Corona CrowdProjekt

Sind wir dümmer als dieses Virus ohne Hirn?

12 Monate, 1,7 Millionen Tote. Was uns das Virus lehrt, in 11 Lektionen – Kurzfassung mit Videos.

von Cordt Schnibben , Maja Weber

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Corona hat die Welt im Griff

Da sind die Zahlen, die uns jeden Morgen sagen, wo auf der Welt das Virus gerade besonders ansteckend ist, in welchen Krankenhäusern es Ärzte und Pflegerinnen verzweifeln läßt, und ob das Virus wieder für neue Rekorde gesorgt hat. Und da sind diese Nachrichten, die uns zeigen, dass das Virus mehr bringt als Krankheit und Tod.

Viren zwingen die Menschheit in einen Zweikampf, den wir in seiner ganzen Tragweite noch nicht verstehen und annehmen. Wir starren seit Anfang des Jahres auf das Auf und Ab von Zahlen, debattieren über ihre Bedeutung, aber dem Drama hinter den Zahlen schenken wir zu wenig Beachtung.

Die schlimmste Zahl: Über sieben Milliarden Menschen sind noch nicht infiziert von SARS-CoV-2. Die schönste Zahl: Milliarden von Impfdosen könnten sie im nächsten Jahr immun machen. Die schlimmste Erkenntnis hinter den Zahlen: Je demokratischer eine Gesellschaft, desto anfälliger ist sie für das Virus. Kann es sein, dass Regierende in der Demokratie glauben, den Regierten wirksame Maßnahmen gegen das Virus erst zumuten zu können, wenn die Wirklichkeit beweist, dass sie zu spät kommen? Brauchen die Regierten erst die Eskalation der Bedrohung, um zu spät das zu befolgen, was ihnen die Eskalation erspart hätte?

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Erstens. Wir unterschätzen SARS-CoV-2, machen es ihm zu leicht

„Viren“, so sagt der Molekularbiologe und Nobelpreisträger Joshua Lederberg, „sind unsere einzigen Rivalen um die Herrschaft auf diesem Planeten“.

Deshalb ist es ganz einfach: Wir müssen es diesem und möglichen folgenden Viren so schwer wie möglich machen, wir müssen schlauer sein, aber ein Teil der Menschheit macht es dem Virus zu einfach. So einfach, dass man daran zweifeln muß, ob jeder Mensch wirklich mehr Hirn hat als diese Kette von Genmaterial in Form eines gewickelten Stranges Ribonukleinsäure, die nicht mal ein richtiges Lebewesen ist.

Die Macht der Viren speist sich nur aus der Dummheit unserer Spezies, sie brauchen unsere Nachlässigkeit, um sich zu vermehren, sie brauchen unsere Mobilität und die Kontakte zwischen uns.

In zwölf Monaten hat das Virus mit dem sperrigen Namen SARS-CoV-2 nachweislich 80 Millionen Menschen infiziert, wahrscheinlich sind es in Wirklichkeit annähernd 240 Millionen, mehr als eine Million Erdbewohner haben das nicht überlebt. Das Virus hat 191 Länder infiziert, nicht nur deren Bewohner. Es greift die Gesundheit von Millionen Menschen an, ja, vor allem aber zwingt es Milliarden Menschen anders zu leben, zu arbeiten, zu wirtschaften, zu reisen, zu lernen, zu lieben, zu sterben. Kein Ding, kein Ereignis, keine Bewegung seit dem 2.Weltkrieg hat die Welt so verändert wie dieses winzige, 150 Nanometer große Ding, das zunächst unsere Lungen attackiert

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Zweitens. Nicht die Maßnahmen gegen das Virus sind die Ursache für Pleiten, Arbeitslosigkeit und Staatsschulden sondern das Virus

Das Virus kopiert sich immer wieder selbst, in rasender Frequenz: bis zu hunderttausend Mal pro Tag. Und schaffte so den Sprung von Rachen zu Rachen, über Ländergrenzen, Meere, Kontinente. Heimlich, mit maximaler Effizienz – wenn SARS-CoV-2 nicht solch bedrohliche Folgen für die Menschheit hätte, man könnte demütig vor diesem Virus stehen. Staunen über dessen Durchschlagskraft und die Perfektion, mit der die Evolution das Virus ausgestattet hat.

