Neues T-Shirt – gleich in den Müll

Kleidung, Modeaccessoires und Schuhe dürfen in der EU nicht mehr fabrikneu vernichtet werden. Wie groß ist dieses Problem denn?

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters

Hier finden Sie unseren neuen Podcast „Was zählt“, der das Wichtigste des Tages für Sie jetzt auch zum Hören aufbereitet. Er ist auch auf  Spotify, Amazon MusicDeezer und Apple Podcasts abrufbar.

Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser, 

vor ein paar Jahren, als ich noch als Reporterin unterwegs war, habe ich mich mal für ein paar Monate in die Fast-Fashion-Industrie eingegraben. Es ging um die H&Ms, Zaras und Primarks dieser Welt und um den Amazon-Versandhandel – die ganzen chinesischen Anbieter wie Temu und Shein mit ihrer unfassbaren Textilschwemme gab es damals noch gar nicht.

Und dennoch war Wegwerf-Mode schon damals eine riesige Umweltsauerei, was mir erst durch die Recherche klar wurde. Ich verfolgte damals den Weg eines Mantels von der Fabrik über die Zara-Filiale, wo er keinen Abnehmer fand, in die Retouren-Abteilung – und schlussendlich bis zu einer Müllverbrennungsanlage, in der das fabrikneue Kleidungsstück der „thermischen Verwertung“ zugeführt wurde, wie man so schön euphemistisch sagt.

Jetzt, endlich, tut sich etwas gegen den Trend mit der Wegwerfmode – mehr dazu im Thema des Tages.

Ich würde gern Ihre Meinung zum Thema lesen. Wie oft kaufen Sie neue Kleidung? Erliegen Sie auch manchmal der Versuchung der Fast Fashion – schnell gekauft und ebenso schnell wieder aussortiert? Oder bestellen Sie gar Klamotten in mehreren Größen oder Farben und schicken dann kräftig wieder zurück, weil das Retournieren ja nichts kostet? Schreiben Sie mir: anette.dowideit@correctiv.org.

Thema des Tages: Neues T-Shirt – gleich in den Müll

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Neueste CORRECTIV-Recherchen: Die Parteitage in NRW und Erfurt zeigen den Machtkampf in der AfD um Remigration und Alice Weidel • Baustopp deutscher Kriegsschiffe: Milliardenschwere Schadensersatzforderung droht

Fun Facts – der satirische Blick auf die Nachrichtenlage: Warum werden Debatten im Internet immer härter geführt?

Cartoon-Arena: Angriff auf das Informationsfreiheitsgesetz

Faktencheck: Luxushotels – Keine Hinweise, dass Albanien Land an Israel verkauft

Gute Sache(n): Erklärt: Wie wird die Zahl der Hitzetote bestimmt? • Keine Grenzkontrollen mehr zwischen Gibraltar und Spanien • Offline Clubs: Zusammen auf das Smartphone verzichten

CORRECTIV ganz persönlich: Die Regierung versagt bei den Auswirkungen der Klimakrise

Grafik des Tages: So viele Frauenhaus-Plätze fehlen in Deutschland

  • Jede und jeder Deutsche kauft im Schnitt 18 Kilo Kleidung pro Jahr.
  • Pro Person landen jährlich 16 Kilo Kleidung im Altkleidercontainer – und nein, das heißt nicht, dass diese Kleider einer mittellosen Familie zugeführt werden, sondern in aller Regel bestenfalls, dass daraus Putzlappen oder Dämmmaterial fürs Auto gemacht werden.
  • Ein großer Teil der Klamotten besteht aus synthetischen Fasern wie Polyester, was wiederum aus Erdöl hergestellt wird – und bei dessen Produktion eine ganze Menge Kohlendioxid freigesetzt wird. Beim Tragen entsteht durch die Reibung Mikroplastik, davon landet eine Menge im Meer.
  • Auch durch all die Lieferfahrten, in denen die Kleider bis an die Haustür zugestellt (und häufig dann auch noch zurückgeschickt) werden, wird die Umwelt enorm belastet.

Ich könnte noch viele weitere Fakten aufzählen, die das Ausmaß des Fast-Fashion-Irrsinns zeigen – aber der Punkt ist, glaube ich, klar. Mehr steht in diesem lesenswerten Bericht des Deutschlandfunks.

Vorläufige Endstation für Kleidung. Quelle: Picture Alliance/dpa | Georg Wendt.

Und noch eine Empfehlung dazu: Kürzlich hat die Comedienne Lara Ermer in einer sehr spannenden Fun-Facts-Folge die Hintergründe des Fast-Fashion-Wahnsinns unter die Lupe genommen. Sie erklärt darin unter anderem, dass die meisten Leute beim Thema Mode kaufen und schnell wieder aussortieren einem fatalen Irrglauben unterliegen – nämlich, dass sie selbst dabei weniger schlimm unterwegs seien als der Rest der Bevölkerung.

