Russland-Sanktionen

Russische Marine: Deutsche Motorentechnik trotz EU-Sanktionen

Deutsche Firmen dürfen seit 2014 nicht mehr an die russische Marine liefern. Warum fahren ihre neuesten Kriegsschiffe trotzdem mit Dieselmotoren aus deutscher Technologie? Wie deutsche Technik von Köln über Riga nach St. Petersburg gelangte.

von Frederik Richter

Rehearsal of Main Naval Parade in St Petersburg
Eine russische Korvette vom Typ Bujan-M auf einer Parade. Trotz EU-Sanktionen fahren die Schiffe offenbar teilweise mit deutscher Motorentechnik. (Foto: Alexander Demianchuk / picture alliance/dpa/TASS)

Sie war einer der letzten Zugänge für die Flotte der russischen Marine vor ihrem erneuten Überfall auf die Ukraine: Am 30. Januar 2021 stellt sie in ihrem Krim-Hauptquartier in Sewastopol die Korvette Grayworon in Dienst. Priester der orthodoxen Kirche segnen die Flagge des Schiffes, das vor allem auf den Abschuss von Kalibr-Marschflugkörpern spezialisiert ist. Nur etwas mehr als ein Jahr später ist die Grayworon eines von vier Schiffen dieses Typs, die Russland im Schwarzen Meer stationiert und die von hier aus Ziele in der Ukraine beschießen, wie zum Beispiel die Hafenstadt Odessa.

Seit dem russischen Angriff auf die Krim 2014 sind Lieferungen von Gütern an die russische Marine nicht mehr zulässig. Doch Recherchen von CORRECTIV, Welt am Sonntag sowie dem lettischen Radiosender Latvijas Radio legen den Verdacht nahe, dass die Motorentechnik der Grayworon trotzdem aus Deutschland stammt. So zeigt eine Auswertung von russischen Zollangaben und Firmenunterlagen, dass deutsche Technologie über zwei Routen weiter ihren Weg in mehrere neu gebaute russische Kriegsschiffe fand: über eine Firma im lettischen Riga sowie über ein chinesisches Rüstungskonglomerat.

Käufer der Motorentechnik ist in vielen Fällen die St. Petersburger Firma Marine Propulsion Systems (MPS). Als Zweck sind bei den Einfuhren laut der Handelsdatenbank Importgenius Projekt- und Werftnummern der russischen Marine angegeben – zum Beispiel die Nummern 21631 und 639, die der Korvette Grayworon entsprechen. Die Datenbank Importgenius erfasst Angaben russischer Zollbehörden.

Deutsche Firmen lieferten Motorentechnik über St. Petersburg

Die Projektnummern von mindestens zehn Schiffen finden sich in den Importen der Firma MPS. Dazu zählen neben der Korvette Grayworon auch kleinere Kriegsschiffe der Grachonok-Klasse sowie Küstenschutzboote des russischen Geheimdienstes.

Die St. Petersburger Firma importierte ein Sammelsurium an technischem Zubehör für Motoren: Kraftstoffdurchflussmesser aus der Nähe von Bremen, Relais für Dieselgeneratoren aus Remscheid oder Stahlkugellager aus Ingolstadt.

Die deutschen Hersteller, ein knappes Dutzend taucht in den Unterlagen auf, lieferten jedoch nicht direkt nach St. Petersburg. Ankäufer war zunächst die lettische Firma Marine Systems in Riga. Diese lieferte die Motorentechnik dann weiter nach St. Petersburg. Die dortige Marine Propulsion Systems ließ eine Anfrage unbeantwortet.

Die lettische Firma Marine Systems bestätigte auf Anfrage, deutsche Technik nach St. Petersburg geliefert zu haben. Das sei jedoch bis Februar 2022 legal gewesen, da sich die Empfängerin auf keiner Sanktionsliste befunden habe. Zumindest einige deutsche Hersteller seien zudem darüber informiert gewesen, dass ihre Produkte weiter nach St. Petersburg gingen.

Ein Dieselmotor aus Köln für die Korvette Grayworon?

Der Kölner Motorenhersteller Deutz lieferte neben Zubehör auch kleinere Motoren von Deutschland nach Lettland. Es finden sich vor allem für die Jahre 2019 und 2020 knapp 40 Einträge in den Zolldaten. Zum Beispiel ein 380 Kilowatt starker Dieselmotor, der demnach für die Korvette Grayworon bestimmt war.

Deutz bestätigt auf Anfrage, dass der Konzern sowohl mit MPS in St. Petersburg als auch mit Marine Systems in Riga Geschäftsbeziehungen unterhalten habe. Eine erste Prüfung habe jedoch keine eigenen Hinweise auf einen Einbau von Teilen in russische Kriegsschiffe ergeben. Deutz betont, sich an jegliche Exportvorschriften zu halten und sich teilweise über die Vorschriften hinaus Exportgenehmigungen des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) einzuholen. Wenn ein Geschäftspartner ohne das Wissen von Deutz für den zivilen Gebrauch gedachte Produkte weitergeleitet habe, werde die Geschäftsbeziehung sofort beendet.

