Lisa Hoffmann glaubt an die Demokratie. Sie sieht es als ihre Aufgabe, ihren Schülerinnen und Schülern demokratische Werte zu vermitteln; für Vielfalt, und Toleranz einzutreten. Und damit fühlt sie sich manchmal ziemlich allein an ihrer Schule. Seit einigen Jahren nimmt sie wahr, dass ihre Schüler und Schülerinnen immer weiter nach rechts rücken. Hitlergrüße, Hakenkreuze – all das komme an ihrer Schule vor. „Das Wehrmachtslied ‚Auf der Heide‘ höre ich jeden Tag, wenn ich durch die Schule gehe“, sagt sie. Doch außer ihr würden nur wenige Lehrkräfte konsequent einschreiten. Die Schulleitung unternehme wenig. „Ich fühle mich ohnmächtig“, sagt Hoffmann.
Hoffmann arbeitet als Lehrerin an einer Förderschule in Mecklenburg-Vorpommern. Sie ist eine von knapp 60 Lehrkräften und Schulsozialarbeitenden aus Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, die an einer Umfrage von CORRECTIV teilgenommen haben. CORRECTIV wollte wissen, inwiefern die Demokratie an deutschen Schulen unter Druck steht und wie sich die Situation seit dem Erstarken der AfD verändert hat. CORRECTIV hat die Antworten der Pädagogen ausgewertet; Dutzende berichten von einem Rechtsruck unter ihren Schülern. Mit neun von ihnen hat CORRECTIV vertiefende Interviews geführt.
Hitlergrüße auf dem Schulflur
Sie erzählen von Hakenkreuzschmierereien in ihren Schulen. Von Schülern, die den Hitlergruß auf dem Schulflur zeigen und mit Kleidung rechtsextremer Marken in den Unterricht kommen. Und sie berichten, wie Dienstaufsichtsbeschwerden und Kleine Anfragen der AfD zu ihrer Arbeit oder der Arbeit von Kollegen unter Druck setzen. Weil sie sich für die Demokratie einsetzen. Einige fühlen sich von ihrer Schulleitung und der Schulverwaltung allein gelassen beim Kampf für die Demokratie im Klassenzimmer. Manche haben Angst, was nach den Landtagswahlen im September in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt passiert.
Denn Bildungspolitik ist Ländersache. Sollte die AfD in einem der Länder an der Regierung beteiligt sein, könnte sie vieles an den Schulen verändern. In Mecklenburg-Vorpommern liegt die AfD in der neuesten Wahlumfrage bei rund 35 Prozent der Stimmen, in Sachsen-Anhalt bei mehr als 40 Prozent. Der AfD-Landesverband in Sachsen-Anhalt gilt bundesweit als einer der radikalsten. Der Verfassungsschutz stufte ihn 2023 als gesichert rechtsextremistisch ein.
AfD setzt Lehrkräfte unter Druck
Wie Recherchen von CORRECTIV zeigen, setzt die AfD Lehrkräfte seit Langem systematisch unter Druck: Allein im Jahr 2025 stellte die Partei bundesweit 45 Kleine Anfragen in den Landesparlamenten zu vermeintlichen Verstößen von Lehrkräften gegen das sogenannte Neutralitätsgebot. Lehrkräfte dürfen ihre Schülerinnen und Schüler nicht mit ihrer politischen Meinung überwältigen oder im Unterricht Wahlkampf für eine Partei machen. Die AfD verzerrt den Neutralitätsbegriff jedoch stark und versucht, gegen Lehrkräfte vorzugehen, die ihren Schülerinnen und Schülern Werte des Grundgesetzes wie Vielfalt oder Menschenwürde vermitteln.
Angst vor rechten Anfeindungen
Die Einschüchterungsversuche der AfD zeigen Wirkung. Die meisten Pädagogen, mit denen CORRECTIV gesprochen hat, möchten nur anonym in diesem Artikel zitiert werden. Aus Sorge vor rechten Anfeindungen.
