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Interviews

Kreativ mit dem Recht

In Nürnberg erfüllt Renate Scheunemann einen Auftrag von ganz oben: Eine Arbeitsgruppe „Menschen ohne Krankenversicherung“ soll gegründet werden, befand einst Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD). Scheunemann, Ärztin beim Nürnberger Gesundheitsamt, wurde zur Leiterin der Arbeitsgruppe ernannt.

von Julian Jestadt

Sie hatte Maly das Problem zuvor vorgetragen. Weil sie sich für Integration und Menschenrechte einsetzte, „glaubte der Oberbürgermeister anfangs, die AG werde sich überwiegend mit der Frage der medizinischen Versorgung von Menschen, die ohne Papiere in Deutschland leben, kümmern“, sagt Scheunemann. Ohne Pass, ohne Aufenthaltsgenehmigung, sind sie naturgemäß auch nicht krankenversichert. Die Hilfe der Arbeitsgruppe nehmen diese Menschen allerdings kaum in Anspruch. Sie haben andere Lösungen entwickelt. Welche, darüber spricht Scheunemann im Interview mit Julian Jestadt – außerdem über medizinische Notfälle, die Übermittlungspflicht der Behörden und Schwangerschaften. 

Ein Porträt von Renate Scheunemann

Renate Scheunemann

Frau Scheunemann, was kann ein Mensch machen, der ohne gültige Papiere und ohne Versicherung in Deutschland lebt, wenn er krank geworden ist?

Renate Scheunemann: Die meisten gehen zu niedergelassenen Ärzten ihres Vertrauens. Teilweise sind sie dort schon seit Jahren kostenlos in Behandlung. Wer einen Arzt zur kostenlosen Behandlung sucht, kann von der Medizinischen Flüchtlingshilfe vermittelt werden. Vermutlich werden manches Mal auch Versichertenkarten „ausgeliehen“ und genutzt.

Und bei einem Notfall?

Werden sie in eine Klinik eingewiesen oder suchen direkt eine Klinik auf.

Ist das nicht problematisch? Zwar muss die Klinik aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht nicht die Daten des Patienten an die Ausländerbehörde weitergeben, aber bei der Kostenabrechnung mit dem Sozialamt kann der Aufenthaltsstatus offengelegt werden.

Ja, das Sozialamt unterliegt wie beinahe alle öffentlichen Stellen der Übermittlungspflicht Oft sind die Patienten aber aus der Klinik entlassen, bevor die Abrechnung zum Sozialamt geht. Das Sozialamt bezahlt dann trotzdem und die Betroffenen sind schon weg. Oder die Betroffenen sind so schwer krank, dass dies zu einem Abschiebehindernis führt.

Unterliegt auch das Gesundheitsamt der Übermittlungspflicht?

Nein, das Gesundheitsamt unterliegt wie alle Gesundheitsämter, Ärzte und Kliniken der ärztlichen Schweigepflicht, dazu gehört auch die Identität der Hilfesuchenden. Bestünde allerdings Gefahr für die Öffentlichkeit, zum Beispiel wenn ein Illegalisierter eine offene Tuberkulose hat und sich weder behandeln lassen noch seine Wohnung wenig verlassen möchte, müssten wir das melden. Das ist aber bisher noch nicht vorgekommen. Einmal kam ein Illegaler mit Verdacht auf HIV zu mir. Ich habe ihm gesagt, er solle einen kostenlosen und anonymen Test bei uns im Gesundheitsamt machen. Der Verdacht hatte sich bestätigt. Also konnten wir es wagen, uns bei der Ausländerbehörde zu melden. HIV ist ein Abschiebehindernis. Er bekam eine Duldung und damit sind auch die Kosten für die erforderliche medikamentöse Behandlung gedeckt.

Die Duldung wurde problemlos ausgesprochen?

Ja, das Gesundheitsamt wird in Zweifelsfällen vor einer Abschiebung um eine gutachterliche Stellungnahme bezüglich der Reisefähigkeit gebeten. Bei der Begutachtung berücksichtigen wir nicht nur, ob jemand reisen kann, sondern auch, wie die Zustände im Heimatland sind. Bei schweren Erkrankungen von Menschen aus armen Ländern ist ein Zugang zu medizinischer Versorgung oft nicht gewährleistet. Dann bekommen sie aufgrund unseres Gutachtens eine Duldung.

