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CORRECTIV bleibt auch nach der ersten Veröffentlichung einer Geschichte am Thema dran. Wir recherchieren weiter, wir aktualisieren und veröffentlichen Einzel- oder Folgeartikel. Diese finden Sie hier.

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Ungerechte Arbeit

Der Bundesländer-Vergleich: In NRW gibt es die meisten, in Sachsen-Anhalt die wenigsten Minijobber

Speziell für Nerds: Hier findest Du mehr Daten also Du verarbeiten kannst. Wie viele Minijobber gibt es in Deinem Bundesland? In welchem Landkreis sind es besonders viele, in welcher Gemeinde am meisten?

von Tania Röttger , Simon Wörpel

Wir haben die Daten für Dich nach Bundesland kompakt und übersichtlich aufbereitet. Die Balken zeigen die Verteilung von Minijobs unter Männern und Frauen. Wenn Du auf das Balkendiagramm klickst, werden Dir Details über das Bundesland angezeigt. Unter anderem eine grafische Ansicht der Landkreise, die herunter geladen werden kann. Ebenso die Zahlen der Minijobber pro Landkreis und Gemeinde, jeweils nach Arbeitsort und nach Wohnort.

Die Daten geben Auskunft darüber, wie alt die Minijobber sind, ob männlich oder weiblich, ob sie den Minijob als Nebenjob oder als einzigen Job machen, an welchem Ort sie wohnen, und an welchem Ort sie arbeiten. Dadurch lassen sich zum Beispiel Arbeitgeber vor Ort finden, die viele Minijobber beschäftigen.

Alle Minijobber in Deutschland pro Bundesland

Klicke auf einen Balken, um Daten auf Kreis- oder Gemeindeebene für Dein Bundesland herunterzuladen. Eine Beschreibung der Daten findest Du unter dieser Grafik.

Über die Daten

Tabellarische Daten (CSV)

Die heruntergeladenen Dateien lassen sich mit einem gängigen Tabellenkalkulations-Programm wie Microsoft Excel öffnen. Für jeden Kreis oder jede Gemeinde finden Sie dort Daten zu Einwohnerzahlen (insgesamt, männlich, weiblich) sowie zu den Minijobbern (Spalten, die mit „mj_“ beginnen). Hierbei wird zwischen zwei Zählungen unterschieden:

  • „am Wohnort“ gibt an, wie viele Minijobber ihren Wohnsitz in dem entsprechenden Kreis oder der jeweiligen Gemeinde haben, unabhängig davon, ob sie dort arbeiten oder woanders.
  • „am Arbeitsort“ gibt an, wie viele Minijobber im entsprechenden Ort arbeitend gemeldet sind, unabhängig davon, ob sie dort auch ihren Wohnsitz haben. Das kann dazu führen, dass in bestimmten Orten Deutschlands mehr Minijobber arbeitend gemeldet sind als dort Menschen wohnen. Hier finden Sie eine Auswahl von Gemeinden, in denen sehr viele Minijobber arbeitend gemeldet sind.

Außerdem ist für jeden Ort der allgemeine Gemeindeschlüssel (AGS) angegeben, sodass Sie mit diesen Daten eigene Visualisierungen bauen können. Hier finden Sie ein Video-Tutorial darüber, wie Sie ohne Programmierkenntnisse eine Karte aus solchen Daten erstellen.

Geo-Daten (GeoJSON)

Diese Dateien enthalten die gleichen Daten wie die oben beschriebenen Tabellen, sind jedoch direkt für die Weiterverarbeitung für interaktive Karten-Tools gedacht.

Aktualität

Stichtag der Daten auf Kreisebene ist 30.06.2016, für Gemeindeebene: 31.12.2015

Um mehr über die lokalen Besonderheiten zu erfahren, können Sie sich sich an die zuständige Arbeitsagentur wenden. Der Arbeitgeberservice weiß, wo in der Gegend Minijobber arbeiten. Die Gleichstellungsbeauftragten haben in ihren Beratungsstunden oft mit Minijobbern zu tun. Fragen Sie auch bei den Jobcentern nach, Minijobber die dort registriert sind haben oft andere Erfahrungen als die von der Arbeitsagentur.

Beratungsveranstaltungen für Minijobber finden regelmäßig von verschiedenen Veranstaltern in ganz Deutschland statt. Wann und wo steht hier.

Mitarbeit: Sandhya Kambhampati


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CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung unserer Fördermitglieder realisiert. Jetzt spenden!


Unterkünfte von Erntehelferinnen in der spanischen Region Huelva: das Land diskutiert jetzt über ihre Arbeitsbedingungen.© Stefania Prandi

Ungerechte Arbeit

Spanien debattiert nach CORRECTIV-Recherche über Missbrauch von Erntehelferinnen

Unsere Recherche über die sexuelle Ausbeutung von Erntehelferinnen schlägt in Spanien hohe Wellen. Agrarverbände und Gewerkschaften weisen die Vorwürfe zurück. Politiker und Medien greifen die Berichterstattung auf.

weiterlesen 4 Minuten

von Niklas Trinkhaus , Pascale Müller , Stefania Prandi

Wochenlang reisten die Journalistinnen Pascale Müller und Stefania Prandi durch Spanien, Marokko und Italien und haben über sexuelle Gewalt recherchiert: gegen die Frauen, die in diesen Ländern das Obst und Gemüse pflücken, das in europäischen Supermärkten landet. Nach der Recherche ist der sexuelle Missbrauch in Huelva, der wichtigsten Anbauregion für das „rote Gold“, weit verbreitet. Ein weiteres Ergebnis der Recherche in Spanien: das Land verdient am Export von Erdbeeren, schweigt aber über den Missbrauch der Frauen.

Die gemeinsamen Recherche von CORRECTIV, „BuzzFeed News“ und dem „RTL Nachtjournal“ hat jetzt eine Debatte in Gang gesetzt.

Die Branche selbst weist die Vorwürfe zurück. Die wichtigsten Agrarverbände und die beiden größten Gewerkschaften Spaniens (CCOO und UGT) widersprechen in einer gemeinsamen Erklärung den Ergebnissen der Recherche.

„Wir haben keinerlei Kenntnisse von Anzeigen oder juristischen Verfahren in Zusammenhang mit mutmaßlichen sexuellem Missbrauch auf den Erdbeerfeldern“, heißt es in der Erklärung vom Dienstag.

Die Angst der Betroffenen sich an die Justiz zu wenden, ist ein wichtiges Ergebnis der Recherche. Daher sind wenige Fälle aktenkundig und das Ausmaß der Probleme ist schwer abzuschätzen. Die Recherche in Spanien beruht auf Gesprächen mit mehr als 100 Erntehelferinnen, viele von ihnen aus Marokko. 28 von ihnen geben an, dass sie körperlich sexuell belästigt oder vergewaltigt wurden.

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Auf den fehlenden Zugang dieser Frauen zur spanischen Justiz geht die Erklärung nicht weiter ein. Stattdessen sorgen sich die Organisationen um den Ruf der für die Region wichtigen Erdbeerproduktion. „Wir können daher nicht akzeptieren, dass der ganze Sektor verallgemeinert dargestellt wird, was selbstverständlich einen Schaden für die Gesamtheit von Personen, Arbeitern, Produzenten, Händler, Transporteure verursacht, die ihn bilden. Und der auf dem Markt mit den Erdbeeren anderer Länder konkurriert.“

„Dramatische Situation“

Isabel Salud, Abgeordnete des linken Bündnisses Izquierda Unida, thematisierte die Recherchen im spanischen Parlament. Sie fragte, welche Daten die Regierung zu den Missständen vorliegen habe und ob es Untersuchungen der Vorfälle in der Region Huelva gebe. „Welche Maßnahmen sieht die Regierung angesichts der dramatischen Situation der Gastarbeiterinnen in ländlichen Gebieten vor, um die Arbeiterinnen in Huelva zu unterstützen?“, fragte Salud.

Auch spanische Medien greifen die Recherche auf, zum Beispiel die Zeitung „La Mar de Onuba“. Die Zeitung zitiert Pastora Cordero, eine Gewerkschafterin aus Andalusien. Sie sagte der Zeitung: „Es gibt Menschen, die das Problem direkt vor sich haben und nicht in der Lage sind, es zu sehen. Denn um es zu sehen, bedarf es Geschlechtersensibilität“.

Die Gewerkschafterin will bei der Gewerkschaft CCOO in der Provinz Huelva das Thema jetzt auf die Agenda setzen. Die Zeitung verweist allerdings auch auf Stimmen, die die Veröffentlichung als Teil einer Schmutzkampagne gegen die Region sehen. Dahinter sollen angeblich Organisationen stecken, „die daran interessiert sind auf dem internationalen Markt mit den Erdbeeren aus Huelva zu konkurrieren“.

Marokko kündigt Untersuchung an

Auch in Marokko gibt es eine Reaktion auf die Recherche: das marokkanische Arbeitsministerium hat in einer Pressemitteilung angekündigt, dass eine spanisch-marokkanische Delegation in der vergangenen Woche die Arbeitsbedingungen der marokkanischen Erntehelferinnen in Huelva untersucht hat. CORRECTIV hat das Ministerium nach den Ergebnissen dieses Besuchs gefragt, Antworten liegen noch nicht vor.

Marokko ist selbst Exporteur von Obst und Gemüse nach Europa. In der wichtigsten Anbauregion im Süden des Landes, Souss-Massa, werden Kirschtomaten vor allem für den europäischen Export produziert. Auch hier ist laut der Recherche der sexuelle Missbrauch von Frauen verbreitet. Anders als in Spanien setzten sich Gewerkschaften jedoch für die Frauen auf den Feldern ein. CORRECTIV hat das Arbeitsministerium auch hierzu um Stellungnahme gebeten.

Kirchliche Wohlfahrtskonzerne sprechen von Vergebung und Nächstenliebe, handeln aber in der Praxis immer wieder mit fragwürdigen Methoden.© Odd Andersen /AFP

Ungerechte Arbeit

Wenig Transparenz, fehlende Aufsicht: Die Sonderrechte der kirchlichen Unternehmen

Trotz mehrerer Finanzskandale genießt der zweitgrößte Arbeitgeber Deutschlands, die Kirche, weiterhin erhebliche Sonderrechte. Das kann nicht nur teuer für den Steuerzahler werden, sondern verzerrt auch den Wettbewerb. Ist das noch gerechtfertigt?

von Kiyo Dörrer

Am 11. Oktober um 6 Uhr morgens wagten rund 50 Beschäftigte des katholischen Klinikums im saarländischen Ottweiler einen Tabubruch: Sie streikten für einen gewerkschaftlichen Tarifvertrag.

Es ist der erste Streik seiner Art, denn Beschäftigte von kirchlichen Trägern dürfen eigentlich nicht streiken. Ebenso wenig steht den Mitarbeitern ein gewerkschaftlicher Tarifvertrag zu. Zwei von vielen Ausnahmeregelungen, die für kirchliche Mitarbeiter und für ihre Arbeitgeber gelten.

Kirchliche Arbeitgeber sind längst Big Player in der deutschen Wirtschaft. Die Kirchen besitzen milliardenschwere Konzerne und beschäftigen insgesamt 1,3 Millionen Mitarbeiter, betreiben zwei Drittel der Krankenhäuser und tausende von Pflegeeinrichtungen. Trotzdem unterscheiden sie sich deutlich von ihren gewerblichen oder weltlichen Konkurrenten: Sie werden vom Staat besonders, und oft auch bevorzugt behandelt – mit Hilfe von öffentlichen Geldern. Ist das noch gerechtfertigt?

Historisch verwurzelte Sonderstellung und jüngste Skandale

Zwei jüngste Recherchen von CORRECTIV innerhalb der Diakonie zeigen, welche Probleme das Fehlen von Kontrollmechanismen bei Wohlfahrtskonzernen verursachen kann. Der Fall Bethel: in dem freikirchlichen Diakoniewerk hatte sich ein angestellter Manager unbemerkt den gesamten Konzern unter den Nagel gerissen. Es gibt Hinweise, dass er ein Jahresgehalt von rund 700.000 Euro bezieht. Er kaufte sich zudem eine Villa aus dem Besitz des Diakoniewerkes zu günstigen Konditionen. Bethel äußert sich bis heute nicht zu den Vorwürfen.

Der zweite Fall ist von seiner Tragweite nicht vergleichbar, verdeutlicht aber ebenfalls das grundsätzliche Problem: der Verein Oberlinhaus, ein Betreiber von sozialen Einrichtungen und einer großen Klinik in Potsdam, schweigt zu seinen Finanzen. Das sorgt für Unsicherheit unter den Mitarbeitern im Wohlfahrtskonzern.

Die Sonderstellung der Kirchen geht bis auf die Weimarer Verfassung zurück und besitzt bis heute weitgehend Gültigkeit. Laut aktueller Gesetzgebung steht den Kirchen ein Selbstbestimmungsrecht zu. Das erlaubt ihnen, ihre Finanzen und Geschäftstätigkeiten im großen Maße selbst zu organisieren und zu verwalten, ohne dass ihnen dabei jemand auf die Finger schaut. Zudem gewährt ihr Status als gemeinnützige Organisation ihnen massive Steuererleichterungen.

