Klimawandel

Wie die Gaslobby von der Heizungsreform profitiert

Das Wirtschaftsministerium plant ein Gesetz zur Grüngasquote. Die nun öffentlich gewordenen Eckpunkte zeigen erneut: Die Quote könnte den Abschied von fossilen Heizungen verzögern – und Heizen für Millionen Haushalte verteuern.

von Katarina Huth, Elena Kolb

Erdgasspeicher Bierwang im Landkreis Muehldorf am Inn .
Kritikerinnen und Kritiker sehen in der Grüngasquote ein Konzept, das der Gaslobby zugutekommt und den Ausstieg aus Gasheizungen und Gasnetzen verzögern könnte.(Foto: picture alliance / SVEN SIMON | Frank Hoermann / SVEN SIMON)

Es klingt nach Klimaschutz, könnte aber vor allem für die Gaswirtschaft ein lukratives Geschäft werden: die Grüngasquote. Sie soll dafür sorgen, dass künftig mehr Biomethan, Wasserstoff und andere alternative Gase verkauft werden. Das Problem: Diese angeblichen „grünen“ Gase sind knapp, teuer und nicht unbedingt klimafreundlich. Für Menschen, die mit Gas heizen, könnte es deshalb teuer werden. Die Gaswirtschaft hingegen könnte ihr bisheriges Geschäft mit Hilfe der Quote verlängern.

Die Bundesregierung setzt damit einen Wunsch der Gaslobby um, für den sie seit Jahren wirbt.

Die Eckpunkte für das Grüngasquoten-Gesetz sind seit gestern öffentlich. Daraus geht hervor, dass die Quote nur langsam ansteigen soll. Ab 2028 sollen Gasversorger dem Gas, das sie einspeisen, ein Prozent sogenannte grüne Gase beimischen. Bis 2045 soll die Quote auf 100 Prozent steigen. Ab diesem Jahr muss Deutschland klimaneutral sein. Die Fragen danach, woher diese grünen Gase kommen und wie viel sie kosten sollen, werden in dem Eckpunkte-Papier nicht beantwortet. Neu ist auch die Information, dass die Quote nicht verbindlich sein soll. Wird die Quote nicht erreicht, sollen Unternehmen das mit Zahlungen ausgleichen dürfen. 

Till Irmisch vom Umweltinstitut München sagt gegenüber CORRECTIV dazu: „Das Gesetz macht keinen Sinn – man kann das kaum als Klimaschutz bezeichnen.“ Das Problem liege weniger in den neuen Details als in der grundsätzlichen Idee. Es gebe schlicht nicht genügend grüne Gase und klimaneutral seien diese auch nicht automatisch. „Dieses Grundproblem kann die Regierung mit den neuen Eckpunkten nicht auflösen“, sagt Irmisch. In den Eckpunkten fehlten weiterhin konkrete Zahlen zur Klimaschutzwirkung und außerdem dazu, wie viel die grünen Gase kosten sollen. „Am Ende führt die Grüngasquote vor allem dazu, dass die Kosten für Verbraucherinnen und Verbraucher steigen, weil das Gasnetz dadurch künstlich am Leben gehalten wird“, so Irmisch.

„Diese Eckpunkte zeigen: Die Bundesregierung hat weiterhin keinen Plan für die Grüngasquote“, sagt Alaa Alhamwi CORRECTIV, Berichterstatter für die Grünen im Bundestag, zum Heizungsgesetz. Sie verwässere die Quote sogar noch weiter durch einen „Freikauf“ bei Nichterfüllung. Offen bleibe auch, wer die Quote kontrollieren solle. Dabei „müsste längst klar sein, dass angesichts der Energiepreiskrise das Festhalten an Öl und Gas der falsche Weg ist“, so Alhamwi. 

Gaslobby wirbt seit Jahren für die Grüngasquote

Die Idee der Grüngasquote ist nicht neu. Seit Jahren wirbt die Gaswirtschaft für eine solche Quote. Der Öffentlichkeit wurde das Konzept im Februar dieses Jahres bekannt. Damals präsentierte die Bundesregierung ihre Änderungen am Gebäudemodernisierungsgesetz – umgangssprachlich bekannt als „Heizungsgesetz“. Während sie die bisherige Vorgabe strich, neue Heizungen überwiegend mit erneuerbaren Energien zu betreiben, sollen nun schrittweise mehr alternative Brennstoffe zum Einsatz kommen.

Neben dem Umweltinstitut München kritisieren auch weitere Umweltorganisationen die neue Gasquote. Sie sehen darin einen Freifahrtschein für die Gaswirtschaft, um die Wärmewende aufzuschieben. Denn die Branche argumentiert damit, dass nicht die Erdgasheizung verschwinden müsse, sondern lediglich der Brennstoff klimafreundlicher werden solle. Das mindert die Dringlichkeit, von Gasheizungen und Gasnetzen loszukommen.