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Im Gesundheitsamt bieten Sie auch eine Schwangerschaftsversorgung für Menschen ohne Krankenversicherung an. Wie läuft das ab?

Die Schwangeren bekommen über uns eine kostenlose Vorsorgeuntersuchung vermittelt, die aus einem Spendentopf finanziert wird. Außerdem beraten wir, wo die Entbindung stattfinden kann und wie sie finanziert wird. Als ich früher für die Medizinische Flüchtlingshilfe Nürnberg  arbeitete, haben viele vor der Entbindung noch schnell einen Asylantrag gestellt – auch wenn das keine Chance auf Erfolg hatte. Als Asylbewerberinnen konnten sie in eine Klinik gehen, die Kosten waren gedeckt und das Kind konnte eine Geburtsurkunde bekommen. Wir als Arbeitsgruppe „Menschen ohne Krankenversicherung“ haben jetzt mit Ausländerbehörde, Sozialamt und Klinik eine Regelung ausgearbeitet: Wer sich hier illegal aufhält, kann mit mir zur Ausländerbehörde gehen. Dort wird dann frühzeitig eine Duldung ausgesprochen – mindestens drei Monate vor dem Entbindungstermin bis sechs Monate danach.

Was passiert denn, wenn die Duldung abgelaufen ist?

Das Kind bekommt denselben Status wie der Vater. Die Mutter kann ohne Kind nicht abgeschoben werden. Die Eltern müssen nur sagen, dass sie als Familie zusammenleben wollen. Das hat bisher immer funktioniert. Auch wenn es manchmal nicht so durchgeführt wurde. Bisher haben wir alle legalisiert. Da sind wir kreativ.

Was heißt kreativ?

Wir sind innerhalb der Möglichkeiten des Gesetzes kreativ. In München wurde ein Vierteljahr vor und ein Vierteljahr nach der Entbindung eine Duldung erteilt. In Nürnberg war es damals noch nicht so. Das haben wir in unserer Arbeitsgruppe berichtet. Nürnberg und München liegen miteinander im ständigen Konkurrenzkampf. Deshalb sagte der Chef der Ausländerbehörde: „Wir machen das besser!“ Dann wurde die Duldung auf ein halbes Jahr nach der Entbindung hochgesetzt. Man muss eben nur wissen, wie man die Leute ansprechen muss.

Sind Menschen, die in Deutschland als illegal gelten, Ihnen gegenüber nicht misstrauisch?

Am Anfang sind manche angespannt und aufgeregt. Aber es wird viel über unsere Arbeit berichtet. Und dass wir der Schweigepflicht unterliegen, das hat sich herumgesprochen. Viele wissen mittlerweile Bescheid. Wenn die betroffenen Menschen mir vertrauen, dann können wir auch gemeinsam zur Ausländerbehörde gehen. Den Mitarbeitern dort vertraue ich. Also kann ich den Betroffenen versichern, dass sie nicht ausgequetscht werden. Das gegenseitige Vertrauen zu allen Seiten ist das Wichtigste – und das besteht weitestgehend.

Redaktion: Florian Bickmeyer
Gestaltung: Thorsten Franke, Simon Jockers, Ivo Mayr

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Interviews

Die Hoheit des Staates

Warum dürfen Menschen nicht frei in unser Land kommen? Das deutsche Aufenthaltsrecht begründet das nicht. Der Migrationsforscher Norbert Cyrus sagt, das Schließen von Grenzen widerspräche der Grundfreiheit des Einzelnen. Er sagt aber auch: Staaten dürfen Migration einschränken, wenn es dafür konkrete Gründe gibt.

von Julian Jestadt

Das würde auch die Rechte Einzelner besser schützen.
Julian Jestadt sprach mit Norbert Cyrus über einen Ausgleich zwischen Aufenthaltsgesetz und dem Recht auf Bewegungsfreiheit. 