SARS-CoV-2 ist kein Lebewesen, hat keinen Stoffwechsel, braucht fremde Zellen, zum Beispiel Zellen von Menschen, um sich zu vermehren. Viren sind auf ein Ziel programmiert: auf das Eindringen in Körperzellen. Dass sie uns dabei krank machen oder umbringen, ist nicht mehr als ein Kollateralschaden. Viren wollen uns nicht töten, sie tun es einfach. Viren sind die Mietnomaden der Evolution.

Das Virus infiziert nicht nur menschliche Körper sondern noch mehr die menschliche Gesellschaft und das gesellschaftliche Bewußtsein. Solange sich das Virus verbreitet, fahren die Menschen selbst ihre gesellschaftlichen, vor allem wirtschaftlichen Aktivitäten zurück. Sie konsumieren und produzieren weniger, weil sie sich vor Ansteckung fürchten. Das Virus muss eingedämmt werden, bevor die Wirtschaft sich erholen kann. Den Widerspruch zwischen Gesundheits- und Wirtschaftsinteressen, von dem Lockdowngegner ausgehen, gibt es in Wahrheit nicht. In Ländern wie China, Neuseeland, Japan, in denen das Virus konsequent unter Kontrolle gebracht wurde, fiel der Abschwung der Wirtschaftsleistung geringer aus als in Ländern wie Brasilien, Mexico, Großbritannien und den USA, die zunächst nur zögerliche Lockdowns verhängten.

Drittens. Wir streiten um Zahlen, wie lächerlich

Zahlen sind für uns wie Frontberichte. Infizierte, Getestete, Tote, Genesende; Tote pro 100.000 Einwohner, Tote im Verhältnis zu Getesteten, Zuwachs der Infizierten am Tag. Es scheint beruhigend, wenn man dieses unsichtbare, gefährliche, allgegenwärtige Ding in eine Zahl verwandeln kann. Jeder hat Zahlenkolonnen, aus denen er Angst oder Hoffnung schöpft. Und Zahlen sind jetzt wieder der Grund dafür, dass wir gläubig in den Lockdown gefolgt sind.

In den Monaten zwischen der ersten und der zweiten Welle waren Zahlen der Grund dafür, dass wir glaubten, das Virus im Griff zu haben. Weil die Zahl der Corona-Kranken in den Krankenhäusern und auf den Intensivstationen (in Deutschland) zurückging, stieg die Gewißheit, SARS-CoV-2 sei ein letztendlich beherrschbares, vor allem durch mediale Abrüstung zu erledigendes Virus. Der Fehler, den Gesundheitsminister Spahn im Februar machte, als er SARS-CoV-2 als lokales, asiatisches Problem abtat, nicht gefährlicher als die saisonale Grippe, wurde zum Grundfehler vieler relativierender Pandemie-Betrachtungen. Weltweit über 1,4 Million Tote – wie kann man aus der saisonalen Unterbelegung von Intensivbetten in einem Land der Welt schließen, also in Deutschland, das Virus sei unter Kontrolle und in seiner Gefährlichkeit überschätzt?

Erst China, dann Italien und Europa, dann die USA, Brasilien, Russland, Indien, jetzt gleichzeitig überall in Europa, Südamerika und den USA, das Virus zieht um die Welt mit der Berechenbarkeit eines Algorithmus. Ganz einfach: Steigende Infiziertenzahlen sind irgendwann steigende Totenzahlen. Überall dort, wo es ihm leicht gemacht wird, sorgt es für Rekordzahlen. In Deutschland wurde es dem Virus, nach anfänglicher Unterschätzung, in den Sommermonaten viel schwerer gemacht als in vielen anderen Ländern, durch Abstand und Hygiene, später auch durch Masken.