Auch Lisa Hoffmann, die Förderschullehrerin aus Mecklenburg-Vorpommern, heißt eigentlich anders. Sie befürchtet nicht nur Anfeindungen durch die AfD. Sie hat Sorge, wie ihre Schulleitung reagieren könnte. Damit ist sie nicht allein. Ein Lehrer, der an einer Berufsschule in Mecklenburg-Vorpommern unterrichtet, sagt: „Haltung ist in diesem Bundesland ein Nachteil für Lehrkräfte.“
Lehrkräfte fühlen sich allein gelassen
„Niemand will als Problemschule gelten“, sagt Hoffmann. Das Schulsystem in Mecklenburg-Vorpommern sei darauf ausgerichtet, Probleme – also auch rechtsextreme Vorfälle – herunterzuspielen und bloß nicht nach außen dringen zu lassen. „Die Schulleitung will verhindern, dass Probleme mit Rechtsextremismus ans Schulamt dringen. Das Schulamt will verhindern, dass das Bildungsministerium etwas davon mitbekommt und das Ministerium möchte nicht, dass die Presse davon erfährt.“ Hoffmann hält das für falsch. Vom Bildungsministerium in Mecklenburg-Vorpommern wünscht sie sich, dass es von seinen Schulleitungen fordert, Fortbildungen zum Thema Demokratiebildung zu machen und sich hinter die Lehrkräfte zu stellen.
„Lehrkräfte und Schulleitungen sind verpflichtet, bestimmte Vorkommnisse im Schultag dienstlich zu melden – insbesondere, wenn Vorkommnisse strafrechtlich relevant sind“, teilt das Bildungsministerium von Mecklenburg-Vorpommern hierzu auf Anfrage von CORRECTIV mit. Dazu würden auch „Vorfälle mit mutmaßlich extremistischem Hintergrund“ wie etwa Hakenkreuzzeichnungen auf Arbeitsblättern oder ein Hitlergruß in der Klasse zählen. „Alle gemeldeten Vorfälle werden ernst genommen“, teilt das Bildungsministerium mit.
Mehr rechtsextreme Vorfälle an Schulen
In den vergangenen Jahren ist in vielen Bundesländern die Zahl rechtsextremer Vorfälle an Schulen gestiegen, wie Recherchen der Welt zeigen. In Sachsen-Anhalt gab es im Jahr 2025 149 rechts motivierte Straftaten an Schulen. 2023 waren es noch 74.
Das Bildungsministerium. In Mecklenburg-Vorpommern hat im Schuljahr 2025/26 119 Vorfälle mit mutmaßlich extremistischem Hintergrund an Schulen erfasst. Ob es sich dabei um rechtsextreme Vorfälle gehandelt hat, wisse man nicht, teilt das Bildungsministerium auf Anfrage von CORRECTIV mit.
Rechts sein als Trend
Wenn Lisa Hoffmann merkt, dass Schülerinnen und Schüler sich rechtsextrem äußern oder Nazisymbole verwenden, versucht sie, in den Austausch mit ihnen zu treten. „Es gibt Schüler, die tief in der rechtsextremen Szene und in rechtem Gedankengut verwurzelt sind“, sagt sie. „Aber es gibt auch viele, für die rechts sein ein Trend ist, bei dem sie mitmachen.“ Sie erlebe viel Unwissen und viel Unreflektiertheit bei ihren Schülern. Viele Jugendliche fänden es unheimlich cool, „rechts auszusehen“, also zum Beispiel Kleidung von Marken wie Thor Steinar zu tragen. Auch in der Schule. Die Schulleitung lasse das zu.

Hoffmann wünscht sich eine klarere Haltung, ein Verbot. Die Bekleidungsmarke aus Brandenburg gilt als Erkennungszeichen der rechtsextremen Szene. Im Landtag in Schwerin ist Kleidung von Thor Steinar verboten, in den Bundestag kommt man damit auch nicht. Doch für einige Schulleitungen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt scheint die rechtsextreme Erkennungskleidung kein Problem zu sein. Das berichten mehrere Lehrkräfte gegenüber CORRECTIV. Dabei könnten die Schulen sie in ihrer Hausordnung verbieten.
