Profil

E-Mail: florian.bickmeyer(at)correctiv.org

dscf2644

Die Unsichtbaren

Neue Initiative fordert medizinische Versorgung für “Unsichtbare”

von Benedict Wermter , Florian Bickmeyer

Mit einer überraschenden Änderung im Programm hat Gerhard Trabert am Freitag während des Kongresses „Armut und Gesundheit“ in Berlin die Gründung einer bundesweiten Initiative eingeleitet, die zukünftig Druck auf „ignorante politische Entscheider und Verantwortliche“ ausüben will. Zuvor wurden auf mehr als 100 Veranstaltungen Lösungen gesucht, um sozial bedingte Ungleichheiten im Gesundheitssystem zu beseitigen. Trabert ist Vorsitzender des ausrichtenden Vereins und wollte in einem der Hörsäle der TU Berlin eigentlich nur die Vorstellung von zahlreichen Initiativen und Vereinen moderieren, die benachteiligten Menschen medizinische Versorgung und Hilfe anbieten. Beim Blick ins Publikum erkannte Trabert die Möglichkeit, „endlich einmal mit einer Stimme sprechen zu können“. Dutzende schlossen sich ihm an.

Die Vorstellungsrunde erklärte Trabert kurzerhand zur Gründungsveranstaltung. Das neue Netzwerk, das sich seinen Namen erst noch geben wird, arbeitete unmittelbar einen Forderungskatalog aus:

  1. eine Krankenversicherungskarte für alle – auch für Menschen, die ohne Papiere leben,
  2. die Möglichkeit eines anonymen Krankenscheins,
  3. eine bundesweite Clearingstelle zur Koordinierung,
  4. einen Gesundheitsfonds, aus dem etwa Kosten für Krankenhausaufenthalte und die medizinische Versorgung von Menschen übernommen werden soll, deren Aufenthaltsstatus ungeklärt ist,
  5. die Aufklärung der Betroffenen über ihre Rechte in einfacher Sprache.

Letztlich ginge es um „Gesundheit für alle“, sagte Trabert – „oder einfach um die Anwendung der Menschenrechte“.

Trabert erzählte kurz die Anekdote eines Menschen, der papierlos – und damit auch nicht krankenversichert – in Deutschland lebte: „In einem Krankenhaus habe ich einen Patienten erlebt, der hatte ein Bronchialkarzinom. Da hieß es: Den entlassen wir jetzt, weil er keine Krankenversicherung hat – und das in einem kirchlichen Haus!“

Politik ohne Armutskonzept

Das Problem liege im System, sagte Trabert. „Wir brauchen einen Mechanismus für solche Fälle.“ Bisher könnte deren Versorgung nur über Spenden gesichert werden und durch das Engagement von Ehrenamtlichen, Ärzten und Helfern, die sich auch hinsichtlich der Haftung während der medizinischen Behandlung stets in einer Grauzone bewegten. Trabert nennt es einen „Skandal“, dass „politische Entscheider und Verantwortliche bis jetzt kein Armutskonzept vorlegen konnten“.

Um dafür Lösungen zu entwickeln und von der Politik einzufordern, hofft Trabert, dass sich der Initiative auch die Unterstützer der aus dem Gesundheitssystem Ausgegrenzten anschließen, die nicht an der Veranstaltung in Berlin teilgenommen haben. Die bisherigen Unterzeichner tragen die Forderungen nun ins Land hinaus.

CORRECTIV ist spendenfinanziert!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung von Bürgerinnen und Bürgern realisiert. Jetzt unterstützen!

Es sind nicht nur die Unsichtbaren, die Papierlosen, die nicht oder nur unzureichend krankenversichert sind. Das Patientenbild ist vielfältig: EU-Bürger, Papierlose oder Asylbewerber gehören genau so zur betroffenen Klientel wie Wohnungslose oder Privatversicherte aus dem Mittelstand, die ihre Beiträge nicht mehr zahlen können.

„Verstoß gegen die Menschenrechte“

„Bis zu 800.000 Menschen sind betroffen. Das ist ein Prozent der Bevölkerung in Deutschland“, sagte Uwe Denker, Sprecher der Praxen ohne Grenzen aus Norddeutschland. Das Forschungsprojekt „Clandestino“ nannte vor einigen Jahren die Zahl von bis zu einer halben Million Menschen, die papierlos in Deutschland lebten. Genauere Zahlen dazu gibt es nicht. Wir wollen Licht in dieses Dunkel bringen und recherchieren mit unserem Projekt „Die Unsichtbaren“ über Menschen, die ohne Papiere unter uns leben. Wir wollen wissen, wie sie leben, welche Probleme sie haben, wo sie ausgenutzt und ausgebeutet werden. Dazu haben wir etwa einen Fragebogen entwickelt, der anonym ausgefüllt werden kann. Den Fragebogen gibt es in mehreren Sprachen hier: https://correctiv.github.io/theinvisibles/de/

„Dass so viele Menschen keinen Zugang zur medizinischen Versorgung haben, empfinden wir als Verstoß gegen die Menschenrechte. Unser Ziel muss es sein, dass es unsere Organisation eines Tages nicht mehr gibt, sondern dass jeder zu einem Arzt gehen kann. Dazu müssen wir zunächst die Existenz von Betroffenen sichern, damit diese sich selber helfen können. Wir müssen nachhaltig Strukturen verändern, wenn wir etwas erreichen wollen“, sagte Gerhard Trabert, der Initiator des neuen Netzwerks, weiter.

Bisher bleibt die medizinische Versorgung von Menschen, die nicht oder nur unzureichend krankenversichert sind, beinahe ausschließlich Ehrenamtlichen überlassen. Krankenhausaufenthalte und Medikamente werden meist über Spenden finanziert. Auch die Begleitung von Schwangeren ist häufig ein Problem.

Trabert erklärte schließlich, dass sich politische Entscheider konträr zur Stimmung in der Bevölkerung verhielten. So habe eine repräsentative Untersuchung der Caritas ergeben, dass 67 Prozent aller Befragten eine medizinische Grundversorgung für jeden Menschen befürworten. Die Hälfte aller Befragten würde dafür auch einen monatlichen Beitrag von vier Euro zahlen.


Update, 11. Mai, 15 Uhr: In einer früheren Version dieses Textes hieß es: „Das Forschungsprojekt „Clandestino“ nannte vor einigen Jahren allerdings schon die Zahl von bis zu einer Million Menschen, die papierlos in Deutschland lebten. Dann wären noch deutlich mehr Menschen betroffen. Genauere Zahlen dazu gibt es nicht.

Die Angabe von bis zu einer Million Menschen war jedoch veraltet. Die Migrationsforscherin Dita Vogel bezifferte die Zahl der Unsichtbaren in Deutschland für „Clancestino“ auf 200 000 bis 460 000. Ihr Interview mit CORRECTIV lest Ihr hier: „Hunderttausende sind Unsichtbar“.

150505_die_unsichtbaren_vogel_im_-0439-3

Interviews

Hunderttausende sind unsichtbar

Niemand weiß, wie viele Menschen in Deutschland und Europa ohne Papiere leben. Wir nennen unsere Recherche daher auch „Die Unsichtbaren“. Dita Vogel, Wissenschaftlerin an der Universität Bremen, hat vor einigen Jahren in einer Studie versucht, die Zahl der Unsichtbaren zu bestimmen. Ihr Ergebnis: Hunderttausende Menschen dürften sich nicht in Deutschland aufhalten – und Millionen in Europa.

von Florian Bickmeyer

Das Ergebnis ist nur eine grobe Schätzung. Florian Bickmeyer sprach mit Vogel darüber, wie sie die Zahl berechnet hat, über abschreckende Zahlen und über ihre aktuelle Untersuchung: über Kinder in der Illegalität.

Frau Vogel, es liegt in der Natur der Sache, dass man nicht weiß, wie viele Menschen ohne Papiere in Deutschland und in Europa leben. Sie aber haben Zahlen ermittelt. Sagen Sie, wie viele Menschen sind es denn nun, die ohne Papiere und in der Illegalität leben?

Dita Vogel: Das ist ganz schwierig abzuschätzen. Es hat seit der Clandestino-Studie ja keine weiteren Untersuchungen mehr gegeben, die sich die einzelnen Mitgliedsstaaten mit ihren sehr unterschiedlichen Verhältnissen angesehen haben. Unsere Schätzung damals: zwischen 1,9 und 3,8 Millionen Menschen lebten im Jahr 2008 ohne Aufenthaltspapiere in der EU. Das waren 0,4 bis 0,8 Prozent der Gesamtbevölkerung und 7 bis 13 Prozent der Ausländer. Für Deutschland gingen wir von 200 000 bis 460 000 Menschen aus. Danach zeigen die Daten zunächst einen Rückgang und dann seit 2010 einen Wiederanstieg an, so dass die aktualisierte Schätzung für 2013 eine ähnliche Größenordnung ergibt: Diese Zahl habe ich später aktualisiert: für das Jahr 2013 schätze ich 150 000 bis 450 000 Menschen. 

Ein Porträt von Dita Vogel

Dita Vogel

Das sind große Spannweiten. Wie haben Sie diese Zahlen geschätzt?

Wir haben uns die Polizeiliche Kriminalstatistik angesehen. Dabei ist das Wichtigste, dass man weiß, dass die Statistik verzerrt ist – und dass man versucht, diese Verzerrung zu nutzen, um eine Ober- und eine Untergrenze zu schätzen. Die Idee ist, dass Menschen ohne Papiere in der Straftatenstatistik im Verhältnis zur deutschen Bevölkerung häufiger erscheinen und im Verhältnis zur ausländischen Bevölkerung weniger häufig.

Wieso sollte das so sein?

Menschen, die ohne Papiere leben, sind sehr vorsichtig. Sie versuchen sich von Polizei und Straftaten fernzuhalten. Zugleich haben sie aber Merkmale, die es wahrscheinlicher machen, dass sie in den Fokus der Polizei geraten. Für eine weiße, 70-jährige Frau, die im Altenheim lebt, ist es unwahrscheinlicher, dass die Polizei sie nach ihrem Ausweis fragt als für einen schwarzen, 20-jährigen Mann. Bei dieser Methode ist also immer eine breite Unschärfe gegeben, mit der wir in der Statistik leben müssen. Ich denke aber, dass es gute Argumente gibt, dass die richtige Zahl im genannten Bereich liegt – irgendwo.

Manchmal wird von mehr als einer Million Menschen gesprochen, die ohne Papiere in Deutschland leben. Das wären mehr als zweimal so viele.

Solche großen Zahlen sind nicht hilfreich in der Diskussion. Wer etwas auf die Tagesordnung setzen will, sucht eine Zahl, die so groß wie möglich ist. Aber das schlägt zurück, dann haben Entscheidungsträger eine unheimliche Angst, das sorgt eher für politischen Stillstand. Wenn man für die Menschen etwas erreichen möchte, sollte man mit den großen Zahlen vorsichtig sein, denke ich. Eine halbe Million Menschen sind ja auch schon sehr viele.

