16 Jahre lang hast Du auf dem Feld geschuftet, im Westen Nigerias. Du hast Kakao geerntet und Tomaten. Eine harte Arbeit. Und weil Du eine Frau bist, hast Du nur halb so viel verdient wie die Männer, die die gleiche Arbeit machen. Zum Leben war das eigentlich nicht genug, zum Überleben gerade eben.
Du bist jetzt Anfang 30. Dein Leben lang hast Du von Europa geträumt. Dort sei die Arbeit besser und der Lohn höher, dort seien Männer und Frauen gleich, so sagt man bei Euch zu Hause.
Eines Tages, es ist eine schlechte Ernte in diesem Jahr, schickt Dein Chef Dich vom Feld. Du brauchst nicht wiederkommen. Es ist nicht das erste Mal, das hast Du alles schon erlebt. Und irgendwo könntest Du auch wieder eine Arbeit finden. Aber ist das eine Zukunft?
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Dein Mann hat Dich vor einigen Jahren sitzen lassen und Kinder hast Du nicht. Eines Morgens wachst Du auf und triffst eine Entscheidung: Du wirst nach Europa gehen, Du wirst es versuchen.
Vor dem Weg durch die Wüste hast Du Angst. Aber Du hast von den Schiffen gehört, die von Port Harcourt auslaufen und nach Europa fahren. Du lungerst einige Tage in der Nähe des Hafens, bis Du einen Frachter findest, auf dem Du anheuern kannst. Du wirst kein Geld bekommen, aber Du darfst mitfahren, wenn Du arbeitest. Auf der Überfahrt nach Hamburg putzt Du, hilfst in der Küche, bist viele Stunden am Tag das Mädchen für alles. Du schläfst schlecht, bist einsam. Aber die Aussicht auf ein gutes Leben gibt Dir Hoffnung.
Der Smut erzählt Dir, Du könntest nicht einfach nach Deutschland einreisen, Du bräuchtest ein Visum. Wenn Du keines hast, würden Dich die Behörden bei der Einreise festnehmen und bald zurück nach Nigeria schicken. Darüber hattest Du nie nachgedacht. In einer Nacht wirfst Du Deinen Pass über Bord. Nun kann wenigstens niemand mehr wissen, wer Du bist und woher Du kommst.
Als der Frachter in Hamburg einläuft, versteckst Du Dich in der Kombüse. In der Dunkelheit schleichst Du Dich vom Schiff und aus dem Hafen. Du gehst in die Nacht, suchst Dir einen Schlafplatz in der Böschung. Am nächsten Tag gehst Du hinein in die fremde Stadt. Bei den Behörden wirst Du Dich nicht melden, Du weißt nicht, wie es nun weitergeht. In einem Park siehst Du einige Afrikaner – vorsichtig suchst Du Anschluss, Ihnen vertraust Du eher als den Deutschen. Sie geben Dir Tipps und helfen Dir beim Start in ein Leben, dass Dir ungewiss ist. Vielleicht wäre es zu Hause doch einfacher gewesen.
Folge dem zweiten Weg in die Unsichtbarkeit: Du kommst ins Land, um Asyl zu beantragen.
Du giltst jetzt als illegal.
- Du darfst nicht arbeiten, nur schwarz, und Deinen Lohn kannst Du nicht einklagen, ohne Deine Identität zu offenbaren.
- Du bist nicht krankenversichert und kannst auch sonst keine Versicherungen abschließen.
- Du hast keine Altersvorsorge.
- Du wirst Schwierigkeiten haben, eine Wohnung zu mieten.
- Du meidest jede Begegnung mit Polizei, Behörden und Menschen, die Dich verraten könnten.
- Du kannst kein Verbrechen anzeigen.
- Du bekommst keine sozialen Leistungen.
- Du darfst nicht wählen.
Redaktion: Florian Bickmeyer
Gestaltung: Thorsten Franke, Simon Jockers, Ivo Mayr
Vielleicht kennen Sie das. Die AfD scheint schier unaufhaltsam. Genauso wie der Rechtsruck in ganz Europa. Dazu kommt: Die Situation zuletzt in Ceuta, Krieg im Iran, Frieden ist in der Ukraine noch lange nicht in Sicht und gerade erst haben wir einen Sommer mit einem Rekord an Hitzetoten in Deutschland hinter uns. Von den unfassbaren Waldbränden in Europa will ich gar nicht erst anfangen.
Manchmal möchte man da schon den Kopf in den Sand stecken. Noch eine Krise. Noch eine schlechte Nachricht. Noch eine Debatte, bei der man sich fragt: Wo soll das alles hinführen? Ich glaube, ich spreche für viele, wenn ich sage: An vielen Tagen hat man einfach keinen Bock mehr. Vielleicht kennen auch Sie das Gefühl. Damit sind Sie nicht allein!
Wir von CORRECTIV wollen uns diesem Gefühl nicht länger hingeben. Denn so kann es nicht weitergehen. Deshalb haben wir uns eine neue Aktion ausgedacht und wir glauben, es ist genau das, was wir jetzt brauchen: Gemeinsam mit Ihnen wollen wir 42.000 Mutmeter gehen.
Mutmeter bedeuten für uns: aktiv zu werden und gemeinsam etwas zu schaffen, auf das wir stolz sein können. Gemeinsam setzen wir ein demokratisches Ausrufezeichen in einer extremen Zeit. Wie bei einem Marathon geht es nicht darum, wer am schnellsten ist. Es geht darum, überhaupt loszugehen. Meter für Meter. Schritt für Schritt.
