
Hier finden Sie unseren neuen Podcast „Was zählt“, der das Wichtigste des Tages für Sie jetzt auch zum Hören aufbereitet. Er ist auch auf Spotify, Amazon Music, Deezer und Apple Podcasts abrufbar.
Liebe Leserinnen und Leser,
Bärbel Bas, Bundesarbeitsministerin und SPD-Vorsitzende, hat heute Morgen den Rücktritt von ihren Ämtern erklärt. In einer Stellungnahme, die Sie zum Beispiel hier auf ihrem Instagram-Kanal nachlesen können, erklärte sie, warum: Vor ein paar Tagen war ihre Stieftochter gestorben (über die genauen Umstände ist öffentlich nichts bekannt, ihre Stieftochter stand auch nicht in der Öffentlichkeit). Dies war aber nicht der einzige Grund, erklärte Bas:
„Darüber hinaus muss ich leider feststellen, dass die öffentlichen Angriffe auf mich, leider auch aus den Reihen des Koalitionspartners, in dieser für mich persönlich schwierigen Zeit weiter forciert wurden.“
Wenn politische Angriffe immer heftiger unter die Gürtellinie gehen, wer will dann überhaupt noch in erster Reihe in der Politik stehen? Darum geht es im Thema des Tages. Außerdem berichten wir heute über ein Gutachten in einem wichtigen Missbrauchsprozess gegen die katholische Kirche. Erstmals erkennen Gutachter an, dass schon eine einzelne Missbrauchstat das Leben eines Betroffenen aus der Bahn werfen kann. Dies könnte richtungsweisend für zukünftige Gerichtsprozesse gegen die Kirche sein. Der Fall kommt auch prominent in unserem Kinofilm vor, den Sie sich nun zu Hause ansehen können.
Jetzt zu Ihnen: Rund 600 Leserinnen und Leser haben seit Freitag für das nächste Cartoon-Arena-Thema abgestimmt. Die deutliche Mehrheit (336) stimmte für folgendes Thema: Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik gibt es einen Landtagspräsidenten von einer rechtsextremen Partei. Danke fürs Mitmachen!
Bei CORRECTIV erholen wir uns gerade noch von der anstrengenden, aber wunderschönen Buchmesse in Frankfurt. An unserem Messestand war es die ganze Zeit voll, wir hatten spannende Diskussionsrunden auf den Bühnen zu unseren aktuellen Büchern „Warnung an Deutschland“ und „Ich bin doch kein Rassist, aber …“.
Letzteres habe ich ja geschrieben – und am Donnerstag geht es damit richtig los: Da nämlich findet die offizielle Buchvorstellung bei uns in Berlin statt – und ich freue mich sehr darauf. Denn da kommen prominente Gäste zur Podiumsdiskussion, mit denen es spannend werden dürfte. Dabei sind unter anderem die Berliner Integrationssenatorin Cansel Kiziltepe und der Psychologe Ahmad Mansour. Sie können dabei sein, es gibt noch Tickets!

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend – und schreiben Sie mir gern: anette.dowideit@correctiv.org.
Thema des Tages: Wer hält diesen Job noch aus?
Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste
Fun Facts – der satirische Blick auf die Nachrichtenlage: Endstation Altersarmut
CORRECTIV ganz persönlich: Mehr als acht Jahre lang verfolgte ich die Spuren des Täterpriesters
Grafik des Tages: Smart-Glasses werden hauptsächlich von Männern gekauft
Bärbel Bas schreibt in ihrem Rücktritts-Statement, sie könne momentan nicht die Kraft aufbringen, ihre Regierungs- und Parteiarbeit vollumfänglich auszuüben.
Zwei Dinge sind mir in ihrer Erklärung besonders hängengeblieben. Zum einen, dass sie ihre Partei, die SPD, ermahnt, die „richtigen Schlüsse“ aus den zurückliegenden Wahlen zu ziehen und „wieder eine politische Kraft zu werden, die unser Land in eine gute Zukunft führt“. Zum anderen, dass sie, wie oben schon erwähnt, den Koalitionspartner CDU/CSU ganz klar als Mitauslöser für ihren Rücktritt benennt.

