Hape for President

Schauspieler Hape Kerkeling sprach gestern im Thüringer Landtag – und berührte so, wie es eigentlich Politiker tun müssten.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters

Hier finden Sie unseren neuen Podcast „Was zählt“, der das Wichtigste des Tages für Sie jetzt auch zum Hören aufbereitet. Er ist auch auf  Spotify, Amazon Music, Deezer und Apple Podcasts abrufbar.

Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser, 

haben Sie sich die Rede angesehen, die Schauspieler Hape Kerkeling gestern vor dem Thüringer Landtag gehalten hat? Es sind sieben Minuten, die einen berühren. Wenn Sie es noch nicht getan haben, empfehle ich es Ihnen wärmstens: hier entlang.

Was da los war, ist heute unser Thema des Tages.

Heute tritt der neue Tankrabatt in Kraft – 16,7 Cent pro Liter. Gestern hatte ich Sie gefragt, was Sie vom 2,5 Milliarden Euro teuren Geschenk an Deutschlands Autofahrerinnen und -fahrer halten – und davon, dass ab Januar das Deutschlandticket teurer wird (knapp 67 Euro pro Monat und damit 3,80 Euro mehr als bisher). Viele von Ihnen haben mir dazu geschrieben, niemand freute sich über den Tankrabatt. Leser Uwe L. brachte es so auf den Punkt:

„Die Reicheren fahren Auto und bekommen den Tankrabatt als Geschenk, das auch mit den Steuern der Ärmeren bezahlt wird, die zudem mehr für das Deutschlandticket bezahlen…“

Jörg O. meint, die Neuauflage des sogenannten Tankrabatts sei für ihn eine Kapitulation der Koalition aus populistischen Gründen. Ein „Trostpflaster auf AutofahrerInnenseelen“ sei das, schreibt Karin K. Und Lilo S. sieht hier eine „fatale Fehlentscheidung“.

Thomas D. vermutet, auch an dieser Tankrabatt-Runde würden sich vor allem die Mineralölkonzerne eine „diamantene Nase“ verdienen – und diese offenbare eine „völlig desaströse Haltung der Bundesregierung zum Klima“. Weil sie so gut war, hier nochmal unsere Tagesgrafik von gestern von Sebastian Haupt:

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend, und schreiben Sie mir gern, wenn Sie konkrete Hinweise auf Missstände haben – von denen Sie meinen, CORRECTIV sollte dazu recherchieren: anette.dowideit@correctiv.org.

Thema des Tages: Hape for President

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Neueste CORRECTIV-Recherchen: Umweltverband steigt aus EU-Chemieallianz aus und warnt vor Einfluss der Industrie

Fun Facts – der satirische Blick auf die Nachrichtenlage: Warum es der Wirtschaft gut geht, vielen aber nicht

Leserfrage der Woche: Bekommen Bundestagsabgeordnete eine Pauschale für die Einrichtung ihrer Büros?

Faktencheck: Video von „genderfreier Schule“ ist KI-generiert

Gute Sache(n): Englands Museen bleiben kostenlos • Erklärt: Was man über den neuen Tankrabatt wissen muss • Erste Regierungschefin in Marokkos-Geschichte

CORRECTIV ganz persönlich: Unsere Recherche zu modernen freikirchlichen Bibelschulen

Grafik des Tages: Strandkorb als Aufreger

Meine Kollegin Lena Köpsell saß gestern bis nach Mitternacht auf dem Zuschauerrang im Thüringer Landtag. Das Medieninteresse war groß, denn der Landtag hatte zur Anhörung in einer möglicherweise zukunftsentscheidenden Frage geladen: 

Sollte der Landesverband der AfD verboten werden?

Der Abend war ein besonderer, weil nicht nur Politikerinnen und Politiker sprachen, sondern auch Menschen aus der Zivilgesellschaft. Und zwar eine ganze Bandbreite – vom ehemaligen Chef des Bundesamts für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, der mittlerweile selbst wegen Rechtsextremismusverdacht vom Verfassungsschutz beobachtet wird – bis zu Schauspieler Hape Kerkeling.

Hier geht es zum Text, in dem Reporterin Köpsell den Abend zusammenfasst.

Hape Kerkeling, Schauspieler, fand klare Worte für ein AfD-Verbotsverfahren im Thüringer Landtag. Foto: picture alliance/dpa | Martin Schutt

Und hier kann man die gesamte Veranstaltung anschauen (oder zu Abschnitten springen, die einen besonders interessieren).