Bleiben wir also bei Ihrer Zahlen: zwischen 150 000 und bis zu einer halben Million. Was wissen Sie über diese Menschen?

Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass die Zahlen zurzeit leicht ansteigen. Dann wird die Anzahl der jungen Männer, die illegal einreisen, häufig überschätzt. Die Anzahl älterer Frauen dagegen unterschätzt. Seit Clandestino gehen wir davon aus, dass Männer nur ein leichtes Übergewicht innerhalb der Gruppe haben. Das liegt auch daran, dass man in der Illegalität nur dann längere Zeit überleben kann, wenn man Arbeit findet. Eine Möglichkeit zu arbeiten ist in Privathaushalten – und das ist ein überwiegend weiblicher Arbeitsbereich. Viele kommen aus den Nachbarländern der EU, aus Albanien, der Ukraine, der Türkei oder Marokko. Was uns aufgefallen ist: die Menschen aus den größten, bevölkerungsreichsten Ländern der Welt finden sich auch hier relativ zahlreich in der Illegalität – aus Asien Chinesen oder Inder, aus Afrika Nigerianer, aus Südamerika Brasilianer. Schließlich gibt es noch eine größere Gruppe von Menschen aus Kriegs- und Krisenländern, die aber trotzdem nicht grundsätzlich Asyl in Deutschland bekommen. Wer zurzeit aus Syrien kommt, kann sich fast sicher sein, irgendeinen humanitären Status zu bekommen – das gilt für Afghanistan, Pakistan oder viele afrikanische Länder nicht unbedingt.

CORRECTIV ist spendenfinanziert!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung von Bürgerinnen und Bürgern realisiert. Jetzt unterstützen!

Wie hat man auf ihre Zahlen reagiert? Bis zu einer halben Million Menschen leben ohne Papiere. Man könnte sagen: Das sind sehr viele, das ist wichtig für unser Land. Man könnte auch sagen: das ist kaum mehr als ein halbes Prozent der Deutschen, das ist nicht so wichtig.

Ich denke, seit es diese Zahl gibt, ist es schwieriger geworden, wegen einer ausufernden Menge von als illegal geltenden Menschen lauthals nach mehr Kontrollen zu schreien. Das wird natürlich trotzdem noch gemacht – weil der Wille, Migration zu kontrollieren ja vor allem durch die Zahl derer motiviert ist, die noch außerhalb des Landes sind, die erst noch kommen können. Die, die schon drinnen sind, die sind für andere Fragen wichtig. Zum Beispiel: Kann man einzelne Gruppen regularisieren? Platzt unser Schulwesen aus allen Nähten, wenn auch Kinder ohne Aufenthaltsstatus zur Schule gehen dürfen? Wird unser Gesundheitssystem gesprengt, wenn diese Menschen alle einen Anspruch auf medizinische Versorgung haben? Die Schätzung war vor allem wichtig für die humanitären Fragen. Die Zahl hat dazu beigetragen, dass sinnvolle Regelungen in der deutschen Politik durchgesetzt werden konnten. Etwa, dass die Übermittlungspflichten im Gesundheits- und im Bildungsbereich verändert wurden. Nun müssen die Mitarbeiter zum Beispiel von Schulen den Behörden hier nicht mehr melden, wenn sie von einem Menschen ohne Papiere erfahren. Und sie haben auch kein Recht mehr dazu, weil die Daten geschützt sind – aber es ist noch eine andere Frage, ob das wirklich jeder Mitarbeiter weiß.

Sprechen wir einmal über die Kinder ohne Papiere. Wie ergeht es Kindern in der Illegalität?

Ihre Anzahl ist vermutlich eher klein. Aber für jedes einzelne Kind kann die Situation dramatische Folgen für das weitere Leben haben. Zum Beispiel, wenn ein Kind nicht zur Schule gehen kann – weil es institutionelle Regelungen gibt, die dagegen sprechen; oder wenn die Schulen nicht ausreichend informiert sind, dass sie auch dieses Kind aufnehmen müssen; oder wenn die Angst der Eltern dem im Wege steht. Es sind ja nicht die Kinder, die eine Entscheidung zur Migration und zur Illegalität treffen. Die Entscheidung wird für sie getroffen. Und die Eltern haben oft Angst, aufzufliegen.

Auf der Jahrestagung Illegalität stellten Sie eine Studie vor, die Sie gerade beginnen, genau über dieses Thema: Kinder ohne Papiere und ihre Möglichkeiten, zur Schule zu gehen. Haben Sie schon einen Eindruck, wie es um diese Möglichkeiten steht?

Die Schulen haben keine Routinen mit solchen Kindern. Unter Umständen scheitert die Nachfrage, ob ein Kind an eine bestimmte Schule gehen kann, schon an der Schulsekretärin, weil sie am Telefon sagt: „Nö, das geht nicht. Ohne Meldebestätigung können Sie Ihr Kind hier nicht anmelden.“ Man müsste den Grundsatz vermitteln: „Kein Kind soll verloren gehen, jedes Kind hat ein Recht auf Schule“ – auch, wenn es keine Meldebescheinigung gibt. Die Kultusminister sind überzeugt, dass dies überall in ihren Ländern der Fall ist. Ich glaube auch, dass der Grundsatz ernst genommen wird. In jedem Bundesland wurden Briefe an die Schulen geschrieben, dass eine Meldebescheinigung nicht notwendig ist. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das so ausreicht. Mein Eindruck ist, dass dieser Grundsatz noch nicht in allen Schulleitungen und Sekretariaten angekommen ist. Oft glauben die betroffenen Eltern auch nicht, dass es möglich ist, ihr Kind an einer Schule anzumelden.

Abschließend: Was würden Sie sich von der Politik wünschen?

Ich würde mir wünschen, dass Härtefallregelungen offener ausgelegt werden, dass es mehr Möglichkeiten gibt für Menschen, die schon seit vielen Jahren in der Illegalität leben, noch einen Ausweg zu finden. Ich sehe die Fortschritte beim Wegfall der Übermittlungspflichten und würde mir wünschen, dass die Umsetzung auch flächendeckend vorangetrieben wird und funktioniert – der Zugang zu arbeitsrechtlichem Schutz, zur Schule, zur medizinischen Versorgung. Mein letzter Wunsch betrifft den arbeitsrechtlichen Schutz, die Lohneinforderung aus dem Ausland: Zwar gibt es eine EU-Richtlinie, die besagt, dass jeder Anspruch hat auf den Lohn für geleistete Arbeit, auch wenn er hier illegal gelebt und gearbeitet hat. Aber es ist sehr, sehr schwierig, diesen Anspruch aus dem Ausland geltend zu machen. Es sollte mehr Unterstützungsmöglichkeiten geben, damit Menschen im Inland und auch nach einer Rückkehr ins Ausland ihre Lohnforderungen durchsetzen können. Ich glaube nicht, dass jeder hier bleibt, der einmal illegal hier ist. Und ich finde, wir sollten nicht zulassen, dass es sehr  leicht ist, diese Menschen zu betrügen und auszubeuten. Auch die regulär in Deutschland arbeitenden Menschen sollten ein Interesse daran haben, dass Arbeitgeber nicht davon kommen, wenn sie Menschen ohne Aufenthaltsrecht um den versprochenen Lohn betrügen können.

Redaktion: Florian Bickmeyer
Gestaltung: Thorsten Franke, Simon Jockers, Ivo Mayr

© Ivo Mayr

Die Unsichtbaren

Unsichtbares Überleben

Wer ohne Papiere in Deutschland lebt, hat seine Rechte aufgegeben. Für die Hoffnung auf ein besseres Leben. Das macht vieles schwierig: die Arbeit, die Ausbildung der Kinder oder die medizinische Versorgung. Die Angst, entdeckt und abgeschoben zu werden, ist ständiger Begleiter. So leben Hunderttausende in Deutschland. Bald könnte ein Gesetz noch mehr Menschen in die Illegalität treiben.

weiterlesen 20 Minuten

von Benedict Wermter , Julian Jestadt , Florian Bickmeyer

Es war der schönste Abend seit er in Deutschland lebt, sagt Anthony als alles vorbei ist und die letzten Gäste gehen. Er blickt so ernst, wie es gar nicht passt zu diesen fröhlichen Stunden zuvor.

Ein Freund hatte zur Vernissage geladen, in ein kleines Kulturcafé im Ruhrgebiet. Er zeigte seine Bilder, die meisten Porträts, gemalt mit viel Gelb, viel Grün, viel Rot. Es wurde getrommelt, gesungen, Gitarre gespielt. Anthony, etwa 30 Jahre alt, hatte einen Boubou übergeworfen, ein wildbunt gemustertes Männergewand aus seiner Heimat Nigeria. Er saß mitten im Raum auf einem Stuhl zwischen einem Dutzend anderer Musiker, sang und trommelte und lachte. Das Glück war ihm anzusehen.

Eine Stunde später. Hände drücken, Umarmungen, bis bald. Für jeden hat Anthony noch ein Lächeln. Dann verschließen sich seine dunkelbraunen Augen, das Leuchten ermattet, der fröhliche Glanz verbleicht. Ein Blick trüb wie Schweröl.

„Der schönste Abend“, sagt er. Und sieht aus wie ein trauriger Mann.

Was ist, Anthony, alles okay?

„Ehrlich, mein Freund?“ Er schüttelt den Kopf. „Ja, alles okay.“

War doch ein toller Abend.

„Ja, toll. Das war Spaß, die Musik, das war Freiheit, echte Freiheit.“

Und sonst hast Du keine echte Freiheit?

„Nur manchmal“, antwortet er. „Nein, eigentlich nicht.“ Er schüttelt hastig die Hand und geht in die Nacht. Über Freiheit, über sein Leben wollte er mit einem Fremden nicht sprechen.

Sei freundlich, aber sprich nicht mit jedem. Ein kurzes Hallo, das muss reichen. Weiche Fragen aus, gibt nichts preis aus Deinem Leben. Traue niemandem. – Anthonys Regeln I


An einem Mittwochabend im März treffen sich Vertreter von Kirchen, Gewerkschaften und Flüchtlingshilfen in Berlin, außerdem Ärzte, Juristen, Wissenschaftler, dazu Beamte aus Bundesinnenministerium und Ausländerbehörden. Zwei Tage lang werden sie in der Katholischen Akademie miteinander reden und streiten. Über Menschen, die nicht mitreden können und über die kaum jemand etwas weiß. Menschen, die als illegal gelten, weil sie ohne Papiere in unserer Mitte leben. Sie sind in diesem Jahr das Thema dieser XI. Jahrestagung Illegalität.


Wie ist ein Leben ohne Papiere?