Klare Worte von Bas …
… aber was konkret meint sie damit? Darauf gibt dieser interessante Text im Tagesspiegel eine Antwort: Gemeint sei unter anderen der CDU-Bundestagsabgeordnete Christian von Stetten (den Sie vielleicht nicht unbedingt auf dem Schirm haben, der aber im Bundestag als wichtige Figur gilt und seine politischen Pfeile gerne mal über die Bild-Zeitung abschießt).
Der nämlich erklärte in dem Boulevard-Blatt kürzlich, Bärbel Bas sei als Ministerin „nicht mehr tragbar“. Er warf ihr vor, sie blockiere seit Monaten Reformen, die für den Wirtschaftsstandort Deutschland enorm wichtig seien. Konkret nannte er die Reform des Bürgergeldes, das jetzt Grundsicherung heißt. Von Stetten behauptete, Bas mache ihre Arbeit als Ministerin – also das Vorantreiben der Sozialeinschnitte – deshalb nicht richtig, weil sie befürchte, dann als SPD-Vorsitzende auf der Abschussliste zu sein.
War an der Kritik etwas dran?
Zumindest stimmt es, dass bereits beschlossene Reformen in der Umsetzung durch ihr Ministerium lange auf sich warten ließen. Das gilt vor allem für die Rentenreform: Schon im Juni hatte eine von der Regierung einberufene Expertenkommission ihre Vorschläge präsentiert, der Gesetzentwurf aus dem Bundesarbeitsministerium ist aber immer noch nicht da – das ist schon ungewöhnlich.
Eine Vertreterin des Koalitionspartners in einem Interview als unfähig zu bezeichnen und ihren Rücktritt zu fordern, ist allerdings eine Sache, die noch vor ein paar Jahren nicht zum Umgangston in der Politik gehörte.
Wie geht es weiter?
Nachfolger von Bas soll der frühere Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Alexander Schweitzer (SPD), werden. Er hatte im März dort die Landtagswahl verloren und war seither auf der Suche nach einem Job in der Bundespolitik.
Was hinter den Ereignissen steht:
Bärbel Bas ist unter dem immensen öffentlichen Druck zusammengebrochen. Öffentlich zur Schau gestellter Hass, Häme, Feindseligkeiten – all das wird immer schlimmer. Damit meine ich nicht nur die Rücktrittsforderung von CDU-Politiker von Stetten.
Sondern das, was daraus gemacht wurde.
Denn die Begleitumstände sind heute komplett andere als vor 15 oder 20 Jahren. Seit es die Sozialen Netzwerke gibt, verselbstständigt sich eine negative Aussage schnell ins Hunderttausendfache. Ich kenne das von mir selbst im Kleinen, weil auch ich in rechtspopulistischen Kreisen eine Reizfigur bin.
Fast jede Aussage, die ich öffentlich mache, wird von Rechtsaußen-Medien zerpflückt und dann in den Netzwerken – die in der Praxis oft eher asoziale als soziale Begegnungsorte sind – so zurechtgelegt, dass ich als das Gesicht eines vermeintlich linken und angeblich staatsfinanzierten Mediums Hass abbekomme.
Der Algorithmus belohnt Hass. Und ich behaupte, Frauen in der Öffentlichkeit – und vor allem in der Politik –, werden im Netz noch einmal deutlich härter und unfairer angegangen als Männer. Da vermengen sich viel schneller fachliche Kritik mit Abwertungen gegen das Aussehen; Account-Besitzer, von denen man oft nicht mal weiß, ob echte Menschen oder nur Bots dahinterstehen, machen teils ekelhafte sexuelle Anspielungen – man braucht also ein dickes Fell.
Unter dem Strich:
Politik ist anstrengend, in der Öffentlichkeit zu stehen, ist aufreibend. Egal, wie man zu einer politischen Person steht und egal, welches Geschlecht sie hat – Kritik darf und muss sein. Doch jeder, der sich zu einer anderen Person äußert, muss sich klar sein, dass diese andere Person immer noch ein Mensch ist.
Wenn der Anstand in der Politik flöten geht, dann muss man sich auch nicht wundern, wenn gutes Personal für Spitzenämter immer seltener zu finden ist. Wie sehen Sie es? Schreiben Sie mir gern: anette.dowideit@correctiv.org.
Zweitwärmster September seit Beginn der Aufzeichnungen
Der diesjährige September war weltweit der zweitwärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Laut dem EU-Klimadienst Copernicus verschärfte sich die Trockenheit im Vergleich zum August in vielen Regionen Europas. Wegen des Klimaphänomens El Niño erwartet Copernicus-Leiter Carlo Buontempo, dass die Temperaturen bis ins nächste Jahr hoch bleiben.
zeit.de
Russische Einmischung beim Brexit bestätigt
Der britische Premierminister Andy Burnham hat erklärt, dass Russland 2016 in das Brexit-Referendum eingegriffen habe. Wie genau dieser Einfluss aussah, ließ Burnham offen. Gleichzeitig warnte er die Wählerinnen und Wähler in Deutschland und Frankreich vor russischen Versuchen, politische Entscheidungen zu beeinflussen.
sueddeutsche.de
Mehrere Landwirtschaftsminister gegen Zuckersteuer
Neun Landwirtschafts- und Verbraucherschutzminister der Union haben in einem offenen Brief an den Bundeskanzler die geplante Zuckersteuer kritisiert. Sie fordern mehr Ernährungsbildung und Aufklärung und warnen vor wirtschaftlichen Schäden für die Landwirtschaft. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) will mit der Steuer die Getränkehersteller dazu bringen, den Zuckergehalt in ihren Produkten zu senken. Das Kanzleramt hatte das Vorhaben Anfang Oktober vorerst gestoppt, Klingbeil hält aber an der Idee fest.
tagesschau.de

