Chronologie

Wie VW in letzter Minute einen Kompromiss fand

Ihren Streit um die Zukunft von VW legen Vorstand, Betriebsrat und Aktionäre überraschend bei. CORRECTIV rekonstruiert die letzten Stunden, wie es zu diesem „Wunder von Wolfsburg“ gekommen ist.

von Martin Murphy

Volkswagenwerk, Wolfsburg
Markenhochhaus des Volkswagenwerks Wolfsburg.

Wenige Stunden vor der überraschenden Einigung über das Sparpaket für den Autobauer Volkswagen waren sich die meisten einig: „Das wird nichts mehr“, hieß es von Vertretern aller Seiten. Zu weit lägen die Vorstellungen auseinander. Fünf Werke sollten auf Vorschlag des Vorstands dicht gemacht werden, zusätzliche 60.000 Menschen ihren Job verlieren. Dazu wollte das Management die Abspaltung der Kernmarke aus der Holding durchsetzen und so an den Grundfesten des VW-Gesetzes rütteln.

Überraschend konnten sich die Beteiligten doch auf eine gemeinsame Lösung einigen und damit eine Krise abwenden, die das Unternehmen wohl für Jahre gelähmt hätte. Dieser Kompromiss wirkt über die Grenzen des Konzerns hinaus. Die Entwicklung bei VW werde im Ausland als Lackmustest für die Reformfähigkeit Deutschlands gesehen, berichteten Banker in Frankfurt mit Verweis auf Gespräche mit Investoren und Politikern in China, Indien und den USA.

Wettbewerber aus China nehmen VW Marktanteil ab

Dieser Verantwortung müssten sich alle Beteiligten bewusst sein, berichtet ein VW-Aufsichtsrat. Lange sah es so nicht aus. Einig waren sich Management, Betriebsrat und Aufsichtsrat zwar in der Frage, dass die Kosten aus dem Ruder laufen und VW in wirtschaftliche Nöte rutscht. VW hatte die Entwicklung günstiger Elektroautos verschlafen und verliert nun Marktanteil an Konkurrenten wie BYD aus China.

Bei der Beschreibung der Probleme herrschte Einigkeit, gestritten wurde über die Lösung. Jede Seite zog ihre roten Linien. Noch am Dienstag beschloss der Vorstand sein Konzept, das die Schließung von Emden, Hannover, Neckarsulm, Zwickau und eines weiteren Werkes vorsah. Sollte der Aufsichtsrat das Papier auf seiner ursprünglich für Freitag geplanten Sitzung nicht bewilligen, dann sollten die Aktionäre auf einer außerordentlichen Hauptversammlung den Planungen zustimmen.

VW-Chef Oliver Blume stellt sein Umbauprogramm dem Aufsichtsrat vor.

Auf seiner Sitzung am Dienstag sprach sich der Vorstand explizit dafür aus, diesen Weg zu gehen. Er tat dies im Wissen, dass damit die totale Eskalation droht, wie mehrere Top-Manager und Aufsichtsräte im Gespräch mit CORRECTIV sagten. Es habe zu dem Zeitpunkt keine Alternative gegeben, da ohne Einschnitte der VW-Konzern in eine „existenzbedrohende“ Lage gekommen wäre.

Harter Konflikt im Vorstand

Im Vorstand war diese harte Linie umstritten. VW-Chef Oliver Blume würde einen Kompromiss mit den Arbeitnehmern vorziehen und auch seine Vorstandskollegen Thomas Schmall und Ralf Brandstätter waren eher für eine Konsenslösung, wie CORRECTIV aus dem Umfeld des Gremiums erfuhr. Durchgesetzt habe sich aber Rechtsvorstand Manfred Döss, der als Vertrauter der Familie Piëch/Porsche gilt.

Die Familie ist der größte Aktionär nach dem Land Niedersachsen und drängt hinter den Kulissen schon seit Jahren auf eine härtere Sanierung. Ihnen geht es nicht nur ums Geld, sondern auch um die Frage, wer das Sagen im VW-Reich hat. Im Aufsichtsrat kommen die Vertreter der Arbeitnehmer und des Landes auf 12 von 20 Stimmen. Die Möglichkeiten für eine Mitsprache seien damit begrenzt, hieß es aus den Reihen von Piëch/Porsche.