So können kirchliche Träger mit öffentlichen Geldern wie Sozial- und Krankenversicherungsbeiträgen haushalten, und müssen weder innerhalb der eigenen Organisation noch – je nach Rechtsform – gegenüber der Öffentlichkeit Rechenschaft abgeben. Das gilt auch für nicht-konfessionelle gemeinnützige Organisationen. „Das ist eine Black Box“, so Rupert Strachwitz, Direktor des Maecenata-Instituts für Philanthropie und Zivilgesellschaft. Strachwitz ist seit über zwanzig Jahren beratend im Stiftungswesen aktiv. Für ihn ist diese Intransparenz längst nicht mehr zeitgemäß.

Fehlende Transparenz

Vereine und Stiftungen müssen keine Bilanzen veröffentlichen. Die Mutterkonzerne von kirchlichen Trägern haben oft noch diese Rechtsform: Viele von ihnen haben sich historisch gesehen aus kleinen Stiftungen oder Vereinen zu großen Konzernen entwickelt. Gleichzeitig haben die Kontrollgremien von diesen Organisationsformen oft wenig Schlagkraft.

Auch das Oberlinhaus in Potsdam hat an der Spitze einen Verein stehen. Von außen ist nicht erkennbar, wie es der Mutter geht und wofür Geld ausgegeben wird. Der Vorstand beruft sich auf sein Recht, ein Verein müsse keinen Jahresabschluss veröffentlichen. Weil der Konzern seinen Jahresabschluss nicht veröffentlicht, kann vieles nicht überprüft werden: die Kosten für das Führungspersonal und die Verwaltung zum Beispiel. Oder die Ausgaben für externe Berater, oder die Immobiliengeschäfte des Konzerns.

Obwohl also die Beitrags- und Steuerzahler diese Organisationen mitfinanzieren, wird die Öffentlichkeit größtenteils darüber im Dunkeln gelassen, wie mit ihrem Geld gehaushaltet wird. Dazu gehört auch, dass unklar bleibt, ob wirklich in Projekte investiert wird, die Sinn machen. Oder wie viel Geld statt dem Gemeinwohl zu dienen in den Taschen von Managern landet.

Die kirchlichen Trägerverbände von Diakonie und Caritas haben zwar eigene Transparenzrichtlinien, verbindlich sind diese aber nicht. „Die Standards enthalten keine Durchgriffsrechte oder Möglichkeiten zu sanktionieren, sie sind eigentlich nur Empfehlungen“, sagt Benjamin von der Ahe, Berater bei Phineo, einem Analyse- und Beratungshaus für gemeinnützige Organisationen. „Die einzelnen, rechtlich selbständigen Träger können prinzipiell machen, was sie wollen.“

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CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung unserer Fördermitglieder realisiert. Jetzt spenden!

Unternehmen wie die große norddeutsche Paul Gerhardt Diakonie sind eine der wenigen Ausnahmen im Geschäft, die freiwillig deutlich transparenter sind als vom Gesetzgeber gefordert. Der Gesundheitskonzern beschäftigt rund 5.000 Mitarbeiter bei einer Konzern-Bilanzsumme von 588 Millionen Euro. Veröffentlicht werden die Namen der Aufsichtsräte, ein Konzernabschluss (als PDF) für den Verein, der an der Spitze des Konzerns steht. Das ist eine Seltenheit. Von der Ahe schätzt, dass lediglich zwischen 10 und 20 Prozent der gemeinnützigen Träger genügend Transparenz schaffen. Selbst die Vorstandsgehälter werden in der Paul Gerhardt Diakonie – immerhin als Gesamtsumme – veröffentlicht. Im Jahr 2016 erhielten drei Vorstände zusammen 906.000 Euro.

Fehlende Transparenz betrifft auch noch ganz andere kirchliche Einrichtungen. Über kirchliche Stiftungen ist so gut wie gar nichts bekannt. Nicht einmal ihre Anzahl. Schätzungen gehen von zehntausenden Stiftungen aus. Auch die katholischen Bistümer schweigen sich über ihr Vermögen aus. CORRECTIV hat deswegen im Zusammenhang mit einer Recherche über klimaschädliche Anlagen das Erzbistum Köln auf Auskunft verklagt.

Vertrauen statt Aufsicht

Durch fehlende Transparenz und nicht vorhandene Sanktionsmöglichkeiten kann also keine Kontrolle von außen ausgeübt werden. Innerhalb des Unternehmens gibt es bei gemeinnützigen Trägern zudem nur eingeschränkt Kontrollgremien. Ein Aufsichtsrat wie bei einem privatwirtschaftlichen Unternehmen ist nicht verpflichtend, und das obwohl die gemeinnützigen Unternehmen häufig nur sehr wenig von ihren weltlichen Konkurrenten unterscheidet.

Eine Regelung, die Beitrags- und Steuerzahlern viel Geld kosten kann: Um die Jahrtausendwende flog beispielsweise auf, dass ein damaliger Manager der Caritas Trägergesellschaft Trier Millionenbeträge veruntreut hatte. Möglich wurde der Betrug dadurch, dass der leitende Angestellte nur vom damaligen Bischof des Erzbistums kontrolliert wurde, der dem Manager jedoch offenbar blind vertraute.

Im Diakoniewerk Bethel sitzen seit 2015 nur noch Diakonissen im hochbetagten Alter im Aufsichtsrat. Die Herren, die vorher im Kontrollgremium saßen, wurden vom Unternehmen einmal im Jahr zu luxuriösen Städtereisen eingeladen. Am Ende brachte der Manager Karl Behle das Diakoniewerk auch unter Kontrolle, weil der Aufsichtsrat des Gesundheitskonzerns nicht hinsah.

Streikverbot und keine Betriebsräte

Eine absolute Ausnahmestellung haben die kirchlichen Unternehmen im Punkt Arbeitsrecht. Bei konfessionellen Institutionen darf nicht gestreikt werden, gewerkschaftliche Tarife sind äußerst selten, Betriebsräte gibt es nicht. Den Streikenden in Ottweiler drohen zum Beispiel arbeitsrechtliche Konsequenzen. Die Begründung: Ein Arbeitskampf sei nicht mit dem Dienst am Nächsten vereinbar.

Statt gewerkschaftlichen Tarifen gibt es eigene kirchliche Tarife, statt einem Betriebsrat eine mit Arbeitnehmern besetzte, aber weniger mächtige Mitarbeitervertretung. Das bedeutet nicht, dass die Arbeitnehmer komplett auf sich alleine gestellt sind: Bei evangelischen Trägern ähnelt die Mitarbeitervertretung einem privatwirtschaftlichen Betriebsrat sehr. Die Mitarbeiterbeteiligung ist bei kirchlichen Einrichtungen oft höher als in der Privatwirtschaft. Beim katholischen Pendant hat aber bei Streitigkeiten der Bischof das letzte Wort.

Kritiker bemängeln, dass diese Sonderbehandlung unfaire Vorteile gegenüber den Konkurrenten darstellt. „Ohne Streikrecht lässt es sich besser wirtschaften“, so der Autor und Kirchenkritiker Carsten Frerk. Die fehlenden Tarifverträge führten Frerk und weiteren Experten zufolge zu unterdurchschnittlichen Löhnen bei kirchlichen Unternehmen. Andere Beobachter betonen, dass die Kirchen nicht am schlechtesten bezahlen. Verlässliche Zahlen zu den unterschiedlichen Tarifen und Arbeitsbedingungen sind jedoch schwer zu finden.

In einem Krankenhaus des Diakoniewerks Bethel arbeiten Mitarbeiter eine Stunde umsonst. Zeitweise unterschrieben mehr als die Hälfte der Krankenhaus-Belegschaft diese Sondervereinbarung. Der zuständige Diakonie-Landesverband sah darin zwar einen Verstoß gegen die Arbeitsvertragsrichtlinien des Verbandes, unmittelbare Konsequenzen hatte das Vergehen aber nicht.

Dass sich an Sonderstellung für kirchliche Arbeitgeber in der nächsten Zeit etwas ändern wird, ist unwahrscheinlich. Erst 2014 bestätigte das Bundesverfassungsgericht erneut das Selbstbestimmungsrecht der Kirchen. In Sachen Transparenz und Aufsicht sind sich jedoch viele Experten einig: „Diese Black Box ist nicht mehr haltbar“, so Strachwitz vom Maecenata-Institut. „Mit freiwilligen Richtlinien klappt es nicht, wir brauchen gesetzliche Regelungen. Aber ob oder wann das passiert, darüber kann ich nur orakeln.“


Aktualisierung 21. November: In der ursprünglichen Version dieses Artikel wurde an einigen Stellen nicht immer klar differenziert zwischen Sonderrechten exklusiv für kirchliche Organisationen und Regeln, die für alle Konzerne gelten, die aber viele kirchliche Unternehmen betrifft. Das haben wir nun deutlicher formuliert. So hieß es in einem Absatz „Das kirchliche Selbstbestimmungsrecht hat nicht nur bei kirchlichen Wohlfahrtskonzernen fehlende Transparenz zur Folge.“ Die aktualisierte Formulierung lautet: „Fehlende Transparenz betrifft auch noch ganz andere kirchliche Einrichtungen.“

Aktualisierung 22. November: In einer ersten Version hieß es, Mitarbeitervertretungen seien paritätisch besetzt. Richtig ist, dass in eine MAV ausschließlich Mitarbeiter gewählt werden.

Die Pizzaverkäuferin Shantel Walker kämpft auf einer Demo für einen höheren Mindestlohn.© Fast Food Justice

Ungerechte Arbeit

15 Dollar mindestens

Einige Bundesstaaten in den USA wollen den Mindestlohn schrittweise verdoppeln. Mit dem „Fight for 15“ gibt es eine soziale Bewegung, an der sich die Opposition gegen Donald Trump wieder aufrichten könnte. Doch warum ausgerechnet 15 Dollar?

weiterlesen 12 Minuten

von Justus von Daniels

Diese Reportage erschien auch auf ZeitOnline.

Als Shantel Walker, Pizzaverkäuferin aus New York, 2012 gegen ihren Hungerlohn auf die Straße geht, ahnte sie nicht, dass fünf Jahre später eine der größten Handelsketten der USA ihrer Forderung folgen wird.

In den USA feiert eine soziale Bewegung überraschende Erfolge. Ihr geht es um den „Fight for 15“, den Kampf um 15 Dollar pro Stunde. Das wäre einer der höchsten Mindestlöhne weltweit. Und was irrwitzig klingt, erweist sich als durchaus realistisch. Der Mindestlohn ist das neue Symbolthema und könnte sogar die oppositionellen Demokraten wieder mobilisieren.

Das liegt auch an der Fast-Food-Verkäuferin Walker, einem Milliardär und einer Pflegerin aus Boston.

„Mein Chef interessiert sich nicht, dass ich keinen Cent sparen kann. Nichts für Möbel, nichts für meine Rente. Jeder Tag ist ein Kampf für mich“, erzählt die 35-jährige Pizzaverkäuferin Walker.

Mein Chef interessiert sich nicht, dass ich keinen Cent sparen kann. Nichts für Möbel, nichts für meine Rente. Jeder Tag ist ein Kampf für mich.

Die West Avenue in Brooklyn ist ein Viertel mit großen Wohnsilos. Von dort fährt Walker jeden morgen eine halbe Stunde zu ihrer „Papa John“-Filiale, die Fast Food Pizza anbietet.

7,50 Dollar bekam Walker, 900 Dollar sind das im Monat. Das sind 25 Cent mehr als der staatliche Mindestlohn, der USA-weit gilt. In den USA gibt es schon seit einem Jahrhundert einen Mindestlohn.

Immerhin hat Walker eine eigene Wohnung. „Ich kenne Kollegen, die im Obdachlosenheim schlafen und morgens eine Stunde zur Arbeit fahren. Um acht Stunden pro Tag Pizzen über den Tresen zu schieben“, erzählt sie im Interview. In New York kostet eine Einzimmerwohnung im Durchschnitt so viel wie ihr Monatslohn.

Ihr Arbeitgeber „Papa John“ ist ein Pizza-Riese in den USA, eine Franchise-Kette mit einem Umsatz von 1,6 Milliarden Dollar. Der Chef der Kette, John Schnatter, war Anfang des Jahres stolz auf „ein neues Jahr mit Rekordeinnahmen“.

Eine Frau unterschreibt eine Petition an einem Tisch.

Shantel Walker unterschreibt eine Petition.

