Klimawandel

Hitzeschutz in deutschen Städten: Zwischen Konzept und Wirklichkeit

Trinkbrunnen, Hitzewarnungen oder nur Verhaltenstipps. Solche Maßnahmen sind Teil von Hitzeaktionsplänen, die deutsche Städte zunehmend ausarbeiten. Unsere Recherche zeigt: Entscheidend ist nicht, ob ein Plan existiert – sondern ob daraus echter Schutz wird. Welche Städte ihre Bewohnerinnen und Bewohner schützen und welche nicht.

von Katarina Huth , Elena Kolb

In den kommenden Tagen soll es in Deutschland wieder extrem heiß werden. Bei hohen Temperaturen werden besonders versiegelte Plätze in Städten zu Hitzefallen (Foto: picture alliance / photothek.de | Florian Gaertner).

Während Deutschland immer häufiger unter Hitzewellen leidet, ringen viele Städte noch darum, wie sie ihre Bevölkerung wirksam vor den Folgen extremer Hitze schützen können. CORRECTIV hat exemplarisch die Hitze-Konzepte von 15 großen deutschen Städten überprüft. Die Auswertung zeigt: Hier gibt es große Unterschiede.

Diese beginnen schon bei der Frage, was ein Hitzeaktionsplan überhaupt ist. Manche Städte verschicken ein Merkblatt mit Verhaltenstipps für heiße Tage. Andere legen detailliert fest, welche Ämter bei einer Hitzewarnung aktiv werden, wie Pflegeeinrichtungen informiert werden oder wo Menschen kostenlos Trinkwasser finden. Sieben der angefragten Städte können noch keinen eigenen Hitzeaktionsplan vorweisen, setzen aber teilweise einzelne Maßnahmen um.

Dabei ist Hitze längst nicht mehr nur ein Gesundheitsproblem mit tausenden Toten – allein dieses Jahr sollen mehr als 5.100 Menschen nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts an den Folgen der Hitzewelle im Juni gestorben sein. Hitze belastet auch die Wirtschaft: Nach einer Berechnung des Wirtschaftsforschungsunternehmens Prognos verursachte allein die Hitzewelle Ende Juni 2026 Schäden von mehr als sechs Milliarden Euro. Experten rechnen künftig mit deutlich höheren Kosten, wenn Hitzewellen häufiger auftreten. Laut einer Studie von Allianz Trade könnte Hitze die deutsche Wirtschaft bis 2030 circa 131 Milliarden US-Dollar – also etwa 115 Milliarden Euro – kosten. Eine wichtige Ursache für die hohen Kosten ist vor allem, dass Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen weniger produktiv arbeiten.

Hitzepläne unterscheiden sich deutlich

Zu den Städten mit vergleichsweise umfassenden Konzepten gehört Köln. Dort wird der Hitzeaktionsplan jedes Jahr fortgeschrieben. Ein „Runder Tisch“ aus Gesundheitsamt, Wissenschaft, Sozialverwaltung und weiteren Einrichtungen überprüft regelmäßig den Stand der Maßnahmen. Dazu gehören ein Hitzetelefon, eine Karte kühler Orte, Informationsangebote für Schulen und Pflegeeinrichtungen sowie spezielle Hilfen für ältere Menschen und Familien mit kleinen Kindern. Im Jahresbericht wird dokumentiert, welche Maßnahmen bereits umgesetzt wurden, welche noch vorbereitet werden und wo weiterer Handlungsbedarf besteht.

Auch Wiesbaden arbeitet verhältnismäßig systematisch. Dort ist für jede Maßnahme festgelegt, wer verantwortlich ist und wann sie greift: Schon im Frühjahr erhalten Kitas Checklisten zur Vorbereitung und Verantwortlichkeiten werden festgelegt. Während des Sommers werden Trinkwasser-Angebote ausgeweitet und eine digitale Karte kühler Orte gepflegt. Bei offiziellen Hitzewarnungen kommen weitere Maßnahmen hinzu – etwa Warnhinweise auf digitalen Verkehrsschildern oder wiederbefüllbare Trinkflaschen für obdachlose Menschen und eine Übersicht über Refill-Stationen.

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Leverkusen verbindet kurzfristige Schutzmaßnahmen mit langfristigem Stadtumbau. Der Hitzeaktionsplan nennt neben Hitzewarnungen, Trinkwasser-Angeboten und einem Hitzetelefon auch Maßnahmen, die Städte dauerhaft kühler machen sollen: mehr Bäume und schattige Orte, begrünte Dächer und Fassaden, den Erhalt von Frischluftschneisen und eine klimaangepasste Stadtplanung. Gleichzeitig versteht die Stadt den Plan ausdrücklich als „dynamisches Dokument“, das regelmäßig überprüft und weiterentwickelt werden soll.

Auswahl der angefragten Städte

CORRECTIV hat 15 Städte exemplarisch geprüft und teils angefragt. Städte sind von Hitzewellen besonders betroffen. Grund dafür ist der sogenannte Hitze-Insel-Effekt. Gebäude, versiegelte Flächen oder dunkler Straßenbelag speichern Hitze länger als Freiflächen im ländlichen Raum. Dabei wird es in den angefragten Städten besonders heiß: In fast allen Regionen, in denen sich die angefragten Städte CORRECTIV befinden, hat sich die Anzahl der Hitzetage allein in diesem Jahr im Vergleich zu der durchschnittlichen Zahl der Hitzetage im Zeitraum zwischen 1991-2020 etwa verdreifacht. Als Hitzetag werden Tage eingestuft, an denen die Temperatur auf mindestens 30 Grad Celsius steigt.

