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Fußballdoping

Dopingprozess in Rosenheim: Dubiose Ernährungsberater sind Alltag

Ein Mediziner, der Amateur-Kraftsportler und Bodybuilder mit Dopingmitteln versorgt haben soll, steht ab heute am Amtsgericht Rosenheim vor Gericht. Pikant: Der Mann arbeitete zwischen April 2009 und Juni 2012 auch am Olympiastützpunkt Rheinland-Pfalz/Saarland. Dort hielt er vor Kaderathleten und deren Trainern Vorträge über Sportlerernährung. „Vereinzelt beriet der Mitarbeiter Bundeskaderathleten auch individuell“, schrieb der Stützpunkt im Juni 2012 in einer Erklärung. Dopingvorwürfe wies man damals als „völlig unbegründet“ zurück, trotzdem entließ der Olympiastützpunkt den Mediziner. Der Mediziner arbeitete zudem mit einem Schweizer Unternehmen zusammen, dass auch Teams im Profifußball betreute.

von Daniel Drepper

Bekannt wurde der Fall, weil die Münchner Staatsanwaltschaft einige Dopinglabore auffliegen ließ. Dabei stießen die Ermittler auf die Verbindung an den Olympiastützpunkt Saarbrücken. Der Mediziner soll von Dopingdealern mit verbotenen Mitteln beliefert worden sein. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm nun vor, diese an Amateursportler weitergegeben zu haben. Dass er damit auch Spitzensportler beliefert hat, konnte ihm die Staatsanwaltschaft allerdings nicht nachweisen.

Der Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln ist im Spitzen – und im Breitensport weit verbreitet. Immer wieder kommt es zu positiven Dopingproben, bei denen Profis und Vereine das Ergebnis mit verunreinigten Nahrungsergänzungsmitteln erklären. Auch im Profifußball. Meistens spielen dabei dubiose Berater, die sich als Ernährungsexperten ausgeben, eine wichtige Rolle.

Nürnberg: 10.000 Euro im Monat
Zum Beispiel beim 1. FC Nürnberg. Die Nürnberger beschäftigten ab 1999 einen „Experten für leistungsspezifische Sporternährung“ – die Spieler nannten ihn nur „Miraculix“. Angeblich überwies der Verein dem Betreuer monatlich 10.000 Euro, damit er Riegel, Tinkturen und Pillen an Spieler verteilte.

Genau dieser sorglose Umgang der Nürnberger mit angeblichen Wundermitteln wurde Thomas Ziemer 1999 offenbar zum Verhängnis. Ziemer ist einer der bekannt gewordenen Dopingfälle im deutschen Fußball. Er nahm Riegel vom Ernährungsberater zur Regeneration, in Internetforen galt das damals als Geheimtipp. Ziemer wurde positiv getestet. Seine Probe enthielt Anabolika. Im Dopinglabor befürchteten die zuständigen Forscher zunächst, Ziemer habe Hodenkrebs. So hoch waren die gemessenen Werte. Der Mittelfeld-Spieler schob die Schuld auf den Ernährungsberater und die verunreinigten Nahrungsmittel. Der DFB sperrte Ziemer für sechs Monate.

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Ingo Froböse beklagte schon 2012 in einem Interview mit uns das „Guru-System im Spitzensport“. Froböse leitet an der Sporthochschule Köln das Zentrum für Gesundheit und Rehabilitation. Scharlatane hätten Hochkonjunktur, es gebe im Spitzensport kaum Zweitmeinungen, die über Risiken aufklären würden.

Berlin: Jeden Tagl “Speed-Creatin”
Der Nürnberger Thomas Ziemer ist längst nicht der einzige Profi, der wegen angeblich verunreinigter Nahrungsergänzungsmittel aufgeflogen ist. Manuel Cornelius von Tennis Borussia Berlin wurde im August 2000 ein Nandrolonwert nachgewiesen, der 30 mal über dem erlaubten Grenzwert lag. TeBe verteilte damals täglich „Speed-Kreatin“-Tabletten an seine Spieler. Einige waren offenbar verseucht, Cornelius wurde positiv getestet. Dennoch sprach der DFB Cornelius frei, da er nachweislich Opfer eines kontaminierten Nahrungsergänzungsmittels geworden sei.

Und auch heute noch ist das verunreinigte Nahrungsergänzungsmittel eine gern genutzte Erklärung bei positiven Proben. Im aktuellsten Dopingfall des deutschen Profifußballs erklärte Cebio Soukou von Rot-Weiß Essen seine positive Probe genau mit solch verunreinigten Mitteln. Die Kontrolleure testeten Soukou nach dem 1:1 gegen die Sportfreunde Lotte im Dezember 2014 positiv auf Methylhexanamin, eine Substanz, die den Sauerstofftransport stimuliert. Soukou gab an, seit mehreren Jahren regelmäßig Nahrungsergänzungsmittel zu sich zu nehmen. Der Verein wusste davon nach eigenen Angaben nichts. Erst nach der positiven Probe ließ RWE das Vitaminpräparat untersuchen und fand die verbotene Substanz. Auf dem Beipackzettel war sie nicht angegeben. Der DFB sperrte Soukou für fünf Monate.

Optimum in allen Bereichen

Die Fälle zeigen: Wer als Leistungssportler Nahrungsergänzungsmittel zu sich nimmt, bewegt sich immer auf einem schmalen Grat. Und sie beweisen: Nahrungsergänzungsmittel sind heute der Alltag im Profisport, weil sich die Sportler in allen Lebensbereichen optimieren wollen.

Der Mediziner, der ab heute in Rosenheim vor Gericht steht, arbeitet mittlerweile in der Schweiz. Dort betreut er Recherchen des Bayerischen Rundfunks zufolge ein Unternehmen, das auch mit Weltklasse-Triathleten und Profiteams aus dem Eishockey und dem Fußball zusammen arbeitet.

Schmerzmittelmissbrauch im Fußball im Bundestag
Die Pillenkick-Recherche wird bald hier diskutiert werden: Mit einer öffentlichen Anhörung im Bundestag © Rainer Jensen/dpa
Pillenkick

„Die Problematik dürfte sich verschärfen“

Nach Veröffentlichung der Recherche #Pillenkick kündigen Fußballverbände nun erste Maßnahmen gegen den Missbrauch von Schmerzmitteln an – allerdings nur bei den Amateuren. Im Profibereich ist keine Änderung in Sicht. Der Sportausschuss des deutschen Bundestages diskutiert in einer öffentlichen Anhörung den Umgang der Sportverbände mit dem Thema.

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von Jonathan Sachse , Arne Steinberg , Josef Opfermann , Joerg Mebus

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) setzt sich als Reaktion auf die Recherche von CORRECTIV und der ARD-Dopingredaktion mit dem Schmerzmittelmissbrauch im Amateurfußball auseinander. Und auch im Bundestag wird das Thema bald diskutiert.

Als erste Initiative führte der DFB vergangene Woche ein Online-Seminar für Spielerinnen und Spieler, Trainer und medizinisches Personal aus dem Amateurfußball durch. Der Schmerzmittelexperte Toni Graf-Baumann sprach mit knapp 20 Personen über einen medizinisch sinnvollen Umgang mit Schmerzmitteln. Der DFB überlegt, die Seminarreihe auszubauen und kündigte zudem an, mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung über weitere Aufklärungsmaßnahmen zu sprechen. Außerdem soll die medizinische Kommission des DFB über weitere Maßnahmen beraten.

Wie CORRECTIV und die ARD-Dopingredaktion erfuhren, wurden die Ergebnisse der Recherche am 15. Juni kurzfristig auf die Tagesordnung einer Videokonferenz zwischen dem DFB-Präsidenten Fritz Keller mit allen Regional- und Landesverbände gesetzt und diskutiert. „Wir wollen das Thema Schmerzmittelmissbrauch in die Ausbildung und als Präventionsarbeit aufnehmen“, sagt Peter Frymuth, der Präsident des Fußballverbandes Niederrhein gegenüber CORRECTIV. Er kündigt an, nach der Sommerpause in den Fachgremien seines Verbandes Konsequenzen zu diskutieren. „Für die neue Spielzeit soll die Aufklärung vorbereitet werden.“

Auch der Berliner Fußballverband bestätigt den Missbrauch im Amateurbereich. „Es ist ganz genau das, was uns die Verbandstrainer auch berichten“, sagt Norman Wiechert gegenüber der ARD-Dopingredaktion. Der Referatsleiter für Events und Soziales berichtet von Abendveranstaltungen, in denen der Berliner Verband schon jetzt über einen sorgfältigen Umgang mit Schmerzmitteln informieren würde.

Sportausschuss plant öffentliche Anhörung

Im Bundestag kommt das Thema als Reaktion auf die Veröffentlichung jetzt auf die Tagesordnung des Sportausschusses, der eine öffentliche Anhörung zum Thema Schmerzmittelmissbrauch plant. „Der zu sorglose Umgang mit Schmerzmitteln – nicht nur im Sport, sondern auch in der Gesellschaft – stellt ein nicht zu unterschätzendes Problem dar, das wir aus meiner Sicht in einer öffentlichen Anhörung des Sportausschusses aufgreifen sollten“, sagte die Sportausschuss–Vorsitzende Dagmar Freitag (SPD) diese Woche der ARD-Dopingredaktion. „Eine zentrale Frage ist für mich auch der Umgang der Verbände und Anti-Doping-Institutionen mit diesem Thema.“

In der Recherche #Pillenkick haben CORRECTIV und die ARD-Dopingredaktion aufgedeckt, dass Schmerzmittel im deutschen Fußball nicht nur in Einzelfällen missbraucht werden. Das Problem ist massiv, teilweise führt es zu gravierenden gesundheitlichen Folgen, und es zieht sich durch alle Ligen, Altersstufen und Geschlechter.

Dafür haben die Redaktionen mit etlichen Protagonisten des Profifußballs über Schmerzmittelmissbrauch gesprochen und nach einer bundesweiten Befragung über den CrowdNewsroom von CORRECTIV auch Angaben von mehr als 1.000 Spielerinnen und Spielern ausgewertet, die allermeisten aus dem Amateurlager. Alle Ergebnisse sind auf der Themenseite pillenkick.de veröffentlicht und in der TV-Dokumentation „Hau rein die Pille!“. Dazu berichteten bundesweit Lokalzeitungen über weitere Fälle von Medikamentenmissbrauch in ihrer Region.

Schmerzmittelmissbrauch könnte sich bei Profis verschärfen

Im Gegensatz zu den laufenden Diskussionen im Amateursport ist im Profifußball keine Änderung in Sicht. Zwei Wochen nach Veröffentlichung der Recherche #Pillenkick melden sich sogar noch Stimmen, die davor warnen, dass der Schmerzmittelmissbrauch im Profifußball womöglich verschärft wird. Am Wochenende wird die Bundesliga-Saison abgeschlossen, danach folgt nur eine kurze Pause. Durch die Corona-Pause bedingt, wurden alle internationalen Spiele verlegt und führen ab August zu einer verschärften Belastung.

Gegenüber CORRECTIV äußert sich ein aktueller Nationalspieler besorgt, dass der enge Kalender den Schmerzmittelmissbrauch befördern wird. Er möchte anonym bleiben. Besonders betroffen von der zusätzlichen Belastung sind die Spieler, die mit ihren Mannschaften direkt im Anschluss die Finalspiele der Champions League und Europa League aus der vorherigen Saison nachholen werden und für Nationalmannschaften auf dem Platz stehen.

Spielergewerkschaft warnt vor steigenden Gesundheitsrisiken

Die Spielergewerkschaft VDV teilt die Sorge der Bundesligaprofis. „Nach unserer Wahrnehmung besteht ein Zusammenhang mit dem teilweise sehr engen Wettkampfkalender sowie den damit verbundenen kurzen Regenerationszeiten“, sagt Geschäftsführer Ulf Baranowsky gegenüber CORRECTIV.

So beobachte die Gewerkschaft, dass Spieler kurz vor dem Auslaufen der sechswöchigen Gehaltsfortzahlung im Krankheitsfall eher bereit seien, gesundheitliche Risiken einzugehen als Einnahmeausfälle hinzunehmen. In anderen Ländern gäbe es eine deutliche längere Dauer der Gehaltsfortzahlung. „Im Zuge der Covid-19-Pandemie befürchten wir darüber hinaus, dass aufgrund von Einnahmeausfällen bei vielen Klubs die Kader verkleinert werden, was die Problematik des Schmerzmittelmissbrauchs zusätzlich verschärfen dürfte.“

DFL beantwortet keine Fragen

Die Deutsche Fußball-Liga (DFL), die Dachorganisation der Klubs aus erster und zweiter Bundesliga, hat sich nach Veröffentlichung der Recherche nur vage zum Schmerzmittelmissbrauch geäußert. Zur zusätzlichen Belastung durch den angepassten Spielplan teilte der Verband auf Anfrage lediglich mit: „Die DFL hat die Berichterstattung über Schmerzmittelmissbrauch im Fußball zur Kenntnis genommen und befindet sich zu dieser Thematik im Austausch mit der zuständigen Anti-Doping-Kommission des DFB“, schreibt ein DFL-Sprecher. „Ziel ist es, die Thematik umfassend aufzuarbeiten und anschließend Maßnahmen zu prüfen.“

In einem anderen Sportverband soll der Medikamentenmissbrauch ebenfalls thematisiert werden. Der Deutsche Handballbund (DHB) kündigte in einem Sportschau-Beitrag an, seinen wissenschaftlichen Beirat mit einer Neubewertung des Themas beauftragen zu wollen. Nach der Veröffentlichung erhielten CORRECTIV und die ARD-Dopingredaktion mehrere Hinweise aus weiteren Sportarten zum Schmerzmittelmissbrauch, darunter von mehreren Handballern.

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Die Amateurfußballerin Carolin Böttcher redet offen darüber, wie sie Schmerzmittel prophylaktisch nimmt. / Foto: Sportschau/ ARD-Dopingredaktion
Pillenkick

Pillenkick – auch bei den Frauen

CORRECTIV und die ARD-Dopingredaktion haben über Schmerzmittelmissbrauch bei Amateur- und Profispielern recherchiert. Jetzt berichten Fußballerinnen, welche Rolle Ibuprofen und andere Mittel für sie spielen

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von Wigbert Löer , Hajo Seppelt , Josef Opfermann , Joerg Mebus , Jonathan Sachse

DIE #PILLENKICK-RECHERCHE
Dies ist ein Text von sportschau.de. Dieser ist Teil der #Pillenkick-Recherche, die eine Recherchekooperation von CORRECTIV und der ARD-Dopingredaktion zum Thema Schmerzmittelmissbrauch im Fußball ist. Wir berichten auf pillenkick.de in mehreren Artikeln, in einer TV-Dokumentation und im Radio darüber, wie Fußballer und Fußballerinnen von der Kreisliga bis in die Champions League durch Schmerzmittelmissbrauch ihre Gesundheit riskieren. Wir benennen Verantwortliche und zeigen, welche gesundheitlichen Folgen entstehen.