Warum sprach Hape Kerkeling?
Er wurde von der Partei Die Linke eingeladen, weil er der Nachkomme eines Betroffenen der Schreckensherrschaft der Nazis ist: Kerkelings Großvater saß insgesamt zwölf Jahre im Gefängnis. Drei davon verbrachte er als politischer Häftling im KZ Buchenwald, wo er Folter und Zwangsarbeit überlebte. 

Was Hape Kerkeling sagte:

„Wenige Kilometer von hier liegt Buchenwald. Dieses Land, Thüringen, hat am eigenen Leib erfahren, wie eine Demokratie sich selbst abschafft, wenn genügend Menschen wegschauen. Und heute stuft der Thüringer Verfassungsschutz den hiesigen AfD-Landesverband seit März 2021 als rechtsextrem ein.“

Kerkeling sprach nur sieben Minuten, die aber hatten es in sich: Jedes Wort wirkte wohlüberlegt, überdacht und noch einmal überdacht, dabei aber nie aufgesetzt oder gekünstelt, sondern einfach authentisch. Er sagte weiter: Angst, Lügen und Hass seien die Zutaten der nationalsozialistischen Ideologie gewesen, und sie seien es auch heute – für die Marschrichtung der rechtsextremen AfD. Wer die Verbrechen von 1933 bis 1945 relativiere, verharmlose und bagatellisiere, der verlasse den Boden des Grundgesetzes.

Und dann sagte Kerkeling noch einen Satz, von dem er sich wünschte, dass ihn jede Zuhörerin und jeder Zuhörer mit nach Hause nehme:

„Wer nicht nicht verantwortungsvoll mit der Geschichte umgeht, darf niemals Verantwortung für die Zukunft Deutschlands übernehmen.“

Er sagte das wohl auch gezielt in Richtung des Thüringer AfD-Landeschefs Björn Höcke, der besonders häufig mit verharmlosenden Aussagen zu den NS-Verbrechen auffällt. Am Ende richtete Kerkeling sich nachdrücklich an die Verantwortlichen in der Thüringer Landespolitik, das, wie er sagte, wichtige Verbotsverfahren anzustoßen.

Seit gestern Abend dreht seine Rede große Kreise in Sozialen Netzwerken.

Weshalb die Rede so einschlug:
Weil Hape Kerkeling Klartext sprach und eine klare Botschaft formulierte, die keinerlei Rücksicht auf irgendwelche Parteiinteressen nahm. Klar, er ist Schauspieler und kann einfach sehr eindrücklich auf einer Bühne sprechen, das hat er sein Leben lang schon gemacht.

Er ist aber nicht der Einzige, der es zuletzt schaffte, die Herzen zu berühren. Da war vor zwei Wochen Bundes-Fußball-Trainer Jürgen Klopp. Der sagte bei einer Pressekonferenz, als er seinen Kader mit multinationalem Herkunftshintergrund vorstellte: Er sei ja „kein Fachmann für Politik“, aber er wolle „Nationalstolz nicht den Falschen überlassen“:

„Ich möchte, dass wir sie (Anm.: die Nationalfahne) immer so schwingen, dass niemand denkt, was mit dir nicht in Ordnung ist. Sondern dass man einfach nur das Gefühl hat, du bist happy und verstehst, dass du Glück hattest, dass du in diesem wundervollen Land geboren, aufgewachsen oder zugezogen bist.“

Der Fußball-Bundestrainer der Herren, Jürgen Klopp, als er die eindrücklichen Worte zu deutschem Nationalstolz fand. Quelle: Picture Alliance / Sportpics | Marc Schueler.

Auch das rührte viele – weil endlich mal jemand Klartext spricht, der nicht Politiker ist, sondern sich durch Leistung in einem anderen Bereich den Respekt und damit das Gehör der Leute verschafft hat. Und der allen, die mit der AfD sympathisieren, eine klare Absage erteilt, ohne zu fürchten, dass ihn dann ein Teil der Bevölkerung nicht mehr mag. 

Und dann war da noch der Papst:
Leo XIV. nämlich hielt Anfang dieser Woche eine ziemlich fulminante Rede im nordostfranzösischen Metz, nahe der deutschen Grenze – und auch er fand klare Worte gegen die Abschottungs- und Rechtsruck-Politik in Europa:

„Einen Menschen aufzunehmen bedeutet, ihn wie ein Familienmitglied zu integrieren und ihm die Möglichkeit zu bieten, seine Talente, Fähigkeiten und seine Persönlichkeit zu entfalten, aber auch, sich in den Geist des Hauses einzufügen.“

Hier ist seine Rede vollständig nachzulesen. Auch Trump und Putin bekamen darin ihr Fett weg, auch wenn Leo, ganz im Sinne des päpstlichen Understatements, deren Namen nicht konkret nannte.

