Nirgendwo existieren: Queere und trans Afghanen auf der Flucht
Eine Flucht soll Menschen aus der Gefahr in Sicherheit bringen. Für queere und trans afghanische Menschen tut sie das nicht sondern führt sie vom Gesetz der Taliban, zu familiärer Kontrolle, zu regionalen Abschieberegimen, zu bürokratischer Gleichgültigkeit. Eine Kette ohne Moment der Ankunft.
“Nirgendwo existieren“ ist ein Bericht von CORRECTIV.Exile × Kite Runner. Der Bericht “Nirgendwo existieren“ stützt sich auf fünf Zeugenaussagen, die durch Berichte von Human Rights Watch, Amnesty International, der Afghan LGBTQ+ Organization (ALO) sowie offizielle europäische Regierungs- und BAMF-Daten bestätigt wurden.
Mitwirkende/Autor:innen: Minou Becker, Qais Alamdar, Shahzad Mudasir, Somaia Walizadeh, Sabine Küper-Büsch, Viera Zuborova.
Die Architektur des Problems
Die Rückkehr der Taliban im August 2021 verschärfte eine Verfolgung, die in Afghanistan schon lange besteht. Gleichgeschlechtliche Handlungen waren im Land spätestens seit dem Erstarken der Taliban in den 1990er Jahren strafbar. Seit der erneuten Machtübernahme im Jahr 2021 wird Homosexualität zudem mit Auspeitschung und Hinrichtung verfolgt. Seit Januar 2026 schreibt ein neuer Strafkodex der Taliban für die sogenannte „habitual sodomy“ – gemeint sind damit gleichgeschlechtliche Beziehungen – die Todesstrafe vor. Dabei ist das Gesetz nur die sichtbare Ebene der Verfolgung.

Was die Zeugenaussagen in diesem Bericht offenbaren, ist eine Architektur der Verfolgung, die nicht allein vom Staat ausgeht. Es geht um eine Struktur, in der queere und trans afghanische Menschen gleichzeitig von Staat, Gemeinschaft, Familie und im digitalen Raum verfolgt werden. Die Folge: Queeren und trans Personen in Afghanistan bleibt kein Ort der Sicherheit, in den sie sich zurückziehen können.
Digitale Überwachung durch routinemäßige Beschlagnahmung und Durchsuchung von Telefonen sowie Social-Media-Konten ermöglichen es den Taliban, Beziehungen zurückzuverfolgen und Personen zu identifizieren. Gemeinschaftliche Denunziation, bei der Nachbarn und Bekannte zu Informanten werden, verlagert die Strafverfolgung über den Sicherheitsapparat hinaus in den Alltag. Außerdem werden immer mehr kulturelle Verbote erlassen, gegen Musik, Tanz und unangepasste Kleidung, alles wichtige Ausdrucksmöglichkeiten von queerer Identität, die immer mehr zum Risiko werden.
“Trotz allem habe ich immer weiter getanzt. Hätte ich aufgehört, wäre ich wahrscheinlich schon tot.”
— Vantace, 15, Kabul
Die Familie als verlängerter Arm des Regimes
Eines der bedeutendsten Ergebnisse des Berichts betrifft die Rolle der Familie – nicht als Zuflucht, sondern als zusätzlicher Ort staatlicher Verfolgung.
In vier der fünf dokumentierten Fälle reproduzierten Familienmitglieder Taliban-ähnliche Strafen im häuslichen Bereich: durch Schläge, Einsperren, psychologische Kontrolle und den Entzug jeglicher Selbstbestimmung. Die Familien befürchteten einen Verlust der Familienehre oder Repressalien durch den Staat.
„Mein Zuhause war ein Gefängnis. Ich wurde geschlagen, verflucht und erniedrigt. Sie nannten mich eine Schande. Sie sagten, ich hätte meiner Familie ihre Ehre genommen.”
