Die weltweite Recherchereise zum Geheimarchiv des Vatikans
In Bayern fand CORRECTIV nicht nur eine heiße Spur, die bis in den Vatikan führt. Daraus entstand auch eine bemerkenswerte Initiative.
Eine Recherche kann Dynamiken auslösen, die ein Eigenleben entwickeln und über das Wirken der Journalisten hinausgehen. Sie öffnen neue Räume, in denen Erkenntnisse schlummern, die die journalistische Suche weitertragen.
So erging es uns mit der Recherche zum klerikalen Missbrauch, die 2018 in Bottrop begann. CORRECTIV untersuchte damals den Skandal um gepanschte Krebsmittel in der Ruhrgebietsstadt. Die Redaktion arbeitete in einem Schaufenster eines leeren Ladenlokals, und täglich kamen Betroffene des Skandals um die gestreckten Krebsmedikamente herein. Eines Tages trat Markus Elstner ein und erzählte, dass auch er Opfer eines Verbrechens geworden sei, das aus Vertrauen heraus geschah. Es ging allerdings nicht um den Apotheker, sondern um eine Institution auf der anderen Strassenseite: Ein Priester hatte ihn in der Kirche gegenüber der Apotheke missbraucht.
Als er den Namen des Priesters nannte, erkannte ich, dass es sich um Peter H. handelte, über den 2010 die New York Times berichtet hatte. Der spätere deutsche Papst Benedikt XVI., Joseph Ratzinger, hatte 1980 diesen Priester als Erzbischof von München und Freising nach Missbrauchsvorwürfen im Bistum Essen in München aufgenommen. Das war 2010 ein Riesenskandal. Wir dachten, die Geschichte sei erzählt und wir könnten vielleicht eine kleine regionale Geschichte machen, dass der Missbrauch an Jungen durch den Priester bereits in Bottrop begann.
Die neue Spur führte in eine oberbayerische Gemeinde
Doch dann erhielten wir ein Dokument, das eine neue Spur eröffnete. Nach der New York Times-Recherche wurde Prieser H. ins Bistum Essen zitiert und befragt. Es gibt ein geheimes Gesprächsprotokoll, in dem H. beiläufig erwähnt, er habe Kardinal Joseph Ratzinger in Garching an der Alz getroffen, als dieser einen kranken Weihbischof besuchte.
Die gesamte Skandal 2010 drehte sich um Ratzingers Verantwortung für H. in seiner Funktion als Erzbischof von München und Freising, eine Position, die Ratzinger von 1977 bis 1982 innehatte. Danach war er Präfekt in Rom und wurde später Papst.
Der Hinweis von Priester H. eröffnete plötzlich eine Nähe, die so noch nie berichtet wurde: die Verantwortung für ihn als Präfekt der Glaubenskongregation. Das war der Grund, warum ich 2019 Garching an der Alz besuchte, und seither mehr als 20 Mal dort war.
Als die New York Times und die Süddeutsche Zeitung 2010 darüber berichteten, belagerten Journalisten aus aller Welt die Kirche und das Pfarrhaus in Oberbayern. Die Gemeinde besteht aus zwei Orten: der schmucklosen Industriefleckens Garching, die entlang der Bundesstraße verläuft, und Engelsberg, einem oberbayerischen Dorf mit Fachwerkhäusern um die Kirche mit Zwiebelturm, umgeben von Feldern und Bauernhöfen.
Eine Gemeinde mauert erst, dann beginnen die Menschen zu sprechen.
In den Pfarrnachrichten fanden sich die Namen derer, die damals unter dem Priester, der von 1987 bis 2008 Pfarrer war, zur Erstkommunion gingen, Messdiener waren und sich zum Pfarrgemeinderat aufstellten.
Wir sammelten diese Namen, suchten ihre Adressen und E-Mails und schrieben sie an.
