Corona CrowdProjekt

Der pandemische Staat

Nach jeder Beratung der Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten wirken die Regierenden zerstrittener, ratloser und unentschlossener. Dabei werden die Lektionen, die uns das Virus lehrt, immer eindeutiger.

von Cordt Schnibben

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Corona hat die Welt im Griff

Im Durcheinander und Gegeneinander der staatlichen Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus macht sich bei vielen der Eindruck breit, „die da oben“ sind von SARS-CoV-2 so überfordert wie wir da unten. Was vor mehr als 12 Monaten in China als mysteriöse neue Lungenkrankheit begann, ist inzwischen eine allumfassende Krise der Weltgemeinschaft, der Gesundheitssysteme, der Wirtschaftsordnungen, der Regierungen, der Staatsapparate. Wir starren seit Anfang letzten Jahres auf das Auf und Ab von Zahlen, debattieren über ihre Bedeutung, aber dem Drama hinter den Zahlen schenken wir zu wenig Beachtung. Die schlimmste Erkenntnis hinter den Zahlen: Je demokratischer eine Gesellschaft, desto anfälliger scheint sie für das Virus. Kann es sein, dass Regierende in der Demokratie glauben, den Regierten wirksame Maßnahmen gegen das Virus erst zumuten zu können, wenn die Wirklichkeit beweist, dass sie zu spät kommen? Und brauchen die Regierten in der Demokratie erst die Eskalation der Bedrohung, um zu spät das zu befolgen, was ihnen die Eskalation erspart hätte?

Als Pandemiebürger wünscht man sich, staatstragender und unkritischer zu sein, man möchte den Regierenden zugestehen, sich zu irren in der Pandemie, Fehler zu machen, sich zu korrigieren. Und sich am Ende viel zu verzeihen. Aber inzwischen ist zu viel, was man verzeihen soll. Das Virus infiziert unsere Demokratie, ja, aber gleichzeitig lehrt es uns, wie wir uns wehren können – elf Lektionen.

Erstens. Wir machen es SARS-CoV-2 zu leicht

„Viren“, so sagt der Molekularbiologe und Nobelpreisträger Joshua Lederberg, „sind unsere einzigen und wahren Rivalen um die Herrschaft auf diesem Planeten“.

Deshalb ist es ganz einfach: Wir müssen es dem Virus so schwer wie möglich machen, wir müssen schlauer sein, aber ein Teil der Menschheit macht es dem Virus zu einfach. So einfach, dass man daran zweifeln muß, ob jeder Mensch wirklich mehr Hirn hat als diese Kette von Genmaterial in Form eines gewickelten Stranges Ribonukleinsäure, die nicht mal ein richtiges Lebewesen ist.

Die Macht dieses Virus speist sich nur aus der Dummheit unserer Spezies, es braucht unsere Nachlässigkeit, um sich zu vermehren, es braucht unsere Mobilität und die Kontakte zwischen uns. Wenn wir unsere Mobilität und unsere Kontakte auf das Nötigste beschränken, reduzieren wir seine Verbreitung. Aber: Der Mensch ist ein soziales Wesen, er braucht Mobilität und Kontakte, um sich als Mensch zu fühlen.

In zwölf Monaten hat das Virus mit dem sperrigen Namen SARS-CoV-2 nachweislich über 120 Millionen Menschen infiziert, wahrscheinlich sind es in Wirklichkeit 400 Millionen, über 2,7 Millionen Erdbewohner haben das nicht überlebt. Das Virus hat 191 Länder infiziert, nicht nur deren Bewohner. Es greift die Gesundheit von Millionen Menschen an, ja, vor allem aber zwingt es Milliarden Menschen anders zu leben, zu arbeiten, zu wirtschaften, zu reisen, zu lernen, zu lieben, zu sterben. Es „nützt jede Schwäche“ warnt der bayerische Ministerpräsident, als könne es lernen wie ein Velociraptor in „Jurassic Park“. Es mutiert, als wolle es uns vor immer neue Probleme stellen. Kein Ding, kein Ereignis, keine Bewegung seit dem 2.Weltkrieg hat die Welt so verändert wie dieses winzige, etwa 100 Nanometer große Ding.

Zweitens. Das Virus zersetzt unsere Gesellschaft

Die Regierungen reagieren mit Lockdowns, Appellen und Strafen, die Regierten mit Abstand, Masken und Gehorsam. Bisher sind Regierende und Regierte dem Eindringling epidemiologisch begegnet, haben sich an den Zahlen der Infizierten orientiert, darauf gesetzt, sie zu senken, haben darauf gehofft, dass niedrige Zahlen eine schnelle Rückkehr zum alten Leben ermöglichen.

Die ökonomische und soziale Sprengkraft des Virus wird von den Regierenden immer noch unterschätzt. Zwar haben sie mit enormen ökonomischen Hilfsprogrammen reagiert, aber immer mehr Menschen dämmert, dass kein Staat der Welt sie schützen kann vor der sozialen Wucht des Virus. Es hat in Deutschland Hunderttausenden den Job gekostet und bis zu sechs Millionen in Kurzarbeit geschickt; es versperrt Kindern und Schülern den Zugang zu Kindergärten und Schulen. Es verödet die Innenstädte, schließt Hotels, Bars, Clubs, es ruiniert Airlines und Kaufhäuser, es treibt Künstlerinnen, Ladenbesitzer und Köche in die Verzweiflung. Es trennt Großeltern von Enkeln. Es beeinflusst, wie wir Sport treiben, Kultur konsumieren, unsere Kinder bilden; es entscheidet über die Schließung von Universitäten, über unsere Urlaube, unser Familienleben. Es fördert Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus, die soziale Spaltung.