Die Zahlen gingen zurück und mit ihnen die Vorsicht und die Vorsorge. Versäumt wurde, das Land auf „die zweite Welle“ logistisch und kommunikativ vorzubereiten. Offenbar hofften die Verantwortlichen wie im Februar, schon irgendwie verschont zu werden und durch lokale Maßnahmen durchzukommen. Unterlassen wurde u.a.: die Gesundheitsämter personell und technisch so auszustatten, dass sie auch bei 100 und 150 Infizierten pro hunderttausend Einwohnern die Infektionsketten verfolgen können; die Testkapazitäten des Landes so aufzustocken, dass sie nicht schon jetzt an die Grenze kommen; entschlossener einen Schnelltest zur Erkennung der Infektion zu entwickeln; aus der erfolgreichen Pandemiepolitik in Ländern wie Taiwan, Südkorea und Japan zu lernen; die Corona-App so auszustatten, dass sie mehr dem Gesundheitsschutz als dem Datenschutz dient; die Schulen durch digitale Bildungskonzepte und realistische Hygienekonzepte besser auf die Pandemie im kühlen Herbst und Winter vorzubereiten.

Zahlen sollen die Politik der Regierenden begründen, sie sollen die Maßnahmen nachvollziehbar machen, sie sollen soziale Akzeptanz absichern. Was die Zahlen nach zwölf Monaten Pandemie nicht überzeugend beantworten: Wo infizieren sich die Leute? Welche Rolle spielen Kinder und Jugendliche in den Infektionsketten? Welche Maßnahmen reduzieren die Zahl der Infizierten besonders effektiv?

Viertens. Wir müssen begreifen, das Virus zersetzt unsere Gesellschaft

Die Regierungen reagieren mit Lockdowns, Appellen und Strafen, die Regierten mit Abstand, Masken und Gehorsam. Bisher sind Regierende und Regierte dem Eindringling epidemiologisch begegnet, haben sich an den Zahlen der Infizierten orientiert, darauf gesetzt, sie zu senken, haben darauf gehofft, dass niedrige Zahlen eine schnelle Rückkehr zum alten Leben ermöglichen. Die Bundesregierung glaubt, wenn sie einen Grenzwert festlegt, könne sie das Virus in die Schranken weisen. Fünfzig Infizierte pro hunderttausend Einwohnern, im Durchschnitt von sieben Tagen gemessen, gelten deshalb als die Schwelle zur Gefahrenzone, ab da müsse der Staat mit Ausgangsperren, Alkoholverboten, Tanzlockdowns und anderen seltsamen Maßnahmen die Ausbreitung des Virus bekämpfen. Das ist so, als wolle man dem Aids-Virus mit dem Verbot von Kontaktanzeigen begegnen.

Die ökonomische und soziale Sprengkraft des Virus wird von den Regierenden immer noch unterschätzt. Zwar haben sie mit enormen ökonomischen Hilfsprogrammen reagiert, aber immer mehr Menschen dämmert, dass kein Staat der Welt sie schützen kann vor der sozialen Wucht des Virus. Es hat in Deutschland Hunderttausenden den Job gekostet und über 6 Millionen in Kurzarbeit geschickt; es hat monatelang Kinder und Schülern den Zugang zu Kindergärten und Schulen versperrt. Es verödet die Innenstädte, schließt Hotels, Bars, Clubs, es ruiniert Airlines und Kaufhäuser, es treibt Künstler, Ladenbesitzer und Köche in die Verzweiflung. Es trennt Großeltern von Enkeln. Es beeinflusst, wie wir Sport treiben, Kultur konsumieren, unsere Kinder bilden; es entscheidet über die Schließung von Universitäten, über unsere Urlaube, unser Familienleben. Es fördert Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus, die soziale Spaltung.