In den Gasthäusern erinnerten sich alle an Ratzingers Besuch in Garching, als er den kranken Weihbischof besuchte. Darüber erzählte man stolz. Bei der Erwähnung des Pfarrers H. brachen die Gespräche schnell ab. Das sei doch alles bekannt, warum diese alten Geschichten aufkochen. H. sei ein prima Pfarrer gewesen, und in der Zeit in Garching sei ja nichts passiert, so die vorherrschende Meinung. Andere schimpften über H., aber hinter vorgehaltener Hand. Ein Handwerker, dessen Namen ich bei den Messdienern gefunden hatte und den wir angeschrieben hatten, rief an und sagte, es gebe zwei Lager in der Gemeinde: die einen hassen den Priester, die anderen verehren ihn, aber er wolle sich dazu nicht äußern, denn er bekommt Aufträge aus beiden Lagern
Er gab den Hinweis auf Klaus Mittermeier, der damals unter H. den Pfarrgemeinderat leitete und mit dem Pfarrer befreundet war. Zusammen mit seiner Frau Rosi standen sie damals auf der Seite des Pfarrers, aber jetzt fragten sie sich, wie das passieren konnte. Sie bestätigten auch den Besuch von Ratzinger beim Weihbischof. H. habe ihnen damals selbst erzählt, dass Ratzinger an seiner Tür geklingelt habe, um in das Haus des damals todkranken Weihbischofs zu gelangen, da dieser nicht geöffnet habe. Anfänglich wollte Klaus Mittermeier diese Episode nicht öffentlich machen. In Skimütze und Brille in einer dunklen Ecke der Wohnung nahmen wir ihn als anonymen Zeugen auf. Doch je länger die Recherche dauerte, desto mutiger wurden auch Rosi und Klaus Mittermeier. Sie hatten damals den Priester unterstützt und vertraut und waren nun entsetzt über ihre damalige Naivität. Es war beides: sich für das damalige Verhalten zu entschuldigen, aber auch zu helfen, aufzuklären, was damals geschah. Kurz vor der Veröffentlichung der Recherche –wir arbeiteten damals mit dem ZDF-Magazin Frontal für einen Beitrag zusammen – war die Entscheidung klar: Klaus und Rosi Mittermeier treten mit Gesicht und Namen vor die Kamera.
Die Initiative Sauerteig gründet sich
Dies, so würde ich es sagen, war die Geburtsstunde der Initiative Sauerteig. Nach der Recherche begannen sie, sich mit anderen Mitgliedern der Gemeinde zu treffen und zu organisieren, um ein Präventionsprogramm zu entwickeln. Und sie gründeten die Initiative. Seither organisieren sie jedes Jahr eine Präventionswoche in Garching. Diese Initiative ist etwas Neues. Denn sonst ist es so, dass sich die Opfer organisiert haben, aber nie die Gemeinde, in der der jeweilige Pfarrer seine Verbrechen verüben konnte. Die Gründung der Initiative wurde in einem Gutachten zum Missbrauch 2022 als einmalig und vorbildlich angesehen.
Zunächst suchten Kirchenvertreter die Nähe zur Initiative und schmückten sich mit ihr. Der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Marx, traf sich mit ihren Vertretern, er besuchte Garching an der Alz im Sommer 2021, um sich zu entschuldigen. Lange unterstützte auch der örtliche Pfarrer Hans Speckbacher die Initiative. Er hatte, als wir ihn mit dem Ergebnis unserer Recherche konfrontierten, noch vor Veröffentlichung dem Erzbischof von München, einen Brief geschrieben, in dem er darum bat, dass Marx nach Garching kommen sollte, um sich zu entschuldigen.
Aber dann endete die Freundlichkeit. Der örtliche Pfarrer und das Erzbistum gingen auf Distanz zu Sauerteig. Es folgten harsche Briefe, Gegendarstellungen und indirekte Unterstellungen. Diese Abkühlung hatte wohl mit einer zweiten Entwicklung zu tun.
