Fast 800 Afghanen – zurückgelassen

Zahlen der Bundesregierung, die CORRECTIV vorliegen, zeigen: So viele Zusagen für Schutzsuchende aus Afghanistan hat die Bundesregierung seit Mai 2025 zurückgenommen.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters
Autor Bild Anette Dowideit

für fast 800 Personen aus Afghanistan hält die Bundesregierung ihre Schutzzusage nicht ein. Das geht aus einer Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine Anfrage der Grünen-Fraktion im Bundestag hervor, die CORRECTIV exklusiv vorliegt. 

Mehr dazu steht im heutigen Thema des Tages. Und in „Ganz persönlich“ berichtet unsere Reporterin Lena Köpsell von der Verzweiflung ihrer afghanischen Kontakte, die sie schon lange begleitet.

Gestern hatten wir Sie gebeten, an unserer Umfrage teilzunehmen: Wie häufig bezahlen Sie elektronisch, und vor allem: Kennen und nutzen Sie die europäische Paypal-Alternative Wero? Herausgekommen ist, dass mehr als die Hälfte der rund 1160 Teilnehmerinnen und Teilnehmer Wero kennen, etwa ein Fünftel nutzt die Paypal-Alternative schon. 

Unter den Nutzerinnen und Nutzern wünschen sich einige noch mehr Einsatzmöglichkeiten für Wero, so wie hier: „Leider wird mir bei Online-Käufen Wero so gut wie nie als Möglichkeit angeboten. So bleiben fast nur Wero-Transaktionen unter Freunden.“ Große Einigkeit herrscht auch bei der Frage nach einer größeren Unabhängigkeit von US-Bezahlsystemen wie Visa, Mastercard oder Paypal: Hier stimmten fast 90 Prozent (88,5 Prozent) der Teilnehmenden für „sehr wichtig“. 

Danke Ihnen fürs Mitmachen! Und ich möchte noch eine Leserinnen-Mail erwähnen, die mir Doris E. aus Bad Soden geschrieben hat: Sie sei zunehmend verzweifelt, weil sie mit ihren über 80 Jahren mit Online- und Telefonbanking nicht zurechtkomme – und überhaupt damit, dass Geldgeschäfte fast nur noch elektronisch ablaufen. Danke fürs Schreiben!

Heute möchte ich Sie einladen, mit uns das Thema für die nächste Cartoon-Arena festzulegen. Unsere Vorschläge:

– Putin versteckt sich immer häufiger im Bunker – steht er vor dem Aus?
– Die „Brandmauer“ zur AfD: Hält die Union sie hoch?
– Ein Jahr Bundesregierung – schafft sie es bis zum Ende der Legislatur?

Thema des Tages: Fast 800 Afghanen – zurückgelassen

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Grafik des Tages: Langfristige Entwicklung der Pressefreiheit

  • Zum einen jenen, die als sogenannte Ortskräfte für die Bundeswehr oder deutsche Entwicklungsorganisationen gearbeitet haben. 
  • Zum anderen jenen, die als besonders gefährdet gelten – weil sie sich als Menschenrechtsaktivisten, Richter oder Frauenrechtlerinnen engagierten. 

Wir von CORRECTIV verfolgen seither, was aus den Zusagen geworden ist. Nun liegt uns eine neue Auskunft des Bundesinnenministeriums dazu vor. Die Grünen-Fraktion im Bundestag hatte die Regierung gefragt, wie viele der mehreren hundert Personen – die ursprünglich Aufnahme-Zusagen von Deutschland bekamen – denn nun noch kommen dürfen.

Das Ergebnis steht in unserem heute veröffentlichten Text.

Happy End: Für einige Afghaninnen und Afghanen endete eine lange Wartezeit in Pakistan im November 2025 noch mit der Ankunft im sicheren Deutschland. picture alliance/dpa

Das Wichtigste:
Von 1.054 Afghaninnen und Afghanen, die aktuell auf eine Ausreise nach Deutschland warten, befinden sich nur noch 126 im Ausreiseverfahren. Auch wenn sich die Bundesregierung nicht genau zu einigen Personengruppen geäußert hat, ist klar: Sie hat für 783 der noch verbleibenden 928 Personen die Aufnahmezusage zurückgezogen.

