„Mein Sohn war wie ein Zombie“

Wenn Drogen in unser Leben sickern – was uns Eltern gerade berichten, lässt so manche Trainerfrage deutlich verblassen.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters
Autor Bild Justus von Daniels

Nun ja, Fußball klickt eben richtig gut, das beweisen die Beliebtheits-Rankings dieser Woche auf den großen News-Portalen. 

„Eine Hülle seiner selbst“
Wir lesen zurzeit ganz andere Nachrichten durch. Fast 2000 Menschen haben schon bei der laufenden Umfrage von CORRECTIV und Spiegel über Deutschlands neue Drogen teilgenommen (mehr über das Projekt). Was mich besonders erschüttert, sind die Berichte von Eltern, die uns schreiben. Ich gebe Ihnen mal drei Beispiele, die ich gestern las:
„Mein Sohn konsumiert seit seinem 12. Lebensjahr (!) unterschiedliche Drogen. Benzos, Cannabis, Heroin, Ketamin, Kokain, LSD, MDMA/ Ecstasy, Oxycodon. Ich wurde darüber selber krank, war lange Zeit krank geschrieben.“

Ein anderes Elternteil schreibt über den Sohn, der 17 Jahre alt ist und offenbar Medikamente über eine Online-Apotheke bestellt:
Es herrsche „Machtlosigkeit gegenüber der Situation und völliges Abkapseln der Person, obwohl vorher ein inniges Verhältnis zwischen uns bestand.“

Und ein weiterer:
Zu allererst, die Person ist seit einem halben Jahr clean. Aber unser Alltag war schrecklich. Mein Sohn war, seit er 14 Jahre alt war, wie ein Zombie. Nicht mehr er selbst. Eine Hülle seiner selbst… meine Gedanken kreisten Tag und Nacht um ihn.

Es ist schwer, diese und hunderte weiterer Erfahrungen zu lesen. Wer selbst Kinder hat, weiß genau, wie sich das anfühlen muss. Genauso, wer das in seinem Umfeld schon mal erlebt hat. Mich macht das fassungslos.

Uns schreiben auch viele Konsumenten, die versuchen, aus dem Teufelskreis zu durchbrechen; uns schreiben Menschen, die mithilfe von Suchtberatungen von dem Zeug loskamen; und welche, die keine Therapie finden (das wäre sicher auch ein Thema für die Debatte um die Gesundheitsreform).

Wie kann es besser werden?
Diese Hinweise sind der Grund, warum wir zusammen mit dem Spiegel diese Recherche begonnen haben (hier und hier können Sie erste Berichte lesen). Wir wollen ein Lagebild zu synthetischen Drogen in unserem Land erstellen, wollen die Erfahrungen zugänglich machen und werden dazu auch fortlaufend in beiden Medien berichten. Es sind ja oft Medikamente, die auch legal verschrieben werden. Aber der illegale Handel und die unkontrollierte Einnahme machen es so gefährlich.

Vor einigen Tagen erst veröffentlichte das Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit eine aktuelle Studie zu „Drogenaffinität von Jugendlichen und jungen Erwachsenen“. Opioide finden sich da mittlerweile beständig in beiden Altersgruppen.

Ich möchte Sie bitten, teilen Sie diesen Link oder beteiligen Sie sich an unserer Umfrage, wenn Sie Erfahrungen zu dem Thema haben. Je mehr (auch anonyme) Hinweise wir sammeln, desto klarer können wir uns in der Gesellschaft die Lage vor Augen führen und Ideen diskutieren, was getan werden muss. Wir werden die Recherche auch mit lokalen Medienpartnern erweitern, um möglichst konkret zu erkennen, welche Vertriebswege es gibt und wo es mehr Unterstützung braucht. Wir werden Sie hier auf dem Laufenden halten. 

Und sonst?
An diesem Wochenende dürften natürlich Bilder aus Erfurt dominieren. Der AfD-Parteitag wird dort heute unter Protesten eröffnet. Es geht um Themen, die Björn Höcke sehr wichtig sind (dazu haben wir mehrere Beiträge diese Woche veröffentlicht, die Sie weiter unten finden). Meine Kollegin Lena Köpsell ist vor Ort und wird berichten, falls etwas Überraschendes passiert. Und zur Vorbereitung auf den Parteitag schreibt meine Kollegin Isabell Knippel am Ende dieses SPOTLIGHT darüber, wie es die AfD schafft, ihre strukturellen Konflikte zu verbergen.

Achja, der 04. Juli: Die älteste Demokratie der Neuzeit feiert ihr 250-jähriges Jubiläum. Unter anderen Umständen wäre der USA-Geburtstag doch auch bei uns ein großes Thema. So schauen wir der würdelosen Feier eines autoritären Präsidenten zu – in der Hoffnung, dass sich eine Demokratie auch wieder erholen kann?

