Mobilfunkgeschäft

Vodafone: Sammelklage und andere Sorgen

Eine Musterklage von Verbraucherschützern könnte dem Telekommunikationskonzern empfindlich schaden. Es geht um die Frage, ob Vodafone Millionen von Kunden Beiträge zurückzahlen muss.

von David Schraven

Vodafone-Shop in Berlin.
Vodafone-Shop in Berlin.

Vodafone hat Sicherheitsprobleme, Stress mit dem Datenschutz – und nun wohl auch noch ein neues Problem: Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) hat eine Sammelklage gegen die jüngsten Preiserhöhungen des Konzerns für Internet- und Festnetzkunden in Deutschland eingereicht. Vor wenigen Tagen hat sich das Oberlandesgericht Hamm für zuständig erklärt, diese Klage zu verhandeln.

Für Vodafone stellt die Klage ein empfindliches finanzielles Problem dar – denn der deutsche Markt ist besonders wichtig und die Gewinnspannen in der Branche sind ohnehin klein.

In wenigen Wochen rechnet der vzbv mit der Klagezulassung durch das zuständige Oberlandesgericht Hamm. Das setzt den Mobilfunkkonzern unter Druck: Im Mai muss er seine jüngsten Bilanzen den Aktionären vorlegen. Für den Fall, dass die Verbraucherschützer vor Gericht Recht bekommen, können Millionen Vodafone-Kunden auf sofortige Rückzahlungen von zu unrecht eingezogenen Beiträgen bestehen. Vodafone stünde vor herben Verlusten. Die Aktie würde weiter unter Druck geraten.

Schon in den Zahlen für das 3. Quartal, die im Februar 2024 veröffentlicht wurden, lag Vodafone schief. Zuletzt ging auch die Zahl der Prepaid-Kunden zurück, die neben den Mobilfunk-Festverträgen für das Vodafone-Geschäft wichtig sind, ebenso die Mobilfunkverträge. Der Umsatz und Gewinn im letzten Quartal 2023 fielen leicht unter das Vorjahresniveau. Einer der Gründe für den Rückgang im deutschen Mobilfunkgeschäft laut Vodafone: „Rückgang der zahlenden Kunden.“ Das deutsche Geschäft bereitet dem Konzern besonders Sorgen.

Gewinn nur dank Unternehmensverkäufen

Der Kern der Probleme: Der Mobilfunkkonzern erzielt vor allem mit seinem Handygeschäft Gewinne. Deshalb gehört die Zahl der abgeschlossenen neuen Handyverträge zu den wichtigsten Meßgrößen für den Geschäftserfolg des Telekommunikationsriesen. In Deutschland sind über 30 Millionen Menschen Handykunden bei Vodafone. Dazu kommen weitere Kunden im Kabelgeschäft. Deutschland ist der wichtige Markt für Vodafone.

Es gibt zwei relevante Geschäftsbereiche: den Privatkundenmarkt und den Geschäftskundenbereich. In beiden Geschäften sind Neuverträge die harte Währung, um die Ziele zu erreichen, die der Vorstand vorgibt. Nur, wenn diese Kennzahl stimmt, floriert der Aktienmarkt.

Die Zahl der Vodafone-Handyverträge geht in Deutschland aber zurück. Der Umsatz sinkt. Wegen der Inflation und damit verbundenen steigenden Kosten schmerzt das doppelt. Im ersten Halbjahr des aktuellen Geschäftsjahres musste Vodafone einen Verlust von rund 200 Millionen Euro ausweisen. Tendenz riskant. Die neuen Zahlen werden im Mai vorgelegt.

Der verstorbene Professor Torsten Gerpott von der Universität Duisburg-Essen sagte in der Wirtschaftswoche zu den schwindenden Kundenzahlen beim Telefonriesen: „Im Gegensatz zu Vodafone sind bei der Deutschen Telekom und bei Telefónica diese wichtigen Vergleichszahlen gestiegen.“ Aus gutem Grunde stünden Restrukturierungsmaßnahmen in Deutschland an: „Vodafone müht sich zwar, hat aber noch einen weiten Weg zurückzulegen.“

Das vergangene Geschäftsjahr schloss Vodafone noch mit einem Gewinn ab. Unter dem Strich wies der Gesamtkonzern in England ein Plus von rund 12,3 Milliarden Euro aus. Eigentlich gute Zahlen. Doch der Gewinn kam nur zustande, weil Vodafone einen guten Teil seiner Netze an eine Tochterfirma verkaufte, an der Investoren unter der Führung der Private-Equity-Unternehmen KKR aus New York beteiligt sind.