Ein Porträt von Norbert Cyrus

Norbert Cyrus

Herr Cyrus, die Menschen dürfen sich in dieser Welt nicht frei bewegen. Es gibt Pässe, Staatsgrenzen, die nur mit ausdrücklicher Erlaubnis überschritten werden dürfen und Grenzkontrollen. In Deutschland haben wir ein Aufenthaltsgesetz, das für Ausländer Einreise, Ausreise und den Aufenthalt regelt. Sagen Sie, wieso brauchen wir das?

Norbert Cyrus: Weltweit beobachten wir große Unterschiede: bei Einkommensniveaus, öffentlicher und sozialer Sicherheit, Zukunftsperspektiven und individueller Freiheit. Das schafft Anreize zur Migration. Das Aufenthaltsgesetz ist darauf ausgerichtet, diese Migration zu steuern und zu begrenzen. Damit soll unser soziales Gefüge geschützt werden. 

Und das haben wir nötig, uns zu schützen?

Wir brauchen rechtsstaatliche, überprüfbare Regelungen, um Einreisen, Aufenthalte und das soziale Zusammenleben zu organisieren. Aber das gegenwärtige Aufenthaltsgesetz ist dringend reformbedürftig. Ich glaube, es sollte darum gehen, Migration zu ermöglichen und abzusichern. Es muss ein Ausgleich geschaffen werden zwischen dem Recht jedes Einzelnen, sich frei zu bewegen, und dem Recht des Staates über Einreisen und Aufenthalte zu entscheiden. Beide Rechte – für sich genommen – stehen sich entgegen. Zurzeit wird dem Recht des Staates einfach der Vorrang eingeräumt. Den Ausgleich gibt es nicht.

Wie ließe sich dieser Widerspruch auflösen, der Ausgleich finden?

In einer Debatte, die ohne Angst geführt wird. Erstmal muss das Recht des Einzelnen, sich frei bewegen zu dürfen, als eine menschenrechtliche Grundfreiheit anerkannt werden, die auch das Recht auf Einreise einschließt. Das ist Teil eines liberalen Staatsverständnisses, das Demokratie und individuelle Freiheiten schützt. Gleichzeitig erkennt ein solches Staatsverständnis das Recht des Staates an, über Einreisen, Ausreisen, Aufenthalte und Ausschlüsse zu entscheiden. Dies kann natürlich nur gelten für Staaten, die demokratisch geführt und von ihren Bürgern legitimiert sind. Weil die beiden Rechte sich entgegenstehen, muss eine liberale Gesellschaft die Frage klären, welchem Recht der Vorrang eingeräumt werden soll – und wie weit das andere Recht eingeschränkt werden darf. Ich meine, Staaten, die den Anspruch haben, Menschenrechte zu achten und individuelle Freiheiten zu fördern, sollten das Recht des Einzelnen als höheres Gut schätzen. Dann dürfte es nur beschränkt werden, wenn es dafür sehr gute, klare Gründe gibt.

Ist das ein Vorschlag, Grenzen zu abzuschaffen?

Nein. Unter den aktuellen Bedingungen weltweiter Ungleichheit darf ein Staat, sagen wir Deutschland, das höhere Gut der Bewegungsfreiheit in einem gewissen Maße einschränken. Das sollte aber nicht als selbstverständliches, sondern als letztes Mittel angesehen werden, das konkret begründet werden muss.

Welche Gründe sind das für das deutsche Aufenthaltsgesetz?

Das deutsche Aufenthaltsgesetz schränkt die Bewegungsfreiheit momentan ohne Bezug auf gute Gründe ein. In der Regel wird pauschal argumentiert, dass Staaten eine international anerkannte Souveränität genießen, die ein Recht auf Migrationskontrolle einschließt – nach nationalen Interesse, was auch immer das ist, und ohne weitere Pflicht zur Begründung. Gleichzeitig wird das Recht auf Bewegungsfreiheit nicht anerkannt. Damit stellt sich die Frage nach einer konkreten Begründung für eine Einschränkung erst gar nicht.