— Idris, 19, Ort vertraulich
Die Transitzone: Pakistan als Mauer, nicht als Durchgang
Die Flucht aus Afghanistan bedeutet für viele queere Personen trotzdem nicht ein Ende der Gefahr. Unser Bericht zeigt, wie Pakistan – das Hauptaufnahmeland für afghanische Geflüchtete – weniger ein Ort des Schutzes ist, sondern vielmehr eine „Holding Zone“. Ein Ort des Aushaltens – gekennzeichnet durch rechtliche Unsicherheit, Schutzlosigkeit, Ausbeutung und die ständige Bedrohung, wieder zurückgeschickt zu werden.
Seit September 2023 hat Pakistan etwa 1,7 Millionen Afghanen abgeschoben, davon allein im Jahr 2025 rund 779.000 Menschen. Diese Abschiebungen laufen weiter, obwohl die Vereinten Nationen und Amnesty International wiederholt gewarnt haben, dass die Rückkehr von Personen in ein Taliban‑kontrolliertes Afghanistan gegen das Prinzip der Nicht-Zurückweisung (non‑refoulement) verstößt – die zentrale Norm des internationalen Flüchtlingsrechts, die es verbietet, Menschen in Länder abzuschieben, in denen ihnen Verfolgung, Folter oder Tod drohen.
Queere und trans afghanische Menschen in Pakistan sind besonders gefährdet: Sie verfügen über keinen rechtlichen Status, sind polizeilicher Schikane ausgesetzt und laufen Gefahr, in Unterkünften ausgebeutet zu werden. Der Bericht verdeutlicht diese Lücke an einem konkreten Beispiel:
Die Befragte Ada reiste mit einem medizinischen Notfallvisum nach Pakistan ein und wurde zunächst in einer von einer NGO unterstützten Unterkunft untergebracht. Sie berichtet von Bedingungen, die sich unter der Leitung eines privaten pakistanischen Unternehmen verschlechterten und dass der Unternehmensleiter sexuell übergriffig wurde. Als sie sich dagegen wehrte, wurde sie aus der Unterkunft verwiesen. Anschließend musste sie in einem öffentlichen Park schlafen, ohne warme Kleidung und Zugang zu Essen.
„Kein Mensch sollte durch diese Erfahrung gehen müssen”
— Ada, 20, Pakistan
Ein weiterer Betroffener schildert seine Flucht in den Iran. Er wurde 2025 von den iranischen Behörden abgeschoben, nachdem er drei Jahre lang Belästigungen ausgesetzt war und keinerlei rechtliche Unterstützung bekommen hatte, und kehrte nach Afghanistan zurück – heute ist er obdachlos.

Deutschland: Das Paradox der Anerkennung ohne Schutz
Deutschland steht für eine andere Art des Versagens – stiller, verfahrenstechnischer, aber nicht weniger folgenreich.
Für diejenigen, die es nach Deutschland schaffen, bietet das Land den ersten Moment tatsächlicher körperlicher Sicherheit. Das deutsche Asylgesetz erkennt Verfolgung aufgrund sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität ausdrücklich als Asylgrund an. Der Bericht zeigt jedoch, dass Deutschland in der Praxis unterstützende Infrastrukturen abbaut – etwa durch unterfinanzierte oder überlastete Beratungsstellen, fehlende Schutzräume und mangelnde qualifizierte Betreuung für queere und trans Geflüchtete.
Das Bundesaufnahmeprogramm, das 2022 unter der damaligen Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) ins Leben gerufen wurde, war erstmals so angelegt, dass sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität ausdrücklich als Aufnahmekriterien enthalten waren. Über das Aufnahmeprogramm sollten eigentlich bis zu 1.000 Menschen im Monat kommen. Die tatsächlichen Einreisen blieben aber weiter darunter. Zudem schaffte es die Ampel-Regierung nicht, vor dem Regierungswechsel alle Afghaninnen und Afghanen mit Aufnahmezusage nach Deutschland einfliegen zu lassen.