Wir sind gekommen, weil wir das Leben dieser Menschen verstehen möchten. Wir haben eine Recherche begonnen, die wir „Die Unsichtbaren“ nennen. Wir wollen wissen, wie Menschen ohne Papiere leben: Wie ergeht es ihnen? Wer hilft ihnen? Wie verdienen sie ihr Geld? Wer nutzt sie aus? Was machen sie, wenn sie krank werden? Wie ziehen sie ihre Kinder groß? Was ist ein Leben ohne Rechte? Wovon träumen sie? Und was trieb sie in die Illegalität?

Wir suchen Antworten auf diese Fragen. Dazu haben wir einen anonymen Fragebogen in neun Sprachen entwickelt, den wir an diese Menschen herantragen. Mehr als 100 haben uns schon geantwortet. Wir haben gerade erst begonnen mit dieser Recherche. Und wir werden noch viele Monate weitermachen, um über die Leben und die Probleme dieser Menschen aufzuklären.

Ihr könnt uns dabei helfen, indem Ihr unseren Fragebogen teilt. Und wenn Ihr Menschen kennt, die ohne Papiere leben, oder jemanden kennt, der jemanden kennt, dann zeigt ihnen den Fragebogen. Jede Antwort hilft uns, zu verstehen.

Die Begrüßung der Konferenzteilnehmer wirkt wie bei einem Klassentreffen. Fast alle kennen einander, manche umarmen sich zum herzlichen Hallo. Es sind wenige, die sich in Deutschland mit dem Leben ohne Aufenthaltserlaubnis befassen. Vor allem sind es kleine Organisationen, die häufig unter gemeinsamen Dachverbänden arbeiten. Immer wenn es Schwierigkeiten gibt, Probleme des Alltags, Krankheiten, Papierkram, Ungerechtigkeiten, sind die Unsichtbaren abhängig von der Gunst Einzelner, die sich für sie einsetzen, die helfen und schützen.


Die Schätzung: eine halbe Million Unsichtbare leben in Deutschland

Unter den rund 100 Teilnehmern gibt es drei Gruppen: Die erste ist die Wissenschaft, die Informationen sammelt über die Anzahl der Papierlosen, über ihre Leben und Probleme. In Gesprächen sagen die Forscher meist früh, dass sie nur wenig wissen und das Wenige kaum gesichert ist. Sie sind vorsichtig mit ihren Urteilen. Zwar kennen sie die Probleme und manches Mal auch Unsichtbare persönlich, aber ihre Ergebnisse reichen selten über analysierte Eindrücke, Vergleiche mit Regelungen in anderen Ländern und die Sammlung von Einzelfällen hinaus. Es gibt kaum aussagekräftige Daten über die Unsichtbaren, über ihre Leben, über ihre Anzahl.

Zwei Jahre lang hat ein Team um Dita Vogel, heute Wissenschaftlerin an der Universität Bremen, eine Antwort auf die Frage gesucht, wie viele Menschen in Europa ohne Papiere leben. Die Europäische Union finanzierte die Studie über die Verborgenen, die man „Clandestino“ nannte.

Im Februar 2009 stellte das Team seine Ergebnisse vor: 1,9 bis 3,8 Millionen Menschen lebten in der EU ohne Papiere in der Illegalität, so die Schätzung, 200 000 bis 460 000 in Deutschland. Vogel reduzierte die Zahlen später leicht, vermutet aber heute wieder einen Anstieg.

Die Politik: Unsichtbare seien eine Ausnahme

Die zweite Gruppe entscheidet über die Papierlosen. Da ist etwa Christian Klos, der Referatsleiter Ausländerrecht im Bundesinnenministerium. Dort wird zurzeit ein Gesetzesentwurf ausgearbeitet, der das Bleiberecht neu regelt. Papierlose seien die Ausnahme, sagt Klos. Die Arbeit von Klos’ Abteilung und die Entscheidungen der Regierenden bestimmen, wie Asylsuchende und Papierlose leben, welche Hilfen und Auswege Deutschland ihnen bietet. Klos vertritt die Haltung seines Ministeriums, dem Thomas de Maizière als Innenminister vorsteht: Zuwanderung müsse begrenzt werden, um sie nicht ausufern zu lassen. Und wer sich illegal im Land aufhalte, sich den Behörden entziehe, für den könne der Staat auch wenig tun. Wo man leben wolle, das könne sich niemand einfach nach den Vorzügen eines Landes aussuchen. Staat und Gesellschaft müssten darüber entscheiden.

Neben Klos sitzt Engelhard Mazanke auf einem Podium, auch ein Entscheider. Er leitet die größte Ausländerbehörde Deutschlands in Berlin. 2010, sagt Mazanke, haben noch mehr als 10.000 Ausreisepflichtige in der Stadt gelebt, fast alle waren Geduldete – Menschen, deren Abschiebung nur vorübergehend ausgesetzt wurde. Sie dürfen nicht in Deutschland sein, diese Entscheidung wurde bereits gefällt. Aber viele warten und hoffen, eines Tages doch bleiben zu dürfen, wenn sie nur lange genug hier waren. Als Geduldete dürfen sie weder arbeiten noch das Bundesland verlassen, dem sie zugewiesen wurden. Viele mittlerweile Unsichtbare sollen während dieser Zeit die Nerven verloren haben und in die Illegalität geflüchtet sein, erklären uns Migrationsforscher und Menschen, die den Unsichtbaren helfen.

Die Zahl der Geduldeten habe man im Jahr danach deutlich gesenkt, sagt Mazanke. 2011 waren es nur noch 3373, weil man vielen der lange Geduldeten das Aufenthaltsrecht verliehen habe. „Das war ein Riesenerfolg“, sagt der Leiter der Ausländerbehörde. Danach stieg die Zahl wieder leicht, bis sie sich im Jahr 2014 verdoppelte – auf 9600 in Berlin lebende Ausreisepflichtige; in den ersten drei Monaten dieses Jahres kamen weitere 400 hinzu. Wie vor einigen Jahren sind fast alle dieser Menschen geduldet: ihre Abschiebung vorübergehend ausgesetzt.

Zwei von drei Asylbewerbern, erklärt Mazanke später am Telefon, werden abgelehnt. Manche wanderten weiter in ein anderes Land oder erhielten danach eine Aufenthaltserlaubnis, weil sie eine langfristige Arbeit finden oder heiraten. Der Großteil aber werde in der Folge in Deutschland geduldet.

„Die entscheidende politische Fragestellung lautet“, sagt Mazanke: „Wie schaffen wir es diesen Menschen einen Aufenthaltstitel zu verschaffen – oder wie motivieren wir sie zur Ausreise? Das ist im Moment der politische Streit.“

Mazanke glaubt nicht, dass es viele Menschen sind, die in der Illegalität leben. Aber er halte es für „theoretisch möglich“, dass jemand seit Jahren ohne Papiere lebe und sich durchschlage.

Seine Behörde allerdings erfährt auch nur von den Unsichtbaren, die freiwillig kommen, um einen Weg aus der Illegalität zu finden, und von denen, die aufgegriffen werden. Beides ist selten, denn freiwillig kommt wohl nur, wer nicht mehr weiter weiß. Und aufgegriffen wird nur, wer zufällig kontrolliert wurde oder einen Fehler gemacht hat.

Der Großteil der hundertausenden Menschen ohne Papiere bleibt für die Behörde verborgen, weshalb Mazanke einen Satz sagen kann wie: „Ich weiß als Leiter der Berliner Ausländerbehörde überhaupt nicht, von welchem Problem wir hier sprechen.“ Er erwarte von Ausländern, sich um einen rechtmäßigen Aufenthalt in Deutschland zu bemühen. Sie müssten sich der Behörde eben offenbaren.


Nach der Jahrestagung suchen wir Anthony. Es ist nach der kurzen Begegnung fünf Monate zuvor nur eine Vermutung und nur ein Versuch: Aber könnte er nicht einer von Hunderttausenden sein, die ohne Papiere in Deutschland leben? Oder kennt er jemanden? Die Suche ist ernüchternd. Alle Nachfragen versanden, als wüsste von denen, die bei der Vernissage waren, niemand, wer der trommelnde, singende Mann in ihrer Mitte war. Und dann führen uns Reporterglück und Anthonys Leidenschaft, die Musik, bei einem Konzert zusammen. Anthony ist verwundert und skeptisch, aber er geht eine Verabredung einige Tage später ein.

Merke, wenn dich jemand ansieht und blicke nicht zurück. Wende deinen Kopf ab, sieh auf den Boden, gehe davon. Werde nicht schneller und nicht langsamer. – Anthonys Regeln II

Dass er zur Verabredung kommt, überrascht. „Ich bin auch neugierig“, sagt er und grinst.

Anthony, wir wollen über Freiheit reden.

Er lacht kurz auf.

„Ich habe Freunde, ich habe Arbeit, ich habe alles“

Zwei Stunden lang erzählt er aus seinem Leben. Freiheit habe er nicht gehabt, sagt er, bis er vor vier Jahren nach Deutschland kam. Immer arbeitete er auf dem Feld, fast jeden Tag, meist war es sehr heiß und das Geld reichte nie bis zur nächsten Lohnzahlung. Aber eine andere Arbeit wusste er nicht zu finden. Und dann gab der Farmer eines Tages auf, Anthony war seinen Job los.

Er war Mitte 20, arbeitslos, hatte keine Familie und einen Traum vom Glück. Im Fernsehen sah er die deutschen Fußballspieler bei der Weltmeisterschaft in Südafrika brillieren, Müller und Özil, Cacau und Schweinsteiger, Khedira und Boateng, den er seither verehrt. Deutschland, fröhlich und reich, dachte Anthony. Und bald machte er sich auf den Weg nach Norden.

Ein Jahr brauchte er, bis er Europa erreichte. Über die Reise möchte er nicht sprechen. Schlechte Erinnerungen, sagt er. „Das ist vorbei.“

Ob er das Glück denn gefunden habe?

Es war schwierig am Anfang, sagt er, die Sprache vor allem. Anthony spricht nach vier Jahren fast fehlerfreies Deutsch. Er hält nur die Sätze kurz und zieht die Worte breit, wenn er redet, sagt ‚u’ statt ‚ü’: „Ich bin glücklich hier. Ich habe Arbeit, ich habe Freunde, ich habe alles.“

Fast. Denn Anthony ist ein Unsichtbarer.

Er hat keine Papiere, keinen Pass, keinen Ausweis, keine Aufenthaltsgestattung, keine Versicherung, keine Steuernummer. Anthony zögert lange, bis er die Fragen danach beantwortet. Er ist vorsichtig, er hat sich einst ins Land geschlichen und sich nie gemeldet. Er weiß, dass er als illegal gilt, dass man ihm nicht das Recht gegeben hat, hier zu sein und er ist sicher, dass man es ihm auch nicht geben würde. Damit er bleiben kann, dürfen die Behörden nichts von ihm wissen – und eigentlich auch niemand, den er trifft. Er heißt deswegen auch nur in diesem Text Anthony. Tatsächlich trägt er einen anderen Namen.