Viele sagen, Deutschland könne nicht alle aufnehmen, die kommen wollen. Ist das eine Begründung?

Ja, das kann eine Begründung sein.

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Reicht sie?

Nein. Weil diese Begründung nicht konkretisiert wird und nicht überprüfbar ist. Sie ist pauschal und oberflächlich. Man müsste zeigen, dass durch die Aufnahme von Schutzsuchenden die Grundlagen unserer Demokratie und unseres Zusammenlebens angegriffen werden. Erst dann kann die Einschränkung der Bewegungsfreiheit als begründet gelten. Ich zeige es Ihnen einmal an einem anderen Beispiel: Das Recht auf Meinungs- und Redefreiheit kann etwa eingeschränkt werden, wenn Beleidigungen oder Hassreden mit den Grund- und Menschenrechten anderer Personen kollidieren. Das unterliegt in einem liberalen Rechtsstaat der Überprüfung eines Gerichts. Eine Einschränkung ist also nur legitim, wenn sie gut begründet und überprüfbar ist. Die Rede- und Meinungsfreiheit als Grund- und Menschenrecht wird aber in einem Rechtsstaat nicht infrage gestellt – anders offenbar als die Bewegungsfreiheit.

Eingangs sagten Sie, der Anspruch des Aufenthaltsgesetzes sei es, das soziale Gefüge des Staates zu schützen. Wenn dieses Gefüge in Gefahr geriete, wäre das also ein guter Grund?

Ja. Dann muss man aber zeigen, dass und in welcher Weise dieses soziale Gefüge durch Zuwanderung konkret bedroht wird und gegebenenfalls mit anderen Rechten kollidiert. Man muss sich allerdings fragen: Ist das der Teil eines Wandels, den wir als heutige Gesellschaft auszuhalten haben? Oder ist es etwas, was unsere Gesellschaft, unsere Demokratie gefährdet? Das muss aufgezeigt werden und überprüfbar sein, um eine Einschränkung der Bewegungsfreiheit zu rechtfertigen. Das wird aber nicht getan.

Was ist ihr Vorschlag?

Die Hindernisse, die der Bewegungsfreiheit Einzelner im Wege stehen, werden konkret aufgezeigt, indem die vermeintlichen Gründe vorgetragen werden, die eine Einschränkung der Bewegungsfreiheit stützen sollen. Das wäre die Grundlage für Überlegungen und Debatten, um herauszufinden, ob diese Gründe überzeugend und zutreffend sind – oder nicht. Wenn sie überzeugen, können wir überlegen, wie unter diesen Bedingungen die Bewegungsfreiheit des Einzelnen weitestgehend geschaffen werden kann, also auch: wie Zuwanderung ermöglicht werden kann. So kann in politischen Debatten der Ausgleich zwischen den beiden Rechten schrittweise in politischen Debatten entwickelt werden.

Wieso geschieht das nicht?

Wir leben in komplexen Gesellschaften, in denen die aktuellen, strukturellen, institutionellen und sozialen Verhältnisse mühsam ausgehandelt wurden. Durch die Ungleichheiten und Ungleichzeitigkeiten weltweit gibt es Spannungen zwischen verschiedenen Prinzipien. In der etablierten Politik geht es vorrangig darum, das jeweilige gesellschaftliche System und die Verhältnisse möglichst nicht zu verändern. Es bestünde nämlich die Gefahr, dass denjenigen, die jetzt von den Strukturen profitieren, etwas weggenommen wird. Der Anreiz, lieber nichts zu verändern und das, was man erreicht hat, so lange zu erhalten wie es geht, ist groß. Man hat Angst, Reichtum oder Privilegien zu verlieren. Diese Angst muss man ernst nehmen – auch, weil sie benutzt werden kann, um Ressentiments gegen zu Zuwanderung zu schüren. Aber wieder gilt: Der pauschale Verweis auf unklare Ängste reicht als Begründung nicht aus, um ein so hohes Gut wie das Recht auf individuelle Bewegungsfreiheit zu beschneiden.