Tabea Kemme hat aufgehört, eher früh, mit 28 Jahren. Sie wurde Deutsche Meisterin mit dem 1. FFC Turbine Potsdam, spielte auch in England beim Londoner Verein Arsenal Women FC. Mit der deutschen Nationalmannschaft holte sie Gold bei den Olympischen Spielen, machte insgesamt 47 Länderspiele. Eine Karriere im Frauenfußball, die meistens glanzvoll ablief. Aber keineswegs ohne Schmerztabletten.

„Irgendwie nimmst du ein paar Schmerzmittel und trainierst dann weiter, weil ja am Wochenende der Wettkampf ist“, sagt Tabea Kemme im Interview in Potsdam. Man komme dann aber „an den Punkt, an dem du realisierst, was da eigentlich gerade passiert.“

#Pillenkick: CORRECTIV und die ARD-Dopingredaktion haben mit etlichen Protagonisten des Profifußballs gesprochen und nach einer bundesweiten Befragung über den CrowdNewsroom von CORRECTIV auch die Angaben von mehr als 1000 Spielerinnen und Spielern ausgewertet, die allermeisten aus dem Amateurlager. Das Ergebnis der rund einjährigen Recherche für eine Fernseh-Dokumentation und verschiedene Texte zeigen: Schmerzmittel werden im deutschen Fußball nicht nur in Einzelfällen missbraucht. Das Problem ist massiv, und es zieht sich durch alle Ligen.

Die Olympiasiegerin Tabea Kemme spricht im Interview mit der ARD-Dopingredaktion über ihr Karriereende und Schmerzmittel. / Foto: Sportschau

Im Frauenfußball scheint das nicht anders zu sein. Viele Sportlerinnen nehmen während der Menstruation Schmerzmittel, um die damit verbundenen Schmerzen zu bekämpfen. Doch bei den Fußball-Weltmeisterschaften 2003 und 2007 nahmen laut einer Studie der FIFA 36 Prozent der Frauen vor jedem Spiel solche Tabletten.

Tabea Kemme erinnert sich an eine Zeit in ihrer Karriere, als sie morgens aus dem Bett die Treppe hinunter ins Wohnzimmer gehen wollte. Ein „Hindernis“ sei diese Treppe gewesen und zugleich ein Zeichen dafür, dass sie Schmerzen hatte und diesen Schmerzen nicht mehr standhalten konnte. „Weil sie einfach so präsent waren“, sagt Kemme und schildert ihre damalige Reaktion. „Dann nehm ich eine Ibu 400 oder eine Diclofenac, was halt gerade in meiner Kulturtasche ist.“

Fritz Keller reagiert

Am Ende habe sie „bewusst eine Entscheidung getroffen“, erzählt sie. Sie habe sich gesagt, „okay, ich möchte nicht diejenige sein, die sich wöchentlich die 1600-Höchst-Milligramm-Anzahl an Ibuprofen organisieren muss, damit es irgendwie hilft“. Das Problem, das eine Schmerztablette beseitigen solle, verschiebe sich nur. „Und hintenraus wird es schlimmer, eine geringe Verletzung größer.“ Jeder Einzelne, sagt die langjährige Bundesliga-Spielerin Tabea Kemme noch, müsse „ein bisschen dafür sensibilisiert werden“.

Das sieht auch Fritz Keller so. Der DFB-Präsident hat die Auswertung der Antworten gesehen (Alle können Sie als PDF hier herunterladen), die bei der Befragung von CORRECTIV und der ARD-Dopingredaktion aus dem Amateurlager kamen. Er sei „schockiert“ über das Ausmaß des Schmerzmittelmissbrauchs, sagt Keller und will nun über die Trainer in den Landesverbänden auf die Vereine und Spieler einwirken.

„Mit Fieber & Ibu fast umgekippt“

An der Befragung der Fußballer nahmen auch einige Frauen teil. Sie berichten von den Folgen, die Schmerzmittel für sie gehabt haben. „Ich erlitt nach einer hartnäckigen Erkältung fast eine Herzmuskelentzündung. Mit Fieber & Ibu 600 gespielt & fast umgekippt“, schrieb eine. Eine andere gab an: „Anschließende Verschlimmerung der Schmerzen in Ruhe / nach Belastung, schwerwiegendere Verletzungen entstanden“.

Über unsere Rechercheseite pillenkick.de meldete sich Lisa Mandt. Sie spielte Fußball in der Regionalliga, ein Jahr auch in der Zweiten Bundesliga Süd. Weil die Patellasehne am linken Knie über Jahre chronisch entzündet war, spielte und trainierte sie regelmäßig mit Schmerzmitteln. Ihr Trainer habe sie damals inständig gebeten zu spielen, sagt Lisa Mandt, die heute 28 Jahre alt ist. Sie selbst habe dann nachgegeben. Doch das sei nicht der einzige Grund gewesen.

Kritik einer Kassenpatientin

Als gesetzlich versicherte Amateursportlerin habe sie wenig Chancen auf eine vernünftige Verletzungsbekämpfung gehabt. „Die Ärzte speisen einen ab mit den Worten: ‚Machen Sie mal zwei Wochen Pause und nehmen Sie Ibuprofen täglich, um die Entzündung zu bekämpfen. Nach zwei Wochen geht das schon wieder.‘“ Vernünftig untersucht habe sie niemand – und erst recht nicht aufgeklärt über Nebenwirkungen und mögliche Auswirkungen regelmäßiger Schmerzmitteleinnahme. „Die Ärzte haben mir zum Teil nicht mal die Ausübung des Sportes verboten oder zur Pause geraten.“

Heute würde sie anders handeln, sagt Lisa Mandt, ihr Körper sei ihr Gut, sie lasse sich zu nichts mehr drängen, was die Gesundheit gefährden könnte. Letztlich sei sie ja selbst für die Einnahme der Schmerzmittel verantwortlich. Vor einem Jahr hat sie mit dem Fußball aufgehört.

Prophylaxe mit Pillen

Auch Carolin Böttcher, 27, hat die ARD-Doku „Hau rein die Pille“ gesehen. Die Betriebswirtin aus der Nähe von Höxter in Ostwestfalen steht im Tor des SV Ottbergen-Bruchhausen. Sie verdient kein Geld mit ihrem Sport – ernst nimmt sie ihn dennoch. „Man vertritt ja schon ein bisschen auch sein Dorf. Hier stehen Zuschauer, und die wollen natürlich auch sehen, dass die Mädels kämpfen, dass man sich zerreißt für den Klub. Und da geht es manchmal eben auch nicht ohne Schmerzmittel.“

Carolin Böttcher ist wichtig, dass sie auf dem Fußballplatz eine Form erreicht, in der sie „der Mannschaft optimal helfen“ kann. Fühlt sie sich außer Form, schluckt sie eine Tablette, sagt sie, ebenso vor wichtigen Partien wie im Pokal-Wettbewerb, bei Derbys oder Spitzenspielen. „Da brauche ich das vom Kopf her. Ich sage mir, heute musst du 100 Prozent Leistung bringen. Ich nehme die Tablette dann prophylaktisch.“

Schmerzmittel schlucken, um möglichen Schmerzen vorzubeugen, für sie sei das „wie Schienbeinschoner anzuziehen“, sagt die Fußballerin. Das gelte für knapp die Hälfte ihrer Mitspielerinnen, schätzt sie. Eine Tablette mache einen für die 90 Minuten ein Stück weit unverwundbar.

Es gehe auch im Frauenfußball hart zur Sache, findet Carolin Böttcher, und Stärke zu zeigen, gehöre dazu. Einmal spielte sie mehr als eine Halbzeit mit einem Bandscheibenvorfall. Der Arzt empfahl dann, die Sportart zu wechseln, er schlug ihr Schwimmen vor. Carolin Böttcher steht weiterhin im Tor.

Wie Schmerzmittel im Frauenfußball ebenfalls eine große Rolle spielen, war auch Thema in der Sportschau-Sendung am Sonntag, den 14. Juni, sein. In der ARD-Sendung wurde in diesem Beitrag über weitere Entwicklungen nach der #Pillenkick-Veröffentlichung berichtet. 

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Ein Amateurspiel in Mönchengladbach, auch hier sind Schmerzmittel ein Thema. Foto: Ivo Mayr/ CORRECTIV
#Pillenkick

„Das Problem ist im Amateurfußball sogar noch größer als bei den Profis“

Zahlreiche Hobbyfußballer nehmen Schmerzmittel wie Ibuprofen missbräuchlich ein. Das haben die Ergebnisse unserer Umfrage zu Schmerzmitteln im Amateurfußball gezeigt. Neue Recherchen von Lokalzeitungen aus dem CORRECTIV-Partnernetzwerk decken auf, dass der #Pillenkick noch weiter verbreitet ist. „Das ist selbstverständlich geworden“, sagt ein Trainer.

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von Bianca Hoffmann , Arne Steinberg , Jonathan Sachse

DIE #PILLENKICK-RECHERCHE
Diese Geschichte ist Teil einer Recherche von CORRECTIV und der ARD-Dopingredaktion zum Thema Schmerzmittelmissbrauch im Fußball. Wir berichten in mehreren Artikeln, in einer TV-Dokumentation und im Radio darüber, wie Fußballer und Fußballerinnen von der Kreisliga bis in die Champions League durch Schmerzmittelmissbrauch ihre Gesundheit riskieren. Wir benennen Verantwortliche und zeigen, welche gesundheitlichen Folgen entstehen.

Schmerzmittel im Amateurfußball, das sei „leider definitiv ein Thema“, sagt Andreas Meise, ein erfahrener Trainer aus dem Ruhrgebiet im Interview mit dem Sportteil der WAZ aus Herne. Ein paar Kilometer weiter in Wattenscheid kommt Bruno Staudt, Spieler bei der SG Wattenscheid 09 zu einem ähnlichen Ergebnis:  „Es gibt in jeder Mannschaft mindestens einen, der regelmäßig Schmerzmittel dabei hat. Es gibt auch Situationen, in denen die Tabletten in der Kabine rumgehen.” Die Zahlen, die CORRECTIV und die ARD-Dopingredaktion im Rahmen der Schmerzmittelumfrage erhoben hatten, seien „absolut realistisch“. 

1142 Fußballerinnen und Fußballer hatten sich an einer CrowdNewsroom-Befragung von CORRECTIV und der ARD-Dopingredaktion beteiligt, fast 80 Prozent gaben an, im Verlauf der Karriere Schmerzmittel geschluckt zu haben. Mehr als ein Drittel sogar mehrmals pro Saison. Mehr als 40 Prozent der Antworten bezogen sich auch darauf, dass die Spieler nicht nur Schmerzen lindern wollen – eine höhere Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit waren auch Ziele, die die Spieler sich von der Schmerzmitteleinnahme versprachen.

Auch die WAZ in Gelsenkirchen berichtete über unsere Recherche. Ayhan Karaca betreut als Physiotherapeut viele Amateurkicker der Region. Er ist sich sicher: „Das Problem ist im Amateurfußball sogar noch größer als bei den Profis. Viele Amateurfußballer haben keine Geduld und brennen darauf, spielen zu können.” Der frühere Amateurtrainer Oliver Röder sagt in der WAZ aus Mülheim: „Das ist selbstverständlich geworden und geht von der Kreis- bis in die Oberliga.” 

Lokalzeitungen berichten zum #Pillenkick

Die Zitate stammen aus den regionalen Sportteilen der WAZ, die im Rahmen der #Pillenkick-Recherche den Schmerzmittelmissbrauch in ihrer Region untersuchten. Dafür hat CORRECTIV.Lokal, das Netzwerk für investigative lokale Recherchen, vor zwei Wochen Zeitungen in ganz Deutschland kontaktiert und die lokalen Kolleginnen und Kollegen mit Recherchematerial unterstützt. Neben der WAZ griffen so allein in den ersten zwei Tagen nach der Veröffentlichung 20 Lokalzeitungen aus ganz Deutschland das Thema auf.

Vor Ort sprachen die Kollegen mit Trainern, Spielern und Physiotherapeuten über das Ausmaß des Problems. So wurden die Ergebnisse unserer nicht-repräsentativen Umfrage (Alle Ergebnisse als PDF-Download) mit konkreten Erfahrungsberichten ergänzt. Und diese Fälle verdeutlichen, welche Konsequenzen Schmerzmittelmissbrauch haben kann.

Ein Spieler, der sich offen zu seinem Tablettenkonsum äußert, ist Fabian Rose. Der 27-Jährige spielte bis vor kurzem bei TuS Strudden in Ostfriesland. Nun aber, so der Anzeiger für Harlingerland, müsse er seine Karriere beenden – der Grund: ein Knorpelschaden vierten Grades. „Statt auf die Warnsignale seines Körpers zu hören, warf Rose regelmäßig Ibuprofen-Tabletten ein, um seinen persönlichen Ansprüchen gerecht zu werden”, heißt es im Text. 

Rose selbst sagt: „Hätte ich das früher behandeln lassen, statt weiter zu spielen, hätte ich vermutlich jetzt auch nicht aufhören müssen. Dies hat mir der Arzt so auch bestätigt. So aber hat sich das Fußballspielen für mich auf jeden Fall erledigt.”

Für Gerrit Schökel aus Sande an der Nordseeküste, ebenfalls nur wenige Kilometer von Wilhelmshaven entfernt, gehörte der Griff zur Tablettenpackung lange zum Alltag – bis er nach einem Spiel Blut spuckte. „Ich habe zu jedem Training Schmerzmittel genommen”, sagte Schökel dem Jeverschen Wochenblatt. Eine Pause im Amateurfußball kam für ihn dabei offenbar nicht in Frage. „Ich habe mir sonntags einen Bänderriss zugezogen und stand am Dienstag wieder auf dem Platz. Einfach Tape drum, Schmerztablette rein und los ging’s.” 