Bei den Angaben bezieht sich CORRECTIV jeweils nicht immer auf eine Temperatur-Messstation des Deutschen Wetterdienstes (DWD), die sich jeweils in der Stadt befindet, sondern teilweise auch im nahegelegenen Umfeld. Nicht alle deutschen Städte wurden im betrachteten Zeitraum über eine eigene DWD-Station erfasst. Die Auswertung der jeweiligen Messstationen stammt vom Verein Klimadashboard.

Andere Städte dagegen sind noch nicht so weit. Bonn arbeitet nach eigenen Angaben an einem Hitzeaktionsplan, der erst 2027 erscheinen soll. Ähnlich sieht es in Regensburg aus. Auch Freiburg, Speyer und Magdeburg arbeiten aktuell daran. Ludwigshafen und Neuss haben momentan noch keinen Hitzeaktionsplan und machten gegenüber CORRECTIV keine konkreten Angaben dazu, wie und wann dieser erarbeitet wird. Trotzdem setzen auch Städte ohne solche Pläne bereits einzelne Maßnahmen um – etwa Karten kühler Orte oder zusätzliche Trinkwasser-Angebote.

Während bei vielen Hitzeaktionsplänen für Einrichtungen wie Altenheime oder Krankenhäuser gesonderte Konzepte erstellt werden, fallen Schulen häufig hintenüber, wie eine aktuelle Recherche von CORRECTIV gezeigt hat.

Was wirksamen Hitzeschutz ausmacht

„Die Wirksamkeit von Hitzeaktionsplänen kann variieren und hängt oft stark vom Engagement von Einzelpersonen ab“, sagt Betül Türkeri, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Institut für Urbanistik. „Hier braucht es noch mehr Verbindlichkeit und Einheitlichkeit.“ Außerdem würden Kommunen häufig finanzielle und personelle Ausstattung fehlen, um wirksame Schritte umzusetzen, so Türkeri. Ein idealer Hitzeaktionsplan bestehe aus einem Mix aus kurz-, mittel- und langfristigen Maßnahmen, die regelmäßig zu überprüfen und anzupassen seien, und lege Verantwortlichkeiten fest.

Dass Städte vermehrt über Hitzeschutz nachdenken müssen, ist eine Folge des Klimawandels. Durch ihn nehmen Extremwetter wie Hitzewellen zu. Dabei erfüllen Klimaschutz und Klimaanpassungen wie Hitzevorsorge unterschiedliche Aufgaben: Klimaschutz soll verhindern, dass die Erde sich weiter aufheizt. Mit Klimaanpassungen wie Hitzevorsorge sollen Menschen vor den Auswirkungen des Klimawandels geschützt werden. Etwa mithilfe schattiger Plätze, Trinkwasserangebote oder Hitzewarnsysteme. Beides gehört zusammen: Ohne wirksamen Klimaschutz werden Hitzewellen häufiger und intensiver. Ohne gute Vorsorge werden ihre Folgen für die Bevölkerung gravierender – Wissenschaftler prognostizieren unter anderem, dass mehr Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Hitzschlag, Atemwegserkrankungen kämpfen werden und die Zahl der Hitzetoten steigen könnte.

Ein Hitzeaktionsplan allein reicht nicht

Konzepte für die Anpassung an den Klimawandel auszuarbeiten, ist in Deutschland gesetzlich vorgeschrieben. Das sogenannte Klimaanpassungsgesetz trat 2024 in Kraft. Der Bund hat keine genaueren Vorgaben ausgearbeitet, welche Maßnahmen die einzelnen Kreise und Gemeinden entwickeln sollen. Stattdessen geben die Länder vor, wo welche Konzepte gebraucht werden und bis wann diese ausgearbeitet sein sollen.

Die Recherche zeigt auch: Nicht jede Stadt ohne Hitzeaktionsplan schützt ihre Bevölkerung nicht. Und umgekehrt ist ein vorhandenes Konzept noch kein Beleg für wirksamen Hitzeschutz. Was eine Stadt widerstandsfähiger gegen Hitze macht, ist längst bekannt: Dazu gehören entsiegelte Plätze, mehr Bäume und Schatten, Trinkwasserbrunnen, begrünte Dächer und Fassaden sowie Gebäude, die sich weniger aufheizen. Hinzu kommen Hitzewarnsysteme, Karten kühler Orte und gezielte Unterstützung für besonders gefährdete Menschen – etwa ältere Menschen, Kranke, kleine Kinder, Schwangere oder Wohnungslose.

Ein Hitzeaktionsplan kann all das bündeln und koordinieren. Er ist aber kein Selbstzweck. Erst wenn aus Zuständigkeiten Trinkbrunnen werden, aus Karten schattige Aufenthaltsorte und aus Warnungen konkrete Hilfe, wird aus einem Plan tatsächlich Schutz vor Hitze.

Hier finden Bürgerinnen und Bürger kühle Orte

Mehrere Städte stellen inzwischen digitale Karten mit schattigen Plätzen, Trinkwasserbrunnen, oder klimatisierten Gebäuden oder anderen kühlen Orten Aufenthaltsorten bereit:

Die Karten ersetzen zwar keine langfristige Hitze-Vorsorge, können aber an besonders heißen Tagen eine wichtige Orientierung bieten.

Redaktion: Elena Müller
Redigatur & Faktencheck: Anna Kassin