Papast Leo XIV. am Montag bei seiner Rede in Metz. Quelle: picture alliance / Hans Lucas | Vatican Media

Gut, werden Sie vielleicht jetzt sagen:
Weder Hape Kerkeling noch Jürgen Klopp noch der Papst sind auf Wählerstimmen angewiesen, um ihre Jobs zu behalten – anders als Politikerinnen und Politiker. 

Und gerade in der Union ist ja die große und durchaus berechtigte Debatte, wie viel Verständnis man für die Sorgen und Nöte jener aufbringen muss, die dem Populismus zuneigen. Rechtskonservative Wähler mit AfD-Drall zu belehren oder anzugreifen, ist aus ihrer Sicht womöglich nicht klug, das verstehe ich.

Und trotzdem zeigt gerade der Auftritt von Hape Kerkeling gestern Abend eindrücklich, wie sehr sich ein großer Teil der Menschen in Deutschland nach klaren Worten und Zuversicht wünscht – ohne Rücksicht auf Parteiinteressen und Wahlkampftaktik. 

Genau für so etwas, also für furchtlose Ansprache, die Mut macht, gibt es das Amt des Bundespräsidenten. Die Wahl für die Nachfolge von Frank-Walter Steinmeier findet im nächsten Januar statt. Hoffentlich kommt jemand ins Amt, der (oder die!) so gut und klar sprechen kann.

Sachsen-Anhalt: Fachleute sehen rechtswidrige Wahlkampffinanzierung bei AfD
Mehrere Staatsrechtler sehen Rechtsbrüche der AfD bei der Finanzierung ihres Wahlkampfs in Sachsen-Anhalt. Dieser sei zum großen Teilen über die Fraktion finanziert worden. Das aber ist rechtswidrig. Im schlimmsten Fall könnte dem Land sogar eine Neuwahl drohen.
n-tv.de

Studie zeigt Anstieg von Ewigkeitssubstanzen im Blut 
Eine Studie der Freien Universität Amsterdam warnt vor einem Anstieg gefährlicher Ewigkeitssubstanzen im menschlichen Körper. Die Forschenden analysierten 100 Blutproben und fanden in allen Spuren langlebiger Chemikalien. Besonders häufig stießen sie auf Trifluoressigsäure (TFA), die über Industrieabwasser in den Wasserkreislauf gelangt und als fortpflanzungsgefährdend gilt. Mehr zum Thema finden Sie auch in unserer neuen Recherche.
rnd.de / correctiv.org

Regierungsgespräche in Berlin beginnen 
Eineinhalb Wochen nach der Wahl starten Linke, Grüne und SPD erste Gespräche über eine mögliche Regierungsbildung. Im Fokus stehen Themen wie organisierte Kriminalität, Rassismus und Antisemitismus. Bei einer Einigung folgen Sondierungsgespräche, in denen voraussichtlich auch das Thema Wohnen und Mieten eine zentrale Rolle spielt.
zeit.de

Die Critical Chemicals Alliance soll die chemische Industrie in Europa resilienter machen. picture alliance / Jochen Tack

Umweltverband steigt aus EU-Chemieallianz aus und warnt vor Einfluss der Industrie
Nach nur acht Monaten verlässt der größte Dachverband europäischer Umweltorganisationen die Critical-Chemicals-Alliance der EU-Kommission. Auch die Deutsche Umwelthilfe kritisiert die Allianz und warnt vor sinkendem Umwelt- und Gesundheitsschutz.
correctiv.org

Symbolbild Leserfrage der Woche

Ein Leser fragt: Bekommen Bundestagsabgeordnete eine Pauschale für die Einrichtung ihrer Büros? Wie hoch ist sie? 

Wie die Grafik des Tages zeigt, war der Strandkorb von Philipp Amthor (CDU) diese Woche ein großes Aufreger-Thema. Der Verkäufer Dirk Mund erklärte in einem Interview, Amthor habe den 1.600 Euro teuren Strandkorb selbst bezahlt. Doch müssen Abgeordnete generell ihre Büroausstattung aus eigener Tasche finanzieren? 

Wir haben nachgeforscht:  Grundsätzlich erhalten Bundestagsabgeordnete monatlich etwa 5.400 Euro Aufwandspauschale, um ihr Mandat auszuüben. Daraus lassen sich etwa die Kosten für die Einrichtung und den Betrieb eines Wahlkreisbüros oder Reisekosten oder Wahlkreisveranstaltungen bezahlen. Eine spezielle Möbelpauschale gibt es nicht. Allerdings steht ihnen jährlich ein Budget von 12.000 Euro für Büromaterial zur Verfügung, das nur gegen Einzelnachweis ausbezahlt wird – und von dem etwa Telefon, Internet, Papier oder weitere Anschaffungen finanziert werden können. 