Und zur Wahrheit gehört auch, dass nicht überprüfbar ist, was Anthony erzählt. Man glaubt ihm seine Geschichte oder man glaubt sie ihm nicht.


Engelhard Mazanke, der Leiter der Berliner Ausländerbehörde, sagt, er habe schon viele Geschichten nicht geglaubt. Und er habe dafür auch gute Gründe gehabt. Wenn jemand zum Beispiel beim ersten Gespräch eine andere Geschichte erzählte als beim zweiten Gespräch. Es werde viel gelogen, wenn die Mitarbeiter der Ausländerbehörde Fragen stellen. Auf den Wegen nach Deutschland spreche sich herum, was man den Behörden hier sagen solle und was nicht, wenn man das Recht erhalten möchte, zu bleiben.

Seine Behörde setze das deutsche Aufenthaltsgesetz um, sagt Mazanke. Über Ausnahmen werde in den Härtefallkommissionen der Länder verhandelt. Dort finde man häufig Lösungen.

Der Anspruch: Jeder Mensch soll gleich behandelt werden

Christian Klos, der Referatsleiter Ausländerrecht aus dem Innenministerium, sagt: „Es gibt klare Voraussetzungen, für wen der Aufenthalt in Deutschland erlaubt ist. Will man für jeden, der irregulär hier ist, den Aufenthalt erlauben, dann kann man das Gesetz auch abschaffen.“ Das aber habe die Bundesregierung nicht vorgesehen. Vielmehr wird im Innenministerium zurzeit an einem Gesetz zur „Neubestimmung des Bleiberechts und der Aufenthaltsbeendigung“ gearbeitet.

„Unser Anspruch ist“, erklärt Klos, „dass jeder Mensch gleich behandelt wird.“ Deshalb gebe es das Aufenthaltsgesetz und deshalb werde daran gearbeitet. Wer in Not sei, solle in Deutschland jederzeit Hilfe und Halt finden. Für die Übrigen aber müsse die Zuwanderung beschränkt werden, damit jeder nach den „Sozialstandards, die wir für uns beanspruchen“, leben könne. Klos nennt den Mindestlohn und sagt: „Es soll keinen zweiten Arbeitsmarkt geben.“

CORRECTIV ist spendenfinanziert!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung von Bürgerinnen und Bürgern realisiert. Jetzt unterstützen!

Den aber gibt es längst.


Anthony glaubt, er habe keine Chance, bleiben zu dürfen. „Die nehmen uns nicht“, sagt er. Und tatsächlich berichtete das 3Sat-Magazin „Kulturzeit“ kürzlich, dass im ersten Halbjahr 2014 keinem einzigen Nigerianer Asyl gewährt worden sei. Anthony hatte davon schon gehört, bevor er nach Deutschland kam – und er habe deswegen seinen Pass vernichtet, sagt er. Damit die Behörden nicht wissen können, wohin sie ihn abschieben sollen, falls man ihn eines Tages aufgreift.

Das sei eine „Überlebensstrategie“, sagt eine Teilnehmerin während der Jahrestagung Illegalität, die Menschen wie Anthony häufig begegnet.

Kaufe dir für den Zug immer eine Fahrkarte, aber fahre nie vom Hauptbahnhof ab. Gehe nie über die Straße, wenn die Ampel rot zeigt. Fahre nicht Auto, nie. – Anthonys Regeln III

Anthony ahnte, worauf er sich einließ, als er sich nach seiner Ankunft in Deutschland nicht bei den Behörden meldete. Aber er bereut es nicht. Er hat sich hier eingerichtet, hat eine Ein-Zimmer-Wohnung gemietet und hat sogar zwei Jobs, mit denen er zufrieden ist – beide schwarz, beide im zweiten Arbeitsmarkt, den Klos gerne verhindern würde: einen in einem Lager und einen bei einer Firma, die Lebensmittel an Restaurants liefert.

Pass auf, wer auf der anderen Straßenseite steht. Pass auf!
– Anthonys Regeln IV

Jederzeit, fürchtet Anthony, könne sein kleines Glück bersten. Er hat Angst vor Kontrollen bei der Arbeit. Er hat Angst vor der Polizei auf der Straße und vor allem, was in Deutschland mit Papieren geregelt wird, Krankheit zum Beispiel.

Der Arztbesuch ohne Krankenversicherung

Ein einziges Mal in vier Jahren brauchte er einen Arzt. Er hatte sich bei der Arbeit im Lager verletzt, als eine Palette vom Hubwagen rutschte und Anthonys Fußgelenk umknickte. Eine Weile humpelte er. Freunde drängten ihn, sich behandeln zu lassen. Er habe immer „ja, ja“ geantwortet, sagt er – und ist dann doch nicht zum Arzt gegangen.

Ein Freund fand dann diesen Arzt, der nicht nach der Versicherung und nicht nach Geld fragte. Anthony zögerte, dann traute er sich. Diagnose: Bänderdehnung. Nichts Wildes, nur ein paar Tage Ruhe, verordnete der Arzt. „Aber wie soll ich dann Geld nehmen?“, fragt Anthony und meint: Geld bekommen, für seine Arbeit. Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gibt es im zweiten Arbeitsmarkt nicht. Also schleppte er sich durch, bis die Schmerzen nachließen.


Unsichtbare eine Ausnahme? Die dritte Gruppe auf der Jahrestagung Illegalität hat ganz andere Erfahrungen gesammelt. Es sind die Ärzte, die Juristen und die Pater, die Sozialarbeiter und die Ehrenamtlichen. Sie haben beinahe alltäglich mit Menschen zu tun, die ohne Papiere leben. Sie helfen medizinisch, beratend, rechtlich oder einfach von Mensch zu Mensch. Dazu gehören auch: Behördenmitarbeiter, die keine Entscheider auf höherer Ebene sind oder, wie Renate Scheunemann, für ein Gesundheitsamt arbeiten.

Scheunemann ist Ärztin in Nürnberg und leitet die Arbeitsgruppe „Menschen ohne Krankenversicherung“. Seit einigen Jahren muss sie Papierlose nicht mehr von Amts wegen an die Ausländerbehörde melden. Zwar ist illegaler Aufenthalt in Deutschland eine Straftat, nicht nur eine Ordnungswidrigkeit wie etwa in Frankreich. Dass sie aber in jedem Fall der Schweigepflicht unterliegen und sich damit nicht der Beihilfe zu einer Straftat schuldig machen, klärte für Gesundheitsämter, Ärzte und Kliniken erst die 2009 erlassene Allgemeine Verwaltungsvorschrift zum Aufenthaltsgesetz.

Dennoch ist die medizinische Behandlung von Kranken, die ohne Papiere leben, nicht selbstverständlich. Von manchen Ärzten würden sie gar abgewiesen, berichtet Golde Ebding, die in Berlin für die Malteser Migranten Medizin arbeitet. So sind die Unsichtbaren abhängig vom guten Willen Einzelner, vor allem dann, wenn sie wirklich Hilfe brauchen. Scheunemann glaubt, dass Versichertenkarten auch ausgeliehen würden, um die Behandlung zu ermöglichen.

Bleibe gesund, bleibe einfach gesund. – Anthonys Regeln V

Das Leben in der Unsichtbarkeit zwingt zur Kreativität: Wenn der Alltag Probleme bereitet, braucht es ungewöhnliche Lösungen.


Wir hören von einer serbischen Familie in Niedersachsen, die versteckt im Haus von Bekannten lebt. Die älteste Tochter, wir nennen sie Milena, ist gerade volljährig. Sie spricht mit uns, weil die Familie Geld braucht – und sie bricht das Gespräch ab, als wir ihr sagen, dass wir ihr kein Geld geben können.

Telefoniere nie mit dem eigenen Handy. Leihe dir eines von Freunden und unterdrücke die Rufnummer. Lasse dir Nachrichten hinterlegen und rufe zurück. – Milenas Regeln I

Vor vier Jahren wurden Vater, Mutter und die vier Kinder aus Deutschland abgeschoben. Zwei Jahre zuvor waren sie gekommen, um sich ein neues Leben aufzubauen, um Arbeit und eine sichere Zukunft zu finden. Der Traum platzte. In Serbien hätten sie nach der Rückkehr ohne Geld und in einem Lager gelebt, erzählt Milena. Dann starb der Vater.

Die Mutter, überfordert, wollte mit den Kindern noch einmal versuchen, in Mitteleuropa Zuflucht zu finden. Erst in Belgien, wo das Asyl verwehrt wurde, dann wieder in Deutschland, wo Milena unter falschem Namen nochmals einen Antrag stellte. Der Schwindel flog auf, als ihre Fingerabdrücke verglichen wurden. Danach verschwand die Familie im Haus der Bekannten und in der Unsichtbarkeit.

Die Angst, die Kinder in die Schule zu schicken

Milena geht putzen, um die Familie durchzubringen. Schwarz natürlich. Ihre Geschwister, 14, zwölf und sieben Jahre alt, müssten eigentlich zur Schule gehen. Doch ist die Angst zu groß, aufzufallen.

Schicke die Kinder nicht in die Schule, sie könnten die Familie verraten. – Milenas Regeln II

Dabei könnten sie zur Schule gehen, weil der Grundsatz gilt, dass jedes Kind das Recht zum Schulbesuch hat. 2011 hat die damalige schwarz-gelbe Bundesregierung das Aufenthaltsgesetz geändert. Seither müssen Schulen, Kindergärten und andere Bildungseinrichtungen die Ausländerbehörden nicht mehr über Kinder und Jugendliche informieren, die ohne Aufenthaltsstatus in Deutschland leben. Die Eltern dieser Kinder wüssten dies aber häufig nicht, sagt Dita Vogel, die mittlerweile an einer Studie arbeitet, in der sie untersucht, ob die gesetzliche Vorgabe von den Schulen auch umgesetzt wird. Zwar hätten die Kultusministerien aller Länder ihre Schulen darüber schriftlich informiert. Aber Vogel glaubt, dass sich noch längst nicht alle Schulleiter und Sekretariate darüber im Klaren sind.

Oft glaubten die Eltern selbst dann nicht, dass für die Schulanmeldung keine Meldebescheinigung erforderlich ist, wenn man es ihnen sage. Immer ist die Angst ist groß, das Vertrauen gering.

Nicht ganz zu Unrecht. Schulämter sind keine Bildungseinrichtungen und müssen ihr Wissen über unsichtbare Kinder weiterhin an die Ausländerbehörden übermitteln. Das System funktioniert hier nur, wenn die Beamten nicht genau hinsehen.

In Berlin-Neukölln etwa, wo unter den Gemeldeten jeder Dritte Ausländer ist, möchte die Schulaufsicht jedes Kind sehen, das an einer Schule angemeldet wird. Deren Mitarbeiter sind – anders als Lehrer oder Schulleiter – weiterhin verpflichtet, die Ausländerbehörde zu informieren, wenn sie von einem nicht gemeldeten Kind erfahren. „Für mich gibt es keine illegalen Kinder“, sagt Gisela Unruhe, die sich für die Behörde jedes Kind vor der Einschulung ansieht und im Zweifel die Augen wohl schließen würde. In den vergangenen Jahren sei aber nie ein solches Kind an einer Neuköllner Schule aufgetaucht.

Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration schätzte die Anzahl der unsichtbaren Kinder in Deutschland für das Jahr 2008 auf 30.000.

Dass Lehrer, Schulleiter, Ärzte oder Gesundheitsämter Menschen ohne Papiere nicht mehr anzeigen müssen, waren politische Entscheidungen, die das Helfen erleichterten. Das schätzen die Helfer zwar, geraten aber gleich an die nächsten Hürden. Schulämter, die melden müssen, oder Sozialämter, die von Unsichtbaren erfahren, wenn sie für die Kosten aufkommen müssen, die etwa eine Behandlung im Krankenhaus verursacht hat.

So fordern die Helfer, alle öffentlichen Stelle und deren Mitarbeiter von der Pflicht zur Anzeige zu befreien – mit Ausnahme von Polizei und Strafverfolgungsbehörden. Damit stoßen sie in der Politik zurzeit allerdings auf taube Ohren.


Eineinhalb Wochen nach der Jahrestagung sitzt Engelhard Mazanke als Sachverständiger in einem Saal des Deutschen Bundestags. Das Bundesinnenministerium hat seinen Gesetzesentwurf über die „Neubestimmung des Bleiberechts und der Aufenthaltsbeendigung“ vorgelegt. Nun möchte der Innenausschuss die Einschätzungen von sieben Experten anhören. Mazanke glaubt, das vorgeschlagene Gesetz würde zwar zu mehr Abschiebungen führen, aber auch zu „mehr Verfahrensgerechtigkeit“. Christian Klos sitzt mittig zwischen den Experten und nickt. Die Politiker der Opposition im Innenausschuss zweifeln das an, auch ein geladener sachverständiger Richter und der Vertreter einer Flüchtlingshilfe.

Was Mazanke nicht sagt, ist, dass der Gesetzesentwurf den Behörden Gründe liefere, Flüchtlinge einzusperren. Den Gesetzesentwurf nannte Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung deshalb „das Schärfste und das Schäbigste, was einem deutschen Ministerium seit der Änderung des Asylgrundrechts eingefallen ist“.

Die Gründe sind zusammengefasst als „Fluchtgefahr“. Und Fluchtgefahr heißt: den Pass vernichtet oder über die Identität getäuscht zu haben; einmal in der Vergangenheit unter einer den Behörden unbekannten Adresse gelebt zu haben; die Identität einmal nicht vollständig preisgegeben zu haben; auf dem Weg zur Einreise nach Deutschland „erhebliche Geldbeträge für einen Schleuser aufgewandt“ zu haben – wobei erheblich im Gesetzestext nicht weiter beziffert wird.

Treibt ein neues Gesetz mehr Einwanderer in die Illegalität?

Es sind Gründe, von denen wenigstens einer auf beinahe jeden Flüchtling zutrifft. Hilfsorganisationen und Juristen auf Seiten der Unsichtbaren fürchten daher, mehr Menschen als zuvor könnten durch ein solches Gesetz aus Angst vor der Haft in die Illegalität getrieben werden und abtauchen.

Engelhard Mazanke glaubt nicht, dass mehr Menschen in Abschiebehaft gesetzt würden – vor allem allerdings weil es an Haftplätzen mangele, nicht an Haftgründen. Seit Urteilen des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte und des Bundesgerichtshofes im vergangenen Jahr dürfen Abschiebehäftlinge schließlich nicht mehr in den gleichen Gefängnissen untergebracht werden wie Strafgefangene.

Erinnern wir uns kurz: Christian Klos, der Referatsleiter aus dem Innenministerium, sagte während der Jahrestagung Illegalität, Menschen ohne Papiere seien die Ausnahme. Die Wissenschaftlerin Dita Vogel schätzt deren Anzahl auf eine gute halbe Million.

Mit dem geplanten Gesetz, erklärt Klos, stelle sich die Bundesregierung den Realitäten: Man wolle Möglichkeiten schaffen, das Aufenthaltsrecht zu bekommen – für die Menschen, die seit acht Jahren oder länger in Deutschland leben, sich in die Gesellschaft eingebracht haben und ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Das gelte für Geduldete, denen bisher das Aufenthaltsrecht verweigert wurde. Von Menschen, die ohne Papiere leben, ist nicht die Rede.

Anthony hat seinen Pass vernichtet. Er lebt seit vier Jahren in Deutschland ohne sich je bei den Behörden gemeldet zu haben. Er geht auf Konzerte und arbeiten. Und er sagt, er lebe einfach gerne in Deutschland. Wird der Gesetzesentwurf zu geltendem Recht, und würde Anthony dann im Land bleiben, man dürfte ihn einsperren bis man ihn abschiebt.

Falle nicht auf. Um Gottes Willen, falle bloß nicht auf!
– Die Regel aller Unsichtbaren


Update, 6. Mai, 18 Uhr: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es über die Anzahl der Geduldeten in Berlin:

„Als wir die Ausländerbehörde später offiziell nach den Zahlen fragen, wird uns auch auf mehrfache Nachfrage erklärt, diese Zahlen würden gar nicht erhoben. Fragwürdig, was dieser ‚Riesenerfolg’ also wert ist.“

Nach unserer Veröffentlichung meldete sich Engelhard Mazanke persönlich. Er erläuterte, dass die Zahlen für die Ausländerbehörde aus technischen Gründen nur aktuell abrufbar seien, sprich: nur am jeweiligen Tag, nicht rückwirkend. Die Beamten würden dies jeweils zum Quartalsende machen.

Den Satz „Die Politiker der Opposition im Innenausschuss zweifeln das an, auch ein geladener sachverständiger Richter und der Vertreter einer Flüchtlingshilfe, fügten wir im Nachhinein ein. Mazanke hatte im Telefonat auf den politischen Streit hingewiesen. Als der Innenausschuss tagte, äußerten die Genannten ihre Zweifel an „mehr Verfahrensgerechtigkeit“ durch den vorliegenden Gesetzesentwurf.

Redaktion: Florian Bickmeyer
Gestaltung: Thorsten Franke, Simon Jockers, Ivo Mayr

© Ivo Mayr

Die Unsichtbaren

Leben ohne Papiere – wie kann das sein?

Hunderttausende Menschen leben in Deutschland ohne Papiere. Die Wissenschaftlerin Dita Vogel schätzt ihre Zahl auf bis zu einer halben Million. Das sind mehr Menschen als an einem Spieltag der Fußball-Bundesliga in die Stadien strömen. Sie alle leben ohne grundlegende Rechte, sie arbeiten schwarz, sind nicht krankenversichert und haben keine Altersvorsorge.

weiterlesen 12 Minuten

von Benedict Wermter , Julian Jestadt , Florian Bickmeyer

Wir haben uns gefragt: Wie konnte das geschehen? Wie sind so viele Menschen in der Illegalität gelandet? Drei typische Wege haben wir gefunden. Klicke Dich durch unsere Präsentation und lies anschließend die Geschichten eine Nigerianerin, eines Kolumbianers und eines Pakistani. Alle drei leben unsichtbar in Deutschland.

CORRECTIV ist spendenfinanziert!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung von Bürgerinnen und Bürgern realisiert. Jetzt unterstützen!


  1. Schleiche Dich ins Land, an den Grenzkontrollen vorbei: Gehe den ersten Weg in die Unsichtbarkeit als Frau aus Nigeria ins Land.
  2. Flüchte, weil Du um Dein Leben fürchtest und bitte um Asyl: Gehe den zweiten Weg in die Unsichtbarkeit als Mann aus Pakistan.
  3. Komme, um zu Studieren und verliebe Dich, darum bleibst Du: Gehe den dritten Weg in die Unsichtbarkeit als Mann aus Kolumbien.

Redaktion: Florian Bickmeyer
Gestaltung: Thorsten Franke, Simon Jockers, Ivo Mayr

Die Unsichtbaren

Die illegale Einreise

Wenn Du ohne Erlaubnis in ein Land einreist, bist Du mit dem ersten Schritt hinter die Grenze illegal. Ohne Meldung bei den Behörden bleibt das auch so. Folge der Geschichte einer Nigerianerin, die mit dem Schiff nach Deutschland kam.

weiterlesen 3 Minuten

von Benedict Wermter , Julian Jestadt , Florian Bickmeyer

16 Jahre lang hast Du auf dem Feld geschuftet, im Westen Nigerias. Du hast Kakao geerntet und Tomaten. Eine harte Arbeit. Und weil Du eine Frau bist, hast Du nur halb so viel verdient wie die Männer, die die gleiche Arbeit machen. Zum Leben war das eigentlich nicht genug, zum Überleben gerade eben.

Du bist jetzt Anfang 30. Dein Leben lang hast Du von Europa geträumt. Dort sei die Arbeit besser und der Lohn höher, dort seien Männer und Frauen gleich, so sagt man bei Euch zu Hause.

Eines Tages, es ist eine schlechte Ernte in diesem Jahr, schickt Dein Chef Dich vom Feld. Du brauchst nicht wiederkommen. Es ist nicht das erste Mal, das hast Du alles schon erlebt. Und irgendwo könntest Du auch wieder eine Arbeit finden. Aber ist das eine Zukunft?

Dein Mann hat Dich vor einigen Jahren sitzen lassen und Kinder hast Du nicht. Eines Morgens wachst Du auf und triffst eine Entscheidung: Du wirst nach Europa gehen, Du wirst es versuchen.

CORRECTIV ist spendenfinanziert!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung von Bürgerinnen und Bürgern realisiert. Jetzt unterstützen!

Vor dem Weg durch die Wüste hast Du Angst. Aber Du hast von den Schiffen gehört, die von Port Harcourt auslaufen und nach Europa fahren. Du lungerst einige Tage in der Nähe des Hafens, bis Du einen Frachter findest, auf dem Du anheuern kannst. Du wirst kein Geld bekommen, aber Du darfst mitfahren, wenn Du arbeitest. Auf der Überfahrt nach Hamburg putzt Du, hilfst in der Küche, bist viele Stunden am Tag das Mädchen für alles. Du schläfst schlecht, bist einsam. Aber die Aussicht auf ein gutes Leben gibt Dir Hoffnung.

Der Smut erzählt Dir, Du könntest nicht einfach nach Deutschland einreisen, Du bräuchtest ein Visum. Wenn Du keines hast, würden Dich die Behörden bei der Einreise festnehmen und bald zurück nach Nigeria schicken. Darüber hattest Du nie nachgedacht. In einer Nacht wirfst Du Deinen Pass über Bord. Nun kann wenigstens niemand mehr wissen, wer Du bist und woher Du kommst.