Unterschätzte Gesundheitsrisiken

Jeder fünfte Amateurfußballer gab in unserer Umfrage an, er greife einmal pro Monat oder öfter zu Schmerzmitteln. Zahlreiche Spieler nehmen vor jedem Spiel oder sogar mehrmals pro Woche Schmerzmittel. Und manche Amateurfußball meldeten, sie würden vor jedem Training Schmerzmittel schlucken. 

Schökel ging sogar noch weiter: „Vor den Punktspielen gab es eine 400er, in der Pause noch eine und wenn es schlecht lief, in den letzten zwanzig Minuten noch eine.” Von Nebenwirkungen sei der 33-Jährige nicht verschont geblieben. „Ich erinnere mich an eine Situation, da lief mir in der Halbzeit die Suppe von der Stirn runter und ich habe nur gefragt, auf welches Tor wir denn jetzt spielen würden. Ich war weggetreten.”

„Verletzungsbedingte oder erwartete Schmerzen mit Schmerzmitteln zu reduzieren oder gar zu unterdrücken, kann zu ernsthaften funktionellen und strukturellen Schädigungen am Bewegungssystem führen, denn das ‘Warnsignal’ Schmerz ist ausgeschaltet”, warnt Frank Stockey, Physiotherapeut aus Herne, im Gespräch mit der WAZ.

Jörg Wertenbruch, Orthopäde und Unfallchirurg aus Wanne-Eickel, empfiehlt den Fußballern: „Jede Verletzung sollte komplett ausgeheilt werden. Erst dann kann die Belastung wieder langsam hochgefahren werden.” Ansonsten drohten „Muskelfaserrisse, Bänder- und Gelenkverletzungen.”

Doch bei einigen Fußballern verhallen die Appelle. „Manchmal habe ich die Tabletten auch einfach nur vorbeugend eingenommen. Man fühlt sich dann vom Kopf her sicherer”, beschreibt Sven Riekert im Reutlinger General-Anzeiger seine Motivation. Teilweise habe er zwei Ibuprofen 600 genommen, sogar vor der Arbeit. Einige Spieler, mit denen die Kooperationspartner von CORRECTIV sprechen konnten, sprachen von einem Gewöhnungseffekt, der eintreten würde, sobald sie regelmäßig auf Schmerzmittel zurückgriffen. „Es ist fast so, als ob ich einen Schluck Wasser trinke”, sagte einer von ihnen der WAZ-Lokalausgabe Herne Wanne-Eickel.

Ein anderer Spieler erklärte der Volksstimme: „Ich bin ehrgeizig, will immer einhundert Prozent Vollgas geben und mich von den jungschen Leuten auch nicht abkochen lassen.” Die Folge: Dreimal pro Woche nehme er Schmerzmittel, um Fußball spielen zu können. Auch für ihn sei es „Kopfsache“, denn er nehme die Schmerzmittel „vorsichtshalber“. Marc Mensing aus Gelsenkirchen, ein Spieler mit Arthrose, sagte der WAZ, dass er „vor dem Spiel immer eine Schmerztablette nehmen” musste. Sonst hätte er die 90 Minuten nicht überstanden. 

Trainer äußern sich

Eine weitere Stärke der Recherchen der Kollegen vor Ort: Bei ihnen kamen auch Trainer zu Wort, die sich zumindestens im den oberen Ligen kaum zum Thema äußern. Sie schilderten Gründe, warum Spieler auf Schmerzmittel zurückgreifen und wie sie als Trainer damit umgehen. „Ich versuche, es langfristig zu sehen und Spielern lieber eine Pause zu gönnen”, sagt Ingo Freitag aus Bochum-Ehrenfeld gegenüber der WAZ. Aber: „Wenn es ein wichtiger Mann ist und dazu das Ende der Saison naht, dann wollen in den meisten Fällen sowohl Spieler als auch Trainer alles möglich machen, damit der Spieler auflaufen kann.”

Auch Andreas Meise bringt das Dilemma gegenüber der WAZ auf den Punkt: „Zum einen sind viele Tabletten zugelassen, zum anderen werden sie zu Hause oder heimlich eingeworfen. Mir sagt der Spieler, er sei fit. Dass er nur dank Tabletten 90 Minuten durchhält, kann ich doch nicht ahnen.” Meise betont die Fürsorgepflicht, die die Trainer gegenüber den Spielern hätten – verbieten aber könne er es nicht, die Spieler seien schließlich erwachsen.

Wir würden uns freuen, wenn Sie unter dem Hashtag #Pillenkick in den Sozialen Medien ihre Erlebnisse mit Schmerzmitteln teilen. Weitere Artikel und Informationen zur Recherche finden Sie auf unserer Übersichtsseite pillenkick.de und in unserem Newsletter. Sie haben Hinweise? Dann melden Sie sich bei unseren Reportern Jonathan Sachse oder Arne Steinberg.

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Fußballdoping

Pillenkick – Schmerzmittelmissbrauch im Fußball

Eine Kooperation des Recherchezentrums CORRECTIV mit der ARD-Dopingredaktion

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Sie werden „verteilt wie Smarties“ und oft wie Dopingmittel genutzt: Der deutsche Fußball hat ein großes Problem mit Schmerzmitteln. Von der Kreisklasse bis zur Bundesliga sind die nur vermeintlich harmlosen Substanzen für viele Spieler zu unverzichtbaren Begleitern geworden – mit zum Teil dramatischen gesundheitlichen Folgen. Auf der Webseite Pillenkick.de sowie in der TV-Dokumentation „Geheimsache Doping – ‚Hau rein die Pille!‘“ zeigen das gemeinnützige Recherchezentrum CORRECTIV und die ARD-Dopingredaktion nach über einjähriger gemeinsamer Recherche, dass der Lieblingssport im Land des viermaligen Weltmeisters häufig auch ein „Pillenkick“ ist. Und dass viele Fußballer Schmerzmittel vor allem aus einem Grund nehmen: Sie wollen ihre Leistungsfähigkeit steigern.

Das Rechercheteam hat im Rahmen des Projekts mit mehr als 150 Bundesliga-Spielern, Ex-Profis, Trainern, Teamärzten, Wissenschaftlern und Funktionären gesprochen. Die alarmierenden Verhältnisse dokumentiert auch eine Befragung, an der sich deutschlandweit mehr als 1100 Fußballerinnen und Fußballer aus dem Amateur- und Profibereich beteiligt haben. Mehr als 40 Prozent der genannten Gründe für die Einnahme von Schmerzmitteln beziehen sich auf die Motivation, im Spiel eine bessere Leistung abrufen zu wollen – unabhängig von Schmerzen oder Verletzungen.

Auch vor dem Hintergrund dieser Umfrageergebnisse stellt sich für Experten die Frage, ob Schmerzmittel auf die Dopingverbotsliste gehören. Der Deutsche Fußball-Bund zeigt sich angesichts der Zahlen ebenso besorgt.

Die wenigen Profis, die sich zum Thema offen äußern wollten, beschreiben den Profifußball als ein oft gnadenloses Geschäft und geben dem Milliarden-Business eine Mitschuld an den Verhältnissen. Neven Subotic (Union Berlin), einer der erfahrensten Bundesligaspieler, fordert mehr Aufklärung: „Was ich in den letzten 14 Jahren mitbekommen habe, ist, dass Ibuprofen wie Smarties verteilt wird. Für jedes kleine Aua gibt es quasi pauschal Ibuprofen“. Subotic: „Für die Spieler ist es nicht offensichtlich, welche Folgen es haben kann, darüber werden sie in der Regel auch nicht informiert.“

Die zentralen Ergebnisse der Recherche von CORRECTIV und der ARD-Dopingredaktion werden auf der Internetseite pillenkick.de veröffentlicht.

Das Erste zeigt am selben Tag die TV-Dokumentation im Anschluss an das DFB-Pokal-Halbfinale Saarbrücken – Leverkusen am Dienstag, 9. Juni 2020 ab 22.45 Uhr, online ist das gesamte Feature auf sportschau.de und in der ARD-Mediathek abrufbar. Federführer für die Dokumentation innerhalb der ARD ist der Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb).

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Amateurfußballer beim Spiel (Foto: Ivo Mayr)
Schmerzmittel

Schmerzmittel im Amateurfußball: Wie groß ist das Problem?

Im Profifußball sind Schmerzmittel weit verbreitet. CORRECTIV untersucht jetzt in einer Crowd-Recherche, wie oft zwei Millionen Amateurfußballer zu Medikamenten greifen. Wir wollen gemeinsam herausfinden, welche Rolle Schmerzmittel im Amateurfußball spielen.

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von Arne Steinberg , Jonathan Sachse

Wer sich mit Amateurfußballern unterhält, hört immer wieder ähnliche Geschichten: Ein wichtiges Spiel steht an. Einige Spieler sind leicht angeschlagen oder verletzt. Mit Schmerzmitteln lassen sich die Schmerzen kurzzeitig ausschalten. In den Mannschaftskabinen greifen die Fußballer zu Ibuprofen, Paracetamol oder Voltaren. Viele Amateurfußballer wollen an jedem Spieltag fit sein, obwohl sie mit dem Sport kein Geld verdienen.

Wilfried Kindermann, ehemaliger Arzt der Deutschen Nationalmannschaft, sagte dem Stern bereits 2008, dass Schmerzmittel „wie Smarties“ eingenommen würden. Nebenwirkungen und Folgeschäden blenden die Fußballer in dem Moment aus. Manche Schmerzmittel können Niere, Leber oder das Herz schädigen. Andere können abhängig machen.

Wie Sie Ihr Wissen vertraulich teilen

Wir wollen herausfinden, wie weit verbreitet Schmerzmittel im Amateurfußball sind. Es gibt dazu bisher keine wissenschaftliche Untersuchung. Auch die Fußballverbände führen keine Datenbank. Darum bitten wir Sie, uns bei dieser Recherche zu helfen. Indem Sie in unserer Umfrage Ihr Wissen zum Thema teilen, helfen Sie uns, mehr über die Dimension des Missbrauchs zu erfahren.

Die Umfrage dauert nur wenige Minuten. Amateurfußballer können uns dort sicher und – wenn sie möchten – auch anonym von ihrem Schmerzmittelgebrauch berichten. Wir werten die mitgeteilten Erfahrungsberichte in den kommenden Monaten aus.

Schmerzmittel sind nicht verboten. Sie sind auch deswegen oft frei verfügbar und ohne Rezept erhältlich. Im Gegensatz zum Profifußball gibt es keinen Mannschaftsarzt, der die Amateurspieler über die Risiken und Nebenwirkungen der Tabletten aufklärt.

Warum Schmerzmittel gefährlich sein können

Fußball ist in Deutschland die populärste Sportart. Nationalmannschaft und Bundesliga sind ständig Gesprächsthema. Aber auch der Amateurfußball ist ein bedeutender gesellschaftlicher Faktor: Die Vereine des DFB haben über sieben Millionen Mitglieder, jede Saison finden mehr als 1,3 Millionen Partien von den Bambini bis zu den Alten Herren statt. Mehr als zwei Millionen aktive Vereinsspielerinnen und -spieler stehen für ihren Verein auf dem Platz.

Wenn viele dieser Sportler regelmäßig zu Schmerzmitteln greifen, ist das in erster Linie für sie selbst gefährlich – aber auch für die Gesellschaft. Bei regelmäßiger Einnahme von Tabletten verlagert sich die Schmerztoleranz, auch die Gefahr einer Abhängigkeit besteht. Auf diese Weise kann aus einer Zerrung schnell ein Muskelfaserriss werden. Als nächstes folgt vielleicht eine Verletzung, durch die ein Sportler viel länger ausfällt. 

Manche Folgen können das Leben verändern. Der ehemalige Bundesligaspieler Ivan Klasnic leidet noch heute unter seinem langjährigen Schmerzmittelkonsum – der Kroate litt bereits unter einer Nierenerkrankung, bis die Niere im Jahr 2006 ganz versagte. Der Grund war ein Schmerzmittel, das der Fußballer immer wieder einnahm, um nicht den Anschluss zu verlieren.

Amateurfußballer verdienen mit ihrem Sport nicht ihren Lebensunterhalt. Sie müssen in der Lage sein, ihrem normalen Job nachgehen zu können. Unter Umständen wird der Sport sonst zur gefährlichsten Nebensache der Welt. Sie können mit zwei einfachen Schritten helfen, über die Gefahren von Schmerzmitteln aufzuklären:

  1. Füllen Sie die Umfrage im CrowdNewsroom aus
  2. Teilen Sie den Link zur Umfrage per E-Mail, Messenger oder in den Sozialen Medien mit Bekannten und Mitspielern

Bei Fragen oder Anmerkungen stehen unsere Reporter Jonathan Sachse und Arne Steinberg jederzeit zur Verfügung. Beide versenden regelmäßig einen Newsletter (hier abonnieren), in denen sie über Gesundheitsthemen im Fußball berichten. Für vertrauliche Gespräche sind wir gerne auch telefonisch erreichbar. So können Sie uns am besten erreichen:

Jonathan Sachse
Telefon: 030 555 780 214
E-Mail: jonathan.sachse@correctiv.org
Threema-Messenger: S63CK66M
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Analyse in einem Pariser Anti-Doping-Labor: ein neues Leak enthält viele Details zu ihrer Arbeit.© FRANCK FIFE / AFP

Fußballdoping

Womöglich über 200 Dopingfälle im Fußball im Jahr 2016

Ein neues Leak der russischen Hackergruppe „Fancy Bear“ dürfte die Fußballwelt erst einmal in Atem halten. In den Dokumenten finden sich womöglich hunderte unveröffentlichte Dopingfälle. Vier deutsche Nationalspieler sollen bei der WM 2010 dank Ausnahmegenehmigungen umstrittene Substanzen genommen haben. Unklar ist, ob sämtliche Daten echt sind. Wenn ja, bieten sie den bislang tiefsten Einblick in ein Dopingkontrollsystem, das im Fußball zahlreiche Lücken aufweist.

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von Jonathan Sachse

Die Gruppe „Fancy Bear“ hat am Dienstag drei Dokumente auf der eigenen Website veröffentlicht.

Darin sind 229 positive Dopingproben von Fußballern erfasst, die Labore im Jahr 2016 entdeckt haben. Dazu finden sich Details zu fast 10.000 Dopingproben, die seit 2015 weltweit in Laboren analysiert wurden. Namentlich werden 25 Nationalspieler genannt, die bei der WM 2010 medizinische Ausnahmegenehmigungen für teilweise verbotene Substanzen erhalten haben sollen.

