Akten des Missbrauchs

Geheime Dokumente belegen die Verantwortung des Vatikans für Missbrauch

Die Verantwortung des Vatikans für sexuellen Missbrauch ist deutlich größer als bekannt. Dies zeigen geheime Dokumente einer weltweiten Recherche von CORRECTIV. Eine besondere Rolle spielte Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI. Aufgrund der neuen Erkenntnisse fordern Experten Zugang zu den geheimen Archiven des Vatikans.

von Marcus Bensmann , Anna Kassin

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© CORRECTIV

Der Vatikan war seit den 1930er Jahren über Missbrauchstaten von Priestern informiert – und handelte oft gar nicht oder extrem verzögert. Das belegen zahlreiche interne Schreiben zwischen dem Vatikan und den Bistümern, die CORRECTIV in einer weltweiten Recherche gesammelt hat. Mehrere von ihnen waren bislang unveröffentlicht. 

Bisher wurde als Reaktion auf die Missbrauchsskandale, die seit über 30 Jahren die katholische Kirche erschüttern, die Verantwortung für Vertuschung und Duldung vor allem bei den Bischöfen vor Ort gesucht. Die von CORRECTIV ausgewerteten Briefe zeigen jedoch, dass der Vatikan über den weltweiten Missbrauch Bescheid wusste und seit fast 100 Jahren in einem Geheimarchiv Informationen zum Missbrauch durch seine Priester sammelt. Und zwar in einer seiner mächtigsten Behörden, dem Dikasterium für die Glaubenslehre, auch Glaubenskongregation genannt. Dessen Leiter war von 1982 bis 2005 Kardinal Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI.

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CORRECTIV hat den ehemaligen Privatsekretär Papst Benedikts, Georg Gänswein, angefragt. Er teilte mit, grundsätzlich keine Fragen zu beantworten.

Die CORRECTIV vorliegenden Briefe decken das System auf, mit dem der Vatikan über Missbrauchsfälle kommunizierte. Auf den Briefen ist jeweils eine Protokollnummer verzeichnet, über die das Jahr der Meldung ersichtlich wird. Sie zeigen, wie Missbrauchsfälle über Jahrzehnte erfasst wurden und dementsprechend dem Vatikan bekannt waren.

1981 etwa ging eine Anfrage zu einem Priester aus Kalifornien im Vatikan ein, der mehrere Kinder missbraucht hatte und dafür verurteilt wurde. Ratzinger übernahm ein Jahr später das Amt als Präfekt der Glaubenskongregation. Der Fall lag sechs Jahre in der Kongregation, weil der Priester so jung war, dass man ihn nicht entlassen wollte. 

Ein lang verborgener Brief zeigt die Verantwortung Ratzingers als Präfekt im Vatikan

1986 holte ein Fall aus München Ratzinger ein. Der Priester Peter H., den Ratzinger 1980 aus dem Bistum Essen nach Bayern versetzt hatte, wurde wegen mehrfachen Kindesmissbrauchs zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Die Verantwortlichen im Erzbistum München und Freising entschieden jedoch, dass der Priester wieder eingesetzt werden sollte, wenn er auf Alkohol verzichtete. Rom erlaubte ihm, die Messe mit Traubensaft zu feiern. Diese Erlaubnis trug die Unterschrift von Kardinal Joseph Ratzinger und zeigt, dass für die Versetzung dieses Priesters die Verantwortung nicht nur beim bayerischen Bistum liegt, sondern auch im Vatikan. Deutsche Bischöfe hielten trotz Aufklärungsversprechen dieses Schreiben zurück. CORRECTIV deckte das Schreiben 2023 auf und veröffentlichte es.

Im Vergleich mit den Briefen, die die CORRECTIV-Recherche aus den Bistümern weltweit zusammentrug, zeigt sich eine Besonderheit: Bei der Entscheidung zum Pfarrer H. fehlt eine Protokollnummer. Der Brief ist damit nicht – wie die anderen – im Archiv des Vatikan systematisiert. Eine Erklärung gibt es dafür nicht. Allerdings zeigt die fehlende Protokollnummer eines: Dieser Brief war kein Routinefall.

CORRECTIV erzählt die Geschichte eines organisierten Verbrechens im Vatikan in mehreren Formaten: Als Buch, als Kinofilm, auf der Theaterbühne und als Recherche.