Im Bundestag selbst erhalten Abgeordnete und ihre Mitarbeiter hingegen vollständig ausgestattete Büros. Dabei gibt es zwei Ausstattungsstandards. Der erste gilt für Abgeordnete sowie Leiterinnen und Leiter der Fraktionsverwaltung. Er umfasst beispielsweise Schreibtisch, Rollcontainer, Aktenschränke, eine Sitzgruppe, einen Besprechungstisch mit Stühlen und eine Stehlampe. Der zweite Standard gilt für die übrigen Büros. Hier fehlen die Sitzgruppe und der Besprechungstisch mit Stühlen. 

Übrigens: Einige Abgeordnete veröffentlichen auf ihren Webseiten viele Details zu diesen Einkünften.

Falls Sie ebenfalls Fragen haben, die auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen, schreiben Sie mir gerne eine E-Mail an tristan.devigne@correctiv.org.

Bunte Kreidestücke auf dunklem Untergrund
Foto: M_ming / Pixabay

So geht’s auch 
Englands staatliche Museen bleiben für Touristen kostenlos. Zuvor hatte die Regierung erwogen, internationale Besucher zur Kasse zu bitten, um neue Einnahmen zu erzielen. Doch die 15 staatlichen Nationalmuseen sollen weiterhin allen offenstehen. Die Erhöhung der Eintrittspreise für Touristen widerspricht dem Trend, den man an vielen Orten wie im Pariser Louvre oder in den Nationalparks der USA beobachtet.  
deutschlandfunkkultur.de / merkur.de

Endlich verständlich 
Ab heute greift der neue Tankrabatt. Autofahrer sollen an der Zapfsäule etwa 16,7 Cent pro Liter sparen – vorausgesetzt, die Tankstellen geben den gesamten Steuerrabatt weiter. Beim letzten Rabatt im Mai und Juni zeigte das Ifo-Institut, dass dies nicht immer geschah. Wie viel Geld der Rabatt den Autofahrern bringt, lesen Sie im folgenden Artikel. 
tagesschau.de

Fundstück 
Zum ersten Mal wird mit Fatima Ezzahra el-Mansouri in Marokko eine Frau Regierungschefin. Ihre Partei war in der Parlamentswahl als stärkste Kraft hervorgegangen. Nun setzte sie sich im parteiinternen Rennen um das Regierungsamt  gegen ihren Parteikollegen durch. Schon vor der Wahl hatten viele Bürgerinnen und Bürger eine Frau an der Spitze befürwortet. El-Mansouri schrieb bereits 2009 Geschichte, als sie Marrakeschs erste Bürgermeisterin wurde.
taz.de / zeit.de


Seit meiner Schulzeit beschäftige ich mich immer wieder mit Freikirchen. Damals hat eine Freundin von mir an einer kostenlosen Ferienfreizeit einer Freikirche teilgenommen und als wir uns nach den Ferien wiedersahen, waren ihre Ansichten ziemlich verändert. Ich habe sie damals einige Male zu Gottesdiensten begleitet und erinnere mich an die starke Gemeinschaft. Gleichzeitig war ich erschrocken über die offene Queerfeindlichkeit und das veraltete Geschlechterbild, das dort vertreten wurde.

Beides ist mir und meinen Kolleginnen und Kollegen von Salon5 bei unserer Recherche zu freikirchlichen Bibelschulen wieder begegnet. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir dabei Jan: Er war selber jahrelang Mitglied einer Freikirche und hat dort als Jugendlicher schnell Anschluss gefunden. Über die Gemeinde wurde er zum ersten Mal in seinem Leben zu Geburtstagen eingeladen. Jahre später outet er sich als schwul und wurde daraufhin aus der Gemeinde gedrängt.

Ich habe während der Recherche viel Neues gelernt: Angefangen damit, dass es DIE Freikirche überhaupt nicht gibt. Deswegen konzentrieren wir die Recherche auf sogenannte neucharismatische Bewegungen: Sie geben sich jung und sind stark in sozialen Netzwerken, haben aber konservative Ansichten. Jans Gemeinde gehört dazu und die meiner Schulfreundin auch. Falls Sie erfahren wollen, was noch dahinter steckt, hören Sie den neuen Salon5-Podcast „sus! Was geht in freikirchlichen Bibelschulen?“. 

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Karolin Arnold, Tristan Devigne, Sebastian Haupt, Pamela Kaethner und Elena Müller.