Und so warteten nach dem Regierungsantritt der schwarz-roten Koalition noch rund 2.300 Afghaninnen und Afghanen mit Aufnahmezusagen in Pakistan. Für etwa die Hälfte von ihnen hat die Regierung unter Friedrich Merz (CDU) die Zusagen wieder zurückgenommen. Der Grund: Die Koalition hatte vereinbart, humanitäre Aufnahmeprogramme so weit wie möglich zu beenden. Stattdessen bot die Regierung den Geflüchteten finanzielle Unterstützung an, sollten sie sich aus dem Aufnahmeverfahren zurückziehen. Bis heute beschäftigen hunderte Klagen deutsche Gerichte. Einige Afghaninnen und Afghanen konnten eine Einreise nach Deutschland bereits erfolgreich einklagen.
Die Folgen dieser politischen Entscheidung waren vorhersehbar. Hunderte Menschen, denen Schutz zugesichert worden war, hatten ihre Lebensentscheidungen danach ausgerichtet – wo sie sich aufhielten, welche Dokumente sie beantragten und welche Risiken sie eingingen. Als die Zusagen zurückgenommen wurden, konnten diese Personen nicht einfach in ihr altes Leben zurückkehren. Sie befinden sich plötzlich in einer Situation, die durch den Asylprozess selbst noch gefährlicher geworden ist.
Das zeigt ein Vorfall im Januar 2026. Die Taliban durchsuchten eine Einrichtung in Kabul, die Teil der deutschen Aufnahmeprogramme gewesen waren, und verhörte die 79 schutzsuchenden Personen. Sie waren zuvor trotz Aufnahmezuagen von pakistanischen Behörden nach Afghanistan abgeschoben worden.
Eine der interviewten Personen hatte, während sie sich in Pakistan aufhielt, eine positive Rückmeldung auf ihr Schreiben an die deutsche Einwanderungsbehörde erhalten. Sie wartete auf eine formelle Entscheidung, die jedoch nie eintraf. November 2025 wurde sie von den pakistanischen Behörden abgeschoben, in Afghanistan inhaftiert und gefoltert. Heute hält sie sich wieder in Pakistan auf.
Der Bericht macht einen strukturellen Widerspruch im Kern der deutschen Position aus: Deutschland erkennt Verfolgung wegen sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität zwar als Asylgrund an, baut gleichzeitig aber die Strukturen ab, über die Geflüchtete das Asylverfahren überhaupt bewältigen und sich ein Leben nach der Ankunft aufbauen können.
Aktuell gibt es in Deutschland 88 Beratungsstellen, 25 Vernetzungs‑ und Lobbystrukturen sowie 56 Treffpunkte für queere Geflüchtete – ein Netzwerk, das über Jahre aufgebaut wurde und nun schrittweise eingestellt wird. Ein entscheidenes Projekt des LSVD⁺ – Verband Queere Vielfalt für die Beratung queerer Geflüchteter, hat seine Dienste Ende 2025 eingestellt. Alle Beratungsangebote für queere Geflüchtete in Sachsen wurden gestrichen. Für das Jahr 2027 sind im Bundeshaushalt keine Mittel für unabhängige Beratung im Asylverfahren vorgesehen.
Das Problem konzeptualisieren: Eine Kette, keine Reihe von Versagen
Der Bericht bringt nicht nur individuell dokumentierte Geschichten zusammen, sondern verknüpft sie miteinander, sodass ein strukturelles Versagen der Politik auf mehreren Ebenen sichtbar wird.
Jedes Glied dieser Kette verändert die Form der Verfolgung: In Afghanistan sind es Festnahme, Gewalt und Tod; in Pakistan und im Iran sind es Abschiebungen, Ausbeutung und rechtliche Unsichtbarkeit; in Deutschland sind es bürokratische Gleichgültigkeit, soziale Isolation und der schleichende Abbau jener Strukturen, die eigentlich schützen und unterstützen sollten.
“Meine Wohnsituation, mein Privatleben und meine Zukunft – das alles fühlt sich unsicher und düster an. Ich bin noch so jung und ich wünsche mir ein besseres Leben ohne Angst. Egal an welchem Ort.