In den großen Krisen der Menschheit wird die Familie normalerweise zur Schutzgemeinschaft. SARS-CoV-2 aber, und das beschreibt die tückische Angst, die es in der Generation der Älteren auslöst, zerstört neben Lungen dieses Urvertrauen in die Familie: Um das Virus zu bekämpfen, muss der Mensch die Familien zerlegen in die Gefährder und die Gefährdeten; und er muss sie voneinander isolieren, er muß sie trennen in Menschen, die zusammen Weihnachten feiern können, und in Menschen, die das nicht riskieren sollten.

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Fünftens. Wir müssen das Virus sozial bezwingen

Wer Sars-CoV-2 immer noch sieht wie ein harmloses Grippevirus, das man im Griff haben kann, unterschätzt die soziale Sprengkraft der Pandemie, verkennt die grundlegende Veränderung der Gesellschaft durch das Virus. Alle großen Fragen des gesellschaftlichen Miteinander stellen sich neu: Wieviel Macht hat der Staat in der Demokratie, wieviel Rechte haben Bürgerinnen und Bürger, wie wird die Freiheit des Einzelnen beschränkt durch den Schutz für die vielen, in welchem Maße darf sich der Staat verschulden zulasten folgender Generationen, wie werden die finanziellen Lasten der Krisenintervention sozial verteilt, wieviel Markt verträgt das Gesundheitssystem?

All das sind Fragen, die nicht irgendwann in der Zukunft entschieden werden können. Die Antworten müssen in den nächsten Wochen und Monaten gefunden werden, sie haben darüber entscheiden, wer der nächste US-Präsident ist, und werden darüber entscheiden, wer der nächste Bundeskanzler wird, welche Rolle die europäische Union zukünftig spielt, welchen Einfluß China hat, ob Diktatoren an Macht verlieren.

Das Virus entfacht einen inneren Bürgerkrieg: Der besorgte Bürger in uns kämpft mit dem sorglosen Bürger. Wer sich diesen inneren Streit nicht eingesteht und nach außen entweder als Propagandist für den radikalen Shutdown oder für die rücksichtslose Rückkehr zur Normalität auftritt, belügt sich. Diesen inneren Meinungsstreit zwischen Angst und Zuversicht, zwischen Verlust und Anpassung, zwischen Sehnsucht und Einsicht – diesen Streit trägt fast jede und jeder aus. Dieser Streit ist mal ein ruhiger Dialog, mal ein wüstes Geschrei; in den sozialen Medien tobt er als Endlosschleife mit immer denselben Argumenten und Zahlen, die einerseits die Gefahren beschwören, andererseits die Harmlosigkeit belegen. Auf der Straße erleben wir in Deutschland Aufmärsche von Leuten, die mit ideologischen Schrotflinten auf alles Mögliche losgehen.

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Sechstens. Wir brauchen die Zweifler, um das Virus zu bekämpfen

Es war nicht damit zu rechnen, dass die weitreichenden Eingriffe in das Privatleben der Deutschen ohne Widerspruch bleibt, allerdings überrascht die Querfront von Menschen ganz unterschiedlicher Weltanschauungen und Motive. Sie reicht von linksliberalen Wortführern bis zu rechtsradikalen Propagandisten, von Hippies bis zu Reichsbürgern, von Esoterikern bis zu Trump-Bewunderern, von Nazis bis zu Anarchisten. Wer in der Öffentlichkeit kaum Gehör findet – die etwa 20 Prozent der Deutschen, die sich durch die Maßnahmen der Regierenden zu wenig geschützt sehen.

Quantitativ ist die Lage klar: Je nach Umfrage halten 80 bis 90 Prozent der Deutschen die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus für gerechtfertigt oder sogar für zu schwach.