Das Virus infiziert nicht nur menschliche Körper sondern noch mehr die menschliche Gesellschaft und das gesellschaftliche Bewußtsein. Solange sich das Virus verbreitet, fahren die Menschen selbst ihre gesellschaftlichen, vor allem wirtschaftlichen Aktivitäten zurück. Sie konsumieren und produzieren weniger, weil sie sich vor Ansteckung fürchten. Das Virus muss eingedämmt werden, bevor die Wirtschaft sich erholen kann. Den Widerspruch zwischen Gesundheits- und Wirtschaftsinteressen, von dem Lockdowngegner ausgehen, gibt es in Wahrheit nicht. In Ländern wie China, Neuseeland oder Japan, in denen das Virus konsequent unter Kontrolle gebracht wurde, fiel der Abschwung der Wirtschaftsleistung geringer aus als in Ländern wie Brasilien, Mexiko, Großbritannien und den USA, die zunächst nur zögerliche Lockdowns verhängten.

In den großen Krisen der Menschheit wird die Familie normalerweise zur Schicksalsgemeinschaft. SARS-CoV-2 aber, und das beschreibt die tückische Angst, die es in der Generation der Älteren auslöst, zerstört neben Lungen dieses Urvertrauen in die Familie: Um das Virus zu bekämpfen, muss der Mensch die Familien zerlegen in die Gefährder und die Gefährdeten, und er muss sie vorher voneinander isolieren, er muss sie trennen in Menschen, die zusammen Ostern feiern können, und in Menschen, die das nicht riskieren sollten.

Drittens. Wir müssen das Virus sozial bezwingen

Wer Sars-CoV-2 immer noch wie ein harmloses Grippevirus sieht, unterschätzt die soziale Sprengkraft der Pandemie, verkennt die grundlegende Veränderung der Gesellschaft durch das Virus. Alle großen Fragen des gesellschaftlichen Miteinander stellen sich neu: Wieviel Macht hat der Staat in der Demokratie, wieviel Rechte haben Bürgerinnen und Bürger, wie wird die Freiheit des Einzelnen beschränkt durch den Schutz für die vielen, in welchem Maße darf sich der Staat verschulden zulasten folgender Generationen, wie werden die finanziellen Lasten der Krisenintervention sozial verteilt, wieviel Markt verträgt das Gesundheitssystem?

All das sind Fragen, die nicht irgendwann in der Zukunft entschieden werden können. Die Antworten müssen in den nächsten Wochen und Monaten gefunden werden, sie haben im November darüber entschieden, dass Joe Biden der neue US-Präsident ist, und werden darüber entscheiden, wer ins Bundeskanzleramt einziehen wird, welche Rolle die Europäische Union zukünftig spielt, welchen Einfluß China hat und ob Diktatoren an Macht verlieren.

Das Virus entfacht einen inneren Bürgerkrieg: Der besorgte Bürger in uns kämpft mit dem sorglosen Bürger – wie sehr schützen, wie sehr öffnen. Wer sich diesen inneren Streit nicht eingesteht und nach außen entweder als Propagandist für den radikalen Shutdown oder für die rücksichtslose Rückkehr zur Normalität auftritt, belügt sich. Diesen inneren Meinungsstreit zwischen Angst und Zuversicht, zwischen Verlust und Anpassung, zwischen Sehnsucht und Einsicht – diesen Streit trägt fast jede und jeder aus. Dieser Streit ist mal ein ruhiger Dialog, mal ein wüstes Geschrei; in den sozialen Medien tobt er als Endlosschleife mit immer denselben Argumenten und Zahlen, die einerseits die Gefahren beschwören, andererseits die Harmlosigkeit belegen. Auf der Straße erleben wir in Deutschland Aufmärsche von Leuten, die mit ideologischen Schrotflinten auf alles Mögliche losgehen. In den USA wird der Bürgerkrieg zunehmend mit Fäusten und Waffen ausgetragen.

Viertens. Wir brauchen die Zweifler, um das Virus zu bekämpfen

Es war nicht damit zu rechnen, dass die weitreichenden Eingriffe in das Privatleben der Deutschen ohne Widerspruch bleibt, allerdings überrascht die Querfront von Menschen ganz unterschiedlicher Weltanschauungen und Motive. Sie reicht von linksliberalen Wortführern bis zu rechtsradikalen Propagandisten, von Hippies bis zu Reichsbürgern, von Esoterikern bis zu Trump-Bewunderern, von Nazis bis zu Anarchisten.

Quantitativ ist die Lage klar: Je nach Umfrage halten der überwiegende Teil der Deutschen die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus für gerechtfertigt oder sogar für zu schwach. Allerdings gibt es eine Wirklichkeit jenseits der Umfragezahlen: Die Zahlen über die Mobilität der Deutschen im Lockdown belegen, dass sich nicht immer alle an das halten, was sie in Umfragen befürworten.