Redaktion: Florian Bickmeyer

Gestaltung: Thorsten Franke, Simon Jockers, Ivo Mayr

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Interviews

Unsichtbare wird es immer geben

Vor acht Jahren schottete die Europäische Union ihre Außengrenzen noch nicht mit meterhohen Zäunen ab, mit Wärmebildkameras, Satelliten und Drohnen. Schon damals hielt Maren Wilmes die geschlossenen Grenzen für falsch. Illegale Einwanderung würde so verschärft, schrieb sie in der Studie „Menschen ohne Papiere in Köln“.

von Julian Jestadt

Migranten gingen dorthin, wo sie die Chance sehen, ihr Leben zu verbessern. Staaten, Regionen oder Staatenbünde könnten sich zwar abschotten, im Versuch eigene Sozialstandards zu sichern. Doch wer hinter die Grenze gelange, dort die eigene Arbeitskraft günstiger anbiete und auf soziale Sicherung verzichte, der stoße auf eine Nachfrage: oft in der Reinigungs- oder Pflegebranche, in der Fleisch- oder Bauindustrie, in der Gastronomie oder der Kinderbetreuung. Und die Arbeit in der hiesigen Schattenwirtschaft sei noch immer lohnender als im Heimatland. Das mache auch illegale Einwanderung attraktiv.

Julian Jestadt sprach mit Maren Wilmes, die als Sozialpädagogin am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien der Universität Osnabrück forscht. 

Ein Porträt von Maren Wilmes

Maren Wilmes

Frau Wilmes, wenn Einwanderung attraktiv ist, aber begrenzt wird, wird es dann immer irreguläre Einwanderung geben?

Maren Wilmes: Ja, irreguläre Migration und irregulärer Aufenthalt sind ein nicht gewolltes, aber unvermeidbares Nebenprodukt von Einwanderungspolitik. Die Fragen sind nur: Wie groß soll diese Gruppe sein, wie groß lassen wir sie werden? Wen holen wir aus der Irregularität heraus – und wen nicht? Und wie ermöglichen wir den hier lebenden irregulären Menschen einen Aufenthalt, der es ihnen erlaubt, ohne Angst zum Arzt zu gehen und ihre Kinder ohne Sorge vor Aufdeckung in den Kindergarten und die Schule zu schicken?

Es gibt keine verlässlichen Zahlen über diese Menschen. Das liegt in der Natur der Sache. Was man weiß: Es sind hunderttausende, vielleicht mehr als eine Million Menschen, die ohne Papiere in Deutschland leben. Sie gelten als illegal oder irregulär. Was heißt das?

Irregulär in Deutschland im Sinne des Aufenthaltsgesetzes sind Menschen, die über keinen aufenthaltsrechtlichen Status verfügen. Das heißt, sie haben keinen Aufenthaltstitel, keine Duldung oder Aufenthaltsgestattung – und damit nach dem Gesetz kein Recht in Deutschland zu leben.

Wie ist das möglich?

Ich würde zwischen drei sehr verschiedenen Wegen unterscheiden: Erstens, die Menschen, die regulär mit einem Visum einreisen, dieses bewusst überziehen und nicht mehr ausreisen. Zweitens, eine sehr schwierig einzugrenzende Gruppe von Menschen, die unbeobachtet die Grenze überqueren und schon mit Grenzübertritt irregulär sind. Und drittens, der Weg über das Asylverfahren – spätestens wenn der Asylantrag abgelehnt wurde tauchen viele unter, manche auch schon zuvor.

Welche Gründe haben Menschen aus der ersten Gruppe, die ihr Visum überziehen und bleiben?

Sie reisen mit einem Touristen-Visum ein, einem Visum für einen Sprachkurs, zum Studium oder als Au-pair. Bleiben sie länger, werden sie zu so genannten „Overstayern“. Sicherlich ist es häufig ein Versuch, Arbeit in der Schattenwirtschaft zu finden. Diese Menschen sehen hier trotz ihrer Irregularität größere Chancen als in ihrem Heimatland. Manches Mal ist auch die Familie der Grund. Ich kenne Fälle von türkischen Staatsbürgern: da wollen Großeltern bei ihren Kindern und Enkeln sein, die hier leben. Oder sie werden geholt, weil sie niemand sonst pflegen würde, wenn die Familie ausgewandert ist.