Neueste CORRECTIV-Recherchen

Missbrauchsfall: Gerichtsgutachten bestätigt lebenslange Folgen – Erzbistum muss Schmerzensgeld zahlen
Im Rechtsstreit zwischen Missbrauchsopfer Andreas Perr und dem Erzbistum München und Freising kommt es zu einem Vergleich. Ein gerichtliches Gutachten bestätigt, dass der Missbrauch durch einen Priester die psychische und soziale Entwicklung von Perr nachhaltig beeinträchtigt hat. Der Fall könnte auch für andere Betroffene Bedeutung haben. Der CORRECTIV-Film „Akten des Missbrauchs“ zeigt die Hintergründe.
correctiv.org

Kinderkriegen für die Rente? In dieser Folge geht es darum, wie Frauen, Care-Arbeit und das deutsche Rentensystem zusammenhängen – und warum viele Frauen im Alter unter der Armutsgrenze leben.
tube.funfacts.de

Ein Bild von den Unruhen in Frankreich zeigt einen Feuerwehrmann in Flammen und im Hintergrund Jugendliche, die ihn angeblich in Brand gesteckt haben. Einen solchen Angriff hat es nicht gegeben.
correctiv.org
So geht’s auch
Viele Landwirtschaftsbetriebe haben ein Nachwuchsproblem: Die eigenen Kinder oder andere Personen möchten oder können den Hof nicht weiterführen. Ein Beispiel in der Nähe von Freiburg zeigt eine mögliche Lösung auf. Die eigentliche Erbin will den Hof zwar weiter bewirtschaften, aber nicht allein. Daher verkauft sie ihn an eine Genossenschaft, statt ihn selbst zu übernehmen. Solche Modelle könnten auch anderen Kommunen und Höfen als Vorbild dienen.
taz.de
Endlich Verständlich
Am Wochenende versperrten jüdische Studierende in Halle dem Landtags-Vizepräsidenten und AfD-Mann Hans-Thomas Tillschneider den Zutritt zu einer Gedenkveranstaltung. Denn er ist einer der rechtsextremen Köpfe der Partei. Als Folge verschickte der AfD-Landtagspräsident Tobias Rausch eine offizielle Mitteilung, in der er sich über angeblich linke Studenten beklagt – ihr jüdischer Hintergrund wird hingegen nicht erwähnt. Für Kritik sorgte das auch deshalb, weil diese offizielle Mitteilung der Landtagsverwaltung nahezu wortgleich mit einer AfD-Pressemitteilung war, die diese parallel herausgegeben hatte. Was man dazu wissen sollte:
juedische-allgemeine.de / t-online.de
Fundstück
An der Uni Amsterdam gilt eine neue Regel: Im Fach Interdisziplinäre Sozialwissenschaften sind Laptops, Tablets und Handys verboten. Studierende sollen ihre Notizen wieder von Hand schreiben. Die Fakultät will so die Konzentration der Studierenden fördern.
mdr.de (Audio)
Mehr als acht Jahre lang verfolgte ich die Spuren des Priesters Peter H. (und die Verantwortung von Papst Benedikt XVI.), der in die oberbayerische Gemeinde Garching an der Alz versetzt wurde. Ich traf seine Opfer, zuerst in Bottrop und Essen, später in Grafing.
Markus Elstern aus Bottrop war älter als ich, Andreas Perr aus Garching an der Alz war 16 Jahre jünger. Ich sprach mit vielen Menschen, die H. als Priester erlebt hatten. Sie erzählten, wie er begeistern konnte, ein Schauspieler des Lebens sei er, er zöge Gemeinden und Messdiener in seinen Bann, aber habe auch Menschen gegeneinander ausgespielt, wenn sie ihm gefährlich wurden. Er sorgte für volle Messen und große Feiern. Er war offenbar ein Menschenfänger, der seine Talente dazu nutzte, Kinder zu verführen.