Das Erzbistum München und Freising teilte auf Anfrage von CORRECTIV mit, Fragen zur Aktenführung des Vatikans – das schließt die Protokollnummer ein – könnten nur von diesem beantwortet werden. Zu allen anderen Fragen verweist es auf das Gutachten von 2022. Einer der ehemaligen Privatsekretäre Ratzingers, Josef Clemens, beantwortet keine Fragen und verweist auf seinen geleisteten Amtseid. Er arbeitete für Kardinal Ratzinger in der Zeit des Traubensaft-Schreibens.

Briefe aus weiteren Ländern

Die Recherche hat in anderen Ländern weitere Briefe aufgedeckt, die die Unterschrift von Ratzinger und jeweils Protokollnummern des Vatikans tragen. Einem Priester aus Portugal erlaubte er 1991, wieder die Beichte abzunehmen, obwohl er während der Beichte ein Kind missbraucht hatte, wie 1972 nach Rom gemeldet worden war.

Der Bischof von Savona fragte Ratzinger in seiner Funktion als Präfekt in einem Brief 2003, wie mit einem Priester zu verfahren sei, der Kinder missbraucht habe. Erst nach 2010, als Ratzinger bereits Papst war und die Berichterstattung der New York Times sein Pontifikat direkt erschütterte, erkundigte sich die Behörde nach dem Priester. In der Zwischenzeit durfte er weiter mit Kindern arbeiten. 

Ein Fall aus Kolumbien zeigt außerdem, dass Ratzingers Behörde bereits 2004 über Missbrauch in dem lateinamerikanischen Land informiert wurde, aber bis 2010 wenig unternahm. 

Ein langjähriger Mitarbeiter der Glaubenskongregation, der 2010 den Brief nach Kolumbien unterschrieben hatte, erkannte das Schreiben. Er sagte CORRECTIV, die Dokumente zu den Missbrauchsfällen würden im Vatikan in „Schränken“ aufbewahrt.

Historischer Fund: Akten über Missbrauch sollten 1938 vernichtet werden

Der Vatikan baute jedoch nicht nur ein Geheimarchiv mit den Missbrauchsakten auf, sondern ordnete auch die Vernichtung von sensiblen Unterlagen an. Das belegt eine handschriftliche Weisung aus dem Vatikan nach Wien von 1938, kurz nach dem Einmarsch Hitlers in Österreich: Die Akten über sexuellen Missbrauch an Kindern sollten verbrannt werden, offenbar aus Furcht, das Material könnte den Nationalsozialisten in die Hände fallen. Auch diese Notiz trägt keine Protokollnummer. Eine bislang unveröffentlichte Analyse von Dokumenten aus den 1930ern aus Österreich und Deutschland durch den italienischen Historiker Davide Jabes Jahren wurde durch die CORRECTIV-Recherche angestoßen. Einige Dokumente aus Österreich und Deutschland aus dieser Zeit werden teilweise erstmals veröffentlicht. (Lesen Sie hier seine Analyse)

Papst Leo XIV. wurde von CORRECTIV mit den Dokumenten konfrontiert; er ließ die Anfragen dazu unbeantwortet.

Experten fordern Zugang zu den Archiven des Vatikan

CORRECTIV hat führenden Experten für Kirchengeschichte und klerikalen Missbrauch die Schreiben vorgelegt, die daraufhin einhellig unabhängige Untersuchungen der Archive im Vatikan fordern. „Ich möchte alle römischen Quellen von 1900 bis 2025 im Staatssekretariat, aber vor allem in der Kongregation für die Glaubenslehre sehen“, sagt der renommierte Kirchenhistoriker Hubert Wolf aus Münster, der als einer der ersten Wissenschaftler die Archive des Vatikans auch der Glaubenskongregation bis 1956 erforschen konnte, jedoch nicht die Bestände, in denen das Fehlverhalten der Priester gesammelt ist, die sogenannten „Fonti Riservate“. 

Auch der Kirchenrechtler und Gutachter Martin Pusch von der weltweit führenden Anwaltskanzlei aus München, Lau-Litz-Pusch (früher WSW), die sich auf die Untersuchungen zu klerikalen Missbrauch in den Bistümern spezialisiert hat, ist nach Sichtung der von CORRECTIV gefundenen Dokumente für eine unabhängige Untersuchung der Archive im Vatikan: „Wenn diese Archive geöffnet werden, kann man die Verantwortlichkeiten prüfen und strukturelle Mängel identifizieren.“ 

Diese Recherche entstand in Zusammenarbeit mit The Boston Globe, El País, Observador, Casa Macondo und mit Unterstützung durch Bishop Accountability.