Vor allem in acht gesellschaftlichen Gruppen rühren sich Zweifel, notfalls auch Widerstand: Nicht mehr alle Eltern sind gewillt, als Betreuer und Lehrer ihrer Kinder zu fungieren; viele Einzelhändlerinnen, Gastwirte, Künstlerinnen, Selbstständige wollen, zweitens, nicht ohnmächtig im Virusprekariat enden; was sich, drittens, in nächtlichem Vandalismus in Innenstädten oder illegalen Raves in Parks austobt, ist das jugendliche Grundrecht auf Begegnung und Entfaltung; wer sich, viertens, nicht als Untertan versteht, wehrt sich antiautoritär gegen staatliche Bevormundung; als Fußballfan will man, fünftens, in Stadien das gleiche Recht in Anspruch nehmen, das Demonstranten auf der Straße eingeräumt wird; wer grundlegende epidemiologische Widersprüche im Agieren von Regierenden entdeckt, wird, sechstens, zum Zweifler an staatlichen Übergriffen; dann sind da noch, siebtens, die Verschwörungsanhänger und Impfgegner, die jeder Obrigkeit per se eine Hidden Agenda unterstellen, die es zu bekämpfen gilt; und achtens gesellen sich an deren Seite natürlich Rechtspopulisten, Nazis und andere Systemgegner, die Zweifel instrumentalisieren, um staatliche Autorität und gesellschaftlichen Fortschritt zu unterminieren.

Wer auf Corona-Demonstrationen in Amsterdam, Kassel, London oder Paris reagiert, indem man die Protestierenden zu nützlichen Idioten von neonazistischen Drahtziehern macht, erleichtert den Nazis und Rechtspopulisten die Arbeit.

Fünftens. Ein neues Verhältnis zwischen Regierenden und Regierten

Jede funktionierende Demokratie muss stark genug sein, um Zweifel und Widerstand solcher Art auszuhalten; jede Demokratie in Zeiten der Pandemie ist allerdings schwach und angreifbar. Sie kann nur funktionieren und die Pandemie beherrschen, wenn sich die Regierten wie Komplizen der Regierenden verhalten: Durch ihr Verhalten entscheiden sie, ob die Maßnahmen der Regierenden zur Beherrschung des Virus führen. Staatliches Handeln muß deshalb im Gegenzug mehr sein als das Verfügen, Anordnen, Strafen. Mehr noch als sonst müssen Regierungen informieren, überzeugen, werben.

Erst die Pandemiekommunikation begründet den Erfolg von Pandemiemaßnahmen, darum sind Regierende in der Politikvermittlung nun ganz anders gefordert. Mit Begriffen wie „Jahrhundertherausforderung“ versucht die Kanzlerin die Deutschen zu alarmieren, erklärt ihnen die Berechnung des R-Faktors und die Gefahr der Mutanten, aber was sie in 15 Jahren rhetorisch vermissen ließ, holt auch das Virus nicht aus ihr heraus.

Kontraproduktiver ist allerdings die von ihr, dem Gesundheitsminister sowie den Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten immer wieder benutzte Beschwichtigungssprache, die sich kurz darauf selbst widerlegt: das Virus bedroht nur Asien, Masken nicht nötig, Lockdown nur bis Weihnachten, Schulen bleiben offen, Einzelhandel wird nie wieder zugemacht, Impfstoff reicht – alles rhetorische Platzpatronen. Es gelang der Bundesregierung und den Ministerpräsidenten nicht, eine Strategie zu entwickeln, die nicht darauf wartet, bis die Infiziertenzahlen so hoch sind, dass nur noch ein Lockdown hilft.

In der Pandemie muß sich ein neues Verhältnis zwischen Regierenden und Regierten herausbilden, eine kommunizierende Demokratie, eine solidarische Gesellschaft, in der sich die Regierten als überzeugte und überzeugende Staatsbürger verstehen, die zu Machthabern werden. Im Frühjahr klappte das Zusammenspiel zwischen Regierenden und Regierten, warum klappt es jetzt nur schleppend?

Zum einen schadet der Vertrauensverlust durch die Pandemiekommunikation, zum anderen zermürbt die Leute der Eindruck, notwendige Pandemiemaßnahmen werden zögernd und halbherzig angegangen. FFP2-Masken und medizinische Masken wurden erst nach 10 Monaten verpflichtend, Schnelltests hätten schon früher zum Schutz von Pflegeheimen und Schulen eingesetzt werden können, die Gefahr durch Reiserückkehrer wurde im Sommer und Herbst erst nach ihrer Rückkehr zum Thema, die Quarantäne von Kontaktpersonen wird immer noch nicht konsequent überprüft.

Wenn jeder Einzelne den Eindruck hat, die Umsetzung staatlicher Maßnahmen unterliegt der Willkür jedes Einzelnen, greifen sie immer weniger. Diese Sozialpsychologie der Pandemie zeigte sich besonders im November im Lockdown light. Seither nimmt die öffentliche Schuldzuweisung der Regierenden gegenüber den Regierten zu, seither sinken die Zustimmungswerte zur Pandemiepolitik, seither wächst gleichermaßen die Kritik an zu viel und zu wenig staatlicher Konsequenz. Von dieser Abwärtsspirale in der Komplizenschaft zwischen Regierten und Agierenden profitiert SARS-CoV-2, und wenn eine Strategie wie NoCovid Erfolg haben soll, muß man zurück zum Miteinander wie im Frühling.

In der Pandemie kann der demokratische Diskurs pandemieverschärfend und lockdownverlängernd wirken, weil schon die Erörterung von Lockerungen staatlicher Maßnahmen zu Verhaltensänderungen der Regierten führt. Spricht das gegen den Diskurs? Nein.

Sechstens. Wir haben die Wahl zwischen Virukratie oder Virokratie

Im Umgang mit der Pandemie haben sich zwei Staatsformen etabliert: Virukratie und Virokratie. In der Virokratie, also dort, wo die Regierungen das Virus medizinisch weitgehend unter Kontrolle bekommen haben, folgten sie dem Rat von Virologen, testeten viel, verordneten sozialen Abstand, kontrollierten die Reisenden, schickten Leute konsequent in Quarantäne. Das sind Länder wie Taiwan, Neuseeland, Vietnam, Finnland.