Was sich jetzt tut:
Am 19. Juli, also diesen Sonntag,  greifen die ersten Kernpunkte der neuen EU-Ökodesign-Verordnung (ESPR). Das zentrale Element für diesen Sommer ist das Vernichtungsverbot für unverkaufte Textilien, Modeaccessoires und Schuhe. Der Grund für die neue Regelung ist, dass derzeit etwa jedes zehnte Kleidungsstück, das verkauft und wieder an den Händler zurückgeschickt wird, vernichtet wird.

Später soll die Maßnahme auf andere Waren ausgeweitet werden, zum Beispiel Möbel, Reifen oder Elektrogeräte.

Es ist schon die zweite Maßnahme der EU, um gegen den immer weiter zunehmenden Lieferdienst-Paket-Strom via Amazon und Co. anzugehen: Erst kürzlich trat eine neue Zollgebühr in Kraft – für winzige Pakete von Temu und anderen Internet-Großhändlern, in denen zum Beispiel nur ein T-Shirt durchs Land kutschiert wird, müssen die Händler jetzt drei Euro zahlen.

Nützt die neue Öko-Verordnung?
Grundsätzlich ist sie ein wichtiger, richtiger Schritt. Allerdings: Die EU-Verordnung setzt den Mitgliedstaaten jetzt erst einmal Rahmenbedingungen.

Diese müssen nun „Durchführungsakte“ erlassen, damit die Pläne im Alltag tatsächlich umgesetzt werden. Und da besteht nun wieder Angriffsfläche für Lobbyinteressen von Herstellern und Händlern. Wir von CORRECTIV schauen in den kommenden Monaten hin, was sich da genau tut.

Bis dahin:
Wenn Sie tatsächlich neue Kleidung brauchen, dabei auf Nachhaltigkeit und Langlebigkeit setzen wollen – und auch noch etwas für unabhängigen Journalismus tun wollen: 

München verhängt Wassersparmaßnahmen
Wegen monatelanger Trockenheit und wochenlanger Hitze hat München Wassersparmaßnahmen angeordnet. Sie gelten bis August für Trinkwasser, Grundwasser und Oberflächengewässer. Wir von CORRECTIV haben letzte Woche veröffentlicht, welche Landkreise bereits den Wassernotstand ausgerufen haben. Den Artikel dazu lesen Sie hier.
deutschlandfunk.de / correctiv.org

Weitere Maßnahmen zum Bürokratieabbau kommen
Die Bundesregierung bringt heute das zweite Entlastungspaket auf den Weg. Mit weniger Bürokratie will sie Bürger und Unternehmen um insgesamt 600 Millionen Euro entlasten. Das Paket umfasst zehn Vorhaben aus verschiedenen Ressorts, darunter auch das Gesundheitswesen, bei dem der Papierverkehr weiter minimiert werden soll. 
welt.de / tagesschau.de

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Nahe dem Gebiet Zvërnec, das neben der Insel Sazan im Zentrum der Proteste steht, versammeln sich Protestierende
Nahe dem Gebiet Zvërnec, das neben der Insel Sazan im Zentrum der Proteste steht, versammeln sich Protestierende (Quelle: Vlasov Sulaj / Nurphoto / Picture Alliance)

So geht’s auch
Seit Mitternacht gibt es keine Grenzkontrollen mehr zwischen Spanien und Gibraltar. Damit ist der Übergang zum britischen Überseegebiet erstmals seit mehr als einem Jahrhundert kontrollfrei. Möglich wurde das durch ein im Februar beschlossenes Abkommen zwischen der EU und Großbritannien. 
spiegel.de

Fundstück
Bei sogenannten „Offline Clubs“ treffen sich junge Menschen, um zusammen eine Auszeit vom Smartphone zu nehmen. Das Programm umfasst Ausflüge in die Natur, gemeinsame Brettspiel-Nachmittage oder einen Smartphone-freien Feierabenddrink. Das Angebot ist besonders für Mittzwanziger zugeschnitten. 
ndr.de

Elena Kolb

Als Klimareporterin machen mich die Reaktionen der Bundesregierung darauf fassungslos. Es sind Verfehlungen auf höchster politischer Ebene. Merz will die Hitzewelle nicht zur „Chefsache“ machen. Das ändere das Wetter ja auch nicht, sagt sein Sprecher. 

Die Regierung kürzt außerdem just an diesem Tag ihre Klimaschutz-Gelder. Heute wurde der Finanzplan für den deutschen Klimafonds, den KTF, beschlossen. 2027 sollen 2,7 Milliarden aus dem KTF in den Kernhaushalt fließen – fehlen dann also beim Klimaschutz. Gespart wird unter anderem an den Förderungen für den Einbau von Wärmepumpen.

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Karolin Arnold, Tristan Devigne, Till Eckert, Sebastian Haupt und Elena Müller.