Dokument 1: Medizinische Ausnahmegenehmigung für WM-Nationalspieler

Unter einem Logo des Fußball-Weltverbandes Fifa stehen in einer Liste die Namen von 25 Nationalspielern aus 13 Nationen, die bei der WM 2010 in Südafrika teilweise verbotene Substanzen für den eigenen Gebrauch ausgewiesen haben sollen. Darunter vier deutsche Nationalspieler.

Demnach sicherten sich die Nationalspieler Ausnahmegenehmigungen, um „Salburtamol“ nutzen zu dürfen. Das ist ein Mittel, das Asthma-Patienten einnehmen, um die Atemwege zu verbessern und das gerade unter Radsportlern sehr beliebt ist. Obwohl sie schier unmenschliche Höchstleistungen bringen, bezeichnen sich zum Beispiel viele Fahrer bei dem Radrennen Tour de France als Asthma-Patienten. Das ermöglicht die Einnahme von mehr leistungssteigernden Substanzen.

Auch bei der argentinischen Nationalmannschaft tauchen in der Liste der russischen Hacker fünf Nationalspieler auf, die alle die Verwendung von „Betamethasone“, ebenfalls ein Asthmamittel, angemeldet haben sollen.

Die deutsche Anti-Doping-Agentur (Nada) hat keine Informationen für die genannten deutschen Fußballer vorliegen, verweist aber auf Anfrage darauf, dass vor einigen Jahren Sportverbände die Anwendung von Asthma-Wirkstoffen noch häufig „für vier Jahre am Stück“ genehmigt hätten. Die in der Liste erfassten Nationalspieler könnten somit vor der WM die Medikamente deklariert haben. Heute hat sich der Ablauf verändert. Viele der damals angemeldeten Substanzen können heute frei verwendet werden, solange die Sportler definierte Tageshöchstdosen nicht überschreiten würden. 

Die Fifa reagierte zunächst nicht auf Anfragen. Der DFB nur teilweise:

Update 14:11 Uhr am 24.8.: Als Reaktion auf einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung hat der DFB in einer Stellungnahme die Echtheit der TUE-Angaben zu den eigenen vier Nationalspielern bestätigt. 

Dokument 2: Über 200 Dopingfälle im Jahr 2016

Am interessantesten im neuen Leak ist eine Tabelle, in der über 9.500 Dopingproben von Fußballern erfasst sind. Diese sollen zwischen 2015 und Februar 2017 in Laboren analysiert worden sein. Nach Angaben von „Fancy Bear“ sollen diese Daten von der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) stammen.

Die WADA wird vermutlich erst im November in einem jährlichen Bericht veröffentlichen, wie viele Fußballer im Jahr 2016 positiv getestet wurden. Bestätigen sich die Angaben in dem Leak von „Fancy Bear“, gab es 229 positive Fälle im Jahr 2016 und noch zwei weitere positive Befunde im ersten Quartal 2017. Das wäre ein deutlicher Anstieg verglichen mit den 160 positiven Tests im Jahr zuvor.

Unklar ist, aus welchen Nationen die positiven Fälle kommen. In der Tabelle sind lediglich die Labore aufgeführt, die für die Analyse der Proben zuständig waren. In einem Kölner Labor wurden demnach 15 positive Proben entdeckt. In einem Labor in Dresden gab es vier auffällige Proben. Da die deutschen Labore auch Dopingproben andere Länder untersuchen, müssen dies nicht deutsche Sportler seien.

Interessant ist ein zweiter Reiter in der Tabelle. Darin sind 4.937 Dopingproben mit zahlreichen Detailangaben aufgeführt, die im Jahr 2015 analysiert wurden. Diese Daten – vorausgesetzt sie sind echt – bieten einen tiefen Einblick in das Kontrollsystem und dessen eklatante Lücken im Fußball.

Die Daten bieten Hinweise, welche Sportverbände und Anti-Doping-Behörden über einen positiven Fall informiert werden. In weiteren Spalten stehen die Dopingsubstanzen, auf die eine Probe analysiert wurde. Sprich: Daraus wäre auch erkennbar, welche Dopingmittel in der Regel nicht untersucht werden und bei welchen Substanzen somit die Chancen groß sind, selbst bei einer Dopingkontrolle unentdeckt davon zu kommen.

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Vollständig ist dieser Datensatz auf keinen Fall. Den Jahresberichten der WADA ist zu entnehmen, dass über 30.000 Dopingproben im Jahr 2015 im Fußball untersucht wurden. Der Leak hat aber nur knapp 5.000 Proben in diesem Jahr erfasst. Für die Echtheit der Daten spricht, dass die Angaben sehr detailliert sind und teilweise Kommentare jeweils in den Landessprachen der Labor-Standorte enthalten.

Dokument 3: Neue Details zu bekannten positiven Fällen aus dem Jahr 2015

Die Hacker schreiben noch ein weiteres Dokument der WADA zu. In einer Tabelle sind 160 anonymisierte Dopingproben von Fußballern erfasst, die im Jahr 2015 positiv getestet wurden. Jeder positiven Probe sind Details zugeordnet, wie das Labor, was die Analyse durchgeführt hat, welche verbotene Substanz gefunden wurde und welcher Verband für die Kontrolle verantwortlich gewesen ist.

Für die Echtheit dieser Zusammenstellung spricht, dass die WADA in ihrem jährlichen Bericht „Anti-Doping Testing Figures“ wie im Leak genau 160 positive Dopingfälle im Fußball für das Jahr 2015 auflistet. Die Zahl ist also schon vor dem Leak bekannt gewesen und keinesfalls verheimlicht worden, wie die Hackergruppe andeutet. Zudem ist die Aussage der Hackergruppe irreführend, es würde sich bei jeder positiven Probe auch um einen Dopingfall handeln.

Tatsächlich beginnen mit einem positiven Test erst die eigentlichen Untersuchungen. Ein Athlet kann noch freigesprochen werden, wenn zum Beispiel Proben verschmutzt gewesen sind, eine Ausnahmegenehmigung nachgewiesen werden kann oder der Sportler nachweisen kann, dass er eine Substanz nicht bewusst eingenommen habe.

Auch ein deutscher Fall taucht in der Tabelle auf. Im Mai 2015 wurde ein Fußballer auf „Prednisolon“ getestet. Ein Kortison, was entzündungshemmend wirkt und im Wettkampf verboten ist, aber im Training erlaubt. Derselbe Fall taucht bereits im Jahresbericht der NADA zum Jahr 2015 auf. Auf Anfrage teilt die NADA mit, dass der Fall vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) ohne Sanktion eingestellt wurde. Weitere Details könne die NADA nicht nennen und verweist auf den DFB, der über Sanktionen im Fußball entscheide. Bis zur Veröffentlichung hat der DFB unsere Fragen zu dem Fall nicht beantwortet.

Zu den einzelnen Proben finden sich in dem Leak neue Details. So kann jetzt nachvollzogen werden, welches Labor die Proben für welches Länder untersucht. Das brasilianische Anti-Doping Labor verlor bereits vor Jahren seine Lizenz. Seit 2015 untersuchen daher Labore in den USA und Kolumbien das Urin der brasilianischen Fußballer. Sie stießen auf elf positive Proben.

Auch die Dopingsubstanzen lassen sich in der Tabelle erstmals  für jeden einzelnen Fall zuordnen. In Mexiko zählten die Labore gleich 30 positive „Clenbuterol“ Fälle. In Kanada wurde im Januar 2016 gleich in vier Fälle Substanzen aus der Wirkstoffgruppe „SARM“ bei Fußballern entdeckt. Fußballer können damit gezielt bestimmtes Gewebe wie Knochen, Knochenhaut und Muskeln stärken. 

Die WADA teilte auf Anfrage von CORRECTIV mit, dass der Leak mit den 25 WM-Nationalspielern nicht aus den WADA-Systemen stammen würde und ihr System „sicher sei“. Die Behörde verurteile die Veröffentlichung von personenbezogenen Daten, ging aber gleichzeitig nicht auf Fragen zu den restlichen Leaks aus den Laboren ein.

Update 17:30 Uhr am 24.8.: Der Europäische Fußballverband Uefa hat die Echtheit aller fünf positiven Fälle bestätigt, die im Leak die Uefa als zuständige Behörde ausweisen. 

Wer steckt hinter dem Leak?

Die Hackergruppe „Fancy Bear“ hat in den letzten Monaten immer wieder neue Datensätze aus Sportverbänden veröffentlichen, meist mit Dopingbezug. Die Hacker, die auch unter der Bezeichnung APT28 bekannt sind, schreiben sich selbst dem führungslosen Internet-Kollektiv Anonymous zu. Diese Angaben sind irreführend. Die Initiative Wirtschaftsschutz, der auch Bundesnachrichtendienst und Bundesamt für Verfassungsschutz angehören, verschickte Ende August eine Warnung, in der es hieß: “Bei APT28 bestehen Indizien für eine Steuerung durch staatliche Stellen in Russland.”

Dafür spricht auch, dass „Fancy Bear“ erst mit den Veröffentlichungen begann, nachdem in den letzten zwei Jahren Recherchen der ARD nach und nach ein flächendeckendes Dopingsystem in Russland aufdeckten. Russland steht im Verdacht, eigene Athleten systematisch zu dopen und mit Hilfe des russischen Geheimdiensts Dopingproben bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotchi manipuliert zu haben. Als Konsequenz durften russische Leichtathleten nicht an den Olympischen Spielen 2016 in Brasilien teilnehmen. Aktuell wird diskutiert, ob die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland ausgetragen werden sollte.

Stimmt die Annahme deutscher Behörden über die Regierungsnähe der Hacker, liegt ihr Motiv auf der Hand: die Leaks machen mehr als deutlich, dass Doping im internationalen Sport nicht auf Russland beschränkt ist. 

Trotz des fragwürdigen Hintergrunds der Hacker bieten die Dokumente einen spannenden Einblick in das Dopingproblem des Fußballs.

Nicht nur im Radsport. Nicht nur bei den Profis. Doping ist auch im Breitensport verbreitet.© Fritz Huber

Fußballdoping

„Jeder Neunte dopt“

Doping ist ein Massenproblem. Längst haben die leistungssteigernden Mittel auch den Amateur- und Breitensport erreicht. Laut Dopingforscher Perikles Simon dopen allein im Kraftsport rund eine Million Menschen in Deutschland. Doch Sportverbände, Staatsanwälte und Polizisten schauen weg.

von Leonie Weigner

Es begann vor zehn Jahren. Da genügte ihm das Training im Fitnessstudio nicht mehr. Er wollte an Bodybuilder-Wettkämpfen teilnehmen. Dafür würde er Doping brauchen. Das sagten ihm alle. Nur seine Frau war dagegen. Benedikt Worms* las sich ein in das Thema und nahm sich vor, dass es eine einmalige Sache sein sollte. Einmal ausprobieren und so vielleicht Deutscher Meister werden.

Worms entschied sich zunächst für Testosteron. Ein körpereigener Stoff, durch den der Muskelaufbau beschleunigt werden kann. Es war einfach, sich den Stoff zu beschaffen.

Es blieb nicht bei dem einen Mal. „Wenn die Tür einmal auf ist, ist der Schritt über die Schwelle nicht mehr ganz so schwierig“, sagt Worms heute. Inzwischen ist er Mitte 30. „Anfangs nimmt man eine Ampulle à ein Milliliter, später dann alle fünf Tage zwei.“ Wichtig sei, dass man es mindestens für zwölf Wochen mache, sonst bringe es nichts. Vor dem Wettkampf spritze man sich täglich. Bald habe er ausgesehen „wie ein Michelin-Mann“, deshalb kombinierte Worms andere Stoffe dazu, zur Entwässerung beispielsweise. Außerdem habe er seine Ernährung drastisch umgestellt. Die Dosierungen und Abläufe gehen ihm leicht über die Lippen. Er erzählt es so, wie andere von einem Kochrezept erzählen. 

Doping – eine Straftat   

Seit dem 10. Dezember 2015 gilt in Deutschland das Anti-Doping-Gesetz. Bis dahin fiel Doping unter das Arzneimittelgesetz, nun wurde auch „das Inverkehrbringen, der Erwerb und Besitz von Dopingmitteln“ verboten. Ebenso Selbstdoping. Seitdem können Sportler, die verbotene Substanzen schlucken, und Hintermänner, die sie besorgen, gleichermaßen belangt werden, mit Haftstrafen von bis zu zehn Jahren.

Wie wenig der Dopingbereich beleuchtet wird, zeigt ein Blick auf die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS)**. 986 Dopingfälle gab es demnach im Jahr 2015 in Deutschland. Rund 90 Prozent davon betrafen den Besitz und Erwerb von Dopingmitteln, bei Rest ging es um das „Inverkehrbringen“. Die meisten Fälle gab es in Baden-Württemberg. Auffällig viele Fälle gab es außerdem in Chemnitz und Stuttgart. Vergleicht man die Zahlen des Jahres 2015 mit denen des Jahres 2016 fällt auf, dass die Situation sich sogar verschärft hat. Insgesamt ist die Zahl der Doping-Straftaten auf 1.109 gestiegen. 

Da die PKS eine Eingangsstatistik ist, bleibt offen, ob die steigenden Zahlen an der verbesserten Arbeit der Ermittler liegt, oder daran, dass mehr gedopt wird. Auch, ob die Ermittler ihre Ermittlungen stärker auf die Händler-Netzwerke konzentrieren und es dadurch dort „Erfolge“ zu verzeichnen gibt, kann auf Grundlage der rohen Zahlen nicht analysiert werden.

CORRECTIV hat bei den Landeskriminalämtern aller 16 Bundesländer nach einer detaillierten Aufschlüsselung der Dopingfälle gefragt. Wie viele der Verstöße fallen in den Leistungsbereich, wie viele in den Breitensport? Was wurde gefunden? Das Resultat ist ernüchternd: Ein wirksames, einheitliches Verfahren zur Verfolgung von Dopingdelikten gibt es im Breitensport nicht.

„Vieles ist ganz einfach Zufall, wenn man zum Beispiel Hausdurchsuchungen macht, findet man immer mal Tabletten und Medikamente“, sagt Olaf Schremm, Dezernatsleiter für Arznei und Rauschgiftkriminalität beim LKA Berlin. Er erzählt auch, dass es für Dopingmittel eine ähnliche Bandenkriminalität gebe wie beim Rauschgifthandel. Man könne der Sache kaum beikommen. Es fehle das Personal.