In den Virukratien – vor allem in Brasilien und lange Zeit auch den USA – wurde es dem Virus zu leicht gemacht, wurde zu wenig getestet und zu spät auf das Tragen von Masken gesetzt. Vor allem aber wurde der Rat von Virologen ignoriert und das Virus politisiert und ideologisiert. Einen größeren Gefallen kann man ihm nicht tun. In den USA wurde selbst das Tragen von Masken zum Politikum, für Anhänger der Republikaner wurden Masken zu einem Symbol wie Hammer und Sichel.

Wer die Kurve der Infiziertenzahlen von Europa, den USA und Asien nebeneinander legt, sieht staunend, wie unterschiedlich die globalisierte Welt auf den Eindringling aus dem Universum der Viren reagiert. Die USA durchlebten drei Wellen, mit Peaks im April (täglich 97 Infizierte pro Million Einwohner), im Juli (täglich 202 Infizierte) und im Januar 2021 (täglich 750 Infizierte). In Asien bleiben die Infiziertenzahlen in den zwölf Monaten der Pandemie konstant zwischen 2,5 täglich Infizierten pro Million Einwohner (April), 14 Infizierten (Juli) und 18 täglich Infizierten (Januar 2021).

In Europa gab es in der ersten Welle Virukratien und Virokratien, vor und in der zweiten Welle wurde der Rat von Virologen allerdings beiseite geschoben, das Virus triumphierte. Im April wurden täglich pro Million Einwohner 40 Infizierte ermittelt, im Juli 15 Infizierte, aber im Januar zwischen 250 und 330 Infizierte pro Million Einwohner.

So gut Deutschland durch die erste Welle und den Sommer kam, so dramatisch einfach machte es das Land dem Virus im Herbst und Winter. Die Zahl der täglich an und mit Covid19 Verstorbenen vervierfachte sich von 2,6 im April (pro Million Einwohner) auf täglich bis zu 10 Tote (pro Million Einwohner) im Januar. Zum Vergleich: In den USA stieg die tägliche Zahl der Toten (pro Million Einwohner) von 6,7 (April) auf 9,5 (Januar); im Januar starben täglich an oder mit Covid19 in Europa 6,8 Infizierte, in der Welt 1,7 Infizierte, in Afrika 0,5, in Asien 0,25.

Kaum ein Land der Welt mißachtet die globalen Erkenntnisse aus der ersten Welle so gründlich wie Deutschland, schnitt so schlecht ab während der zweiten Welle. „Das Ding ist uns entglitten“, räumt die Kanzlerin inzwischen ein. Warum? Wie? Die Regierenden würden in ihrer Ratlosigkeit gern auf Virologen hören, aber sie wissen nicht mehr auf welche.

In der Frühjahrswelle der Pandemie hatte sich so etwas wie Herdenmentalität etabliert. Die überforderte Regierung hörte auf den Rat der gesammelten Virologinnen und Virologen. Und die Bürger hörten auf die Regierung. Die Bilder der Ohnmacht aus Italien hatten Regierung und Bürger so eingeschüchtert, dass man für einige Zeit das Gefühl hatte, eine wissenschaftsgläubige Regierung und ein regierungsgläubiges Volk werden dem Virus vorbildlich trotzen. Zudem bestätigte der schon fast unheimliche Gleichklang vieler Regierungen weltweit, dass ein Lockdown richtig sein musste.

Diese Dreieinigkeit zwischen Politik, Wissenschaft und Volk funktionierte, weil die Botschaften der Wissenschaft einheitlich und beängstigend genug waren. Als Wissenschaftler dann das taten, was Wissenschaftler nun mal machen müssen, neue Erkenntnisse suchen, sich zu widersprechen und sich zu korrigieren, verloren die Regierenden ihre Kronzeugen und zu viele Bürger das Vertrauen.

Inzwischen haben sich vier Virologenfraktionen etabliert, die entweder vehement eine Inzidenz von Null, von 25, von 50 oder von über 100 als richtig propagieren. Und jede Virologenfraktion versteht es inzwischen, in Medien zu werben für die Politiker, die ihnen vertrauen. Und das bedeutet für die Regierten: Sie können sich aussuchen, wem sie mißtrauen.

Siebtens. Das Virus verändert den Journalismus

Journalismus in der Pandemie hat eine Doppelaufgabe: über das Virus, seine Gefahren, seine Schäden aufzuklären, das ist die eine; über die Maßnahmen gegen das Virus, die medizinische Versorgung, das staatliche Handeln und die Folgen für Gesellschaft und Wirtschaft zu berichten, ist die andere.

Während der ersten Welle wurden viele Medien zu Organen des constructive journalism, sie sahen ihre Aufgabe darin, den Deutschen einen Crash-Kurs in Virologie und Seuchenkunde zu bieten. Besonders die öffentlichen-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehsender machten sich mit der guten Sache der Pandemieabwehr gemein, Talkshows wurden zu Virologenshows, Wissenschaftlerinnen ersetzten Politiker. Wissenschaftsjournalisten füllten auch die vorderen Seiten der Zeitungen und Newssites.

