Klimawandel

AfD-Klimapolitik gefährdet Sachsen-Anhalts Wirtschaft

Im Wahlkampf spielt die AfD das Klima und die Wirtschaft gegeneinander aus. In Sachsen-Anhalt könnte genau dieser Kurs eine rentable Branche schwächen und dem Land wirtschaftlich schaden.

von Elena Kolb

Morgens in Sachsen-Anhalt - Windpark
Sachsen-Anhalt ist beim Ausbau erneuerbarer Energien erfolgreich. Eine AfD-Regierung könnte die Branche ausbremsen (Foto: picture alliance/dpa | Hendrik Schmidt).

In Ihrem Programm für Sachsen-Anhalt kündigt die AfD im Falle eines Wahlsiegs „wirtschaftlichen Aufschwung“ für das Bundesland an. Doch das Gegenteil könnte eintreffen. Denn die Partei will den Ausbau von Windkraft und Solar einschränken – und riskiert damit höhere Energiekosten und negative Folgen für die Wirtschaft.

Bisher ist Sachsen-Anhalt beim Ausbau von Wind und Solar ein Vorreiter. Schon 2024 wurden rund 60 Prozent des Stroms durch erneuerbare Energien erzeugt. Das ist mehr als der Bundesdurchschnitt. Wind und Solar sorgen auch für Arbeitsplätze: Laut dem Landesverband für erneuerbare Energien Sachsen-Anhalt arbeiten rund 26.000 Menschen in der Wirtschaftskette. Einer der deutschen Marktführer für Windkraftanlagen, die Firma Enercon, produziert in der Landeshauptstadt Magdeburg Windräder und beschäftigt allein dort rund 1.000 Menschen.

Erneuerbare Energien bringen auch Geld in die Kommunen von Sachsen-Anhalt. Laut einer Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums verblieben dadurch 2023 mindestens  173 Millionen Euro an Einnahmen im Land. Hält das Bundesland die deutschen Ausbauziele für Wind und Solar ein, könnten es 2033 mindestens 411 Millionen Euro sein.

Die Getec Green Energy Gruppe hat ihren Sitz in Magdeburg und plant und betreibt erneuerbare Energieanlagen. Ihr Geschäftsführer Oliver Stuker warnt gegenüber CORRECTIV vor einem „politisch verursachten Bruch“ bei „bereits etablierten Ausbau- und Investitionsbedingungen“ für erneuerbare Energien in Sachsen-Anhalt. Die Energiewende sei inzwischen keine allein klimapolitische Frage mehr, so Stuker. „Wir wünschen uns deshalb, dass die energiepolitische Debatte nach der Wahl vor allem pragmatisch und auf Grundlage dieser wirtschaftlichen Realitäten geführt wird“, sagt Stuker.

„Mit einer AfD-Regierung ist zu befürchten, dass der weitere Ausbau der Erneuerbaren gestoppt wird“, sagt Jörg Dahlke gegenüber CORRECTIV. Er ist Vorstand der Bürgerenergiegenossenschaft Helionat eG aus Sachsen-Anhalt. Dies würde zum Verlust von Arbeitsplätzen und zu „einem großen Risiko für eine Vielzahl von Unternehmen führen“, so Dahlke.

AfD gegen erneuerbare Energien

Die AfD könnte den erneuerbaren Energien in Sachsen-Anhalt ausbremsen. Am 6. September wird in dem Bundesland ein neuer Landtag gewählt. In aktuellen Umfragen liegt die AfD bei über 40 Prozent. In ihrem Wahlprogramm fordert die Partei eine „energiepolitische Kehrtwende um 180 Grad“. Statt erneuerbarer Energien will sie den Ausstieg aus der Kohle stoppen und mehr Gaskraftwerke bauen.

Für den Windkraftausbau fordert die AfD ein sogenanntes „Windkraftmoratorium“. Das bedeutet: Neue Windkraftanlagen sollen nicht mehr genehmigt werden. Einfach umsetzen kann die Partei das aber nicht. Denn der Windkraftausbau wird weitestgehend über Bundesgesetze wie das „Wind-an-Land-Gesetz“ geregelt.

Der effektivste Hebel der Partei gegen Windräder ist die Verzögerung von lokalen Projekten. CORRECTIV hat recherchiert, dass die AfD in den meisten Konfliktgebieten in Sachsen-Anhalt Windkraftgegner unterstützt. Die Partei stellt etwa parlamentarische Anträge, um neue Wind-Vorranggebiete zu verhindern oder um Bürgerbegehren gegen Windkraft zuzulassen. So werden Fristen ausgereizt und Investoren verunsichert. Aus der Branche heißt es, dass einige Unternehmen bereits hätten durchblicken lassen, dass sie sich aus neuen Windprojekten zurückziehen würden, sollte die AfD in die Magdeburger Staatskanzlei einziehen. Das stünde in starkem Kontrast zu anderen Forderungen aus dem AfD-Wahlprogramm, wo es heißt, dass kleine und mittelständische Unternehmen in den Mittelpunkt gestellt werden sollten.

