Wenn Lehrer Florian Nuxoll vor seiner Klasse steht, sorgt er als Erstes dafür, dass sämtliche digitalen Geräte verschwinden: „Alles weg, damit ihr wirklich lernt“ ist die Ansage an seine Schülerinnen und Schüler. So oft wie möglich setzt der Tübinger Lehrer für Englisch und Gemeinschaftskunde inzwischen auf analoges Lernen, um generative Künstliche Intelligenz aus dem Unterricht herauszuhalten.
Dazu muss man wissen, dass Nuxoll eigentlich sehr digital affin ist. Er ist einer der führenden KI-Bildungsexperten in Deutschland, der in der Schule viel mit KI experimentiert. Sein Befund nach drei Jahren Erfahrung: Generative künstliche Intelligenz hebelt das Grundprinzip von Schule aus. Die Schülerinnen und Schüler verlernten das Lernen und durchdringen den Stoff nicht, weil sie „den Lernprozess nicht mehr durchlaufen“.
Norwegen schränkt KI an Schulen stark ein
Genau deshalb hat in diesem Sommer Norwegen als erstes Land die Reißleine gezogen. Angesichts sinkender Testergebnisse der Schülerschaft schränkt das Vorreiterland der digitalen Bildung die künstliche Intelligenz massiv ein. Ab diesem Schuljahr ist die Nutzung von generativer KI in der Schulzeit vor dem 14. Lebensjahr dort kategorisch verboten. Von 14 bis 16 Jahren darf sie nur sehr eingeschränkt unter strenger Aufsicht der Lehrkräfte genutzt werden. Erst in der gymnasialen Oberstufe sollen den Jugendlichen gezielt KI-Kompetenzen vermittelt werden, um sie auf Hochschule und Arbeitswelt vorzubereiten.
Bitte nehmen Sie sich einen Moment Zeit.
Nachrichten und Recherchen sind unerlässlich, damit Sie sich eine Meinung bilden können. Aber die derzeitigen Bedrohungen der freien Presse und der Medienlandschaft sind alarmierend.
Wir fordern die Bundesregierung auf, Pressefreiheit und die Medienvielfalt in Deutschland umfangreich zu schützen. Machen Sie mit.
Was ist der Königsweg im Umgang mit einer Technologie, die in rasender Geschwindigkeit das Lernen in den Schulen verändert? Während die Debatte über die Risiken von KI in der Bildung international Fahrt aufnimmt, geht Deutschland einen anderen Weg: In diesem Schuljahr wird erstmals datenschutzsichere generative KI in alle Klassen in Deutschland einziehen. Nach einer Abfrage von CORRECTIV werden im Laufe dieses Schuljahres 14 Bundesländer den Schulen den eigens entwickelten Chatbot AIS zur Verfügung stellen. Die Abkürzung steht für Adaptives Intelligentes System.
Datensicherer Chatbot für deutsche Schulen
Während die ersten Bundesländer bereits 2025 damit an den Start gingen, planen Hamburg und Sachsen die Einführung in den kommenden Monaten. Nur Rheinland-Pfalz und Mecklenburg-Vorpommern nutzen alternativ die ebenfalls datenschutzsichere Plattform Fobizz. Der AIS-Chatbot wurde speziell für den Einsatz in Schulen vom Medieninstitut der Länder (FWU) aus Mitteln des ersten Digitalpakts Schule entwickelt. Er entspricht höchsten Datenschutzstandards, sodass die Anwendung von Lehrenden und Lernenden rechtssicher genutzt werden kann. Lehrkräfte können ihn als Assistenten verwenden oder Lernszenarien entwickeln, die sie für ihre Schüler freigeben, und auch auf alle aktuellen Sprachmodelle zugreifen.
Auch ohne diesen offiziellen Zugang im Klassenzimmer hat KI die Welt der Schüler längst erobert: Laut der repräsentativen medienpädagogischen „JIM-Studie“ von 2025 nutzen inzwischen bereits knapp drei Viertel aller 12- bis 19-Jährigen KI für ihre Hausaufgaben. Und das sind nur die, die dies offiziell angeben. Fragt man Lehrkräfte, sind es wohl eher 100 Prozent. Damit haben nicht nur die klassischen Hausaufgaben ihren Sinn verloren. In den Klassenzimmern wird längst deutlich, welchen Preis die KI-Revolution für die Bildung hat: „Skill-Skipping“ nennt Nuxoll das, was er in seinen Klassen beobachtet, also das Überspringen von Lernschritten.