Im Sommer wurden in den klassischen Medien die Stimmen lauter, die auf Lockerungen drängten. Es geht in der Pandemie um zwei Argumentationsketten: Wenn man das Virus für eine Bedrohung unserer Gesundheit, unserer Wirtschaft, unserer Gesellschaft hält, sollte man Abstand halten, Masken tragen und die Risikogruppen schützen. Wenn man das Virus für ein harmloses Ding hält, zu vernachlässigen etwa wie das jährliche Grippevirus, sollte man Abstand halten, Masken tragen, die Risikogruppen schützen – um denen, die das Virus für eine ernste Gefahr halten, keine Argumente und Infiziertenzahlen zu liefern für Maßnahmen, die individuelle Freiheiten weiter einschränken. Es war noch nie so einfach, dasselbe zu tun, obwohl man anderer Meinung ist. Es war noch nie so einfach, vernünftig zu sein.

Es ringen aber in der Öffentlichkeit zwei Argumentationsketten miteinander: Weil die Regierenden mit ihren Maßnahmen zu drastisch reagiert haben, so läuft die Argumentation der Regierungskritiker, sind sie verantwortlich für die ökonomischen und sozialen Folgen der Pandemie; sie haben das Virus in seiner Gefährlichkeit überschätzt und deshalb die Schäden des Virus vergrößert statt sie einzudämmen. Weil die meisten Regierungen es dem Virus in vielen Ländern so schwer wie möglich gemacht haben, halten die anderen Journalisten dagegen, haben wir nicht Millionen Tote und nicht weltweit 500 Millionen Infizierte mit all den Spätfolgen der Pandemie.

Demokratie in der Pandemie braucht den prüfenden Blick auf die Regierenden, braucht die öffentliche Kontrolle der massiven Grundrechtseinschränkungen; Demokratie in der Pandemie braucht allerdings auch die verlässliche Information, braucht die Auseinandersetzung mit Fake News, die Angst und Unsicherheit schüren.

Klassische Medien haben sich in der Pandemie eher als Verstärker der Forschenden (und der Regierenden) profiliert, in sozialen Medien wurde das gern als „Angstjournalismus“ abgetan. Geholfen hat den sozialen Medien, dass klassische Medien Virologen als Streithähne inszeniert haben und dass einige Virologen inzwischen Gefallen daran gefunden haben, sich inszenieren zu lassen.

Wer sich lang genug in den sozialen Medien von Studie zu Studie, von Video zu Video schwingt, kann sich mühelos verirren im Labyrinth der Desinformation. Wer allerdings auf den richtigen Kanälen unterwegs ist, kann sich gründlicher informieren als in den klassischen Medien.

Verallgemeinerung im Urteil über Medien ist immer angreifbar, und doch kann man festhalten, dass zwischen der ersten und der zweiten Welle viele Journalistinnen und Journalisten dem Trugschluss der Zahlen unterlagen: Alles im Griff, lockern, Pandemie vorbei. Aus dem Blick gerieten (wie den Regierenden) die Erfahrungen in Asien, der Schutz der Pflegeheime, die Ausweitung der Tests; bizarr ist der Opportunismus derjenigen Journalistinnen, die im Sommer den Regierenden vorwarfen, zu zögerlich zu lockern, um ihnen im Winter vorzuhalten, sie hätten die Vorbereitung auf die zweite Welle verschlafen.

Achtens. Wir streiten um Zahlen, wie lächerlich

Zahlen sollen die Politik der Regierenden begründen, sie sollen die Maßnahmen nachvollziehbar machen, sie sollen soziale Akzeptanz absichern. Es scheint beruhigend, wenn man dieses unsichtbare, gefährliche, allgegenwärtige Ding in eine Zahl verwandeln kann. Zahlen sind für uns wie Frontberichte. Infizierte, Getestete, Erkrankte, Tote, Genesende; Tote pro hunderttausend gemeldete Personen, Tote im Verhältnis zu Getesteten, Zuwachs der Infizierten am Tag.

Die Infiziertenzahlen zum Jahreswechsel waren hoch, dann sanken sie, jetzt steigen sie wieder. Sie zeigen allerdings, wie angreifbar Zahlen in der Pandemie sind. Schätzungsweise wird nur jeder und jede fünfte Infizierte erfasst.

Die Bundesregierung glaubt, wenn sie einen Grenzwert (bei der „Inzidenz“) festlegt, könne sie das Virus in die Schranken weisen. Die Inzidenz ist das, was während der ersten Welle im Frühjahr der Verdopplungsfaktor und die Reproduktionszahl war: die Zahl, die bestimmt, was Regierenden den Regierten an Entbehrungen glauben, zumuten zu können. Fünfzig Infizierte pro hunderttausend Einwohnerinnen und Einwohnern, im Durchschnitt von sieben Tagen gemessen, galten deshalb lange als die Schwelle zur Gefahrenzone. Ab da müsse der Staat mit Lockdowns, Schulschließungen, Ausgangsperren, Alkoholverboten und anderen Maßnahmen die Ausbreitung des Virus besonders streng bekämpfen.

Doch auch weil die Gesundheitsämter zwölf Monate nach Beginn der Pandemie immer noch unterbesetzt und logistisch unterentwickelt sind, fordern Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler inzwischen viel niedrigere Alarmwerte: staatliche Maßnahmen sollen die Inzidenz auf 25, 10 oder gar 7 Infizierte pro hunderttausend Einwohnerinnen und Einwohner absenken, was nur mit einem harten Lockdown zu erreichen wäre.

Nein, argumentieren andere Fachleute der Virologie, im Winter sei eine dauerhafte Inzidenz von 50 nur sehr schwer zu erreichen, höhere Inzidenzen seien kein Problem, wenn man durch Maßnahmen zum Schutz älterer Bürgerinnen und Bürger verhindere, dass aus Infizierten Schwerkranke und Tote werden.

