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© Ivo Mayr

Justiz & Polizei

Eine neue Studie behauptet: Auf Versicherungen gegen Berufsunfähigkeit können Kunden sich nicht verlassen

Ob eine Versicherung ihre berufsunfähigen Kunden tatsächlich auszahlt, gleicht einem Würfelspiel. Denn die Verträge sind so unverbindlich formuliert, dass Versicherungen im Zweifel fast immer eine Möglichkeit finden, die Zahlung zu verweigern. Das ist das Ergebnis der Umfrage des Informationsdienstleisters „PremiumCircle Deutschland“. Er bescheinigt der Berufsunfähigkeitsversicherung deshalb Marktversagen. Die Versicherungswirtschaft bezweifelt die Aussagekraft der Studie.

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von Daniel Drepper , Justus von Daniels

Diese Recherche veröffentlichen wir in Kooperation mit Spiegel Online.


Sie ist für den Notfall gedacht: wenn der Rücken chronisch schmerzt oder die Hand dauerhaft geschädigt ist. 25 Prozent aller Deutschen haben eine Berufsunfähigkeitsversicherung. Sie soll den Lebensunterhalt absichern, wenn man seinen erlernten Beruf nach einer Verletzung oder Krankheit nicht mehr ausüben kann. Doch ob die Versicherung tatsächlich zahlt, können weder Kunden noch Vermittler vorab einschätzen, so das Ergebnis einer Studie zu Berufsunfähigkeitsversicherungen. 

Wie häufig Versicherte einen Schadensfall anerkannt bekommen, schwankt der Studie zufolge extrem: Einige Versicherungen lehnten jeden siebten Antrag auf Berufsunfähigkeit ab, andere dagegen jeden zweiten. Enorme Unterschiede, trotz gleicher rechtlicher Bedingungen. Auslöser sind der Studie zufolge mehrere hundert schwammige Begriffe in den Verträgen der Versicherer und intransparentes Leistungsverhalten der einzelnen Versicherungen. Die Bürger seien „faktisch orientierungslos“, sagt PremiumCircle-Geschäftsführer Claus-Dieter Gorr.

Die Vermittler solcher Versicherungen würden im Prinzip Interpretationen verkaufen, von denen sie nicht wissen könnten, ob sie im Leistungsfall zutreffen. Eine Berufsunfähigkeitsversicherung sei deshalb oftmals nicht mehr als eine Option, die Versicherung zu verklagen, kritisiert Gorr. 

Für die Studie befragten die Autoren im vergangenen Herbst 62 Versicherungen. 15 Konzerne lieferten Daten für das Jahr 2014, darunter die HDI, die Targo und die Signal/IDUNA. Unternehmen wie die Allianz, die ERGO und die HUK lehnten es dagegen ab, sich an der Studie zu beteiligen. Die Ergebnisse stellt PremiumCircle am Dienstag auf einer Tagung in Frankfurt vor.

Versicherungssuche „gleicht einem Würfelspiel“

Zwischen einem und sieben Monaten brauchen Versicherer demnach im Schnitt, um einen Antrag zu entscheiden. Und auch bei einer Klage gegen die Versicherung unterscheiden sich die Konzerne erheblich. Einige Versicherer gewinnen alle Klagen, andere verlieren in mehr als 80 Prozent vor Gericht. Sie lassen es offenbar auf eine Klage ankommen, anstatt schnell zu zahlen. „Die richtige Versicherung zur Berufsunfähigkeit abzuschließen, gleicht einem Würfelspiel“, sagt Claus Dieter Gorr.

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft veröffentlicht selbst nur Mittelwerte all seiner Mitgliedsunternehmen. Die Unterschiede zwischen einzelnen Versicherern bezeichnet Pressesprecher Christian Ponzel in einer Stellungnahme als „nicht aussagekräftig“. 

Ein Grund für die großen Unterschiede ist Informationsdienstleister Gorr zufolge, dass die Versicherer zu große Spielräume in ihren Verträgen hätten. 321 unbestimmte Begriffe finden sich laut der Analyse in den Bedingungen der Versicherer. Versicherungen müssen beurteilen, ob ein Schaden es dem Versicherten tatsächlich unmöglich macht, seinen Beruf weiter auszuüben. Und ob eine Krankheit nicht schon seit der Kindheit vorliegt. Oder sie verpflichten den Kunden dazu, bei Leistungsbezug quasi jede Verbesserung seiner Gesundheit mitzuteilen. Das könne theoretisch auch schon der Fall sein, wenn der Versicherte nur noch zwei statt drei Tabletten einnehmen muss, sagt Gorr. Damit hätten die Versicherungen genug Spielraum, diese Verträge zu ihren Gunsten auszulegen – und eine Rente im Zweifel abzulehnen. „Bei Vertragsabschluss lässt sich nicht erkennen, was eine Versicherung abdeckt“, sagt Gorr. Die Verträge seien schwammig formuliert. 

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Im Zweifel gegen den Versicherten?

„Diese Argumentation ist abwegig“, sagt Peter Schwark, der beim Gesamtverband der Versicherungswirtschaft für die Altersvorsorge zuständig ist. Die Versicherer müssten solche „unbestimmten“ Begriffe verwenden, weil Berufsunfähigkeitsversicherungen auch in 30 Jahren noch Bestand haben müssen. „Versicherungen nutzen solche Dinge nicht willkürlich, um Kunden auflaufen zu lassen.“ Dem Autor der Studie wirft Schwark vor, eigene finanzielle Interessen zu haben und nur deshalb eine solche Studie zu veröffentlichen, um einen Markt für seine Beratungsleistungen zu schaffen.

Informationsdienstleister Gorr sagt, die Verbraucher hätten keine Chance, zu erkennen, welche Versicherung wirklich die Beste für sie ist. Für Versicherungen sei es zum Beispiel viel zu einfach, in öffentlichen Rankings Bestnoten zu bekommen. Die Werbung für solche Berufsunfähigkeitsversicherungen sei „weitgehend irreführend“. Auch weil nur jeder Vierte eine Berufsunfähigkeitversicherung hat, sieht Gorr „quasi ein Marktversagen“ in der Versicherungsbranche.

Unterstützung bekommt Gorr von Rechtsanwalt Joachim Laux, dessen Berliner Kanzlei sich darauf spezialisiert hat, Verbraucher bei Klagen gegen Versicherer zu unterstützen. Er schätzt die Leistungen der Versicherungen als noch viel schlechter ein. Die Bearbeitungsdauer der Verfahren sei sehr viel länger als in Gorrs Studie – und auch die Ablehnungsquote „dürfte bei allen Versichern deutlich über 50 Prozent liegen“. Rechtsanwalt Laux und seine Kollegen machen nach eigenen Angaben tägliche die Erfahrung, „dass sich BU-Versicherer sowohl bei Abschluss von Versicherungen als auch im Leistungsfall grundsätzlich sehr höflich, in der Sache aber intransparent, ausforschend und hinhaltend, im Ergebnis also unangemessen verhalten.“

Die Linke: Gesetz muss überarbeitet werden

Bis ins Jahr 2000 war die Berufsunfähigkeitsversicherung noch staatlich organisiert, erst danach wurde sie unter der rot-grünen Bundesregierung privatisiert. „Die Privatisierung zeigt besonders eindringlich, dass die private Absicherung existenzieller Risiken in der Regel auf Kosten der Versicherten geschieht“, schreibt die Bundestagsabgeordnete Sabine Zimmermannn, Rentenexpertin der Partei Die Linke. Das Versicherungsvertragsgesetz müsse überarbeitet werden, „einerseits um die rechtlich unklaren Begriffe zu schärfen, andererseits um die Transparenz zu erhöhen.“

„Je risikoreicher ein Beruf ist, umso teurer ist der Tarif für die Berufsunfähigkeitsversicherung. Das macht die Absicherung für viele Berufsgruppen kaum bezahlbar bzw. sie bekommen gar keine Versicherung angeboten“, schreibt die Bundestagsabgeordnete Elvira Drobinski-Weiß, verbraucherpolitische Sprecherin der SPD. Zu den Ergebnissen der neuen Umfrage wollte sie sich vor Beratungen mit ihren Parteikollegen nicht äußern.

Das Bundesjustizministerium sieht derzeit keinen Grund, die bestehende Praxis zu ändern. In juristischen Texten werde „oft mit unbestimmten Rechtsbegriffen gearbeitet“, so ein Sprecher des Ministeriums. Auch eine gesetzliche Versicherung lehnt das Ministerium ab, weil ein Großteil der Bevölkerung diesen Schutz nicht wahrnehme. „Eine Versicherungspflicht zur Lösung bestehender Problemfälle erscheint unverhältnismäßig. Es gibt derzeit auch keine Pläne in diese Richtung.“ 

Gorr sieht dagegen konkreten Handlungsbedarf: Versicherungen sollten transparenter werden, die Leistungsbedingungen damit leichter vergleichbar sein. Von der Politik fordert er klare Regeln für Verträge, damit die Versicherer zu konkreten Aussagen in den Verträgen gezwungen werden. Auch für Ratings von Versicherungen sollten Bedingungen festgelegt werden, die am Interesse des Verbrauchers ausgerichtet sind.


Mehr Recherchen zum Thema Versicherungen findet Ihr in unserem Schwerpunkt „Justiz und Polizei“.

© Jessy Asmus/Süddeutsche Zeitung

Leben im Gefängnis

Folge 4: Im Wartezimmer hinter Gittern

Häftlinge sind öfter krank als andere Menschen. Die medizinische Versorgung muss genauso gut sein wie draußen – eigentlich. In der Realität sieht das oft anders aus. Thomas aber, 52 Jahre alt und herzkrank, erhält hier endlich die nötige Betreuung.

von Alexander Krützfeldt

Thomas* steht vor dem Spiegel. Eine dunkle Wohnung, die nicht seine eigene ist. Taschenlampe in der Hand. Er zittert. Er hasst sich. Thomas weint.

Wäre wohl besser, zurück ins Auto zu steigen und – statt in diesem Haus zu stehen – gegen einen Brückenpfeiler zu rasen.

Sieh dir an, was aus dir geworden ist, so lebst du jetzt. Der Mann im Spiegel, das bist du.

Zwei Jahre sind seitdem vergangen. Das Licht der Gegenwart zwängt sich durch ein schmales Fenster, hinein in den Besucherraum mit einem schwarzen Telefon auf dem Fenstersims. Vier eingespeicherte Nummern. Alle enden in Nebenzimmern.

Die Recherche von Alexander Krützfeldt wurde über die Crowdfunding-Plattform von CORRECTIV finanziert und ist eine Kooperation von CORRECTIV, dem Bayerischen Rundfunk und der Süddeutschen ZeitungDer Bayerische Rundfunk hat zusätzlich eine dreiteilige Podcast-Serie produziert, in der es im zweiten Teil um Anstaltsärzte geht, die verzweifelt gesucht werden.

Thomas hat dünne, blonde Haare; seine kränklich-weiße Gesichtshaut erscheint im Deckenlicht wie Pergamentpapier.

Hinter ihm – neben dem breiten Sofa aus Leder – liegt das große, rosafarbene Plüsch-Einhorn gekrümmt auf der Erde, als habe es sich zum Sterben in eine Ecke zurückgezogen.

„Als Kind“, sagt Thomas, „hatte ich so einen Traum: Mit 50 hast du ein eigenes Haus und eine Familie, die glücklich ist“, sagt er.

„Tja. Hat nicht geklappt.“

Thomas ist krank. Gefangene in deutschen Haftanstalten sind im Schnitt öfter krank als Menschen aus dem Querschnitt der sogenannten „Normal-Bevölkerung“: Weil sie öfter arm sind, weniger oft ausreichend versichert, prozentual häufiger aus dem Obdachlosenmilieu stammen und in vielen Fällen länger nicht beim Arzt gewesen sind. Ihre Körper, gerade die der Drogen-, Alkohol- und Medikamentenabhängigen, sagen Ärzte, seien oft in einem völlig desolaten Zustand. Manche haben zudem durch jahrelangen Drogenkonsum, ihre Lebensumstände oder kriminelle Karrieren Traumata erlitten. Genau wie draußen nehmen auch im Gefängnis die psychischen Krankheiten zu.

Im Strafvollzug gilt dann das Äquivalenz-Prinzip: Die medizinische Versorgung muss so gut wie draußen sein. Jedenfalls so weit das möglich ist. Gefangene verlieren mit Strafantritt ihren Versicherungsschutz. Die Kosten für alle Behandlungen trägt der Staat. Das ist nicht billig.

Wer neu ins Gefängnis kommt, wird zuerst einem Arzt vorgestellt. Bei dieser Eingangsuntersuchung wird beim Gefangenen Thomas ein Stent festgestellt – ein Drahtgeflecht, das Gefäße zum Herzen stützen und öffnen soll. Der behandelnde Arzt weiß von Thomas‘ bisheriger Krankengeschichte nichts.

„Bei der Eingangsuntersuchung hatte ich von meinem Herzinfarkt erzählt“, sagt Thomas. „Ich sagte auch, ich hätte wohl nach der OP noch monatelang Medikamente nehmen müssen, aber ich hätte nicht genau gewusst, welche, und es deswegen gelassen.“

Für viele Häftlinge ist der Besuch beim Anstaltsarzt gleichzeitig der erste Rundum-Check seit Jahren: „Sie hatten“, sagt ein Arzt mitleidsvoll, „draußen einfach keine Zeit, sich zu kümmern. Das betrifft auch Zahnarztbehandlungen.“

Schon zu Beginn dieser Haft – die nicht seine erste ist – wird Thomas gesagt, dass man ihn hier nicht ausreichend behandeln könne, sein Herzleiden bedürfe notwendigerweise der Aufsicht eines Kardiologen. Und der ist draußen.

Im Gefängnis gibt es zwei Typen von Ärzten: die bei der Anstalt festangestellten und verbeamteten und die, die von draußen reinkommen und dort eine Praxis haben oder im Krankenhaus arbeiten.

Unter Inhaftierten ist umstritten, was besser ist. „Der Arzt drinnen redet halt so wie das Klientel hier“, sagt Thomas. „Ich nicht. Ich lese auch gern mal ein Buch.“ Der Umgangston sei insgesamt etwas rüde.

Angestellte Ärzte sind jederzeit verfügbar und können Vertrauen zu den Inhaftierten aufbauen. Das, sagen Anstaltsleiter, sei Vorteil und Nachteil zugleich. Weil ein solcher Arzt das „Klientel“ kenne; und weil er sich „nicht verarschen“ lasse.

Die Externen gingen den Häftlingen halt eher auf den Leim. Aber sie geraten auch nicht so schnell in Abhängigkeiten.

Denn es ist nicht unüblich, dass Gefangene Krankheiten vortäuschen, weil sie nicht arbeiten wollen – oder sich Medikamente geben lassen und diese anschließend weiterverkaufen. Die Ärzte wissen das in der Regel. Darum werden die Ersatzstoffe und betäubungsmittelähnlichen Substanzen vorsorglich in Tresoren verwahrt, unter strenger Buchführung. Die Mediziner sind angehalten, die Einnahme genau zu überprüfen: Schluckt der Patient auch runter? Nach Möglichkeit werden Mittel sogar flüssig verabreicht, damit sie niemand ausspucken und weiterverkaufen kann.

Manche Häftlinge sprechen von einem Generalverdacht. „Da kommt man sich vor wie beim Viehdoktor“, sagt einer. „Da wird dir vor Augen geführt, was für Abschaum du bist.“

Große Beute, großer Verlust, großer Schmerz

Thomas ist spielsüchtig. Dass er wegen seines Herzens überhaupt beim Arzt war, ist eher Zufall gewesen. Eine Notlage. In einer Nacht hatte Thomas nämlich eine Glückssträhne. Um Geld fürs Spielen zusammenzubekommen, brach er immer wieder in Häuser ein. Mit 10.000 Euro verließ er die Wohnung mit dem Spiegel, schlich sich davon, wurde schneller, immer schneller, bis er die Spielhalle erreicht hatte. Die Automaten begrüßten ihn blinkend und hupend und pfeifend.

Thomas spielte die ganze Nacht. An mehreren Automaten gleichzeitig. Es lief blendend: Ein Wink des Schicksals vielleicht; eine Entschädigung für all die Jahre der Verluste. Thomas gewann. Und gewann. Und gewann immer weiter. In den frühen Stunden des Samstags hatte er fast 90.000 Euro in der Tasche.

Am Vormittag schlurfte Thomas in die Innenstadt und kaufte sich ein Paar Schuhe: 400 Euro. Er stellte sie in den Kofferraum seines Autos, damit sie dort auf ihn warteten. Samstagnacht verlor er dann. Sonntag den Rest. Am Montag brachte er die Schuhe zurück, nahm das Geld – und verspielte auch das.

„Man gewinnt nicht“, sagt Thomas. „Man gewinnt nur, wenn man weiß, wann man aufhören muss. Ich weiß das nie.“

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Manche Häftlinge haben selbst im Gefängnis den Spielchip in der Hand.

Jörg Singer

Eines Morgens fuhr Thomas mit dem Zug zurück nach Hause. Er hatte die ganze Nacht Wohnungen ausgeguckt, wo er einbrechen konnte. Plötzlich: dieser Schmerz. Er kannte ihn ja. All die Monate hatte er ihn mit zwei Ibuprofen 600 und Rotwein betäubt. Thomas hielt sich die linke Brust, es war, als wolle sein Herz in tausend Teile zerspringen. Dann kippte er um wie ein Baum.

Im Krankenhaus stellten sie einen Herzinfarkt fest. Und operierten sofort.

Thomas genoss die Tage danach: die Ruhe, das Essen, die frische Wäsche. Er sah aus dem Fenster.

Standen da Polizisten vor der Tür?

Thomas raffte sich auf. Er war über die Zeit der Angst und Sucht und Raserei durchaus paranoid geworden. Mechanisch griff er seine Sachen und lief wie ein Roboter aus dem Krankenhaus.

Weg von den Polizisten, die aber gar keine waren, und von dort gleich weiter, und weiter, und zurück ins Casino wie eine Motte zum Licht.

Die Polizei kam seinen Einbrüchen irgendwann auf die Schliche.

Man könnte sagen: Thomas‘ erste Lebenshälfte ging mit einem Herzinfarkt zu Ende. „Vermutlich habe ich mein Äußerstes getan, um diesen Herzinfarkt zu bekommen“, meint Thomas.

In Deutschlands Haftanstalten sind viele Medizinerstellen derzeit nicht besetzt – und die Ärzte, die es gibt, kommen kaum hinterher. Inhaftierte berichten von Beamten, die Medikamente austeilen müssten, obwohl sie dazu gar nicht befugt sind. Ein Beamter sagt hinter vorgehaltener Hand: Was sollen wir tun, wenn das Personal knapp ist – einfach: nichts?

Auch das Europäische Komitee zur Verhütung der Folter (CPT) hatte jüngst bei einem Besuch dreier Anstalten in verschiedenen Bundesländern kritisiert, dass das medizinische Personal zwar tagsüber vollzählig, aber nachts in den Anstalten oft nicht anwesend sei. Zudem äußerte sich das CPT besorgt darüber, dass in allen Anstalten „verschriebene Medikamente und Psychopharmaka häufig vom Wachpersonal ausgeteilt wurden“.

Im Notfall hilft nur Schreien und Schlagen

Eine Erfahrung, die auch Thomas gemacht hat. Als er nach dem ersten Arztbesuch in die Zelle gebracht wurde, hatte er abends den Notruf ausprobiert: „Ich dachte: Was mache ich, wenn ich hier einen Herzanfall kriege?“, sagt er. Fast 40 Minuten habe er warten müssen, ehe sich eine Stimme in der Gegensprechanlage meldete und fragte, ob alles in Ordnung sei. „Da habe ich Panik gekriegt. Und ich wusste: Im Notfall hilft nur Schreien und gegen die Tür schlagen, bis die Mithäftlinge dich hören.“

Thomas sitzt im Besucherraum und zählt: 18 Jahre Knast bis jetzt. Immer so drei bis vier Jahre am Stück. Dann Freiheit. Dann wieder Spielen und anschließend Gefängnis. In 20 Monaten würde er wieder freikommen. „Man weiß nie, ob das gut geht“, sagt Thomas, als würde er über einen Bekannten reden.

Natürlich macht er Therapien. Thomas mag seine Therapeuten, nur helfen könnten sie nicht, nicht einmal, wenn er fragt: Was hilft mir denn?

Am Anfang hätten die Therapeuten ihm zu einem Ersatzrausch geraten. Aber das klappte nicht. Jetzt sagten sie nur noch: „Thomas, lass einfach den ersten Euro weg.“

Thomas seufzt.

„Ich will wirklich nicht undankbar sein, aber das weiß ich selbst.“ Einfach sei das überhaupt nicht.

Paradoxerweise ist Thomas auch im Knast von Glücksspiel umgeben: Bundesliga-Wetten, eine Dose Tabak als Einsatz. Poker. „Aber davon halte ich mich fern“, sagt Thomas. „Erstens gibt es da immer Prügel, wenn Leute sich verschulden, und zweitens spüre ich hier drinnen die Existenzängste nicht. Hier habe ich alles. So gesehen: nicht schlecht für mich.“

Thomas ist auf dem Land aufgewachsen, mit beiden Beinen im Matsch der Provinz.

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Ein kleiner, schmächtiger Junge, der trotzdem immer als einer der ersten in die Fußballmannschaft gewählt wird. Andere Väter schauen ihren Jungs zu. Sie feuern sie an; sie springen auf; sie rennen hin. Thomas‘ Vater kommt nicht. Er kommt nie.

Als Fuhrunternehmer ist er nur am Wochenende zu Hause. Dann sagt er kurz Hallo, geht in die Kneipe, schläft seinen Rausch aus, Sonntag dann Frühschoppen und – tschüss, tschüss – ist schon wieder Montag.

Nach seinen Fußballspielen geht Thomas in die Gaststätte. Die leitet seine Mutter. Sie begrüßt ihn schon mittags völlig betrunken. Die Ehe seiner Eltern läuft so schlecht wie das Geschäft.

Das Dorf tratscht. Seht sie euch an. Furchtbar.

Der Fußballverein will für Thomas sammeln. Aber das arme Kind will Thomas nicht sein. Sein Stolz zerrt ihn wütend aus dem Vereinsheim.

Nachts liegt Thomas wach, starrt an die Decke und fürchtet sich vor unbezahlten Rechnungen und Gläubigern. Thomas lernt früh ein Wort: Existenzängste.

Wie sich herausstellt, hat der Vater für den Kummer die Nachbarin, seine Mutter hat den Alkohol und das Dorf hat sein Gesprächsthema. Die Kinder? Haben nichts.

Sie finden keine Wohnung, weil sie die Gaststätte, in der sie auch wohnten, aus finanziellen Gründen verlassen müssen, und ziehen in der Garage eines Bekannten ein.

Zwei Dinge schwört sich Thomas in dieser Zeit: Werde nie so arm wie deine Eltern – und ende nicht als Verlierer. Existenzängste, das würde ein Fremdwort sein.

An Händen und Füßen gefesselt zum Facharzt

Wenn Thomas zum Facharzt gebracht wird, hängt alles von seiner Sicherheitseinschätzung ab. Wie gefährlich ist jemand? Wie muss er gesichert werden, wenn er die Anstalt verlässt?

Einige Bundesländer verhängen Sicherheitsstufen – andere distanzieren sich von diesem Konzept mit der Begründung, es sei unterkomplex und werde den individuellen Lebensläufen nicht gerecht. Eine Einschätzung treffen alle.

Die Kriterien: War oder ist der Gefangene Mitglied der organisierten Kriminalität und damit einer Gruppe, die versuchen könnte, ihn zu befreien? Welche Straftat hat er begangen? Ist er gefährlich für Mithäftlinge oder Beamte? Besteht Fluchtgefahr?

Stufe 4 offener Vollzug (Freigang und Wohnen außerhalb der Mauern)

Stufe 3 normaler geschlossener Vollzug

Stufe 2 geschlossener Vollzug mit erhöhten Sicherheitsvorkehrungen

Stufe 1 Hochsicherheitsstation

Thomas hat Stufe 2.

Gerade am Anfang planen Anstalten solche Einschätzungen meist konservativ. Bei Thomas sahen die Beamten das Risiko, dass er den Abgang machen könnte.

„Wenn ich zum Facharzt muss“, sagt Thomas „werde ich gefesselt.“ Das wird in der Regel gemacht, weil die Anstalten – gerade bei neuen Gefangenen – lieber auf Nummer sicher gehen.

Fesselung gibt es an den Händen, an den Füßen, an Händen und Füßen – oder sogar an Füßen und mit Händen auf dem Rücken. Dann ist der Gefangene weitgehend bewegungsunfähig. Thomas‘ Fesselung wird unter dem Pullover durchgeführt, damit man sie nicht gleich sieht.

„Ich persönlich finde es wahnsinnig erniedrigend, wenn ich im Anstaltspullover gefesselt durch die Straßen zur Sprechstunde latschen muss“, sagt Thomas. „Die Leute starren dich an, du kannst mit der Fußfessel kaum Schritt halten. Da wird dir schon klar, wer und woran du bist.“

Die Bewachung findet in der Regel mit zwei oder drei Beamten statt. Je höher das Risiko, desto mehr Bewachung. Auch während der Operationen sitzen Bewacher im Krankenhaus. Und danach vor dem Patientenzimmer. Manchmal sogar darin. 24 Stunden. Rund um die Uhr.

Ärzte in Gefängnissen

Dass in mänchen Ländern viele Ärztestellen für Beamte unbesetzt bleiben, sagen Anstaltsleiter, liege daran, dass Ärzte die Umgebung und das Klientel scheuten. Häftlinge stellten wiederum übertriebene Forderungen an ihre Versorgung. Zudem können Mediziner in der freien Wirtschaft ein Vielfaches verdienen.

Für Krankenhäuser und Praxen ist es aber auch ein gutes Geschäft: Anders als im Krankenhaus gibt es im Strafvollzug nämlich keinen Budgetdruck. Gefängnisse müssen bei der medizinischen Versorgung nicht profitabel sein, sondern bekommen die Budgets im Zweifel von den Ländern aufgestockt.

Für externe Ärzte sind die Anstalten damit treue Goldesel und liefern Klientel, die wie Privatpatienten auf Staatskosten laufen. Ein gutes Zusatzeinkommen jenseits der stark reglementierten Abrechnungen mit den Krankenkassen. Einige große Anstalten haben daher eigene, angegliederte Krankenhäuser, die verschiedene Behandlungen selbst durchführen.

Es gibt noch einen Vorteil: „Wenn du hier einen Termin beim Spezialisten brauchst“, sagt Thomas, „ruft die Anstalt für dich an – und sofort hast du einen. Draußen würdest du monatelang warten.“

Thomas steht vom Tisch auf.

Gesprächszeit vorbei.

Seine Vorstellung von Glück war die eines Jungen, der sich nach einer normalen Kindheit und Familie sehnt. Heute spricht Thomas vom Glück, als sei es irgendwann aufgebraucht gewesen.

Das Haus. Die Familie. Thomas ist 52.

Anders betrachtet hat Thomas doch Glück gehabt. Vielleicht ohne es zu wissen.

Denn nicht jede Versorgung in Haft läuft so gut wie bei ihm. Das Europäische Komitee zur Verhinderung von Folter hat bei seinen Besuchen in Haftanstalten auch festgestellt, dass sich die Qualität der medizinischen Untersuchungen in den Anstalten „beträchtlich“ unterscheide. Die Eingangsuntersuchung neu angekommener Häftlinge sei keineswegs umfassend gewesen, eingehende körperliche Untersuchungen hätten nicht stattgefunden und Verletzungen würden schlicht nicht dokumentiert.

Ein Quäntchen Glück für Thomas vielleicht, in einem großen See voller Pech. Thomas blickt sich noch einmal um.