In den Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg versucht man, mit Schwerpunktstaatsanwaltschaften für Doping dieses schwer zu überblickende Feld zu kontrollieren. Auch in den anderen 14 Bundesländern wird aktuell überlegt, solche Spezialzuständigkeiten einzurichten. 

Christoph Frank leitet die Schwerpunktstaatsanwaltschaft Freiburg. Doping sei ein soziales Problem, sagt er: „Es gibt einen gesellschaftlichen Wunsch nach Erfolg der nationalen Sportler, und auch die finanzielle Sportförderung des Innenministeriums richtet sich nach Wettkampfergebnissen.“ Ein Teufelskreis. Denn um den Erfolg bis in den Profisport bieten zu können, werde schon auf niedrigen Niveaus gedopt. Wer aufsteigen will, hilft nach.

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Gesundheit von dopenden Breitensportlern besonders gefährdet

Das sei bei Breitensportlern besonders riskant. Profis werden von Ärzten betreut, die über Risiken aufklären und den Unterschied zwischen gepanschten Präparaten und Originalen erkennen. Amateure hingegen betreiben „Eigenmedikation“: Sie spritzen und dosieren auf eigene Verantwortung.

Laut Dopingforscher Perikles Simon dopen allein im Kraftsport rund eine Million Menschen in Deutschland. Das ist jeder Neunte. Und da sind Sportarten wie Fußball, Marathon und Triathlon noch nicht eingerechnet. Simon leitet seit 2009 die Abteilung für Sportmedizin der Universität Mainz leitet. Für ihn liegt das Problem in der Priorisierung. „Das Thema Doping muss stärker in den gesellschaftlichen Fokus rücken“, sagt er. Bisher habe sich die öffentliche Aufmerksamkeit vor allem auf Drogen gerichtet.

Das neue Gesetz sei ein richtiger Schritt, um dem Dopingproblem mehr Beachtung zu verschaffen. „Aber viel wichtiger ist die Prävention“, findet Simon. Es müsse ein Bewusstsein entwickelt werden, schon bei den Jugendlichen. Auch für Substanzen, die zwar legal sind, aber trotzdem gefährlich sein können: zum Beispiel Schmerzmittel. Nicht nur, weil sie abhängig machen können. Die Präparate wirken sich auch auf die allgemeine Leistungsfähigkeit aus. Damit ist ein Sportler zwar nicht offiziell gedopt, aber auch nicht wirklich „sauber“.

Orientierung im Dschungel der verbotenen und halb oder noch legalen Substanzen zu finden, ist bisweilen kompliziert. Robert Petzold hält es lieber einfach: Doping lehnt er komplett ab. Der 27-Jährige hat sich auf Radmarathons und 24-Stunden-Rennen spezialisiert. Er hält den Weltrekord im Höhenmeter-Radfahren. Von seinem Sport leben kann er aber nicht. „Um im Profiradsport mitzufahren, fehlen die letzten fünf bis zehn Prozent, und die würde ich nur mit Zusatzstoffen erreichen“, meint er. Petzold findet Dopen „das Allerletzte“ und spricht dementsprechend offensiv Sportkollegen an, von denen er glaubt, dass sie dopen. Er fragt sie ganz direkt per Email oder in den sozialen Medien, manchmal auch während sie sich gemeinsam einen Berg hinauf quälen. Die meist aggressiven bis beleidigenden Reaktionen sprächen für sich, meint Petzold. Keiner gebe zu, dass er dope. „Ich würde für niemanden die Hand ins Feuer legen, außer für mich selbst“, sagt er.

Bodybuilder Worms hoffte damals, genau wie unzählige andere: Dass sie sich mit ein bisschen Doping einen großer Vorteil verschaffen können. Jahrelang sei es möglich gewesen, sich im Internet Dopingsubstanzen selbst zu organisieren, erzählt Worms. Dafür habe man noch nicht mal in die Tiefen des Internets gemusst, ins so genannte „Darknet“. Man bekam „die Originale ganz einfach über eine normale Internetbestellung“ per DHL. Mit „Original“ meint Worms Stoffe, die nicht gepanscht oder gestreckt wurden.

Auch Worms hat sich seine Spritzen selbst verabreicht. Zwar habe er regelmäßig Untersuchungen machen lassen, doch Hinweise oder Warnungen, seine erhöhten Testosteronwerte betreffend, habe es von seinem Arzt nie gegeben. Was hätte der Arzt auch sagen sollen? Wie genau die Folgen von Doping aussehen, ist kaum erforscht. Auch das mag ein Hinweis auf das mangelnde Interesse der zuständigen Instanzen sein. Zahlen zu Arbeitsunfähigkeit oder bleibenden Schäden gibt es nicht. Nachgewiesen ist immerhin, dass Anabolika beispielsweise zu Unfruchtbarkeit, Leberschäden oder auch Krebs führen können.

Benedikt Worms bereut seine Dopingvergangenheit nicht. Aber seinen echten Namen will er in diesem Zusammenhang lieber doch nicht im Internet lesen. Er ist stolz auf das, was er erreicht hat und sieht sein Dopen nicht als illegal an.

CORRECTIV hat bei der größten Bodybuildervereinigung, dem Deutschen Bodybuilding- und Fitness-Verband, angefragt, wie mit Dopingfällen, sowohl im Profi- als auch im Breitensport, umgegangen wird und welche Kontrollen es seitens der Verbände gibt. Auf die Bitte um Stellungnahme hat der Verband auch nach mehrfacher Nachfrage noch nicht mal reagiert.

*Name von der Redaktion geändert.

**Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) ist eine Eingangsstatistik, in der jegliche Straftaten und Gesetzesverstöße, die die jeweiligen LKAs in einem Jahr finden, festgehalten werden. Sie ist nach Schlüsseln, sowie Unterkategorien aufgebaut. Für jedes Bundesland, jeden Kreis und jede Stadt kann die PKS runtergebrochen werden. Seit 2015 gibt es erstmals einen Schlüssel für Doping.

Undercover-Aufnahmen in der Praxis: Der Arzt Júlio César Alves berät Sportler zu Doping.© Screenshot ARD-Dokumentation „Geheimsache Doping - Brasiliens schmutziges Spiel"

Fußballdoping

Dieser Arzt prahlt, die Oberschenkel von Roberto Carlos seien sein Werk

Eine ARD-Dokumentation beleuchtet erstmals, wie verbreitet Doping in Brasilien ist. Im Zentrum steht dabei der Verdacht, dass sich Fußball-Weltmeister Roberto Carlos von einem dubiosen Doktor hat behandeln lassen. Der Arzt, der Sportlern verbotene Substanzen verkauft, macht selbst vor Kinderdoping nicht Halt.

von Jonathan Sachse

Die Dokumentation „Geheimsache Doping — Brasiliens schmutziges Spiel“ ist auf Deutsch und Englisch in der Mediathek der ARD abrufbar.

Im Mittelpunkt der TV-Doku steht ein Dossier, das die brasilianische Anti-Doping-Agentur ABCD im Herbst 2015 an die Staatsanwaltschaft von São Paulo übergeben habe. Auf hunderten Seiten gehe es um die zweifelhaften Praktiken des Arztes Júlio César Alves. Behandlungsbelege, Rezepte und Zeugenaussagen. Auf zahlreichen Seiten sollen sich Dopingbezüge finden, erklären die ARD-Reporter. Ein Patient dieses Arztes habe Fussballstar Roberto Carlos im Juli 2002 in der Praxis gesehen. Wenige Tage nachdem Brasilien mit Carlos das deutsche Team im Finale in Yokohama besiegte. Die Seleção wurde zum fünften Mal Weltmeister.

Konsequenzen hatte der Bericht für Alves und seine Patienten keine. Die Staatsanwaltschaft selber gibt gegenüber der ARD an, den Stand des Verfahrens nicht zu kennen. Die Journalisten nehmen die Spuren des Berichts auf und zeigen in ihrer Dokumentation, wie schwerwiegend die Vorwürfe sind.

Verdeckte Aufnahmen in einer Praxis

Die Journalisten treffen sich gleich mehrmals undercover mit Alves. Sie nutzen dabei verschiedene Identitäten. Sie geben sich aus als an Doping interessierte Sportler und Berater europäischer Profifußballer. Dem vermeintlichen Sportler stellt Alves ein Dopingprogramm zusammen. Vor den Beratern beginnt der Mediziner über seine Kunden zu plaudern.

So gehörten Tour-de-France-Radsportler ebenso zu seinen „Patienten“ wie Profi-Fußballer. Auch aus Europa. Er spricht davon, dass unter seinen Patienten 2013 „zwei Spieler aus der brasilianischen Fußball-Nationalmannschaft“ gewesen seien.

In einer Skype-Schalte mit den vermeintlichen Kunden prahlt er von der Zusammenarbeit mit Roberto Carlos. „Er kam schon mit 15 Jahren zu mir. Ich habe seine Oberschenkel entwickelt“, behauptet Alves. Neben der Zeugenaussage im Dossier, was an die Staatsanwaltschaft ging, ist diese Aussage ein weiterer Beleg, dass der Arzt den Spitzenfußballer Carlos behandelte.

Fußballer Carlos selber wollte sich zu den Vorwürfen gegenüber der ARD nicht äußern und meldete sich erst nach dem Bericht auf seiner Facebook-Seite zu Wort. Er kenne den Arzt nicht und habe sich zu keinem Zeitpunkt künstlich einen Vorteil gegenüber anderen Sportlern verschafft, sagt Carlos.

Hat Alves Kinder gedopt?

Alves scheint selbst vor Kinderdoping nicht zu scheuen. Das beste Alter sei 13 bis 14 Jahre, um mit einer Behandlung anzufangen, sagt Alves im Gespräch mit den verdeckten Reportern. Er verzögere die Pubertät mit Antiöstrogenen. „Dann entwickele ich die Muskeln“, sagt Alves in der Dokumentation. Antiöstrogene werden in der legalen Medizin eigentlich genutzt, um bei Krebspatienten das Wachstum von Tumoren zu hemmen. Eine ehemalige Leichtathletin berichtet, wie sie von Alves gedopt wurde und als 19-jährige die Südamerika-Meisterschaft gewann. Alves hätte ihr auch beigebracht, wie sie Dopingproben verfälsche.

Welche negativen Auswirkungen Doping gerade bei Kindern und im Jugendalter haben kann, verschweigt der Arzt.

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Die Journalisten berichten zudem über eine Fabrik in Paraguay, die sich auf die Produktion von Dopingmitteln spezialisiert hat. Wieder ist eine Scheinidentität der Türöffner. Als „Vertreter europäischer Profifußballer“ bekommen sie eine Führung durch die Produktionsstätte und sehen wie Pillen und Dopingflüssigkeiten im Sekundentakt übers Laufband rollen. Der Geschäftsführer erklärt, zu seinen Kunden würden auch Fußballer aus Brasilien und Argentinien zählen. Physiotherapeuten würden für eine ganze Mannschaft einkaufen. Gerade in der Aufbauphase nach Verletzungen seien die Mittel der Dopingfabrik gefragt.

Der Film zeigt auch, wie löchrig das Kontrollsystem in Brasilien ist. Ein weltweites Problem im Fußball. Auf fussballdoping.de haben wir berichtet, wie lückenhaft die Kontrollen bei der Weltmeisterschaft 2014 und Europameisterschaft 2016 waren. Besonders schlampig scheint es dabei in den höchsten brasilianischen Fußballligen zuzugehen. Die ARD-Journalisten beobachten den Ablauf einer Dopingkontrolle nach einem Spiel des Erstligisten Palmeira. Nach dem Abpfiff können Spieler unbeobachtet zum Kontrollraum laufen, werden während der Kontrolle von Betreuern besucht und bekommen von ihnen Getränke und Essen gereicht. Viele Lücken, die den Fußballern Chancen eröffnen, ihre Probe zu manipulieren.

Obwohl mangelhaft kontrolliert wird, wurden in den vergangenen Jahren immer wieder auch Fußballer positiv getestet. Seit 2003 flogen mindestens zehn Fußballer in den brasilianischen Top-Ligen auf. Darunter prominente Namen, wie Champions League Sieger Deco.

Inzwischen melden Medien, die Welt-Anti-Doping-Agentur habe nach der Ausstrahlung der Dokumentation eine Untersuchung eingeleitet.


Auf fussballdoping.de berichten wir seit 2012 über Doping im Fußball. Haben Sie Hinweise? Kennen Sie Missstände im Sport, die an die Öffentlichkeit gehören? Oder Ideen für Recherchen im Fußball? Dann kontaktieren Sie unseren Reporter Jonathan Sachse.

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Sportmediziner Dr Armin Klümper 1978 in seiner Freiburger Praxis© imago/Horst Müller

Fußballdoping

Wie der VfB Stuttgart Doping organisierte

Eine Vizemeisterschaft mit Hilfe anaboler Steroide. Hunderte Tabletten eines harten Anabolikums bestellt der VfB Stuttgart. Ein neues Gutachten zeigt, wie Sportmediziner der Universitätsklinik Freiburg dabei geholfen haben, Fußballer zu dopen.

von Daniel Drepper , Jonathan Sachse

Diese Recherche veröffentlichen wir gemeinsam mit Zeit Online, dem Kölner Stadtanzeiger und der Pforzheimer Zeitung.

In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre besucht ein Profifußballer die Universitätsklinik Freiburg. In seinem baden-württembergischen Verein sitzt er zu dieser Zeit nur noch auf der Bank, er will zurück in die erste Elf. Er betritt die Abteilung Sport- und Leistungsmedizin von Joseph Keul und Armin Klümper. Beide galten damals unter Athleten als Wunderdoktoren. In Wahrheit dopte Klümper viele Athleten.

Der Fußballer trifft in der Sportmedizin der Universitätsklinik auf einen unbekannten Assistenten Klümpers, der sich zufällig die Mappe des Fußballers greift. Dieser Assistent wendet sich etwa 30 Jahre später an den Sportwissenschaftler Andreas Singler. Der Vorgang war bisher nicht bekannt und findet sich nun anonymisiert in einem Gutachten zur Dopingvergangenheit der Uniklinik Freiburg.

Seit Wochen kündigt die Uni Freiburg auf ihrer Webseite an, dieses Gutachten zu veröffentlichen. Dem gemeinnützigen Recherchezentrum CORRECTIV liegt eine Version des Gutachtens vor. Das Dokument zeigt, wie fließend der Übergang zwischen einfacher sportmedizinischer Betreuung und hartem Doping damals im Spitzenfußball war.

Beratungsgespräch oder Dopinganreiz?