KI: Lernschwund durch „Skill-Skipping“
Die Schülerinnen und Schüler gäben zwar mit Hilfe der KI viel bessere Aufsätze oder Konzepte ab, aber sie durchliefen den eigentlichen Lernprozess nicht mehr. Denn bei generativer KI gehe es um das Produkt und nicht um den Prozess. „Lernen verlangt gewollte Schwierigkeiten. Das lernt man nicht, wenn alles einfach ist.“ Will sagen: Was ich nicht selbst verarbeite und durchdringe, fehlt in der kognitiven Verarbeitung. Wir setzen also quasi das Gehirn zum Chillen aufs Sofa. Bemerkbar mache sich das dann spätestens bei Prüfungen, wo man die KI dann nicht benutzen dürfe, so Nuxoll.
Genau diese Beobachtung konnte in diesem Monat erstmals durch eine international viel beachtete breite empirische Studie nachgewiesen werden. In der Untersuchung der Universitäten Hongkong und Stockholm betrachteten die Wissenschaftler die Lernleistung von über 26.000 Schülerinnen und Schülern der Klassenstufen 7 bis 12 in China über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren. Das Ergebnis: Kinder und Jugendliche, die KI zuhause und im Unterricht für benotete Aufgaben nutzten, schnitten dabei 18 Prozent besser ab. In den monatlichen Prüfungen, bei denen sie KI dann nicht nutzen durften, sanken die Leistungen dagegen um 20 Prozent, bei den zentralen Abschlussprüfungen sogar um 24 Prozent.
Weniger Hirnaktivität bei Nutzung von ChatGPT
In die gleiche Richtung weist das Ergebnis der neurowissenschaftlichen Studie „Your Brain on ChatGPT“ des Massachusetts Institute of Technology (MIT). Die Teilnehmer sollten Essays schreiben. Eine Gruppe mit ChatGPT, eine mit Google als Hilfsmittel und eine ohne digitale Hilfsmittel. Während des Schreibens wurde mit Elektroden die Gehirnaktivität gemessen. Die Chat-GPT-Nutzer zeigten in dem EEG eine deutlich reduzierte neuronale Vernetzung, besonders auf den Frequenzbändern, die für Aufmerksamkeit, Gedächtniskonsolidierung und Verarbeitung zuständig sind. Im Vergleich zu der Kontrollgruppe ohne digitale Hilfsmittel war die Gehirnaktivität 55 Prozent geringer.
In den Kultusministerien beobachtet man aufmerksam die Studienlage. Ein Verbot der Nutzung generativer KI bis zu einem bestimmten Alter oder Vorgaben zur Nutzungseinschränkung werden aber auf Anfrage von CORRECTIV in keinem Bundesland erwogen. Statt auf Verbote setzt etwa Bayern auf „konsequente Vermittlung von KI-Kompetenz und pädagogische Unterweisung“. Auch die anderen Bundesländer setzen vor allem auf konsequente Medienerziehung und einen schrittweisen Einsatz von KI in den Klassen.
Bundesländer wie Thüringen haben Medienbildung zum Unterrichtsfach gemacht, Informatik ist in Sachsen-Anhalt jetzt Pflichtfach ab Klasse 5, im Saarland ab Klasse 7. Erste Länder wie Hessen und Schleswig-Holstein (seit dem Schuljahr 2025/26) und Rheinland-Pfalz (ab Februar 2027) haben Handynutzungsverbote an den Schulen erlassen und setzen damit indirekt auf eine Reduzierung der unkontrollierten Nutzung von KI durch Schüler. Außerdem investieren die Länder in Fortbildungsangebote für Lehrkräfte zum Umgang und zur Didaktik mit KI. Das aktuelle Schulbarometer 2025 der Bosch-Stiftung hatte ergeben, dass sich derzeit noch rund die Hälfte der Lehrkräfte unsicher oder eher unsicher im Umgang mit KI fühlen.
Bildungsforscher Zierer kritisiert deutschen Weg
Die wichtigste KI-Kompetenz für Schülerinnen und Schüler ist nach Ansicht von Nuxoll aber, dass sie KI-Ergebnisse prüfen können. Dafür bräuchten sie zum einen Orientierungswissen und Basiskompetenzen wie Lesen. Daher ist für ihn die Lösung, die generative KI im Kontext Schule so lange wie möglich nicht zu nutzen, damit sich die Schüler erst mal Basiskompetenzen und Wissen aneignen. Zumal die Neurowissenschaften belegten, dass die Gehirne von Schülerinnen und Schülern noch nicht zur Selbstregulation fähig seien. Der Verlockung der leichten Lösung auf Knopfdruck hätte er mit 15 Jahren auch nicht widerstanden, betont Nuxoll.