Vor allem in acht gesellschaftlichen Gruppen rühren sich Zweifel, notfalls auch Widerstand gegen die Pandemiepolitik: Nicht mehr alle Eltern sind gewillt, als Betreuer und Lehrer ihrer Kinder zu fungieren; viele Einzelhändler, Gastwirte, Künstler, Selbstständige wollen, zweitens, nicht ohnmächtig im Virusprekariat enden; was sich, drittens, in nächtlichem Vandalismus in Innenstädten oder illegalen Raves in Parks austobt, ist das jugendliche Grundrecht auf Begegnung und Entfaltung; wer sich, viertens, nicht als Untertan versteht, wehrt sich antiautoritär gegen staatliche Bevormundung; als Fußballfan will man, fünftens, in Stadien das gleiche Recht in Anspruch nehmen, das Demonstranten auf der Straße eingeräumt wird; wer grundlegende epidemiologische Widersprüche im Agieren von Regierenden entdeckt, wird, sechstens, zum Zweifler an staatlichen Übergriffen; dann sind da noch, siebtens, die Verschwörungsanhänger und Impfgegner, die jeder Obrigkeit per se eine Hidden Agenda unterstellen, die es zu bekämpften gilt; und achtens gesellen sich an deren Seite natürlich Rechtspopulisten, Nazis und andere Systemgegner, die Zweifel instrumentalisieren, um staatliche Autorität und gesellschaftlichen Fortschritt zu unterminieren.

Wer auf Corona-Demonstrationen in Berlin, London oder Paris reagiert, indem man die Protestierenden zu nützlichen Idioten von neonazistischen Drahtziehern macht, erleichtert den Nazis und Rechtspopulisten die Arbeit.

Siebtens. Wir brauchen in der Pandemie ein besonderes Verhältnis zwischen Regierenden und Regierten

Jede funktionierende Demokratie muss stark genug sein, um Zweifel und Widerstand auszuhalten; jede Demokratie in Zeiten der Pandemie ist allerdings schwach und angreifbar. Sie kann nur funktionieren und die Pandemie beherrschen, wenn sich die Regierten wie Komplizen der Regierenden verhalten: Durch ihr Verhalten entscheiden sie, ob die Maßnahmen der Regierenden zur Beherrschung des Virus führen. Staatliches Handeln muß deshalb im Gegenzug mehr sein als das Verfügen, Anordnen, Strafen. Mehr noch als sonst müssen Regierungen informieren, überzeugen, werben.

In der Pandemie wird die Kommunikation zum wichtigsten Herrschaftsinstrument: Solange kein Impfstoff entwickelt war, ist die Verbreitung von Wissen der beste Impfstoff gegen das Virus. Keiner hat das besser verstanden als Virologen wie Christian Drosten, Melanie Brinkmann, Sandra Ciesek und andere, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nutzten, um die Deutschen gegen Blödsinn zu immunisieren und ihnen zu erklären, wie sich das Virus ausbreitet, warum Goldfische geeignet sind, das PCR-Verfahren zu erklären und was Letalität bedeutet. Man hätte sich auf der Regierungsbank einen Propagandisten gewünscht mit dem Sachverstand eines Karl Lauterbach und der Rhetorik eines Norbert Röttgen. Und in der ARD jeden Abend vor der „Tagesschau“ eine Sendung, die den Deutschen mit derselben Selbstverständlichkeit das Virus erläutert wie vier Millionen Aktionären die Zuckungen des Dax.

In der Pandemie muß sich ein neues Verhältnis zwischen Regierenden und Regierten herausbilden, eine kommunizierende Demokratie, eine redaktionelle Gesellschaft, in der sich die Regierten verstehen als überzeugte und überzeugende Staatsbürger, die zu Machthabern werden. Durch ihr Verhalten entscheiden sie, ob die staatlichen Maßnahmen zur Kontaktreduzierung Erfolg haben. Im Frühjahr klappte das Zusammenspiel zwischen Regierenden und Regierten, warum klappt es jetzt im Winter nicht?