Herz-Kreislauf-Check, Blutbild, Ultraschall – der Fußballer durchläuft in der Universitätsklinik das Standardprogramm. Die Auswertung zeigt keine ungewöhnlichen Werte. Im Patientenzimmer lässt sich der Fußballer über leistungssteigernde Mittel aufklären. Eine Dreiviertelstunde dauert das Gespräch. Dem Arzt wird klar, dass der Spieler mit Infusionen bereits vertraut ist. Vitamin- und Elektrolytpräparate hat er bereits erhalten. Was gibt es noch?

Fußballer und Arzt kommen auf Anabolika zu sprechen. Anabole Steroide beschleunigen den Muskelaufbau. Besonders nach Verletzungen hilft es Sportlern, schneller wieder auf dem Platz zu stehen. Der Arzt beantwortet Fragen des Fußballers zu Anabolika, klärt über positive Wirkungen auf und potentielle Nachteile. Durch den Mediziner erfährt der Fußballer, warum gerade Bodybuilder auf Anabolika setzen. Nach dem Gespräch weiß der Fußballer, wie er Anabolika anwenden müsste. Ein Rezept oder eine Spritze erhält er nicht. Was er mit dem neu erlernten Wissen anfängt, nachdem er die sportmedizinische Abteilung verlässt, ist nicht bekannt.

Die Aussagen geben einen Einblick in die Arbeit der Universitätsklinik Freiburg, die offenbar jahrzehntelang das Zentrum westdeutschen Dopings war. Mittlerweile ist bekannt, dass solche Gespräche Athleten oft nicht abgeschreckt, sondern eher motiviert haben zum Dopen.

Anabolika zur Stuttgarter Vizemeisterschaft

Bereits im Frühjahr 2015 beschrieb der Dopingexperte Andreas Singler in einem Vorabbericht, wie der VfB Stuttgart und der SC Freiburg Anabolika für ihre Spieler gekauft hatten. Spätestens seitdem ist belegt, dass auch Fußballer über Doktor Klümper leistungssteigernde Mittel bekamen. In seinem neuen Gutachten beschreiben Singler und seine Mitarbeiterin Lisa Heitner die Details.

Der Sportwissenschaftler Singler gehörte zur mittlerweile aufgelösten Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin. Auf 24 Seiten geht es nun ausschließlich um systemische Manipulationen im Fußball. Wieder stehen die Vereine VfB Stuttgart und SC Freiburg im Zentrum.

Das Jahr 1978 war ein wichtiges Jahr für den VfB Stuttgart. Zuvor spielten die Stuttgarter zwei Jahre nur zweite Liga. Nach dem Wiederaufstieg landete der VfB gleich auf Platz vier in der Bundesliga. Im Jahr darauf, 1978/79, wollten die Stuttgarter unbedingt um die Meisterschaft mitspielen. Helfen sollten dabei Karlheinz Förster, Hansi Müller und Dieter Hoeneß. Und Anabolika, besorgt bei Doktor Armin Klümper von der Uni Freiburg.

Bekannt ist mittlerweile, dass Hansi Müller und Karlheinz Förster nach ihrer aktiven Zeit Geld für Armin Klümper sammelten. Sie gründeten einen Förderverein für Klümper. Die Zusammenhänge erschließen sich erst jetzt. Die ehrenamtlichen Sammeldienste dürften mit den Erfahrungen verbunden sein, die die Spieler zu ihrer aktiven Zeit mit Klümper sammelten.

Bereits in seinem ersten Gutachten schrieb Singler, dass Stuttgart und Freiburg damals Anabolika an der Universitätsklinik Freiburg bestellten. Spannend sind die Details. Erst jetzt, im neuen Gutachten, wird die genaue Lieferstruktur erklärt.

Doping über den Masseur

Einer Version des neuen Gutachtens zufolge lief es in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren vermutlich so: Ein Masseur des Vereins bestellte Medikamente bei der Universitätsklinik Freiburg. Die Lieferung an das Team lief über eine von zwei Apotheken, die Klümper regelmäßig nutzte. Von dort landete auch die Rechnung beim Verein. Diese Belege waren es, die ab 1984 eine Sonderkommission des baden-württembergischen Landeskriminalamtes in zwei Strafverfahren besonders interessierten. Auf den Listen tauchen mehrere Medikamentenlieferungen an den VfB Stuttgart mit dopingrelevanten Stoffen auf. Darunter das Anabolikum Megagrisevit.

Für den VfB Stuttgart begann die Saisonvorbereitung im Sommer 1978 mit einem Trainingslager in den USA. Für die Reise über den Atlantik bestellte der Verein ein großes Paket Megagrisevit. Auf einer Rechnung aus dem Zeitraum sind 600 Tabletten anabole Steroide gelistet, wie Singler in seinem neuen Gutachten schreibt. Nach Einschätzung von Singler hätten damit 20 Spieler im Trainingslager ohne Problem täglich mit je einer Anabolika-Tablette versorgt werden können. Eine weitere Lieferung Anabolika wurde kurz nach Saisonstart im August abgerechnet. Die nächste Rechnung stammt aus der Vorbereitungsphase für die Rückrunde. Diesmal sind es 400 Tabletten Megagrisevit. Das hätte gereicht, um 20 Spieler über zwei Woche täglich versorgen zu können.

Für den VfB Stuttgart war es eine erfolgreiche Saison. Am Ende fehlte nur ein Punkt auf Meister Hamburger SV. Dieter Hoeneß schoss 16 Tore.

Verbindungen zu Doping auch beim SC Freiburg

Der SC Freiburg spielte zur gleichen Zeit eine Klasse tiefer. Prominentester Name damals im Kader: Joachim Löw. In der Saison 1979/80 ist Löw mit 14 Toren erfolgreichster Torschütze im Team. Haben auch die Breisgauer mit Anabolika nachgeholfen? Das legen zumindest die Akten der Staatsanwaltschaft Freiburg nahe, mit denen das Gutachten der Freiburger Dopingkommission arbeitet. Für August 1979 gibt es einen Beleg für eine Anabolikalieferung von Armin Klümper an den SC Freiburg – allerdings über einen geringen Betrag.

Joachim Löw hatte im Jahr 2015 im ZDF-Sportstudio zugegeben, dass er „das ein oder andere Mal“ die Dienste von Klümper genutzt habe. Löw will nicht immer genau gewusst haben, was er von Klümper verabreicht bekam. Er schloss allerdings aus, wissentlich gedopt zu haben.

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Das neue Gutachten von Singler erinnert daran, dass der erste offizielle Dopingfall im deutschen Fußball in Freiburg ans Licht kam. Der damalige Ersatztorwart Gerd Sachs bekam 1992 nach einer Verletzung von einem Arzt Anabolika gespritzt. Der Arzt soll angeblich nichts mit dem SC Freiburg zu tun gehabt haben. Das fand damals nicht der DFB heraus, sondern der SC Freiburg selbst. Torhüter Sachs wurde nicht mehr eingesetzt und nach Regensburg abgegeben. Den Dopingfall machte der Verein unter dem damaligen Trainer Volker Finke allerdings erst zwei Jahre später öffentlich.

Infusionen in englischen Wochen

Es sind noch wesentlich aktuellere Dopingbezüge bekannt. Ein wichtiger Name: Andreas Schmid. Der war als Arzt der Universitätsklinik in Freiburg am Doping des Team Telekom um Jan Ullrich beteiligt. Auf Anfrage von CORRECTIV schreibt die Universitätsklinik Freiburg, Schmid sei seit 1998 fast ein Jahrzehnt für den SC Freiburg tätig gewesen. Dabei hätte Schmid als Mannschaftsarzt Spieler des SC Freiburg in der Uniklinik Freiburg behandelt. Damaligen Beteiligten zufolge soll es sich dabei jedoch ausschließlich um die Leistungsdiagnostik der Spieler gehandelt haben, drei Mal im Jahr. Mit Doping soll Schmid bei den Fußballern des SC Freiburg angeblich nichts zu tun gehabt haben.

Als das organisierte Doping des Team Telekom 2006 aufflog, weigerte sich der SC Freiburg zunächst, sich von Doping-Arzt Schmid zu trennen. Erst im Mai 2007 beendete der Verein die Zusammenarbeit dann doch. Ein Ermittler des Bundeskriminalamtes, der am Telekom-Doping-Skandal arbeitete, schrieb 2008 an die Staatsanwaltschaft Freiburg: „Es drängt sich der Verdacht auf, dass auch beim SC Freiburg gedopt wurde.“

Der Ermittler bezieht sich dabei auf einen Brief aus der medizinischen Abteilung des Vereins an den damaligen Trainer Volker Finke. Im Brief erklärt ein ärztliche Betreuer seinen Rücktritt. Er kritisiert „gefährliche intravenöse Therapien“ beim SC Freiburg. Besonders in englischen Wochen hätte es Infusionen gegeben. In einem Fall sollte er einem Spieler eine Infusion mit einer Diclofenac-Lösung geben. Das sei in Deutschland wegen möglicher lebensbedrohlicher allergischer Reaktionen verboten gewesen. Deswegen hätte er eigenmächtig auf eine andere, ungefährliche Infusion gesetzt. Der Brief wurde auf einer DVD bei einer Hausdurchsuchung von Doping-Arzt Andreas Schmid gefunden.

Die Staatsanwaltschaft Freiburg beendete die Ermittlungen, nachdem der ärztliche Betreuer nach seinem Rücktritt beim SC Freiburg in einem Gespräch im Oktober 2008 davon sprach, „in fast achtjähriger Zusammenarbeit“ nie irgendwelche Hinweise erhalten zu haben, dass Schmid Spieler gedopt habe. Der Spieler, der die fragliche Infusion bekam, spielte zum Zeitpunkt des Verhörs schon nicht mehr beim SC Freiburg. Ein Beteiligter von damals weist darauf hin, dass Infusionen zum damaligen Zeitpunkt, also vor 2005, noch erlaubt gewesen seien, es sich also nicht um Doping handelte.

VfB Stuttgart und SC Freiburg gaben Archive frei

Die Universitätsklinik Freiburg hat auf Anfrage von CORRECTIV nicht beantwortet, ob auch Fußballer an der Universität gedopt wurden. Die Pressestelle verwies auf die noch ausstehenden Gutachten der ehemaligen Evaluierungskommission. Außer den hier beschriebenen Ergebnissen, dürften darin keine weiteren Erkenntnisse zum Fußball stehen.

Auch den SC Freiburg und den VfB Stuttgart hat CORRECTIV mit den im Gutachten beschriebenen Vorgängen konfrontiert. Der SC Freiburg bestätigte, dass Andreas Schmid von 1998 bis 2007 für den SC Freiburg gearbeitet hat. Die konkrete Frage, ob Spieler gedopt wurden, beantwortete der SC Freiburg auch auf Nachfrage nicht und verwies wie die Universitätsklinik Freiburg auf die ausstehenden Gutachten. Der SC Freiburg habe für die Untersuchungen der Universität sein komplettes Archiv zur Verfügung gestellt, schreibt Fritz Keller, Präsident des SC Freiburg, auf Anfrage von correctiv.org. Keller sitzt schon seit 1994 im Vorstand des Vereins und schreibt, der SC Freiburg sei an einer vollständigen Aufklärung interessiert.

„Wir lehnen jegliche Form von Doping ab”, sagt Tobias Herwerth, Pressesprecher des VfB Stuttgart auf unsere Anfrage. Der VfB hätte alles offen gelegt. Beim Austausch mit der Evaluierungskommission hätte der Verein seinen Mannschaftsarzt und den Archiv-Beauftragen einbezogen.

Korrektur 26. Oktober: In einer früheren Version des Artikels haben wir an mehreren Stellen verkürzt von der Uni Freiburg gesprochen. Um Missverständnisse auszuräumen, haben wir im Text jetzt deutlicher zwischer der Uni Freiburg und der Universitätsklinik Freiburg unterschieden.

Update, 25. November: Nach einem weiteren Gespräch mit einem Insider beim SC Freiburg haben wir einige Textpassagen, die sich auf den SC Freiburg bezogen, ein wenig abgeschwächt. Über weitere Gespräche und Informationen freuen wir uns.


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Im Müll vor dem Hotel der Ukraine: Schmerzmittel, Entzündungshemmer, Infusionsbesteck, Kapitänsbinde, Schnapsflaschen.© Jannik Jürgens

Fußballdoping

Entzündungshemmer im EM-Quartier

Viele Fussballspieler nehmen vor wichtigen Spielen starke Schmerzmittel und Entzündungshemmer. Die Präparate tauchen nicht in der Liste der verbotenen Dopingmittel auf. Pharmakologen und Sportmediziner warnen dennoch vor den Nebenwirkungen und dem vorbeugenden Gebrauch dieser Präparate. Zum Müll der deutschen Nationalmannschaft war kein Durchkommen.

von Daniel Drepper , Jonathan Sachse , Jannik Jürgens

Diese Recherche erscheint ebenfalls auf „SpiegelOnline“, im „Tagesspiegel“, der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, der „Deutschen Apotheker Zeitung“, in der „Hamburger Morgenpost“,  11freunde, im „Deutschlandfunk“ und in internationalen Medien wie Watson (Schweiz), Slate (Frankreich) und Interia Sport (Polen).

[Update 5. Juli: Die Uefa hat nach Aussagen der NADA Ermittlungen zu dem Medikamentenfund bei der Ukrainischen Nationalmannschaft begonnen. Dabei würden auch die Polizeidienststellen in Frankreich eine Rolle spielen. Auf Anfrage von CORRECTIV wollte sich die Uefa dazu nicht konkret äußern, dementierte die Meldung aber auch nicht. Die Pressestelle schrieb uns nur: „Die UEFA steht im engen Kontakt mit den zuständigen französischen Behörden.“]

[Update 1. Juli: Als Reaktion auf unsere hier aufgeführte Recherche hat die Nationale Anti-Doping Agentur (NADA) den europäischen Fußballverband (Uefa) kontaktiert. Das bestätigt NADA-Geschäftsführer Lars Mortsiefer auf Anfrage von Correctiv.org. In dem Schreiben fordert die NADA die Uefa dazu auf, eine Stellungnahme vom ukrainischen Fußballverband einzuholen. Spannend ist zum Beispiel die Frage, wer im Team eine Infusion benötigt hat und ob dabei nicht die erlaubte Grenze von 50ml überschritten wurde. Die Ukraine zählt zu den drei Ländern bei der Euro 2016, mit denen die Uefa keinen Anti-Doping Kooperationsvertrag fürs Turnier unterzeichnet hat, weil die zuständige Behörde vor Ort derzeit umstrukturiert wird.]