„Danke für den Besuch“, sagt er und blickt zum Einhorn in der Ecke. „Bei mir war einfach früh diese Leichtigkeit weg, die Unbeschwertheit. Kann man vielleicht verstehen.“

Das Einhorn guckt mit seinem leicht gesenkten und staubigen Kopf hinter dem Sofa hervor, und kurz scheint es, als träfen sich ihre Blicke.

  • Name von der Redaktion geändert

Titelfotos in dieser Serie: Christiof Stache/ AFP, Stephan Rumpf/ Süddeutsche Zeitung

Recherche: Eva Achinger, Alexander Krützfeldt

Die Recherche wurde über ein Crowdfunding auf der Plattform crowdfunding.CORRECTIV finanziert. Vielen Dank an alle Unterstützer, die wir im Folgenden mit Namen nennen, soweit sie eine Namensnennung bei der Spende ausgewählt haben: AndreasFC Glauch, Frederik Fischer, Ina Morgenroth, Johannes Feest, Cinderella Glücklich, Heino Stöver, Dr. Christian Bahls, Franziska Gromann, Kerstin Litterst, Dorothea Gruß, Fabian Lindner, Christoph Koch, Ruprecht Frieling, Daniel Drubig, Lisa-Marie Schnell, Karl Scholze, Björn Haase-Wendt, Frank Puschin, Clemens Haug, Nicholas Krützfeldt

© Jessy Asmus/Süddeutsche Zeitung

Leben im Gefängnis

Folge 5: Schwarzer Markt

Gefängnisse sind mit Stacheldraht, Mauern und Wachen abgeschirmt. Aber Suchtkranke und Dealer, Drogenschmuggel und Handel mit Verbotenem gibt es drinnen genauso wie draußen. Scholle weiß, wie die Geschäfte hinter Gittern laufen.

von Alexander Krützfeldt

Sie haben Scholles* Mutter entkleidet.

Die Beamten hatten einen Verdacht: Dass Scholles Mutter versuchen könnte, Drogen oder Handys ins Gefängnis zu schmuggeln. Also baten sie Scholles Mutter, sich komplett auszuziehen, die Polizei war dabei, womit Scholles Mutter natürlich nicht einverstanden war; wer macht das schon gerne, sich ausziehen, vor lauter fremden Leuten, noch dazu in einer Haftanstalt. Und am Ende war Scholles Mutter eben nackt und sehr wütend, die Beamten auch, und Scholles Mutter fuhr entrüstet noch vor dem eigentlich aus „Kulanz“ verlängerten Besuch nach Hause. Und jetzt kocht Scholle. Ein bisschen Wut kennt er nicht; Scholles Wut ist Godzilla im Porzellanladen.

Die Recherche von Alexander Krützfeldt wurde über die Crowdfunding-Plattform von CORRECTIV finanziert und ist eine Kooperation von CORRECTIV, dem Bayerischen Rundfunk und der Süddeutschen Zeitung. Der Bayerische Rundfunk hat zusätzlich eine dreiteilige Podcast-Serie produziert, in der es im ersten Teil auch um Schmuggel hinter Gittern geht.

Scholle kommt aus einer gewalttätigen Gegend, die, sagt Scholle jedenfalls, über ihre Grenzen hinaus bekannt dafür sei, dass ein Teil ihrer Bevölkerung im Gefängnis sitze. Gefängnispatriotismus.

Bis hierher verläuft Scholles Leben nach dem Drehbuch eines schnellgeschnittenen Actionfilms: Er ist ein Ein-Mann-Abrisskommando; Probleme regelt man mit der Faust. Alles hat entweder mit Ehre oder mit Loyalität zu tun, manchmal auch mit beidem – und, ganz ehrlich, hätte jemand draußen versucht, Scholles Mutter gegen ihren Willen zu entkleiden, er hätte von Glück sagen können, wenn er seine Zähne nur vom Bürgersteig hätte aufsammeln müssen. Und sie nicht jemand anders zur Identifizierung hätte aufsammeln müssen.

Hier gibt es alles: Handys, Gras, Heroin

Scholles Mutter wollte doch nur zu Besuch kommen. Ihren Jungen sehen. Eine Stunde. Denn Scholle sitzt schon eine Weile. 14 Jahre insgesamt. Immer mal wieder draußen, immer mal wieder drinnen. Er hätte nach zwei Dritteln entlassen werden können, das schon, jedenfalls wenn die Prognosen gut gewesen wären, und er sich passabel geführt hätte, aber das war beides nicht der Fall gewesen. Daher hatte Scholle die „Zwei-Drittel“ auch nicht bekommen.

Scholle ist so eine Art menschlicher Castorbehälter, wie tief du ihn auch einlagerst, Scholle strahlt trotzdem weiter. Die Sache mit der Wut hat er nicht im Griff. Er lässt sich nichts sagen. Ein Mann bücke sich nicht, sagt er; so ist das mit Scholle. Alles andere hat er dagegen gut im Griff, jedenfalls die Geschäfte. Denn das Problem ist: Scholle hat bis vor Kurzem mit Drogen im Gefängnis gedealt. Scholle sagt nicht „dealen“. Scholle sagt: „Gefallen tun.“

Man könnte meinen, dass Gefängnisse, die mit Stacheldraht, hohen Mauern und Wachen abgeschirmt sind von der Außenwelt, diese Probleme nicht haben: Dealen, Schmuggeln, Drogengeschäfte wie in einem öffentlichen Park. Aber falsch gedacht: Auch Menschen, denen die Freiheit entzogen worden ist, versorgen sich mit allem, was auch draußen schon illegal ist. Die Anstalten wissen das und rüsten gegen die Dealer. Die Dealer tun das wiederum auch. Wie Scholle.

„Ich würde nie Angehörige benutzen, um Drogen zu schmuggeln“, sagt Scholle, und in seinen Augen spiegelt sich das lange Deckenlicht wie ein Zebrastreifen. „Das würde ich ihnen niemals antun – und das könnte ich mir auch nicht verzeihen, wenn etwas passiert.“ Gut, sagt Scholle: Fünf Gramm, da behielten sie dich ja nicht gleich da. „Bei 15 vielleicht.“ Scholles Freundin findet das mit dem Kiffen nicht so super; aber es sei, sagt sie, immerhin besser als Crystal Meth.

Im Gefängnis gibt es alles. In diesem Punkt unterscheidet es sich nicht von draußen. Gras, Crystal, Heroin. Nur die Preise sind wesentlich höher. Nachfrage und Verknappung der Ware. Marktwirtschaft im Grunde. Je höher der Preis, desto knapper das Gut, sagen die Anstaltsleiter. Daran sehe man, was derzeit gut verfügbar ist. Und obwohl Alkohol auch verboten ist, haben die Häftlinge zu Scholles Geburtstag „Angesetzten“ gemacht: hundertprozentigen Fruchtsaft aus dem Gefängnisladen kaufen, Hefe rein und im ausgespülten Reinigungskanister eine Woche stehenlassen. „Aber das wird weniger“, meint Scholle. „Ansetzen ist umständlich. Crystal & Co. haben das quasi verdrängt.“

Etwa ein Drittel der männlichen erwachsenen Häftlinge ist drogensüchtig. Viele fangen sogar im Gefängnis erst an, weil es langweilig ist oder die anderen es auch machen. Ein Sozialarbeiter sagt: „Rechnen Sie das mal durch: Eine Anstalt mit tausend Insassen. Sagen wir ein Drittel. Und jeder davon bekommt seinen Stoff pro Tag.“ Da werde doch der ganze Wahnsinn schon deutlich: „Wie viel Nachschub brauchen Sie denn da täglich? Diese Mengen können nur Beamte reinbringen.“ Ein Anstaltsleiter sagt dazu nur: „Die Subkultur werden Sie nie austrocknen können. Sie können Drogen bekämpfen, aber gewinnen werden Sie den Kampf nicht. Es wird immer Drogen im Gefängnis geben.“

Sieht auch Scholle so: „Die Beamten haben viel mehr Aufgaben als früher: Die sind mit Papierkram beschäftigt. Die Tage, an denen ich in Haft nicht gekifft habe, kann ich an einer Hand abzählen.“

Tabak in Dosen ist die Standardwährung. Kein Häftling raucht Filterzigaretten, viel zu teuer. Wenn Gefangene nicht arbeiten müssen – nicht in allen Anstalten besteht Arbeitspflicht – oder können, haben sie kaum Geld. Scholle hat etwa 50 Euro im Monat zum Einkauf. Das ist sein Taschengeld. Eine Dose Tabak, Gegenwert: 22 Euro, ist natürlich pures Gold. „In meinem Schrank stehen 40 Dosen“, sagt Scholle.

Scholle sitzt aktuell für Raub, saß auch schon für Betäubungsmittelhandel. Seine Mittäter sind in Freiheit. „Weil ich der Einzige bin, der von unserer Bande noch sitzt, entsteht kein Versorgungsengpass“, sagt Scholle lächelnd. „Wenn ich was brauche, kriege ich es.“

Es gibt zwei goldene Regeln im Gefängnis: Halt dich raus und verschulde dich nicht. Die Neuen wollen rauchen, leihen sich was, eins zu zwei, Kreislauf. „Kriegen die doch nie wieder rein“, sagt Scholle. Dann setzt es Prügel.

Mit Schlagstock und Pistole

Neben seinen Geschäften schreibt Scholle Beschwerden an die Gerichte. 13 Ordner hat er schon voll. Das tut er auch für Mitgefangene, er ist so gesehen Anwalt: „Gefallen tun“, nennt Scholle das – auch dafür gibt es Tabak. Die „Jailhouse Lawyer“ gibt es in jedem Gefängnis. Das Auflehnen gegen Regeln, das Klagen, aber auch das Aufrechterhalten der illegalen Subkultur verschaffen ihnen das Gefühl von Freiheit in der Unfreiheit. Und es ist gut für das Selbstbild.

Wenn Scholle sich selbst beschreiben soll, sagt er: „Ich bin ein zu guter Mensch.“ Scholle hat mit „seiner Bande“ Menschen überfallen. Kaum ein Wort dazu. Seine Gruppe hatte eine Pistole und einen Schlagstock dabei. Wer die Waffen trug: sagt Scholle nicht. Wer die Mittäter sind: sagt Scholle nicht. Scholle, den sie draußen und drinnen wie den Fisch nennen, sagt nur: „meine besten Freunde“.

Die Gefängnisleitung findet, Scholle könne sich ruhig mehr mit sich selbst und seinen Taten beschäftigen, statt den ganzen Tag Beschwerden zu schreiben. Scholle findet, das tue er doch. Aber alles gefallen lassen wolle er sich auch nicht.

„Die ersten zwei Jahre wurde ich von den Beamten nur gefickt“, sagt Scholle über die Anfangszeit im Knast. Er meint: schikaniert. „Aber ich habe gelernt. Und jetzt gebe ich es denen eben richtig zurück.“ Wenn einer Gras bei ihm finde, klagt er, wenn der Beamte bei der Durchsuchung kein Namensschild trug. „Die überlegen sich das zweimal“, sagt Scholle, „ob die bei mir was mitnehmen. Das bedeutet: noch mehr Papierkram.“ Die Anstalt sieht das anders und ließ nach dem letzten Besuch seiner Freundin die komplette Zelle ausräumen.

Das geht immer so weiter, immer hin und her: Erst vor ein paar Tagen musste Scholle zur Disziplinaranhörung, weil er ein Telefon bei sich hatte. Das ist sein Kampf: Scholle gegen Blauwal.

Alte Handys kosten im Gefängnis zwischen 50 Euro (ohne Touchdisplay) und 120 bis 150 Euro (Touchdisplay). Die Mediennutzung ist eigentlich streng reglementiert. Internet ist größtenteils tabu. Es gibt Anstalten, die erlauben Rechner in Schulungsräumen für Wikipedia. Handys sind verboten.

Manche Anstalten haben Telefone auf dem Flur, was für die Häftlinge blöd ist, weil sie kaum ungestört telefonieren können. Schwer dann mit der Freundin und so. Manche Anstalten haben Telefone in den Zellen, eingebaut in die Wand. Für sie können sich Häftlinge feste Rufnummern – durch die Anstaltsleitung geprüft – freischalten lassen, sich ein Telefonkonto einrichten und dann auch die ganze Nacht sprechen.

„Wenn die Zelltüren offen sind“, sagt Scholle, „kann man auch gut mit dem Handy telefonieren.“ Das ist in der Regel nicht so teuer wie mit dem Anstaltstelefon. Seien die Türen aber zu, liefen die Beamten mit kleinen Geräten auf dem Flur auf und ab: „Das bemerkt eingehende Anrufe und blinkt dann. Da geht sofort die Tür bei dir auf und dann gibt’s Ärger.“

In der JVA Offenburg gibt es mittlerweile keine Handys mehr. Die Anstaltsleitung hat kurzerhand einen Störsender auf dem Gelände platziert. Und wo kein Empfang, da keine „Mobilfunkkunden“. Inzwischen ist die Rechtsgrundlage dafür in allen Landesgesetzen vorhanden.

Handybesitz ist in den meisten Gefängnissen eher der Normalfall – ein Sozialarbeiter erzählt: „Da sitzen dann drei Insassen bei unserem Gesprächstermin und man sagt: Jetzt mal Handys auf lautlos, bitte. Dann Schweigen. Dann greifen alle in die Hosentasche.“ Nur wenige haben keins. Die aber sagen: Sei ja auch schön, mal offline zu sein in dieser hektischen Welt.

Scholle hat mehrere Elektrogeräte in seinem Haftraum. Fernseher dürfen jetzt größer sein als die früher erlaubten 19 Zoll; mittlerweile – dank Scholle, sagt Scholle – sind Bildschirmdiagonalen über 40 Zoll erlaubt. „Ich will wirklich keine goldenen Badewannen hier“, sagt Scholle. „Ich hole mir nur, was mir auch zusteht.“

Für die Gefängnisse sind Häftlinge wie Scholle unbequem: Sie stellen Fragen. Sie lamentieren. Sie brechen die Regeln. Und sie infizieren andere mit ihren aufrührerischen Gedanken. Die Haftanstalten halten dagegen.

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Spürhunde und fliegende Drogenpäckchen

Scholle hat lange gedealt. Wenn Hofgang war, hätten die Leuten in Trauben vor seinem Gitterfenster gestanden, erzählt er, und wenn ein Beamter gekommen sei, habe einfach jemand geschrien: „Bulle“. „Dann haben wir alles versteckt“, sagt Scholle. „Die Leute decken einander.“

Mit einem Inbusschlüssel hätten er und seine Leute die Abdeckungen von den Lautsprecheranlagen abgeschraubt, das Zeug dahinter versteckt und gelagert. „Die Spürhunde riechen nur in Bodennähe und bis etwa 30 Zentimeter“, erklärt Scholle. Außerdem werden sie oft – gerade in kleineren Anstalten – erst bei Bedarf aus Sammelstellen herbeigeschafft.

Scholle sagt, man konsumiere sehr offen: „Wir treffen uns in einer Zelle am Ende eines Flures, einer steht Schmiere, dann haben wir eine Plastikflasche und rauchen Eimer“, erzählt er. Gruppen-Kiffen mit einer aufgeschnittenen Einweg-Plastikflasche also. In der Wirkung in etwa so, als würde jemand Ungeübtes den Inhalt einer Holzhackschnitzel-Heizung rauchen. Einer passt immer auf und warnt, die anderen sind schnell und das Gras, das Beweismaterial also, weggeraucht oder rasch entsorgt, wenn ein Beamter kommt.

Wenn die Türen abends verschlossen sind, werden Drogen über die Fenster an einem Bindfaden von Zelle zu Zelle gependelt. Der Stoff ist in Alupäckchen verpackt, beschwert und jemand schwingt sie von einem Fenster zum nächsten wie ein Pendel – dort greift einer zu und zieht das Päckchen hinein. Manche Anstalten sind daher so gebaut, dass die Fenster nicht nebeneinander liegen, sondern dass die Fassade quasi gezackt verläuft, die Fenster also jeweils voneinander abgewandt sind. Dann erreicht sie das Pendel nicht mehr.

Manche Häftlinge schössen Drogenpäckchen auch mit Gummibändern aus ihren Boxershorts in die gegenüberliegende Zelle, sagt ein Beamter: „Dumm sind die nicht.“

Die Anstalten versuchen alles, um den Schmuggel zu unterbinden. „Wir lassen auch Babys wickeln und entkleiden“, sagt ein Beamter. „Aber sicher nicht, weil wir Unmenschen sind. Klar, die Väter sind dann auf 180 und drohen mit Klage. Aber kaum ist die Windel runter, finden wir doch ein Handy oder Drogen.“ Das Kind schreie wie am Spieß. Die Mutter auch. „Denken Sie, das macht uns Spaß?“ Die Beamten stehen unter Dauerstress.

Die Klientel sei ja teilweise unverbesserlich, sagt ein anderer – und bestens miteinander vernetzt, weil oft ganze Banden, die sich von draußen kennen, zusammen in einer Haftanstalt sitzen. Wie die Leute aus Scholles Heimatstadt. „Ich kenne immer jemanden“, sagt Scholle. „Das macht es leichter.“

Viele Häftlinge testen zudem die Offenheit der Beamten gegenüber kleinen Gefallen: „Ich frage: Kannst du mir deinen Kugelschreiber leihen?“, sagt einer. „Bei nächsten Mal frage ich nach etwas Größerem. Dann höre ich mir dafür die Sorgen des Beamten an. Es entsteht ein Netz aus Gefällig- und Abhängigkeiten. In jede Richtung. Mann, das ist eine kleine Welt.“

Neben kleineren Gefälligkeiten gibt es wohl auch größere: Immer mal wieder stehen Justizvollzugsbeamte vor Gericht, weil sie Drogen, Alkohol oder Telefone ins Gefängnis geschmuggelt haben sollen. Das sind Einzelfälle. Aber hinter vorgehaltener Hand wird berichtet, dies sei durchaus ein gängiger Weg – und die Beamten bekämen gutes Geld dafür. Der Grund sei: Die Beamten hätten ein mieses Gehalt und der Job sei wenig wertgeschätzt.

„Im Endeffekt“, sagt Scholle, „wollen die Beamten nur ihre Ruhe. Die wollen auch mal pünktlich Feierabend machen. Diese Ruhe garantieren wir. Eine Hand wäscht sozusagen die andere“, sagt Scholle. Mit alten Beamten sei der Kontakt leichter. Die drückten auch mal ein Auge zu. „Die neuen“, sagt Scholle, „die jungen Beamten, das sind richtige Hardliner. Die wollen dir erst mal zeigen, wo es langgeht.“ Scholle guckt finster. „Aber auch die“, sagt er ernst, „verstehen dann ganz schnell: Ohne uns keine Ruhe im Knast.“

Schmuggel mit Drohnen

Die Anstalt sieht das anders – und macht Razzien. In modernen Gefängnissen nähern sich Beamte durch unterirdische Tunnel und blickdichte Gänge, damit die Häftlinge sie nicht kommen sehen. Bei einer Razzia wird alles kontrolliert: Matratze hoch, Bilder von der Wand, Kugelschreiber aufgeschraubt. Briefe werden auf Drogen durchsucht. Für eine Zelle, die zwischen 8,5 und 9,5 Quadratmeter groß ist, braucht man zwischen zehn und 20 Minuten. Häftlinge erzählen, dass die Beamten dafür – auf die Größe einer Anstalt hochgerechnet – kaum Zeit hätten, und manche Dinge, die sie finden und mitnehmen müssten, lieber mal liegen ließen.

„Dass solche Leidensgemeinschaften entstehen – und auch Abhängigkeiten“, sagt ein Anstaltsleiter, „das ist wohl unvermeidlich. Aber dagegen gehen wir systematisch vor.“ Weil Beamte während ihrer Schichten praktisch mit eingesperrt sind – und auch an der Umgebung leiden –, passen manche sich an. Man nennt die Mitarbeiter einer Haftanstalten deswegen auch: „paid prisoners“. Die Anstalten bemühen sich daher, dass es ihren Mitarbeiter gut geht. Dann lassen sie sich weniger von Scholle und seinesgleichen auf der Nase herumtanzen.

Schmuggelmethoden gibt es viele. Zum Beispiel: Drogenpakete in die Vagina der Frau oder im Anus eines Freigängers. „Hinknien lassen“, sagen die Beamten, „die müssen sich bücken, dann fällt alles raus, weil der Körper es nicht halten kann.“

Oder Überwürfe über die Mauer. Anstalten haben teils Patrouillenstreifen zwischen den Gebäuden und der Mauer. Dort laufen Beamte, aber die Häftlinge kommen nicht hin.

Neuerdings auch: Drohnen. „Sie fliegen rüber, werfen ab“, sagt ein Sozialarbeiter. „Vorrangig Handys, weil die bei Besuchen schwerer an den Kontrollen vorbeizuschleusen sind.“

Damit die Häftlinge am Fenster nicht miteinander reden können, werden manche Gefängnistrakte in modernen Anstalten so gebaut, dass sich die Fensterfronten nicht gegenüberliegen. Das funktioniere sonst nämlich wie ein überdimensionales Telefon.

Auch die Post wird scharf kontrolliert und muss meist offen abgegeben oder vor den Beamten ausgeschüttet werden.

Wer erwischt wird, dem drohen Geldstrafen oder Einschluss für eine begrenzte Zeit. Häftlinge nennen es: „den Bunker“. Einschluss ist meist auf 21 Tage begrenzt, in einer gesicherten Zelle. Bei einer Dauer von bis zu vier Wochen heißt er im Justizdeutsch Arrest, länger dauert die Einzelhaft. Weitere Strafmaßnahme: vorerst keine Besuche mehr. Oder nur noch Besuche, wo beide durch eine Scheibe getrennt sind, damit sie nichts mehr austauschen können.

Die Beamtinnen haben bei Scholles Mutter nichts gefunden.

Die gängigste Art zu schmuggeln, das bestätigt auch Scholle am Ende, sei der Besuch: „Drogenpäckchen schlucken und solche Dinge. Klar.“

Bereut Scholle etwas? „Als meine Kinder noch klein waren, hab ich beim Besuch immer gesagt: Papa ist arbeiten. Da haben die das noch geglaubt.“ Als er kurz vor den „Zwei-Dritteln“ stand und mit einem Fuß schon in Freiheit war, da habe er freudig angerufen und gesagt: „Papa kommt bald nach Hause!“

Dann tat Scholle aber mal wieder etwas aus Wut  – und landete auf der Hochsicherheitsstation: Er hatte einen Beamten als Geisel genommen „War nur Schwitzkasten“, sagt Scholle.

Statt der Lockerung bekam Scholle eine Strafverlegung, rüber in eine andere Anstalt. Er nennt es: Steine in den Weg legen. Seine Kinder hätten es anders genannt, sagt Scholle. „Die dachten nur: Papa schwindelt wieder.“

  • Name von der Redaktion geändert

Titelfotos in dieser Serie: Christiof Stache/ AFP, Stephan Rumpf/ Süddeutsche Zeitung

Recherche: Eva Achinger, Alexander Krützfeldt

Die Recherche wurde über ein Crowdfunding auf der Plattform crowdfunding.CORRECTIV finanziert. Vielen Dank an alle Unterstützer, die wir im Folgenden mit Namen nennen, soweit sie eine Namensnennung bei der Spende ausgewählt haben: AndreasFC Glauch, Frederik Fischer, Ina Morgenroth, Johannes Feest, Cinderella Glücklich, Heino Stöver, Dr. Christian Bahls, Franziska Gromann, Kerstin Litterst, Dorothea Gruß, Fabian Lindner, Christoph Koch, Ruprecht Frieling, Daniel Drubig, Lisa-Marie Schnell, Karl Scholze, Björn Haase-Wendt, Frank Puschin, Clemens Haug, Nicholas Krützfeldt

© Jessy Asmus/Süddeutsche Zeitung

Leben im Gefängnis

Folge 6: Der Mörder ist immer das Opfer

Übergriffe und Gewalt gehören in Gefängnissen zum Alltag. Es gilt das Recht des Stärkeren - und manche stehen von Anfang an in der Hierarchie ganz unten. Julian, der Mörder, hat seine eigenen Erfahrungen damit gemacht.

von Alexander Krützfeldt

Julian* duscht gerne lang. In der Gemeinschaftsdusche. Er steht dann da, regungslos und lässt das warme Wasser auf sich niederprasseln. Er nennt das: Wellness. Ein russischer Mann stürmt rein. Er schlägt ihn. Julian stürzt auf den nassen Fußboden.

In einem Haus am Wald hat Julian eine ältere Frau erschlagen. Zu den Gründen schweigt er bis heute. Dass er über die Tat nicht reden möchte, ist Selbstschutz. Seine Anwälte hatten ihm im Prozess geraten, besser zu schweigen, um sich nicht zu belasten. Er hat die Deutungshoheit über sein Leben verloren.

Sein Opfer sei wehrlos gewesen, finden die anderen Häftlinge. Kinder und ältere Menschen tötet man nicht. Ebenbürtige: Das sei okay. Den Mann zu erschießen, der deine Frau belästigt? Völlig legitim. Julian gilt als „unehrenhaft“, weil sein Opfer nicht auf Augenhöhe war. Als spiele das bei Mord eine Rolle.

Direkt mit Haftantritt steht Julian in der Knasthierarchie schon fast ganz unten. Dass er, der Mörder, im Gefängnis selbst zum Opfer wird, finden nicht wenige hier durchaus gerecht.

Im Gefängnis gilt das Recht des Stärkeren

Julian sitzt im Besuchsraum. Die langen Haare so akkurat wie sein Polohemd. „Es ist schwer, im Gefängnis einen guten Frisör zu finden“, sagt Julian. Fünf Jahre sitzt er. Mindestens zehn werden es noch.

Denn Mord bedeutet in Deutschland immer lebenslang. In der Realität heißt das: Ein Gefangener muss mindestens 15 Jahre absitzen, ehe geprüft werden kann, ob man ihn – wenn die Prognosen stimmen – frühzeitig entlassen kann.

Durchschnittliche lebenslange Haftstrafen dauern in Niedersachsen etwa 19 und in Bayern etwa 21 Jahre. Nach aktuellen Erhebungen saßen 2015 bundesweit etwa 2400 Gefangene eine lebenslange Haftstrafe ab.

Die Recherche von Alexander Krützfeldt wurde über die Crowdfunding-Plattform von CORRECTIV finanziert und ist eine Kooperation von CORRECTIV, dem Bayerischen Rundfunk und der Süddeutschen Zeitung. Der Bayerische Rundfunk hat zusätzlich eine dreiteilige Podcast-Serie produziert, in der es im dritten Teil um Gewaltexzesse im Knast geht.

Übergriffe wie bei Julian sind in Haftanstalten an der Tagesordnung – und nicht die Ausnahme. Die Insassen sind häufig Gewalt gewohnt und durch ihre Leben draußen entsprechend geprägt. Man spricht von der sogenannten „importierten Gewalt“. Es gilt: das Recht des Stärkeren. Gefängnis ist immer Schulhof. Die schlauen Streber mit Brille trifft es zuerst.

Julian trägt eine Brille.

Es liege an den Leuten hier, sagt Julian: „Sie sind neidisch.“ Er legt die Handflächen auf den Tisch. Seine Augen haben etwas Sezierendes, der Blick eines Röntgenapparates in einem ansonsten freundlich wirkenden Gesicht.

„Sie sind neidisch auf Erfolg. Sie sind neidisch auf Motivation. Als intelligenter Mensch bist du hier ein Exot. Viele wollen lieber ihre Drogen nehmen und Spaß haben. Die meisten landen eh wieder hier“, sagt Julian.

Die Mithäftlinge finden, Julian sei ein Schnösel, ein Streber und arrogant.