Der Erfolg im Frühjahr ist die Hauptursache für den Misserfolg im Winter. Regierende und Regierte glaubten, mit dem Virus spielen zu können, man habe „Corona im Griff“ verkündete der Kanzleramtsminister im Juli. Erstmal in den Urlaub fahren, sagten sich die Regierten, auch in Risikogebiete, und hinterher mal überlegen, wie man durch Tests verhindert, das Virus wieder einzuschleppen. Das Präventionsparadox täuschte Regierte und Regierende: Die einen begannen, sich eine neue Normalität zu erträumen, die anderen hörten auf, all das auf den Weg zu bringen, was ein Leben ohne zweite Welle ermöglicht hätte: eine Warn-App, die Gesundheitsämter wirklich entlastet; eine Software, die das Verfolgen von Infektionsketten erleichtert; eine Teststrategie für besonders schutzbedürftige Bereiche wie Schulen und Altenheime; ein Quarantänekonzept wie in Ländern Asiens.

Achtens. Klassische Medien bekämpfen das Virus, soziale Medien nützen ihm

Es geht in der Pandemie, ehrlich gesagt, um zwei Argumentationsketten: Wenn man das Virus für eine Bedrohung unserer Gesundheit, unserer Wirtschaft, unserer Gesellschaft hält, sollte man Abstand halten, Masken tragen und die Risikogruppen schützen. Wenn man das Virus für ein harmloses Ding hält, zu vernachlässigen wie das jährliche Grippevirus, sollte man Abstand halten, Masken tragen, die Risikogruppen schützen – um denen, die das Virus für eine ernste Gefahr halten, keine Argumente und Infiziertenzahlen zu liefern für Maßnahmen, die individuelle Freiheiten weiter einschränken. Es war noch nie so einfach, dasselbe zu tun, obwohl man anderer Meinung ist. Es war noch nie so einfach, vernünftig zu sein.

Es ringen aber in der Öffentlichkeit zwei Argumentationsketten miteinander: Weil die Regierenden mit ihren Maßnahmen zu drastisch reagiert haben, so läuft die Argumentation der Regierungskritiker, sind sie verantwortlich für die ökonomischen und sozialen Folgen der Pandemie; sie haben das Virus in seiner Gefährlichkeit überschätzt und deshalb die Schäden des Virus vergrößert statt sie einzudämmen. Weil die meisten Regierungen es dem Virus in vielen Ländern so schwer wie möglich gemacht haben, halten die Virenkritiker dagegen, haben wir nicht Millionen Tote und nicht 500 Millionen Infizierte mit all den Spätfolgen der Pandemie.

Klassische Medien haben sich im Jahr der Pandemie eher als Verstärker der Wissenschaftler (und der Regierenden) profiliert, als Aufklärer im Sinne eines constructive journalism, in sozialen Medien wurde das gern als „Angstjournalismus“ abgetan. Geholfen hat den sozialen Medien, dass klassische Medien Virologen als Streithähne inszeniert haben.

Neuntens. Wir haben die Wahl zwischen Virukratie oder Virokratie

Im Umgang mit der Pandemie haben sich zwei Staatsformen etabliert: Virukratie und Virokratie. In der Virokratie, also dort, wo die Regierungen das Virus medizinisch weitgehend unter Kontrolle bekommen haben, folgten sie dem Rat von Virologen, testeten viel, verordneten sozialen Abstand, verhängten rechtzeitig ein Lockdown, überwachten Quarantäne. Das sind Länder wie Japan, Südkorea, Taiwan.

In den Virukratien – vor allem in Brasilien und den USA – wird es dem Virus zu leicht gemacht, wurde zu wenig getestet und zu spät auf das Tragen von Masken gesetzt. Vor allem aber wurde der Rat von Virologen ignoriert und das Virus politisiert und ideologisiert, einen größeren Gefallen kann man ihm nicht tun.