Stefan meldet sich und berichtet, wie der Priester ihn missbrauchte.
Als die Recherche in Garching begann, waren die Menschen in der Gemeinde noch überzeugt, dass dort eigentlich nichts passiert sei. In den Medien wurde zwar im Frühjahr 2010 von einer Anzeige geschrieben, aber diese sei eingestellt worden. Das Opfer blieb seither namenlos und ohne Gesicht. Dann gab es Gerüchte von einem Mann, der in der Psychiatrie war, aber auch namenlos.
Erst nach der Veröffentlichung der Recherche im ZDF meldete sich Andreas Perr aus der Haft, in der er den Beitrag gesehen hatte. Er sei von H. missbraucht worden, er habe den Anwalt Andreas Schulz im Fernsehen gesehen, der in dem Beitrag vorkam, und wolle dessen Kontakt haben.
Corona und die Haft verzögerten vieles. Aber Andreas Schulz bereitete eine Zivilklage gegen das Erzbistum und den damals noch lebenden Papst vor dem Landgericht Traunstein vor.
Gleichzeitig meldete sich im Sommer 2021, kurz nachdem Kardinal Marx Garching besucht hatte, ein Mann namens Stefan, der glaubhaft versicherte, dass er jahrelang von H. in Garching missbraucht wurde.
Andreas Perr verklagt das Erzbistum und den deutschen Papst
Dann kamen immer mehr Namen, die sich meldeten. Viele taten das bei der Initiative Sauerteig. Es wurde klar, die Jungen von Garching und Engelsberg waren nicht verschont geblieben. Vor diesem Hintergrund bekam die Klage von Perr immer größere Brisanz. Perr selbst war mittellos, der Missbrauch hatte ihn aus der Bahn geworfen. Drogensucht und Haft bestimmten sein Leben. Sauerteig wollte ihm nun zur Seite stehen und entschied, Perr bei seiner Suche nach Gerechtigkeit zu unterstützen. Sie organisierten ein Crowdfunding, um Perr vor den Klagerisiken zu schützen. Es brachte so viel Geld, dass die Klage eingereicht und angenommen wurde und verhandelt wird. Zum ersten Mal in 2.000 Jahren Kirchengeschichte verhandelt ein weltliches Gericht über einen Papst und wirft ihm „Pflichtverletzung“ vor.
Seither sind die Beziehungen zwischen Sauerteig und dem Erzbistum abgekühlt, und auch der Pfarrer hat sich zu einem Gegner entwickelt und beschimpft diese in seinen den Messen. Aber Sauerteig unterstützt weiterhin Perr, auch im Gefängnis, hilft mit Anwälten und Rat, gegen allen Widerstand der Kirche. Denn hinter diesem Missbrauch an Perr steckt das Geheimnis, dass eine Mitverantwortung von Kardinal Ratzinger für den Wiedereinsatz des verurteilten Straftäters in die Gemeinde nachweist, in der Perr missbraucht wurde: Eine von Ratzinger unterschriebene Erlaubnis, Traubensaft statt Wein in der Messe zu benutzen. Als kirchliche Ermahnung gemeint, ermöglichte diese harmlose Aufforderung überhaupt, dass ein Missbrauchstäter weiter Jugendliche missbrauchen konnte. Dieses Dokument hat die Kirche versucht zu unterdrücken und redet es bis heute klein. Bis heute drückt sie sich davor, zu erklären, wann Kardinal Marx und die Verantwortlichen von diesem Brief Kenntnis hatten.
Beide Stränge, die Initiative Sauerteig und der Prozess von Andreas Perr gegen das Erzbistum und den Papst, schufen Dynamiken, die auch dazu führten, dass CORRECTIV den Brief fand und ihn zum Anlass nahm, diese Recherche bis nach Kolumbien, Portugal, die USA und weitere Länder, an deren Ende die klare Verantwortung des Vatikans für den womöglich millionenfachen Missbrauch steht.