Unter anderem hat die Regierung 25 Personen die Aufnahmezusage entzogen, die zur „Gruppe der besonders vulnerablen Personen“ gehörten. Dazu gehören alleinstehende Frauen oder LGBTIQ*-Personen. Diese Gruppe wurde im Bundesaufnahmeprogramm eigentlich als besonders schutzbedürftige Zielgruppe definiert.

Was Kritiker sagen:
Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Schahina Gambir kritisiert die Entscheidung scharf. 

„Dass die Bundesregierung selbst besonders gefährdeten Personen die Unterstützung entzieht, ist ein neuer Tiefpunkt.

Das sei zutiefst inhuman. Für die Betroffenen bedeute eine Rückkehr nach Afghanistan kein abstraktes Risiko, sondern ein sicheres Todesurteil.

Währenddessen …
… kann man jetzt in Deutschland ein Praktikum bei den Taliban machen. Das fiel dem ARD-Reporter Peter Hornung auf, der darüber gestern einen Beitrag bei Instagram schrieb. Und zwar beim Generalkonsulat Afghanistans in Bonn, das eben in der Hand der Taliban ist. Falls Sie sich mal interessehalber bewerben (und uns über Ihre Erfahrungen berichten möchten :-)): hier entlang.

Erfolg für die Rechtspopulisten in Großbritannien 
Nach den Regional- und Kommunalwahlen in Großbritannien zeichnen sich deutliche Zugewinne für die Rechtspopulisten der Partei Reform UK ab. Im Gegensatz dazu verliert die aktuell regierende Labour-Partei viele Stimmen. Nigel Farage, Vorsitzender von Reform UK, sprach von einem „historischen Wandel in der britischen Politik“. Die Labour-Partei des amtierenden Premierminister Keir Starmer konnte auch in traditionellen Hochburgen in Mittel- und Nordengland nicht mehr punkten. Die Ergebnisse erhöhen den Druck auf Starmer und lösten bereits Spekulationen über seinen Rücktritt aus. 
zeit.de / sz.de

Häusliche Gewalt: Bundestag stimmt für elektronische Fußfessel 
Am Freitag wurde im Bundestag mit großer Mehrheit einer Änderung des Gewaltschutzgesetzes zugestimmt. Demnach sollen Gerichte Täter zum Tragen einer elektronischen Fußfessel verpflichten können. So sollen Opfer bei einem Annäherungsversuch durch diese gewarnt werden. Das soll laut Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) vor allem Frauen besseren Schutz bieten. Fast 80 Prozent der Opfer häuslicher Gewalt sind weiblich. Außerdem sollen Familiengerichte die Teilnahme an Anti-Gewalt-Trainings für Täter anordnen können. 
tagesschau.de / zeit.de


Die Nachrichten kommen von Kontakten aus Afghanistan und Pakistan. Sie stammen von Afghaninnen und Afghanen, über die sich Deutschland nach der Rückkehr der Taliban 2021 vor einigen Jahren noch große Sorgen machte. Sie haben für die Bundeswehr oder deutsche Entwicklungsorganisationen gearbeitet oder sich für Frauenrechte engagiert. Manche von ihnen gehören der LGBTIQ*-Community an und sind deshalb besonders gefährdet. Ihnen allen hatte die Ampel-Regierung ein Leben in Sicherheit versprochen – die Regierung unter Merz hat ihnen diese Hoffnung genommen.

Jetzt harren sie in Unterkünften in Pakistan und Afghanistan aus und müssen vor deutschen Gerichten klagen, um überhaupt noch einreisen zu können. Besonders gefährdet sind jene, die Pakistan bereits nach Afghanistan abgeschoben hat. Sie leben dort mit deutscher Unterstützung in einem sogenannten Safe House – wobei sich die Frage stellt, ob man es noch so nennen kann. Seit Monaten gehen Taliban dort ein und aus, befragen die Bewohnerinnen und Bewohner immer wieder.

Viele von ihnen vermuten, nur deshalb noch in Ruhe gelassen zu werden, weil die Taliban in die afghanische Botschaft in Bonn eingezogen sind und sie gegenwärtig noch unter deutschem Schutz stehen. Sobald dieser erlischt, drohen Erpressung, Verhaftung oder Schlimmeres, befürchten viele der Afghaninnen und Afghanen. 

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Karolin Arnold, Pamela Kaethner, Lena Köpsell, Elena Müller, Sven Niederhäuser und Finn Schöneck.