Fast Food Justice

Walker fand es nicht fair, wie sie behandelt wurde. Sie traf sich mit anderen Kollegen, denen es genauso ging und gründete die Gruppe „Fast Food Forward“. Walker erzählt, wie sie zuerst mit 200 Fast-Food-Verkäufern demonstrierte – am Ende standen 2012 auf einem großen Platz in New York, dem Union Square, 3.000 Leute zusammen. Sie weiß zu dem Zeitpunkt nicht, ob ihr am nächsten Tag gekündigt wird. Aber es war ihr auch egal: „Wenn Du so wenig verdienst, kümmert es Dich nicht, wenn Du deshalb fliegst.“

Viele Angestellte in der Fast-Food-Branche sind nicht in einer Gewerkschaft. So wenig wie Lagerarbeiter, Pfleger oder Reinigungskräfte. Sie arbeiten oft allein oder in kleinen Einheiten. Gewerkschaften, die es gewohnt sind, große Gruppen in Fabriken oder Büros zu organisieren, haben bei Dienstleistern einen schweren Stand.

Auch in Deutschland wächst die Dienstleistungsbranche, aber es sind vor allem schlecht bezahlte Jobs. Onlinehandel, Kuriere, Pfleger, Reinigungskräfte. Es sind dieselben Branchen wie in den USA, in denen oft nicht mehr oder sogar weniger als die gesetzliche Untergrenze von 8,84 Euro in Deutschland bezahlt wird. Sie sind darauf angewiesen, dass der Staat Unternehmen zwingt, Löhne zu bezahlen, die das Überleben sichern.

Aber was ist, wenn diese Untergrenze nicht ausreicht, um die Lebenskosten zu bezahlen? Der Kampf in den USA zeigt, wie um eine Erhöhung des Mindestlohns gestritten wird, wenn er einmal eingeführt wurde.

An Supermarktkassen packen Angestellte Tüten für dei Kunden ein.

In den USA packen Arbeiter Tüten im Supermarkt ein – zu Hungerlöhnen. Sie hoffen auf die 15 Dollar.

Justus von Daniels

Onlinehandel profitiert von Niedriglöhnen

Viele Arbeitgeber in den USA wehren sich. Als „unstillbaren Hunger“ bezeichnet Bill Rennie, Vertreter des Einzelhandelsverbandes im Bundesstaat Massachusetts, die Forderungen nach höheren gesetzlichen Lohngrenzen. „Wir hatten dieses Jahr erst eine Erhöhung auf 11 Dollar. Jetzt sollen es 15 werden. Wo soll das aufhören?“, fragt er.

Wir hatten dieses Jahr erst eine Erhöhung auf 11 Dollar. Jetzt sollen es 15 werden. Wo soll das aufhören?

Es sei ein Desaster für die kleinen Läden, die schon mit dem Onlinehandel kämpfen müssten. Die Mindestlohn-Gegner führen oft an, dass kleine Betriebe die Lohnkosten nicht mehr zahlen könnten. Was Rennie nicht sagt: Die Onlinehändler, mit denen Läden konkurrieren, zahlen ihren Lagerarbeitern mit die schlechtesten Löhne und können deswegen ihre Preise drücken.

Auch die Politik tut sich schwer. Im Senat von Massachusetts ist der Demokrat Paul Brodeur der Vorsitzende des Ausschusses für Arbeit. Er ist eher zurückhaltend. „Grundsätzlich halte ich das für eine gute Idee“, sagt der Senator. In Massachusetts gelten die Demokraten, die dort traditionell die Mehrheit haben, als konservativ. Aber Brodeur fürchtet den Aufstand der lokalen Wirtschaft. Er würde die Lohnfindung am liebsten dem Markt überlassen.

Der Milliardär aus Seattle

Doch es geht auch anders. In Seattle, auf der anderen Seite der USA am Pazifik, lebt der Milliardär Nick Hanauer. Er ist einer der ersten Amazon-Investoren und ein Gewinner des Internetbooms. Mittlerweile hat er seine Amazon-Anteile verkauft, investiert seine Milliarden in Startups von Onlinediensten bis neue Energien. Und er kämpft für den Mindestlohn.

Er sieht sich selbst als Vorkämpfer der neuen Arbeiterbewegung. Weil die Politik in Washington die Verkäufer, Lagerarbeiter, Pflegekräfte seit Jahren hängen lässt, zieht Hanauer von Stadt zu Stadt, von Bundesstaat zu Bundesstaat, um für einen zufrieden stellenden Mindestlohn zu werben. „Für die Firmen gibt es immer einen Grund, nicht zu bezahlen.“ Um die in Washington regierenden Republikaner kümmert er sich nicht, denn sie sind es, die eine Erhöhung seit Jahren blockieren. Weil sie wollen, dass sich der Staat aus der Wirtschaft raushält.

Hanauer hat eine einfache Theorie: „Wenn die Löhne rauf gehen, wird auch mehr gekauft. Das hilft am Ende allen.“ Hungerlöhne zu bezahlen, sei kurzsichtig und sozialer Sprengstoff, sagt Hanauer. Hanauer finanziert „15 Now“, eine Kampagne, die genauso wie der „Fight for 15“ für einen Mindestlohn von 15 Dollar wirbt.

Wenn die Löhne rauf gehen, wird auch mehr gekauft. Das hilft am Ende allen.

Hanauer erzählt, wie er 2013 den Bürgermeister der Kleinstadt SeaTac in der Nähe von Seattle von 15 Dollar überzeugt hat. Kurz darauf beschloss auch die Metropole Seattle den höheren Mindestlohn.

Mehrere Bundesstaaten, vor allem die wirtschaftsstarken, haben mittlerweile das Ziel angepeilt, einen Mindestlohn von 15 Dollar schrittweise zu erreichen. 19 Staaten haben den Lohn in den letzten fünf Jahren schon ein wenig angehoben. In Kalifornien gelten die 15 Dollar ab 2022. Bald könnte das auch im Bundesstaat Massachusetts so sein.

Pflege ganz unten

Annie Bell ist eine Pflegerin aus Boston, Massachusetts. Die 79-jährige arbeitet immer noch, weil ihre Rente, die sie für ihre Arbeit in einer Gelatinefabrik erhält, nicht reicht. An einem Spätsommertag hat sie 100 selbstgemachte Gelantinepuddings in der Küche stehen. „Für die Kinder in der Nachbarschaft. Der Zusammenhalt in unserem Häuserblock ist wichtig.“ Boston ist ein teures Pflaster, Bell wohnt hinter einer Autobahn im Stadtteil Roxbury.

Annie Bell

Die Pflegerin Annie Bell macht Pudding für die Nachbarskinder – und ist Vorkämpferin für einen höheren Mindestlohn.

Justus von Daniels

Sie ist bei einem Hauspflegedienst angestellt und kümmert sich um eine 75-jährige Frau, die allein zu Hause lebt.

Morgens hebt die Pflegerin die vier Jahre jüngere Frau aus dem Bett in den Rollstuhl, wäscht sie, kauft ein, fährt mit ihr zum Arzt, legt sie mittags wieder ins Bett. Dann übernimmt eine Kollegin. „Ich will nicht nur pflegen, ich will auch da sein für meine Patientin. Aber die Arbeit ist körperlich sehr anstrengend.“

Für die Arbeit bekam sie sogar etwas mehr als den Mindestlohn, exakt 10,48 Dollar pro Stunde. „Es kann doch nicht sein, dass die Hilfe für Menschen zu den am schlechtesten bezahlten Jobs überhaupt gehört.“

Es kann doch nicht sein, dass die Hilfe für Menschen zu den am schlechtesten bezahlten Jobs überhaupt gehört.

Weil Bell das ungerecht fand, ging sie zur Gewerkschaft SEIU. Das ist die Dienstleistungsgewerkschaft, die die Forderungen der „Fight for 15“ Gruppen sichtbar und populär gemacht macht. Im ganzen Land entstanden unter dem Namen „Fight for 15“ Gruppen, die aus unterschiedlichsten Lagern zusammen kamen, neben der Gewerkschaft vor allem aus Kirchenvereinen und Verbraucherorganisationen. Bell organisierte innerhalb der SEIU eine Gruppe von Pflegern. Sie haben erreicht, dass Pfleger in Boston ab kommendem Jahr 15 Dollar pro Stunde bekommen.

Weil Bell schon Rentnerin ist, kommt es ihr beim Arbeiten nicht auf jede Minute an. Sie sitzt auch mal länger mit Ihrer Patientin zusammen. „Ich kenne viele Pfleger, die noch einen zweiten Job haben, die müssen dann weiter hetzen“.

Oft hören Pfleger nach zwei Jahren wieder auf, weil sie das nicht mehr schaffen. Am Ende werden die Alten schlecht gepflegt, weil die Pfleger schlecht bezahlt werden. Die Amerikaner spüren, welcher soziale Sprengstoff mit den geringen Löhnen verbunden ist.

Die USA sind nicht gerade für ihr Sozialsystem bekannt. Die drei – Shantel Walker, Annie Bell und Nick Hanauer – stellen einiges auf den Kopf. Trotz Trump. Oder vielleicht auch gerade gegen Trump.

Eine neue Strategie in der Opposition?

Die ungleichen Löhne spalten die Gesellschaft immer mehr. Auf der einen Seite die satten Gehälter der Tech-Branche, Banker und Anwälte, die sicheren Beamtengehälter, die regelmäßigen Lohnsteigerungen bei Facharbeitern. Zumindest dort, wo Gewerkschaften verhandeln.

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Dort die Unterschicht, denen man in den USA nicht vielmehr als 7 Dollar oder 8,84 Euro in Deutschland zahlen muss. Mit dem Mindestlohn kommen Amerikaner im Jahr nicht über 10.000 Dollar. Und das trotz 8-Stunden-Tag. 50 Millionen Amerikaner gelten als arm. Die Hälfte von ihnen hat nicht mehr als 7.000 Dollar im Jahr zur Verfügung. Ihnen versucht Trump einzureden, dass der Welthandel schuld an ihrere Misere ist und nicht die Arbeitsbedingungen in den USA.

Die Forderung nach den 15 Dollar Mindestlohn ist zur Zeit das politische Projekt, auf das sich viele Amerikaner einigen können. Die demokratische Partei sucht nach der verlorenen Präsidentenwahl nun ihre Richtung. Der Senator Bernie Sanders, der als Linker nur knapp gegen Hillary Clinton im Vorwahlkampf verloren hat, fordert 15 Dollar. Vor ein paar Monaten beschloss die Parteiführung in Washington, die Forderung in ihr Programm aufzunehmen.

Dieser Kampf könnte der Beginn einer neuen Strategie der Opposition sein: Wenn Reformen in Washington nicht möglich sind, dann eben von Stadt zu Stadt oder Staat zu Staat. „Eine ironische Wendung“ nennen Politikexperten in den USA so etwas. Üblicherweise fordern die Republikaner mehr Freiheiten für die Bundesstaaten. Die Kampagnen für den Mindestlohn zeigen, dass jetzt progressive Projekte auf der lokalen Ebene verwirklicht werden – an der US-Regierung vorbei.

Passt nicht ins System

In den USA gibt es den Mindestlohn schon seit einem Jahrhundert. 1969 lag er bei etwas über einem einem Dollar. Wenn man das Verhältnis von damals auf heute hochrechnen würde, müsste der Mindestlohn bei 12 Dollar liegen. Allerdings ist da noch nicht die Produktivitätssteigerung der Wirtschaft mit eingerechnet. Dann läge er sogar bei 25 Dollar. 25 Dollar mindestens: eine Horrorvorstellung für Unternehmer.

Für Ökonomen passt der Mindestlohn nicht in ihre Denkweise. Löhne werden zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern ausgehandelt. Ein staatlich verordneter Lohn kostet Arbeitsplätze. So denken viele Ökonomen.

David Autor ist einer der bekanntesten Wirtschaftsprofessoren der USA am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und sieht die Lage etwas entspannter: „Es gibt keinen Beleg, dass der Mindestlohn, so wie es ihn gibt, negative Effekte auf Arbeitsplätze hat.“ Er sieht zwar auch keine ökonomische Begründung für den Mindestlohn. Der Wirtschaftswissenschaftler sagt: „Man kann Löhne gesetzlich anheben, um Menschen aus der Armut zu bringen, wenn es die Wirtschaft selbst nicht leistet.“ Solange es nicht dazu führe, dass mehr Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren.

Ein Wandbild, auf dem eine Demonstration für höhere Löhne aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts dargestellt ist.

„Mural Art“ in der Arbeiterstadt Lynn nahe Boston. Das Wandbild erinnert an die Arbeiterkämpfe, damals ging es um 2 Dollar, heute um 15.

Justus von Daniels

Zu viel oder zu wenig

Nur was ist das richtige Maß? In Deutschland setzt sich eine siebenköpfige Kommission aus Arbeitnehmern und Arbeitgeber und Wissenschaftlern alle zwei Jahre zusammen. In der letzten Runde kam eine Steigerung um 34 Cent heraus. Das sind vier Prozent in zwei Jahren. Die Pflegekräfte haben sogar einen eigenen Mindestlohn, der derzeit bei etwa 11 Euro liegt. Reicht das, während die Wirtschaft wächst und die Gewinne der Firmen steigen?

Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis für die richtige Höhe. Für Shantel Walker war 15 eine gute Zahl, für die sie eintreten konnte. Für die Kampagne „Fight for 15“ ist die Zahl ein deutliches Signal, dass Menschen aus der Armut kommen sollen. Am Ende ist es eine politische Entscheidung, wie hoch der Midnestlohn angesetzt wird. Selbst Ökonomen wie David Autor halten 15 Dollar für gerechtfertigt, weil es eine deutliche Steigerung ist, und dennoch nicht 25 Dollar betrage, wie einige Ökonomen errechnet haben. Ein Kompromiss.

„Zeit für 15“

Die Gewerkschaft SEIU tritt für Verkäufer, Pfleger und Lagerarbeiter ein. Ihr Chef in Boston, Harris Gruman, sagt, dass es Zeit für 15 Dollar sei. „Dann sind wir auf einem anständigen Niveau.“ Von dort könne man die Erhöhung in Zukunft automatisch an die Inflation anpassen, sagt Gruman.

Die Gewerkschaft und die Bürgerbewegungen planen für 2018 einen Bürgerentscheid in Massachusetts. Bei einem Erfolg kämen die 15 Dollar auf die Tagesordnung des Parlamentes. Das dürfte die konservativ eingestellten Demokraten in Massachusetts ins Schwitzen bringen. Denn die Demokraten haben es ja jetzt im Programm.

Handelsriese geht voran

Vor allem: Die Wirtschaft schafft selbst Fakten. Im September kündigte Target, der zweitgrößte Discounter der USA mit einem Umsatz von 73 Milliarden Dollar und über 300.000 Mitarbeitern, an, seinen Mindestlohn auf 15 Dollar zu anzuheben. Selbst die Händler-Lobbyisten dürften von dieser Nachricht überrascht gewesen sein. Die Botschaft von Shantel Walker ist angekommen.

Die Pizza-Verkäuferin Walker hat ihren Job nicht verloren, nur weil sie auf eine Demonstration ging. Sie arbeitet immer noch bei Papa John. Mittlerweile für 12 Dollar. „Das hilft, um aus der Armut zu kommen“, sagt sie.

Und bald werden es 15 Dollar sein. Denn nachdem sie vor dem versammelten Stadtrat New Yorks stand, als Vertreterin der Fast-Food-Arbeiter, und sagte: „Jetzt erzähle ich Ihnen mal, wie es den Arbeitern geht“, hat die Stadt am Ende einen Mindestlohn von 15 Dollar beschlossen, der ab 2019 gelten wird.

 

Mindestlohn in Deutschland

Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) forderte jüngst in einem Interview mit dem „Spiegel“, den Mindestlohn in Deutschland deutlich anzuheben, auf 12 Euro pro Stunde. Damit niemand, der Vollzeit arbeite, im Alter auf öffentliche Hilfe angewiesen sei, so Scholz.

In Deutschland wurde ein Mindestlohn erstmals 2015 eingeführt. Arbeitnehmer erhalten seitdem mindestens 8,50 Euro pro Stunde. Das entspricht etwa einem Monatsgehalt von 1200 Euro brutto.

2017 wurde der Mindestlohn auf 8,84 Euro erhöht. Für bestimmte Branchen gelten höhere Mindestlöhne. Pfleger erhalten zum Beispiel mindestens 10,55 Euro ab 2018. Im Baugewerbe sind es mindestens 11,30 Euro.

Ob und wie der Mindestlohn erhöht wird, darüber entscheidet alle zwei Jahre eine Kommission. Dort sitzen drei Gewerkschafter sowie drei Arbeitgebervertreter und als siebtes Mitglied der Vorsitzende, zur Zeit ein ehemaliger Vorstand von RWE. Zwei Wissenschaftler, darunter der Chef des ifo-Institutes Clemens Fuest, beraten die Kommission.

Die höheren Branchenlöhne werden direkt zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern verhandelt.

Es gibt immer wieder Skandale, wie Arbeitgeber den Mindestlohn unterwandern. Wir berichteten über frisierte Stundenzettel im Taxigewerbe.

40 Stunden saubermachen bringen 400 Euro im Monat ein - brutto wie netto. Eine Rente sichert sich Susanne Rülfing damit nicht.© Ivo Mayr

Ungerechte Arbeit

„Reinigen ist ein schönes, angenehmes Arbeiten“

Auch in NRW verführt das Ehegattensplitting Frauen in Minijobs und macht sie finanziell abhängig von ihren Ehemännern. Zum Beispiel Susanne Rülfing aus Recklinghausen. Aber sie sagt, es sei gut so, sie sagt: „Ich kenne niemanden, der unglücklich mit seinem Minijob ist“

von Simon Wörpel , Anna Mayr

An Susanne Rülfings linker Hand presst ein goldener Ehering ihren Finger zusammen. 34 Jahre ist es her, dass er ihr angesteckt wurde, seitdem hat sie ihn nicht abgenommen. Ihr Finger veränderte sich, der Ring blieb, wo er war. Und klemmt nun dort die Haut ein. Ringe sind ein Symbol, auch hier. Die Ehe gab den Rahmen vor, Susanne Rülfing hat sich arrangiert.

Jeden Tag um 17 Uhr stülpt sie sich Gummihandschuhe über und putzt die Verwaltung einer Müllverbrennungsanlage in Recklinghausen. „Mein Bereich sind 17 Büros, zwei Besprechungsräume, eine Küche, Toiletten, die Podeste von zwei Treppenhäusern, ein Flur, zwei Kopierräume“, sagt sie. Zwei Stunden hat sie Zeit, pro Tag, dann muss alles sauber sein. Macht zehn Stunden die Woche und 40 pro Monat. Das ist ihr Minijob. Rülfing wird nach Tarif bezahlt und verdient zehn Euro in der Stunde, brutto wie netto.

Wer Susanne Rülfing kennenlernt, lernt das Ruhrgebiet kennen. Dunkle kurze Haare, Jeans, auf der Hülle ihres Smartphones fliegt ein Vogelschwarm gen Himmel. Ihr Vater war Bergmann, die Mutter SPD-Ratsmitglied. Der Ehemann ist Kraftfahrer. Sie haben ein Einfamilienhaus in Recklinghausen mit kleinem Garten, alles noch nicht abbezahlt. Die vier Kinder haben Abitur gemacht und dann Ausbildungen. Wenn Rülfing in Rente geht, werden ihr die Erziehungsjahre angerechnet und die kurze Zeit, in der sie „auf Steuerkarte“ gearbeitet hat.

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„Ich kenne niemanden, der unglücklich mit seinem Minijob ist“, sagt Susanne Rülfing.

Foto: privat

„Viel wird das nicht sein“, sagt sie. „Vielleicht 200 Euro.“ Aus einem Minijob entstehen kaum Rentenansprüche. Aus einer Ehe schon eher. Wenn ihr Mann sich scheiden lässt, hat Rülfing Anspruch auf die Hälfte seiner Rente. Etwas über 1200 Euro wird er bekommen – für ein Leben zu zweit gerade genug. Abhängig fühlt sie sich trotzdem nicht. „Ich treffe hier im Haus die Entscheidungen“, sagt sie. Er bringt das Geld, sie verwaltet es. Das ist die Abmachung: „In einer Ehe muss jeder was von seinem Ego wegstecken.“

Das Wegstecken begann nach ihrer Ausbildung zur Friseurin. Der Betrieb übernahm sie nicht, ein Jahr lang bekam sie Arbeitslosengeld. Irgendwann wollte sie nicht länger auf eine freie Stelle in einem Friseursalon warten. „Dann haben wir gesagt, dass wir jetzt auch eine Familie gründen können.“ Rülfing war 21, als ihr erster Sohn zur Welt kam.

„Ich kenne niemanden, der unglücklich mit seinem Minijob ist“, sagt sie. „Im Job ist alles okay. Das Reinigen ist ein schönes, angenehmes Arbeiten.“ Ein Tarifvertrag, bezahlter Urlaub und Kollegen, die einen guten Feierabend wünschen. „Nur das Drumherum könnte besser sein.“

Besonders in den ländlichen Regionen in NRW ist der Minijob häufig der einzige Job, den die Frau macht: Im Kreis Olpe bleiben 16,5 Prozent der Frauen länger als fünf Jahre im Minijob. Die Erklärung: Das traditionelle Familienbild ist auf dem Land noch stärker ausgeprägt. Der Mann ernährt, die Frau verdient hinzu.

Hier wohnen die Minijobber in NRW

Wer auf dem Land lebt, macht häufiger einen Minijob als in den Städteregionen wie Rhein/Ruhr

Aufschlüsselung der Daten nach Gemeinden, bezogen auf den Wohnort der Minijobber.

Daten: Statistiken der Arbeitsagentur, zum Download

Marissa Klockner, Beraterin bei der Agentur für Arbeit im Sauerland, bestätigt das: Viele Frauen blieben dort für die Kindererziehung bis zu 15 Jahre lang zuhause. Frauen, die danach wieder einsteigen wollen, können Maßnahmen und Weiterbildungen machen. „Aber wenn jemand sich auf dem Minijob ausruht und damit zufrieden gibt, dann können wir auch nichts tun“, sagt Klockner. Zudem sind auf dem Land oft die Fahrtzeiten länger, kommen die Busse seltener – vor allem Frauen haben dann keine Zeit für eine Teilzeitstelle, weil sie sich um die Kinder kümmern müssen, anstatt im Linienbus zu sitzen.

Neben dem Sofa und im Flur des Hauses, in dem Susanne Rülfing seit 15 Jahren wohnt, hängen Bilder der vier Kinder, von denen zwei schon ausgezogen sind. Am linken Arm, zwischen Ellenbogen und Handgelenk, hat Rülfing sich ein Tattoo stechen lassen: Ein Herz, drumherum ranken sich die Namen und Geburtsdaten der Kinder. David, Patrick, Sarah, Kimberly. Sie sind ihr Lebenswerk. „Erziehung hört nicht nach drei Jahren auf“, sagt sie. Wenn Kindererziehung bei der Rente mehr anerkannt werden würde, wäre sie ein bisschen weniger auf ihren Mann angewiesen.

Für Männer können Minijobs das Sprungbrett in eine Vollzeitstelle sein. Für Frauen hingegen sind Minijobs Treibsand. In Deutschland machen mehr als zwei Millionen Frauen zwischen 25 und 65 ausschließlich einen Minijob. Gegenüber rund 800.000 Männern. Zudem bleiben Frauen deutlich länger in ihren Minijobs. Frauen, die ausschließlich einen Minijob haben, sind oft verheiratet. Er hat das Haupteinkommen, sie verdient etwas dazu.

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So haben die Frauen Zeit für die Kindererziehung, machen sich allerdings finanziell abhängig. „Ein Minijob hat kurzfristige Vorteile, aber langfristige Nachteile“, sagt die Arbeitsmarktforscherin Karin Jährling von der Universität Duisburg-Essen. „Man erwirbt keine eigenen Ansprüche in der Alterssicherung, nur über die Ehe.“ Aus einem Minijob entstehen keine Rentenansprüche, außer man zahlt freiwillig in die Rentenkasse ein. Doch bei einem monatlichen Gehalt von etwa 450 Euro sind die wenigsten bereit, noch etwas davon abzugeben.

Wenn sich Teilzeitarbeit nicht lohnt

Für viele Frauen lohnt es sich nicht, eine Teilzeitstelle anzunehmen und damit eigene Rentenansprüche zu bekommen. Schuld ist das Ehegattensplitting. Susanne Rülfings Kinder sind alle erwachsen. Sie hätte Zeit für eine Halbtagsstelle, für ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis. Könnte, wie sie es nennt, „auf Steuerkarte arbeiten“. Doch da fängt das Problem an – bei den Steuern.

In Deutschland gilt das Ehegattensplitting: Der Partner, der weniger verdient, hat die schlechtere Steuerklasse. Als Rülfing einmal ihre Stunden aufstockte, musste sie von den rund 900 Euro, die sie verdiente, etwa 400 Euro für Versicherungen und Steuern abgeben. Damit blieb ihr kaum mehr Netto als bei ihrem im Minijob. „Da habe ich die Notbremse gezogen“, sagt sie. „Ich habe meiner Chefin gesagt, dass ich von der Steuerkarte wieder runter will.“

Susanne Rülfing erinnert sich an eine Rede der Bundeskanzlerin im Fernsehen. Angela Merkel sagte, dass sich Leistung in Deutschland wieder lohnen solle. Rülfings Leistung hatte sich nicht gelohnt.

Ihren derzeitigen Minijob macht Rülfing seit sechs Jahren. Viele Frauen bleiben über Jahre hinweg Minijobberinnen. In der Statistik der Arbeitsagentur sieht die Lage besser aus, dort ist die durchschnittliche Verweilzeit im Minijob etwa 900 Tage. Weil darin nur erfasst wird, wie lange jemand bei seinem jeweiligen Arbeitgeber angestellt ist.