Was wissen Sie über Menschen, die unbeobachtet einreisen?

Das ist schwierig. Auch das sind an erster Stelle Menschen, die in Deutschland arbeiten und Geld verdienen wollen – häufig für ihre Familien im Heimatland. Einige von ihnen haben vor oder nach dem Grenzübertritt ihre Ausweispapiere zerstört, damit sie keinem Herkunftsstaat zugeordnet werden können, falls sie aufgegriffen werden. Außerdem – und in den letzten Jahren vermehrt – sind es viele Flüchtlinge, die erst gar keinen Asylantrag stellen. Oft, weil sie Angst haben aufgrund der Dublin-III-Regelung in den EU-Staat abgeschoben zu werden, in den sie zuerst eingereist sind oder in dem vielleicht schon ein Asylverfahren läuft. Manche wissen oder glauben auch, dass sie keine Möglichkeiten auf Asyl haben, weil sie zum Beispiel aus einem so genannten sicheren Herkunftsstaat kommen. Sie verbleiben in der Irregularität aus Mangel an Alternativen. Eine weitere nicht unerhebliche Gruppe sind Opfer des Menschenhandels.

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Und wieso rutschen Menschen aus dem Asylverfahren in die Irregularität, auf dem dritten Weg?

Asylbewerber, deren Antrag abgelehnt wurde, entziehen sich auf diese Weise der drohenden Abschiebung. Aber auch Asylbewerber, die noch im Verfahren sind und keine Perspektive sehen, tauchen aus ihrem eigentlich regulären Status unter. Oder es sind langjährig Geduldete ohne Perspektive, die alltäglich mit der Drohung der Abschiebung leben müssen. Diese Menschen leben ständig mit der Angst, ihren Status zu verlieren – sie kommen dem dann zuvor.

Wer untertaucht meldet sich nicht mehr bei den Ämtern, reist über keine Grenze offiziell und wechselt den Wohnsitz. Für die Behörden sind diese Menschen unsichtbar – letztlich ein Leben ohne Rechte.

Die Menschen vergleichen ihre Situation mit ihrem Leben im Heimatland und sehen in Deutschland trotz Irregularität noch bessere Lebensperspektiven und Chancen. Wenn sie es schaffen, relativ konstant Geld zu verdienen, ist es sicherlich möglich, hier weitestgehend „normal“ zu leben, eine kleine Wohnung zu mieten, sogar die Kinder in die Schule zu schicken und über Medinetze, Malteser Migranten Medizin und Gesundheitsämter Zugang zu einfacher oder notwendiger medizinischer Basisversorgung zu finden. Die Probleme zeigen sich vor allem im Alltag. Diese Menschen können sich nur sehr begrenzt in der Stadt bewegen, dürfen nicht auffallen, nicht über rote Ampeln gehen und müssen immer ein Ticket für die U-Bahn kaufen. Wenn sie es nicht schaffen, konstant Geld zu verdienen, stehen sie vor dem Nichts, wie vor einer Klippe von der sie jederzeit abrutschen können. Wer ein reguläres Leben führt, fiele bei uns in ein soziales Netz, das auffängt. Ohne Papiere gibt es dieses Netz nicht. Die Angst vor dem Absturz ist dann ständiger Begleiter. Die Gruppe ist allerdings sehr vielschichtig: die einen meistern ihren irregulären Aufenthalt, andere geraten in existenzielle Not.

Gibt es denn Möglichkeiten die aufenthaltsrechtliche Illegalität zu verlassen und hierzulande ein normales Leben zu führen?

So gut wie keine. Man kann einen Asylantrag stellen, in der Hoffnung, dass dieser anerkannt wird – viele haben darauf aber keine Chance. Man kann eine Deutsche oder einen Deutschen heiraten. Oder über die Härtefallkommission einen Aufenthaltstitel bekommen. Aber auch über diesen Weg sind die Chancen sehr gering.

Wieso schließt unser Aufenthaltsgesetz derart viele Menschen aus?