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Zehntens. Ein kleiner Teil der Menschheit ist zu schlau für das Virus

Niemals zuvor war die Menge an Datenmaterial in den Anfängen einer Pandemie so schnell so groß. Und noch nie wurde so schnell ein Impfstoff entwickelt, der ein Virus im Kampf um die Herrschaft auf dem Planeten in die Schranken weist. Das Wissen über SARS-CoV-2, das in so kurzer Zeit weltumspannend zusammengetragen wurde, zeugt von der überlegenen Lernfähigkeit der menschlichen Spezies. Hunderttausende Virologen, Epidemiologen und Ärzte aus über hundert Ländern tragen seit Monaten jeden Tag zusammen, was das Virus anrichtet und wie es bekämpft werden kann. Woche für Woche wächst das Wissen, wir wissen jetzt mehr, als wir nicht wissen. Schnell entwickelte Impfstoffe werden im kommenden Jahr helfen, die weitere Ausbreitung und Erkrankungen zu stoppen.

RNA-Impfstoffe wie die von BionTech und Moderna sind eine relativ neue Erfindung der Biotechnologie. Die grundsätzliche Funktionsweise basiert darauf, einen Teil des genetischen Bauplans des Virus in den Körper einzuschleusen. Körpereigene Zellen stellen daraufhin ein Virus-Protein her. Das Immunsystem wird zur Bildung von Antikörpern gegen dieses Protein und damit gegen das Virus angeregt. Schlau!

Wir wissen, dass Viren die Erde länger bevölkern als wir, und dass sie uns brauchen wie Mietnomaden unvorsichtige Hausbesitzer brauchen. Dass wir es ihnen durch unsere Lebensweise leichter machen als noch vor fünfzig Jahren. Wir dringen in die Welt der Viren ein, nicht sie in unsere. Die Erreger von Polio, Masern, Aids und 250 andere Viren haben die Menschheit bisher attackiert, etwa 700.000 Vieren warten darauf, dem Tierreich zu entkommen und auf den Menschen überzuspringen.

In der Welt, in der wir leben, wird dieser Mietnomade nicht der letzte gewesen sein, der uns besucht. Besser, wir begreifen diese Pandemie als Generalprobe. Es sieht so aus, als würde uns diesmal die Klugheit der Wissenschaftler retten: Die Impfstoffe, in nicht für möglich gehaltenem Tempo entwickelt, geben uns den medizinischen Schutz, den wir durch unser soziales Verhalten, durch Ignoranz, Dummheit und Egoismus nicht erreichen konnten.

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Elftens. Die Haupterkenntnis der Pandemie: Die menschliche Gesellschaft braucht eine größere Resilienz gegen Viren

Die Menschheit hat sich zwischen SARS 1 und SARS-CoV-2 als unfähig erwiesen, sich auf Attacken von Viren aus dem Tierreich vorzubereiten und sich vor Pandemien ausreichend zu schützen. Virologinnen und Epidemiologen weltweit ist seit langem klar, dass Viren auf den Menschen überspringen und dass sie potenziell gefährlich sind. Es gelingt den Experten und Expertinnen aber nicht, die Aufmerksamkeit zu erreichen, die sie bräuchten. Sie versuchen, sich zu vernetzen, um irgendwann dann schneller und gemeinsam Medikamente und Impfstoffe zu finden. Aber am Ende bleiben sie doch die Experten, auf die keiner hört.

Warum versagt der Mensch dabei, sich zu schützen vor dem, was kommen wird? Menschen siedeln neben Vulkanen, obwohl sie wissen, dass die Vulkane nicht verloschen sind. Sie bauen schlecht gesicherte Holzhäuser in den Hurricane- und Tornadogebieten der USA, sie betreiben Atomkraftwerke an Tsunami-gefährdeten Küsten oder jagen Treibhausgase in die Atmosphäre, obwohl die Gesetze des Klimawandels bekannt sind. Warum?

Es gibt dafür drei Gründe. Der erste: Die Gefahr ist nur abstrakt, wir sehen sie nicht. Ein Virus, das sich rasend schnell ausbreitet, ist abstrakt wie CO2– die allermeisten Menschen haben in ihrem Alltag keinerlei Erfahrung mit exponentiellem Wachstum, sie können sich nicht vorstellen, was das ist.

Der zweite Grund: Der Mensch kann Zeiträume schlecht einschätzen, hat ein schlechtes Gefahrengedächtnis und verdrängt. Die spanische Grippe fand vor gut 100 Jahren statt, auch das scheint ewig her. Wenn hundert Jahre nichts passiert, fällt es schwer, alarmiert zu bleiben.