Alle paar Jahre schreibt die Firma, deren Büros Rülfing putzt, den Reinigungsdienst neu aus. Personaldienstleister können dann ein Angebot machen, das beste bekommt den Auftrag. Danach erhalten alle Reinigungskräfte eine Kündigung vom bisherigen Personaldienstleister, anschließend einen neuen Arbeitsvertrag vom neuen. Die Arbeit bleibt dieselbe, die Frauen bleiben dieselben – doch in der Statistik sieht es aus, als hätten die Minijobberinnen den Absprung geschafft. Dabei bedeutet jeder neue Arbeitsvertrag eine neue Probezeit, kürzere Kündigungsfristen, Vertrauensverlust. Letztes Jahr wurde eine von Rülfings Kolleginnen in der Probezeit gekündigt – nach 17 Jahren im gleichen Job.

Ost-West-Vergleich: Dauer der Minijob-Verhältnisse in NRW und Brandenburg

Vor allem Frauen in ländlichen Regionen in NRW machen ihren Minijob überdurchschnittlich lange.

Daten: Statistik der Minijob-Zentrale: Geringfügig entlohnte Beschäftigungsverhältnisse im Gewerblichen Bereich nach der Beschäftigungsdauer, aufgeschlüsselt nach Kreisen und kreisfreien Städten für Nordrhein-Westfalen und Brandenburg. Stand: 31.12.2016

Mitarbeit: Tania Röttger, Sandhya Kambhampati
Datenvisualisierung: Simon Wörpel


Kellnerin auf dem Oktoberfest. In der Gastronomie sind sehr viele Männer und Frauen geringfügig beschäftigt.© Joe Klamar / AFP

Ungerechte Arbeit

Mehr als die Hälfte aller Beschäftigten in Restaurants und Cafes sind Minijobber. Wem nützt das eigentlich?

Minijobs sind ein Geschenk für Arbeitgeber: Sie führen dazu, dass sie stets auf ein flexibles Heer von Arbeitnehmern zurückgreifen können. Kein Wunder, dass Branchenvertreter dafür kämpfen, dass Minijobs weiterhin existieren. Wie zeigen die Branchen, in denen die meisten Minijobber arbeiten.

von Tania Röttger , Simon Wörpel

Das Stichwort, das die Branchenverbände gern verwenden, lautet: „Auftragsspitzen“. Eine Auftragsspitze liegt zum Beispiel vor, wenn nachts  am Wochenende Würstchen gebraten werden müssen. Wenn die Biergärten plötzlich voll sind. Wenn ein Rockfestival stattfindet. Wenn Menschen in der Adventszeit in die Läden strömen.  

Der Bundesverband der Arbeitgeber mag deshalb Minijobs. Sie seien unerlässlich für Betriebe, bei denen Nachfrage und Öffnungszeiten stark schwanken. Und ohne den Brutto-gleich-Netto-Anreiz hätten es viele Betriebe schwer, überhaupt Arbeitskräfte zu finden.

Minijobber und sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in den größten Branchen

Allergisch gegen Minijob-Kritik

Auf Kritik am Minijob reagiere man „sehr allergisch“, sagt Ingrid Hartges, Geschäftsführerin des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga. 1999 entzog die rot-grüne Bundesregierung einem Teil der Minijobs die Steuerfreiheit. Wer einen Minijob als Nebenjob machte, musste diesen Lohn von nun an versteuern. Das führte zu Aufruhr. Über Nacht, so eine Dehoga-Sprecherin, seien in ihrer Branche 100.000 Stellen verloren gegangen. 

Auch der Bundesverband deutscher Zeitungsverleger startete eine Kampagne gegen das Gesetz von Rot-Grün – kein Wunder, beschäftigen die Verlage doch rund 150.000 Minijobber als Zeitungsausträger. 

Die Arbeitgeber setzten sich durch: Im Zuge der Agenda 2010 wurde die alte Regelung wieder eingeführt. Bereits 2004 überstieg die Anzahl der Minijobber die Marke von sieben Millionen. Dort ist sie seither geblieben.

Verstöße gegen Arbeitsrecht

Die Unternehmen profitieren nicht nur von dem Riesenheer stets verfügbarer Arbeitnehmer. Manche profitieren auch auf illegale Weise. Etwa, indem sie Minijobbern bezahlten Urlaub, Lohn an Feiertagen, Lohn im Krankheitsfall oder die Teilnahme an Weiterbildungen verweigern. An die 40 Prozent der Minijobber erhalten keinen Lohn, wenn sie krank sind, und kein Geld, wenn sie mal Urlaub haben, fand das Leibniz-Institut in Nordrhein-Westfalen heraus. Ganz zu schweigen davon, dass rund 15 Prozent der Minijobber dort keinen Mindestlohn erhalten.

Die Bundesregierung hat erkannt, dass sie etwas gegen die Rechtsverstöße tun muss. Im Koalitionsvertrag von 2013 steht, dass Minijobber stärker über ihre Rechte aufgeklärt werden sollen.

Thorsten Vennebusch von der Minijobzentrale zeigt das Ergebnis: einen Flyer, der allen Minijobbern zugeschickt wird, wenn sie eine Stelle antreten. Darin steht, dass Minijobber die gleichen Rechte wie andere Arbeitnehmer haben. Dass sie bezahlten Urlaub bekommen sollen und ihren Lohn auch dann, wenn sie krank sind.

Aber: So, wie die Bundesregierung es formuliert hat, ist es die Verantwortung der Minijobber, ihre Rechte einzufordern. Claudia Weinkopf, die an der Universität Duisburg-Essen zu Arbeitsthemen forscht, findet das „ziemlich schräg“. Sie fragt: „Warum werden denn nicht die Arbeitgeber stärker über ihre Pflichten informiert?“

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Kein Wunder, dass die Praxis anders aussieht. Dass viele Minijobber nicht das bekommen, was ihnen zusteht.

Natasza Ormian, 40 Jahre alt, arbeitet seit zwei Jahren als Minijobberin in der Nähe von Berlin in einem Mode-Outlet. Sie erfuhr in einer Beratungsstelle, dass ihr Urlaubs- und Krankengeld zusteht. Mit einem Zettel, der die Rechtslage erklärt, traute sie sich zu ihrem Chef. Der telefonierte erstmal herum, um herauszufinden, wie andere Läden das mit den Minijobbern machen. Nach einigem Hin und Her habe er ihr schließlich das Urlaubsgeld zugesichert. Er gab ihr das Gefühl: Es geschehe aus gutem Willen. Ihrem Kollegen, ebenfalls Minijobber, habe der Chef gesagt, es gebe keinen bezahlten Urlaub.

Minijobberin Natasza Ormian: Urlaubsgeld als Gnadenakt

Minijobberin Natasza Ormian: Urlaubsgeld als Gnadenakt

Tania Röttger / Correctiv

Kritik an Minijobs

Ein Arbeitgeber-Verband kritisiert Minijobs: „Minijobs sind teuer und unflexibel“, sagt Johannes Bungart, Geschäftsführer vom Verband der Gebäudereiniger. Unflexibel deshalb, weil die Mitarbeiter penibel darauf achteten, nicht mehr als 450 Euro im Monat zu verdienen. Denn sonst müssten sie Steuern bezahlen. Und teuer, weil die Abgaben für Arbeitgeber zehn Prozent höher liegen als bei regulär versteuerten Jobs. Er würde es gerne sehen, wenn Minijobs wieder abgeschafft werden. Doch dafür gebe es bisher keine Unterstützung.

Minijob-Branchen im Vergleich mit sozialversicherungspflichtigen Jobs

Wenn man die Branchen vergleicht, in denen Minijobber arbeiten, finden sich einige Besonderheiten. Zum Beispiel, dass nicht in allen Branchen gleich viele Frauen arbeiten. Ihr Anteil hängt von der Tätigkeit ab. Das gilt auch für die Ausbildung der Minijobber. Manche Branchen brauchen Minijobber mit Qualifikationen und besonderen Berufsausbildungen, in anderen ist das egal. Die Minijobber arbeiten dann als sogenannte „Helfer“ – sie üben also Tätigkeiten aus, für die man keine oder kaum Fachkenntnisse braucht. So klassifiziert es die Agentur für Arbeit. Das hat aber nichts damit zu tun, welche Ausbildung die einzelnen Mitarbeiter tatsächlich haben, es beschreibt nur die Anforderungen im Job.

In der folgenden Liste vergleichen wir: Wie viele Frauen, wie viele Helfer, wie viele Ausländer und wie viele Menschen ohne Ausbildung arbeiten in welcher Branche? Der obere Balken zeigt jeweils den Anteil der Minijobber, der untere Balken den Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten.

Anmerkung: Wir haben im dritten Absatz korrigiert, für welche Minijobs die im Jahr 1999 eingeführte Steuerpflicht galt. 

 


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Ungerechte Arbeit

Datenauswertung: So viele Frauen tappen in die Minijob-Falle

Mehr als 7,5 Millionen Menschen in Deutschland sind Mini-Jobber. CORRECTIV zeigt in einer interaktiven Karte, in welchen Regionen diese Jobs besonders verbreitet sind und wer diese Jobs ausübt. Auffallend viele Frauen in westdeutschen Kleinstädten sind darunter. Für die Betroffenen ist das oft ein Problem.

von Tania Röttger , Simon Wörpel

Minijob, das klingt erst einmal nett. Bis zu 450 Euro im Monat steuerfrei dazu verdienen. Und für viele Menschen sind Minijobs tatsächlich praktisch. Für Studenten und Rentner zum Beispiel, und für all jene, für die der Minijob eine Nebentätigkeit ist. Bundesweit arbeiten mehr als 7,5 Millionen Menschen in einem solchen Job.

Für viele aber kann er zur Falle werden. Wenn sie über Jahre nur in Minijobs arbeiten. Wenn der Minijob kein Nebenjob ist, sondern der Hauptberuf. Es ist eine Falle, in die vor allem Frauen geraten, besonders häufig Frauen in Westdeutschland. Dort, in ländlichen Gegenden, verdient bis zu jede fünfte Frau ihr Geld ausschließlich mit einem Minijob.

Viele Frauen im mittleren Alter machen ihren Minijob als einzigen Job

Frauen und Männer zwischen 25 und 65 Jahren, die einen Minijob als einzigen Job
machen, verglichen mit allen Minijobbern.
Daten, Stand: 30.06.2016

Natasza Ormian lebt in Falkensee, einem Städtchen am Berliner Stadtrand im Landkreis Havelland. Ihr Mann arbeitet beim Bundeskriminalamt, die beiden haben drei Kinder.  Gerade arbeitet Ormian in einem Mode-Outlet in der Nähe. Gern würde sie wieder halbtags arbeiten, am liebsten im Kulturbereich. Doch sie findet keine Teilzeitstellen, nur Minijobs. Durch die vielen Minijobs, die sie seit 15 Jahren macht, hat sie kaum Qualifizierungen vorzuweisen. „Wenn man so lange raus ist und dann Stellenanzeigen durchforstet – dann denkt man: Das kann ich nicht. Man weiß nicht mehr, was man kann, was man will. Man fühlt sich verloren, irgendwann.“ Sie hat selbst den Eindruck, in einer Minijob-Sackgasse gelandet zu sein.

Minijobberin Natasza Ormian. Teilzeitstellen? Fehlanzeige.

Minijobberin Natasza Ormian. Teilzeitstellen? Fehlanzeige.

Tania Röttger / Correctiv

Vor allem Frauen in Westdeutschland sind in Minijobs

Daten: Statistik der Bundesagentur für Arbeit: Geringfügig Beschäftigte nach Geschlecht und Altersgruppen,
regionale Abgrenzung nach dem Arbeitsort, eigene Berechnungen, Stand: 30.06.2016

Erstmals hat CORRECTIV die Minijob-Daten in einer interaktiven Karte aufbereitet. Sie belegt, dass Frauen Minijobs häufiger als einzigen Job machen – und dass sie ihn länger machen als Männer. Vor allem in Westdeutschland. In Ostdeutschland arbeiten Frauen oft in Voll- und Teilzeit, im Westen sei hingegen das „Zuverdienermodell“ verbreitet, sagt Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. Männer im Westen arbeiten Vollzeit, Frauen kümmern sich um Haushalt und Kinder. Und machen dazu vielleicht einen Minijob.

Zum Beispiel Vechta

Der Landkreis Vechta liegt im südlichen Niedersachsen. Es ist eine ländliche, traditionell geprägte Region. Dort sei es üblich, dass der Mann Hauptverdiener ist und seine Frau die Familienarbeit übernimmt. Zudem fehle es an Angeboten zur Kinderbetreuung, sagt Frank Halbsguth, Sprecher der dortigen Arbeitsagentur. Die Folge: 20,3 Prozent der Frauen, die zwischen 25 und 65 Jahren alt sind, machen einen Minijob.

Ähnlich ist die Lage in den westdeutschen Landkreisen Dingolfing-Landau in Ostbayern (21 Prozent), Delmenhorst (18,9 Prozent) und Emden (18 Prozent).