Immerhin: Die Trainerfrage, über die sich der New York Times-Kollege wunderte, hat sich gestern ja gelöst. Dann können die relevanteren Themen wieder übernehmen.

Ihnen wünsche ich ein erholsames Wochenende, natürlich auch mit unseren Recherchen und Empfehlungen der Woche! Haben Sie schon auf dieser interaktiven Karte geschaut, ob Ihr Badesee chemisch belastet ist?

Herzlich,

Eine Branche schweigt
Der Fußball hat ein Systemproblem: Etliche Spieler, denen sexuelle Übergriffe gegen Frauen vorgeworfen werden, spielen auf der größten Bühne des Fußballs in den USA. Doch scheinbar stört sich niemand daran. Doch als der englische Fußballer Djed Spence seinem ghanaischen Gegenspieler Thomas Partey demonstrativ den Handschlag verweigert, entbrennt eine Debatte. Wo bleibt der Kulturwandel?
Vorwürfe gegen WM-Spieler (faz.de)

AfD will Kaderschule eröffnen
Die AfD startet im September in Brandenburg eine Landesakademie. An dieser Kaderschule sollen 50 AfD-Mitglieder auf Partei- und Regierungsarbeit vorbereitet werden. Das Konzept stammt von Björn Höcke und dem ehemaligen Referenten von Alice Weidel: Roland Hartwig. Hartwig nahm am Geheimtreffen in Potsdam teil, das CORRECTIV Anfang 2024 aufgedeckt hatte. Kurz darauf trennte sich Weidel von Ihrem Mitarbeiter.
Landesakademie in Brandenburg (rbb.de)


Ob radikale Migrationspolitik, völkisches Auftreten, Wehrdienst, Trump, Putin oder der Islam – diese Themen haben Spaltungspotential in der AfD, nicht zuletzt, weil sich einige von einem möglichen Parteiverbots-Verfahren bedroht fühlen. Denn die Partei ringt auch damit, wie sie sich Verfassungsfeinden, wie dem Rechtsextremisten Martin Sellner, gegenüber aufstellt. 

Jüngstes Beispiel dafür ist das Ergebnis aus einem Bundesschiedsgerichts-Verfahren betreffend den Bundestagsabgeordneten Matthias Helferich, Teil des völkischen Flügels der AfD und bekannt, weil er sich selbst als das „freundliche Gesicht des Nationalsozialismus“ bezeichnete.

Er kommt aus dem Landesverband Nordrhein-Westfalen, wo der Richtungsstreit eine besondere Schärfe hat: Landesvorsitzender Martin Vincentz wollte Helferich, der sich gerne mit Martin Sellner zeigt, sogar aus der Partei schmeißen. Parteiinterne Gerichte hatte das Thema zwei Jahre beschäftigt, nun ist klar: Helferich darf bleiben.

Der Bundestagsabgeordnete bekommt seine Mitgliedsrechte in der AfD zurück, bleibt allerdings sechs Monate für Parteiämter gesperrt. Das Gericht befand, dass eine Reihe von Helferichs Sprüchen und Social Media Posts zwar „eine Herabwürdigung einer ganzen Personengruppe“ darstelle, aber es an einer „Erheblichkeit der Gefährdung“ fehle.

Officially rated “excellent,” but actually contaminated: Samples from some bathing waters contain a veritable cocktail of chemical pollutants. Collage: Ivo Mayr / CORRECTIV; Photos: Unsplash & AI-generated.

Die ideologischen Brüche in der AfD
Schon seit der Gründung der AfD gibt es Streit um Inhalte. Beim Parteitag am Wochenende prallen die Lager wieder aufeinander. CORRECTIV analysiert ideologische Gräben: Wo sind Bruchlinien, worüber zerstreitet sich die Partei immer wieder?
correctiv.org

Vorne freundlich, hinten völkisch: Was Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt plant
Ulrich Siegmund zeigt sich lächelnd als freundliches Gesicht der AfD. Aber in seinem Umfeld sitzen Rechtsextremisten und Neonazis, seine knallharte Politik stellte er schon beim Geheimtreffen in Potsdam vor.
correctiv.org

Hitzköpfe und Populismus: Das Freibad als Politikum
Jedes Jahr aufs Neue geht mit Beginn der Freibadsaison neben der Diskussion um Pommes- und Eintrittspreise auch wieder die Debatte über die Gewalt in den Frei- und Strandbädern los. Ist was dran am Alarmismus? CORRECTIV hat nachgefragt – bei denen, die es wissen müssen.
correctiv.org

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Lilith Grull & Finn Schöneck.