Einwanderung muss gesteuert werden in einem Wohlfahrtsstaat wie es die Bundesrepublik Deutschland ist. Die derzeitige Zuwanderungspolitik erzeugt aber eine Schieflage: Hochqualifizierten wird die Tür geöffnet, sie werden sogar gesucht, Geringqualifizierte werden ausgeschlossen. Allerdings sehen wir, dass viele Menschen in der Schattenwirtschaft arbeiten. Das heißt: die Nachfrage nach diesen Arbeitskräften ist da. Wir sollten also auch ihnen die Zuwanderung ermöglichen. Zurzeit regeln wir gesetzlich nur, wie Zuwanderung begrenzt wird, nicht wie sie zu gestalten ist. Es ist hier auch nicht möglich, als Asylbewerber zu kommen und als Arbeitsmigrant zu bleiben, obwohl viele Asylbewerber über eine Ausbildung oder einen Hochschulabschluss verfügen. Dafür sind unsere Aufenthaltstitel zu strikt gegliedert. Aufenthaltszwecke können sich aber ändern im Laufe der Migrationsbiografie, sie passen nicht immer in Kategorien. In Schweden zum Beispiel ist der Spurwechsel zwischen den Aufenthaltszwecken möglich, in Deutschland macht ihn das Aufenthaltsgesetz unmöglich.

Redaktion: Florian Bickmeyer

Gestaltung: Thorsten Franke, Simon Jockers, Ivo Mayr

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Interviews

Die Soziale Marktwirtschaft schützen

Das Ziel ist der 10. Juli. Dann entscheidet die Bundesregierung über all jene, die in Deutschland geduldet werden. Das sind Menschen, denen das Aufenthaltsrecht verwehrt wurde, die aber nicht abgeschoben werden konnten. Der Bundesrat soll am 10. Juli das Gesetz „zur Neubestimmung des Bleiberechts und der Aufenthaltsbeendigung" beraten.

von Julian Jestadt

Zukünftig sollen geduldete Menschen das Aufenthaltsrecht erhalten, wenn sie lange genug in Deutschland gelebt haben, Geld verdienen und sich in die Gesellschaft einbringen. Gleichzeitig sollen aber all jene schneller ins Gefängnis kommen, die abgeschoben werden sollen. Über diese Verschärfung und wieso Deutschland ein Aufenthaltsgesetz braucht, sprach Julian Jestadt mit Christian Klos, dem Leiter des Referats Ausländerrecht im Bundesinnenministerium, wo das Gesetz ausgearbeitet.

Herr Dr. Klos, wie würden Sie erklären, wieso Zuwanderung gesteuert werden muss?

Dr. Christian Klos: Für Deutschland lautet meine Antwort: weil wir ein demokratischer Rechtsstaat sind, der die Soziale Marktwirtschaft hat. Aber im Grunde nehmen sich alle Staaten dieser Welt das Recht heraus, zu entscheiden, wer im Staatsgebiet sein darf und wer nicht. Das folgt aus der Souveränität von Staaten. Es ist auch eine gesellschaftliche Frage: Wer soll Teil der Gesellschaft sein und wer nicht?

Ein Porträt von Christian Klos

Christian Klos

Wieso bemühen Sie die Soziale Marktwirtschaft für Ihre Antwort?

Wir haben einen Arbeitsmarkt, der Sicherungen enthält, etwa zur Altersvorsorge oder zur Krankenversicherung. Das sind Standards, die wir für die Bevölkerung in Deutschland vorsehen. Daher stehen Zuwanderung und Soziale Marktwirtschaft in ganz engem Zusammenhang, denn es stellt sich auch die Frage nach der Erwerbstätigkeit von Zuwanderern. Das Aufenthaltsgesetz wurde geschaffen, um Zuwanderung zu gestalten und darüber zu wachen, dass wir unsere übrige Rechtsordnung auch bei ausländischen Mitbewohnern beachten. Das gilt natürlich auch für die Frage der sozialen Absicherung.