Und: weil der Konzern die Preise für Vertragskunden einseitig erhöhte.


Der Vodafone-Komplex

Eine Mini-Serie über krude Geschäfte in einem der größten Mobilfunkkonzerne der Welt.

Kapitel 1: Das Agentursystem (erschienen am 25. September)

Kapitel 2: Das Datenleck (erschienen am 29. September)

Kapitel 3: Der Whistleblower (erschienen am 5. Oktober)

Kapitel 4: Sammelklagen und andere Sorgen (erschienen am 13. März)


Die Preiserhöhungen aus dem vergangenen Jahr drohen nun die Verbraucherschützer mit ihrer Sammelklage zu zerschießen. Sie sind der Ansicht, Vodafone hätte im Frühjahr die Preise für Festnetz- und Internetkunden nicht während der Vertragslaufzeit in vielen Fällen um fünf Euro erhöhen dürfen. Dafür gebe es keine rechtliche Grundlage. Bis heute hätten sich über 10.000 Kunden gemeldet, die sich der Klage anschließen wollten. Das entsprechende Gesetz zur Sammelklage ist erst am 13. Oktober 2023 in Kraft getreten. Je Kunde geht es um rund 60 Euro bis März 2024. Die Summe steigt mit jedem Monat. Sobald das Klageregister eröffnet ist, können sich weitere Kunden der Sammelklage anschließen. Deren Ansprüche gegen den Konzern können dann nicht mehr verjähren. Sollte schließlich die Klage gewonnen werden, müsste Vodafone umgehend die zu viel gezahlten Beträge zurücküberweisen. Wie hoch die gesamte Streitsumme dann ist, hängt davon ab, wie viele Kunden bis dahin der Sammelklage beigetreten sind. Es können hunderttausende oder gar Millionen Kunden werden. Die Kosten können in zweistellige Millionenbereiche klettern.

Vodafone selbst gibt sich gelassen. So teilte ein Konzernsprecher auf Anfrage mit, der Telekomriese rechne nicht mit einem Erfolg der Sammelklage. „Der Großteil aller deutschen Unternehmen hat inflationsbedingt seine Preise erhöht. Auch Vodafone musste wegen stark gestiegener Kosten die Festnetzpreise (Kabel und DSL) moderat anpassen. Die rechtlichen Voraussetzungen dafür haben wir in unseren AGB entsprechend aufgenommen und erwarten, dass auch das Oberlandesgericht Hamm das so bewerten wird.“

Trotzdem ist Vodafone im Krisenmodus. Der Konzern muss in Glasfaserkabel investieren, um zukunftsfähig zu bleiben. Dafür muss Geld her. Im vergangenen Jahr kündigte das Haus an, 11.000 Stellen zu streichen. Beteiligungen in den Zukunftsmärkten in Afrika wurden verkauft, die Beteiligungen in Spanien und Ungarn sind weg. Und derzeit wird das Italien-Geschäft abgestoßen.

Der Erlös bei letztem Verkauf soll bei acht Milliarden Euro liegen. Jedoch gab die Aktie der Swisscom nach, als Ende Februar bekannt wurde, dass der Konzern das Italiengeschäft von Vodafone übernehmen wollte.