Hinzu kommt, dass die Familie die Dividende von VW braucht, um ihre Kredite zu finanzieren. Einen Teil der VW-Aktien hat der Clan über Schulden finanziert.

Ministerpräsident Lies vertritt den Großaktionär Niedersachsen im VW-Aufsichtsrat. Foto: Bernd Elmenthaler/picture alliance / Geisler-Fotopress

Nach der Vorstandssitzung am Dienstag standen die Zeichen auf Eskalation. Dann kam die Zeit von Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) und Aufsichtsratschef Hans-Dieter Pötsch. Lies stellte gegenüber dem Vorstand und Betriebsrat klar, auch wenn die Positionen als vereinbart gelten, es müsse immer eine Lösung geben.

Der Sozialdemokrat lud die Streithähne zu einem Gespräch nach Hannover. Vor allem Manfred Döss wollte er am Dienstag noch bearbeiten. In ihm sah er den Hardliner. Aber auch Betriebsratschefin Daniela Cavallo hatte eine harte Position eingenommen. Kein Werk dürfe geschlossen werden, hatte sie auf Betriebsversammlungen in den Tagen zuvor bekräftigt.

Am späteren Dienstagabend schaltete sich Pötsch ein. Er lud neben Lies auch Vorstandschef Oliver Blume und Betriebsratschefin Daniela Cavallo sowie die Vorsitzende der IG Metall, Christiane Benner, ein. Drei Stunden tagte die Runde in Wolfsburg, ohne ein Ergebnis zu erzielen. Aber es war ein Weg eröffnet, um zueinander zu finden.

Am Mittwoch liefen die Gespräche zwischen Land und Döss weiter. Die Gefahr einer außerordentlichen Hauptversammlung war aber nicht gebannt. Intern wurde diese Option als „nukleare Lösung“ bezeichnet, da die Folgen gravierend wären. Die Erwartung war, dass sich alle Seiten mit Klagen überziehen könnten und die operative Arbeit behindert wäre. Mit der Konkurrenz aus China wäre das fatal.

Betriebsratschefin Daniela Cavallo. picture alliance/dpa/AP POOL | Martin Meissner
Betriebsratschefin Daniela Cavallo. picture alliance/dpa/AP POOL | Martin Meissner

Im Gespräch mit Journalisten stellte Ministerpräsident Lies am Freitag klar: Am Mittwoch habe der Konzern vor einer Eskalation gestanden, mit monatelangen internen Auseinandersetzungen und lähmender Selbstbeschäftigung, einer neuen Debatte über Werkschließungen, Mitbestimmung und am Ende möglicherweise auch über das VW-Gesetz. „Diese Eskalation haben wir jetzt zunächst abgewendet“, sagte der SPD-Politiker.

Für den Abend des Mittwochs lud Pötsch erneut die Runde vom Vorabend ein. Pötsch ist seit 2015 Vorsitzender des Aufsichtsrats. Der Österreicher setzt seine Worte sehr bedacht, und gerne eher im Hintergrund. In den vergangenen Wochen hatte er hinter den Kulissen für eine einvernehmliche Lösung geworben. An diesem Mittwochabend bewegten sich die Parteien aufeinander zu, wie es in Verhandlungskreisen hieß.

Nach zwei Stunden waren sich Blume und Cavallo darin einige, dass ein Kompromiss möglich ist. Entscheidend war nun das Votum der Familie. Bei der Familie hatte Pötsch zuvor vergeblich für einen Kompromiss geworben, wie es im Umfeld von Porsche/Piëch hieß. Diese wollte endlich ein Werk oder gleich mehrere geschlossen sehen.

Die diplomatischen Vorstöße von Pötsch und Lies zeigten aber langsam Wirkung, wie es in Verhandlungskreisen hieß. Am Morgen des Donnerstags lag zwar noch der 23-seitige Beschlussantrag des Vorstands auf dem Tisch, der die Schließung der Werke, die Kürzungen und die Aufspaltung vorsah.