Die Zahl, auf der die gesamte Pandemiepolitk beruht, ist umstritten, willkürlich und Folge von langjährigen und aktuellen Versäumnissen.

Unbestritten ist die Zahl der über 75.000 Deutschen, die an oder mit Covid-19 gestorben sind, allein im Dezember sind so viele Infizierte gestorben wie in den elf Monaten vorher. Die Fallsterblichkeit war zeitweise in Deutschland höher als im Virusparadies USA.

Was die Zahlen und die Virologinnen und Virologen nach zwölf Monaten Pandemie erstaunlicherweise nicht schlüssig beantworten: Wo infizieren sich die Deutschen vor allem? Welche Rolle spielen Kinder und Jugendliche in den Infektionsketten? Welche Maßnahmen reduzieren die Zahl der Infizierten besonders effektiv?

Neuntens. Die Erfolge in der ersten Welle verursachen das Versagen in der zweiten und dritten Welle

Erst China, dann Italien und Europa, dann die USA, Brasilien, Russland, Indien, jetzt gleichzeitig überall in Europa, Südamerika und den USA, das Virus zieht um die Welt mit der Berechenbarkeit eines Algorithmus. Überall dort, wo es ihm leicht gemacht wird, sorgt es für Rekordzahlen. In Deutschland wurde es dem Virus, nach anfänglicher Unterschätzung, zunächst viel schwerer gemacht als in vielen anderen Ländern, durch Abstand und Hygiene, durch das Commitment vieler Deutschen, später auch durch Masken.

Der Erfolg im Frühjahr ist die Hauptursache für den Misserfolg im deutschen Winter. Regierende und Regierte glaubten, mit dem Virus spielen zu können, im Juli verkündete der Kanzleramtsminister, man habe „Corona im Griff“. Erstmal in den Urlaub fahren, sagten sich die Regierten, auch in Risikogebiete, und hinterher mal überlegen, wie man durch Tests verhindert, das Virus wieder einzuschleppen. Das Präventionsparadox täuschte Regierte und Regierende: Die einen begannen, sich eine neue Normalität zu erträumen, die anderen hörten auf, all das auf den Weg zu bringen, was ein Leben ohne zweite Welle ermöglicht hätte.

In den Monaten zwischen der ersten und der zweiten Welle waren Zahlen der Grund dafür, dass wir glaubten, das Virus im Griff zu haben. Weil die Zahl der Corona-Kranken in den Krankenhäusern und auf den Intensivstationen (in Deutschland) zurückging, stieg die Gewissheit, SARS-CoV-2 sei ein letztendlich beherrschbares, vor allem durch mediale Abrüstung zu erledigendes Virus. Der Fehler, den der Gesundheitsminister im Januar machte, als er SARS-CoV-2 mit der saisonalen Grippe verglich, wurde zum Grundfehler vieler relativierender Pandemie-Betrachtungen.

Die Zahlen nach der ersten Welle gingen zurück und mit ihnen die Vorsicht und die Vorsorge. Versäumt wurde, das Land auf die zweite Welle logistisch und kommunikativ vorzubereiten. Offenbar hofften die Verantwortlichen wie im Februar, schon irgendwie verschont zu werden und mit lokalen Maßnahmen durchzukommen. Unterlassen wurde unter anderem: die Gesundheitsämter personell und technisch so auszustatten, dass sie auch bei 100 und 150 Infizierten pro hunderttausend gemeldeten Personen die Infektionsketten verfolgen können; bundesweit das Tragen von FFP2-Masken verpflichtend zu machen; die Testkapazitäten des Landes so aufzustocken, dass sie nicht so schnell an Grenzen kommen; entschlossener einen Schnelltest zur Erkennung der Infektion zu entwickeln; die Menschen in Alten- und Pflegeheimen besser zu schützen; aus der erfolgreichen Pandemiepolitik in Ländern wie Taiwan, Südkorea und Japan zu lernen; die Corona-App so auszustatten, dass sie mehr dem Gesundheitsschutz als dem Datenschutz dient; die Schulen durch digitale Bildungskonzepte und realistische Hygienekonzepte besser auf die Pandemie im kühlen Herbst und Winter vorzubereiten.

Zehntens. Das Virus spiegelt die Lücken unserer Intelligenz

Niemals zuvor war die Menge an Datenmaterial in den Anfängen einer Pandemie so schnell so groß. Und noch nie wurde so schnell ein Impfstoff entwickelt, der ein Virus im Kampf um die Herrschaft auf dem Planeten in die Schranken weist. Das Wissen über SARS-CoV-2, das in so kurzer Zeit weltumspannend zusammengetragen wurde, zeugt von der überlegenen Lernfähigkeit der menschlichen Spezies. Tausende Virologinnen, Epidemiologen und Ärztinnen aus über hundert Ländern tragen seit Monaten jeden Tag zusammen, was das Virus anrichtet und wie es bekämpft werden kann. Woche für Woche wächst das Wissen, schnell entwickelte Impfstoffe können in diesem Jahr helfen, die weitere Ausbreitung und Erkrankungen zu verlangsamen.

Es ist ein Wettrennen gegen das Virus. Ein Impfstoff ist eine Art Hütchenspielertrick: Er gaukelt dem Körper etwas vor, was nicht da ist und lässt ihn glauben, er sei mit einem gefährlichen Erreger infiziert. Gelingt der Trick, bildet das Immunsystem Antikörper und T-Zellen zur Virenabwehr. Dadurch wird das sogenannte Immungedächtnis aufgebaut. Trifft der echte Erreger später tatsächlich auf den Menschen, kann sein spezifisches Immunsystem umgehend reagieren und die Erkrankung abwehren.

