweite Betrieb berichtet über häufige Mängel im Hinblick auf das mündliche und schriftliche Ausdrucksvermögen in Deutsch (44 Prozent) oder elementare Rechenfähigkeiten in Mathematik (43 Prozent).
Ein Befund, der insofern nicht überraschend ist, als die deutschen Neuntklässler im alle zwei Jahre erhobenen IQB-Bildungstrend der Bundesländer einen neuen Tiefstand erreicht haben. Bei den 2024 in der Studie untersuchten Kompetenzen in Mathematik verfehlten ein Drittel der künftigen Schulabsolventen die von der Kultusministerkonferenz festgelegten Mindeststandards in Mathematik, die für den Mittleren Schulabschluss nötig sind.
In Bremen und Nordrhein-Westfalen als den „negativen Spitzenreitern“ waren es sogar 49 beziehungsweise 41 Prozent der Neuntklässler. Im Fach Deutsch, das im IQB-Bildungstrend 2022 untersucht wurde, erreichten ein Drittel nicht die Mindeststandards im Lesen. Bei Rechtschreibung waren es knapp ein Viertel.
Das entspricht ziemlich exakt dem Bild, das die letzte internationale Vergleichsstudie PISA 2022 gezeichnet hat. Dabei fielen die 15-Jährigen in allen Kompetenzbereichen auf die niedrigsten Werte, die in Deutschland je im Rahmen von PISA gemessen wurden. In Mathematik verfehlten 30 Prozent der Jugendlichen die Mindestanforderungen, im Lesen waren es 25 Prozent.
Die nächste PISA-Studie wird im September dieses Jahres veröffentlicht. Für die Ergebnisse dürften sich auch die Ausbildungsbeauftragten der Polizeibehörden interessieren.
Recherche, Polizei und Ausbildungsstätten: Samira Joy Frauwallner, Ulrich Kraetzer
Recherche und Text, Bildung: Alexandra Ringendahl
Redigatur und Faktencheck: Ulrich Kraetzer