„Nur vier oder fünf Leute habe ich hier, mit denen ich reden kann“, sagt Julian. „Mit denen bin ich auf einer Wellenlänge.“ Vom Rest halte er sich vorsorglich fern. Und damit begannen auch die Probleme. Irgendwann kommt der Schulhof zu dir.

Julian war immer der Liebling. Seiner Eltern. Im Dorf, in dem er aufwuchs, und das war einerseits nett, andererseits brachte das auch Druck mit sich. Erwartungen lasten auf dir.

Die Schule brach er ab. Keinen Bock. Seinem Vater sei höhere Bildung eh egal gewesen, sagt Julian. Die Eltern hatten einfache Berufe. Julian wollte immer etwas Besseres. Auch ohne Schule.

Wachsame Therapeuten, narzisstische Täter

Seine Therapeutin findet das nicht so gut, dass er sich fernhält, dass er so auf sein Anderssein pocht. Er solle sich lieber integrieren.

„Sie sagt, ich würde reden und mich aufführen wie ein 50-Jähriger“, sagt Julian. Er ist erst Ende 20. „Sie will, dass ich mich wie ein Kind aufführe. Tri-tra-tralla. So bin ich nicht.“

Die Therapeuten empfahlen das Julian nicht zum Spaß: Sie wollen ihn schützen. Denn die anderen Häftlinge finden, wenn Julian sich absondert, hält er sich wohl für was Besseres.

„Die können gar nicht mit dir umgehen“, sagt Julian. „Das Personal nicht, und die anderen Gefangenen auch nicht. Oh, der kann sich ja ausdrücken! Als kluger Mensch bist du hier in der Unterzahl.“

Julian will nicht kindisch sein müssen; er wolle sich nicht auf das Niveau der anderen herablassen, sagt er. Er habe eben seine Richtung – und die heißt: Abi nachmachen.

„Vielleicht fühlen sich die Therapeuten einfach gebrauchter“, sagt Julian, „ wenn sie jemandem hier in die Spur helfen können. Bei mir müssen sie das nicht. Ich weiß schon, was ich tue.“

Therapeuten sagen: Manche Täter seien narzisstisch und kreisten nur um sich selbst. Häufig könnten sie keine Konsequenzen abschätzen und nicht sehr weit in die Zukunft blicken.

Das Einschwenken auf „seine Richtung“ ging den Therapeuten bei Julian etwas zu schnell: Schön, wenn jemand ein Ziel habe, sagen sie. Aber erst müsse man an der Vergangenheit arbeiten, erst dann könne man in die Zukunft blicken.

Anfangs findet sich Julian überhaupt nicht zurecht. Das Gefängnis ist eine Welt wie damals der Schulhof. Die Jüngeren werden geschubst, die Älteren holen Dosenbier mit der getunten Schrottkarre; sie reden über Sex und Penisse – und wer nicht über Sex und Penisse redet, der ist eben schwul oder anderweitig ein „Mongo“, der gemobbt werden darf.

Aus dieser Welt wächst man raus. Normalerweise. Man geht studieren oder ins Ausland oder findet einen Job und kauft einen Fünftürer. Und wenn man zurückkehrt, zu Besuch bei den Eltern zum Beispiel, stellt man fest, dass die Helden von einst und diese Welt noch da sind: am Bahnhof, mit Dosenbier. Dieselben alten Loser. So eine Welt ist das hier.

Julian ist der Mittelpunkt der Welt, seiner Welt. Der Rest sind Statisten, die unfähig sind, je im Leben eine Hauptrolle zu spielen. Er sagt das nicht, aber manchmal spricht er so kalt über die anderen, dass man den Eindruck gewinnt, es sitze ein zweiter Julian neben Julian. Ein kühles Wesen, voller Distanz zu sich und der Welt.

Anfangs haben sie ihn hier nur „Schnösel“ genannt. Sie zogen ihn auf, er trug schöne Klamotten und pflegte sich; da waren sein Erscheinungsbild und die wohlbedachte Art zu sprechen. „Schönling“, nannten sie ihn.

Das war alles Spaß. So wie es eben Spaß ist, wenn dir einer eine Dose Bier in den Nacken kippt.

Aber dann beging Julian einen folgenschweren Fehler, einen in ihren Augen entscheidenden, und verstieß gegen eine goldene Gefängnis-Regel. Und da es nicht viele gibt, sind die wenigen dann ungemein wichtig. Diese ist sogar die wichtigste von allen: Du. Sollst. Nicht. Singen.

Julian war das natürlich wieder scheißegal.

„Ich wusste schon, dass das ein Risiko ist“, sagt er. „Aber ab einem gewissen Punkt dachte ich: Du lässt dich hier nicht mehr rumschubsen.“ Schulhof-Regel Nummer eins: Einmal Opfer, immer Opfer. Wer etwas geschehen lässt, dem passiert es immer wieder.

Der Boss gegen den Einzelgänger

Weil er eine lange Haftstrafe absitzt, hat Julian über die Zeit viele Dinge angesammelt und in seiner Zelle verstaut, die hier wertvoll sind: CDs, CD-Player, Rasierer, die guten Klamotten. „Das hat einer der Araber gesehen“, sagt Julian. „Und weil ich eher der Typ Einzelgänger bin, hat er das ausgenutzt.“

Der Araber ging zu seinem „Boss“ und erzählte von einer sagenhaften Fundgrube, die er mit eigenen Augen gesehen habe. Beide arbeiteten mit Julian zusammen in einem Gefängnisbetrieb, und dann kam der Araber eines Morgens und fragte: „Kannst du mir vielleicht deinen CD-Player leihen?“

„Nein“, sagte Julian, der ahnte, dass man ihn dann immer wieder fragen und wo das alles enden würde.

Einige Tage später fragte der Araber erneut: „Mein Boss bekommt Besuch und hat keine lange Hose. Kannst du ihm eine leihen?“

„Nein“, sagt Julian, der wusste, dass er sie sonst nie wiedersehen würde.

Beim dritten Mal kam der Araber nicht mehr. Da kam sein Boss. Seine Autorität war angekratzt, er wütend und so stellte er sich Julian mit stechendem Blick in den Weg. „Pass auf“, sagte der Boss. „Entweder du rückst die Sachen sofort raus, oder ich schneide dir den Kopf ab!“

Die Drohung nahm Julian ihm nicht ab. Aber Schläge wollte er nicht riskieren. „Da hätten dann drei, vier Leute gestanden“, sagt Julian. „So läuft das hier. Und du bist allein – und keiner hilft dir. Den Beamten ist das egal. Die schließen nur die Türen auf und zu.“

Misshandlungen – bis hin zur Tötung – gibt es in deutschen Gefängnissen immer wieder.

Sozialwissenschaftliche Erhebungen des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen und des Kriminologischen Instituts der Universität Köln kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass Gewalterfahrungen für Inhaftierte Alltag seien. Mindestens jeder vierte Gefangene sei schon Täter oder Opfer gewesen.

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CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung unserer Fördermitglieder realisiert. Jetzt spenden!

Die häufigsten Übergriffe sind psychische: Bedrohen, Lügen verbreiten, Einschüchtern. Fast jeder Zweite ist demnach davon betroffen. Die Autoren der Studie, bei der zahlreiche Inhaftierte befragt wurden, geben aber zu bedenken: Aus Scham und Angst vor Rache sei das Dunkelfeld vermutlich groß.

Nach den psychischen Übergriffen folgen die körperlichen. Sexuelle Gewalt spielt den Erhebungen zufolge hingegen nur im niedrigen, einstelligen Prozentbereich eine Rolle, zumindest offiziell. Auch hier wirken Scham und Stigma.

Inhaftierte berichten, dass Vergewaltigungen und „Duschszenen“ ein Relikt aus der Vergangenheit seien und heute, anders als vor zehn Jahren, keine Rolle mehr spielten. „So Sachen wie das Busbauen, also Doppelbett abhängen, als Sichtschutz, und dann Hintern hoch“, erzählt ein älterer Häftling, „das gab es früher schon, ja. Heute erlebt man das praktisch gar nicht mehr.“ Viele Häftlinge, die Täter würden, ekelten sich selbst vor dieser Vorstellung. Zudem gilt Sex unter Gefangenen schnell als „unmännlich“ und „schwul“.

Ein kurzer Triumph für den Verräter

Um zu vermeiden, dass die Araber ihm in den Duschen auflauern, geht Julian zu einem Beamten, der sein Stockwerk betreut, und meldet den Vorfall.

Neben dem Treppenhaus und dem Hof gelten vor allem die Duschräume als besonders riskant. Sie werden, um die Privatsphäre der Gefangenen zu schützen, nicht vollständig überwacht. Auch die Zellen sind immer wieder Schauplatz von Übergriffen.

Die JVA Wolfenbüttel hat daher eigene Duschräume in die Einzelzellen integriert. Ein Gefangener, eine private Dusche. Was nach Luxus klingt, ist pragmatisch gedacht: Die Häftlinge dürfen auch ihre Zellen selbst abschließen, um Ruhe zu finden, einen Generalschlüssel gibt es natürlich trotzdem. Seither, sagt die Gefängnisleitung, würden kaum noch Übergriffe gemeldet.

Zwei Dinge passieren: Gegen den Araber wird eine Strafe verhängt und Anzeige wegen räuberischer Erpressung erstattet, und Julian bekommt einen Titel: „31er-Ratte“. Die „31“ lehnt sich an Paragraph 31 Betäubungsmittelgesetz an, wonach jemand, der sein Wissen offenbart und damit zur Aufklärung einer Straftat beiträgt, Strafmilderung erwarten kann. Im Gefängnis ist der Text kürzer: Verrat.

Ein Triumph für Julian, ein kurzer. Denn er merkt, dass er jetzt jeden gegen sich hat. Sogar die Russen sind nun seine Feinde. Sie dulden keinen Verräter auf ihrem Gang. Verräter – neben den Pädophilen und Sexualstraftätern – stehen ganz unten in der Gefängnishierarchie. Mit ihnen wird der Boden gewischt.

Der Knast ist: eine geschlossene Welt, ein vergittertes Schweigekloster. Nur etwa acht Prozent der Männer fühlen sich der Studie vom Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen zufolge von der Anstalt beschützt. Der überwiegende Teil findet Schutz bei Mithäftlingen – und diesen Schutz will niemand riskieren. Darum wird im Zweifel gedeckt und erduldet, aber niemals gepetzt.

Julian traut sich nicht mehr in den Hof oder in die Gemeinschaftsdusche. „Ich bin auch nicht mehr zur Arbeit gegangen, weil beim Abrücken – also beim Rein- und Rauskommen – knallt es dann im Treppenhaus“, sagt er.

Kürzlich habe er eine Schlägerei miterlebt: Der eine hatte sich eine Thunfisch-Dose in seine Socke gesteckt und sie dann geschwungen und dem anderen an den Kopf geschlagen. Blut sickerte durch die Treppenstufen ins Stockwerk darunter.

„Das ist hier nicht wie im Film, wo du nach so einem Schlag wieder aufstehst“, sagt Julian. „Da passiert dir gleich richtig was. Da splittern meist gleich Zähne oder Knochen im Gesicht. Da hast du schon Angst.“ Julian lässt sich freiwillig komplett einschließen.

Für Aggressoren gibt es besonders gesicherte Hafträume, wo das Inventar nicht zerstört werden kann – Häftlinge nennen sie: „den Bunker“.

Und es gibt welche, die sind leer und die Wände sind weich und man wird mit Gurten auf dem Boden fixiert, wenn gar nichts mehr geht und man das Personal attackiert. Es gibt zeitlich begrenzte Einzelhaft, für etwa 21 Tage. Zudem verfügen die meisten Anstalten über eine Abschirm- oder Schutzstation, falls jemand durch Drogenschulden oder dergleichen um sein Leben fürchten muss.

„Bunker“ und „Gummizellen“ sollten aber sparsam genutzt werden, sagt eine Anstaltsleiterin. Sie verschärften das Problem der Gewalt in der Regel nur.

Drei bis vier Monate schwelt der Konflikt, und weil die anderen Trakte voll sind, wird Julian schlussendlich die Schutzabteilung angeboten. Die lehnt er ab: Er will kein Doppelzimmer, sondern eine eigene Zelle.

Das Problem: Eine Zelle weiter liegt der Russen-Boss, und der hasst es, Wand an Wand mit einem Verräter zu schlafen. Zweites Problem: Auch Julian muss duschen.

Als er sich eines Tages wieder dorthin begibt – es ist still, Wasser plätschert – und lange duscht, wie er es gern tut – da kommt der Russen-Boss plötzlich reingestürmt. Der Boss boxt ihm mit voller Wucht auf die Rippe. Ein Haken mit Training. Ein Beamter hört es auf dem Flur, stürzt rein und trennt beide.

Danach wird Julian in eine andere Anstalt verlegt.

Der Russen-Boss kassiert eine Anzeige wegen Körperverletzung.

Je länger die Strafen, desto ruhiger der Knast. Die Regel ist schön einfach.

In der U-Haft und bei den Kurzstrafen sind die Unruhe und das Konfliktpotenzial am höchsten, hier gibt es am meisten Streit, weil immer Neue kommen und das Machtgefüge gestört wird. Täter mit langen Strafen sind – wenn sie unter sich sind – wesentlich ruhiger. Man kennt sich, man richtet sich ein. Oder geht sich aus dem Weg.

Julian ist mittlerweile auf der Therapiestation gelandet; die Therapie hätte er ohnehin wegen seines Delikts antreten müssen. In der neuen Anstalt beginnt sie sofort.

Viele Häftlinge sind neidisch, weil die Gefangenen auf der Therapiestation mehr Freiheiten bekommen: extra Besuchsräume, mehr Sport, mehr Freizeit. Neben Julian sind zumeist Sexualstraftäter und Pädophile hier.

Über seine Tat will er nicht sprechen.

Einmal die Woche, jeweils eine Stunde trifft Julian hier seine Therapeutin. „Smalltalk“, findet er. Meist sei sie krank.

Die Zukunft kann eine Flucht sein

„Ich komme mit ihr nicht so gut klar“, sagt Julian. „Aber wenn ich sie wechseln wollte, müsste ich meine Wohngruppe verlassen. Und dort fühle ich mich sehr wohl.“

Aus therapeutischer Sicht sollen Häftlinge wie Julian aufhören, für all ihre Fehler und Vergehen eine Erklärung oder Ausreden zu suchen. Sie sollen nicht länger Umstände oder Schuldige suchen, die nicht sie selbst sind. Externalisieren nennt man das.

Julian findet: Die Therapeutin solle ihn nicht wie ein Kind behandeln.

Er müsse sich den Dingen stellen, findet Julians Betreuer. Er laufe weg. Denn auch ein demonstrativ geäußerter Weg in die eigene Zukunft kann eine Flucht sein.

Haftanstalten schützen nicht nur eine Gesellschaft vor dem Täter. Sie schützen auch den Täter vor der Gesellschaft und vor Mitgefangenen, wenn es sein muss.

Aber wie lernt man einen Weg ohne Gewalt, wenn Gewalt, Bedrohung und Gefahr an der Tagesordnung sind?

Am Ende steht Julian auf. Ein freundlicher Mensch; höflich und eloquent und klug und gut angezogen. Er würde auf dem Abi-Foto nicht weiter auffallen. Die Leute würden sagen: Netter Typ. Mehr weiß man nicht über ihn.

Und wie er so dasteht, betrachtet ihn das Wesen von der Seite. Es hatte sich neben ihn gesetzt, als er so kalt und distanziert von den anderen sprach, vom Neid und von ihrer Dummheit. Es saß stumm da und träumte, die ganze Zeit über auf dem Besucherstuhl.

Es ist der Teil von Julian, über den er nicht spricht – oder nur so, als ginge es um einen entfernten Bekannten. Dabei kennen sie sich lange. Es ist das Wesen, das die Therapeutin meint. Das Wesen aus jener Nacht im Haus am Wald.

*Name von der Redaktion geändert

Titelfotos in dieser Serie: Christiof Stache/ AFP, Stephan Rumpf/ Süddeutsche Zeitung

Recherche: Eva Achinger, Alexander Krützfeldt

Die Recherche wurde über ein Crowdfunding auf der Plattform crowdfunding.CORRECTIV finanziert. Vielen Dank an alle Unterstützer, die wir im Folgenden mit Namen nennen, soweit sie eine Namensnennung bei der Spende ausgewählt haben: AndreasFC Glauch, Frederik Fischer, Ina Morgenroth, Johannes Feest, Cinderella Glücklich, Heino Stöver, Dr. Christian Bahls, Franziska Gromann, Kerstin Litterst, Dorothea Gruß, Fabian Lindner, Christoph Koch, Ruprecht Frieling, Daniel Drubig, Lisa-Marie Schnell, Karl Scholze, Björn Haase-Wendt, Frank Puschin, Clemens Haug, Nicholas Krützfeldt

© Jessy Asmus/Süddeutsche Zeitung

Leben im Gefängnis

Folge 7: Kalter Vollzug

Etwa ein Drittel der Häftlinge ist drogenkrank. Die Anstalten haben die Pflicht, sie angemessen zu behandeln – aber oft müssen Süchtige hinter Gittern leiden. Mark liebt Kraftsport hat sich jahrelang gedopt. Im Knast bräuchte er eine Therapie.

von Alexander Krützfeldt

Mark* ist auf dem Land aufgewachsen, in einem Örtchen im Süden, das zwar genug für ein Postkartenmotiv bot, aber zu wenig für einen Jungen, der erwachsen werden wollte.

Mark wollte erwachsen werden; vor allem groß und stark wollte er sein. Weil: Das mit der Größe und seiner Kraft ist immer ein Problem gewesen.

Marks Vater war immer unzufrieden: mit sich, mit seinem Beruf und mit seiner Frau. Am meisten natürlich mit Mark. Diesem kleinen, schwächlichen Jungen, der so schwer an Epilepsie litt und von den Mitschülern gehänselt wurde.

Die Recherche von Alexander Krützfeldt wurde über die Crowdfunding-Plattform von CORRECTIV finanziert und ist eine Kooperation von CORRECTIV, dem Bayerischen Rundfunk und der Süddeutschen Zeitung.

Mark nahm sich alles sehr zu Herzen und meinte: Er sei einfach zu zerbrechlich.

Hatte Mark sein Schulbrot nicht aufgegessen und seine Mutter fand es, und sie fand es doch immer, dann verpfiff sie ihren Sohn beim Vater, um selbst fein raus zu sein. Der schlug Mark ins Gesicht.

Epilepsie kommt mit einem Vorboten, dem Starren, und wenn Mark abends in den Fernseher starrte, rief sein Vater: „Hör auf zu starren, Mark.“ Konnte der nicht. Und niemals hätte Mark ausweichen können, so schnell kam die Hand angeflogen.

Am Ende hatte er solche Angst, dass er am Abendbrottisch immer zwei Stühle Platz ließ zwischen sich und dem Vater, damit die Hand ihn nicht erreichte. Und manchmal sagte der Vater dann: „Komm mal neben mich.“

Für das Leben ist Mark immer ein Stückchen zu klein gewesen.

Als Mark ins Gefängnis kommt, ist er süchtig. Etwa ein Drittel der Häftlinge in deutschen Gefängnissen ist abhängig – die meisten von klassischen Drogen wie Heroin oder Crystal. Viele kommen an und haben gleich mehrere Substanzen im Blut. Mischkonsum nennt man das.

Wie geht man mit diesen Insassen um? Hat der Staat nicht die Pflicht, sich in Haft um diese Häftlinge besonders zu kümmern? Damit sie clean werden? Tut er das auch?

Mark hat heute die Statur eines Eichenholzschranks.

Psychischer Druck, sagt Mark, habe die Epilepsie immer wieder ausgelöst. Heute ist sie weg. Vielleicht verstorben mit seinem Vater. Seine Eltern sind nichts mehr als seine „Erzeuger“. „Zuneigung äußert sich nicht, wenn du deinem Kind etwas anziehst“, sagt Mark, der heute 45 ist. „Liebe gab es nicht.“

Mark versuchte es mit Sport: Judo, dann Rückenprobleme; Taekwondo, aber das Epilepsiemedikament verlangsamte seine Reaktion; dann Kraftsport. Viele Stunden am Tag. Es war sein Ausweg. Sport versprach Anerkennung. Mark registrierte: Die anderen Jungs mobbten ihn nicht mehr. Er hingegen langte auch mal zu. Die Mädchen fanden das prinzipiell toll.

In Kombination mit dem Medikament gegen die Epilepsie bewirkte das Testosteron, das er jetzt nahm, dass Mark plötzlich Hanteln drücken konnte, die niemand sonst im Gym drücken könnte.

Er schrieb an die Firma, die das Medikament herstellte, wie das denn sein könne. Eine „Frau Doktor“ rief ihn an. Sie fachsimpelten. Mark fühlte sich ernstgenommen, und er begann, so viele Fachbücher über den Körper und Sport und Leistung zu lesen, dass er bald eine medizinische Bücherwand mit sich herumtrug – im Kopf.

Marks Ehrgeiz wuchs mit seiner Muskelkraft: Er fing als Türsteher an. Die anderen, noch breiteren Türsteher sagten: „Mark, du bist zu schmal. Nimm mal das Doppelte an Testo.“ Aber so richtig Ahnung hatte keiner.  

Eigenes Labor, selbst befüllte Kapseln

Also begann Mark in Eigenregie verschiedene Pulver, die er über das Internet bestellte, in kleine Medizin-Kapseln zu füllen. Vitamine und Carnitin zum Beispiel. Die kleinen Kapseln füllte er einzeln und mit der Hand. Eine Scheißarbeit, weil: Du triffst kaum die Öffnungen und nach stundenlanger Arbeit verschluckst du die Kapseln innerhalb von zehn Minuten beim Training, sagt er.

Zusammen mit einem befreundeten Sportarzt mischte und experimentierte Mark mit Aufbau-Präparaten, die seinen Körper mit allem versorgten: für mehr Training, mehr Muskelaufbau, mehr Fettverbrennung und größtmögliche Regeneration.

Er machte schnell Fortschritte. Seine Präparate wirkten besser als die, die es schon auf dem Markt gab. Und die anderen Türsteher wollten jetzt sein Zeug. Also bastelte sich Mark Etiketten, die einen Drachen zeigten, klebte es an die kobaltblauen Dosen und kreiert seine eigene Marke für Ergänzungsmittel, sogenannte Supplements.

Das ging Jahrzehnte gut.

Dann kamen der Zoll und die Staatsanwaltschaft seinen teils verbotenen Importen auf die Schliche. Razzia. Sie beschlagnahmten Rechnungen für Steroide und sogar die Fachbücher. Im Keller gab es eine Wand, die etwas dicker war. Das geheime Mischlabor dahinter fanden sie nicht.

Das Gericht bescheinigte ihm, „Präparate in Pharmaqualität oder höher“ hergestellt zu haben. Das machte Mark etwas stolz.

Vier Jahre Haft.

Als Mark in den Knast kommt, hat er verschiedenste Präparate im Blut, die seine Leistung steigern sollten.

Der Entzug und die Behandlung klassischer Süchte wie Heroin mit Ersatzstoffen wird „Substitution“ genannt. In Freiheit werden Süchtige bei Ärzten in der Praxis therapiert. Aber die Behandlung ist keine gesetzliche Pflicht. Ärzte im Gefängnis entscheiden allein über die Therapie. Für das medizinische Ethos müssen die Mediziner allerdings immer tun, was zum Wohle des Patienten nötig ist. Eine Sucht ganz ohne Medikamente zu entziehen – der gefürchtete „kalte Entzug“ –, ist eine Straftat: Körperverletzung.

Vor seinem Haftantritt hat Mark einen Brief an die Anstaltsleitung geschrieben. Er sei Kraftsportler und nehme regelmäßig eine höhere Dosis Testosteron sowie andere Präparate. Mark weiß: Wenn diese ausbleiben, droht seinem Körper die Hölle. Mark weiß auch: Es ist nur eine Frage der Zeit.

Denn die Präparate, die in seinem Körper stecken, haben verschiedene Abbauzeiten – die einen beginnen rasch mit den Entzugserscheinungen, andere brauchen länger. Manche Tage, andere Wochen.

Sein Körper ist eine chemische Zeitbombe.

Er legt auch dem Arzt nahe, ihn doch zu behandeln. Dabei packt er ein paar Fachworte aus. Der Arzt fand Marks Verhalten vermutlich  arrogant.

Mit Sport im Kraftraum versucht er sich abzulenken. Aber irgendwann schafft es sein Körper nicht mehr. Der Entzug beginnt mit leichten Depressionen und kaltem Schweiß.

Substitution ist abhängig vom Wohnort, wenn draußen behandelt wird, und vom Ort der Anstalt, wenn jemand sitzt. Es gibt ein Nord-Süd- und ein West-Ost-Gefälle. Im Norden wird mehr substituiert als im Süden. Im Westen mehr als im Osten. Und in Städten wie Bremen, Hamburg und Berlin weit häufiger als auf dem Land. Auch insgesamt gibt es große Unterschiede, wie viel Geld die einzelnen Bundesländer für die Häftlinge in die Hand nehmen.

Mark hatte – so gesehen – die schlechteste Anstalt für sich erwischt.

Denn manche Anstaltsleitungen sind der Auffassung, es müsse nicht substituiert werden. Sie sehen auf Süchtige herab. Das „Europäische Komitee zur Verhütung von Folter“ (CPT) stellte bei einem Besuch in drei deutschen Anstalten gravierende Unterschiede in den Behandlungen fest. Während Substitution in manchen Gefängnissen Standard ist, wird sie Häftlingen in anderen komplett vorenthalten.

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Flehende Bitten, aber keine Substitution 

Der Freistaat Bayern wurde ausdrücklich vom CPT und vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg gerügt: Niemand dürfe „Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden“. Heroin wird mit Methadon, Buprenorphin oder Diamorphin behandelt. In Ländern wie Österreich, Spanien und der Schweiz sind diese Behandlungen längst Standard.

Vor Jahren schon hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die europäische Richtlinie zur gleichen Behandlung innerhalb und außerhalb der Gefängnismauern unterschrieben – die sogenannte „Dubliner Erklärung“. Sie gilt formal seit dem 1. Januar 2011. Für Mark indes gilt sie nicht.

Marks Anstalt lässt trotz seiner flehenden Bitten ausrichten: keine Substitution für Mark. Er könne „die Zeit mal nutzen, um richtig clean zu werden“.

Vermutlich ist das als eine Art Geschenk zu verstehen.

Hierzulande werde „die Behandlung der Mehrzahl der Inhaftierten verweigert“, schreibt die Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin (DGV) in einer aktuellen Stellungnahme. Eine Substitution werde häufig sogar abgebrochen, wenn Patienten draußen behandelt worden sind, aber ins Gefängnis kommen. Nur etwa fünf Prozent der männlichen Strafgefangenen würden in Deutschland ordnungsgemäß substituiert, schreibt die DGV. Und dabei sei es klare Vorgabe und Pflicht für die Ärzte, „Inhaftierte bei bestmöglicher Gesundheit zu halten“. Die Schuld tragen auch die behandelnden beziehungsweise nichtbehandelnden Ärzte.

Warum sie dies tun, beziehungsweise nicht tun, darüber wird spekuliert: Auch bei Ärzten draußen hat die Substitution nicht den besten Ruf. Manche Mediziner meinen, man kapituliere damit vor der Sucht und dem Junkie. In manchen Anstalten gilt vorauseilender Gehorsam, der politische Druck aus den Ministerien, diese Behandlung nicht durchzuführen.