— Idris, 19, Ort vertraulich
Der Bericht identifiziert zudem eine „Sichtbarkeitslücke“. Queere und trans Menschen, die oft am stärksten gefährdet sind, lassen sich am schwersten erreichen und sind zugleich am wenigsten in der Lage, öffentlich zu sprechen.
Eine der fünf Personen engagiert sich inzwischen öffentlich für queere Geflüchtete, die anderen befinden sich weiterhin in Verborgenheit, in Haft, in akuter Gefahr, sind obdachlos oder in Isolation. Die Stimmen, die am dringendsten gehört werden müssten, sind gerade diejenigen, die Schutzsysteme am schwersten erreichen.
Die Hindernisse für einen Ausweg
Der Bericht formuliert keinen konkreten politischen Aktionsplan, macht jedoch die strukturellen Hindernisse für mögliche Lösungen sichtbar.
Die erste Hürde ist die Fortsetzung von Abschiebungen trotz des Verstoßes gegen das Prinzip der Nicht‑Zurückweisung (non‑refoulement). Solange diese Verpflichtungen nicht durchgesetzt werden, existieren sie für die am stärksten Gefährdeten in der Praxis nicht.
Die zweite Hürde ist das Fehlen von Schutzräumen für LGBTQ+-Personen in den Asylunterkünften. Allgemeine Schutzrahmen versagen gerade dort, wo Menschen besonderen Risiken ausgesetzt sind.
Die dritte Hürde ist der Rückzug des politischen Willens in Aufnahmeländern. Wo formelle Zusagen gemacht und dann widerrufen wurden, sind die Folgen für die Betroffenen gravierend. Die dokumentierten Fällen zeigen, dass Personen, denen Deutschland ursprünglich Schutz zugesagt hatte, Inhaftierung und Folter ausgesetzt waren.
Die vierte Hürde ist der Abbau von zivilgesellschaftlichen Strukturen, die Schutz in der Praxis überhaupt erst ermöglichen. Die rechtliche Anerkennung von Verfolgung aufgrund sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität als Asylgrund bleibt nutzlos, wenn Betroffene keinen Zugang zu Beratung haben, bürokratische Verfahren nicht bewältigen können oder nach der Ankunft mit ihren Erfahrungen allein gelassen werden.
Die fünfte und vermutlich schwierigste Hürde ist die Ausweitung von Kontrolle über Grenzen hinweg. Mehrere Berichte zeigen, dass die Überwachung, der soziale Druck und die Repressionsmechanismen des Taliban-Regimes nicht einfach an der Grenze enden. Sie können sich in diasporischen Gemeinschaften fortsetzen und weiterhin bestimmen, was für queere und trans afghanische Menschen möglich ist – obwohl sie formal ein sicheres Aufnahmeland erreicht haben.
Wenn Alltag unmöglich wird
“Nirgendwo existieren“ ist im Kern keine Untersuchung individueller Grausamkeit. Der dokumentierte Schaden ist systemisch: Er entsteht nicht aus dem bösen Willen einer einzelnen Person, sondern aus dem Zusammenspiel mehrerer Systeme, die jeweils nach ihrer eigenen Logik funktionieren und alle nicht darauf ausgelegt sind, die Situation einer queeren oder trans afghanischen Person zu berücksichtigen.
Die fünf Personen im Bericht wünschen sich ganz alltägliche Dinge: Tanzen zu dürfen. Ein Zuhause und Arbeit zu haben. Als Mensch behandelt zu werden. Ein sicheres Land zu erreichen. Geschichten zu erzählen und Tabus zu brechen. Keiner dieser Wünsche ist eine außergewöhnliche Forderung. Außergewöhnlich ist vielmehr, dass die Systeme, die sich um sie herum formieren – aus Recht, Vollstreckung, Grenzkontrollen, Asylverfahren und politischem Versprechen – zusammenwirken, um gerade diese alltäglichsten Dinge unmöglich zu machen.
——————
Redigat: Lena Köpsell