Als der Frachter in Hamburg einläuft, versteckst Du Dich in der Kombüse. In der Dunkelheit schleichst Du Dich vom Schiff und aus dem Hafen. Du gehst in die Nacht, suchst Dir einen Schlafplatz in der Böschung. Am nächsten Tag gehst Du hinein in die fremde Stadt. Bei den Behörden wirst Du Dich nicht melden, Du weißt nicht, wie es nun weitergeht. In einem Park siehst Du einige Afrikaner – vorsichtig suchst Du Anschluss, Ihnen vertraust Du eher als den Deutschen. Sie geben Dir Tipps und helfen Dir beim Start in ein Leben, dass Dir ungewiss ist. Vielleicht wäre es zu Hause doch einfacher gewesen.

Folge dem zweiten Weg in die Unsichtbarkeit: Du kommst ins Land, um Asyl zu beantragen.


Du giltst jetzt als illegal. 

  • Du darfst nicht arbeiten, nur schwarz, und Deinen Lohn kannst Du nicht einklagen, ohne Deine Identität zu offenbaren.
  • Du bist nicht krankenversichert und kannst auch sonst keine Versicherungen abschließen.
  • Du hast keine Altersvorsorge.
  • Du wirst Schwierigkeiten haben, eine Wohnung zu mieten.
  • Du meidest jede Begegnung mit Polizei, Behörden und Menschen, die Dich verraten könnten.
  • Du kannst kein Verbrechen anzeigen. 
  • Du bekommst keine sozialen Leistungen.
  • Du darfst nicht wählen.

Redaktion: Florian Bickmeyer
Gestaltung: Thorsten Franke, Simon Jockers, Ivo Mayr

Die Unsichtbaren

Das gescheiterte Asylverfahren

Wenn Du in Deutschland Asyl beantragst, musst Du warten können. Erstmal bei der Ausländerbehörde melden. Woher kommst Du? Wieso suchst Du Schutz in Deutschland? Dann wird entschieden, ob Du bleiben darfst – aber das kann dauern. Ein halbes Jahr, ein Jahr oder länger. Wenn Du abgelehnt wirst, musst Du das Land verlassen. Folge der Geschichte eines jungen Manns aus Pakistan, der länger als zwei Jahre auf seine Entscheidung gewartet hat.

weiterlesen 4 Minuten

von Benedict Wermter , Julian Jestadt , Florian Bickmeyer

Vier Schwestern und zwei Brüder hast Du schon, als Du in einem kleinen Dorf in Pakistan geboren wirst. Drei Jahrzehnte später wirst Du sagen, Du hast gerne mit den Mädchen, mit ihren Puppen und mit Make-up gespielt. Du hättest damals eine weibliche Seite in Dir entdeckt – und wahrscheinlich sei das ein erstes Zeichen gewesen.

Du bist dreizehn, als Du Dich zum ersten Mal verliebst. In einen Jungen. Du machst ihm Geschenke und als Ihr Euch küsst, fühlt es sich gut an. Jeder Tag, an dem Du ihn siehst, ist schöner als die, an denen Du ihn nicht siehst. Eure Liebe aber zeigt Ihr Euch nur heimlich, versteckt, denn bei Euch zu Hause im Dorf, tief in Pakistan, gehört sich das nicht. Pakistan nennt sich “Islamische Republik”, ausgelebte Homosexualität wird mit Gefängnis bestraft. Die Leute tuscheln, seit Du als Kind mit den Puppen spieltest, und sie sticheln, machen sich lustig.

In den nächsten Jahren triffst Du viele Männer, die meisten sind deutlich älter als Du und Familienväter. Deine glücklichste Zeit verlebst Du, als einer von ihnen, verheiratet und Vater, beruflich versetzt wird. Er nimmt Dich mit in die neue Stadt, Du arbeitest für ihn, kochst und putzt, machst den Haushalt während er im Büro sitzt. Ihr lebt wie ein Paar, aber gemeinsam vor die Tür geht Ihr kaum. Nach drei Jahren wird er wieder zurück beordert – und Du, Mitte 20, ziehst wieder ins Haus Deiner Eltern, er zu seiner Familie.

Seine Frau erfährt von Euch, auch sein Bruder, der Dich anruft und droht, Dich zu erschießen. Den selben Satz hörst Du noch einmal von Deinen eigenen Brüdern. Du hast Angst. Ein Freund rät Dir, das Land zu verlassen, um Dein Leben zu retten. Er verschafft Dir einen Kontakt zu einem Mann. Von diesem Mann weißt Du nichts, außer, dass er Dich außer Landes bringen kann. Du willst nach Kanada. Dafür will er mehr als 20.000 Euro. Für 14.000 bringt er Dich nach Deutschland.

Am Flughafen, auf deutschem Boden, nimmt er Dir Deinen Pass ab und wünscht Dir Glück.

CORRECTIV ist spendenfinanziert!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung von Bürgerinnen und Bürgern realisiert. Jetzt unterstützen!

Du weißt nicht, wohin mit Dir, nimmst eine Bahn in die Stadt, setzt Dich in ein Fast-Food-Restaurant. Du verstehst, dass es kein Zurück mehr gibt. Du weinst. So sitzt Du dort Stunden lang. Dann siehst Du einen Mann, mit brauner Haut, braunen Augen, schwarzen Haaren, ein Vorderasiat wie Du. Du sprichst ihn an, sagst ihm, was ist, und dass Du ohne Pass Angst vor der Polizei hast. Er bietet Dir seine Couch an, und sagt, dass die Polizei in Deutschland Dir helfen würde. Also gehst Du hin.

Dort wirst Du in einen Raum geschlossen und wartest. Für die Nacht schieben sie Dich in eine Zelle mit einer Pritsche. Am nächsten Tag gibt Dir ein Beamter eine Adresse und ein Zugticket nach Berlin. Die Adresse gehört zur Ausländerbehörde. Mit einem Dolmetscher erzählst Du Deine Geschichte. Die Sachbearbeiterin nickt, sagt wenig, und als Du gehst, dass sie Dir ein gutes Leben in Deutschland wünscht. Du lernst ein schwieriges deutsches Wort: Aufenthaltsgestattung. Nun darfst Du drei Monate lang nicht arbeiten, und danach nur, wenn sich kein Deutscher für den Job findet.

Dir wird ein Zimmer in einem Wohnheim zugewiesen, wo man Dich zweimal nachts verprügelt. Weil Du schwul bist, rufen die Männer Dir zu. Nach Monaten darfst Du umziehen, in eine sichere Wohnung. Dreimal hat die Ausländerbehörde Deine Aufenthaltsgestattung verlängert, aber nach zwei Jahren hast Du immer noch keine Entscheidung, ob Du bleiben darfst. Die Angst, zurück nach Pakistan zu müssen, plagt Dich jede Nacht. Manchmal denkst Du daran, zu viele von den Schlaftabletten zu nehmen, die Du jeden Abend schluckst.

Nein. Ein Freund bietet Dir an, bei ihm einzuziehen. Die Tür Deiner Wohnung ziehst Du zum letzten Mal in einer Nacht zu, dann verlässt Du das Haus. Und wirst Dich nie wieder bei den Behörden melden. Die Polizei, das weißt Du nun, wird Dir nicht helfen.

Folge dem dritten Weg in die Unsichtbarkeit: Du kommst ins Land, um zu Studieren.


Du giltst jetzt als illegal.

  • Du darfst nicht arbeiten, nur schwarz, und Deinen Lohn kannst Du nicht einklagen, ohne Deine Identität zu offenbaren.
  • Du bist nicht krankenversichert und kannst auch sonst keine Versicherungen abschließen.
  • Du hast keine Altersvorsorge.
  • Du wirst Schwierigkeiten haben, eine Wohnung zu mieten.
  • Du meidest jede Begegnung mit Polizei, Behörden und Menschen, die Dich verraten könnten.
  • Du kannst kein Verbrechen anzeigen. 
  • Du bekommst keine sozialen Leistungen.
  • Du darfst nicht wählen.

Redaktion: Florian Bickmeyer
Gestaltung: Thorsten Franke, Simon Jockers, Ivo Mayr

Die Unsichtbaren

Das überzogene Visum

Wenn Du als Ausländer, als Nicht-EU-Bürger nach Deutschland reist, brauchst Du ein Visum. Nur für wenige Länder ist diese Pflicht aufgehoben. Wenn Du einen Antrag auf ein Visum stellst, musst Du erklären, wieso Du einreisen möchte, dass Du ausreichend Geld hast, krankenversichert bist und in Dein Heimatland zurückkehren möchtest. Dein Visum ist immer befristet. Wenn Du länger bleibst, giltst Du als illegal. Folge der Geschichte eines Kolumbianers, der zum Studieren nach Deutschland kam.

weiterlesen 2 Minuten

von Benedict Wermter , Julian Jestadt , Florian Bickmeyer

Du bist 23 Jahre alt. Du kommst aus einem kleinen Dorf im Nordosten Kolumbiens. Deine Eltern haben eine Rinderfarm und viel gearbeitet, damit Du, Ihr ältester Sohn, zur Schule gehen konntest. Du warst ein guter Schüler, darfst sogar studieren, Wirtschaft in Bogotá. Die Farm wird nicht die Zukunft sein für Deine Familie, das weißt Du. Das Glück wirst Du woanders finden müssen. An der Uni siehst Du einen Aushang: ein Jahr in Deutschland studieren.

Deine Eltern haben Zweifel, aber sie sehen auch die Chance, die sich Dir bietet. Sie, Deine Tanten und Onkel, legen Ihr Geld zusammen für einen Flug und 7908 Euro für ein Sperrkonto, das Du zur Einreise nach Deutschland nachweisen musst. Mit Deinem Zulassungsbescheid der Universität bekommst Du ein Visum für die Zeit des Studiums.

Du magst die Stadt und die Deutschen. Alles hat seine Ordnung, das Leben ist sicher. Du verliebst Dich in ein Mädchen. Und bald werdet Ihr ein Paar. Du findest einen Job, mit dem Du ein paar Euro verdienst. Nach bald einem Jahr steht Deine Rückreise an. Aber Du möchtest bleiben. In langen Nächten sprichst Du darüber mit Deiner Freundin – und dann entscheidet Ihr gemeinsam: Du bleibst in Deutschland. Sie will Dir helfen und zusammen werdet Ihr es schon schaffen.

CORRECTIV ist spendenfinanziert!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung von Bürgerinnen und Bürgern realisiert. Jetzt unterstützen!

Dein Rückflugticket lässt Du verfallen. Deine Eltern sind traurig, aber sie verstehen Dich. Zwei Tage später ist Dein Visum abgelaufen – jetzt giltst Du in Deutschland als illegal.

Weiter studieren kannst Du nicht und auch Deinen Job musst Du aufgeben. Aber Du hast Glück: über einen Freund findest eine neue Arbeit in einer Küche. Du brätst Burger. Und Du träumst von einem eigenen Restaurant, wo Du gutes südamerikanisches Rindfleisch auftischen möchtest. Mit Deiner Freundin sprichst Du über eine Heirat, Du dürftest dann wieder in Deutschland sein. Aber noch sind ihre Eltern dagegen, es ginge zu schnell.


