Neuer Höchststand bei Schülern mit sonderpädagogischer Förderung
CORRECTIV-Recherchen belegen einen Anstieg um ein Drittel in zehn Jahren. In einigen Bundesländern ist knapp jeder Zehnte ein Förderschüler. Schlusslichter bei der Inklusion sind Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt.
Die Zahl der Kinder in Deutschland mit einer Lernbeeinträchtigung hat einen neuen Höchststand erreicht. Nach einer Recherche von CORRECTIV wurde im aktuellen Schuljahr 2025/26 mehr als 630.000 Schülerinnen und Schülern sonderpädagogischer Förderbedarf und damit formal eine Lern- oder Entwicklungsstörung attestiert. Das ist eine Steigerung um knapp ein Drittel innerhalb von zehn Jahren. Je nach Bundesland ist bis zu jedes zehnte Kind ein Förderschüler.
Die Zahlen steigen seit mehr als zehn Jahren kontinuierlich an. Dabei ist die Quote je nach Bundesland sehr unterschiedlich: In Bremen haben mit 10,1 Prozent und in Sachsen-Anhalt mit 9,1 prozentual die meisten Schüler sonderpädagogischen Förderbedarf. In Hessen mit 5,1 Prozent und Rheinland-Pfalz mit 5,9 Prozent sind es die wenigsten. Im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen beträgt die Quote 8,2 Prozent.
Wenn bei einem Kind eine Lern- und Entwicklungsstörung festgestellt wird, braucht es beim Lernen, bei der geistigen Entwicklung oder bei der emotional-sozialen Entwicklung Unterstützung durch Sonderpädagogen.

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Was heißt das für ein Schulsystem, das angesichts immer größerer Herausforderungen ohnehin am Limit läuft? Und wie soll unter diesen Voraussetzungen Inklusion gelingen? Eigentlich haben sich alle Bundesländer 2009 mit der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention im Bundesrat verpflichtet, ein inklusives Bildungssystem aufzubauen, in dem alle Kinder gemeinsam lernen. Das gebiete die Gleichberechtigung und Würde aller Menschen. Daher sei Inklusion keine freiwillige Fürsorge, sondern ein völkerrechtlich verbindliches Menschenrecht.
Knapp 20 Jahre später lernen bundesweit jedoch immer noch weniger als die Hälfte der Förderschüler an Regelschulen. Der UN-Ausschuss in Genf rügt Deutschland seit Jahren für mangelnde Inklusion im Bildungswesen.
Bremen ist Musterland der Inklusion
Dabei gibt es Inklusions-Musterländer wie Bremen, wo trotz des hohen Anteils an Förderschülern 95 Prozent der Kinder im Gemeinsamen Lernen in Regelschulen unterrichtet werden. Andere Bundesländer setzen jedoch weiter vor allem auf Förderschulen: In Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt etwa werden weniger als ein Drittel der Kinder inklusiv an Regelschulen unterrichtet. Über 70 Prozent geht auf Förderschulen und verlässt die Schule damit automatisch ohne Schulabschluss.
Besonders im Fokus steht angesichts der im Herbst anstehenden Landtagswahl Sachsen-Anhalt: Dort liegt die AfD in Umfragen bei über 40 Prozent. Sie strebt trotz steigender Zahlen bei den Förderschülern die Abschaffung der schulischen Inklusion an, die gescheitert sei. Behinderte Kinder würden den Unterrichtsfortgang in Regelschulen lähmen, heißt es im Parteiprogramm. Stattdessen setzt die Partei auf den Ausbau von Förderschulen. Die Stellen für Schulsozialarbeit will die AfD abschaffen. Schulsozialarbeit sei „Ausdruck der sozialpolitischen Überforderung und Überformung der Schule“ und „Teil eines parasitären Systems“, formulierte der bildungspolitische Sprecher der AfD-Fraktion, Dr. Hans-Thomas Tillschneider, im Landtag.
Institut für Menschenrechte warnt vor AfD-Gefahr für Menschen mit Behinderung
In einer aktuellen wissenschaftlichen Analyse legt das Institut für Menschenrechte am Beispiel Sachsen-Anhalt dar, welche Gefahr die AfD für Menschen mit Behinderung darstellt. Die Partei verfolge das Ziel, Menschen, die nicht gesund oder leistungsfähig seien, aus der Gesellschaft auszuschließen. Im Hinblick auf Menschen mit Beeinträchtigung spreche die Partei im Hinblick auf Schule ausdrücklich von „Belastungsfaktoren“ für die anderen Lernenden.
Aber auch in anderen Bundesländern werden Förderschulen ausgebaut oder neu gebaut. Besonders im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen. Der Elternverein mittendrin e.V. hat in einer großen Recherche allein 30 Standorte in NRW ausgemacht, an denen der Bau neuer Förderschulen geplant ist. Auch in anderen Bundesländern wie etwa dem Saarland sind derzeit Förderschulbauten in Planung. In Berlin sind die Engpässe trotz eines Ausbaus so groß, dass laut der Landesbeauftragten für Menschen mit Behinderungen derzeit mindestens 2.300 bis 2.800 Kinder unregelmäßig oder gar nicht beschult werden. Davon sollen besonders Schülerinnen und Schüler im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung sowie im Autismus-Spektrum betroffen sein.