Selbst innerhalb der Energiewirtschaft ist die Quote umstritten. Der Energiekonzern Eon sprach sich im Juni dieses Jahres ausdrücklich gegen eine gesetzliche Grüngasquote im Gebäudebereich aus. In einer Stellungnahme an Bundesregierung und Bundestag warnte der Konzern vor steigenden Netzentgelten, zusätzlichen Milliardenkosten für die Gasinfrastruktur und falschen Anreizen, weiter auf Gasheizungen zu setzen. Besonders Mieterinnen und Mieter könnten darunter leiden, weil sie ihre Heizungsart nicht selbst wählen können.

Doppelte Kostenfalle für Gaskundinnen und -kunden

Dabei gibt es viele offene Fragen zur Umsetzung der Grüngasquote. Einerseits sind die sogenannten grünen Gase nicht unbedingt klimafreundlich. Das hängt sehr von ihrer Herstellung ab. Außerdem ist unklar, ob es genügend grüne Gase gibt. Laut mehreren Energie- und Umweltverbänden seien die Gase knapp und teuer. Expertinnen raten deshalb davon ab, sie für die Heizungen von Privatpersonen zu benutzen, und lieber dort einzusetzen, wo es kaum Alternativen gibt – wie in Teilen der Industrie.

Für Haushalte könnte die Quote gleich doppelt teuer werden: Denn Gasversorger dürften die höheren Kosten für grüne Gase teilweise an ihre Kundinnen und Kunden weitergeben. Wer weiter mit Gas heizt, muss dann tiefer in die Tasche greifen.

Und es droht eine zweite Kostenfalle: Je mehr Menschen ihre Gasheizung gegen eine Wärmepumpe austauschen oder auf Fernwärme umsteigen, desto weniger Haushalte bleiben am Gasnetz. Doch die Leitungen müssen weiter gewartet und finanziert werden – auch wenn immer weniger Gas hindurchfließt. Die Kosten verteilen sich dann auf immer weniger Haushalte. Wer als Letzter am Gasnetz hängt, könnte am Ende besonders viel bezahlen.

Grüne Gase sind nicht automatisch klimafreundich

Ihr Name suggeriert, dass grüne Gase klimafreundlich seien. Das ist nicht automatisch richtig. Dabei kommt es stark auf die Herstellung an. Beispielsweise ist Biomethan nur dann fürs Klima unschädlich, wenn dafür Reste wie Biomüll verwendet werden. Wenn dafür allerdings Mais angebaut werden muss, verschlechtert sich die Klima-Bilanz erheblich. 

Erdgas selbst ist fatal für den Klimaschutz, denn es besteht fast vollständig aus Methan. Seine Klimaschädlichkeit wird häufig unterschätzt. Kurzfristig gesehen ist es rund 80-mal klimaschädlicher als CO₂.

Am Ende kommt die Grüngasquote vor allem der Gaswirtschaft zugute. Der Verband „Die Gas- und Wasserstoffwirtschaft“ veröffentlichte dazu schon 2025 eine Studie und 2024 ein Positionspapier. Der Verband, früher „Zukunft Gas“, zählt zu den größten Lobbyorganisationen der Branche. Seine Mitarbeiter haben teils gute Verbindungen in die Politik. Einer seiner Cheflobbyisten, Bengt Bergt, arbeitete früher als SPD-Bundespolitiker und setzte sich schon damals für die Grüngasquote ein. Welchen Einfluss die Gas- und Wasserstoffwirtschaft genau auf das Heizungsgesetz nahm, ist allerdings unklar, denn das Wirtschaftsministerium mauert bei der Veröffentlichung der Lobbykontakte seiner Mitarbeiter, wie CORRECTIV berichtete.

Redigat und Faktencheck: Stella Hesch

Vielleicht kennen Sie das. Die AfD scheint schier unaufhaltsam. Genauso wie der Rechtsruck in ganz Europa. Dazu kommt: Die Situation zuletzt in Ceuta, Krieg im Iran, Frieden ist in der Ukraine noch lange nicht in Sicht und gerade erst haben wir einen Sommer mit einem Rekord an Hitzetoten in Deutschland hinter uns. Von den unfassbaren Waldbränden in Europa will ich gar nicht erst anfangen.

Manchmal möchte man da schon den Kopf in den Sand stecken. Noch eine Krise. Noch eine schlechte Nachricht. Noch eine Debatte, bei der man sich fragt: Wo soll das alles hinführen? Ich glaube, ich spreche für viele, wenn ich sage: An vielen Tagen hat man einfach keinen Bock mehr. Vielleicht kennen auch Sie das Gefühl. Damit sind Sie nicht allein!

Wir von CORRECTIV wollen uns diesem Gefühl nicht länger hingeben. Denn so kann es nicht weitergehen. Deshalb haben wir uns eine neue Aktion ausgedacht und wir glauben, es ist genau das, was wir jetzt brauchen: Gemeinsam mit Ihnen wollen wir 42.000 Mutmeter gehen.

Mutmeter bedeuten für uns: aktiv zu werden und gemeinsam etwas zu schaffen, auf das wir stolz sein können. Gemeinsam setzen wir ein demokratisches Ausrufezeichen in einer extremen Zeit. Wie bei einem Marathon geht es nicht darum, wer am schnellsten ist. Es geht darum, überhaupt loszugehen. Meter für Meter. Schritt für Schritt.