Der Impfstoff von Biontech enthält ausgewählte Gene des Virus in Form von mRNA. Diese sollen nach der Injektion im Körper die Bildung von ungefährlichen Virusproteinen hervorrufen, die dann wie bei einem konventionellen Impfstoff den Aufbau des Immunschutzes bewirken. Die RNA-Technik gilt in der Forschung als besonders interessant, weil sie eine schnelle Entwicklung von Impfstoffen und einen schnellen Aufbau von Produktionskapazitäten verspricht.

Es sieht so aus, als würde uns diesmal die Klugheit der Fachleute retten: Die Impfstoffe können uns den medizinischen Schutz geben, den wir durch unser soziales Verhalten, durch Ignoranz, Dummheit und Egoismus nicht erreichen konnten.

Das Problem: Länder wie Deutschland werden länger brauchen, die Mittel zu verimpfen, als die Forschenden brauchten, sie zu entwickeln. Was hierzulande und in der EU schieflief, ist inzwischen halbwegs bekannt: Offenbar glaubten die Regierenden nicht so recht an das Erfindungstempo der wissenschaftlichen Intelligenz.

Auch in dieser Beziehung spiegelt SARS-CoV-2 die Lücken unserer Intelligenz und unserer Gesellschaft: Es beeindruckt uns so sehr, dass wir dem Ding ohne Hirn so etwas wie Intelligenz andichten. Je länger der „Rivale“ (Lederberg) uns zusetzt, desto mehr vermenschlichen und mystifizieren wir das Virus, es wolle sich „rächen“, es nutze jede „menschliche Schwäche“, die jüngsten Mutationen seien der Beleg dafür, das es „unsere Abwehrmaßnahmen“ umgehen wolle – so reden Politikerinnen und Politiker über das Virus.

Die Nervosität, die es auslöst, führt Virologinnen und Virologen dazu, untereinander schärfer zu werden: Christian Drosten bedauert, dass sich „der Ton zwischen den Wissenschaftlern polemisiert“. Seine Kollegin Melanie Brinkmann, wie er im Beraterkreis der Bundesregierung, kritisiert, dass „einige aus der Politik zuerst mal sehen wollen, ob es wirklich so schlimm kommt wie vorhergesagt“, aber „die Pandemie rast“, die britische Mutante B117 sei wie ein „Raketenantrieb“ für das Virus, es drohten „eine Tausender-Inzidenz“ und „180.000 Tote“ bei den unter 60-Jährigen in diesem Frühjahr.

Brinkmann und Drosten gehören zu einem Kreis von Forschenden, die Europas Regierende auffordern, das Virus mit synchronisierten Maßnahmen endlich grenzüberschreitend zu bekämpfen, weil sich im bisherigen Verlauf gezeigt hat, dass Pendler und Reisende die Infektionszahlen immer wieder wechselseitig in die Höhe treiben. Besonders die britische Mutante B117 des Virus macht sich gerade in Europa breit und verunsichert die Regierenden und Virologen der Länder, weil sie deutlich ansteckender ist als das bisherige Virus.

Schon 70 Prozent der Infektionen in Deutschland verursacht das mutierte Virus nach Angaben des RKI, und es ist tödlicher. Jedes Land befindet sich nun im Wettlauf zwischen englischer, südafrikanischer, brasilianischer Mutation und dem möglichst schnellen Impfschutz; umso ärgerlicher, dass die EU versäumt hat, Entwicklung, Produktion und Distribution der neuen Impfstoffe so zu synchronisieren, dass Europa schneller impfen kann.

Elftens. Die Gesellschaft braucht eine größere Resilienz gegen Viren

Wir wissen, dass Viren die Erde länger bevölkern als wir, und dass sie uns brauchen wie Mietnomaden unvorsichtige Hausbesitzer brauchen. Dass wir es ihnen durch unsere Lebensweise leichter machen als noch vor fünfzig Jahren. Wir dringen in die Welt der Viren ein, nicht sie in unsere. In der Welt, in der wir leben, wird dieser Mietnomade nicht der letzte gewesen sein, der uns besucht.

Die Menschheit hat sich zwischen SARS-CoV-1 im Jahr 2002 und SARS-CoV-2 als unfähig erwiesen, sich auf Attacken von Viren aus dem Tierreich genügend vorzubereiten und sich vor Pandemien ausreichend zu schützen. Virologinnen und Epidemiologen weltweit ist seit langem klar, dass Viren auf den Menschen überspringen und dass sie potenziell gefährlich sind. Auf rund 700.000 wird die Zahl der Säugetier- und Vogelviren geschätzt, die auf den Menschen überspringen könnten. 260 von ihnen ist es bereits gelungen – nicht nur Polio, Aids, Dengue, Masern, Ebola, SARS, Vogelgrippe H5N1 zeugen davon. Es gelingt den Experten und Expertinnen aber nicht, die Aufmerksamkeit zu erreichen, die sie bräuchten – wenn nicht gerade ein Virus über 2 Millionen Menschen tötet.

Warum versagt der Mensch dabei, sich zu schützen vor dem, was kommen wird? Dass die Regierenden der Welt Studien und Warnungen vor den Gefahren einer drohenden Pandemie über Jahre ignoriert haben, gehört zu den Dingen, die man nicht verzeihen kann. Wie in der Klimakrise und der Migrationskrise zeigen sich Politikerinnen und Politiker unfähig, offensichtlichen, grundlegenden Fehlentwicklungen und Risiken mit nachhaltigem Handeln zu begegnen.