Die St. Petersburger Firma MPS fand einen weiteren Weg, ursprünglich deutsche Technik nach Russland zu holen. Denn die Hauptmotoren für die russischen Kriegsschiffe kaufte MPS nicht in Lettland, sondern in China. Und zwar Dieselmotoren des Typs CHD622 des chinesischen Herstellers Henan. Die Firma ist Teil der staatlichen Rüstungsindustrie Chinas. Ihr Mutterkonzern steht unter US-Sanktionen.

Ähnlichkeit chinesischer und deutscher Motoren

Und auch die chinesischen Dieselmotoren fußen auf deutscher Technik: Henan ist ein früherer Partner von Deutz und verfügte seit den 1980er Jahren über dessen Lizenzen. Deutz stieg Mitte der 2000er Jahre aus dem Großmotorengeschäft aus, 2009 liefen die Lizenzen von Henan aus.

Laut Datenblättern weisen einige Motoren von Deutz und Henan bis heute große Ähnlichkeit auf. Und die russischen Importeure verbuchten die chinesischen Motoren offenbar gedanklich immer noch als Deutz-Produkte. Denn bei einer Deutz-Lieferung von Dichtungen im Juni 2020 ist als Zweck ein „Schiffsdieselmotor Deutz“ angegeben.

Arnold Wallraff, der bis 2017 das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle leitete, sieht in der Lizenzvergabe deutscher Technik an ausländische Hersteller eine Lücke bei Exportkontrollen. „Damit geben Firmen die faktische Herrschaft über die Produkte über den Tisch. Das ist nicht rückholbar.“

Der Dieselschmerz der russischen Marine

Die russischen Käufe in Lettland und China dürften eine Reaktion auf etwas sein, das russische Experten den „Dieselschmerz“ der Marine nennen. Denn die Vorgänger der Grayworon hatte die russische Marine noch mit Dieselmotoren von MTU ausgerüstet, einem weiteren führenden deutschen Motorenhersteller.

Das war wegen der 2014 nach der Annexion der Krim verhängten EU-Sanktionen nicht mehr möglich. Der Verkauf sogenannter Dual-Use-Güter an die russische Marine war deutschen Firmen seitdem verboten – Güter wie eben große Dieselmotoren, die sowohl in zivilen Schiffen wie in Kriegsschiffen genutzt werden können. Laut dem Experten Wallraff ist auch die Ausfuhr von Teilen von Dual-Use-Gütern für das russische Militär seit 2014 nicht mehr erlaubt. Damit könnten einige der Lieferungen via Riga illegal gewesen sein. Das Bundeswirtschaftsministerium ließ eine Anfrage dazu unbeantwortet.

Zumindest laut russischer Presse funktionierte der Ersatz deutscher Motorentechnik durch chinesische Produkte alles andere als reibungslos. Ein russischer Militärexperte schrieb im März 2021, dass die Motoren aus China weniger zuverlässig seien als ihre deutschen Pendants. Und der Motor sei nun einmal „das Herzstück des Schiffes“. Ohne Antrieb bliebe nur „ein nutzloses schwimmendes Stück Metall“.

Ein Schlupfloch außer Betrieb?

Die russische Marine tut sich also schwer, ohne deutsche Dieselmotoren zu fahren. Noch im Juni 2022 berichteten russische Medien, dass die Marine einen neuen Schlepper in Dienst gestellt habe – die Motoren kaufte MPS bei Henan in China. Außerdem sei das Schiff mit zwei Hilfsdieselgeneratoren basierend auf Deutz-Motoren ausgerüstet gewesen.

Marine Systems jedenfalls teilt mit, am 24. Februar 2022, dem Tag des erneuten russischen Angriffs auf die Ukraine, das Geschäft mit Russland eingestellt zu haben. Die Firma habe deswegen 90 Prozent des eigenen Personals entlassen müssen und bereue sehr, was in der Ukraine geschehe.

Eine Lagerhalle in der Nähe der lettischen Hauptstadt Riga.
Eine Halle von Marine Systems außerhalb von Riga scheint heute ungenutzt zu sein. (Foto: Filips Lastovkis/Latvijas Radio)

Die Webseite von Marine Systems ist tatsächlich nicht mehr erreichbar. Die Firma verfügte auch über eine etwa 3.000 Quadratmeter große Halle 20 Kilometer außerhalb von Riga, die vermutlich als Umschlagpunkt der deutschen Technik diente. Bei einem Besuch ist hier kein Betrieb mehr ersichtlich.

Wie auch immer also die russische Marine in Zukunft ihren Dieselschmerz betäuben will – für Technik aus Deutschland muss sie sich offenbar eine neue Route suchen.

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