Dabei ist die Situation denkbar schlecht: In allen Gefängnissen sind Drogen jederzeit verfügbar. Ein Ausbleiben der Substitution hat daher eher zur Folge, dass unbehandelte Inhaftierte wieder zur Spritze greifen. Auf den Fluren wird das nichtdesinfizierte Spritzbesteck rumgereicht: „Sagen wir es deutlich“, sagt der Gefängnisarzt und Suchtmediziner Karlheinz Keppler: „20 bis 30 Inhaftierte teilen sich eine Spritze, die sogenannte Stationspumpe.“ Auch darum sind Krankheiten wie Hepatitis-C im Gefängnis zehnmal häufiger verbreitet als draußen.

Eine fehlende Behandlung kommt die Gesellschaft teuer zu stehen. „Irgendwann lässt man diese Leute wieder frei, dann schwappen die im Gefängnis übertragenen Erkrankungen dieser Risikogruppe in die Bevölkerung über“, sagt Keppler. „Prison Health“ ist „Public Health“.

Mark bekommt das Zittern. Mark bekommt kalten Schweiß. Mark kann nicht mehr denken und schlafen und Depressionen suchen ihn heim.

Sport kann er kaum noch machen. Dabei müssen gerade Hochleistungssportler ihre Körper langsam wieder abtrainieren, um einen Kollaps zu verhindern. Mark verfolgt Geschichten über einen Fußballspieler vom FC Bayern, den sie in Haft trainieren lassen. Warum kümmert man sich nicht um ihn – weil er nicht beim FC Bayern ist?

„Das war kalter Entzug“, sagt Mark.

Er bettelt die Anstaltsleitung und den Arzt an. Ohne Erfolg.

Doch der Anstaltsarzt gibt Mark schließlich Diclofenac; ein Mittel gegen leichte bis mittlere Schmerzen. Ein kalter und damit verbotener Entzug ist es nur, wenn gar kein Medikament verabreicht wird. Mark will „angemessen behandelt werden“.

Seine Muskeln beginnen derweil schon den Abbau. Weil es große Muskeln sind, wird das zum Problem: „Wenn sich ein Muskel derart rapide abbaut, muss das irgendwohin“, sagt Mark. „Das Protein geht über die Nieren raus. Die Nierenröhrchen verschließen sich. Das war kein normaler Abbauprozess.“

Ergebnis: Nierenfunktionsstörung.

Dazu kommt eine Herzmuskelinsuffizienz. Eine typische Krankheit, wie sie eigentlich eher bei alten Menschen vorkommt, bei denen das Herz den Körper nicht mehr ausreichend mit Blut und Sauerstoff versorgen kann. Aber Marks Körper war über Jahrzehnte auf Dauersport ausgelegt und reagiert nun sensibel auf die neue Situation.

Überlebensraten bei einer Herzmuskelinsuffizienz liegen über fünf Jahre bei knapp 50 Prozent.

„Plötzlich fühlten sich meine Muskeln an, als wenn sie zerreißen“, sagt Mark. „Das war extrem. Die haben sich verkürzt und verhärtet, und das waren Schmerzen bei jeder Bewegung.“ Der jahrzehntelange Präparate-Konsum war schuld.

Dann bricht sein Immunsystem ein. Mark schleppt sich von einer Grippe zur nächsten.

Süchte sind alte Freunde

Die Quittung bekommt Mark, als er das Gefängnis verlässt. Er wendet sich an einen Urologen, und der stellt fest, dass Marks Körper schon seit Jahren das körpereigene Testosteron nicht mehr produziert. Das kann sich auf die Hoden auswirken und auf die Zeugungsfähigkeit.

Mark verklagt seine Anstalt.

Bei Menschen, die von klassischen Drogen abhängig sind, sind die Rückfallquoten hoch. Viele kommen wegen ihrer Sucht immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt und landen daher mehrfach im Gefängnis.

Drogensüchtige könne man nicht wirksam in einer Haftanstalt therapieren, meint der Gefängnisarzt Karlheinz Keppler. Eine Behandlung süchtiger Straftäter außerhalb der Gefängnisse sei sinnvoller. „Addieren Sie die drogentypischen Delikte der Beschaffungskriminalität wie Einbrüche und Diebstähle zu den Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz“, sagt er. „Da würden fast 30 Prozent der Haftplätze frei werden.“ 

Inzwischen hat Mark sich selbst behandelt und auch wieder mit Testosteron angefangen. Schlagartig sei es ihm besser gegangen – und die Depression: verschwunden. „Du wirst plötzlich vom alten zum jungen Mann“, sagt Mark.

Seinen geliebten Sport hat er zurück; und es stehen auch wieder Präparate im Schrank. Seine alte Firma will er reaktivieren. Dieses Mal rein mit legalen Mitteln.

Süchte sind stark. Süchte sind alte Freunde und noch ältere Gewohnheiten.

Wenn sich die Lebensumstände nicht ändern, sagen Experten, wenn Süchtige nicht alte Handlungsmuster und alte Bekanntschaften hinter sich lassen, dann kommt die Sucht immer wieder. Auch nach vielen Jahren im Gefängnis.

Sie setzt sich neben dich aufs Sofa, legt den Arm um dich und fragt: Und, wo waren wir?

*Name von der Redaktion geändert

Titelfotos in dieser Serie: Christiof Stache/ AFP, Stephan Rumpf/ Süddeutsche Zeitung

Recherche: Eva Achinger, Alexander Krützfeldt

Die Recherche wurde über ein Crowdfunding auf der Plattform crowdfunding.CORRECTIV finanziert. Vielen Dank an alle Unterstützer, die wir im Folgenden mit Namen nennen, soweit sie eine Namensnennung bei der Spende ausgewählt haben: AndreasFC Glauch, Frederik Fischer, Ina Morgenroth, Johannes Feest, Cinderella Glücklich, Heino Stöver, Dr. Christian Bahls, Franziska Gromann, Kerstin Litterst, Dorothea Gruß, Fabian Lindner, Christoph Koch, Ruprecht Frieling, Daniel Drubig, Lisa-Marie Schnell, Karl Scholze, Björn Haase-Wendt, Frank Puschin, Clemens Haug, Nicholas Krützfeldt

© Jessy Asmus/Süddeutsche Zeitung

Leben im Gefängnis

Folge 8: Im Todeshaus

Sie ist keine Strafe, sie ist das letzte Mittel: In der Sicherungsverwahrung werden Täter weggesperrt, die zu gefährlich für ein Leben draußen sind. Ob sie jemals entlassen werden, wissen sie nicht. Doch Steffen hofft.

von Alexander Krützfeldt

Manchmal, wenn das Wetter gut ist, sitzen er und die anderen im kleinen Garten und erzählen einander Geschichten vom Draußen. Wie es ist, wie es wohl sein könnte. „Kennt ja keiner mehr von uns“, sagt Steffen. „Alle Erinnerungen sind alt.“

Das erste Mal in Haft kam Steffen* mit 17. Das zweite Mal ließen sie ihn nicht mehr raus. Heute ist er 39. Die meiste Zeit seines Lebens hat er im Gefängnis verbracht: im „Todeshaus“, wie er es nennt.

Die Recherche von Alexander Krützfeldt wurde über die Crowdfunding-Plattform von CORRECTIV finanziert und ist eine Kooperation von CORRECTIV, dem Bayerischen Rundfunk und der Süddeutschen Zeitung.

Das „Todeshaus“ liegt an einer breiten Straße, es hat einen Eingang, der durch zwei Türen gesichert ist, wovon die eine nur aufgeht, wenn die andere geschlossen ist. Geht man hindurch, ist da ein Wartebereich und auf dem Tisch liegen Flyer.

Die Flyer fragen: Wie geht es Kindern, wenn der eigene Vater im Gefängnis sitzt? Antwort: sehr schlecht.

Die Flyer fragen nicht: Was macht es mit Menschen, wenn sie nicht wissen, ob sie jemals entlassen werden? Was soll der Staat mit den Straftätern tun, die als so brutal und extrem gelten, dass ihre Freiheit für die Bevölkerung schlicht zu gefährlich wäre?

Die Sicherungsverwahrung ist das letzte Mittel, die Ultima Ratio; aber die Sicherungsverwahrung ist keine Strafe, sie darf sogar gar keine sein. Ihre Insassen bringen praktisch ein Opfer: Sie opfern ihr Leben zum Schutz der Bevölkerung.

Alle haben sich aufgegeben

Das Gericht kann die Sicherungsverwahrung mit der Strafe verhängen oder vorbehalten, so dass während der regulären Strafhaft im Gefängnis entschieden wird. Früher konnte sie auch nachträglich verhängt werden, das geht heute nicht mehr. 2009 hat der Europäische Menschenrechtsgerichtshof die deutsche Sicherungsverwahrung als nicht mit der Menschenrechtskonvention vereinbar gerügt. Eine nachträgliche Sicherungsverwahrung stehe nie in Zusammenhang mit einer konkreten Straftat – sie dürfe aber nur als Folge einer solchen verhängt werden. Alles andere, so das Gericht, sei eine spekulative Zukunftsprognose.

Es ist eine Krux mit den Gefährlichkeitsgutachten.

2011 hat zudem das Bundesverfassungsgericht die Bundesländer aufgefordert, bis Mitte 2013 den Abstand zur Strafhaft zu vergrößern. Das sogenannte „Abstandsgebot“ sieht vor, dass die Sicherungsverwahrung – weil sie eben keine Strafe ist und der Insasse seine Haftstrafe im Gefängnis schon verbüßt hat – freier ausgestaltet werden muss. Sicherungsverwahrte müssen besser gestellt werden als Häftlinge.

Das bedeutet: mehr Freizeitangebote, mehr Therapie, kleine Wohngruppen, eigene Bettwäsche und Kleidung und individuelle und meist größere Zellen. Offiziell heißen sie auch nicht Zellen, sondern Zimmer. Aber das ist letztlich etwas zynisch.

Es gibt ein Motivierungsgebot, das die Insassen ansprechen soll – und vier „Ausführungen“ nach draußen im Jahr.

„Von allen, die ich kenne, darf nur einer nach draußen“, sagt Steffen. „Wenn einer meint, ich komme bald raus, sagen wir: Klar. In den Hof.“

Er würde sofort 15 Jahre Gefängnis unterschreiben, wenn er nur hier raus dürfte, betont er fast flehend. Ohne ein zeitliches Ziel am Horizont werde man verrückt: „Niemand weiß, ob wir je freikommen. Das macht dich so fertig“, sagt Steffen. Deshalb hätten sich alle aufgegeben – daher nennen sie es: „das Todeshaus“.

„Es ist schon so: Es gibt auch Leute, die sterben hier“, sagt die Leiterin der Abteilung. „Machen wir uns nichts vor: Dass es keinen Endpunkt gibt, ist tatsächlich ein großes Problem, und das ist für die Menschen hier alles andere als einfach.“

Im Durchschnitt sind die Insassen in der Sicherungsverwahrung durch vorherige Haftstrafen älter als Strafgefangene im Männervollzug. Sie sind häufiger krank, haben viele chronische Krankheiten. „Das macht die Perspektive des Sterbens hier ein Stück weit bedrohlicher“, sagt die Leiterin. Was sie nicht sagt: Dass es hier Insassen gibt, die wollen raus und hoffen immer noch, während das Personal längst keine Perspektive mehr sieht – weil es keinen Ansatz mehr für Behandlungen gibt. Solche Dinge dürften die Mitarbeiter hier natürlich niemals laut aussprechen – und am besten dürfen sie es nicht mal denken.

Aktuell sitzen bundesweit etwa 500 Männer in der Sicherungsverwahrung. Und eine Frau. 70 Prozent davon sind Sexualstraftäter, der Rest sind schwere Gewaltverbrecher. Früher konnten auch andere Täter in die Sicherungsverwahrung kommen, zum Beispiel Betrüger, aber das hat man beschränkt. Auch die etwa 60 Männer, die im „Todeshaus“ in Sicherungsverwahrung sitzen, auf Steffens Station sind es etwa 15, sind alle schwerste Gewalt- oder Sexualstraftäter.

Sie leiden fast ausnahmslos an Persönlichkeitsstörungen: narzisstische und dissoziale, aber auch Borderline- und paranoide Störungen. Es fällt den Insassen schwer, Beziehungen aufzubauen oder sie aufrechtzuerhalten. „Daher haben viele von ihnen keine oder nur wenige Kontakte nach draußen und meist keine Familienangehörigen mehr“, sagt die Leiterin. „Sie reagieren mit Rückzug und Zurückweisung, so wie man die meisten von ihnen als Kind und die meiste Zeit ihres Lebens zurückgewiesen hat. Sie kopieren das, weil sie es so gelernt haben.“

Viele sind seit Jahrzehnten in Haft oder in Obhut des Staates. Das beginne schon mit Heim und Jugendarrest, sagt die Leiterin: „Die Insassen haben dann sehr unrealistische – oft paradiesische – Vorstellungen vom Draußen, wo es praktisch keine Sorgen und Nöte gibt.“ Die Hauptaufgabe der Personals bestehe darin, Perspektiven zu entwickeln: „Und zwar welche, die nicht gleich wieder enttäuscht werden.“

„Ich weiß, dass ich Scheiße gebaut hab“, sagt Steffen.

Er sitzt auf den roten Polstern eines Korbsofas, einen Arm über der Lehne. „Ich sage auch nicht: Es waren die Drogen. Ich sage: Das war ich, ganz alleine. Da gibt es keine Ausreden dafür.“

Man möchte ihm glauben, aber man weiß, dass das wiederum genau das ist, was ein Therapeut hören will: Dass man selber schuld ist. Es klingt ein bisschen eingeübt – ohne unfair sein zu wollen.

Sich einmal mächtig fühlen

Steffen war 17.

Von seiner Familie fühlte er sich abgeschoben; seine Kindheit verbrachte er in einem Nonnenorden. Der Orden: erzkatholisch. Steffen: ADHS.

Damals dachte man noch, solche Kinder bräuchten nur eine harte Hand. Steffens harte Hand war Schwester Hedwig. Sie ging vermutlich davon aus, er sei vom Teufel besessen. Jedenfalls riss sie ihn jedes Mal so am Ohr und schlug Steffen, bis der nur noch lachte. Den Triumph, dass er weinen würde, wollte er ihr irgendwann nicht mehr gönnen.

Er hasst Hedwig so sehr, dass er auch heute noch mit leiser Verachtung von ihr spricht.

Steffen beginnt, auf Techno-Partys zu gehen und Drogen zu nehmen, viele verschiedene – Ecstasy, LSD, Kiffen, Alkohol, alles: rein, rein, rein –, nachts bricht er mit einem Freund in eine Wohnung ein. Sie wollen klauen. Plötzlich steht da diese ältere Frau. Im Nachthemd. Graue Haare. Sie erinnert ihn an Hedwig.

Die Männer fesseln die Frau und missbrauchen sie auf ihrem Bett. Sie weiden sich an ihrem Schmerz, ihrer Angst. Es ist ein Kick.

Steffen sagt: „Zum ersten Mal habe ich Macht gefühlt. Ich war doch so ohnmächtig.“

Danach habe er sich widerlich gefühlt. Aber er ging einfach. Nach Hause. Kein Notruf. Kein Mitleid.

Zur Polizei geht er nicht. Sie kommt zu ihm.

Steffen landet für sechs Jahre im Jugendgefängnis. Kaum ist er draußen, nimmt er wieder Drogen und bricht knapp eine Woche später wieder bei einer älteren Frau ein. Er bedroht sie, fasst sie gegen ihren Willen an und onaniert. Danach geht er.

Eine weitere Woche später: Steffen ist gerade auf dem Weg nach Hause, späterer Abend, da macht er noch einen Schlenker durch ein Wohngebiet. Dort leben vorwiegend alte Menschen, das weiß er. „Es überkam mich so“, sagt Steffen.

Wieder vergewaltigt er eine ältere Frau auf ihrem Bett.

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Er sei immer wieder in sie eingedrungen. Er wisse ja jetzt, dass das falsch war. Es klingt ein bisschen wie die Ausrede eines Falschparkers.

Die Folge: Mit einem Nachschlag in Haft sitzt Steffen weitere knapp 14 Jahre im Gefängnis. Die Gefahr: Steffen könne seine Straftat immer wieder wiederholen. Deshalb die Sicherungsverwahrung.

„Durch die Therapien weiß ich heute, was ich den Frauen angetan habe“, sagt Steffen. „Ich weiß, dass allein der Einbruch dafür sorgen kann, dass Menschen aus ihrem Haus wegziehen, weil sie nie wieder dieses Gefühl von Sicherheit kriegen. Durch die Therapie ist mir das jetzt klar geworden.“

In den Therapiesitzungen lernen die Sexualstraftäter Mitgefühl – denn ohne Beziehungstraining, das korrigiere und anleite, wären sie dazu nicht in der Lage, sagt das Personal. Es gibt einen deliktunspezifischen und einen deliktspezifischen Teil. Der erste trainiert allgemeine Verhaltensweisen, der zweite Strategien zur konkreten Deliktvermeidung.

„Es geht darum, sich in den Gegenüber reinzudenken“, sagt Steffen. „Zu verstehen, welche Konsequenzen das eigene Handeln hat. Es hat etwas gedauert und es ist sicher aufreibend und kein Spaß: Aber ich weiß jetzt, dass ich zu recht im Gefängnis saß.“

„Seit die Sicherungsverwahrung reformiert wurde „, sagt die Leiterin, „haben wir ein sehr engmaschiges Therapieangebot bekommen. Bei uns kann sich niemand wie in der Strafhaft verstecken.“

Durch die kleinen Gruppen würden sich die Leute gut kennen und das Personal könne frühzeitig reagieren. „Ich habe vorher viele Jahre in der Strafhaft gearbeitet“, sagt sie. „Da haben wir Inhaftierte – allein wegen der Größe der Gefängnisse und der dünnen Personaldecke – teils einmal im Jahr gesehen.“ Hier sehe man sich täglich.

Die Insassen der Sicherungsverwahrung müssen selbst aktiv werden, wenn sie irgendwann wieder raus wollen. Ihre Prognose wird einmal jährlich durch ein Landgericht überprüft. Die ersten zehn Jahre müssen die Insassen dem Gutachter und Gericht beweisen, dass sie nicht mehr gefährlich sind. Nach diesen zehn Jahren folgt die Beweislastumkehr: Dann muss man den Insassen nachweisen, dass noch eine Gefahr besteht.

Seit drei Jahren sitzt Steffen in der Sicherungsverwahrung.

Auf seiner Station ist es komplett ruhig: Eine goldene Regel im Strafvollzug ist, dass es ruhiger wird, je länger die Strafen sind, die Häftlinge gemeinsam absitzen. Man richtet sich ein. Laut und hart sind meist die Kurzstrafen-Gefängnisse und U-Haft-Häuser, in denen ein reger Durchgangsverkehr herrscht und viele Drogendelikte zusammenkommen. Inhaftierte sagen, man könne froh sein, wenn man in Anstalten oder Trakten mit möglichst langen Strafen unterkomme.

Wenn die Alarmglocken schellen

Die Leiterin sagt: Alles hier hat mit der Perspektive zu tun. Denn das Hauptproblem der Sicherungsverwahrung ist natürlich, dass sie auf unbestimmte Zeit gilt.

Da sei es manchmal schwer, den Leuten, wenn sie viele therapeutische Maßnahmen abgeschlossen haben und fordern, es müsse doch einen Fortschritt geben, klarzumachen, dass bisher aber die Einsicht in das eigene Handeln fehle. Es ist das Ziel, wo die Therapeuten hinwollen. Ein Ziel, das nicht alle erreichen.

„Wir arbeiten daran, dass zum Beispiel ein Pädophiler erkennt, dass er seine Neigung niemals verlieren wird: dass wir ihn nicht heilen können“, sagt die Leiterin. „Daher muss ein solcher Täter selbst erkennen, wann es für ihn mit seiner Neigung kritisch wird.“

Beim begleiteten Ausgang ist Sicherungspersonal dabei und manchmal auch eine Therapeutin. Sie stehen an einem Kinderspielplatz. „Wir führen das nicht herbei“, sagt die Leiterin energisch, „aber Spielplätze sind ja überall. Jetzt wäre es also ein Fortschritt, wenn der Mann sagt: Oh. Moment. Dieses Mädchen oder der Junge. Ich weiß ja nicht. Hier will ich nicht bleiben.“ Denn das zeige, dass der Mann sein Problem verstehe und beginne, Lösungsstrategien zu entwickeln. Dazu, sagt die Leiterin, wolle man alle Insassen befähigen.

Ein anderes Beispiel: Ein notorischer Sexualstraftäter geht mit seinem ehrenamtlichen Betreuer, den er hat, weil er schon große Fortschritte gemacht hat, im Sommer an einen See. Da ist ein FKK-Bereich. „Da besprechen wir dann“, sagt die Leiterin, „wie geht es ihm gerade damit – wenn der Mann sagt, nicht gut, dann ist das paradoxerweise sehr gut. Wenn er aber sagt, ist alles ganz wunderbar, gar kein Problem, dann schellen bei uns sofort die Alarmglocken.“

Normalerweise werde ein Sexualstraftäter nicht häufiger rückfällig als andere Straftäter. „Viele dieser Leute können problemlos draußen leben“, sagt die Leiterin. „Sie begehen so eine Tat nie wieder. Und dann gibt es welche, die werden schon innerhalb von Stunden oder Tagen rückfällig.“ Das Problem ist: Man könne niemandem wirklich in den Kopf gucken.

„Es geht nur um diese Einsicht“, sagt die Leiterin „dass du nie eine Garantie geben kannst für dein Handeln. Wenn jemand seine Neigung und kritische Situationen erkennt und versteht, lernt er Vermeidungsstrategien.“

Ein Problem der Gutachter sei, dass viele Menschen, die eine sehr lange Zeit in Haft verbracht haben, sich sehr gut an das System anpassten, sagt die Leiterin. „Sie sprechen dann die Sprache der Therapeuten und wissen genau, was sie wie sagen müssen.“ Denn natürlich wollen alle irgendwann raus.

Lange Haftstrafen haben immer einen negativen Einfluss auf Menschen. Sie sorgen dafür, dass sie sich zurückziehen, sich selbst verletzen, sogar töten, Depressionen haben oder nicht mehr schlafen können.

„Ich will das alles nicht“, sagt Steffen. Deshalb klage er von Zeit zu Zeit. Er schreibt dann eine Beschwerde an das zuständige Gericht. Das bringt ihm Aufmerksamkeit und vor allem: etwas Selbstbestätigung. „Ich will keine großen Dinge hier“, sagt er. „Aber vieles läuft eindeutig falsch.“

Gegen die Praxis der Sicherungsverwahrung wird so regelmäßig geklagt, dass das Personal mittlerweile davon spricht, es solle so der Betrieb gefährdet werden, weil dermaßen viele Ressourcen gebunden werden. Klagen seien hier noch viel häufiger als in der Strafhaft.

Das Personal findet: Die Insassen könnten sich nicht beschweren. Vielen ginge es hier besser als draußen, weil sie das Draußen nicht kennen und denken, es sei perfekt.

Die Angst vergessen zu werden

Steffen findet: Bei solchen Bedingungen im „Todeshaus“ müsse man klagen. Sonst würde man am Ende verrotten und vergessen werden.

Im Hof des Hauses hätten sie einen Bachlauf, im Garten, wo sie vom Draußen erzählen, sagt Steffen; gebaut für das Justizministerium. Und als das Ministerium kam – zur Einweihung war das –, habe man den Bach genau einmal angemacht. „Danach haben sie ihn einfach abgestellt und nie wieder in Betrieb genommen“, sagt Steffen. Ob das stimmt oder nicht: Steffen fühlt sich wie dieser Bach.

„Es gibt Menschen hier, wie den Pädophilen, der Einsicht in seine alten Akte einklagt, weil er hofft, dass da noch Kinderbilder drin sind“, sagt Steffen. „Die würde ich auch nicht freilassen. Aber ich habe meine Therapien gemacht. Ich habe alles getan, was sie von mir wollten. Warum bin ich noch hier? Warum gibt man mir keine Chance?“

Die Antwort gibt er am Ende selbst – es ist der Satz mit den Alarmglocken.

Er sagt: „Ich werde diese Straftat nie wieder begehen. Das muss man mir glauben.“

„Warum?“

„Ich weiß es einfach.“

*Name von der Redaktion geändert

Titelfotos in dieser Serie: Christiof Stache/ AFP, Stephan Rumpf/ Süddeutsche Zeitung

Recherche: Eva Achinger, Alexander Krützfeldt

Die Recherche wurde über ein Crowdfunding auf der Plattform crowdfunding.CORRECTIV finanziert. Vielen Dank an alle Unterstützer, die wir im Folgenden mit Namen nennen, soweit sie eine Namensnennung bei der Spende ausgewählt haben: AndreasFC Glauch, Frederik Fischer, Ina Morgenroth, Johannes Feest, Cinderella Glücklich, Heino Stöver, Dr. Christian Bahls, Franziska Gromann, Kerstin Litterst, Dorothea Gruß, Fabian Lindner, Christoph Koch, Ruprecht Frieling, Daniel Drubig, Lisa-Marie Schnell, Karl Scholze, Björn Haase-Wendt, Frank Puschin, Clemens Haug, Nicholas Krützfeldt

© Jessy Asmus/Süddeutsche Zeitung

Leben im Gefängnis

Folge 1: Die Ohnmacht des Anfangs

Wie leben Menschen hinter Gittern? Wir haben acht Männer nach ihrem Alltag im Knast befragt. Wir begleiten sie bei der Aufnahme und spüren ihre Einsamkeit und ihr Ausgeliefertsein. Sie berichten von den Hierarchien unter Gefangenen, von Gangs, Gewalt, Drogen und der medizinische Versorgung. Täglich veröffentlichen wir eine neue Geschichte. In der ersten Folge: Ankommen im Strafvollzug. Das Beispiel Karl.

von Alexander Krützfeldt

Dinge, auf die Karl* jetzt verzichten muss: Rinderrouladen.

Rouladen gehen direkt auf die Hüfte, sagt Karl, der, kurz nachdem er mit dem Alkohol vor etwa 15 Jahren aufgehört hat, mit dem Essen anfing. Dann war er zur Kur, Bluthochdruck und Asthma. Und so gesehen, sagt Karl, wird das alles gut im Gefängnis, auf keinen Fall will er da zunehmen.

Sport hat Karl bisher einmal die Woche im Fitnesscenter gemacht – Karl sagt: „Fitnesszentrum“ –, von der AOK finanziert. War beides immer recht anstrengend, das mit dem Sport, aber auch das mit der AOK.

Schwieriger: Zitronensaft. Seit Karl zur Kur war, trinkt er ausschließlich Mineralwasser mit Zitronensaft. Nicht den aus Zitronen, sondern das Konzentrat aus den Plastikflaschen, die wie Zitronen aussehen. Die im Knast? Sicher nicht. Übrig bleibt also nur Wasser.

Aber am schwersten wird: Handy und Internet.

Es sind typische Gedanken vor dem Haftantritt, die Karl hat. Mit ihnen betritt er um Punkt 13 Uhr, wie es auf der Ladung steht, die Justizvollzugsanstalt, die einst ein Schloss war und dieser Zeit noch hinterhertrauert. Was wird aus mir, was wird aus den anderen? Karl denkt an seine Freunde, sie sind seine Familie. Seine Eltern sind beide tot, eine Frau hat er nicht, Kinder auch nicht, er hat seine Gründe.

Wird, denkt Karl. Wird schon werden.

Aber was wird? Was bedeutet das überhaupt: Strafvollzug? Wie ist es, die Freiheit zu verlieren? Was macht das mit den Menschen, die in den Zellen sitzen – und jenen, die draußen warten?

Die Recherche von Alexander Krützfeldt wurde über die Crowdfunding-Plattform von CORRECTIV finanziert und ist eine Kooperation von CORRECTIV, dem Bayerischen Rundfunk und der Süddeutschen Zeitung.