In Kooperation mit dem Investigativ-Medium Cliff haben wir für den fünfteiligen ARD-Podcast „Reich. Das Geschäft mit dem Zweifel“ recherchiert. In Folge 5 steht der ideologische Streit um Energiepolitik und der Kampf der AfD gegen Windkraft im Zentrum.

Solarkraft besonders bedroht

Noch wirksamer kann die AfD den Ausbau der Solarenergie in Sachsen-Anhalt drosseln. Im Wahlprogramm heißt es, die Partei lehne große Anlagen auf Freiflächen oder Ackerland ab. Der Ausbau der Solarenergie wird nicht von der Bundesregierung, sondern von den einzelnen Kommunen geregelt. Die Landesregierung könnte sich einschalten und den Gemeinden Steine in den Weg legen.

Stephan Phan leitet die Geschäftsstelle des Landesverbands für Erneuerbare Energien in Sachsen-Anhalt. Er sagt, die Landesregierung könnte den Ausbau von Freiflächensolaranlagen durch neue Verordnungen oder bürokratische Hürden verlangsamen. Gerade kleinere Freiflächenanlagen könnten durch unnötige zusätzliche Vorgaben wirtschaftlich weniger tragfähig werden, so Phan.

Würden die erneuerbaren Energien gedrosselt, könnte das auch anderen Wirtschaftsbereichen schaden. „Erneuerbare Energien sind ein wichtiger Standortfaktor in Sachsen-Anhalt“, sagt Stephan Phan. Immer häufiger würden Unternehmen aus anderen Branchen – zum Beispiel der Chemie- und Lebensmittelindustrie – anfragen, ob Strom aus erneuerbaren Energien verfügbar sei. Davon machten sie abhängig, ob sie ansiedeln.

Klimawandel in Sachsen-Anhalt bedroht die Wirtschaft

Doch die Folgen eines möglichen politischen Kurswechsel im Sinne der AfD reichen noch weiter. Denn eine AfD-Landesregierung würde nicht nur die Energiepolitik verändern, sondern auch den Umgang mit der Klimakrise insgesamt. Statt auf Klimaschutz setzt die Partei auf „Heimatschutz“ – und blendet die Folgen des Klimawandels in Sachsen-Anhalt weitgehend aus. Konkrete Klimaschutzmaßnahmen sucht man im Wahlprogramm vergeblich.

Im Gegenteil: Im Programm schreibt die Partei, dass sich das Klima weder in Deutschland und „schon gar nicht in Sachsen-Anhalt retten“ lasse. Auch dadurch gefährdet die AfD die Wirtschaft des Bundeslandes.

Denn der Klimawandel ist in Sachsen-Anhalt schon längst spürbar. Seit Jahren wird es dort immer wärmer. Vergleicht man die Zeiträume zwischen 1961 bis 1990 und 2001 bis 2023, ergibt sich ein Anstieg von etwa 1,3 Kelvin. Während der historischen Hitzewelle dieses Jahres Ende Juni kam es in Sachsen-Anhalt zur deutschlandweiten Rekordtemperatur: In Drewitz, Möckern wurden 41,8 Celsius gemessen. Durch den Klimawandel nimmt auch die Anzahl der Extremwetterereignisse wie Überflutungen und Starkregen zu.

Ein Hitzetag kostet 22 Millionen Euro

Die Klimakrise verursacht in Sachsen-Anhalt schon heute hohe Schäden – auch finanziell Das zeigen Zahlen aus der Versicherungsbranche. Überschwemmungen, Starkregen und andere Elementargefahren kosteten 2025 in Sachsen-Anhalt laut Daten des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) rund sechs Millionen Euro. Die Kosten für Sturm und Hagel lagen 2025 bei 22 Millionen Euro. Im Vorjahr 2024 waren die Schäden noch deutlich höher. Elementarschäden kosteten 15 Millionen Euro, Sturm- und Hagelschäden rund 45 Millionen Euro.

Auch die Landwirtschaft in Sachsen-Anhalt leidet unter den Folgen des Klimawandels. Der Bauernverband erwartet für 2026 eine schlechte, teils „katastrophale“ Ernte. Grund sind Hitze, Trockenheit und geringe Niederschläge. Die Wasserversorgung sei im ganzen Land „wirklich schlecht“.

Unzählige weitere Branchen in Sachsen-Anhalt leiden unter den Folgen der Erderwärmung. Hitzewellen senken die Produktivität in Unternehmen. Laut Berechnungen des Instituts Prognos kostete ein Hitzetag während der Hitzewelle Ende Juni in Sachsen-Anhalt etwa 22 Millionen Euro. Durch Niedrigwasser in Flüssen wie der Elbe, können weniger Waren transportiert werden. Die Waldbrandgefahr steigt.

Wie Sachsen-Anhalt mit diesen und den künftig absehbaren Folgen des Klimawandels umgehen soll, beantwortet die AfD in ihrem Wahlprogramm nicht.

Redigatur und Faktencheck: Gesa Steeger