Ganz anders sieht es in Ostdeutschland aus. Im Saale-Holzland-Kreis in Thüringen beispielsweise arbeiten nur 3,5 Prozent der Frauen zwischen 25 und 65 ausschließlich in einem Minijob.

Brücke oder Sackgasse?

Minijobs waren einmal auch als Brücke gedacht, um nach Phasen der Kindererziehung oder Erwerbslosigkeit wieder in den Arbeitsmarkt einzusteigen. Doch gerade für verheiratete Frauen wird der Minijob zum Dauerzustand. Zur Sackgasse. Eine Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung ergab, dass zwei von drei Minijoberinnen in Nordrhein-Westfahlen verheiratet sind – und der Mann der Hauptverdiener ist. Die Frau erwirbt damit kaum eigene Rentenansprüche. Die Ehe wird „zu einem Risiko im Erwerbsverlauf von Frauen“ – dieser vernichtende Befund stand schon im Jahr 2012 in einer Studie des Familienministeriums.

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Dauerhaft nur in Minijobs zu arbeiten ist aus vielen Gründen problematisch:

  • Rente? Fehlanzeige. Wer 20 Jahre lang einen Minijob macht, erwirbt einen Rentenanspruch von monatlich rund 86 Euro. Und das nur, falls man freiwillig drei Prozent des Lohns in die Rentenkasse abgeführt hat. Nur 18 Prozent der Minijobberinnen tun das.
  • Sackgasse Minijob: Zahlen der Minjob-Zentrale belegen, dass jeder siebte Minijobber seine jetzige Tätigkeit länger als fünf Jahre verrichtet. Minijobs sind in der Regel simple Tätigkeiten, sie qualifizieren die Menschen nicht, um eine reguläre Stelle zu bekommen.
  • Unternehmen schummeln. Jeder siebte Minijobber in NRW erhält nicht den Mindestlohn, in Supermärkten, Modeläden, Restaurants. Mehr als 40 Prozent der Minijobber in NRW erhalten keinen bezahlten Urlaub oder Krankengeld. Oft wissen weder Arbeitgeber noch Minijobber, dass dies vorgeschrieben ist

„Frauen, die einmal im Minijob waren, finden nur zu einem geringen Teil den Übergang in reguläre sozialversicherungspflchtige Beschäftigungsverhältnisse“, hieß es 2012 in der Studie des Familienmisteriums zum Thema Frauen in Minijobs. Diese Tätigkeiten funktionierten nicht als Brücke, „sondern als sehr schnell wirkender Klebstoff“.

Durchschnittliche Dauer eines Minijob-Verhältnisses

Falle Ehegattensplitting

Sylvia Kuhn (Name geändert) ist 50 Jahre alt, wohnt in Wolfsburg und hat seit vielen Jahren einen Minijob – als Buchhalterin. Ihr Mann arbeitet bei VW, verdient dort gut. „Eigentlich muss ich nicht arbeiten“, sagt sie. Aber sie will, denn „irgendwann werden Kinder, Küche, Haushalt langweilig“. Für acht Stunden in der Woche bekommt sie 450 Euro im Monat. Sie hat mal mehr gearbeitet, aber das lohnte sich nicht, die Steuern fraßen den Lohn auf. Sie arbeitete doppelt so viel, verdiente aber nur 150 Euro mehr.

Wegen des Ehegattensplittings hat ihr Mann – mit dem großen Einkommen – die günstige Steuerklasse 3, sie selbst hat Steuerklasse 5. Bei der die Steuern so hoch sind, dass sich das Arbeiten kaum lohnt. Es sei denn im steuerfreien Minijob. Der Staat subventioniert das Hausfrauenmodell. Ihre freie Zeit will Kuhn jetzt in ein Ehrenamt investieren.

Berufsberaterinnen kennen solche Geschichten. Egal, ob sie für Arbeitsagenturen oder in privaten Initiativen mit Menschen sprechen, die wieder in das Berufsleben einsteigen möchten. Angelika König ist Beauftragte für Chancengleichheit in der Arbeitsagentur in Mönchengladbach, sie gibt regelmäßig Workshops für Wiedereinsteigerinnen. Viele Frauen, die in ihre Beratung kommen, lassen sich gerade scheiden. Sie haben sich jahrelang um die Kinder gekümmert, aber nicht um ihr Berufsleben. Sie haben einen Minijob, aber der Einstieg in reguläre Beschäftigung fällt schwer.

Sorgt sich Silvia Kuhn nicht um ihre Zukunft? „Doch, natürlich“, sagt sie. Aber sie hat sich informiert. Im Fall einer Scheidung würde sie einen Teil der Rente ihres Mannes bekommen, den Versorgungsausgleich. Sie müsste dann allerdings Vollzeit arbeiten. Kuhn sagt, das wäre kein Problem. Als Buchhalterin könne sie jederzeit eine volle Stelle bekommen.

Ost-West-Vergleich: Dauer der Minijob-Verhältnisse in NRW und Brandenburg

Vor allem Frauen in ländlichen Regionen in NRW machen ihren Minijob überdurchschnittlich lange.

Daten: Statistik der Minijob-Zentrale: Geringfügig entlohnte Beschäftigungsverhältnisse im Gewerblichen Bereich nach der Beschäftigungsdauer, aufgeschlüsselt nach Kreisen und kreisfreien Städten für Nordrhein-Westfalen und Brandenburg. Stand: 31.12.2016

Mitarbeit: Sandhya Kambhampati


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Ungerechte Arbeit

So viele Minijobber gibt es in Deiner Gemeinde

Für jede der rund 11.000 Städte und Gemeinden in Deutschland findest Du in unserer interativen Karte die Zahl der Minijobber. Du siehst außerdem, wie sich die Situation seit 2003 verändert hat. Je stärker ein Ort eingefärbt ist, desto höher der Anteil derjenigen, für die der Minijob die einzige bezahlte Arbeit ist.

von Tania Röttger , Simon Wörpel

Daten: Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit: “Arbeitsmarkt in Zahlen”,
eigene Berechnungen, aufgeschlüsselt nach Kreisen und Gemeinden, Stand: 31.12.2015

Anmerkung: Bei vielen Gemeinden in Ostdeutschland reichen die Daten nicht bis 2003 zurück. Dort gab es nach 2003 Gebietsreformen, bei denen die Ortsgrenzen verschoben wurden. Deshalb ist nicht die gesamte Historie nachvollziehbar.

Hier gibt es eine andere Version dieser Karte, die einzelne Gemeinden, in denen besonders viele Minijobber arbeiten, gesondert vorstellt.

Datenaufbereitung: Sandhya Kambhampati

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© PATRIK STOLLARZ / AFP

Ungerechte Arbeit

Die deutschen Minijob-Hochburgen

Schon mal gehört von Altenkirchen, Elsterheide, Föhren, Höhr-Grenzhausen, Nürburg, Sietow, Stahnsdorf, Stäbelow oder Töpen? Hier gibt es prozentual außergewöhnlich viele Minijobber. Wir erklären, wie es dazu kommt.

von Tania Röttger , Simon Wörpel

Stahnsdorf ist ein beschaulicher Ort südlich von Berlin. 15.000 Menschen leben dort – und fast 4.500 machen einen Minijob. Das steht in der Statistik der Arbeitsagentur. Der Grund: In Stahnsdorf ist Impuls One beheimatet, ein Unternehmen, das „Dienstleistung für den Handel“ anbietet. Im Jahresabschluss der Firma steht, dass sie knapp 5.000 Menschen beschäftigt,  4.200 von ihnen sind Minijobber.

Aktuell sind bei Impuls One mehr als 180 Stellen zu besetzen. Etwa: „Warenverräumer m/w im Drogeriemarkt in Dörpen“. Drei Tage die Woche, ab sieben Uhr früh, 450 Euro.

Oder ein Beispiel aus dem Norden Deutschlands: „Wir suchen ab sofort in 23562 Lübeck zuverlässige und flexible Servicekräfte (m/w) für die Warenverräumung in einem Drogeriemarkt auf Geringfügigkeitsbasis bis 450,00 €. Einsatzzeiten: Mi. ab 6 Uhr.“

Das gleiche in Reinbek bei Hamburg. „Befristung: 12 Monate (mit Übernahmemöglichkeit). Erforderliche Softskills: Auffassungsvermögen, Flexibilität, Teamfähigkeit, Zuverlässigkeit.“

Quer durchs Land bietet Impuls One solche Jobs an – und sie sind alle am Firmensitz in Stahnsdorf gemeldet. Darum die hohe Minijob-Quote von 29,7 Prozent.

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Unten, auf der Karte, haben wir weitere Ausreißer eingetragen. Samt einer Erklärung, was dort jeweils der Grund für die Quoten ist.

Im Frühjahr 2016 berichten das Magazin „stern“ und „Report Mainz“, wie das Drogerieunternehmen Rossmann Leiharbeiter anheuert: Unter anderem über Impuls One, an dem Rossmann Anteile hält. Uwe Alschner, Sprecher von Impuls One, bestätigt das. Der Grund für die Beteiligung sei, dass ein Unternehmen, das mit Dienstleistern arbeitet, Einfluss haben möchte auf die Standards, die für die Arbeiter gelten.

Rossmann möchte sich auf Anfrage nicht zu dem Thema äußern.

Ausgewählte Orte, an denen besonders viele Minijobber arbeiten

Wähle einen Ort aus der Liste aus, um zu erfahren, was dort los ist.

Daten: Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit: “Arbeitsmarkt in Zahlen”,
eigene Berechnungen, aufgeschlüsselt nach Kreisen und Gemeinden, Stand: 31.12.2015

Hier findest Du eine andere Version dieser Karte, die die Verteilung der Minijobber nach Wohnort darstellt.

Anmerkung: Bei vielen Gemeinden in Ostdeutschland reichen die Daten nicht bis 2003 zurück oder sind inkonsistent. Dort gab es nach 2003 Gebietsreformen, bei denen die Ortsgrenzen verschoben wurden. Deshalb ist nicht die gesamte Historie nachvollziehbar.

Datenaufbereitung: Sandhya Kambhampati


© Collage von Ivo Mayr / Correctiv

Ungerechte Arbeit

Der Preis der Billig-Friseure

Hairgroup ist ein Branchenriese mit rund 660 Friseursalons. Zum Unternehmen gehören Friseurketten wie Essanelle, SuperCut und HairExpress. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter berichten CORRECTIV, dass die Salons auch mal nur von Gesellen geführt werden und Beschäftigte Umsatzvorgaben erhalten. Das spart viel Geld – und ist illegal. Die Hairgroup-Geschäftsführung bestreitet die Vorwürfe.

von Ann-Kristin Schöne

Es fing vielversprechend an. 2013 begann Heike Kraft* bei der Hairgroup als Gesellin zu arbeiten, schnell stieg sie zur Salonleiterin auf. Sie war ehrgeizig, die Arbeit machte ihr Spaß, fortan schnitt sie nicht mehr nur Haare, sondern führte auch die Bücher und stellte neue Mitarbeiter ein. Sie erhielt einen Vertrag, der sie auch auf dem Papier zur Salonleiterin machte. Was sie damals nicht wusste: Er war nicht rechtens.

Denn die Handwerksordnung schreibt vor, dass jeder Friseursalon einen Meister beschäftigen muss. Oder einen Gesellen mit mindestens sechs Jahren Berufserfahrung, vier Jahren davon in leitender Stellung.

Heike Kraft hatte nach eigenen Angaben beides nicht. Trotzdem leitete sie zwischen 2014 und 2016 drei verschiedene Friseurgeschäfte der Hairgroup im Rhein-Ruhr-Gebiet. Das Unternehmen betreibt bundesweit 663 Salons mit rund 4.200 Mitarbeitern und ist einer der Branchenriesen. Zur Hairgroup gehören die Marken Essanelle, SuperCut und die Billigmarke Hairexpress. Dort kosten Schnitte bisweilen nur 13 Euro.

Elf Testanrufe und viel Fluktuation

Bis heute gibt es bei der Hairgroup offenbar Salons ohne ordnungsgemäße Leitung. Elf Testanrufe von CORRECTIV ergaben, dass bei sechs Salons die in der Handwerksrolle eingetragenen Meister nicht vor Ort waren. In vier Fällen sagten Mitarbeiter explizit am Telefon, dass die Salons gar keine Meister hätten.

Hairgroup-Geschäftsführer Dirk Wiethölter betont auf Anfrage von CORRECTIV: Sein Unternehmen halte sich an die Handwerksordnung. In der Branche gebe es aber nun mal viel Fluktuation. „Wir müssen pro Jahr durchschnittlich rund 120 Salonleiterstellen neu besetzen“, sagt Wiethölter. Die „Personalsituation“ erlaube „nicht immer, jede Vakanz sofort abstellen zu können“.