Gefängnisse sind tote Winkel unserer Gesellschaft, Menschen verschwinden hinter Mauern – und damit aus unserer Wahrnehmung. Sie haben keine Stimme, weil die Gesellschaft sich draußen vor ihnen fürchtet. Aber sie haben viel zu erzählen, über ihr Schicksal, ihre Sorgen und Ängste und über das System, das sich Strafvollzug nennt. Ein Mikrokosmos, der sich Blicken von außen fast vollständig entzieht.

In Deutschland gibt es 166 Haftanstalten für Erwachsene. Etwa 63.000 Menschen sitzen ein, darunter 3.600 Frauen. Das sind die offiziellen Zahlen der Behörden. Rechnet man die Zu- und Weggänge mit, leben pro Jahr etwa 200 000 Menschen in Haftanstalten, weil dadurch die Gefängnisbetten mit dem Faktor 3,6 pro Jahr belegt werden.

Zahl der Justizvollzugsanstalten

Das Gefängnisnetz ist ein neuronales: Kleine Haftanstalten in der Provinz haben etwa 200 Plätze. Große, die in Ballungszentren der Bundesrepublik als Knotenpunkte dienen, haben mehr als tausend Insassen. Sie sind spezialisierte Städte in den Städten, in sich geschlossene Gesellschaften, die eine eigene Mülltrennung haben, Bäckereien und Zeitungsredaktionen. Manche stehen im Nichts, auf Wiesen, andere in Innenstädten. Und wenn man den Haftanstalten näher kommt, sieht man die Polizeiautos und die großen Busse mit ihren Gitterfenstern, die an den Wochentagen über das Land fahren und Häftlinge bringen wie der Schulbus die Kinder.

Das größte Gefängnis Deutschlands ist die JVA München. Dann kommt Köln. Dann Berlin-Tegel. Die Zahlen variieren je nach Quelle.

Karl ist auf dem Land, im Süden der Republik.

Sechs Monate ohne Handy

Wegen der Sache mit dem Handy wäre er fast zu spät gekommen, dann hätten sie Karl zur Fahndung ausgeschrieben. Karl ist Selbststeller, das bedeutet: Er reist selbst an, weil keine Gefahr besteht, dass er fliehen könnte, Zeugen einschüchtert oder Beweise vernichtet. Er wird nicht von der Polizei abgeholt oder aus dem Gerichtssaal geführt, sondern bekommt einen Stichtag und eine Uhrzeit auf einem streng aussehenden Stück Papier und muss sich dann melden. Ausgenommen von dieser Regelung sind nur Häftlinge, die vorsätzliche Tötungsdelikte, Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz oder Sexualstraftaten begangen haben.

Karl ist lange vor der JVA auf- und abgelaufen. Er ist 60, klein und ein bisschen rund – Karl würde sagen: Idealgewicht! – mit lichtem Haar auf dem Kopf und einer Hand am Ohr. Er hat all seine Freunde noch einmal abtelefoniert, weil er gleich für sechs Monate kein Handy mehr hat. Sechs Monate. Jesusmaria.

Karl hat sich geschworen, wie es auch kommt, zuversichtlich zu bleiben. In seiner Abwesenheit würde sich alles regeln. Zehn Freunde haben versprochen zu kommen, der Rest will schreiben. Und diese Versprechen, das hat Karl allen noch mal gesagt, zählten jetzt doppelt. Sonst würde er da nämlich ganz allein sein. Das haben seine Freunde verstanden. Hofft er. Und irgendwann käme die Entlassung, und sein Leben, es würde da warten, verständnislos vielleicht, aber geduldig. Nicht alle hat er noch erreicht.

„Willkommen in der JVA“, sagt der junge Beamte in hellblauer Uniform ohne Spott, er sitzt hinter Glas und nimmt Karls Ladung und den Personalausweis durch eine Schublade entgegen. Karl hat sich mitsamt Rollkoffer, Reisetasche und Rucksack durch die Tür drücken müssen; erst ging der Summer, dann nahm Karl den Griff, aber nichts tat sich, er rüttelte – und schlussendlich musste er sein ganzes Gewicht dagegendrücken, bevor dieses Mistding von Tür endlich nachgab. Ein Vorgeschmack? Auf was eigentlich?

Im Prinzip, denkt Karl, ist es wie eine Reise in ein diktatorisches Land. Und mit der Freiheit gehen verloren: der Status, der Beruf, die Rolle, die man bisher im Leben gespielt hat; das Ansehen bei den Mitmenschen natürlich und jene vertraute Umgebung, die etwas zur Heimat macht. Karl denkt: Zum Glück ist mein Boden unter den Füßen halbwegs stabil.

„Spielen Sie Fußball?“, fragt der Beamte und blickt auf.

Karl stellt seine Sachen auf dem Linoleumfußboden ab. Ist es besser, Fußball zu spielen – oder könnten ihm daraus Nachteile erwachsen? Immerhin will er nicht am ersten Tag gleich auffallen. Warum nicht Fußball?

„Ja“, sagt Karl entschlossen, und fügt hinzu: „Natürlich.“ Er würde rauskommen und – locker – zehn Kilo weniger wiegen.

„Das ist gut“, sagt der Beamte, während er Karls Sachen durchsucht. „Wir haben einen ausgezeichneten Sportplatz. Ich spiele auch.“

2006 ging die Hoheit im Strafvollzug vom Bund an die Länder über. Experten befürchteten, es würde einen Wettlauf der „Schäbigkeit“ geben: um die günstigste JVA im Land. Das ist nicht eingetreten. Viele Länder haben investiert, andere allerdings hinken diesen Ansprüchen weit hinterher.

Welche Haftbedingungen man vorfindet, liegt – letztendlich ist das „justice by geography“ im Wortsinn – am Wohnort.

Der Begriff „justice by geography“ – der aus der Kriminalistik, Soziologie und Sozialgeografie stammt und von verschiedenen Wissenschaftlern geprägt wurde – beschreibt den Einfluss, den der Geburtsort und der Ort des Aufwachsens und Lebens auf das Individuum hat. Er differenziert soziale Einflüsse zwischen Stadt und Land – und die Unterschiede, die somit auf den Menschen hinsichtlich einer sozialen Gerechtigkeit wirken. In Deutschland ist dieser Begriff verrechtlicht: Nach § 24 Abs. 2 der Strafvollstreckungs­ordnung wird die Strafe, wo immer sie auch ausgesprochen wird, grundsätzlich am Wohnsitz vollstreckt. Darunter verstehen die Gerichte den Ort, an dem eine Person den „Mittelpunkt ihrer Lebensverhältnisse hat“.

In manchen Fällen mieten sich Straftäter vorher einen Wohnsitz in Berlin, um die Strafe dort und nicht etwa in Bayern antreten zu müssen, das für eine rigidere Strafpraxis steht.

Im Internet hat Karl sogenannte „Hotel-Führer“ gelesen – Online-Plattformen, auf denen sich Ex-Häftlinge und deren Angehörige über ihre Gefängnisse austauschen. Dabei erfuhr er, dass die meisten Anstalten in den großen Flächenländern stehen: in Bayern, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg oder Hessen; darüber hinaus hat Karl gehört, dass es neue und alte Anstalten gibt – und dass es einen großen Unterschied macht, in was für eine man kommt.

Die neuen – aus den 2000er Jahren –, sind hell, freundlich und leblos-schön. Die alten, Gebäude aus dem frühen 20. Jahrhundert oder noch älter, sind dunkel und eng wie der Bauch eines Tieres. Diese hier kam im Internet ganz passabel weg. In „seiner“ JVA gibt es sogar einen Bauernhof, einen Ort außerhalb der Gefängnismauern, auf dem Häftlinge arbeiten dürfen. Karl mag Arbeiten an der frischen Luft, er sagt sogar, er habe „eine Schwäche für Ackerbau und Viehzucht“.

In Gefängnissen gibt es den geschlossenen Vollzug, mit Hofgang und Einschluss, und den offenen. Dort wohnen Häftlinge in Wohngruppen und können in der Stadt arbeiten. Zudem gibt es ein Lockerungsprogramm, um Inhaftierte wieder an das Draußen zu gewöhnen: dazu gehörten – zunächst meist begleitete – Freigänge in die Stadt. Im offenen Vollzug kommt man nur zum Schlafen zurück.

„Einzelzelle haben wir nicht“

Noch bevor sich der Smalltalk fortsetzen kann, zieht der Beamte, der in Karls Sachen kramt, ein Buch aus der Tasche hervor: das Strafvollzuggesetz. Karl will vorbereitet sein. Das Strafvollzugsgesetz regelt unter anderem, was einem Häftling in Haft zusteht und was nicht. Mit der Freundlichkeit ist es vorbei: „Sie wissen vermutlich, dass Sie laut EU-Bestimmungen einen Anspruch auf eine Einzelzelle haben“, sagt der Beamte. Er legt Karl Zettel und Stift hin. „Einzelzelle haben wir nicht. Mit dieser Erklärung können Sie darauf verzichten – oder in die Hauptanstalt weitertransportiert werden.“ Einen Anspruch auf Einzelunterbringung hat jeder Gefangene auch nach fast allen Landesstrafvollzugsgesetzen. Einzige Ausnahmen: Bayern und Baden-Württemberg.

Karl ist irritiert. Wieso Hauptanstalt? Vielleicht ist es besser, auf die Zelle zu verzichten, zu sagen: Kann ja vorkommen, dann eben nicht. Es sind sechs Monate und keine Ewigkeit, und am Ende wird alles gut. Karl war selbst Polizist, das war zwar lange vor seiner Verurteilung, aber die Leute hier machen auch nur ihren Job.

Karl nimmt den Stift und denkt an den Bauernhof. Die unterschriebene Erklärung lässt er auf dem Tisch liegen.

Dann klingeln die Schlüssel. Ein Geräusch, das Ex-Häftlinge immer wieder erwähnen, weil es sie – auch lange nach der Haft – noch in ihren Träumen verfolge.

Suizidgefahr wegen Knast-Koller

Zuerst werden Karls persönliche Sachen weggeschlossen: Handy, Geld, Ausweis. All das bekommt er wieder, wenn er entlassen wird. Im Gefängnis herrscht in vielen Bundesländern Arbeitspflicht. Einen Teil des Geldes kann man zum Einkaufen verwenden, ein anderer wird auf einem Konto für den Tag der Entlassung angespart, damit Inhaftierte nicht völlig mittellos vor den Gefängnismauern stehen.

„Sie werden jetzt in die Zugangszelle gebracht“, sagt der Beamte. In einer Zugangskonferenz werde dann über den weiteren Strafvollzug entschieden: Welche Therapien soll er besuchen, was könnte er arbeiten, wie soll das weitere Vorgehen sein. In den Zugang kommen alle „Neuen“ – auch die, die schon drin waren. Wer eine Strafe von mehr als einem Jahr zu verbüßen hat, für den wird ein ausführlicherer Plan für den Vollzug entwickelt. Auch das handhaben die Länder unterschiedlich.

Das Making-Of zur Recherche:

Die ersten Wochen im Gefängnis gelten als besonders kritisch. Die Gefangenen müssen sich erst an ihre neue Umgebung, die neuen Regeln, die verlorenen Freiheiten gewöhnen. Daher stehen sie unter besonderer Beobachtung. Ihnen werden Dinge wie Gürtel abgenommen, damit sie sich nicht erhängen; diese Gefahr ist am Anfang groß. Man spricht vom sogenannten „Knast-Koller“. Suizidgefährdete Gefangene werden in Doppelzellen untergebracht – der sozialen Kontrolle durch den Mitbewohner wegen. Ansonsten haben die Gefangenen theoretisch Anspruch auf eine Einzelzelle, der persönlichen Ruhe und Privatsphäre wegen. Vor wenigen Jahren rügten Experten die Länder noch, dass es viel zu wenige davon gäbe. In vielen Anstalten gibt es daher Formulare, mit denen die Häftlinge von vornherein „freiwillig“ eine Einzelzelle abtreten können. Die Lage hat sich mittlerweile entspannt. Allerdings liegt dies womöglich auch daran, dass die Gefangenenzahlen seit Jahren gesunken sind und somit insgesamt mehr Platz ist. Seit 2016 steigen sie wieder. Und wo Mangel herrscht, wird mit zusätzlichen Betten aufgestockt. Die meisten Übergriffe finden in Gemeinschaftszellen statt.

„Gehen Sie mit Ihrem Delikt hier auf keinen Fall hausieren“, erklärt der Beamte. „Ein Gefängnis ist ein großer Schulhof.“ Alle Papiere, die seine Straftat ausweisen, blieben aus Sicherheitsgründen bei seinen Sachen und sollten unter keinen Umständen im Zelltrakt landen. Karl nickt. Er trägt ein höheres Risiko als andere Gefangene, das weiß er. Karl ist pädophil. Bei einer Hausdurchsuchung haben Fahnder bei ihm Datenträger mit Bildern von nackten Kindern entdeckt. Gefangene, die sogenannte Sittlichkeitsdelikte begangen haben, werden abfällig „Sittiche“ genannt – sie gelten bei den Mitgefangenen als Abschaum.

Als sich die Tür zur Zugangszelle öffnet, blickt Karl auf die Hochbetten; Blicke treffen ihn. Sieben Gesichter.

„Hallo“, sagt Karl, und das Abstellen seiner Sachen klingt lauter als sonst. Die Zelle ist für eine Anstalt riesig: 25 bis 30 Quadratmeter. Eine Einzelzelle hat im Durchschnitt nicht mehr als zehn.

„Warum bist du hier?“, fragt einer, als sich die Tür schließt, und blickt kaum vom Fernseher auf.

Karl antwortet nicht.

„Gib uns deinen Haftzettel“, sagt der Häftling.

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„Ich habe keinen“, sagt Karl und versucht, seine Sachen aufs Bett zu hieven. Einer stellt sich ihm in den Weg: „Warum nicht?“

Für einen Moment hat jemand die Pause-Taste gedrückt. Wie lange, denkt Karl, darf Stille dauern, bis sie verräterisch wird?

„Was ist?“, fragt der Häftling. „Bist du taub? Oder ein Kinderficker?“

„Nein“, sagt Karl. „Es ging nur um Bilder, einen Link und eine Website.“

Im Dienstzimmer hören die Beamten Schreie. Sie eilen heran. „Hier ist ein Kifi“, ruft einer der Häftlinge in den Flur. „Kinderficker!“

Die Beamten zerren Karl heraus, noch bevor etwas passieren kann. Mein Aufenthalt in der Zugangszelle hat keine zehn Minuten gedauert, denkt Karl, von Armen umfasst, vermutlich eine Art Rekord.

„Es sind noch andere mit Ihrem Delikt hier“, sagt der Beamte ernst, während sie Karl in eine andere Zelle bringen. „Diese Leute leben auch unerkannt. Also: Ruhig bleiben! Wenn etwas ist, drücken Sie den roten Knopf.“

Zugangszelle 118. Tür auf. Karl rein. Tür wieder zu.

Karl zählt: sieben Gefangene. Zigarettenkippen auf dem Boden.

Er stellt seine Sachen nicht ab und verzichtet auf ein großes „Hallo“. Ein Mithäftling räumt die obere Matratze frei.

Karl schafft seine Sachen aufs Bett, nachdem er festgestellt hat, dass sich die Schränke nicht abschließen lassen. Karl, der überzeugt davon ist, dass es Liebe und Sex zwischen Erwachsenen und Kindern gibt und dass dieser einvernehmlich geschehen kann, führt ein Tagebuch. Viel zu brisant für einen offenen Schrank.

Der Fernseher läuft den ganzen Tag bis spät in die Nacht. Um 19 Uhr wird die Zelle verschlossen, am nächsten Morgen um 6 Uhr wieder geöffnet. Der rote Knopf ist auf dem Flur. Vor der Tür. Um 24 Uhr gehen automatisch alle Lichter aus.

Karl spürt sein Tagebuch unter dem Kopfkissen, legt seine Hand darauf und schläft irgendwann ein. Was für ein Tag.

Hass auf Pädophile und Sexualstraftäter

Die Mithäftlinge wissen schnell, wen sie da bei sich haben. Der Buschfunk klappt ausgezeichnet.

Den Frühstückskaffee um kurz nach sechs darf Karl schon nicht mehr am Gemeinschaftstisch in der Zelle zu sich nehmen. Der Russe gibt ihm zu verstehen, dass er auf der Fensterbank sitzen müsse. Also sitzt Karl auf der Fensterbank. In der Zelle passieren danach folgende Dinge: Der Chef der Wohngemeinschaft stellt sich vor, ein Mann namens „Andi“, er verbietet Karl, links an ihm vorbeizugehen. Um acht Uhr kommt der Buschfunk auch beim Albaner an, der einen Wutanfall kriegt. Er zieht eine gedachte Linie vor seinem Etagenbett, die Karl nicht übertreten dürfe.

Um Sexualstraftäter zu schützen, gibt es in Haft verschiedene Konzepte: Sie werden beispielsweise in getrennten Trakten untergebracht. Aber viele Anstalten wollen homogene Gruppen vermeiden und Personal und Hafträume sind knapp. Andere Anstalten, wie die JVA Köln-Ossendorf, besprechen einen sogenannten alternativen Lebenslauf mit den Sexualstraftätern. Das verschafft ihnen ein neues, fiktives Leben, von dem sie erzählen können, ohne Angst haben zu müssen, bei den Mithäftlingen wegen ihrer Straftat zur Zielscheibe zu werden. Karl hatte diese Möglichkeit nicht. Aber in den meisten Fällen, sagen Häftlinge, komme eh alles raus. Weil das Gefängnis tatsächlich wie ein großer Schulhof ist. Und tatsächlich landen immer wieder brisante Unterlagen oder Informationen über Sexualstraftäter bei den Häftlingen.

Als Karl die Zelle während der Aufschlusszeiten verlässt, wird sein Tabak geklaut. Karl beantragt ein Vorhängeschloss. Für das Tagebuch und den Tabak. Drei Tage müsse er schon einplanen, sagt der Beamte. Fortan trägt Karl seine Sachen bei sich.

Auch seine Freiheiten in der Zelle schwinden mehr und mehr: Er darf seine Nagelschere nicht mehr im Bett benutzen, nur auf ein bestimmtes Klo gehen und er solle duschen. Die Duschen, das weiß Karl, sind ein sensibler Ort. Dort kommen die Beamten nicht hin und Übergriffe sind zu befürchten. Karl überlegt und drückt den Notknopf.

Karl berichtet den Beamten von den Vorfällen und dass er Angst um sein Leben habe. Er solle warten, sagt ein Beamter. Heute sei schließlich Samstag und bis Montag werde man eine Lösung finden.

Als „Andi“ mitbekommt, dass Karl mit den Beamten gesprochen hat, springt er auf und drängt ihn in die Ecke. „Es gibt hier Regeln“, sagt „Andi“. „Und an die hältst du dich! Sonst nehme ich ein Jahr extra in Kauf, und ich finde dich, Kinderficker – egal, wo sie dich hinbringen. Ich habe überall meine Leute.“

Der Albaner verstellt Karl den Weg zum Knopf.

Karl überlegt und starrt hilfesuchend in die Runde. Alle weichen seinen Blicken aus.

Mit manchen Leuten kannste eben nicht reden, denkt Karl. Karl hat einmal vorgeschlagen, doch zusammen die „Tagesschau“ oder das „heute-journal“ zu sehen, aber das kannte leider keiner, und da hat Karl das Gespräch auch nicht weiter vertiefen wollen. Seien ihm schon damals als Polizist aufgefallen, sagt Karl, diese Leute. Er nennt sie: „bildungsfremd“.

„Ich wollte in die Nicht-Raucher-Zelle verlegt werden: wegen des Asthmas“, sagt Karl. „Ich habe nichts über euch gesagt.“

„Andi“ überlegt, nickt dem Albaner zu und der macht den Weg frei. Karl nimmt seine Sachen, drückt den roten Knopf, und setzt sich daneben auf den Fußboden.

Stress, Angst und ewig gleiche Tage

Es kommt eine Durchsage, jetzt ist Fußball. Kein Fußball für Karl, er hat seine Sportkarte noch nicht. Ohne Karte kein Sport. Dafür hat ihn einer der Beamten – sicherheitshalber – auf ein Doppelzimmer in die Krankenstation verlegt.

Auf den Hof geht Karl seit den Zwischenfällen gar nicht mehr. Er ist abgeschirmt vom Rest.

Im Vergleich zu den Zellen zuvor ist es hier ruhig. Stress und Angst weichen dem Gefühl von Sicherheit. Das Einzige, was Karl hier noch stört, ist die Langeweile. Die ewig gleichen Tage, die er sich mit Lesen vertreibt – seine Freunde schreiben ihm regelmäßig. Weil seine Strafe nicht lang ist, versucht er, sich so wenig wie möglich einzurichten. Sechs Monate lassen einen schnell an das Ende der Haft denken.

Vor wenigen Tagen hat Karl einen weiteren Mithäftling gefunden, der ihm sympathisch ist, mit dem man, wie Karl sagt, „vernünftig reden konnte“. Da hat sich Karl geöffnet. Er wollte dem Flurfunk etwas entgegensetzen. „Die anderen sagen, du bist ein Kinderficker“, hat der Mithäftling erzählt. Also hat Karl seine Sicht der Dinge erzählt: dass er kein Kind missbraucht habe, dass er „nur“ Bilder in seiner Wohnung hatte. Karl wollte einen „Befreiungsschlag“, er hat das Gegenteil bewirkt: Der Mithäftling hat es weitererzählt – und die anderen hatten Gewissheit.

An den Wochenenden ist der Krankentrakt meist verschlossen und getrennt vom Rest. Karl hat gesehen, wie jemand die Fußmatte in die Tür des Krankentraktes eingeklemmt hat, damit sie nicht ganz schließt und man sie wieder öffnen konnte. Vorsorglich hat er die Matte entfernt.

An einem anderen Tag guckt Karl die Nachrichten, als er den Leichenwagen in den Hof fahren sieht. Bestatter tragen einen schwarzen Sarg hinaus. Ein Häftling hat sich umgebracht, in einer Gemeinschaftszelle. Überdosis Tabletten. Man munkelt: Er sei von Mithäftlingen dazu gedrängt worden.

Von solchen Zwischenfällen abgesehen ist Karl zufrieden hier — und erleichtert: So würde er die nächsten Monate schon rumkriegen. Es ist angenehm: Im Bett liegen, lesen und sein Mitbewohner hat schon Freigang und bringt jedes Mal ein halbes Buffet aus der Stadt mit. Denn sonst ist das Essen mager, findet Karl. Ein gutes Kilo hat er schon runter.

Fünf Wochen bleibt Karl im sogenannten Revierbau, wie die Krankenstation genannt wird. Dann wird er plötzlich zurück in eine reguläre Zelle verlegt. Seinen Platz müsse er räumen, sagen die Beamten, für jemanden, „der wirklich krank ist“.

Karl sitzt auf seiner Matratze. Er hat sie in den Flur gezogen, um neben dem Notknopf zu bleiben, zur Not würde er auch hier schlafen. In seiner Zelle wird er getreten, gemobbt und bedroht.

Er blickt auf den Knopf. Diese Haft würde doch etwas länger werden als gedacht.

Karl fühlt sich von der Anstalt im Stich gelassen. Karl fühlt Ohnmacht.

*Name von der Redaktion geändert.

Titelfotos in dieser Serie: Christiof Stache/ AFP, Stephan Rumpf/ Süddeutsche Zeitung

Recherche: Eva Achinger, Alexander Krützfeldt

Die Recherche wurde über ein Crowdfunding auf der Plattform crowdfunding.CORRECTIV finanziert. Vielen Dank an alle Unterstützer, die wir im Folgenden mit Namen nennen, soweit sie eine Namensnennung bei der Spende ausgewählt haben: AndreasFC Glauch, Frederik Fischer, Ina Morgenroth, Johannes Feest, Cinderella Glücklich, Heino Stöver, Dr. Christian Bahls, Franziska Gromann, Kerstin Litterst, Dorothea Gruß, Fabian Lindner, Christoph Koch, Ruprecht Frieling, Daniel Drubig, Lisa-Marie Schnell, Karl Scholze, Björn Haase-Wendt, Frank Puschin, Clemens Haug, Nicholas Krützfeldt

© Jessy Asmus/Süddeutsche Zeitung

Leben im Gefängnis

Folge 2: Das Gesetz der Familie

Alles in Haft ist klar geregelt. Nicht nur vom Staat, nicht nur von den Wärtern. Auch unter den Gefangenen. Es herrscht eine strenge Hierarchie und die perfekte Kontrolle. Es gibt die kleinen Diebe und die großen Verbrecher, und die einen haben das Sagen und die andern müssen sich fügen. Emil, der Russe, kennt sich aus im Gefüge. Er hat sechs Jahre gesessen.

von Alexander Krützfeldt

Emils* Leben, was das für ein Drehbuch gegeben hätte: der Klang von Champagner-Gläsern; Autos, die nachts mit Katzenaugen über die Straßen gleiten; türkis leuchtende Pools in Sommernächten, die so zart und warm auf der Haut liegen wie das Gefühl, unantastbar zu sein. 50.000 Euro Umsatz die Woche mit Heroin.

Auf drei Dinge konnte sich Emil dabei immer verlassen: Russische Familien halten zusammen, russische Familien sind stark. Russen sind gastfreundliche Menschen.

Und wie ein Film endet dieses Leben auch: Nachts bricht ein Sondereinsatzkommando durch die Tür. Ein drogenabhängiger nichtrussischer Verkäufer hatte ihn verpfiffen. Lampen suchen hektisch nach Emil. Kabelbinder beißen in seine Handgelenke. Emils Frau weint. Emil liegt am Boden. Er ist wütend. Wie konnte das passieren?

Dienstagnacht bis Freitagmittag halten sie Emil im Keller der Polizeiwache fest: Pack aus, Emil, sagen sie. Aber Emil packt nicht aus und geht lieber ins Gefängnis. Ich bin ja nicht lebensmüde, denkt Emil. Russische Familien halten zusammen.

Seine „Familie“, sie war immer für ihn da, hat ihn durch all die Jahre begleitet, auch in Haft, und er ist bis heute froh, zu ihr gehalten zu haben. Anderseits: Hätte er es nicht, hätte das vielleicht seinen Tod bedeutet – oder mindestens das Risiko, nie mehr ohne Angst auf die Straße gehen zu können. Höchstens das Zeugenschutzprogramm wäre eine Möglichkeit gewesen, denn auch im Gefängnis hätten sie ihn irgendwann erwischt.

Die Recherche von Alexander Krützfeldt wurde über die Crowdfunding-Plattform von CORRECTIV finanziert und ist eine Kooperation von CORRECTIV, dem Bayerischen Rundfunk und der Süddeutschen Zeitung.

Als Emil ins Gefängnis kommt und mit seinen Sachen in der Hand über den Flur läuft, grüßen ihn Leute und nicken ihm zu. Aber er hat sie nie zuvor gesehen. Natürlich hat Emil die Geschichten gehört: über Banden und Gangs und so Zeug. Aber dass er Teil einer solchen Gruppe werden würde, noch dazu, ohne überhaupt beigetreten zu sein, das hätte er nicht gedacht.

Gefängnisgangs sind ein Mythos, wie man es auch aus Filmen kennt. Aber es gibt sie. Und sie spielen hinter Gittern eine tragende Rolle. Das Gefängnis ist ein Mikrokosmos, strukturiert nach eigenen Regeln, mit strengen Gesetzen und Hierarchien. Mit Gruppen, die dieses Gefüge aufbauen und ausmachen. Und mit Mitgliedern, die innerhalb der Gruppen um Schutz und Sicherheit, Macht und Ansehen kämpfen. Emil war Teil davon.