Verbot von rechtsextremer Kleidung an Schulen möglich
Das Bildungsministerium von Mecklenburg-Vorpommern rät genau das den Schulleitungen in seinem Land, wie es auf Anfrage von CORRECTIV mitteilt – im Rahmen der Schulordnung solle „das Tragen von Bekleidungsmarken und Bekleidungsstücken, die innerhalb der links- und rechtsextremistischen Szene einen symbol- oder bekenntnishaften Charakter haben, untersagt werden“.
Das Bildungsministerium von Sachsen-Anhalt antwortet zögerlicher auf die Anfrage von CORRECTIV: Genaue Vorgaben, wie Schulen mit Kleidung von Marken wie Thor Steinar umgehen sollten, gebe es nicht. In ihrer Schulordnung könnten sie das Tragen von Kleidung und Symbolen untersagen, „die verfassungsfeindliche, menschenverachtende, rassistische oder diskriminierende Aussagen bzw. Bezüge aufweisen und dadurch den Bildungs- und Erziehungsauftrag, den Schulfrieden oder den Schutz anderer Schülerinnen und Schüler beeinträchtigen.“ Dieses Verbot dürfe aber nicht „markenbezogen“ sein.
„Ich gehe nicht aus dem System“
Lisa Hoffmann findet es schwer auszuhalten, dass viele ihrer Kollegen und Kolleginnen sich nicht mehr für die Demokratie einsetzen. „Ich verstehe nicht, warum so viele nicht sehen, wie Geschichte sich wiederholt“, sagt sie. Sie hat Angst, dass sie irgendwann unter einem Bildungsminister der AfD arbeiten muss. Eine Regierungsbeteiligung der AfD nach der Wahl im September ist in Mecklenburg-Vorpommern allerdings unwahrscheinlich. Aber selbst wenn es so kommen sollte – sie hat sich entschieden: „Ich gehe nicht aus dem System. Ich will den Platz nicht freimachen, sondern mich weiter von innen für die Demokratie engagieren.“
Sachsen-Anhalt vor der Wahl
Was für Hoffmann und die anderen Pädagogen aus Mecklenburg-Vorpommern noch ein Gedankenspiel ist, ist für Lehrkräfte und Schulsozialarbeitende in Sachsen-Anhalt womöglich bald Wirklichkeit. Die AfD liegt dort in den Umfragen deutlich vorne. Je nachdem wie viele und welche anderen Parteien in den Landtag kommen, kann sie womöglich allein regieren. Das BSW hat sich bereits offen gezeigt, den Weg für einen AfD-Ministerpräsidenten freizumachen.
AfD will das Schulsystem radikal umbauen
Für das Schulsystem hat die AfD radikale Pläne: Sie will die Inklusion an Schulen, also den gemeinsamen Unterricht von Schülern mit und ohne Beeinträchtigung, beenden. Die Schulpflicht aufheben und Unterricht zu Hause ermöglichen. Kinder von Geflüchteten und Asylbewerbern sollen in getrennten Klassen unterrichtet werden. Schulsozialarbeit will sie abschaffen, Demokratiebildung einschränken und Lehrer zwingen politisch „neutral“ zu sein. Im Bildungsministerium will sie eine eigene Beschwerdestelle einrichten, bei der Eltern und Schüler „Fehlverhalten“ von Lehrern und Schulleitern melden sollen.
Nicht alles davon wäre rechtlich umsetzbar. Doch es zeigt, welchen Weg die AfD einschlagen will.
Lehrkräfte haben Angst vor Beschwerden
Das macht vielen der Lehrkräfte aus Sachsen-Anhalt, die sich gegenüber CORRECTIV äußern, Angst. Auch sie erleben, dass immer mehr ihrer Schülerinnen und Schüler immer extremere rechte Ansichten vertreten. Gleichzeitig haben einige von ihnen das Gefühl, dass sie schon jetzt Konsequenzen fürchten müssen, wenn sie sich in ihrem Unterricht für Vielfalt und gegen Rechtsextremismus einsetzen. Weil sich rechte Schüler, Eltern oder lokale AfD-Politiker bei der Schulleitung oder dem Schulamt über sie beschweren. Mehrere Lehrkräfte berichten gegenüber CORRECTIV, dass ihnen das schon passiert sei. „Die AfD ist ständig im Kopf“, sagt ein Gymnasiallehrer.