Wer geringere Personalkosten hat, kann die Preise drücken. Laut Tarifvertrag verdient ein Friseurgeselle 1.916 Euro, ein Friseurmeister 2.412 Euro brutto. Spart die Hairgroup viel Geld, indem sie nicht ausreichend qualifizierte Mitarbeiter zu Salonleitern macht? Wiethölter bestreitet das. „Ihrer Andeutung, dass es sich hierbei um ein Prinzip handeln würde, mit dem wir Geld sparen wollten, widersprechen wir entschieden“, teilt der Geschäftsführer mit.

Kontrolle auf Zuruf

2015 stand eines Morgens das Ordnungsamt bei Heike Kraft im Essanelle-Salon. Zu jener Zeit machte sie gerade ihre Meisterprüfung, war aber durch den kaufmännischen Teil gefallen. Mit anderen Worten: Das Ordnungsamt fand einen Friseurladen ohne Meister vor. Und hätte nun Bußgelder verhängen oder den Laden schließen müssen. Beides geschah nicht.

Laut zuständigem Ordnungsamt wurde am Tag der Kontrolle ein Meister für den Salon in die Handwerksrolle eingetragen. „Dadurch werden so gesehen nachträglich Fakten geschaffen“, heißt es seitens des Ordnungsamtes. In Krafts Fall hätte das Ordnungsamt erneut prüfen müssen, ob die in die Handwerksrolle eingetragene Person tatsächlich im Friseurladen arbeitet. Diese Kontrolle fand nicht statt. Kraft leitete den Salon noch mehr als ein halbes Jahr – ohne Meistertitel.

„Die Ordnungsämter haben keine Vorgaben, wann und wie oft sie die Salons kontrollieren. Oftmals kontrollieren sie nicht von sich aus, sondern sind auf Zurufe aus der Bevölkerung angewiesen“, erklärt Stephan Margreff von der Kreishandwerkerschaft Essen. Auch das Ordnungsamt, das bei Heike Kraft im Geschäft war, führe lediglich „stichprobenartig“ Kontrollen durch, bestätigt einer der Mitarbeiter.

Mehr als nur Einzelfälle

Die Hairgroup selbst berichtet, dass das Ordnungsamt 2017 einen Salon in Düsseldorf kontrolliert habe, der sechs Monate ohne Leitung gewesen sei. Daraufhin sei eine „Schließungsankündigung“ ausgesprochen worden, die aber vermieden werden konnte, da man sich um eine „rechtmäßige Leitung“ gekümmert habe. „Wir hatten vier Wochen Zeit, diesen Zustand zu regeln“, teilt Geschäftsführer Wiethölter mit. Bis heute sei gegen keinen der rund 660 Salons von irgendeinem Ordnungsamt ein Bußgeld verhängt worden.

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Was Heike Kraft berichtet, ist kein Einzelfall. Auch Tanja Dreher* hat ohne Meistertitel von November 2015 bis September 2016 als Salonleiterin in einem Hairexpress-Salon gearbeitet. In die Handwerksrolle sei ihre Kollegin eingetragen gewesen, eine Meisterin, die aber längst im Mutterschutz war. Die Angaben in der Handwerksrolle bestätigen, was sie sagt. Zeitweise betreute Dreher drei Auszubildende, auch das darf sie ohne einen Meistertitel nicht. Natürlich erhielt sie das Gehalt einer Gesellin. Obwohl sie die Aufgaben einer Meisterin übernahm.

Hairgroup dementiert

Heike Kraft hatte zeitweise die Verantwortung für drei Friseursalons inne. Die Hairgroup dementiert, dass dies Praxis ist. Krafts Chefin, die sogenannte Vertriebsmanagerin, schickte sie mal in diesen, mal in jenen Laden, erzählt Kraft. Sie habe mehrfach darauf aufmerksam gemacht, dass sie dringend mehr Personal benötige. „Irgendwann war ich nur noch krank. Ich war psychisch am Ende“, sagt Kraft. Häufig habe sie ohne Pausen durchgearbeitet, bis zur Erschöpfung. Wenn Heike Kraft heute – über ein Jahr danach – von jener Zeit erzählt, schießen ihr gleich Tränen in die Augen. „Ich habe lange mit mir gerungen, aber es ging nicht mehr.“ Sie kündigte. Und gab ihren Beruf danach auf.

Und das ist noch nicht alles. Andrea Becker, Landesfachbereichsleiterin bei Verdi NRW, sagt: „Im Friseurgewerbe kommt es immer wieder zu massiven Verstößen, was die Arbeitszeit angeht. Und das beginnt bereits bei den Auszubildenden.“ Weil im Friseurgewerbe ein knallharter Wettbewerb herrsche. „Die billigen Preisangebote können die Friseursalons nur auf Kosten ihrer Mitarbeiter machen.“

Falsches Zeitmanagement

Das zeigt die Geschichte von Paul Barth*. Er ist Friseurmeister und hat von Ende 2015 bis Ende 2016 einen Essanelle-Salon im Ruhrgebiet geleitet. Teile seines Vertrags waren – offenkundig illegale – Umsatzvorgaben. Wörtlich heißt es in dem Arbeitsvertrag: „Quantitativer Maßstab für die Erfüllung der vertraglichen Pflichten ist ein Mindest-Nettodienstleistungsumsatz in Höhe des 1,5fachen Gesamtlohnes des betreffenden Monats.“ Barth sagt: „Von der Vertriebsmanagerin kam nicht selten die Ansage, dass wir keine Pausen oder Überstunden machen sollen, damit der Umsatz stimmt.“

Oft hat Barth kurz vor Ladenschluss Kunden angenommen und so Überstunden gemacht. Die er dann nicht abrechnen durfte. Stattdessen hielt ihm die Vertriebsmanagerin vor, dass „mein Zeitmanagement nicht stimmt“. Die Überstunden für die durchgearbeiteten Pausen haben er und seine Mitarbeiterinnen häufig gar nicht erst aufgeschrieben. Barth: „Uns war schon vorher klar, dass wir diese nicht von der Vertriebsmangerin genehmigt bekommen.“

Unzulässige Umsatzvorgaben

Die Hairgroup bestreitet, ihren Mitarbeitern Umsätze vorzuschreiben. Jeder bekomme „mindestens den Mindestlohn“, darüber hinaus gebe es „zusätzliche Provisionszahlungen“ für Mitarbeiter, die überdurchschnittlich viel erwirtschafteten, wie Geschäftsführer Wiethölter mitteilt. Wer seitens der Vertriebsmanager Überstunden nicht angerechnet bekommt, könne die „nächste Führungsebene um die Klärung des Falles bitten“.

Seit dem 1. Dezember 2016 gilt ein allgemeinverbindlicher Tarifvertrag für das Friseurgewerbe in NRW. Das bedeutet, dass alle Friseursalons – unabhängig davon, ob sie sich im Arbeitgeberverband organisiert haben – die darin festgelegten Löhne zahlen und sich an die Arbeitszeiten halten müssen.

Auch Umsatzvorgaben seien unzulässig. Sven Jürgens, Fachanwalt für Arbeitsrecht, betont: „Mit solchen Umsatzvorgaben wird das Wirtschaftsrisiko auf den Arbeitnehmer abgewälzt, was falsch ist. Der Arbeitnehmer schuldet nie den Erfolg.“ Wenn keine Kunden in den Laden kommen und der Angestellte deswegen nicht den entsprechenden Umsatz erzielt, könne er dafür nicht verantwortlich gemacht werden. „Folglich ergeben sich auch keine Pflichten, die erfüllt werden müssen.“

Bei der Hairgroup scheint das Geschäft jedenfalls zu laufen — der Umsatz lag im vergangenen Jahr bei 150 Millionen Euro.

* Namen der betroffenen Mitarbeiter auf deren Wunsch geändert

© Johannes Eisele / AFP

Ungerechte Arbeit

Warum die Arbeitslosenquote nur einen Teil der Wahrheit erzählt

Der Erfolg von Arbeitsagentur und Jobcentern wird fast ausschließlich daran gemessen, wie niedrig die Arbeitslosenquote ist. Dabei ist das eine rein quantitative Zahl. Über die Nachhaltigkeit der Beschäftigungsverhältnisse gibt sie keine Auskunft. Hier hilft eine Quote, die kaum jemand kennt.

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von David Wünschel

K2E3, oder auch Nachhaltigkeit der Integrationen: So heißt im Behördensprech eine Kennzahl, die misst, wie viele Menschen ein Jahr nach einer Jobvermittlung weiterhin sozialversicherungspflichtig arbeiten. Für die Controller der Bundesagentur für Arbeit, die die Finanzen steuern, ist sie nach eigenen Angaben eine der wichtigsten Quoten, um den nachhaltigen Erfolg in der Arbeitsvermittlung zu messen.

CORRECTIV hat diese Quote für alle Jobcenter in Deutschland ausgewertet. Die Daten aktualisiert das Arbeitsministerium monatlich auf seiner Webseite. Um den Vergleich unter den Jobcentern zu vereinfachen, veröffentlichen wir die Quoten für alle 407 Jobcenter in einer Tabelle. Das Ergebnis: Bundesweit steigt die nachhaltige Integrationsquote seit fünf Jahren stetig an. Den jüngsten Erhebungen zufolge lag sie im November 2016 für Hartz-IV-Empfänger bei 67,1 Prozent. Immerhin zwei Drittel der Menschen, die morgen aus der Arbeitslosigkeit heraus eine neue Stelle antreten, haben gute Chancen, auch noch in einem Jahr beschäftigt zu sein.

Doch es gibt wesentliche Unterschiede zwischen den Jobcentern:

  • Die Quote schwankt zwischen 56,4 und 75,5 Prozent.

  • Die Jobcenter Hamm (56,4), Lindau (58,5) und Sonneberg (58,6) haben aktuell den geringsten nachhaltigen Vermittlungserfolg. Etwas mehr als die Hälfte der Vermittelten ist hier auch nach einem Jahr noch beschäftigt.

  • In elf von 407 Jobcentern ist die Quote innerhalb von zwei Jahren gesunken, entgegen dem bundesweiten positiven Trend. Im Jobcenter St. Wendel hat sich die Quote mit 4,5 Prozent am stärksten verschlechtert und liegt jetzt bei 62,2 Prozent.

K2E3 — Nachhaltigkeit der Integration

 

Wie sind diese Unterschiede zu erklären? Vermitteln manche Jobcenter die Arbeitslosen lieber schnell in einen neuen Job, statt auf Stellen zu setzen, die langfristige Beschäftigung versprechen?

Der nachhaltige Erfolg ist nicht nur von der Leistung der Jobcenter, sondern auch von äußeren Umständen abhängig, sagt Michael Preisendanz. Er leitet das Jobcenter Lindau am Bodensee. In der Stadt empfangen nur sehr wenige Männer und Frauen Hartz IV (1,0 Prozent), die Nachhaltigkeit der Integrationen liegt aber mit 58,5 Prozent deutschlandweit auf dem vorletzten Platz.

Preisendanz begründet dies damit, dass es in seinem Verwaltungsgebiet „oftmals nur befristeten Einstellungsbedarf für weniger gut qualifizierte Menschen“ gebe. Sprich: Viele Menschen werden als Zeitarbeiter eingestellt. Weil Lindau außerdem eine touristische Stadt ist, gibt es viele Stellen, die nur saisonal besetzt werden. Dadurch können viele Arbeiter in der Region nur selten langfristig beschäftigt werden.

Noch deutlich schlechter war der Wert des Jobcenters Kusel. Dort waren nur 42,5 Prozent der Ende 2013 vermittelten Kunden ein Jahr später noch beschäftigt — der mit Abstand niedrigste Wert aller Jobcenter. „Wir waren mitten im Umbruch“, sagt Jobcenter-Leiter Harald Trautmann. Bis Ende 2011 wurde das Jobcenter gemeinsam von Arbeitsagentur und Kommune geführt, seitdem ist die Kommune alleiniger Betreiber. Mittlerweile hat Kusel einen mittelmäßigen K2E3-Wert von 67,3 Prozent. Trautmann zufolge liegt dies daran, dass seine Mitarbeiter sich nun auf mehr die Stärken der Arbeitssuchenden fokussieren und jedem von ihnen individuelle Stellenangebote unterbreiten. Während der Zusammenarbeit mit der Arbeitsagentur habe dies nicht so gut geklappt.

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Forscher weisen jedoch auf die Schwachstellen der Quote hin. „Sie gibt nicht an, ob sich die Arbeitskraft im gleichen Arbeitsverhältnis befindet wie bei der Einstellung“, sagt Lena Becher, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialpolitik und Arbeitsmarktforschung. So kann ein Betroffener laut Statistik zwar als nachhaltig integriert gelten, zwischen zwei Arbeitsverhältnissen aber monatelang arbeitslos gewesen sein. Hinzu kommt, dass die Quote weder Arbeitsverhältnisse im Ausland noch Selbstständige berücksichtigt.

Um Arbeitssuchende tatsächlich nachhaltig zu integrieren, plädiert Becher dafür, Hartz-IV-Empfänger stärker zu unterstützen und in florierende Wirtschaftszweige zu vermitteln.