In einem Mülleimer vor dem Hotel der ukrainischen Nationalmannschaft haben wir einen Sack mit 14 Medikamenten, Spritzen und Infusionsbesteck gefunden, dazwischen lag die Kapitänsbinde mit dem Schriftzug „No to racism – Respect“, die die Spielführer aller Mannschaften bei dieser EM tragen. Bei den Medikamenten fallen sechs verschiedene Schmerzmittel und Entzündungshemmer auf. Sie lassen darauf schließen, dass der Einsatz von Medikamenten im Fußball verbreitet ist.

Auf der Liste verbotener Dopingmittel stehen die Präparate nicht. Der Einsatz von Spritzen ist allerdings zum Beispiel im Radsport schon seit fünf Jahren verboten. Im Radsport gilt seit den großen Dopingskandalen eine No-Needle-Policy, keine Nadeln ohne klaren medizinischen Zweck. Pharmakologen warnen zudem vor dem bedenkenlosen Einsatz von Schmerzmitteln und Entzündungshemmern.

Das Mannschaftshotel der Ukraine in Aix-en-Provence liegt an einer wenig befahrenen Straße. Hier stellen die Hotelangestellten abends den Müll raus. Zwei große Tonnen sind bis oben hin mit Säcken gefüllt. Das Küchenpersonal macht Zigarettenpause, nur wenige Meter entfernt.

Eine Hand mit Plastikhandschuh greift in eine Mülltonne.

In in Aix-en-Provence beginnt unsere Suche. Insgesamt ist CORRECTIV zu fünf Nationalteams gereist und wollte dort den Müll untersuchen.

Jannik Jürgens

Am Abend zuvor, dem 21. Juni 2016, hat die Ukraine das letzte Gruppenspiel gegen Polen mit 1:0 verloren und dann direkt den Rückflug nach Kiew genommen. In ihrem Hotel in Aix-en-Provence war das  Team zum letzten Mal rund 24 Stunden vor Anpfiff. Jetzt erinnern noch zwei Übertragungswagen des ukrainischen Fernsehens an die Präsenz der Fußballer.

Und der Müll, den sie hinterlassen haben: Wir finden benutzte Spritzen, Medikamentenpackungen und kleine Ampullen, gefüllt mit einer klaren Flüssigkeit. Die Medikamente sind kyrillisch bedruckt, auf russisch und ukrainisch (siehe Foto). Außerdem kommen eine blaue Kapitänsbinde der Uefa, ein Aufwärmshirt, eine Liste mit der Zimmerbelegung der ukrainischen Spieler und mehrere leere Flaschen Schnaps zum Vorschein.

Eine Medikamentenpackung mit der Aufschrift Magnesiumsulfat

Kein Doping: Magnesiumsulfat hilft gegen Verstopfung

Jannik Jürgens

Bei keinem der gefundenen Medikamente handelt es sich um eine Substanz, die auf der Liste verbotener Dopingmittel steht. Das bestätigt der Sprecher des Kölner Zentrums für präventive Dopingforschung Mario Thevis. Es handelt sich in erster Linie um Entzündungshemmer wie Diclofenac-Natriumlösung und Nimesulid. Außerdem ist Diphenhydramin dabei, ein Antiallergikum, das auch als Schlaf- und Beruhigungsmittel eingesetzt wird. Wir finden auch eine Sorbex-Packung: Kohletabletten, die den Körper entgiften sollen. Außerdem Glucose-Infusionsbeutel. Wie ist diese Mischung an Substanzen zu bewerten?

„Glucose-Infusionen sind nur in Notsituationen sinnvoll“, sagt Perikles Simon, Leiter der Sportmedizin an der Universität Mainz. Verboten ist eine Infusion generell ab einer Menge von mehr als 50 Milliliter (ml). Zudem darf innerhalb von sechs Stunden jeweils nur eine Infusion verabreicht werden. Im Müll der Ukrainer lagen zwei leere 50ml-Beutel Glucose-Infusion.

Zwei leere 50 Milliliter Glucose-Infusionsneutel und Infusionsbesteck

Im Müll vorm Hotel der Ukrainer: Zwei leere 50ml Glucose-Darnitsa-Beutel mit Infusionsbesteck

Jannik Jürgens

Dopingexperte Simon kann sich nur wenige Ausnahmesituationen vorstellen, in denen eine solche Infusion angebracht ist: „Das kann für einen Diabetiker gelten, der an Unterzuckerung leidet oder einen Marathonläufer im absoluten Erschöpfungszustand.“ Aber für junge, gesunde Profi-Fußballer? Für die könnten solche Infusionen nur dann Sinn ergeben, wenn sie zum Beispiel in extremer Hitze spielen und akut den Zuckerspeicher im Körper aufstocken müssten. Davon kann in Frankreich aber keine Rede sein. In der Vergangenheit sind Dopingfälle in Verbindung mit Glucose bekannt geworden, weil bei der Infusion Glucose mit Insulin gemischt wurde. Das wäre verboten, sagt Simon. Ein Hinweis auf ein Insulin-Präparat fand sich im Müll der Ukrainer aber nicht.

Der ukrainische Fussballverband wollte sich auf Anfrage von CORRECTIV nicht zu dem Fund im Müll des Mannschaftshotels äußern. Auch die ukrainische Anti-Dopingbehörde, die Welt-Anti-Doping-Agentur und die Uefa ließen entsprechende Anfragen unbeantwortet.

Alle Medikamente auf einem Tisch ausgebreitet. In der Mitte liegt die blaue Kapitänsbinde der Ukrainer

In der Tonne der Ukrainer fanden wir 14 verschiedene Medikamente, Spritzen und Infusionsbesteck

Jannik Jürgens

Neben der Glucose-Infusion fallen vor allem die vielen starken Schmerzmittel auf. Im Müll der Ukrainer fanden wir sechs unterschiedliche Präparate. „Der Begriff Schmerzmittel wäre eine Verharmlosung“, sagt der Heidelberger Pharmakologe Ulrich Schwabe, dem wir den Fund präsentiert haben. „Die Wirkung der Mittel ist entzündungshemmend.“ Schwabe war Mitglied der ersten Freiburger Dopingkommission, die die Vergabe leistungsfördernder Mittel durch Mitarbeiter der Universität Freiburg untersuchte. Er betont, dass die bei den Ukrainern gefunden Entzündungshemmer auch ein Nebenwirkungspotenzial haben. Wichtig sei, dass die Mittel nicht vorbeugend und nur unter ärztlicher Anordnung genommen werden, sagt Schwabe.

Vor den Nebenwirkungen warnt auch der Mainzer Dopingexperte Perikles Simon. Gerade die leichten Schmerzmittel wie Paracetamol oder Diclofenac seien für rund 1.700 Todesfälle pro Jahr in Deutschland verantwortlich, sagt er. „Das passiert, weil die Leute nicht genügend über Nebenwirkung wissen“, sagt Simon. Viele Menschen wüssten zum Beispiel nicht, dass es nichts bringe, mehr als eine Tablette zu nehmen. „Leber und Niere können langfristig geschädigt werden. Die Mittel können spontane Blutungen im Magen-Darm Trakt auslösen“, sagt Simon.

Den Direktor des Instituts für Sportwissenschaft an der Universität Tübingen, Ansgar Thiel, überrascht der offensichtlich massive Einsatz von starken Medikamenten bei der Fussball-Europameisterschaft nicht. Thiel forscht seit Jahren zum Gesundheitsmanagement von Spitzensportlern. „Krank oder gesund ist im Sport keine medizinische Diagnose, sondern die Frage, ob Sport möglich ist oder nicht“, sagt Thiel. „Das medizinische Personal im Sport übernimmt diese Denklogik. Es geht nicht ums Heilen, sondern ums Reparieren.“

Ein internationales Turnier sei eine solch seltene Gelegenheit, da werde alles getan, um den Körper fit zu halten. „Solange Mittel nicht auf der Dopingliste stehen, haben die Sportler kein Unrechtsbewusstsein.“ Im Spitzensport herrsche eine Kultur des Schmerzes. Schon junge Sportler lernten, dass Schmerz kein Warnsignal sei, sondern überwunden werden muss. Die Kontrolle über das eigene Schmerzempfinden werde mit der Zeit häufig an den Trainer und die Betreuer abgegeben. „Der Trainer sagt, wann es nicht mehr geht. Nicht der Spieler.“

Insgesamt hat CORRECTIV die Hotels von fünf EM-Teams aufgesucht, darunter die von drei Viertelfinalisten. Neben der Unterkunft der Ukraine waren wir am Quartier der Schweizer Mannschaft und der Isländer. Dort haben wir keine verdächtigen Medikamente im Müll gefunden. Die Müllcontainer der Italiener und der deutschen Mannschaft waren nicht zugänglich.

Absperrgitter vor einem Hotel. Zwei Männer bewachen den Eingang.

Wie kommt der Müll aus dem italienischen Hotel? Die städtischen Müllwagen kommen nicht an die Tonnen ran.

Jannik Jürgens

Die Teams haben zum Teil spezielle Vorkehrungen getroffen. Beispiel Italien: Die reguläre Müllabfuhr der Stadt Montpellier hat in den vergangenen drei Wochen nicht einmal das italienische Hotel angefahren. Die Müllmänner durften sich angeblich aus Sicherheitsgründen dem Hotel nicht nähern, sagte eine Mitarbeiterin des „Courtyard Marriott“ Hotels, in dem die italienischen Fussballspieler übernachten.

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Die Schweizer haben ihr Hotel in Juvignac, einem Vorort von Montpellier. Dort ist der Müll nur über einen umzäunten Parkplatz erreichbar. Rund 400 Kilometer nördlich liegt die Stadt Annecy am Fuße der Alpen. Hier hat mit Island die Überraschungsmannschaft des Turniers sein zentrales Lager. Die Polizei ist auch am „Hotel les Tresoms“ der Isländer auffällig präsent. Als unser Reporter ein Müllhäuschen am Personalparkplatz betritt und die ersten zwei Säcke anschaut, vergeht kaum eine Minute, bis der Sicherheitsdienst erscheint. Wenig später steht ein halbes dutzend Polizisten um ihn herum. Sie nehmen seine Personalien auf.

Ein Polizeiauto steht vorm Eingang des Hotels der isländischen Nationalmannschaft

Ständig bewacht: Das Hotel und der Müll der Isländer

Jannik Jürgens

Am Mittwoch dieser Woche reiste unser Reporter nach Evian zur deutschen Mannschaft, die im dortigen Luxushotel „Ermitage“ einquartiert hat. Von den fünf besuchten Mannschaftshotels ist das deutsche Hotel am besten abgeriegelt. Das Hotel ist von großen Sichtschutzwänden umgeben. Die Mülltonnen sind hier noch nicht einmal in Sichtweite.

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Bei der Tour de France hatte die französische Anti-Doping-Behörde AFLD vor einigen Jahren noch aktiv die Mülleimer mehrerer Radteams durchsucht. Damals hatten die Dopingfahnder verschiedene Dopingpräparate gefunden. Auf eine Anfrage von correctiv.org, ob die Behörde auch bei der Fußball-EM den Müll der Teams durchsucht, hat die AFLD bislang nicht geantwortet.

Es gibt zahlreiche Hinweise, dass die Einnahme von Medikamenten im Fußball weit verbreitet ist. In den vergangenen Jahren haben verschiedene Studien des Weltverbandes Fifa gezeigt, wie exzessiv Fußballer Schmerzmittel und andere Medikamente einsetzen.

Bei der WM 2014 in Brasilien schluckten zwei von drei Spielern mindestens einmal im Turnier Medikamente, davon nahmen 40 Prozent vor jedem Spiel etwas. Bei einem Team hatte sogar jeder einzelne Spieler während des Turniers Medikamente genommen, darunter auch Ersatzspieler, die nicht eine einzige Minute auf dem Feld standen. In diesem Team hatte jeder Spieler im Schnitt fast fünf verschiedene Medikamente genommen, schreibt die Fifa in einem Bericht. Zwei Spieler hatten sogar neun verschiedene Medikamente in den 72 Stunden vor dem Anpfiff genommen. Dabei betreffen diese Statistiken nur die offiziell dokumentierten Mittel, die jede Mannschaft an die Fifa melden muss.

Am beliebtesten waren dabei mit großen Abstand verschiedene Schmerzmittel und Entzündungshemmer. Jeder zweite Spieler griff zu diesen Präparaten. Je länger das Turnier dauerte, desto mehr Medikamente bekamen die Spieler. Das beliebteste Mittel war Diclofenac. Die Fifa untersucht seit 2002 systematisch, welche Mittel die Spieler bei großen Turnieren nehmen. Selbst bei den Junioren-Weltmeisterschaften, von der U-20 bis runter zur U-17, nahmen 43 Prozent mindestens einmal während des Turniers Schmerzmittel.

Immer wieder wird die Frage diskutiert, ob die Welt-Anti-Doping-Agentur Schmerzmittel nur mit Genehmigung zulassen sollte und alles andere als Doping werten müsste. Schließlich hätten Fußballer ohne Schmerzmittel oft nicht die Chance über ihre normale Leistungsfähigkeit hinaus zu gehen oder könnten teilweise vor Schmerzen gar nicht auf dem Platz stehen. Bislang spricht sich die Welt-Anti-Doping-Agentur gegen eine härtere Kontrolle oder ein Verbot von Schmerzmitteln aus.




Mitarbeit: Annika Jöres, Margherita Bettoni

Von den Dopingkontrollen bekommen die Fans bei der EM in der Regel nichts mit.© by Kuchel

Fußballdoping

EM 2016: Lücken bei Doping-Kontrollen

Der europäische Fußballverband spricht von den umfangreichsten Dopingkontrollen der Geschichte. Tatsächlich hat sich das Programm verbessert. Dennoch gibt es weiterhin Lücken: Die Spieler werden nur selten kontrolliert, bei Missbrauch gibt es für die Mannschaft kaum Sanktionen, und am Ende entscheidet die Uefa selbst, ob Doping-Ergebnisse veröffentlicht werden.

weiterlesen 4 Minuten

von Jonathan Sachse

Am 30. Mai im schweizerischen Trainingslager in Ascona war es wieder soweit: Die Dopingkontrolleure schauten bei der Nationalmannschaft vorbei. Und der DFB berichtete auf Facebook und Twitter. Gleich acht Spieler hätten eine Urin- und Blutprobe abgeben müssen. Kontrollen als positive PR-Botschaft. Seht her, wir haben nichts zu verbergen.