Der dritte Grund schließlich: Geld. Vorsorge kostet. Ein Intensivbett für 85.000 Euro anschaffen, das man womöglich gar nicht braucht? Einen Raum mit Schutzkleidung füllen statt mit zahlenden Patienten, nur für den Fall der Fälle? Unwirtschaftlich.

Ein typischer Hollywood-Katastrophenfilm beginnt stets mit einem Experten, auf den niemand hört. Im richtigen Leben heißen diese Experten zum Beispiel Yi Fan und Kai Zhao – sie und weitere Kollegen haben noch im Frühjahr 2019 vor Coronaviren aus Fledermäusen gewarnt. Sie arbeiten beim Robert Koch-Institut oder der WHO, sie entwerfen Planspiele an der Johns Hopkins Universität. Sie alle haben detailliert gewarnt vor einer Pandemie und ihren Folgen. Jahr für Jahr.

Es gibt einen Promi unter den Mahnern. Er ist kein Arzt oder Geheimdienstchef, aber er ist superreich: Bill Gates. Der Microsoft-Gründer gilt als zweitreichster Mensch der Welt, er redet verständlich, macht Dinge begreifbar.

Die jüngste Gates-Warnung, kurz vor Ausbruch der tatsächlichen Pandemie, stammt aus dem Oktober 2019. Mit der Johns Hopkins Universität und dem Weltwirtschaftsforum hatte die Bill & Melinda Gates Stiftung „Event 201” durchgespielt: Ein fiktives Coronavirus bricht in Südamerika aus und zieht um die Welt.  Ziel der Übung: die Einsatzbereitschaft von Behörden und privaten Organisationen im Falle einer weltweiten Epidemie zu verbessern

Jetzt, angesichts der realen Pandemie, sagt Gates, er fühle sich schrecklich. Seine frühen Warnungen: verpufft, ungehört. Er hätte mit mehr Nachdruck reden sollen.

Und nun? Hat die Menschheit in rasender Geschwindigkeit versucht, in Laboren rund um den Erdball so schnell schlau zu werden, um das Schlimmste zu verhindern. Geglückt! Die Erfindung der Impfstoffe ist eine große Leistung der menschlichen Spezies und gleichzeitig eine Gefahr. Sie könnten dazu führen, dass die Menschheit wieder nachläßt darin, ihre Gesellschaften resistenter zu machen gegen Pandemien aus dem Tierreich. Tausende Viren sind auf der Suche nach neuen Wirten.

Ein Pademieplan reicht nicht, die Gesundheitsämter in Deutschland müssen personell und technisch so ausgerüstet werden, dass sie die Pläne im Notfall umsetzen können. Tracking und Tracing durch eine App, kontrollierte Quarantäne, ein Gesundheitswesen mit einer belastungsfähigen Intensivmedizin, ein Bildungssystem mit integriertem Digitaluntericht, ein Kulturbetrieb, der notfalls auch ohne Präsenzveranstaltungen überlebensfähig ist – all das steigert die Resilienz der Gesellschaft gegen Viren, die uns zukünftig heimsuchen.

Besser, wir lernen aus dieser Pandemie und sehen sie als Generalprobe. Die Menschheit braucht genügend Schutz, Medikamente und Personal, sie braucht Gesundheitssysteme, die in kurzer Zeit mit Millionen Infizierten umgehen können. Sie braucht Politiker, die Warnungen und Studien von Wissenschaftlern in nachhaltiges Handeln transformieren. Vor allem aber: Sie braucht Bürger, die so informiert sind, dass sie sich in der Abwehr einer Pandemie solidarisch verhalten und so dem Virus keine Chance geben.

Wie sagte der Nobelpreisträger und Molekularbiologe Joshua Lederberg? „Viren sind unsere einzigen und wahren Rivalen um die Herrschaft auf diesem Planeten.“

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