Ich fand Fotos und Bilder von ihm in Pfarrnachrichten und Fotoalben. Ich bekam den Täterpriester aber nicht zu Gesicht, obwohl ich es versuchte. Ich klingelte an seiner Wohnung in München und später in Essen. Ich stellte Anfragen über seinen Anwalt per E-Mail, schrieb Briefe und steckte sie in seinen Briefkasten, um mit ihm reden zu können. In einem Brief schrieb ich, dass ich zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem griechischen Restaurant auf ihn warten würde. Ich ging mehrere Abende zur gleichen Zeit dorthin. Aber er ging einem Treffen aus dem Weg.
Derweil fand ich immer mehr Akten über ihn. Er behauptete, Ratzinger in Garching getroffen zu haben. In einem Brief nach Rom bat er, Priester bleiben zu dürfen, und versprach, nicht mit den Medien zu sprechen. Ich fand die Erlaubnis, dass er die Messe mit Traubensaft statt Wein feiern durfte, unterschrieben von Kardinal Joseph Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation. Diese Erlaubnis ermöglichte ihm, nach einer Verurteilung wegen mehrfachen Kindesmissbrauchs wieder in einer Gemeinde tätig zu werden. Auch dort missbrauchte er weiter Jungen, darunter Andreas Perr, der das Erzbistum und Papst Benedikt XVI. verklagte.
Doch H. blieb wie ein Phantom im Nebel. Beim ersten Verhandlungstag im Landgericht Traunstein im Januar 2024 hätte H. eigentlich da sein sollen, aber es kam nur sein Anwalt.
Bei der Recherche zu Verbrechen ist es wichtig, die Opfer zu hören. Zur journalistischen Sorgfaltspflicht gehört aber auch, mit den Tätern zu sprechen.
Die Gelegenheit, Peter H. zu treffen, kam am 4. April 2025, als er vor dem Landgericht Essen erscheinen musste. Nicht als Täter, sondern als Zeuge. Er kam allein, ohne Anwalt, und sah aus wie ein gemütlicher, leicht verwirrter Opa mit verrutschter Kleidung. Als könne er keiner Fliege etwas zuleide tun. Doch hier konnte er nicht weglaufen. Hier konnte ich ihn ansprechen und ihm die Fragen stellen, die ich seit acht Jahren hatte: Warum fühlte er sich so sicher? Unter welchem Schutz stand er?
H. wehrte ab, er wollte nicht sprechen. Das ist sein Recht. Wenigstens hatte ich die Möglichkeit, ihn zu sehen. Vor Gericht musste er dann reden. Seine Stimme war klar, scharf und seine Gedanken geordnet. Er wirkte nicht wie der leicht verwirrte Opa. Die Menschen von Bottrop bis Garching an der Alz hatten über ihn gesagt, er sei ein begnadeter Schauspieler. Nach seiner Aussage ging er wortlos an mir vorbei, die Treppe hinunter, aus dem Gericht. Bisher hat H. sein Versprechen gehalten, das er dem Vatikan gegeben hatte. Er hat nicht mit den Medien gesprochen.

Der weit überwiegende Teil der Kundendschaft für Smart Glasses ist männlich. Zumindest beim Online-Großhändler Digitec Galaxus in der Schweiz. Warum die Brillen so umstritten sind und sich Datenschutzfachleute und einige Abgeordnete für ein Verbot aussprechen, hat diese CORRECTIV-Recherche gezeigt:
correctiv.org
An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Tristan Devigne, Till Eckert, Sebastian Haupt und Elena Müller.
CORRECTIV arbeitet anders
Investigativer Journalismus braucht Zeit, Ausdauer und Geld. Gerade die wichtigsten Recherchen sind oft die aufwendigsten: langwierig, kompliziert, unbequem. CORRECTIV kann dranbleiben, weil Menschen wie Sie uns unterstützen – unabhängig, gemeinwohlorientiert und spendenfinanziert.