Inklusion bringt Regelschulen an ihre Grenzen
Während viele Förderschulen aus allen Nähten platzen, bringt die wachsende Zahl Schüler in der Inklusion aber auch die Regelschulen längst an ihre Grenzen: Die Kinder, die inklusiv an Regelschulen lernen, haben vor allem die Förderschwerpunkte Lernen (46,7 Prozent) und emotionale und soziale Entwicklung (23,6 Prozent). Der Blick in eine Großstadt wie Köln veranschaulicht die Dimension der Herausforderung: Dort hat inzwischen knapp jeder zehnte Erstklässler sonderpädagogischen Förderbedarf. In sozialen Brennpunkten gibt es Grundschulen, in denen bis zu 30 Prozent der Erstklässler Inklusionskinder sind.
Christiane Hartmann ist Schulleiterin an einer Kölner Grundschule mit Sozialindex 9, der höchsten sozialen Belastungsstufe. Von den über 60 Erstklässlern, die nach den Sommerferien neu in ihre Schule kommen, seien in diesem Jahr lediglich vier „unbelastet schulfähig”, berichtet sie. Bei allen anderen seien bereits bei der amtsärztlichen Schuleingangsuntersuchung Defizite bei Sprache, Motorik, Konzentrationsfähigkeit oder emotionaler Reife festgestellt worden. Wie viele davon dann im ersten Schuljahr offiziell sonderpädagogischen Förderbedarf attestiert bekommen, ist noch offen. Sicher sei aber dies: Am Ende müssten Kinder, die selbst belastet sind, andere integrieren, die noch stärker belastet sind. Irgendwann funktioniere das dann mit der Inklusion für alle Kinder nicht mehr. Hartmann fordert daher „eine Höchstgrenze von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf pro Klasse – zumindest in Schulen in herausfordernder Lage.“ Hamburg habe das so gemacht.
„Inklusion geht nicht mit dem Rotstift“
Angesichts der stetig wachsenden Herausforderungen mit immer mehr Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf bezeichnet die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft die aktuellen Pläne der Bundesregierung als „alarmierend“. Familienministerin Karin Prien (CDU) will in der Kinder- und Jugendhilfe sparen – unter anderem auch bei den Schulbegleitern, die Eltern von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf beantragen können. „Das wirft die Inklusion um Jahre zurück“, kritisiert GEW-Chefin Maike Finnern.
Statt solcher Einzelfallhilfen soll es an den Schulen künftig einen Pool von Schulbegleitern geben. Dadurch fallen einerseits aufwendige Antragsverfahren weg und es geht schneller. Andererseits ist fraglich, ob solche Pools ausreichen, wenn der Bedarf durch immer mehr Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf weiter steigt. „Inklusion geht nicht mit dem Rotstift“, so Finnern. Wer Schulassistenz kürze, ohne das Bildungssystem inklusiv auszustatten, riskiere Ausschluss statt Teilhabe.
Bleibt die Frage nach den Ursachen für die immer weiter steigende Zahl an Förderschülern gerade bei den Förderschwerpunkten Lernen und sozial-emotionale Entwicklung: Da ist auf der einen Seite, etwa im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen, eine sinkende Zahl von Kindern mit Migrationshintergrund, die vor der Einschulung eine Kita besuchen. Hinzu kommt der frühe Medienkonsum: Ein großer Teil der Erstklässler hat schon in der Kita Zugang zu Smartphones und Social Media. Viele sitzen zuhause nur „überreizt vor Bildschirmen mit quietschenden Geräuschen und bewegten Bildern“, so Schulleiterin Hartmann.
Hinzu kommt eine positive Entwicklung: Während Kinder mit Lernschwierigkeiten früher teils einfach mitlaufen mussten, wird ihr Förderbedarf heute häufiger diagnostiziert.
Systemische Fehlanreize: Mehr Diagnosen bedeuten mehr Personal
Es gibt allerdings auch Fehlanreize: Je mehr diagnostizierte Förderschüler in einer Klasse sitzen, desto mehr sonderpädagogische Unterstützung bekommt die Schule, um die Kinder zu fördern. Angesichts der personellen Mangellage an vielen Grundschulen bei gleichzeitig wachsender Zahl an Kindern mit Defiziten und Herausforderungen kann die Ressource der Schule so über die Zahl der Förderschüler erhöht werden: Ressourcen-Etikettierungs-Dilemma (RED) nennt die Wissenschaft das.
Da in Nordrhein-Westfalen die Zahlen seit Jahren besonders stark ansteigen, hatte Schulministerin Dorothee Feller 2024 ein Wissenschaftsgutachten in Auftrag gegeben, das genau dieses Dilemma bestätigt hat. Die Wissenschaftler fordern in ihrem Gutachten mehr Prävention und Förderpläne statt einer Etikettierung. Die zentrale Ursache für die steigenden Zahlen sehen sie im System: zu wenig Ressourcen für Inklusion und „Bedarf nach Entlastung in allgemeinen Schulen“. Lehrkräfte stehen alleine vor zu großen Klassen. Es fehlen zur Unterstützung Lehrkräfte mit sonderpädagogischer Expertise.
Nach Ansicht des Verband Erziehung und Wissenschaft ist das Gutachten so etwas wie ein „Mangelhaft“ im Zeugnis für das Gemeinsame Lernen: Das Gutachten zeige, dass Schulen, Eltern und Schüler allein gelassen wurden. Die Politik habe Inklusion gewollt, aber den Schulen nicht die notwendigen Ressourcen zur Verfügung gestellt, konstatiert die Vorsitzende Anne Deimel. „Jetzt sind wir an einem Punkt, an dem es zu viele Verliererinnen und Verlierer gibt.“
Redaktion und Faktencheck: Frida Thurm, Lea Messerschmidt, Miriam Lenz
Grafik: Sebastian Haupt
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