Bildungsforscher Klaus Zierer, der auch der von Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) einberufenen Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ angehört, geht noch weiter. Er hält den derzeitigen Umgang mit generativer KI an deutschen Schulen gar für „völlig unverantwortlich“ und spricht von einem „Dolchstoß für das eigene Denken“. Es erfordere von Schülern zu viel Selbstregulation, erst mal selbst zu denken, wenn der Weg mit KI so einfach sei. KI solle ganz aus der Schule rausgelassen werden. Der norwegische Weg sei so etwas wie die Minimallösung: KI möglichst spät und dann begleitet. Priorität hätten der Aufbau von kritischem Denken und Wissen und vernünftig grundgelegte Basiskompetenzen.

Mit Tutorsystemen wird KI zum Lernpartner
Dabei will Nuxoll neben den Risiken ausdrücklich auch den Blick auf die Chancen der KI richten: „Wenn wir in den Schulen auch tutorielle Systeme haben, dann ändert sich alles.“ Denn eigentlich ist der nun zur Verfügung gestellte Chatbot nur der erste Teil von AIS. Der andere Teil von AIS ist genau solch ein Diagnosetool. Nuxoll selbst arbeitet im Medieninstitut der Länder neben seiner Lehrertätigkeit an der Entwicklung eines solchen intelligenten Tutorsystems für das Fach Englisch mit. Damit werde KI dann zum genauen Diagnosewerkzeug, mit dem Lernprobleme genau erkannt werden können. Mit dem Ziel, Aufgaben geben zu können, die genau für dieses Kind lernförderlich seien.
Außerdem kann die KI damit als Lernpartner genutzt werden. Derzeit geht das tutorielle System an den ersten Pilotschulen in die Erprobung. Zielperspektive ist, allen Schulen im Schuljahr 2027/28 zunächst für die Klassen 5 und 6 in Mathe und Deutsch ein solches adaptives System zur Verfügung zu stellen. Die Umsetzung hängt allerdings noch davon ab, wie die Verhandlungen zwischen Bund und Ländern zur konkreten Ausgestaltung des Digitalpakts 2.0 ausgehen.
Pfuschen mit smarten Linsen und KI-Schmuck
Aber es ist nicht nur das Lernen, was angesichts von KI neu gedacht werden muss, sondern auch das Prüfen. Die Sicherstellung fairer schriftlicher Prüfungen von Klassenarbeiten bis hin zu Abiturprüfungen ohne jede Technik fordert Lehrkräften immer mehr ab. Ein Einsammeln der Handys reicht nicht mehr aus. So informiert etwa das bayerische Kultusministerium seine Lehrkräfte ausführlich über alle Täuschungsmöglichkeiten mit KI – von Smartglasses, die von ganz normalen Brillen nicht zu unterscheiden sind, über KI-Scan-Stifte, Kopfhörer, die im Gehörgang verschwinden, KI-Ringen bis zu KI-Pins als Brosche am Pullover. Lehrkräfte sollen etwa genau darauf achten, ob ein Schüler ungewöhnlich oft an einem Ring nestelt, ein auffälliges Schmuckstück trägt oder ungewöhnliche Augenbewegungen macht.
Für Täuschungsversuche brauche es aber keine Smartlinsen, berichtet Nuxoll. Es reiche aber auch schon ein banales Zweithandy im Ärmel. Damit könnten die Schüler auf der Toilette mit einem 30-Sekunden-Prompt mit KI-Antworten generieren. „Ich lasse inzwischen vor Klassenarbeiten oder Klausuren alle hüpfen, damit die gegebenenfalls rausfallen“, sagt Nuxoll. Der Einsatz von Frequenzstörern, die das Mobilfunksignal oder das WLAN blockieren, ist in Schulen in Deutschland rechtlich unzulässig und laut Telekommunikationsgesetz nur der Bundesnetzagentur oder speziellen Sicherheitsbehörden vorbehalten. Dänemark ist da weniger zimperlich: In dieser Woche verkündete das dortige Bildungsministerium, dass weiterführende Schulen nun während Prüfungen Überwachungssoftware einsetzen und KI-Dienste sperren sollen.
Redigat: Gesa Steeger
CORRECTIV im Postfach
Lesen Sie von Macht und Missbrauch. Aber auch von Menschen und Momenten, die zeigen, dass wir es als Gesellschaft besser können. Täglich im CORRECTIV Spotlight.
Mit der Anmeldung willigen Sie der Verarbeitung Ihrer Daten gemäß unserer Datenschutzerklärung ein.