Das Deutsche Geschäfts steht momentan nicht zur Disposition. Ein Vodafone-Sprecher teilte mit: „Der deutsche Markt ist ein wichtiger Teil der Vodafone Gruppe und wird es auch in Zukunft sein.“

Mit Rabattpreisen zum Erfolg

Jenseits der Verkäufe strengt sich Vodafone an, möglichst schnell möglichst viele Neukunden zu gewinnen. So teilt ein Vodafone-Sprecher mit. „Nach mehreren Monaten mit rückläufigen Zahlen haben wir im Mobilfunk in den vergangenen drei Quartalen wieder kontinuierlich Vertragskunden hinzugewonnen und begonnen, unser Geschäft zu stabilisieren.“

Nahezu sämtliche Maßnahmen von Vodafone in Deutschland sind derzeit darauf ausgerichtet. Dabei stützt sich Vodafone auf ein Netz von über 400 Partneragenturen und Fachhändlern, die die weitaus meisten der über 1100 Vodafone-Shops betreiben. Nur rund 150 Shops betreibt Vodafone als eigene Filialen.

Die Partneragenturen und Fachhändler bieten den Kunden die Verträge zu Rabattpreisen an und erhalten von Vodafone Provisionen und Werbekostenzuschüsse.

Etliche Händler finanzieren mit diesen Einnahmen die Verträge selbst, wie CORRECTIV berichtete. Dieses Modell treibt Händler nach eigenen Aussagen in ein Schneeballsystem. Gegen einige Händler ermitteln die Behörden wegen des Verdachts auf Betrug.

Sicherheitslücken im Geschäftsverkehr mit Privatkunden sind in einem solchen Umfeld riskant. Und genau so ein Sicherheitsproblem gibt es.

Nach Recherchen von CORRECTIV hat der Mobilfunkriese Vodafone die Kontrolle über Teile sensibler Daten seiner Kunden verloren. In Unterlagen, die CORRECTIV einsehen konnte, sind Daten wie Passwörter und Kundennummern, aber auch Kopien von Personalausweisen oder Kreditkarten jeweils mit Vorder- und Rückseite sichtbar. Die Daten sind unverschlüsselt – und auch ohne eine doppelte Authentifizierung – abrufbar. Sie sind für viele Vodafone-Mitarbeitende, aber auch für Beschäftigte der rund 400 Partneragenturen und Fachhändler zugänglich. In einer Vielzahl der Fälle waren selbst die Passwörter Bestandteil der Kundendaten.

In unverschlüsselten Ordnern außerhalb des Kernsystems von Vodafone sind zudem Personalausweiskopien der Vodafone-Kunden, Kopien der Bankkarten – jeweils Vorder- und Rückseiten – gespeichert, dazu Vertragsdetails, Kontonummern und Bankverbindungen, die individuelle Handy-Kennung (IMEI-Daten), Adressen, Geburtstage, Telefonnummern. Die Daten können auf einfache Weise heruntergeladen werden. In einigen Fällen sollen Händler die Daten in Google Cloudsystemen oder etwa auf Sticks gespeichert haben – eine besonders unsichere Art der Speicherung. Eine Datenbank, in die CORRECTIV Einsicht genommen hat, stammt aus dem ersten Quartal 2023

Das Datenleck ist teilweise auf eine doppelte Datenführung zurückzuführen. Die Daten wurden bei Partnern und Fachhändlern unsicher vor Ort gespeichert und an Vodafone weitergereicht, aber beim Händler nicht gelöscht. Das bedeutet: Selbst, wenn die Personalausweise und Kreditkarten bei Vodafone verschlüsselt vorliegen, sind sie dennoch bei den Partneragenturen oder Fachhändlern unverschlüsselt zugänglich.

Damit sind die Daten für Missbrauch, etwa durch illegale Weitergabe oder Datenhandel besonders anfällig. Mit ihnen kann Online-Betrug in großem Stil durchgeführt werden.

Wer Zugriff auf die Daten hat, kann beispielsweise bei Amazon ohne Wissen der Vodafone-Kunden einkaufen oder Kredite bei Online-Banken abschließen. Meist werden Kreditkarten erst automatisch gesperrt, wenn die dahinter liegenden Konten mit einigen tausend Euro belastet sind. Ein Experte schätzt die abstrakte Schadenssumme, die mit dem Missbrauch der Daten möglich sein könnte, auf einen zweistelligen Millionenbetrag. Und das nur mit den Informationen aus einem Datensatz, in dem rund 10.000 solcher sensiblen Informationen gespeichert sind.