Integrationen und ihre Nachhaltigkeit

 

Die nachhaltige Integrationsquote zeigt also nur eine Tendenz. Einige Arbeitskräfte, die als nachhaltig integriert gelten, sind es tatsächlich nicht. Aber die positive Tendenz ist unbestreitbar. Während im September 2014 fast genauso viele Arbeitslose angestellt wurden wie im November 2016, stieg die Zahl der nachhaltigen Integrationen von 554.000 auf 638.000. Dass die Arbeitslosenquote sich auf einem historisch niedrigen Stand befindet, liegt auch daran, dass es den Jobcentern gelingt, immer mehr Menschen langfristig zu vermitteln.

Die Bundesagentur für Arbeit gibt jeden Monat die neuen Zahlen zur Arbeitslosenstatistik bekannt. So auch heute. Wir veröffentlichen zeitgleich, was sich hinter diesen Zahlen verbirgt und welche Zahlen es noch zur Arbeitsvermittlung gibt. Im letzten Monat berichteten wir, dass die echte Zahl der Arbeitslosen um eine Million höher liegt als bekannt gegeben.

© Ivo Mayr

Ungerechte Arbeit

Geschönte Statistik: Mehr als eine Million Arbeitslose in NRW

In NRW sind mehr Menschen arbeitslos, als die Bundesagentur für Arbeit offiziell angibt. Die aktuelle Arbeitslosenzahl ist um 260.000 Menschen zu niedrig. Ein Grund für die geschönte Statistik sind Gesetze, die bestimmte Gruppen von Arbeitslosen herausrechnen. Die echte Zahl zeigt: Etwa eine Million Menschen suchen in Nordrhein-Westfalen Arbeit.

von Jonathan Sachse

Offiziell sind in Nordrhein-Westfalen 697.630 Menschen in der Statistik als arbeitslos erfasst. So hat es jedenfalls die Bundesagentur für Arbeit heute Morgen verkündet. Ein rekordverdächtig niedriger Wert. Vor einem Jahr gab es im Bundesland mit der höchsten Einwohnerzahl noch 20.000 Arbeitslose mehr. Zumindest scheint es so.

Dieser Rekordwert spiegelt nämlich nicht die echte Zahl der Menschen wider, die in NRW keine Arbeit haben. Im Juni waren das mindestens 955.000 Personen. Damit ist die echte Arbeitslosenzahl um mindestens eine viertel Million Menschen höher, als von der Arbeitsagentur offiziell angegeben. Tatsächlich werden nämlich nicht mehr Menschen in Arbeit vermittelt. Die offizielle Zahl verzerrt das Bild der Arbeitsmarktsituation in NRW. Vergleicht man diesen Wert mit dem von 2016, sind im Juni dieses Jahres nicht 20.000 weniger sondern 13.000 Menschen mehr arbeitslos als vor einem Jahr.

Entwicklung der Arbeitslosenzahl in NRW (Juni 2016-Juni 2017)

Wie kommen diese Unterschiede zustande?

Die echte Arbeitslosenzahl wird nicht verschwiegen. Sie wird nur unter dem schwer zugänglichen Begriff „Unterbeschäftigung“ veröffentlicht und in den Mitteilungen unter der offiziellen Arbeitslosenzahl angeordnet. Das Resultat: Viele Medien berichten nur über diese offizielle Arbeitslosenzahl. Die echte Zahl der Menschen, die keinen Job haben, ist kaum bekannt. Gerade die Entwicklung in den einzelnen Bundesländern lässt sich dadurch nur schwer nachvollziehen.

Welche Menschen fallen in NRW aus der offiziellen Statistik? Wer zum Beispiel über 58 Jahre oder älter ist und seit 12 Monaten Hartz IV bezieht, gilt nicht als arbeitslos. Immerhin 44.000 Personen werden somit im Juni aus der Statistik gerechnet. Dasselbe gilt für Menschen in Bewerbungstrainings, Sprach- und Integrationskursen oder Weiterbildungen. Auch wer am Stichtag der Erfassung krank war, wird nicht gezählt.

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Mit der „stillen Reserve“ mehr als eine Million

Vor einem Monat haben wir bereits über das Thema berichtet. Gegenüber CORRECTIV sagten selbst Vorstandsmitglieder der Bundesagentur für Arbeit, dass sie selber lieber eine höhere Arbeitslosenzahl ausweisen würden. Die Politiker würden der Arbeitsagentur jedoch durch Änderungen im Sozialgesetz vorschreiben – gerade zu wichtigen Wahlkampfzeiten – bestimmte Gruppen von Arbeitssuchenden aus der offiziellen Zahl herauszurechnen.

Selbst die echte Arbeitslosenzahl stellt am Ende nicht das echte Ausmaß der Arbeitslosigkeit eines Landes dar. In der Statistik tauchen nämlich nur die Personen auf, die sich auch arbeitslos melden. Das Forschungsinstitut der Arbeitsagentur (IAB) schätzt, dass in Deutschland etwa 232.200 Arbeitslose nicht in der Statistik erfasst werden. Das IAB spricht von einer „stillen Reserve“. Rechnet man diese Dunkelziffer noch dazu, gibt es in Nordrhein Westfalen sicherlich mehr als eine Million Arbeitslose. 

Auf dem Weg zur Bundesagentur für Arbeit. Wer Termine verpasst, kann sanktioniert werden.© Ivo Mayrr

Ungerechte Arbeit

Sanktionen treffen junge Hartz IV-Empfänger am häufigsten und härtesten

Junge Hartz IV-Empfänger werden besonders schnell unter das Existenzminimum gekürzt – bis hin zur Obdachlosigkeit. Teile der Regierung, Opposition und Experten fordern seit Jahren, die Strafen abzumildern. Doch die CSU blockiert.

von Timo Stukenberg

Deutsche Jobcenter sanktionieren ihre Kunden unterschiedlich häufig. Bei jungen Menschen ist die Diskrepanz noch größer. In einigen Regionen wurden sie 2016 wesentlich härter und häufiger sanktioniert als ältere Hartz IV-Empfänger. Das zeigt eine Analyse der Daten aller 407 Jobcenter in Deutschland durch CORRECTIV und „BuzzFeed News“.

Deutschlandweit wurden im vergangenen Jahr im Schnitt vier Prozent der Unter-25-Jährigen sanktioniert. In einigen Regionen, wie im Hochtaunuskreis, lag die Quote bei weit unter einem Prozent. Im Jobcenter Gotha lag sie 19 Mal höher, die dortigen Mitarbeiter sanktionierten fast zehn Prozent aller Hartz IV-Empfänger unter 25 Jahren (Daten für alle Jobcenter).

Junge Hartz IV-Empfänger werden nicht nur häufiger, sondern auch härter sanktioniert. Im Schnitt kürzten die Jobcenter den jungen Arbeitslosen fast ein Drittel ihres monatlichen Regelbedarfes – rund zehn Prozentpunkte mehr als im Vergleich zu allen Altersklassen. Das haben CORRECTIV und „BuzzFeed News“ auf Basis der offiziellen Daten der Bundesagentur aus dem Jahr 2016 berechnet. Die traurige Spitze bilden junge Menschen auch bei der Zahl der Vollsanktionen, also der kompletten Kürzung aller Leistungen für Essen, Miete und Heizung.

Top 3 Tops & Flops: Sanktionen für U25-Jährige

Jobcenter U25 Sanktionsquoten

„Erhebliche verfassungsrechtliche Bedenken“

Dass junge Menschen härter bestraft werden sollen als ältere, steht so im Gesetz – obwohl eine breite Mehrheit von Experten und Politikern diese Regel  schon lange abschaffen will. „Wir haben erhebliche verfassungsrechtliche Bedenken, ob diese Unterscheidung zwischen Ü25 und U25 gerechtfertigt ist“, sagt Michael Löher, Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, im Gespräch mit CORRECTIV und mit BuzzFeed News. „Die führen gerade bei jungen Menschen eher zu einer Verhärtung, zu einem Aussteigen aus dem System.“

Der Deutsche Verein ist ein Think Tank, der meist abseits der Öffentlichkeit Kompromisse zwischen Bund, Ländern, Gemeinden und Wohlfahrtsverbänden verhandelt, die alle auch Mitglied im Deutschen Verein sind. Nur bei aus seiner Sicht besonders schwerwiegenden Problemen äußert sich Löher öffentlich.

Sabine Zimmermann, arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linken-Fraktion im Bundestag, glaubt, dass es stark vom jeweiligen Jobcenter abhängt, wie hart die jungen Erwachsenen bestraft werden. „Einige Jobcenter tun mehr für Jugendliche und andere greifen gleich zu dem Mittel der Sanktion“, sagt sie. Ihre Partei hält die harten Sanktionen gegen junge Menschen für völlig verfehlt. „Wir verlieren hier die jungen Menschen, und das dürfen wir nicht zulassen“, sagt Zimmermann.

Auch  das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit empfiehlt, die Sonderregelungen für junge Menschen abzumildern. Studienautor Joachim Wolff sagt, man solle den Betroffenen niemals das ganze Geld kürzen, sondern lieber mildere Sanktionen über einen längeren Zeitraum strecken. Das solle die Härten abfedern.

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Wolff hat mit Kollegen im Februar eine Studie veröffentlicht, die zeigt: Rund sechs Prozent der jungen Menschen brechen den Kontakt zum Jobcenter nach einer Sanktion ab. Und zwar viermal häufiger als ohne Sanktion. Die Folgen sind ungewiss, sie können von Mangelernährung über wachsende Schuldenberge bis zur Kleinkriminalität reichen.

Die CSU blockiert Reformen

Das Arbeitsministerium von SPD-Ministerin Andrea Nahles versucht seit Jahren vergeblich, die Sanktionen abzuschwächen. 2013 trafen sich die Arbeits- und Sozialminister der Länder mit der Bundesagentur für Arbeit und Nahles’ Ministerium. Auf der Tagesordnung standen viele Vorschläge für mildere  Sanktionen. Das CSU-geführte bayerische Sozialministerium lehnte ab. Es fürchte eine „Verwässerung des Sanktionsinstrumentariums“, teilt es auf Anfrage von CORRECTIV und „BuzzFeed News“ per E-Mail mit. Die Vorschläge von Arbeitsministerin Nahles seien ein „Deckmantel für eine Teil-Revision der Agenda 2010“.

Im Jahr 2014 legt SPD-Ministerin Nahles trotzdem ein Konzept vor, um alle Sanktionen für junge und ältere Arbeitslose zu überarbeiten. Auch bei geplatzten Terminen oder abgebrochenen Maßnahmen sollte zumindest die Miete weiter vom Amt übernommen werden. Zudem will Nahles  die harten Sonderregeln für Unter-25-Jährige abschaffen. Doch darauf kann sich die Bundesregierung nicht einigen. Wieder blockiert die CSU.

Stephan Stracke, arbeitsmarktpolitischer Sprecher der CSU-Landesgruppe im Bundestag, wirft hingegen der Arbeitsministerin Blockade vor. Auf eine Angleichung der Sanktionen gegen junge und ältere Hartz IV-Empfänger könne sich die CSU einlassen – aber nur, wenn die Sanktionen generell verschärft werden, sagt er im Gespräch „An uns hätte es nicht gelegen. Letztlich hat das Bundesarbeitsministerium die Tür zugemacht.“

Laut einer Auswertung der offiziellen Sanktionsstatistik von CORRECTIV und „BuzzFeed News“ wurden im vergangenen Jahr nirgendwo mehr Unter 25-Jährige sanktioniert als vom Jobcenter Gotha. Dort halte man sich strikt an die Vorgaben im Gesetz, teilt das Jobcenter auf Anfrage mit. Die Sanktionsquote liege über alle Altersgruppen hinweg bei weniger als fünf Prozent. „Es gibt also lediglich eine kleine Minderheit, der nur wenig an einer guten Zusammenarbeit mit ihren Beratern gelegen ist und die häufig auch von mehreren Sanktionen betroffen ist“, schreibt die Pressestelle des Jobcenters auf Anfrage.

Dass man mit jungen Hartz-IV-Empfängern auch anders umgehen kann, zeigt das Beispiel des Jobcenters im Landkreis Landshut. Dort liegt die Sanktionsquote mit 0,9 Prozent bei nicht einmal einem Zehntel der Gothaer Strafen. Das Jobcenter Gotha verweist darauf, dass die Sachbearbeiter eng mit dem Jugendamt, der Familienhilfe und konfessionellen Trägern zusammenarbeiten. „Geeignete Angebote zur Betreuung der Jugendlichen mit motivierender und engmaschiger Unterstützung halten wir für das geeignete Mittel der Aktivierung.“


Timo Stukenberg arbeitet als freier Journalist in Berlin. Die mehrteilige Recherche zu den Sanktionen der Jobcenter entstand in Kooperation mit „BuzzFeed News“ und ist ein Teil der Themenreihe zu Ungerechtigkeiten in der Arbeitswelt bei CORRECTIV.