Seit Januar und bis zum Turnierbeginn kontrollierte die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) alle Spieler im EM-Kader der deutschen Nationalmannschaft im Schnitt zwei bis drei Mal. Einige Spieler sind in der Champions League und der Europa League zusätzlich vom europäischen Fußballverband (Uefa) getestet worden, teilt die Nada auf Anfrage mit.

Kurz vor Turnierbeginn gab die Uefa eine Pressemitteilung heraus und sprach vom umfangreichsten Anti-Doping Programm in der Geschichte der EM. Tatsächlich hat sich im Vergleich zu früheren Europameisterschaften einiges verbessert. Bei der EM 2008 gab es noch keine Trainingskontrollen, 2012 wurde jedes Team nur einmal in den Wochen vor Turnierbeginn von Kontrolleuren besucht. Solche offensichtlichen Lücken kann sich die Uefa nicht mehr erlauben, seitdem das Thema Doping im Fußball immer mehr öffentlich thematisiert wird.

Was hat sich konkret verbessert?

Die Uefa kooperiert seit diesem Jahr mit den nationalen Anti-Doping-Agenturen, in Deutschland ist das die Nada. Der Fußballverband und die Anti-Doping-Agenturen können auf eine gemeinsame Datenbank zugreifen. Dort werden die biologischen Daten der Spieler gesammelt. Uefa und Anti-Doping-Agenturen stimmen zudem ab, wann kontrolliert wird, damit die Kontrolleure nicht gleichzeitig auftauchen und Spieler gleich mehrere Becher mit Urin füllen müssen.  

Eine Ausnahme bilden drei Länder, mit denen keine Kooperationen abgeschlossen wurden: Russland hat nach den Dopingskandalen, die auch den Fußball betreffen, keine eigene lizenzierte Anti-Doping-Behörde mehr. Die britische Anti-Doping Behörde übernimmt dort die Kontrollen. Mit der Ukraine gibt es auch keinen Vertrag, weil die Agentur laut Uefa „interne Probleme“ habe und Albanien hat ebenfalls keine unabhängige Agentur. Dort ist das Sportministerium für die  Dopingkontrollen im Land zuständig. Durch die Kooperationsverträge mit den restlichen 22 nationalen Agenturen (NADOs) entstehen auf den ersten Blick beeindruckende Zahlen: Seit Januar haben die NADOs und die Uefa insgesamt 1278 Proben genommen. 

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Warum reicht das nicht?

Das entspricht  639 Tests, da bei jeder Kontrolle zwei Proben (A und B) genommen werden. An der Europameisterschaft nehmen 552 Spieler teil. Die genauen Namen der Teilnehmer sind aber erst seit dem 1. Juni bekannt. Deshalb war der Kreis, der im Vorfeld für Kontrollen in Frage kommenden Spieler, größer als 552 Personen. Das reduziert die Zahl der Kontrollen pro EM-Teilnehmer deutlich. Im Schnitt wurden die Spieler seit Jahresbeginn also vermutlich weniger als einmal getestet. Es gab weitere 437 Tests rund um die Champions League und Europa League Spiele. Wie viele EM-Spieler bei diesen Kontrollen getestet wurden, wissen wir nicht.

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Mit der Saison 2015/16 hat die Uefa begonnen, zentrale Blutwerte für einen biologischen Pass zu sammeln. Wada, Uefa und die NADOs haben Zugriff auf die Blut- und Hormonprofile in der Datenbank. Von den 639 genommenen Kontrollen, die seit Januar genommen wurden, fließt allerdings nur jede vierte Kontrolle in das Passprogramm ein.

Was passiert seit Turnierbeginn?

Bei den Kontrollen während des Turniers hat sich im Vergleich zu früheren Jahren nicht viel verändert. Bei allen 51 Spielen müssen nach Abpfiff zwei Spieler aus jeder Mannschaft zur Kontrolle. Jeder Spieler hat einen Aufpasser, den Chaperon, an seiner Seite, der ihn vom Platz bis zur Kontrolle begleitet, wo er Blut- und Urinproben abgeben muss. In der Regel werden diese Spieler ausgelost. Nur in Sonderfällen werden Spieler ausgesucht. Anders im Training: Dort werden gezielt Spieler kontrolliert. Die russischen Spieler sollen deshalb kurz vor Turnierbeginn regelmäßig Besuch von den Kontrolleuren bekommen haben. 

Ein zentrales Problem bleibt weiterhin bestehen: Die Uefa ist Herr des Verfahrens. Während der EM muss jeder Test mit dem europäischen Verband abgestimmt werden und sie ist zuständig für das Ergebnismanagement. Die Uefa entscheidet also, was mit auffälligen Tests passiert. Dadurch bleibt das Kontrollsystem im letzten, entscheidenden Schritt nicht unabhängig.

Was passiert bei einem positiven Test?

Gut ist, dass Kontrollen deutlich schneller analysiert werden können. Alle Proben werden von der französischen Anti-Doping Agentur (Afld) in Châtenay-Malabry analysiert. Urin-Proben sollen dort in zwei Tagen und Blutproben in wenigen Stunden ausgewertet werden, sagt die Direktorin der Afld. Bevor ein Spieler zum nächsten Spiel antritt, gibt es also immer schon das Testergebnis. Bei der vergangenen Weltmeisterschaft in Brasilien dauerte die Analyse noch mehrere Tage, weil die Proben um die halbe Welt geflogen wurden.

Sollte es eine positive A-Probe geben, muss sich der Spieler innerhalb weniger Stunden entscheiden, ob er die B-Probe analysieren lassen möchte oder einen positiven Test akzeptiert. Normalerweise haben Spieler für diese Entscheidung eine Woche Zeit. Bei der EM wird innerhalb von zwölf Stunden die B-Probe analysiert.

Ein Dopingverstoß hat für die Mannschaften keine Konsequenzen. Erst wenn drei Spieler in einem Team positiv getestet werden, wird über Punktabzug oder Turnierausschluss entschieden. Ein solches Szenario ist eher unwahrscheinlich.

Was passiert nach der EM?

Die EM-Proben sollen nur vier Jahre gelagert werden. Das ist sehr kurz. Dopingproben dürften bis zu zehn Jahre in Kühlkammern aufbewahrt werden. Oft werden erst viele Jahre später neue Tests entwickelt, um neue Dopingsubstanzen zu finden. Wie effektiv Nachkontrollen sein können, haben zuletzt erst die Nachkontrollen der olympischen Spiele in Großbritannien 2012 und zuvor in China 2008 gezeigt, die mit vielen positiven Tests endeten. Auf Anfrage teilt die Uefa mit, dass das medizinische Komitee dem UEFA-Exekutivkomitee vorschlagen möchte, die Lagerzeit auf zehn Jahre auszubauen. Diese Entscheidung soll aber erst in einigen Wochen fallen.

Undercover-Aufnahmen von Dopingarzt Mark Bonar© Scrrenshot aus einem WDR-Beitrag im Magazin „Sport Inside“

Fußballdoping

Doping is coming home

Systematisches Doping im Mutterland des Fußballs? Die „Sunday Times“ und ARD haben am Sonntag darüber berichtet. Seitdem rollt auf den englischen Sport ein riesiger Dopingskandal zu. Im Zentrum stehen zwei Personen: Ein britischer Arzt, der von seinem Dopingnetzwerk schwärmt. Und ein Fitnesscoach, der Profis in der Premier League betreut.

von Tobias Ahrens

Ist Dr. Mark Bonar nun ein Aufschneider oder ein systematischer Doping-Arzt? – Diese Frage wird diskutiert, seitdem die „Sunday Times“ und ARD/WDR die Videoaufnahmen aus einem Londoner Behandlungszimmer veröffentlichten. 150 Klienten habe er mit Doping behandelt, sagt darin der Gynäkologe Bonar. Neben Radsportler, Boxern, Tennisspielern gehörten angeblich auch Fußballprofis der englischen Premier League zu seinem Kundenstamm.

In dem verdeckten Video nennt Bonar die Namen der englischen Klubs FC Arsenal, FC Chelsea, Birmingham City und des amtierenden Spitzenreiters Leicester City. In dem gleichen Gespräch soll Bonar auch ausdrücklich Namen von einzelnen Fußballern genannt haben, sagt ARD-Journalist Hajo Seppelt in einem Interview mit spox.com. Weil sich die Dopingvorwürfe bisher jedoch nicht einwandfrei bestätigen liessen, veröffentlichten die Journalisten keine Namen. „Wir werden niemanden anschwärzen, wenn die Beweislage nicht eindeutig ist“, sagt Seppelt.

Wie eindeutig sind die vorliegenden Ergebnisse?

Als Quelle wurde das Interview mit dem Arzt Bonar gezeigt, der in einem von der Recherche unabhängigen Verfahren vor wenigen Tagen seine Approbation verloren haben soll. Außerdem wurde der britische Fitnesscoach Rob Brinded befragt. Bonar hatte den in Spanien lebenden Brinded als seinen Geschäftspartner bezeichnet. Sie hätten „bei vielen Klienten zusammengearbeitet“ und seien „ein großartiges Team“.

Auch Brinded wurde verdeckt gefilmt. In den vesteckten Aufnahmen sagt er: „Um die unethischen Dinge kümmert sich Mr Bonar.“ Er habe jedoch erst kürzlich einen Spieler eines Spitzenklubs für eine Testosteronbehandlung an Bonar empfohlen. Während seiner Zeit beim FC Chelsea (2001-2007) hätten eine Zahl von Spielern verbotene Substanzen genommen.

Später wollte der Fitnesscoach laut der ARD von seinen Aussagen nichts mehr wissen. Er kenne Bonar überhaupt nicht. Sein Anwalt ließ ausrichten, es müsse sich um ein „Missverständnis“ handeln.

Gegen diese Behauptung spricht auch ein Tweet, den Rob Brinded im Januar 2015 veröffentlicht hat. Er bedankt sich für ein Geschenk von der Firma OMNIYA, wo Bonar seine Praxisräume angemietet hatte.

Aus einer rosa Geschenkttüte guckt eine Pflanze

Screenshot 5.4.2016 | Twitteraccount @RobBrinded

Sicher ist: Brinded betreut Fußballer aus der Premier League. Über Social Media lässt sich so mancher Kontakt Brindeds zu englischen Profifußballern nachvollziehen. Dem deutschen Robert Huth, Verteidiger beim Tabellenführer Leicester City, prostete er Weihnachten 2013 mit einem „Krombacher“ zu.

Ein Krombacher Bier geöffnet

Screenshot 24.12.2013 | Twitteraccount @robert_huth

Auf Instagram postete er vor elf Wochen einen Arm, der an einer Fusion hängt mit dem Hashtag „#Vitamfusion.“ Dieses Bild gefiel dem ehemaligen Profil Mikael Forssell (u.a. Chelsea). Mit ihm stand Brinded schon 2014 in Kontakt, als er Forssell riet, das Training zu vergessen und mit ihm am Pool zu chillen.

Ein Arm mit einer Infusion drin

Screenshot 5.4.2016 | Instagram-Account „robbrinded“

Auf Brindeds Website schwärmte der isländische Nationalspieler Eidur Gudjohnsen (FC Chelsea 2000-2006): „Rob got me in the best shape of my life. I hope we will continue to work together.“ – Bewiesen ist damit nur eine enge Anbindung Brindeds an die Premier League. Doping selbstverständlich nicht.

Auf dem Screenshot von der Website von Rob Brinded wird der Spieler Gudjohnsen zitiert mit „Rob got me in the best shape of my life. I hope we will continue to work together.“

Screenshot 5.4.2016 | Website robbrinded.com/testimonials

Ein direkter Dopingbezug lässt sich nur zu dem Arzt Bonar herstellen, der in den Undercover-Aufnahmen verschiedene verbotene Methoden aufzählt. Das verschriebene Testosterongel, das freierhältliche Wachstumshormon Genotropin und das EPO-Mittel Aranesp stehen auf der schwarzen Liste der WADA. Sie sind im Wettkampf und auch in Trainingsphasen strengstens verboten. Hinweise zu EPO-Missbrauch gab es auch im deutschen Fußball.

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Mit den verbotenen Dopingmitteln konfrontiert, äußerte Bonar, dass es sich allein um medizinisch notwendige Behandlungen gehalten habe. Andrea Gotzmann, Vorstandsvorsitzende der Nationalen Anti Doping Agentur (NADA), war sich hingegen sicher: „Es ist erschreckend zu sehen, dass ein Arzt völlig skrupellos Medikamente an Patienten zum Zwecke des Dopings verschreibt und dabei gesundheitliche Risiken der Sportler billigend in Kauf nimmt.“

Haben Anti-Dopingbehörden wichtige Hinweise nicht verfolgt?

Die britische Anti-Doping-Behörde UKAD steht seit der Bekanntgabe unter großer Kritik. Sie ist dem früheren Hinweis des jetzigen Whistleblowers nur unzureichend nachgegangen. Es habe keine ausreichende Beweislast gegen Dr. Bonar gegeben, verteidigt sich die UKAD.

Die geschilderten Vorgänge werfen auch ein schlechtes Licht auf die Dopingkontrollsystem. Schon vor einigen Jahren hatten wir kritisiert, dass ein Profifußballer im Durchschnitt nur alle drei Jahre kontrolliert werden würde – Nationalspieler ausgenommen. 

Derzeit sprechen wir vom Recherchezentrum correctiv.org mit vielen ehemaligen und aktuellen Fußballern. Sie zeichnen ein anderes Bild als die Aussagen einiger Personen, die in der Öffentlichkeit immer wieder beteuern, Doping im Fußball gebe es nicht.

Umso entscheidender sind deshalb weitere Aussagen und Hinweise von Personen aus dem Inneren des Systems. Nur so kann ein mögliches Dopingsystem im europäischen Fußball aufgeklärt werden.


Wir freuen uns über jeden Hinweis. Hier können Sie uns erreichen:

Post: Correctiv, z. Hd. Daniel Drepper, Singerstr. 109, 10179 Berlin

Jonathan Sachse: jonathan.sachse@CORRECTIV oder +49 151 28596609

Daniel Drepper: daniel.drepper@CORRECTIV oder +49 151 40795370

Tobias Ahrens: tobias.ahrens.fm@CORRECTIV oder +49 151 64418543

Mitarbeit: Jonathan Sachse