Das Gesetz des Schweigens

1987 wird Emil in Kasachstan geboren. Als die Sowjetunion zerfällt wie eine Sandburg im Wasser, sind russlanddeutsche Familien dort nicht mehr erwünscht. Emils Familie geht nach Deutschland. Zunächst kommen sie im Asylbewerberheim unter. Später zieht die Familie in ein Neubauviertel, wo Landsleute wohnen. Auch in der Familie gibt es klare Regeln und feste Strukturen. Was der Vater sagt, ist Gesetz. Einmal wird Emil in der Schule verhauen, da sagt sein Vater nicht: „Wir fahren da jetzt hin und klären das mit der Lehrerin.“ Er sagt: „Beim nächsten Mal schlägst du zurück, Emil.“

Die Jungen aus der Siedlung teilen das gleiche Schicksal. Die Tage verbringen sie auf dem Rad oder gehen klauen, wenn sie keine Pfandflaschen finden; sie halten zusammen, wenn es Ärger gibt, und sie schweigen füreinander, wenn einer erwischt wird. Ehrensache.

Emil macht eine Ausbildung als Mechaniker. Mit 20 verliert er den Job. Sein Chef lässt fragen: Emil, hast du eine Familie? Emil, hast du einen laufenden Kredit? Emil sagt zweimal nein und wird entlassen. Etwas Neues findet er nicht. Irgendwann hat er keinen Bock mehr zu suchen und sich wegschicken zu lassen.

Er kennt da ein paar Ältere, die drehen Dinger. Sind aber eigentlich ganz „konkrete Typen“; Emil sagt „konkret“, wenn er „korrekt“ meint. Er fragt: Habt ihr Arbeit? Sie haben. Sei „riskant“, sagen sie. Sei „schwere Arbeit“. Emil hat keine Angst.

Mit drei Freunden und 10.000 Euro im Gepäck fährt Emil mit seiner Schrottkarre über die Grenze. In den Niederlanden übergeben sie das Geld an eine Gruppe Heroindealer und bekommen ein Kilo weißen Stoff, den sie vor Ort auf 1,5 Kilo strecken, um mehr zu verkaufen. Emil sieht zum ersten Mal Sportwagen, sieht Knarren, sieht Penthouse-Wohnungen und verfolgt Geschäfte auf dunklen Parkplätzen. Seiner Freundin erzählt er, er sei im Import-Export-Geschäft. Stimmt ja auch, irgendwie.

Bei Deals taucht Emil bald selbst mit zehn Mann auf, besorgt sich eine Waffe, lässt sie genauso weit aus der Hose hängen, dass es auffällt, aber noch Understatement ist. Sie fahren in teuren Wagen vor, um die anderen einzuschüchtern. Alles nur Tarnung. Die Wagen sind geliehen.

Wenn einer der Jungs ein Mädchen beeindrucken will, legt er 10.000 Euro auf den Tisch. Emil kauft sich ein eigenes Haus – da ist er Mitte 20. Die Geschäfte laufen. Bis das SEK kommt.

Sechs Jahre Haft. Er bringt seine Sachen auf die Zelle. Seine Frau hatte noch gesagt: Ich werde hier auf dich warten, Emil. Russische Familien sind stark.

Auf der Zelle liegt ein Landsmann. Sie begrüßen einander auf Russisch; der Landsmann händigt Emil Tabak und Kaffee für die ersten Tage aus. Eine Art kleines „Willkommensgeschenk“. Die meisten haben nichts, wenn sie reinkommen. Sie müssen verzichten oder sich etwas leihen, was meistens Stress gibt.

Dann stellen sich beide ans Fenster und rufen hinaus. Im Hof setzt sich daraufhin eine Gruppe Häftlinge in Bewegung und geht Richtung Zellenbau. Alles Russen. Die „Diebe im Gesetz“.

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Die Zeiten im Hof sind eine der wenigen Gelegenheiten, in denen sich die Gangs in größeren Gruppen treffen können.

Jörg Singer

Die „Diebe im Gesetz“ sind ursprünglich keine Gruppe im klassischen Sinne. Als „Diebe im Gesetz“ wurden zunächst die Anführer russischer Verbrecherorganisation bezeichnet. „Diebe“ sind also „Bosse“. Etwa 15 dieser Organisationen gab es zu Sowjetzeiten. Unter Stalin gab es viele Inhaftierte, auch heute noch lautet ein Spruch in Russland: „Die eine Hälfte ist im Gefängnis, die andere wartet draußen“ Und weil es auch viele ehrbare Leute traf – politische Gefangene, Oppositionelle und Querulanten zum Beispiel – galt und gilt es in Russland nicht so sehr als Makel wie in Deutschland, im Gefängnis zu sitzen.

Verbrecher-Organisationen waren da für die wartenden Angehörigen eine helfende Hand und schützten im Gefängnis ihre Mitglieder. Wer einmal beitrat, konnte nicht wieder austreten. Manche sagen, das „Gesetz“ im Namen komme von den Prozessen, die die „Diebe“ abhielten. Sie schlichteten damit Streit unter den verschiedenen Gruppen, damit die Geschäfte weiterlaufen konnten. Andere sagen: Man weiß es heute nicht mehr genau. Die „Diebe im Gesetz“ gelten in ihrer ursprünglichen Form heute als weitgehend ausgestorben. Viele Gruppen führen aber den Namen weiter und auch das BKA weist viele vor allem russischstämmige Verbrecher entsprechend aus.

2016 hat BKA-Präsident Holger Münch vor diesen Gruppen gewarnt: „Acht bis zehn Prozent der Insassen in deutschen Justizvollzugsanstalten sind russischsprachig oder russischstämmig. Das zeigt das Rekrutierungspotenzial“, sagte er. Bei den „Dieben im Gesetz“ geht das BKA derzeit grob von einer knapp fünfstelligen Mitgliederzahl aus. Früher hätten sie hierzulande mehr, 20.000 bis 40.000, Mitglieder gehabt. Warum sind sie immer noch die einzig echte Gefängnisgang Deutschlands?

Zeitweise – durch die Zuwanderung von Spätaussiedlern und Russlanddeutschen seit den 1980er und 1990er Jahren – waren die „Russen“ in deutschen Gefängnissen überrepräsentiert. Sie brachten auch die Regeln der „Diebe“ aus ihren Heimatländern mit. Die Situation hat sich geändert: Heute gibt es auch Gruppen von „Arabern“, also von Libanesen, Marokkanern oder Irakern, es gibt Vietnamesen, Rocker, und viele sind ebenfalls in Banden oder Familien-Klans organisiert, aber niemand ist so einflussreich wie die „Diebe“. Das hat einen Grund.

Eine feste Einheit, eine Familie, Emils Familie

Erstens sind die Netzwerke der „Diebe“ alt und über Jahrzehnte gewachsen. Zweitens: Obwohl die Russen und Russlanddeutschen den „Arabern“ heute zahlenmäßig wohl nicht überlegen sind, gelten die „Araber“ im Gefängnis – weil ihre Subgruppen aus verschiedenen Ländern stammen und selbst Familien untereinander zerstritten sind – als eher zersplittert. Die Russen hingegen bilden eine feste Einheit. Sie sind: eine Familie. Emils Familie.

Emil gehört automatisch dazu, wegen seiner Herkunft. Russisch sein und sprechen, das ist der Zugang. „Ich kenne Leute“, sagt Emil, „die haben extra im Knast Russisch gelernt, um Anschluss zu finden.“

Die Russen sind ein Mythos. Sie waren es immer. Emil erzählt die Geschichte eines Nazis, der auf den Gang der Russen verlegt wurde und ein Hakenkreuz auf der Brust trug. „Die Deutschen haben keine Gruppe“, sagt Emil. „Die hängen in der Luft.“ Daher habe der Nazi wissen wollen, ob er etwas von den Russen zu befürchten habe. „Nazis suchen bei uns Schutz vor den Arabern“, sagt Emil. „Ich glaube, die Russen stehen den Deutschen nahe, weil sich die Deutschen insgeheim – jedenfalls die Nazis – auch diese nationale Einheit und Stärke wünschen.“

Der Nazi durfte dann mitmachen. „Wir haben nichts dagegen“, sagt Emil. „Wenn er gesagt hätte: Ich war nie Nazi. Das wäre ein Problem gewesen. Heuchler mag niemand. Wir haben ja auch was gegen die Araber.“ Sie seien impulsiv und streitsüchtig. Aber wegen ihres Stolzes könne man sich mit ihnen gut schlagen, sagt Emil. Viele deutsche Häftlinge berichteten, dass es sie ärgere, wenn Araber auf dem Gang provozieren und sagen: „Ihr Deutschen habt keine Ehre.“ Aber ohne schlagkräftige Gruppe kannst du nichts machen. Die Russen können.

Im Gefängnis herrscht eine fast totale Kontrolle, aber tagsüber sind die Häftlinge viel unter sich: im Hof, in den Duschen, bei der Arbeit und im Gemeinschaftsraum. Die Leere füllen sie mit einem klaren und strengen Hierarchiesystem, das „Ordnung“ und Orientierung verspricht. Jeder Insasse misst dabei seine eigene Straftat immer an der anderer, um sich selbst in ein besseres Licht zu rücken. Auch Häftlinge vergleichen und hoffen, dass das, was sie getan haben, wenigstens nicht so schlimm ist wie die Taten der anderen.

Ganz unten in der Gefängnishierarchie stehen die Pädophilen und Sexualstraftäter sowie die Verräter, die ausgesagt oder jemanden im Knast angeschwärzt haben. Drogensüchtige gelten als schwach. Als Nächstes kommen kleinere Diebe, einfache Einbrecher, Klein-Dealer.

Danach folgen die schweren und gefährlichen Körperverletzungsdelikte und versuchte Tötungen. Ausnahmen bilden die „unehrenhaften“ Täter. Das sind Leute, die zum Beispiel Kinder, Frauen oder alte Leute überfallen oder sogar getötet haben. Wessen Opfer wehrlos war und nicht auf Augenhöhe, der ist unten durch.

Als Nächstes: größere Dealer, erfolgreiche Einbrecher, Insider wie Anabolikahändler, Drogenmischer und gut vernetzte Leute wie Emil. Solche Typen werden auch systematisch von Gruppen im Gefängnis angesprochen und rekrutiert – auch für die Zeit danach.

Darüber stehen die Koryphäen. Das sind Leute, die spektakuläre Dinger gedreht haben, von denen jeder im Gefängnis schon weiß – zum Beispiel aus der Zeitung oder noch besser: aus dem Privatfernsehen. Viele träumen heimlich, brillant wie diese Koryphäen zu sein. Sie sind die Posterboys im Gefängnisalltag. Zu diesen Prominenten zählen Häftlinge wie Uli Hoeneß, als er noch saß. Das Gefängnis ist so offen für Klatsch wie das „Goldene Blatt“.

Ganz oben stehen die Bosse; die Dienstältesten auf dem Flur oder die Ältesten einer Bande.

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Und dann gibt es noch Insassen, bei denen alle ein mulmiges Gefühl kriegen: Sadistische Killer und – vor allem – Kannibalen. Von ihnen hält man sich fern.

Strenge Regeln für die Diebe

Emil wird zur Versammlung einbestellt. Dazu treffen sich alle in der Zelle eines Mitgliedes. Alle rauchen, sitzen rum, der Boss spricht, er ist der Älteste und wie ein Vater, und der Rest hört zu. Hier klärt die Gruppe alles.

Seine neue Familie will natürlich wissen, wie Emil all das Drogengeld gewaschen hat. Also erzählt er: vom Online-Poker, vom Internet-Spiel, an dem nur seine Bande teilnahm, wie sie sich am Telefon über die Karten des anderen ausgetauscht haben und immer den gewinnen ließen, der gerade Geld brauchte. Dann gab es eine Gewinnbescheinigung und der Glücksspiel-Ertrag war damals noch steuerfrei. Zustimmendes Nicken in der Runde.

Dann wird Emil über die Regeln aufgeklärt. Für alle gilt das „Diebesgesetz“. Mit „Diebe“ sind hier nicht die normalen Mitglieder gemeint, sondern die führenden Köpfe krimineller Gruppen.

Einige Regeln, die früher, zur Blütezeit, Gesetz waren, gelten heute nicht mehr: „Zum Beispiel sollen Diebe keinen Besitz haben, keine Familie und keine Kinder“, sagt Emil. „Damit sie nicht erpressbar sind. Das macht heute keiner mehr, den ich kenne. Das hat die moderne Zeit irgendwie abgelöst.“

Aber immer noch werden viele russische Gruppen mit den „Dieben“ von damals gleichgesetzt: Zu Sowjetzeiten waren sie so mächtig, dass sie im Land ganze Gefängnisse übernahmen, auch weil dort Hunger und Gesetzlosigkeit herrschte und das Personal langsam die Oberhand verlor. Die neue Generation der „Diebe“, die eventuell einfach russische Gruppen sind, die den wohlklingenden Namen adaptiert haben, scheinen heute weit weniger dogmatisch. Die „Diebe“ von einst sind vielleicht mehr die Wurzel der heutigen russischen Mafia.

Die Gruppe kümmert sich um alles, das merkt Emil schnell. Nächste Regel: Der Flur und die Zellen müssen immer perfekt sauber sein. „Je weniger Unruhe und Unordnung, desto weniger Besuch durch Beamte“, sagt Emil. Der Nazi bekam gleich den Besen ausgehändigt.

Jedes Mitglied muss eine Zwangsabgabe leisten – Geld, das in der sogenannten „Abschtschjak“ gesammelt wird, der Gemeinschaftskasse. Davon finanziert die Gruppe Neuen den „Zugangstabak“ oder hilft bei Notlagen aus. Auch illegale Aktivitäten können davon bezahlt werden.

Russen sind gastfreundlich

Es gibt auch Dinge, die mögen „Diebe“ gar nicht: Streit unter Landsleuten zum Beispiel. „Wenn Russen sich im Gefängnis schlagen“, erzählt Emil, „zeigt das nach außen nur: Die Gruppe hat Streit und ist schwach. Das darf nicht passieren. Streit klärt man unter Russen intern.“ Nur unter Russen, versteht sich.

Deals mit anderen Gruppen werden unter den jeweiligen Anführern geklärt. „Das läuft ganz gesittet ab“, sagt Emil. „Jeder weiß: Wenn einer wen angreift, bedeutet das: Krieg mit allen.“ Kalter Krieg. System der gegenseitigen Abschreckung.

Emil findet: mit den Arabern müsse man vorsichtig sein. Rassismus und Pauschalisierungen gibt es natürlich auch im Gefängnis.

Besonders gerne machen die Russen mit denen Geschäfte, die genauso verschwiegen sind wie sie selbst: den Mitgliedern der italienischen Mafia. Die würden wie Ehrenmänner empfangen, sagt Emil. „Die haben die Omertà, das Schweigegesetz, und auch ein Dieb darf niemals bei Behörden aussagen oder mit dem Staat kooperieren.“

Am Fingerknöchel hat Emil heute noch sein Tattoo: das Rangabzeichen. Es zeigt: Ich bin dabei. Das könne man nicht einfach so tragen, denn im Knast würden nicht genehmigte Abzeichen gewaltsam entfernt.

Was die „Diebe“ besonders auszeichnet, sind aber nicht ihre Stärke und ihre Disziplin. Es ist ihr beispielloses Netz aus Kontakten und Kontaktmännern. „Wir tauschen winzige Briefchen aus“, sagt Emil, „in denen wir alles zusammenfassen, was ‚Diebe‘ vor Ort über Neuankömmlinge wissen müssen.“ Hat jemand Spielschulden? Wurde er wegen Verfehlungen oder Verrat verlegt?

Diese Briefe lägen Paketen bei, die der Besuch (oder ein Kontaktmann) mitbringt oder ins Gefängnis schickt. Teilweise liefen sie auch als versteckter Teil der Gefangenen-Post mit.

„Es gibt viele Gruppen und jeder Flur hat seinen Dienstältesten“, sagt ein Anstaltsleiter. „Aber wenn wir jemanden verlegen – weil wir glauben, dass er ein Rädelsführer ist oder Schutz vor Übergriffen braucht –, dann können wir ihn bis nach Hamburg bringen: die Russen dort wissen vermutlich schon Bescheid.“

Die Polizei sagt, man könnte problemlos eine Karte des organisierten Verbrechens über eine Deutschlandkarte legen und so sehen, wo bestimmte Gruppen oder Kartelle aktiv sind – und damit naturgemäß auch im Gefängnis. Die italienische ‘Ndrangheta zum Beispiel sitzt überwiegend in den reichen Bundesländern Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen. Die Russen dominieren dem BKA zufolge das Allgäu und den Donauraum bei Ingolstadt und Regensburg. Über die Russen und „Araber“ gäbe es interne Aufzeichnungen. Die wolle man aus ermittlungstaktischen Gründen aber nicht veröffentlichen, heißt es.

Bewerbungsgespräche sind wie Drogengeschäfte

Nach sechs Jahren kommt Emil frei.

„Ich bin froh, damals niemanden verraten zu haben“, sagt Emil. „Jetzt bin ich ein freier Mann und muss keine Angst haben. Ich habe meinen Dienst getan und war im Gefängnis.“

Nochmal wolle er das allerdings nicht, deshalb habe er alle lukrativen Job-Angebote ausgeschlagen: „Ich habe mittlerweile eine kleine Tochter und will ihr ein guter Vater sein und sie beschützen. Das geht aber nicht, wenn ich im Gefängnis bin“, sagt Emil.

Anfangs findet er draußen keinen Job, wie so viele andere Ex-Häftlinge auch: Er kassiert wieder Absagen; wird weggeschickt. „Sie waren im Gefängnis? Nein, danke.“

Eines Tages gibt Emil einem regionalen Fernsehsender ein Interview; darüber wie schwer es ist, als Ex-Knacki einen neuen Job zu finden; und dass viele irgendwann alte Kontakte akquirieren. Da meldet sich der Chef eines Metallbetriebs: Er habe ihn weggeschickt. Es täte ihm leid. Nun habe er das Interview gesehen und biete Emil ein Bewerbungsgespräch an.

„Bewerbungsgespräche sind wie Drogengeschäfte“, sagt Emil. „Die ersten fünf Minuten sind entscheidend.“ Emil macht einen guten Eindruck und bekommt den Job. Er hat ihn bis heute. Mittlerweile in leitender Position.

Denn eines Tages kommt der Chef und bittet ihn zum Gespräch in seinem Büro: „Wo haben Sie denn gelernt so zu delegieren?“, will der Chef wissen. Er ist ganz begeistert, seine Mitarbeiter seien topmotiviert und straff organisiert. Da lächelt Emil und erzählt seine Geschichte.

Am Ende hat er also doch noch ausgepackt.

  • Name von der Redaktion geändert

Titelfotos in dieser Serie: Christiof Stache/ AFP, Stephan Rumpf/ Süddeutsche Zeitung

Recherche: Eva Achinger, Alexander Krützfeldt

Die Recherche wurde über ein Crowdfunding auf der Plattform crowdfunding.CORRECTIV finanziert. Vielen Dank an alle Unterstützer, die wir im Folgenden mit Namen nennen, soweit sie eine Namensnennung bei der Spende ausgewählt haben: AndreasFC Glauch, Frederik Fischer, Ina Morgenroth, Johannes Feest, Cinderella Glücklich, Heino Stöver, Dr. Christian Bahls, Franziska Gromann, Kerstin Litterst, Dorothea Gruß, Fabian Lindner, Christoph Koch, Ruprecht Frieling, Daniel Drubig, Lisa-Marie Schnell, Karl Scholze, Björn Haase-Wendt, Frank Puschin, Clemens Haug, Nicholas Krützfeldt

© Jessy Asmus/Süddeutsche Zeitung

Leben im Gefängnis

Folge 3: Liebe unter Generalverdacht

Im Gefängnis sitzen die Häftlinge - aber auch Freunde und Familie sind miteingesperrt. Weil die Anstalten misstrauisch sind und Insassen ebenso wie ihre Angehörigen bis ins Intimste kontrolliert werden. Moritz hat Glück. Seine Eltern halten trotz allem zu ihm.

von Alexander Krützfeldt

Vor dem Fenster wartet ein Tag. Eine Mottokarte hängt unentschlossen im Büro der Anstaltsleiterin an der Wand zwischen Sprüchen des Dalai Lama: „Ich kann auch nett. Bringt aber nichts.“ Daneben: ein schläfriger Beamter.

Moritz* kommt rein. Groß, kurze Haare, vollständig tätowierte Arme, ein ehemaliger Motorrad-Rocker, der den Kopf einzieht, weil er sonst gegen den Türrahmen knallt. Rocker ohne Motorräder sehen immer etwas deplatziert aus.

Moritz ist auch unentschlossen: Einerseits hatte er gerade einen Auftritt mit seinem Saxophon und wurde von den Mithäftlingen gefeiert, weshalb er schon glücklich sei, sagt er; andererseits habe seine Familie ihn nicht dabei sehen können.

Die Recherche von Alexander Krützfeldt wurde über die Crowdfunding-Plattform von CORRECTIV finanziert und ist eine Kooperation von CORRECTIV, dem Bayerischen Rundfunk und der Süddeutschen Zeitung.

Moritz’ Anstalt gilt als Vorzeigeknast: Viele Freizeitangebote, das Personal freundlich. Aus dem gesamten Bundesland wollen Gefangene hierher. Moritz durfte. Das zweite Mal ist er im Gefängnis. Dieses Mal, sagt er, habe er einfach Glück gehabt.

Trotzdem ist das Leben hier nicht leicht. „Wenn ich meine Familie nicht hätte, ich glaube, ich würde das nicht durchstehen“, sagt er und wischt sich mit der großen Hand über den Kopf. „Ich sehe viele hier, die haben von Anfang an gar niemanden. Das ist echt hart.“

Die Familie ist im Grundgesetz besonders geschützt. Das gilt auch im Gefängnis. Familie und Freunde spielen eine wesentliche Rolle bei der Resozialisierung. Sie stützen und trösten und bilden die Schnittstelle zur Außenwelt. Deshalb muss der Kontakt mit ihnen von den Anstalten besonders gefördert werden – sie dürfen ihn nicht unterbinden.

Einerseits ist das für Anstalten ein Segen. Denn ohne die Familien draußen wäre es für sie viel schwieriger, die Inhaftierten wieder in ein soziales Netz einzubetten. Angehörige sind Motivation, etwas aus sich zu machen und sich zu ändern. Aber Besucher durchdringen auch die Anstaltsmauern, und drinnen wollen sie alles kontrollieren. Daher sind Vollzugsbeamte äußert misstrauisch. Für sie bedeutet der Kontakt der Gefangenen mit der Familie ein permanentes Austarieren: Einerseits wollen sie Sozialkontakte fördern und Familien zusammenhalten, andererseits wollen sie möglichst viel mitkriegen. Denn wer weiß, vielleicht sind Freunde oder Familie sogar Teil des Problems?

Seine Opfer träumen von ihm und er von ihnen

Für Moritz beginnt jeder Tag um fünf. Dann ist es draußen noch dunkel und Moritz steht mit der ersten Zigarette des Tages am geöffneten Zellenfenster. Gitterstäbe, sagt er, sehe man irgendwann nicht mehr. Draußen dröhnen Lastwagen über die dunkle Landstraße wie große, wütende Glühwürmchen.

In Gedanken gehe er mit den Menschen zur Arbeit. Fahre die Lastwagen über die Straße.

Es ist einsam. Es passiert nichts. Eine Mumie im Sarkophag träumt vom Außerhalb.

Seine Opfer, das weiß Moritz, sind noch da draußen. Sie werden ihm nicht verziehen haben, so dumm, das zu glauben, ist er nicht. Manche träumen noch von ihm; und Moritz auch von ihnen. Die Bilder kommen fast jede Nacht.

Moritz war drogenabhängig. Um an Stoff zu kommen — Crystal Meth ist auf Dauer teuer -, suchte er sich Arbeit, die er heimlich und im Dunkeln verrichten konnte; Crystal lässt deine Haut aussehen wie die einer alten Hexe und zieht dir die Zähne. So, dachte er, könne er niemanden unter die Augen treten. Also trieb Moritz im Milieu Crystal-Schulden ein – von anderen Konsumenten. Er sagte am Telefon nur: „Wir sehen uns.“ Es war als Warnung zu verstehen; meistens sah man sich sehr schnell.

„Ich stand abends vor der Tür“, erzählt er. „Ich ging rein und setzte mich und dann mussten sie den Müllsack auspacken; den hatte ich mitgebracht. Darin lag der Schnitzelhammer.“

Viele hätten geweint und gefleht und um Aufschub gebeten. „Aber wenn ich erst mal da war, war es zu spät“, sagt Moritz. Such es dir aus, sagte er dann: Schnitzel oder Schulden. Viele konnten nicht zahlen.

„Du kannst das halt auch nicht reparieren“, sagt Moritz heute. Ein paar Mal wurden Leute von damals in die Haftanstalt eingeliefert und hatten so große Angst vor ihm, dass sie sich wieder verlegen lassen wollten. Moritz seufzt: „Niemand sollte Angst vor einem anderen Menschen haben.“ Er sagte dann: Es ist vorbei. Aber niemand glaubte ihm. Wenn man ihn reden hört und dabei sieht, kann man ihm durchaus glauben, dass das Gefängnis ihn verändert hat. Aber nicht nur die Anstalt ist misstrauisch: Jeder Beobachter ist es.

Anfangs hat Moritz noch regelmäßig an alle Bekannten geschrieben. „Aber irgendwann“, erzählt er, „habe ich nur noch Smileys auf das Briefpapier gemalt. Was passiert hier schon? Mir geht es gut, aber ich möchte nicht jeden Tag über das Essen erzählen oder dass ich heute wieder auf dem Hof war.“

Zu seiner Familie, seinen Eltern und Geschwistern, hat Moritz persönlichen Kontakt. Er telefoniert mit ihnen, sie haben mittlerweile einen kurzen Anfahrtsweg. Bei seiner letzten Haftstrafe mussten sie fast drei Stunden fahren.

Moritz‘ Eltern sind einflussreiche Leute. Sie stehen zu ihrem Sohn und halten ihn – auch nach außen und für jedermann sichtbar – an die Familie gebunden. „Meine Mutter hat sich anfangs natürlich sehr schwer getan mit der Situation“, sagt Moritz. „Aber ich denke, dass man mit der Zeit auch lernt, damit umzugehen.“

Seit fast fünf Jahren unterhält Moritz‘ Familie zu Hause eine Wohnung für ihn, zahlt bereitwillig seine Versicherungen, die Anfahrten und Anwaltskosten. Sie bringen Waren mit – meist im Wert von 20 Euro pro Besuch –, und sie konnten einen Fernseher organisieren, der verplombt in die Anstalt gebracht wurde, um zu unterbinden, dass verbotene Gegenstände darin eingeschmuggelt werden. Er hat ein recht komfortables Leben hier.

Aber neben dem Fernsehen und gelegentlich Zeitungen sind die Angehörigen der einzige Draht zur Außenwelt. Schlechte Angehörige sind Pech und Schwefel. Gute Angehörige sind Gold wert.

Aber auch ihnen gegenüber sind Anstalten misstrauisch. Sie bewachen sie, sie observieren sie, sie können sich in den Besuchsräumen kaum ungestört unterhalten.

Entzug der sexuellen Selbstbestimmung

Auch Frauenbesuch ist im Gefängnis streng reglementiert. In fast jedem Haftraum hängen dafür die Pin-up-Girls, die Becken seitlich vorgeschoben, eine Hand hinter dem Kopf. Unerreichbar. Zum Freiheitsentzug gehört auch der Entzug der sexuellen Selbstbestimmung. Außer Wichsen ist nichts mehr. Pornos sind verboten und werden, wenn sie gefunden werden, sanktioniert und konfisziert.