„Die Veränderung wird sich langsam einschleichen“
Mehrere Lehrkräfte erwähnen in der Umfrage und in Gesprächen mit CORRECTIV in diesem Zusammenhang Max Heckel. Das Landesschulamt mahnte den Lehrer aus Stendal ab, weil er seinen Schülern erklärt hat, warum er die AfD nicht wählen könne. Heckel wehrt sich nun vor Gericht gegen die Abmahnung. Dass Heckel abgemahnt wurde, verunsichert viele der Lehrkräfte. „Mir könnte es genauso gehen“, sagt der Gymnasiallehrer.
Sollte die AfD an die Regierung kommen, befürchten viele der Lehrkräfte, dass sich dann noch weniger von ihnen für die Demokratie einsetzen werden. „Die Veränderung wird sich langsam einschleichen“, sagt ein Berufsschullehrer. „Die ersten passen sich an, die anderen werden leiser.“
Klare Position gegen Rechtsextremismus
Katrin Jelitte will sich auch in Zukunft klar gegen Rechtsextremismus positionieren. „Wir müssen als Lehrkräfte Menschlichkeit zeigen und für demokratische Werte eintreten“, sagt sie. Seit 1993 leitet sie die Gemeinschaftsschule Albert Schweitzer in Aschersleben, einer Mittelstadt am Rand des Harz. Ihre Schule ist Teil des Netzwerks „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“, die Abschlussklassen ihrer Schule fahren jedes Jahr nach Auschwitz. An der Ganztagsschule werden Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderungen zusammen unterrichtet.

Vor der Landtagswahl hat Jelitte dieses Jahr das Künstlerkollektiv „Zentrum für politische Schönheit“ an die Schule eingeladen. Die Aktionskünstler kamen im Juni mit dem sogenannten „Adenauer SRP+“, einem zum „Demokratiebus“ umgebauten ehemaligen Gefangenentransporter, an die Gemeinschaftsschule Albert Schweitzer.
Der Name des Busses bezieht sich auf das Verbot der rechtsextremen Sozialistischen Reichspartei im Jahr 1952 durch das Bundesverfassungsgericht. Damals war Konrad Adenauer Bundeskanzler. Beim Besuch an der Gemeinschaftsschule in Aschersleben hielt das Team des Adenauer-Bus einen Vortrag zum Thema Demokratie. Sachsen-Anhalts Bildungsminister Jan Riedel (CDU) war auch vor Ort und diskutierte mit Schülern und Aktionskünstlern.
Dienstaufsichtsbeschwerde wegen Demokratiebildung
Viel Zuspruch habe sie von Eltern und Schülern für diese Veranstaltung bekommen, sagt Jelitte. Aber in den Sozialen Netzwerken habe es auch Anfeindungen gegeben. Ihr sei vorgeworfen worden, ihre Schüler zu indoktrinieren. Und es gab eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen sie. „Aber das Schulamt hat sich hinter mich gestellt und bestätigt, dass Demokratiebildung meine Aufgabe als Lehrerin ist“, sagt Jelitte. Die Dienstaufsichtsbeschwerde ist abgewiesen worden.
Von den Anfeindungen will Jelitte sich nicht einschüchtern lassen. „Wenn ich meinem Team das Gefühl vermitteln würde, dass ich mich nicht traue, für bestimmte Werte einzutreten, wäre das fatal“, sagt sie.
Auf die bevorstehende Wahl in Sachsen-Anhalt blickt sie allerdings mit Sorge und hofft, dass alle demokratischen Parteien nach der Wahl zusammen Verantwortung übernehmen. „Ich bin 25 Jahre meines Lebens in einem anderen politischen System groß geworden und ich bin so froh, dass ich danach Demokratie erleben durfte“, sagt sie. „Ich hoffe, dass sie nicht endet.“
Redigat und Faktencheck: Elena Müller
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