Ein typischer Hollywood-Katastrophenfilm beginnt stets mit einem Experten oder einer Expertin, auf den oder die niemand hört. Im richtigen Leben heißen diese Fachleute zum Beispiel Yi Fan und Kai Zhao – sie und weitere Kolleginnen und Kollegen haben noch im Frühjahr 2019 vor Coronaviren aus Fledermäusen gewarnt. Sie arbeiten beim Robert Koch-Institut oder der WHO, sie entwerfen Planspiele an der Johns-Hopkins-Universität. Sie alle haben detailliert gewarnt vor einer Pandemie und ihren Folgen. Jahr für Jahr.

Es gibt einen Promi unter den Mahnern. Er ist kein Arzt oder Geheimdienstchef, aber er ist superreich: Bill Gates. Der Microsoft-Gründer gilt als zweitreichster Mensch der Welt, er redet verständlich, macht Dinge begreifbar.

Die jüngste Gates-Warnung, kurz vor Ausbruch der tatsächlichen Pandemie, stammt aus dem Oktober 2019. Mit der Johns-Hopkins-Universität und dem Weltwirtschaftsforum hatte die Bill und-Melinda Gates-Stiftung „Event 201“ durchgespielt: Ein fiktives Coronavirus bricht in Südamerika aus und zieht um die Welt. Ziel der Übung: die Einsatzbereitschaft von Behörden und privaten Organisationen im Falle einer weltweiten Epidemie zu verbessern. Jetzt, angesichts der realen Pandemie, sagt Gates, er fühle sich schrecklich. Seine frühen Warnungen: verpufft, ungehört. Er hätte mit mehr Nachdruck reden sollen.

Und nun? Hat die Menschheit in rasender Geschwindigkeit versucht, in Laboren rund um den Erdball so schnell schlau zu werden, um das Schlimmste zu verhindern. Geglückt! Die Erfindung der Impfstoffe ist eine große Leistung der menschlichen Spezies und gleichzeitig eine Gefahr. Sie könnten dazu führen, dass die Menschheit wieder nachläßt darin, ihre Gesellschaften resistenter zu machen gegen Pandemien aus dem Tierreich.

Das Virus zu besiegen, das wird nur gelingen, wenn es unser Denken verändert: Über sieben Milliarden Menschen zu impfen, das verlangt von der Menschheit eine logistische und ethische Anstrengung jenseits von Egoismus und Nationalismus und setzt die Einsicht voraus, dass die Bevölkerung jedes Landes erst sicher ist vor dem Eindringling, wenn die Bewohnerinnen und Bewohner aller Länder sicher sind. Das Gezeter zu Beginn der Impfkampagne lässt Böses erwarten.

Ein coronakonformes Leben braucht eine Gesellschaft, die das Leben ebenso schützt wie die Gesellschaftlichkeit des Menschen, also das, was ihn zum Menschen macht. Der Mensch begegnet sich bei der Arbeit, im öffentlichen Raum, beim Einkaufen, im Verkehr, in Schule und Hochschule, beim Sport, in der Kultur, im Restaurant und in der Wohnung – und überall wartet das Virus auf ihn. Ohne zu wissen, wo und wie das Virus besonders leicht von Mensch zu Mensch springen kann, haben wir unsere Gesellschaftlichkeit Stück für Stück aufgegeben. Zum Leidwesen der über Millionen Arbeitgebenden und Beschäftigten im deutschen Einzelhandel, in der Gastronomie und der Reisebranche. Wir brauchen zukünftig dieses Infektionswissen, um möglichst human und virenresistent zu leben.

Im Kampf gegen das Virus hilft, das zeigt der Verlauf der Pandemie in Asien, das Commitment der Regierten, die Einsicht, dass persönliche Freiheit entschlossen aufgegeben wird zugunsten einer schnellen Rückkehr zum normalen Leben. Dazu braucht es Bürgerinnen und Bürger, die so informiert sind, dass sie sich in der Abwehr einer Pandemie solidarisch verhalten und so dem Virus keine Chance geben.

Besser, wir lernen aus dieser Pandemie und sehen sie als Generalprobe: Die Menschheit braucht genügend Schutz, Medikamente und Personal, sie braucht Gesundheitssysteme, die in kurzer Zeit mit Millionen Infizierten umgehen können. Sie braucht Menschen in der Politik, die Warnungen und Studien von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in nachhaltiges Handeln transformieren.

Die Gesundheitsämter in Deutschland müssen personell und technisch so ausgerüstet werden, dass sie die Pandemiepläne umsetzen können; mit einem Bundesgesundheitsamt und nicht nur über 400 kommunalen Gesundheitsämtern. Tracking und Tracing durch eine funktionierende App, durch kontrollierte Quarantäne, ein Gesundheitswesen mit einer belastungsfähigen Intensivmedizin, ein Bildungssystem mit integriertem Digitalunterricht, einen Kulturbetrieb, der notfalls auch ohne Präsenzveranstaltungen überlebensfähig ist – all das steigert die Resilienz der Gesellschaft gegen Viren, die uns zukünftig heimsuchen.

Wie sagte der Nobelpreisträger und Molekularbiologe Joshua Lederberg? „Viren sind unsere einzigen und wahren Rivalen um die Herrschaft auf diesem Planeten.“

Hinweis: Dieser Text wurde am 24.03.2021 aktualisiert.

 

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