Dieser leichte Zugriff auf persönliche Daten ist bei tausenden Personen möglich, die einen Vodafone-Vertrag haben.


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Eigentlich dürfte es die Probleme nach Auskunft von Vodafone nicht mehr geben. So habe im Jahr 2021 ein Whistleblower auf Schwierigkeiten aufmerksam gemacht. Es habe Betrug gegen das Unternehmen genau wie gegen dessen Kunden gegeben. Nach eigenen Angaben hatte Vodafone Indizien dafür, dass durch Vertriebspartner datenschutzrechtliche Bestimmungen verletzt wurden.

Um den Missbrauch zu beenden, habe Vodafone dann „hart und umgehend reagiert und seine Sicherheitsmaßnahmen erhöht“. Der Konzern habe 15 Strafanzeigen gestellt, sich von zehn Agenturen getrennt und 53 Ladenlokale geschlossen. Mit den betroffenen Kunden habe der Konzern schon damals etwaige Unstimmigkeiten im direkten Dialog geklärt – so heißt es in einem Vodafone-Statement von 2021. Mit dem Bundesbeauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit (BfDI) stehe der Konzern zudem im regelmäßigen Austausch und „hat im Rahmen eines erwiesenen Datenschutzverstoßes fristgerecht eine Meldung an diese Behörde gemacht.“

Doch viele Probleme bestehen immer noch fort, wie die Unterlagen beweisen, die CORRECTIV einsehen konnte.

Bei einer Stichprobe konnte zum Beispiel der Dienstausweis einer Polizistin eingesehen werden, die Kundin bei Vodafone ist.

Ein Vodafone-Sprecher sagte dazu, dass weiter am Datenschutz gearbeitet werde: „Wir verbessern unsere Prozesse stetig und haben vor geraumer Zeit ein internes Programm gestartet, das unsere Systemlandschaft noch sicherer macht.“

Datenschutz wird untersucht

Auf Nachfrage teilte der BfDI mit, dass er Hinweisen auf datenschutzrechtliche Defizite im Rahmen seiner Zuständigkeit immer nachgehe. Dazu gehörten seit einiger Zeit auch die Hinweise auf die Löcher im Vodafone-Datennetz, die ein Whistleblower bekannt gemacht habe. So würden auch die Systeme und Prozesse von Vodafone überprüft, teilte eine Sprecherin des BfDI mit. „Da die Verfahren dazu noch laufen, können wir Ihnen zu den Details keine Auskunft geben.“

Viele Probleme bei Vodafone kamen nur ans Licht, weil ein Whistleblower aus Bottrop auf das Datenleck mit zehntausenden Kundendaten, auf kriminelle Vertragsweitergaben, auf systematische Verstöße gegen den Datenschutz und auf einen Konzern hinwies, der so auf Vertragsabschlüsse getrimmt ist, dass Fachhändler zum Betrug angestachelt würden.

Vodafone sieht das anders. Für den Telekommunikationsriesen ist der Whistleblower namens Inan Koc ein mutmaßlicher Krimineller, der versuche, Vodafone um fast eine Million Euro zu erpressen. Nur aus diesem Zweck, so Vodafones Standpunkt, habe Koc angebliche Sicherheitslücken veröffentlicht, die er im Konzern entdeckt zu haben meint. Um Druck aufzubauen, bediene er sich Journalisten, die nicht wirklich verstünden, wie das Geschäft mit der Telekommunikation laufe – und diese bauschten Kleinigkeiten aus Sensationsgier auf.

Tatsächlich ist Inan Koc ein Sicherheitsexperte für Telekommunikation. Er zeigt Unternehmen Sicherheitslücken in ihren Systemen auf, damit die diese Lücken schließen können. Dafür will er bezahlt werden. Er kennt sich mit dem Vertrieb von Vodafone sehr gut aus. Früher hat er bei Partnerunternehmen von Vodafone gearbeitet. Er hat dort Sicherheitslücken gefunden und gemeldet. Vodafone nannte ihn in einer Stellungnahme 2021 einen Whistleblower.

Aktuell ermittelt die Staatsanwaltschaft Düsseldorf auf Anzeige von Vodafone hin gegen Koc.