Du giltst jetzt als illegal.

  • Du darfst nicht arbeiten, nur schwarz, und Deinen Lohn kannst Du nicht einklagen, ohne Deine Identität zu offenbaren.
  • Du bist nicht krankenversichert und kannst auch sonst keine Versicherungen abschließen.
  • Du hast keine Altersvorsorge.
  • Du wirst Schwierigkeiten haben, eine Wohnung zu mieten.
  • Du meidest jede Begegnung mit Polizei, Behörden und Menschen, die Dich verraten könnten.
  • Du kannst kein Verbrechen anzeigen. 
  • Du bekommst keine sozialen Leistungen.
  • Du darfst nicht wählen.

Zurück

Redaktion: Florian Bickmeyer
Gestaltung: Thorsten Franke, Simon Jockers, Ivo Mayr

© Ivo Mayr

Flucht & Migration

Wir danken Euch

Seit Dezember haben wir bei CORRECT!V eine Crowdfunding-Plattform. Die Recherche über die Unsichtbaren ist die erste Veröffentlichung, die Ihr dort finanziert habt. Dafür danken wir Euch herzlich. Jetzt beginnen wir mit dem zweiten Teil unserer Recherche: Wir wollen die Unsichtbaren nicht als Einzelschicksale begreifen, sondern ihre Probleme über möglichst viele Kontakte verstehen.

von Florian Bickmeyer

Im November haben wir uns Fragen gestellt, auf die wir keine Antworten wussten. Wir kannten diese Zahlen eines EU-Forschungprojektes: Hunderttausende lebten danach in Deutschland, die gar nicht im Land sein dürften – und Millionen in den anderen Ländern Europas. Es sind Menschen, die ihre Geschichte nur mit den engsten Vertrauten teilen. Sie leben ohne gültige Papiere, sie sind illegal eingewandert oder sie sind geblieben, als sie ausreisen sollten. Keine Behörde weiß mehr von ihnen. Wir nannten sie deswegen „Die Unsichtbaren“.

Wir fragten uns: Welche Rechte haben diese Menschen? Wie ergeht es ihnen? Wie verdienen sie ihr Geld? Wer sind sie eigentlich? Ist es überhaupt möglich, in einem Land zu leben und den Behörden nicht zu begegnen? Oder sie nicht zu brauchen? Was machen diese Menschen, wenn sie krank werden? Wer hilft ihnen? Vor wem haben sie Angst? Oder wovor? Und wieso? Haben sie einen Traum? Leben sie freiwillig ohne Papiere? Ist es ihre einzig verbliebene Chance? Was bräuchten sie dann?

Wir wollten das alles wissen.

Und dann wir fragten uns: Ihr auch?

Crowdfunding erfolgreich

Wir wussten es nicht. Zwei Monate später hatten wir gezittert und gehofft, dann war klar: Ihr wollt es auch wissen – und Ihr helft uns dabei, es herauszufinden.

4000 Euro habt Ihr uns gespendet, nachdem wir unsere Fragen zu einer Recherche gemacht haben, die wir über die damals bei CORRECTIV neue Crowdfunding-Plattform finanzieren wollten. Ziel erreicht. Dank Eurer Hilfe und Eurem Interesse. Es ist nicht nur Geld, das Ihr uns für unsere Arbeit gegeben habt, es ist auch Vertrauen. Und es sind Anregungen und Hinweise, Kritik und Lob.

Bei den Crowdfundern

Miriam Heising, Thomas Angeli, Denis Bartelt, Frank Ostrowski, Michael Rasenberger und Christian Schwägerl

CORRECTIV ist spendenfinanziert!

CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung von Bürgerinnen und Bürgern realisiert. Jetzt unterstützen!

bedanken wir uns dafür ausdrücklich und von Herzen. Auch natürlich bei den vielen Spendern, die uns anonym unterstützt haben. Ihr alle habt die bisherige Recherche über die Unsichtbaren erst möglich gemacht. Ihre Veröffentlichung in der vergangenen Woche ist unsere erste, die Ihr als Crowdfunding finanziert habt. Seit Dezember haben fast alle Projekte auf der Crowdfunding-Plattform von CORRECTIV ihren Projektbeitrag erreicht. Die Reporter der Projekte haben ihre Arbeit weiter verfolgt – und wir freuen uns auf die kommenden Veröffentlichungen, die Ihr möglich gemacht haben werdet.

Helft uns bei der Recherche

Die Recherche über die Unsichtbaren ist mit dieser ersten Veröffentlichung noch lange nicht abgeschlossen und sie ist nicht nur ein Crowdfunding-Projekt. Sie ist auch ein Crowdsourcing-Projekt. Wir möchten möglichst viele von Hunderttausenden Unsichtbaren in Deutschland und Millionen in Europa erreichen. Wir möchten ihre Leben verstehen über ihre Masse, nicht mehr nur als Einzelschicksale. Wir möchten Strukturen finden, Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

Wir haben unsere Fragen an die Unsichtbaren in einem Fragebogen zusammengefasst. Erst nur auf Deutsch, dann auf Französisch und Englisch, mittlerweile auch auf Arabisch, Spanisch, ItalienischRussisch, Farsi, Serbokroatisch und Türkisch

Diesen Fragebogen werden wir jetzt zu den Unsichtbaren bringen, in die Arztpraxen und Anwaltskanzleien, zu den Kirchen, den Flüchtlingsdiensten, den Gewerkschaften – überall dorthin, wo jemand mit Unsichtbaren zu tun haben kann.

Wir suchen möglichst viele Antworten, um eine einzigartige Datenbank zu schaffen. Mit tausenden Antworten von Unsichtbaren finden wir vielleicht Missstände, von denen wir noch gar nichts ahnen. Wir wissen, dass Unsichtbare häufig auf dem Bau, in der Pflege oder in der Gastronomie arbeiten. Aber wo noch? Wer nutzt sie aus? Gibt es gar eine Branche, die von den Unsichtbaren als billige Arbeitskräfte abhängig ist? Mit tausenden Antworten werden wir besser verstehen, woher diese Menschen gekommen sind, auf welchen Wegen und wieso. Mit tausenden Antworten werden wir auch besser verstehen, wer diese Menschen sind, was sie können und was sie sich erhoffen.

Ihr helft uns, wenn Ihr unseren Fragebogen teilt. Auf Facebook, auf Twitter oder wenn Ihr einfach anderen davon erzählt. Fast jeder kennt jemanden. Noch viele mehr kennen jemanden, der jemanden kennt. Vielleicht kennt auch Ihr Unsichtbare – und wisst es noch gar nicht. Oder Ihr kennt jemanden, der den Unsichtbaren hilft. Beides habe ich selbst erlebt: Zweimal sprach man mich an, nachdem ich unseren Fragebogen erstmals auf Facebook geteilt hatte. Es waren flüchtige Bekannte, die sich meldeten, aus dem Kreis von hunderten Facebook-Freunden. Dass sie mir bei der Recherche weiterhalfen, hätte ich vorher nicht zu ahnen gewagt. Ich verstand nach den Gesprächen besser, wer gut ist zu den Unsichtbaren und wer schlecht, wovor einige wenige Angst haben oder wovon sie träumen. 

Finden wir es gemeinsam über Tausende heraus, nicht mehr nur über einige.


Update, 4. Juni, 12.30 Uhr: Wir haben den Fragebogen nunmehr auch ins Italienische übersetzt und dies oben in die Aufzählung eingefügt.

© Julia Schwarz

Artikel

„Ich glaub, ich bin bald tot“

Es war ein später November-Nachmittag, als ich spürte, dass es mit mir zu Ende ging. Ich war 13 Jahre jung, lag in meinem Bett und fror unter der Daunendecke. Draußen war es schon dunkel. Ich hörte den Regen gegen die Balkontüre prasseln und den Wind um die Hausecke rauschen. Einige Minuten vorher, vielleicht auch eine Stunde, war ich kurz aufgestanden und hatte mir über Unterhemd, T-Shirt und Pullover ein Jäckchen angezogen. Es reichte nicht. Ich fror, und mein Körper wehrte sich, meine Muskeln zuckten, meine Lippen bibberten. Und mit jedem Atemzug wog die Bettdecke schwerer auf mir.

weiterlesen 10 Minuten

von Florian Bickmeyer

Ich dachte an Murmeltiere, die den Winter durchschlafen und erst aufwachen, wenn die Sonne sie wieder wärmt. Die Murmeltiere verschwanden, und ich dachte an einen Tag, den ich mit dem Nachbarsjungen verbracht hatte. Ich war gerade erst eingeschult worden. Dann noch so ein Tag mit ihm, später in der Gartenlaube seiner Eltern. Stundenlang hatte ich mich danach unter die heiße Dusche gesetzt. Nun spürte ich das Zittern wieder und dachte an nichts mehr. Ich spürte Leere, erst in meinem Kopf, dann breitete sie sich in meinem Körper aus. Ich schloss die Augen und sah Farben. Rot, Grün und Blau verschwammen erst in wabernden Blasen und mischten sich schließlich zu Schwarz. Ich erinnere mich an eine Frage, die ich mir plötzlich stellte: Was ist, wenn ich nicht mehr aufwache? Dann wurde das Zittern schwächer, irgendwie dumpf. Ob sich so sterben anfühlt, fragte ich mich. Ich glaubte, ja, das müsse der Tod sein.

Ich blinzelte in das schwache Licht in meinem Zimmer und öffnete meine Augen. An der Wand sah ich ein Poster von Lenny Kravitz, das ich dort einmal aufgehängt hatte. Ich mag seine Musik, und ich mag Lenny, seine Haare, seine Stimme, seine Worte. Von der Wand blickte er mich an, als könnte er in mich hineinsehen; und als würde er verstehen.

A burning heart and tired eyes
Howling winds for lullabies
No one there to soothe her fright
Nowhere to turn, but the inward light
(„Rosemary“, Lenny Kravitz)

Ein plötzliches Zucken in meinen Beinen fühlte sich lebendig an. Ich war am Ende meiner Kräfte und mir schon nicht mehr sicher. Aber ich lebte. Schwach. Verloren. Einsam. Krank. Ich war ein junges Mädchen, dessen Leben so unaufgeräumt war wie das Kinderzimmer. Überall auf dem Boden lagen Taschentücher, die meisten hatten meine Tränen durchweicht. Ich war 1,70 Meter groß, 37 Kilogramm leicht, 18 Kilogramm unter meinem Normalgewicht.

Die nächsten Momente erlebte ich nur schwarz-weiß und brüchig. Auf dünnen, wackligen Beinen zitterte ich mich durch den Flur bis ins Wohnzimmer, wo meine Eltern saßen. Bis heute erinnere ich mich nicht mehr an diesen Gang. Ich kann nicht sagen, woher ich die Kraft nahm, um aufzustehen. Es war wohl einfach das letzte Bisschen, das ich noch hatte.