In den frühen Stunden des Tages sprach Pötsch mit Wolfgang Porsche und Hans Michel Piëch. Die beiden sind Sprecher der Namenszweige, ihr Wort gilt. Dem Vernehmen nach stimmten sie zu, auch um ein Stillstand des operativen Geschäfts durch Proteste der IG Metall abzuwenden.

Wie es zur Wende bei VW kam

Der Donnerstag brachte so die Wende. Auch den Hardlinern im Vorstand sei klar geworden, dass der Konzern nicht gegen den Willen der Arbeitnehmer geführt werden könne, sagte ein Top-Manager. Die Jobs fallen weg, aber die Werke bekommen mehr Zeit, um ihre Kosten zu reduzieren. Zudem ist eine Ausgliederung der Kernmarke aus der Holding vom Tisch, zumindest für den Moment.

Bei dem Kompromiss gewinnen alle, ist eine Lesart: Für Lies war gerade mit dem Erhalt des Status quo bei der Konzernstruktur entscheidend und für den Betriebsrat, dass eine Schließung der Fabriken nicht beschlossen wird. Der Vorstand kann für sich verbuchen, dass die Kosten gesenkt werden können.

Dieser Lösungsweg wurde dann im Präsidium ab 9.30 Uhr diskutiert, wie es aus dem Umfeld des Aufsichtsrats hieß. In dem sind neben Lies und Pötsch auch Cavallo, Benner und Wolfgang Porsche und Hans Michel Piëch vertreten. Dort habe man sich final geeinigt, hieß es in Verhandlungskreisen.

Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch im Gespräch mit Vorstandschef Oliver Blume.

Da es keine Einwände mehr gab, habe Pötsch die Sitzung des Aufsichtsrats von Freitag auf Donnerstag vorgezogen. Um 17 Uhr sei der zusammengetreten, um dem Kompromissvorschlag zuzustimmen, hieß es. Die Mitglieder Günther Horvath und Marianne Heiß hätten es noch zeitig genug zur Sitzung nach Wolfsburg geschafft. Mohammed Saif Al-Sowaidi  und Seat Matías Carnero Sojo schafften es nicht mehr, sie schalteten sich digital zu. Nach zweieinhalb Stunden sei das Treffen beendet worden.

Die Maßnahmen sind nun gegenüber dem ursprünglichen Konzept des Vorstands abgemildert. Weitere 50.000 Arbeitsplätze sollen bis zum Jahr 2030 wegfallen, diese addieren sich zu den bereits beschlossenen 70.000 Stellenkürzungen. Zudem soll die Fertigungskapazität in Europa um 500.000 Autos pro Jahr reduziert werden; die vier Werke stehen also unter Beobachtung.

VW-Oberen haben Zeit gewonnen

Betriebsratschefin Cavallo betonte im Anschluss an die Sitzung: „Kein Werk wurde aufgegeben und entgegen mehreren Medienberichten ist keine Werksschließung besiegelt“. Gerade diese Entscheidung hat aber zu Unmut bei der Familie geführt. Hans Michel Piëch und Wolfgang Porsche hätten die Hände in der Tasche geballt. Nach der Sitzung seien sie verärgert abgerauscht.

Nicht für lange: Für Ende September ist die nächste Sitzung des Aufsichtsrats angesetzt. Dann dürfte über die Zukunft von Finanzvorstand Arno Antlitz beraten werden. Nach der harten Konfrontation ist in Kreisen des Betriebsrats die Bereitschaft gering, seinen Vertrag um weitere fünf Jahre zu verlängern. Entschieden ist aber nichts.

Und auch unangenehme Themen wie die Aufspaltung könnten wieder auf den Tisch kommen: Der Plan sei für einige im Vorstand aufgeschoben, sagte ein Top-Manager. Erstmal sei aber Zeit gewonnen und ein Frontalcrash mit tödlichem Ausgang vermieden worden.

Redigatur und Faktencheck: Martin Böhmer