Ein großes Problem, das alle Häftlinge beschreiben, ist, dass Beziehungen kaum eine Chance haben. Dass gerade über Haftstrafen, die mehrere Jahre dauern, die gemeinsamen Themen verloren gehen. Dass Gefangene fühlen, wie sie nichts mehr beizutragen haben zum Leben der Menschen draußen.

Es ist schwer für jemanden, der in Haft sitzt, einen Menschen von draußen zu beeindrucken. Häftlinge glauben, dass ihnen fehlt, was potenzielle Mitbewerber haben: ein Leben, von dem sie erzählen könnten.

Einer Frau zu schreiben, das ist nicht leicht. Es ist ja eh schon nicht leicht, aber gerade frischen Beziehungen gegenüber sind die Anstalten äußerst misstrauisch. „Es gibt viele Frauen, die lernen Häftlinge über Kontaktportale kennen“, sagt ein Anstaltsleiter. „Diese Frauen haben ein Samaritersyndrom und wollen Menschen retten; das ist vielleicht romantisch für die, mit einem Knacki und so. Aber da müssen wir auch die Gefangenen vor Enttäuschungen schützen.“

Auch emotional wird man bevormundet. Die Anstalt entscheidet mit, wen man lieben darf. Angehörige sprechen immer wieder von Schikane.

Auch Moritz hatte eine Freundin. Das ist eine Weile her, ein paar Jahre schon, das war vor dem Knast und eine richtige Liebesgeschichte. Er liebte sie. Sie liebte ihn. Crystal Meth liebte sie nicht. Moritz nahm es jeden Tag.

Crystal war Moritz’ zweite Geliebte gewesen; anfangs fürsorglich und umgarnend, ihretwegen war er aus dem Motorradclub geflogen, wo seine alten Freunde waren, aber diese „Abfalldrogen“ nicht duldeten.

Aber als sie hatte, was sie wollte, ihn, zeigte sie ihr zweites Gesicht. Crystal wollte die andere Frau loswerden, wollte Moritz ganz für sich allein. Crystal braucht keine Nebenbuhler.

Eines Tages – Moritz kam gerade vom Beschaffen nach Hause – stand seine Freundin in der Tür. Tränen in den Augen. Eine gepackte Tasche neben sich. „Ich gehe jetzt“, sagte sie, jedenfalls wenn Moritz sich richtig erinnert; er war so zugedröhnt und verwirrt. „Und dieses Mal ist es für immer.“

Daraufhin sei das Meth ganz bei ihm eingezogen. Keine Heimlichkeiten mehr. Nur der Kummer blieb. Das Meth sorgte dafür, dass Moritz keinen Besuch mehr bekam, Moritz zog an Sonnentagen die dunklen Gardinen zu.

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„Freiwillige Chemotherapie“, sagt Moritz heute. Am Schluss war er froh, als man ihn festnahm – wegen gefährlicher Körperverletzung: „Das war ganz schlimm damals. Mich hat die Inhaftierung gerettet.“ Heute hat er wieder Kontakt zu seiner Ex-Freundin.

Stillen verboten. Küssen auch

Die Angehörigen sind immer miteingesperrt. Vor dem Besuch werden sie durchsucht, hören sich vom Personal einen flapsigen Spruch über das Piercing an, werden in den großen Raum geführt, in dem niemand unter sich ist und der mit Kameras überwacht wird. Dort sitzen sie dann – mit Gruppen anderer Familien zusammen –, während Beamte durch eine Scheibe blicken. In den Arm nehmen: wird manchmal untersagt. Küssen: wird manchmal untersagt. Niemand kann schlüssig sagen, warum.

Vor einem Besuchsraum hängt ein Schild mit der Warnung, dass hier nicht gestillt werden darf. Hinter vorgehaltener Hand heißt es: Die Häftlinge seien doch sexuell ausgehungert, da wolle man unnötige Reize vermeiden. Häftlinge stehen unter Generalverdacht.

Oder: Eine Sozialarbeiterin sagt zu einem Vollzugsbeamten sinngemäß, dass es doch schön wäre, wenn die Häftlinge etwas malen könnten, das man in die tristen Flure hängen könnte. Szenen aus ihrem Leben zum Beispiel. „Was soll das bitte sein?“, fragt der junge Beamte: „Außer Koks und Hanfpflanzen ist da nichts.“ Diese Abwertungen sollen nicht unnötig pauschalisiert werden; es gibt viele Beamte, die sind nicht so. Symptomatisch für den Umgang sind diese Sätze trotzdem.

Die Anstalten misstrauen nicht nur den Freunden und Bekannten. Den Frauen und den Familien. Sie misstrauen auch den Inhaftierten selbst. Sie reden über sie wie über eine Putzfrau, über die man keine Vorurteile haben möchte, aber doch vermutet, dass sie heimlich klaut.

Wenn Moritz Briefe schreibt oder bekommt, werden Adressaten und Absender genau überprüft: Gehören sie zur Familie? Wenn nein: Wer sind sie dann? Was ist der Grund des Schreibens?

Wenn es nicht der Anwalt ist oder eine Behörde, sondern ein Privatmensch, dann wird häufig nachgefragt. Die Anstalt will alles unter Kontrolle behalten. Briefe müssen oft geöffnet abgegeben werden – damit nichts rausgeschmuggelt werden kann; auf dem umgedrehten Weg funktioniert das genauso. Inhaltlich werden sie aber in der Regel nicht geprüft.

Aber es gibt auch Anstalten in Bayern, da werden die Briefe komplett mitgelesen, sagt ein Mitarbeiter eines Sozialdienstes, der anonym bleiben will. „Ich schreibe regelmäßig an meine Klientel – und da habe ich mal Tests gemacht: Von 15 Briefen waren 14 bei Ankunft geöffnet worden.“ Bayern, sagt der Mann  – und das bestätigen auch mehrere Häftlinge –, lese im Wortlaut mit. Das ist verboten, von außen kommende Briefe werden in der Regel nur von außen kontrolliert, also befühlt. Das Mitlesen ist eigentlich nur gängige Praxis in der Untersuchungshaft, wenn ein Prozess läuft. Dann werden Briefe gesichtet, um Absprachen und Austausch zu verhindern. Viele Angehörige schildern, dass man in der U-Haft mehrere Wochen keinen Kontakt habe.

Manche Briefe werden auch einfach zurückgehalten, Gefangene bekommen davon manchmal nichts mit. Dann ist die Post weg, als wäre sie nie geschrieben worden.

In Anstalten muss man misstrauisch sein. Das ist der Job. Gefängnismitarbeiter überprüfen jeden, der zu Besuch kommen will. Häftlinge können ein Codewort mit dem Personal vereinbaren, das ein Besucher kennen muss; damit die Insassen vor manchen Leuten auch Ruhe finden.

Das Schlimmste, sagen Gefangene, sei, wenn ein Angehöriger im Sterben liegt – und sie können nicht bei ihm und der Familie sein. Das Zweitschlimmste: Frauen haben draußen jemanden anderes, und drinnen bekommst du es nicht mit. Das quälende Gefühl der Eifersucht und der Kummer sind im Gefängnis viel schlimmer, weil jemand draußen einfach sagen kann: Das war’s. Tschüss dann.

„Da drehen Leute hier ganz schön durch“, sagt Moritz. „Das sind echt Dramen. Ich bin daher froh, dass ich das nicht hatte.“ Der Kontakt zu seiner Ex-Freundin bestand wieder, als Moritz in Haft mit dem Crystal aufhörte. „Aber ich habe ihr gesagt: Du musst das nicht mit mir durchstehen. Das habe ich nicht verdient. Du musst gehen und wen anders haben. Das ist okay so.“

Er überlegt.

„Manchmal denke ich auch, sie wäre stolz“, sagt Moritz, „wenn sie mich so sehen könnte. Dann würde sie vielleicht wissen, dass die Trennung und ihre Worte am Ende doch für etwas gut waren.“

Die Anstalt kontrolliert Telefonate, Mails und Beischlaf 

Um intim zu werden, aber auch um Zeit mit der Familie zu verbringen, dafür gibt es im Gefängnis die Langzeitbesuche. Sie dauern länger als die üblichen etwa anderthalb oder zwei Stunden und finden in einem extra Raum statt. Er ist nicht überwacht. Einige Anstalten haben die Betten mittlerweile durch Auszieh-Couches ersetzt, damit die Frauen sich nicht direkt beim Betreten zum Beischlaf aufgefordert fühlen.

Als Kriterium für Langzeitbesuche gilt: Ein Paar sollte schon vor der Haft verheiratet gewesen sein oder zusammengewohnt haben. Neuen und unbekannten Frauen werden solche Besuche in der Regel verwehrt: auch um Prostitution zu verhindern. Welche Beziehung, die nicht den Kriterien entspricht, sich für Langzeitbesuche qualifiziert, entscheidet das Personal.

Um möglichst viel Kontakt zu ermöglichen, haben einige Anstalten mittlerweile Telefone auf den Zellen. Eine bestimmte Anzahl an Nummern kann sich ein Häftling registrieren lassen, die Anzahl ist in den Bundesländern unterschiedlich, aber die Telefonkosten sind hoch, dass es eigentlich eine Unverschämtheit ist; die Nummern werden von der Anstalt überprüft. Man muss seinen Mobilfunk- oder Festnetzvertrag einschicken, um sich auszuweisen. Zudem werden auch Erkundigungen über die Person über das Internet eingeholt. Manchmal, aber selten, wird sogar mitgehört.

In Sachsen und Bremen gibt es mittlerweile Skype-Besuche, damit man sich direkter hören und sehen kann und nicht dauernd weit anreisen muss. Vermutlich auch: um Personal zu sparen. Für E-Mail-Austausch können sich Häftlinge auf einer Plattform registrieren, die Nachrichten werden dann vorher von den Anstalten geprüft.

Manche JVAs haben extra „Kinder-Besuche“. Häftlinge sollen möglichst oft Kontakt zu ihrem Nachwuchs aufnehmen, daher fallen diese Besuche nicht in das sonst streng reglementierte Besuchskontingent. Aber manche Häftlinge beantragen sie, sagte eine Anstaltsleiterin, geben den Kindern kurz einen Kuss und setzen sie dann anderthalb Stunden auf den Fußboden, weil sie nur „mit ihrer Frau reden wollen“. Immer ist Misstrauen, getarnt als Erfahrungswert.

Moritz zieht kein Misstrauen mehr auf sich. Das ist vorbei. Ein halbes Jahr noch, dann wird Moritz’ Posten als „Schänzer“ oder „Hausarbeiter“, der aufräumt und das Essen verteilt, neu vergeben werden: Es ist einer der vertrauensvollsten Jobs im Gefängnis, den Häftlinge machen dürfen. Sie arbeiten direkt mit dem Personal. Das geht nur bei guter Führung.

Ein halbes Jahr noch, dann wird Moritz entlassen. Nach zwei Drittel der Strafe kann gehen, wer sich gut führt und ebenso gute Prognosen hat. Moritz führt sich vorbildlich. Er hat auch eine erfolgreiche Drogentherapie in Haft hinter sich.

Während seiner Drogentherapie sei ihm klargeworden, sagt Moritz, was er angerichtet habe. „Ich hatte überlegt, meinen Opfern Briefe zu schreiben, es waren wirklich Opfer – auch so körperlich. Ich wollte mich entschuldigen.“ Aber dann krabbelte die Befürchtung in ihm hoch, es könne ihn doch nur wieder präsent machen und die Menschen würden Angst bekommen.

Moritz überlegt auch, nach der Haft nicht direkt wieder nach Hause zu ziehen. So könnten seine Opfer Abstand gewinnen und müssten nicht fürchten, dass er wieder vor der Tür stehen könnte. „Sie kennen mich ja nur so“, sagt Moritz. „Wenn du im Gefängnis sitzt, weiß kein Mensch, wie du heute bist. Sie fragen in meiner Gegend schon, ob ich den Knast übernommen hätte.“ Das erzählt Moritz und trägt dabei wieder einen Müllbeutel mit sich. Aber mit dem räumt er heute die Küche auf.

„Ich habe aber auch Angst“, sagt er. „Angst davor, draußen nicht klarzukommen. Angst davor, alle wieder zu enttäuschen.“

„So“, sagt der Beamte, der zwei Stunden schläfrig im Stuhl unter der Mottokarte saß. „Zeit vorbei. Kommen Sie zum Ende, bitte.“

Moritz steht auf und nickt.

Die Bedingung für dieses Gespräch war, dass ein Beamter dabei ist. Man wolle ja nicht in den Notizblock gucken. Mehr Begründung gab es nicht. Selbst bei einem vorbildlichen Häftling wie Moritz. Jeder misstraut hier jedem. 

*Name von der Redaktion geändert.

Titelfotos in dieser Serie: Christiof Stache/ AFP, Stephan Rumpf/ Süddeutsche Zeitung

Recherche: Eva Achinger, Alexander Krützfeldt

Die Recherche wurde über ein Crowdfunding auf der Plattform crowdfunding.CORRECTIV finanziert. Vielen Dank an alle Unterstützer, die wir im Folgenden mit Namen nennen, soweit sie eine Namensnennung bei der Spende ausgewählt haben: AndreasFC Glauch, Frederik Fischer, Ina Morgenroth, Johannes Feest, Cinderella Glücklich, Heino Stöver, Dr. Christian Bahls, Franziska Gromann, Kerstin Litterst, Dorothea Gruß, Fabian Lindner, Christoph Koch, Ruprecht Frieling, Daniel Drubig, Lisa-Marie Schnell, Karl Scholze, Björn Haase-Wendt, Frank Puschin, Clemens Haug, Nicholas Krützfeldt

Justiz & Polizei

Polizisten nur selten vor Gericht

Wenn Polizisten beleidigen, drohen und schlagen, werden sie so gut wie nie bestraft. Oft kommt es gar nicht erst zur Anzeige, und wenn doch, dann erhebt die Justiz nur selten Anklage. Gegen etwa 4500 Polizisten ermittelten die Behörden im Jahr 2013 wegen Straftaten im Amt. Weniger als jeder siebte Verdächtigte wird überhaupt angeklagt. Und fast alle kommen ohne Strafe davon. Genaue Zahlen gibt es nicht: Verurteilungen von Polizisten werden nicht erfasst.

weiterlesen 7 Minuten

von Benedict Wermter , Daniel Drepper

Die Bilder aus dem Internet machen fassungslos. Wir sehen Polizisten, die einen Mann während einer Verkehrskontrolle verprügeln wollen. Mitten in Herford. Und einen zerschossenen Wagen in Köln. Ein vermeintlicher Geschäftsmann soll dort laut Polizisten das Feuer eröffnet haben. Ein Video belegt später: Das Sondereinsatzkommando schießt zuerst – mehr als einhundert Kugeln werden auf den Mann gefeuert. Der überlebt nur knapp. In Gelsenkirchen schlagen Polizisten am vergangenen Silvesterabend einen Mann tot, Anwohner beobachten sie. Das Verfahren wird Anfang Juni eingestellt. Notwehr.

In allen drei beschriebenen Fällen sind die Polizisten zwar angezeigt worden, doch vor Gericht haben sie das Verfahren verzögert, sie haben gelogen und sich gegenseitig geschützt. Einige Bundesländer haben bei der Polizei eigene Dezernate für interne Ermittlungen eingerichtet, die Straftaten der Kollegen aufdecken sollen. Dort ermitteln dann Polizisten gegen Polizisten, ein Interessenkonflikt. Opferverbände wie „Victim Veto“ kritisieren das. Ihr Sprecher Martin Rätzke sagt: „Ermittlungen in den eigenen Reihen sind eine Farce.“

Vice Grafik Statistik Polizeigewalt

Sarah Schmitt / VICE

4500 Ermittlungen – 50 Gerichtsverfahren

Polizei-Straftaten, die sich öffentlich verfolgen lassen, werden unter Tötungsdelikten, Körperverletzung und Amtsmissbrauch zusammengefasst. Das Statistische Bundesamt zählt 21 Verfahren gegen Polizisten wegen Tötungsdelikten und jeweils mehr als 2000 Verfahren wegen Körperverletzung und Nötigung. Von den 21 wegen Tötungsdelikten verfolgten Polizisten klagten die Behörden nur einen einzigen Beamten an. Alle anderen kamen ohne Prozess davon.

Auch Polizisten, gegen die wegen Gewalt ein Verfahren eingeleitet wurde, sind so gut wie nie angeklagt worden. Rund 90 Prozent der Polizisten kamen ohne jegliche Folgen davon. Von weit mehr als 2000 Verfahren landeten 31 Gewalttaten vor einem Richter.

Bei Nötigung und Amtsmissbrauch durch Polizisten sieht es nicht anders aus. Bei ähnlich vielen Verfahren landeten nur 16 vor Gericht. Einige Beamte zahlten Geldbußen.

Vice Grafik Anteile Polizeigewalt NEU

Sarah Schmitt / VICE

Zum Vergleich: 2013 gab es 21.618 Anzeigen von Widerstand gegen die Staatsgewalt, die in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) gezählt worden sind. Für das selbe Jahr weist die Strafverfolgungsstatistik 4928 Verurteilungen von Widerständigen aus.

VICE Grafik Widerstand Polizeigewalt NEU

Sarah Schmitt / VICE

In anderen Ländern wie Großbritannien funktionieren Ermittlungen gegen Polizisten anders: Sie sind ausgelagert und unabhängig. „Es ist nicht nachvollziehbar, dass es in Deutschland solche Stellen nicht gibt“, sagt Alexander Bosch, Sprecher von Amnesty Deutschland mit dem Schwerpunkt Polizei. Er bezeichnet das Fehlen unabhängiger Ermittlungsstellen als menschenrechtliches Defizit und rechtsstaatliches Problem.

Hinzu kommt die undurchsichtige Datenlage. Amnesty-Sprecher Bosch und Victim-Veto Vertreter Rätzke sagen, es sei mühsam, sich Daten zusammenzusuchen. Daten, die es gibt, ließen keine Rückschlüsse auf das riesige Dunkelfeld von Polizeistraftaten zu und seien nicht aussagekräftig. Bei eingestellten Verfahren gebe es eine Deutungshoheit der Behörden. „Zwar sind viele Einsätze gerechtfertigt, doch die Polizisten schießen oft weit über das Ziel hinaus“, sagt Opfervertreter Rätzke. „Ermittlungen der Staatsanwaltschaften müssen daher anonymisiert offengelegt werden.“

Die Polizei polarisiert. Die einen sehen in ihnen die Hüter von Recht und Ordnung, die anderen die Vertreter einer ungerechten Politik. Bei Demonstrationen knallt es oft, immer wieder gibt es auch Berichte über Streifenpolizisten, die zu Straftätern werden. Sicher ist: Polizisten machen einen wichtigen Job, viele müssen täglich in professionellem Rahmen Gewalt anwenden. Wahrscheinlich ist aber auch: Viele Polizisten schlagen zu hart zurück, manche schlagen zuerst. Es fehlt an Kontrolle.

Justiz- und Innenministerien zugeknöpft

CORRECTIV hat alle Justiz- und Innenministerien der Länder gefragt, wie viele Anzeigen, Verfahren und Verurteilungen von Polizisten es in den vergangenen Jahren gab – und für welche Straftaten. Die meisten Länder geben über die bundesweit gesammelten Zahlen hinaus allerdings keine weiteren Informationen heraus. Nur Berlin und Hamburg legen detaillierte Auswertungen vor, die später in den drei Kategorien Tötungsdelikte, Gewalt und Amtsmissbrauch zusammengefasst werden. In den detaillierten Auswertungen finden sich so auch Sachbeschädigungen oder Hausfriedensbruch. Die Berliner Polizei etwa zählte in 2013 insgesamt 1359 Anzeigen gegen Polizisten, die in 1068 Verfahren mündeten.

VICE Grafik Berlin Polizeigewalt

Sarah Schmitt / VICE

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Wir recherchieren, welche Missstände es in Gerichten, Gefängnissen, in Polizeistationen und Justizbehörden gibt. Diese Recherchen finanzieren wir vor allem durch Stiftungsgelder und die Unterstützung von Bürgerinnen und Bürgern. Jetzt spenden!

Wenn Polizisten das Gesetz brechen, werden sie in den meisten Fällen nicht angezeigt. Den Opfern fehlt es entweder an ausreichendem Wissen – oder sie fürchten die Ausweglosigkeit ihrer Anzeige. Das schreibt der Wissenschaftler Tobias Singelnstein in seinem Aufsatz über „Körperverletzung im Amt“. Singelnstein ist Professor für Strafrecht an der FU Berlin, er forscht seit 2003 zu kriminellen Beamten und hat dazu mehrere Fachtexte veröffentlicht. Kommt es zur Anzeige, folgt oft eine Gegenanzeige der Polizisten, sagt Singelnstein. Bei Ermittlungen würden Polizisten eine „Mauer des Schweigens“ errichten, Aussagen verweigern und sich gegenseitig decken.

Kritik kommt auch aus den eigenen Reihen. Rafael Behr ist Professor an der Polizeiakademie in Hamburg und bildet dort Polizisten aus. „Es gilt das Prinzip: Nichts verlässt den Funkwagen – weder nach oben, noch an die Öffentlichkeit.“ Unbedingte Solidarität unter Polizisten sei das Schmiermittel einer funktionierenden Polizei-Kameradschaft. „Jeder Polizist kommt einmal in die Situation, Gründe für Anzeigen zu liefern. Dann gilt das Gesetz: Wir halten zusammen.“ Behr glaubt, dass nachrückende Polizisten mit höheren Bildungsabschlüssen und aus unterschiedlichen sozialen Hintergründen diesen Kodex in Zukunft aufbrechen könnten. „Die Polizei wird heterogener. So kann Zivilcourage entstehen.“

Amnesty fordert Spezialermittler

Geht ein Verfahren gegen Polizisten doch einmal vor Gericht, dann sprechen Polizisten ihre Aussagen offenbar ab. Das schrieb Amnesty International schon 2010 in seinem Bericht „Täter unbekannt“ über mangelnde Aufklärung von Polizeiverbrechen. „Amnesty International empfiehlt allen Ländern, für die strafrechtliche Verfolgung von Anzeigen gegen Polizeibeamte bei der Staatsanwaltschaft spezialisierte Dezernate einzurichten, die für die Ermittlungen gegen Polizisten zuständig sind.“

Deutschland wird auch vom Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen für seine Strafverfolgung von Polizisten kritisiert. Der Rat empfahl 2013, Deutschland solle die Bevölkerung über ihre Rechte informieren und alle Vergehen durch Polizisten verfolgen. Dazu sollen umgehend unabhängige Behörden zur Strafverfolgung von Polizisten installiert werden, „ohne hierarchische oder institutionelle Verbindung zwischen Beschuldigtem und Ermittler“. Der Menschenrechtskommissar Thomas Hammarberg forderte schon 2009 auf fast 20 Seiten diese unabhängigen Ermittler.

Deutschland schreibt in seiner Antwort an die Vereinten Nationen, dass Polizeigewalt in Zukunft besser dokumentiert werden solle. Kameraüberwachung und Kennzeichnung der Beamten seien Indikatoren einer besseren Strafverfolgung von Polizisten. Offen bleibt, wie mit dem Kernproblem der sich gegenseitig schützenden Beamten umgegangen werden soll. Und wenn Kameras am Körper der Polizisten eingesetzt werden, stellt sich die Frage, wer Zugriff auf die Aufzeichnungen hat.

Gewerkschaften: „Wenig Vergehen“

Die Polizeigewerkschaften halten interne Ermittlungsstellen für ausreichend. „Wir haben längst unabhängige Ermittler – die heißen bei uns Staatsanwälte“, sagt Rainer Wendt, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft. Die deutsche Polizei genieße bei den Bürgern das größte Vertrauen im europäischen Vergleich. Es gebe immer Interessen, die Polizei schlecht aussehen zu lassen. „Urteile werden aber im Gerichtssaal gesprochen und nicht in Talk-Shows.“ Wendt versteht nicht, warum man mit den Zahlen transparenter umgehen sollte. „Die Zahlen zeigen doch schon, wie wenig Vergehen von Polizisten es gibt.“ Sein Kollege Oliver Malchow von der Gewerkschaft der Polizei sieht ebenfalls keine Probleme. „Es gibt ein unabhängiges, gutes System mit Gerichten, und es gibt ja die vierte Gewalt. Es gibt keinen Befund, dass das System nicht funktioniert.“

Rafael Behr von der Polizeiakademie beklagt, dass Polizisten oft gleichzeitig Akteure und Betroffene seien. „Polizisten sollen neutrale Anzeigen schreiben, nachdem sie etwa bespuckt worden sind.“ Das sei oft extrem schwierig. „Die Kollegen müssen geschützt und entlastet werden – durch neutrale Ermittlungsstellen.“ Er stellt fest, dass unabhängige Gremien außerdem viel besser an Konflikte herantreten könnten, die nicht im strafrechtlichen Bereich liegen. Polizeiforscher Tobias Singelnstein hält interne Dezernate ebenfalls für nicht ausreichend. „Ein Schritt in die richtige Richtung, aber immer noch ermitteln Polizisten gegen Polizisten.“ So lange dies der Fall ist, bleibt der Interessenkonflikt bestehen.


Infos zu den Zahlen in diesem Artikel

Das statistische Bundesamt veröffentlicht jedes Jahr, wie viele Ermittlungen es gegen Polizisten gibt und wie viele Polizisten in diesem Jahr vor Gericht standen. Die Zahl der Anzeigen gegen Polizisten, die höher liegt als die Zahl der Ermittlungen, wird dagegen nicht erfasst. In der Polizeilichen Kriminalstatistik werden Anzeigen nur für die gesamte Gruppe der Beamten ausgewertet, nicht für Polizisten allein.

Deshalb haben wir uns auf die gegen Polizisten aufgenommenen Verfahren bei Staatsanwaltschaften konzentriert. In der staatsanwaltlichen Statistik können wir auch ablesen, wie viele von den Verfahren zu Anklagen führten. Nicht ausgewertet wird dagegen, wie viele dieser Anklagen auch zu Verurteilungen führen und welche Strafen die Polizisten auferlegt bekommen.

Unklar bleibt bei diesen Zahlen auch, ob ein Polizist verbeamtet oder nur angestellt ist und ob er die Straftat im Dienst oder nach Feierabend begangen hat. Es kann zudem sein, dass Polizisten bei Einsätzen in anderen Bundesländern in der dortigen Statistik auftauchen. Zwischen Tatzeitpunkt und Verurteilung können zudem Jahre liegen.

Justiz & Polizei

Polizei im Visier

Wenn Polizisten über die Stränge schlagen, werden sie fast nie bestraft. Ihre Opfer dagegen werden systematisch von der Justiz verfolgt. Wir haben exklusiv die neuesten Zahlen zu Polizeiübergriffen und schildern zwei Fälle, in denen Bürger erst attackiert und dann angeklagt wurden

weiterlesen 10 Minuten

von Benedict Wermter

Die Recherche erscheint auch in der „tageszeitung“ (taz) und bei vice.com.

An einem Sonntagabend im Herbst 2014 will eine Band auf dem Kölner Friesenplatz „Liebe verbreiten“. Rund 30 Menschen hören zu. Ein Mann vom Ordnungsamt verbietet die elektrische Verstärkung, die Umstehenden protestieren: Es gebe doch gar keine Anwohner in der Nähe. Man ruft die Polizei.

Die Beamten rücken an, angeblich kommen sie von einem Einsatz bei einem Fußballspiel, vielleicht sind sie deshalb so geladen. Ein Polizist mit langem Bart steigt mit hochgekrempelten Ärmeln aus dem Wagen, berichten die Musiker. Dann geschieht das hier.