Ich hatte schon manches Mal über das Sterben nachgedacht, aber nie entschieden, dass ich nicht mehr leben wollte. Und doch hatte ich in den Monaten zuvor viel dafür getan. Ich hatte aufgehört zu essen, erst von allem weniger, dann nur noch Obst, Gemüse, Reiswaffeln, und dann eigentlich nichts mehr. Meine letzte Mahlzeit bevor mich an jenem November-Nachmittag die Kraft verließ, war eine halbe Tomate mit ein bisschen Salz.

Ich kostete das Gefühl aus, wenn ich meinen Hunger überwand, wenn nicht ich meinem Körper gehorchte, sondern er mir. Jedes verlorene Kilogramm, jede ausgelassene Mahlzeit, war wie ein Sieg für meinen eigenen Willen. Nicht zu essen, war meine Trutzburg. Ich verschanzte mich darin.

Little Mary was five years old
Her parents left her, she was out in the cold
Alone to live and find her way
In this great world of heartache and pain
(„Rosemary“, Lenny Kravitz)

Die Magersucht fraß sich durch meinen Kopf in meinen Körper. Manchmal war ich so schwach, dass ich nicht mehr zur Schule gehen konnte, dass jede Stufe einer Treppe zu viel war. Trotzdem genoss ich es, wie auch die Schnitte, die ich mir seit einigen Jahren mit Rasierklingen in die Arme zog. Die Euphorie, wenn das Blut floss, wirkte wie ein Schmerzmittel gegen die Qualen, die ich durchlebte, wenn ich an den Nachbarsjungen dachte.

Er war 15, als wir uns kennenlernten – acht Jahre älter als ich. Er hatte keine Freunde, glaube ich, und ich hatte auch keine. Als Kind war ich dick. Ich hörte oft Sprüche deswegen. Viele waren eine Beleidigung, manche klatschten mir wie eine Ohrfeige ins Gesicht. So zog ich mich zurück. Und mit dem Nachbarsjungen hatte ich plötzlich einen Verbündeten. Ich fand ihn cool. Vielleicht, weil wir beide Einzelgänger waren. Vielleicht auch nur, weil er älter war. Wir trafen uns fast jeden Nachmittag, meistens bei mir zu Hause. Dann gingen wir Eis essen, schwimmen oder zogen einfach durch die Gegend.

Irgendwann lud er mich zu sich nach Hause ein. Seine Eltern waren nicht da. Er war sowieso viel alleine. Er hat mir wenig von sich erzählt, eigentlich weiß ich fast nichts über ihn. Aber er hatte oft Ärger mit seinem Vater. Ich glaube, wenn dem etwas nicht passte, dann hat er ihn gerne geschlagen. Wir haben Räuber und Polizei gespielt. Er war der Polizist. Und als er mich erwischt hatte, fesselte er mich an Handgelenken und Füßen. Er hat dann lange gewartet, bis er mich wieder freiließ. Das nächste Mal, als er mich gefangen hatte, sagte er: „Lass uns doch Vergewaltigung spielen.“

Ich war erst sieben und verstand nicht richtig. Aber ich wusste, dass das kein gutes Zeichen war. Ich sagte, er solle mich losbinden. Da schlug er mir ins Gesicht, zweimal und fest. Ich verlor die Besinnung. Was dann passierte, kann ich nicht sagen. Ich hatte aber Schmerzen im Unterleib, als ich wieder zu mir kam. Es ging mir gar nicht gut. Meinen Eltern sagte ich, dass wir draußen gewesen waren, dass ich ausgerutscht und gefallen wäre. Ich wollte ihnen nicht sagen, dass er mich geschlagen hatte. In der Nacht darauf, schlief ich schlecht.

Eyes of brown, matted locks of gold
Her flowered dress is tattered and soiled
Tear stained cheeks, her feet cold and bare
Who could have left a child so rare
(„Rosemary“, Lenny Kravitz)

Von diesem Tag an spielte er dieses Spielchen mit mir wieder und wieder. Nur blieb ich dabei wach. Meistens machten wir zuvor etwas Schönes, waren draußen unterwegs, manchmal auch im Schrebergarten seiner Eltern. Wir amüsierten uns, bis er plötzlich sagte, damit sei es jetzt vorbei. Dann wurde er zu einem anderen Menschen. Er band mich fest, packte mich, wenn ich mich sträubte, und dann vergewaltigte er mich. Eines Tages sagte er, wenn ich mich nicht wehrte, würde es auch nicht weh tun. Ich ließ es über mich ergehen. Ich glaube, weil er der Einzige war, der mir ein Freund war, der mir seine Zeit und seine Aufmerksamkeit schenkte. Ich hatte Angst, vor diesen Momenten, wenn er sich veränderte. Aber ich wollte auch nicht auf ihn verzichten.

Und dann, nach vier Jahren, war er plötzlich weg. Er hatte mit anderen Mädchen das gleiche gemacht, wie mit mir – und sie hatten es ihren Eltern erzählt. Ich war traurig, dass er nicht mehr da war, und gleichzeitig war ich erleichtert. Aber er hatte mir Halt gegeben, und er fehlte mir.

Bald darauf begann ich, abzunehmen. Ich hatte noch immer keine Freunde und ich dachte, mein Körper sei der Grund dafür. Und ich wollte raus aus diesem Körper, weil er mich einsam machte, weil ihm etwas passiert war, was ich noch immer nicht wirklich begriff. Ich verstand nur, dass ich es hinter mir lassen musste. Die ersten Pfunde verlor ich schnell. Und ich spürte die Erfüllung, wenn ich den Hunger überwand, und die Zufriedenheit, weil ich bestimmen konnte, dass mein Körper nun dünner wird. Also aß ich jeden Tag weniger – bis ich zitterte, Farben sah und die Kraft verlor.

Look what He’s done to me
Now I am living in another space and time
He walked on the righteous path
To keep us from Satan’s wrath
(„The Resurrection“, Lenny Kravitz)

Als ich am Ende des Flurs das Wohnzimmer erreichte, sah ich plötzlich klar. Meine Eltern saßen auf dem Sofa. Sie hatten zuletzt häufig versucht, mit mir übers Essen zu reden, manchmal verständnisvoll, manchmal ohnmächtig. Sie konnten mich ja nicht zum Essen zwingen. Und wie dürr ich geworden war, das sah ich selbst nicht – auch nicht im Spiegel. Wie schlimm es tatsächlich um mich stand, ahnten sie nicht. Ich hatte die Wahrheit vor ihnen immer unter weiten Klamotten verborgen. Wenn sie sich sorgten, mir gar Fragen stellten, dann blockte ich sie ab. Und so richtig konnten wir nie miteinander. Bis heute trennt uns etwas, das wie eine Wand zwischen uns steht.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

Unsere Recherchen entstehen vor Ort. Wir liefern Hinter­­­gründe und spüren Skandalen nach – da wo sie passieren. Wir berichten mitten aus dem Leben – wo die Menschen sind. Jetzt spenden!

Auch nun stand ich vor ihnen und wusste nichts zu sagen. Meine Eltern blickten mich an und ich sie. Dann zog ich mich einfach aus. Wortlos. Erst das Jäckchen, dann Pullover, T-Shirt, Unterhemd, Hose und Strumpfhose. Als sie meine spitzen Schultern und Hüften anstarrten, äußerlich regungslos, und ihre Blicke an den tiefen Schatten hängenblieben, die meine Rippen in die gespannte, glasige Haut zeichneten, sagte ich alles, woran ich in den letzten Minuten denken konnte: „Ich glaube, ich bin bald tot.“

Mein Vater stand auf, sammelte meine Klamotten ein, hob mich in meine Hose, zog mir den Pullover über, nahm mich an die Hand, setzte mich ins Auto und fuhr mit mir zur nächsten Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Ich blieb dort sechs Monate, stationär und anfangs zwangsernährt.

Mit den Therapeuten konnte ich reden, das merkte ich schnell. Und ich fühlte, dass es wichtig ist, ihnen meine Geschichte zu erzählen, wenn ich nicht sterben wollte. Ich hatte noch lange Zeit Angst davor, nicht mehr zu essen. Aber ich verstand, was der Nachbarsjunge mit mir gemacht hatte, wie er mich verführt hatte und wie schließlich immer eine Drohung in der Luft lag: Wenn ich nicht mitspielte, dann wäre ich wieder alleine. Er hatte mich in seinen Besitz genommen.

Vergewaltigung Illustration

Julia Schwarz

Ich lernte zu verstehen, was ich möchte und was ich nicht möchte. Ja sagen und nein sagen, Entscheidungen treffen. Fast fünf Jahre war ich insgesamt in Therapie. Und ich hatte manchen Rückfall. Am schlimmsten war es, als ich noch einmal mehr als zehn Kilogramm abnahm. Heute aber stehe ich fest im Leben. Vielleicht bin ich manchmal gar zu selbstbestimmt, zu energisch, aber das nehme ich mir heraus. Hin und wieder aber habe ich schlechte Tage. Dann holt eine Anspielung, vielleicht auch nur der Tonfall einer Stimme, alles wieder hoch. Nur weiß ich heute, damit umzugehen.

Nach der Schule machte ich eine medizinische Ausbildung. Wir hatten ein Seminar, in dem wir über Vergewaltigungen sprachen. Es war so theoretisch, weil auch kaum jemand darüber redet. Die Menschen schweigen lieber, möchten damit nichts zu tun haben. Ich meldete mich, um eine Frage zu stellen. Ich leitete die Frage ein und sagte: „Und ich als selbst Betroffene,…“

Dann wurde es still im Raum. Niemand traute sich, mich anzugucken. Ich sagte, sie sollten mich einmal ansehen, ich bin nicht anders, nur weil ich ein Opfer war. Es dauerte noch einen Moment, dann wurden die Menschen lockerer. Später sagten mir einige, wie sehr sie mich für diesen Mut bewunderten. Mir gab das Stärke. Und ich glaube, wenn einem Schlimmes passiert, dann darf man sich nicht damit abfinden, ein Opfer zu sein. Es gibt ein Leben zu leben.

Ich bin heute Mitte 20, habe Normalgewicht, lebe mit meinem Freund im Ruhrgebiet und helfe mit meiner Arbeit anderen Menschen. Meine Eltern wissen bis heute nicht, was mir widerfahren ist. Sie sollen sich nicht schuldig fühlen. Lenny Kravitz’ mag ich noch immer. Seine beiden Songs „The Resurrection“ und „Rosemary“ gehören nach wie vor zu meinen Lieblingsliedern.

Dieser Text ist zuerst im CORRECTIV Bookzine #1 erschienen. Das Bookzine könnt Ihr unter shop.correctiv.org bestellen. Fördermitglieder von CORRECTIV erhalten das Correctiv-Bookzine gratis. Hier könnt Ihr unseren Journalismus fördern: correctiv.org/unterstuetzen