Ohne ersichtlichen Grund reißt der Beamte den Musiker Marius Bielefeld an den Haaren zu Boden und drückt sein Gesicht auf das mit Glasscherben bedeckte Pflaster. Dabei verdreht er ihm den Arm. Zwei weitere Beamte unterstützen ihn dabei. Hysterie bricht aus, die Umstehenden schreien. Einer der Zuschauer filmt die Szene mit seinem Handy. Später zeigt er den Polizisten an, genau wie fünf andere Zeugen. Unter ihnen der Schauspieler David Ortega, einer der Teilnehmer des jüngsten RTL-Dschungelcamps.

Man sieht in dem Film nicht, wie Marius Bielefeld sich gegen die Beamten zur Wehr gesetzt hat, oder ob überhaupt. Aber er wird angezeigt wegen „Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte“.

Das Beweisvideo – unterschlagen

Bei der Gerichtsverhandlung spielt Bielefelds Anwalt Dominik Maraffa der Richterin das Video vor. Die Richterin ist überrascht. Dabei war das Video der Polizei lange zuvor übergeben worden. Marius Bielefeld wird daraufhin freigesprochen. Die Staatsanwältin verspricht, Schritte gegen den übergriffigen Polizisten einzuleiten.

Das Bild zeigt den Musiker Marius Bielefeld, der von drei Polizisten verprügelt wurde

Marius Bielefeld

private Aufnahme

Doch nichts ist passiert. Und auch die Anzeige der sechs Zeugen verlief im Sande. Am Ende hat die Kölner Staatsanwaltschaft das Verfahren eingestellt, ohne die sechs Anzeigeerstatter schriftlich darüber zu informieren. Dabei sind Staatsanwälte dazu rechtlich verpflichtet.

Dominik Maraffa, der Anwalt des Musikers, weiß, dass der Fall beim Kölner Kommissariat untersucht wurde, hausintern also. In der Abschlussbemerkung hätten die Beamten geschrieben, sie sähen „keinen hinreichenden Tatverdacht“. Sie kannten das Video.

2138 Anzeigen gegen Polizisten

Vor einigen Monaten hat CORRECTIV erstmals genaue Zahlen zum Ausmaß von Polizeigewalt veröffentlicht — und über die fast durchgängige Straflosigkeit berichtet.

Jetzt liegen die neuesten Zahlen fürs Jahr 2014 vor: Demnach wurden 2138 Polizisten wegen Körperverletzung von Bürgern angezeigt. Nur gegen 33 Polizisten hat die Staatsanwaltschaft aber Anklage erhoben – 1,5 Prozent. Wie viele Polizisten tatsächlich verurteilt wurden, wird nicht statistisch erhoben. Es dürfte, wenn überhaupt, eine Handvoll sein.

Ganz anders auf der Gegenseite: Wer einen Polizisten anklagt, erhält meist umgehend eine Gegenanzeige wegen „Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte“. Hier wurden in 2014 fast alle Fälle von einer Staatsanwaltschaft zur Anklage gebracht – und rund ein Viertel der Beschuldigten am Ende auch verurteilt.

Martin Rätzke ist Sprecher der Organisation Victim Veto, die Opfer von Polizeiverbrechen vertritt. Er sagt: „Wird gegen Polizisten ermittelt, nimmt das Bild vom Rechtsstaat immer schweren Schaden.“

Tobias Singelnstein, Professor für Strafrecht an der FU Berlin, sieht eine „Mauer des Schweigens“ innerhalb der Polizei. Die Beamten verweigerten Aussagen und deckten sich gegenseitig, schreibt der Forscher in einem Aufsatz.

„Es gilt das Prinzip: Nichts verlässt den Funkwagen – weder nach oben, noch an die Öffentlichkeit“, sagte bereits im vergangenen Jahr Rafael Behr, Professor an der Polizeiakademie Hamburg. Anstatt in den eigenen Reihen zu ermitteln, verfolgten Polizei und Justiz ihre Opfer.

Abhängige Ermittler

Kritik kommt auch Amnesty International und dem Menschenrechtsrat der UN. Der fordert seit Jahren „unabhängige Behörden zur Strafverfolgung von Polizisten, ohne hierarchische oder institutionelle Verbindung zwischen Beschuldigtem und Ermittlern“.

In Deutschland gibt es nur in Rheinland-Pfalz eine unabhängige Ermittlungsstelle, die nicht Polizei oder Justiz, sondern dem Landtag untersteht. In einigen Bundesländern gibt es immerhin Beschwerdestellen in den Innenministerien. Die rollen die Fälle allerdings erst auf, nachdem das Verfahren abgeschlossen ist.

„Es wäre ein Systembruch, Ermittlungen aus der Polizei und dem Inneren herauszuziehen und in der Justiz anzusiedeln“, sagt Eric Töpfer vom Deutschen Institut für Menschenrechte. Es sei aber nötig, diesen Systembruch zu vollziehen, um Bürgern Zugang zu unabhängigen Ermittlungen zu ermöglichen.

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Zuckerkrank, herzkrank, verprügelt

An einem eisigen Januarmittag fährt der Rentner Ulrich Trippler mit dem Fahrrad von der Arbeit nach Hause; er trägt nebenher Briefe aus. Trippler hat es eilig. Er leidet unter schwerer Diabetes, hat fünf Beipässe, eben hat er sich Insulin gespritzt. Nun fühlt er sich unterzuckert. Trippler fährt Schlangenlinien, durch eine Wohngegend in Rosdorf bei Göttingen. Man könnte denken, er sei betrunken.

Trippler bemerkt den Streifenwagen zunächst nicht. Zwei Polizisten steigen aus. Sie fordern ihn auf, in ein Alkoholmessgerät zu pusten. Trippler weigert sich. Sie sollten ihm stattdessen Blut abnehmen, sagt er, dann würden sie sehen, dass er zuckerkrank sei. Es kommt zu einem Wortgefecht – in dessen Verlauf die beiden Polizisten den Rentner zu Boden reißen und ihn dort eine Viertelstunde lang fixieren. Trippler gerät in Panik. Er sagt den Beamten, er sei krank, er habe mehrere Beipässe. Das könne ja jeder behaupten, ist ihre Antwort.

So stellt es Trippler dar, er hat es vor Gericht gesagt und im Gespräch mit CORRECTIV wiederholt.

Und es gibt einen Zeugen. Der heißt Klaus Krawietz und war viele Jahre lang Schöffe an Göttinger Gerichten. An jenem Vormittag steht Krawietz in der Küche seine Reihenhauses, als er Gebrüll auf der Straße hört. Er sieht einen älteren Herren auf dem Gehweg liegen, über ihm zwei Polizisten, die sein Gesicht in den Splitt auf der vereisten Straße pressen. „Wie ein Stück Vieh wurde der Mann auf den Boden gedrückt“, erinnert sich Krawietz. „Der ganze Einsatz war vollkommen überzogen und nicht nachvollziehbar.“

Abgeführt in Handschellen

In Handschellen wird Ulrich Trippler auf das Präsidium gebracht. Als er schließlich pustet, zeigt das Messgerät einen Alkoholwert von 0,0 Promille an. Trippler kann gehen.

Er will die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Er hat Todesangst gelitten, seine Hose ist kaputt, die Haut am Knie ist aufgeschürft, er hat Blutergüsse am linken Arm und Kratzer auf der Stirn. Ein Arzt attestiert die Verletzungen. Trippler ruft bei der Polizei an: Er wolle Anzeige erstatten und schildert einer Sachbearbeiterin den Vorfall. Kurz darauf ruft ein Vorgesetzter zurück und lädt ihn zu einem persönlichen Gespräch ein. Trippler schlägt es aus. Er erscheint zum verabredeten Termin, um seine Anzeige zu erstatten. Und bekommt eine Gegenanzeige vorgelegt. Wegen „Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte“. Der zuckerkranke Rentner habe nach den Beamten getreten.

Einige Monate später die Verhandlung vor dem Amtsgericht Göttingen. Drei Polizisten waren an dem Einsatz beteiligt. Übereinstimmend sagen sie aus: Trippler habe sich massiv gewehrt, um sich der Kontrolle zu entziehen. „Obwohl einer der Beamten ja im Auto sitzen blieb“, sagt Trippler. Er soll 200 Euro zahlen und weigert sich. Bei einem zweiten Gerichtstermin ist die Strafe höher: 600 Euro oder Sozialstunden, die er schließlich in seiner Gemeinde ableistet.

Und was wurde aus seiner Anzeige gegen die Polizisten? „Da habe ich hintenrum erfahren, dass das Verfahren eingestellt wurde“, sagt Trippler. Während der ersten Verhandlung habe er den Satz fallen gelassen: Er wolle keine große Sache aus der Angelegenheit machen. Das nahmen die Behörden offensichtlich zum Anlass, die Ermittlungen einzustellen. Wobei auch hier nicht einmal ein Einstellungsbescheid verschickt wurde. Erst als seine Anwältin, vor der zweiten Verhandlung, Akteneinsicht nimmt, erfährt Trippler davon. „Das wurde wohl unter Verschluss gehalten“, sagt seine Anwältin heute.

Trippler muss Laub fegen, wochenlang, „für eine Tat, die ich nicht begangen habe.“ Bis heute ist er sich sicher: „Die Polizisten haben sich abgesprochen und gelogen.“ Mit der Polizei wolle er nie wieder etwas zu tun haben.

Die Polizeiinspektion Göttingen war gegenüber CORRECTIV zu keiner Stellungnahme bereit, ebenso wenig die Staatsanwaltschaft.

„Kein Fehlverhalten erkennbar“

In Niedersachsen – Göttingen gehört dazu – gibt es eine Polizei-Beschwerdestelle. Der nun vorbestrafte Rentner Ulrich Trippler hat seinen Fall hier eingereicht. Es dauert acht Monate, ehe die Stelle dem Rentner schreibt. Bei den Polizisten sei „kein Fehlverhalten erkennbar“ gewesen, und: „Wir stellen gerichtliche Entscheidungen nicht infrage.“

Seit ihrer Gründung im Juli 2014 hat die Niedersächsische Beschwerdestelle in einem Jahr 630 Hinweise erhalten, etwa die Hälfte davon gegen das Verhalten von Polizisten. Von den 210 bereits bearbeiteten Fällen wurden 14 Beschwerden als begründet erachtet.

Eric Töpfer vom Deutschen Institut für Menschenrechte hat eine Empfehlung zu den unabhängigen Ermittlungsstellen geschrieben. Der Politikwissenschaftler mit Schwerpunkt innere Sicherheit sagt: „Eine Befangenheit ist da, hat aber in den letzten Jahren abgenommen.“ Der Grund: Ermittlungen gegen Polizisten seien zunehmend zentraler angesiedelt, beim LKA etwa.

Doch noch immer ermittelten Polizisten, die einen bestimmten Blick auf das Geschehen haben. Töpfer fordert durchmischte Teams aus Ermittlern, die nicht im Inneren, sondern in der Justiz angesiedelt sind – „um das Vertrauen in den Rechtsstaat zu gewährleisten.“

„Es gibt ihn noch, den Korpsgeist“

Die Gewerkschaften der Polizei sehen in diesem Fall keinen Handlungsbedarf. Es gebe keinerlei Anzeichen dafür, dass die Strafverfolgung von Polizisten nicht funktioniert, sagte Rainer Wendt von der Gewerkschaft der Polizei im vergangenen Jahr. Er halte die Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft für unabhängig.

Die Polizeigewerkschaft vertritt vor allem Streifenpolizisten, der (BDK) Bund Deutscher Kriminalbeamter eher höherrangige Beamte. Ihr Vorsitzender André Schulz ist selbstkritischer, er sagt: „Wir sind besser geworden bei Ermittlungen in den eigenen Reihen, aber es gibt ihn noch, den Korpsgeist.“

Der BDK trete ein für die unabhängigen Ermittlungsstellen, aber es gebe eben rechtliche Hürden. Auch Schulz nimmt wahr, wie das Vertrauen in die Polizei abnimmt: Die Polizei sei materiell und personell gebeutelt, während die Bevölkerung latent Angst vor Zuwanderung und Terror habe. „Wir müssen gerade durch ein Tal der Tränen, da kommen diese Zahlen denkbar schlecht.“

In der Sylvesternacht setzte die Polizei am Kölner Hauptbahnhof Racial Profiling ein, sagen Kritiker.© picture alliance / Geisler-Fotopress

Justiz & Polizei

So sieht Racial Profiling in Deutschland aus

Unsere Autorin Sandhya Kambhampati wurde während ihrer Zeit in Berlin in neun Monaten 23 Mal kontrolliert. Sie hat über ihre Erfahrungen mit Racial Profiling berichtet und seitdem 700 Zuschriften dazu bekommen, fast die Hälfte davon Hassnachrichten. Die anderen berichten über Rassismus im Kindergarten, im Supermarkt und bei Kontrollen im Zug.

von Sandhya Kambhampati

Wir veröffentlichen diesen Beitrag in Kooperation mit BuzzFeed und die tageszeitung.

Vor einigen Wochen habe ich bei CORRECTIV über meine Erfahrungen mit Racial Profiling in Deutschland geschrieben. Seit ich in Deutschland bin, wurde ich 23 Mal überprüft. Meistens beim Spazieren gehen, Joggen oder wenn ich einfach im Park war. Als Journalistin hat mich das gereizt. Ich wollte verstehen, wie groß das Thema Racial Profiling in Deutschland ist und ich habe mich deshalb mit den Behörden in Verbindung gesetzt.

Die Reaktionen auf meinen Erfahrungsbericht waren überwältigend. Ungefähr 700 Leute haben mir geschrieben. Ich habe hunderte Ergebnisse auf meine Umfrage erhalten, dazu noch E-Mails, Twitter- und Facebook-Nachrichten.

Da es noch keine umfassenden Daten zu Racial Profiling in Deutschland gibt, werfen diese Untersuchung und Umfrage etwas Licht auf die Erfahrungen von Menschen, die in Deutschland an irgendeinem Punkt ihres Lebens aufgrund ihrer Hautfarbe kontrolliert wurden – sei es auf Reisen oder weil sie hier leben. Einige der Nachrichten, die ich erhielt, waren dem Profiling in Köln rund um die Silvesternacht sehr ähnlich, während andere das im Alltag erlebten, im Zug oder im Park.

„Sie sehen eher asiatisch aus“

Von den über 700 Nachrichten die ich erhalten habe, enthielten 400 persönliche Erfahrungen mit Racial Profiling. Die anderen waren Leute, die Hassnachrichten schickten. Diese Leute erklärten, dass meine Umfrage auf falschen Annahmen beruhe und die Polizei zu Recht mich und andere „Illegale“ überprüfe. Ich erhielt Drohungen: dass Nazis bereits hinter mir her wären, dass ich in mein Land zurückgehen solle, dass ich meine Tür verschlossen halten sollte, weil ich angegriffen werden könnte. Leute zweifelten an meiner amerikanischen Staatsbürgerschaft. Eine Person schrieb: „Ich hätte nicht gedacht, dass Sie Amerikanerin sind. Offen gesagt, sehen Sie eher asiatisch oder afrikanisch aus.“ Diese Bemerkungen haben meinen Antrieb bei der Recherche nur noch verstärkt.

Die Leute antworteten unter anderem aus Hamburg, Mainz, Köln, Berlin, Karlsruhe und München. Sie schrieben, dass sie in Zügen, auf Bahnhöfen, in Parks, an Grenzübergängen und auf der Straße kontrolliert wurden. Sie sagten, dass sie von der Polizei gefragt wurden, ob sie Drogen dabei hätten oder ob sie jemals in Konflikt mit den Behörden geraten seien. Sie wurden aufgefordert, ihre Identität und ihr Aufenthaltsrecht in Deutschland nachzuweisen. 60 Prozent aller Personen, die an der Umfrage teilnahmen, sagten, dass sie mindestens ein Mal kontrolliert wurden. Von dieser Gruppe gaben wiederum 12 Prozent an, dass sie einmal pro Woche überprüft werden würden.

Viele der Leute, die mir schrieben, waren glücklich darüber, dass sie mit ihrem Schicksal nicht alleine sind und wollten ihre Geschichte mit anderen teilen. Die Geschichten waren persönlich und viele wollten dabei anonym bleiben, da sie um ihre eigene Sicherheit besorgt waren. Aus diesem Grund und wegen der Drohungen und Hassnachrichten, die ich erhielt, habe ich nur die Vornamen verwendet.

Tief verwurzelt

Dennis aus Hamburg schrieb mir. Er ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Seine Frau stammt aus Brasilien und hat eine dunkle Hautfarbe. Sie erwarten in wenigen Monaten ihr erstes Kind. Er erzählte mir von seinen Ängsten und fragte: „Wie oft muss das Kind dumme Fragen beantworten, wie oft wird es aufgrund seiner Hautfarbe kontrolliert werden oder wird sich ihm gegenüber deswegen anders verhalten?“ Er hofft, dass die Leute sensibel sein und sich nicht von Vorurteilen leiten lassen.

„Wie können wir ernsthaft behaupten, eine offene und freiheitliche Demokratie zu sein, wenn wir permanent Leute ausschließen, die hier geboren sind, aber einen multiethnischen Ursprung haben?“, fragt Dennis. „Es passiert viel zu häufig, dass schwarze Deutsche mit dummen Sätzen wie diesen konfrontiert werden: ‘Wow, dein Deutsch ist aber gut’ oder ‘Jetzt mal ehrlich, woher kommst du WIRKLICH?’ Ich glaube, dass die Art so zu denken die Grundlage für Racial Profiling ist, da sie tief im Alltag unserer Gesellschaft verwurzelt ist.“

Ähnliches habe ich von Caroline gehört, die fünf Kinder hat, von denen zwei aus Sri Lanka stammen. Caroline erklärt, dass ihre Tochter im Supermarkt oft gefragt wird, ob sie etwas gestohlen habe und an Bahnhöfen oder Restaurants kontrolliert wird. Als Mutter fühle sie sich dabei hilflos. Sie sei wütend, dass sie solche Vorfälle nicht verhindern könne.

Rassismus: weg aus Berlin

Eine andere Frau, die asiatischstämmig ist aber aus Australien kommt, schrieb, dass sie an der polnisch-deutschen Grenze angehalten worden sei, als sie auf dem Weg nach Hause war. Zwei Polizisten stoppten sie sowie zwei schwarze Männer in einem vollen Zug, um ihre Identität zu überprüfen. Sie drei seien die einzigen Nicht-Weißen im Zug gewesen. Ihr Mann sei dabei nicht überprüft worden. Auch er ist Weißer. Sie hat Berlin nach dieser Erfahrung verlassen und gab an, dass Rassismus einer der entscheidenden Faktoren für ihren Wegzug gewesen sei.

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Es gibt auch welche, die schrieben, dass sie am Flughafen herausgezogen worden seien. Dharmesh aus Indien, der in Berlin lebt, erzählt, dass er wegen seines Jobs häufig quer durch Deutschland reist. Von Berlin aus nimmt er gewöhnlich Flüge nach Frankfurt, Stuttgart oder München. In den letzten vier Monaten sei er am Flughafen jedes Mal zur extra Sprengstoffkontrolle gerufen worden. Drei bis vier Mal in der Woche werde er deswegen angehalten, während weiße Mitreisende nicht zur separaten Kontrolle gerufen würden. Er schreibt, dass er mittlerweile mit seinen Kollegen wetten würde, dass er herausgeholt würde und sie nicht.

Diese Geschichten sind nur einige Beispiele für hunderte Antworten, die ich erhalten habe. Viele verstehen, dass Kontrollen in manchen Fällen notwendig seien. Aber dies sollte nicht auf der Grundlage der Hautfarbe geschehen, sondern eher auf substantiellen Indizien. Sie sagen auch, dass die Kontrollen dazu führen würden, dass sie sich anders und unwillkommen fühlen. Und dass sie deswegen an den Behörden zweifeln würden.

Was ist hautfarben?

Einige Leute erzählten Geschichten aus ihrer Kindheit und ihre Erfahrung mit Rassismus, was aber nicht zwangsläufig Racial Profiling war. Ein Mann aus Frankfurt beispielsweise hat eine Mutter aus Indien und einen Vater aus Deutschland. In seiner Kindheit habe er „Erfahrungen gemacht, die klar gemacht haben, dass ich anders beurteilt wurde.“ Im Kindergarten hätten die Erzieherinnen beigefarbene Stifte als „hautfarben“ bezeichnet, und er hätte gedacht: „Das ist doch dumm, denn meine Haut hat nicht diese Farbe.“ Andere haben ähnliche Erfahrungen beschrieben und erklärt, dass solche Erlebnisse zu ihrer Wahrnehmung beigetragen hätten, dass richtige Deutsche nur Weiße mit blonden Haaren seien.

Fabian schilderte seine Besorgnis über die Behörden und ihren Umgang mit Racial Profiling: „Das Schlimmste an den aktuellen Ereignissen ist, dass die politische Elite bis hoch zu Bundesministern kein Problem damit zu haben scheint.“

Einige NGOs und andere Organisationen, mit denen ich sprach, wie den Vereinten Nationen, der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland und Amnesty International haben Deutschland empfohlen, sich mit Rassismus auseinanderzusetzen und die Praxis der Polizeikräfte zu untersuchen. Sie alle sprachen von einem weit verbreiteten Rassismus-Problem innerhalb der Polizei und wie die Polizei Menschen mit „Migrationshintergrund“ ins Visier nehmen würde.

Kontrollen: Auf falsche Weise aus dem Fenster geschaut

Es gab einige Gerichtsprozesse wegen der Rechtmäßigkeit von Personenüberprüfung auf Grundlage von Hautfarbe. Und mehr und mehr dieser Fälle werden zugunsten der Opfer entschieden. Kürzlich hat das Oberverwaltungsgericht von Rheinland-Pfalz entschieden, dass eine Personenkontrolle in einem Zug illegal gewesen ist. Ich sprach mit Sven Adam, einer der führenden Anwälte für solche Fälle, der sagte, dass derzeit ungefähr zehn Verfahren bei verschiedenen Verwaltungsgerichten anhängig seien. Adam führt aus, dass die Bundespolizei sich in solchen Fällen behauptet, sie hätten Personen kontrollieren müssen, weil diese auf eine bestimmte Art aus dem Fenster geschaut oder sich zu schnell aus dem Bahnhof bewegt hätten. Sie gäben vor, dass dies die tatsächlichen Begründungen für Personenkontrollen seien. Vor Gericht würden sich diese Behauptungen aber oft als Lügen oder nicht belegbare Behauptungen herausstellen, sagte Adam.

Ich habe auch die Polizeistellen der 16 Bundesländer angeschrieben, um sie zu ihren Regelungen für Personenkontrollen zu befragen. Bis auf Mecklenburg-Vorpommern haben alle Länder darauf geantwortet. Ich fragte sie, ob sie Racial Profiling betreiben, ob sie Daten zu den überprüften Personen sammeln und ob sie Trainings durchführen, in denen geübt wird, wann eine Person kontrolliert oder nicht kontrolliert werden darf. Die Antworten waren ähnlich: Sie würden kein Racial Profiling durchführen, denn das sei illegal. In Übungen würden sie deutlich machen, dass Racial Profiling und die entsprechenden Kennzeichnungen illegal seien.

Viele Polizeistellen gaben auch an, dass sie Menschen mit Migrationshintergrund rekrutieren würden und einen bestimmten Prozentsatz solcher Beamter im Dienst hätten, so dass es auch unterschiedliche Erfahrungshintergründe in der Polizei gebe. Viele Einsatzstellen hätten auch Beamte für interkulturelle Kompetenz und Diversität, die die Polizeikräfte darüber informieren würden, wie sie mit diesen Themen umzugehen hätten. Die Polizei in Bremen hat eine Tagung zu ethnischem Profiling durchgeführt und arbeitet mit Organisationen, die Migranten unterstützen, um solchen Themen im Vorfeld zu begegnen. Wenn die Polizei eine Person überprüfen würde, dann weil es einen Grund dafür gibt. In anderen Worten: Die Person könnte einer gesuchten Person ähneln.

Polizei braucht einen Weckruf

Alle Polizeistellen bieten zudem die Möglichkeit sich zu beschweren, wenn man sich unrechtmäßig befragt fühlt. Meine Nachfrage nach der Zahl der Beschwerden wurde nicht beantwortet.

Thomas Neuendorf, Sprecher der Polizei in Berlin, sagt, dass verdachtsabhängige Kontrollen, deren Verdacht sich nicht bestätige, nicht weiter protokolliert würden. Eine Statistik würde nur geführt werden, um zu zeigen, dass die Polizei Anstrengungen bei der Personenkontrolle unternimmt. Sonst würde die Bevölkerung fragen, warum die Polizei nichts täte.

Das Thema wird auch auf EU-Niveau diskutiert. 2014 hat die Europäische Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) den deutschen Behörden geraten, Racial Profiling zu stoppen und ihren Aktionsplan gegen Rassismus und Intoleranz zu aktualisieren, der seit 2008 unverändert sei.

Wenn meine Recherchen zu diesem Thema in den vergangenen Monaten mir eine Sache gezeigt haben, dann dass die Polizei in Deutschland anerkennen muss, dass Racial Profiling ein Thema ist. Sie sollte anfangen, Daten darüber zu sammeln. Um zu verstehen, wie groß das Problem tatsächlich ist. So lange die Polizei nicht anerkennt, dass Racial Profiling tatsächlich passiert, wird es für sie schwer zu erkennen sein, wie viele Menschen betroffen sind. Leute, die das Gefühl haben von Racial Profiling betroffen zu sein, sollten sich an Organisationen wie Amnesty International oder die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland wenden, die aktiv die Rechte von „People of color“ in Deutschland verteidigen.

© Ivo Mayr

Justiz & Polizei

Justiz und Polizei

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von Justus von Daniels

Immer wieder lesen wir Artikel über Fehlurteile, schlampige Ermittlungen, unangemessene Polizeieinsätze. Sind dies Einzelfälle – oder läuft grundsätzlich etwas falsch bei Justiz und Polizei? Sind diese Institutionen überhaupt ausreichend ausgestattet, um ihre Aufgaben zu erledigen? Sind Gutachter vor Gericht wirklich unabhängig?

Mehr als 55 Prozent der Deutschen sagen in Umfragen, sie vertrauen der Polizei, 40 Prozent vertrauen den Gerichten. Aber auch in diesen Institutionen gibt es Probleme. Im vergangenen Jahr haben wir zum Beispiel eine Recherche zu den Opfern von Polizeigewalt veröffentlicht. Wir waren überrascht, wie chancenlos ein Bürger vor Gericht ist, wenn er Polizisten anzeigt, weil die ihn misshandelt haben. Gibt es solche Fälle häufiger? Was muss sich ändern?

Bei Anfragen an Gerichte oder die Polizei stellen wir immer wieder fest, dass es dort verschlossener zugeht als bei anderen Behörden. Richter müssen zum Beispiel nicht offenlegen, welche Nebeneinkünfte sie erzielen. Es gibt keine festen Regeln, welche Gerichtsurteile wie veröffentlicht werden.

Wir brauchen mehr Transparenz bei diesen Behörden. Deshalb berichten wir künftig in unserem neuen Recherche-Schwerpunkt „Justiz und Polizei“ über das, was strukturell schief läuft – und was reformiert werden kann.

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Dazu brauchen wir Euch. Euch Anwälte, Euch Polizisten. Euch Richter. Erlebt Ihr bei Eurer Arbeit offensichtliche Missstände?

Wir brauchen auch Euch Bürger, die Ihr das Gefühl habt, Opfer von Gewalt oder Ungerechtigkeit zu sein. Was habt Ihr vor Gericht oder auf der Polizeidienststelle oder im Gefängnis erlebt?

Schreibt uns, erzählt uns Eure Geschichten, an justus.von.daniels@correctiv.org oder daniel.drepper@correctiv.org. Schickt uns Dokumente über unseren anonymen Briefkasten.

Auch in einem Rechtsstaat wie der Bundesrepublik läuft nicht immer alles glatt. Schauen wir gemeinsam hin. Und machen wir ihn so gemeinsam besser.