Während der Jahrestagung Illegalität haben Sie einen interessanten Satz gesagt: Wenn wir für jeden einen Platz in unserem Raster finden wollen, der in Deutschland bleiben möchte, dann bräuchten wir das Aufenthaltsgesetz nicht mehr. Für mehr Zuwanderung müsste man also das Raster vergrößern?

Der Deutsche Bundestag ist weitgehend frei zu entscheiden, wer nach Deutschland kommen darf, ob man mehr Zuwanderung möchte und welche.  Nur dort, wo wir unsere humanitäre Verantwortung sowie die völkerrechtlichen Verpflichtungen beachten und die Menschen aufnehmen, die gesetzliche Fluchtgründe vorbringen, ist der Entscheidungsspielraum sehr begrenzt. Soweit man aber Zuwanderung steuern kann, bedarf es einer Entscheidung durch den Staat beziehungsweise die Gesellschaft über die Frage, wer kommen soll und wer bleiben darf. Es geht nicht, dass Menschen einfach sagen: Ich bin jetzt hier und möchte bleiben.

Zurzeit arbeiten Sie im Innenministerium ein Gesetz aus und haben auch einen Entwurf vorgelegt, der gerade diskutiert wird. Darin wird eine Neuregelung des Bleiberechts für Geduldete versprochen. Was genau soll damit erreicht werden?

Der Gesetzgeber stellt sich den aufenthaltsrechtlichen Realitäten. Es gibt Menschen, die ausreisepflichtig sind, aber über viele Jahre hier wohnen und durchaus Integrationsleistungen erbracht haben. In der Vergangenheit hat man versucht, dieses Dilemma mit stichtagsabhängigen Regelungen aufzulösen – die sicherstellen sollten, illegale Zuwanderung nicht weiter attraktiv zu machen. Jetzt hat man sich in der großen Koalition darauf verständigt, dass es bei nachhaltiger Integration nach acht Jahren die Möglichkeit geben soll, in Deutschland das Aufenthaltsrecht zu bekommen – für Familien bereits nach sechs Jahren.

Acht Jahre sind eine sehr lange Zeit.

Wie gesagt, es handelt sich um eigentlich ausreisepflichtige Personen. Das Aufenthaltsrecht bezieht sich darauf, ob jemand bleiben darf oder nicht. Wenn die Entscheidung „Nein“ lautet, dann muss zunächst die Aufenthaltsbeendigung erreicht werden. Man muss schon ernsthaft versuchen, dem Recht Geltung zu verschaffen. Wenn dies langfristig aus verschiedenen Gründen scheitert, dann hat man sich irgendwann den geänderten Realitäten zu stellen und vielleicht den Schritt zu machen, die Ausreisepflicht aufzuheben und eine Aufenthaltserlaubnis zu erteilen. Dazu hat man Voraussetzungen auferlegt: neben diesen sechs beziehungsweise acht Jahren eben auch erbrachte Integrationsleistungen.

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Das Gesetz soll auch Inhaftierungen erleichtern. Die genannten Gründe treffen fast immer auf abgelehnte Asylbewerber zu. Wozu diese Verschärfung?

Die Rechtsstellung für diejenigen, die ein humanitäres Aufenthaltsrechthaben, wird deutlich verbessert. Auf der anderen Seite der Medaille – das sagt mein Minister auch immer (Thomas de Maizière, CDU; Anm. d. Red.) – bedarf es der effektiven Rückführung der Menschen, die unter keinem Gesichtspunkt ein Aufenthaltsrecht haben. In der Tat sieht der Gesetzentwurf hier auch erleichterte Möglichkeiten für eine kurzfristige Ingewahrsamnahme vor, wenn zu vermuten ist, dass der Ausreisepflichtige vor seiner Abschiebung untertaucht.

Bis zu einer halben Million Menschen leben in Deutschland ohne Wissen der Behörden. Sie gelten als illegal. Was entgegnen Sie der Kritik, durch ein solches Gesetz würden noch mehr Menschen vor der Staatsgewalt abtauchen und in die Illegalität getrieben?

Diese Zahl erscheint mir stark überhöht. Diese Menschen treibt auch niemand in die Illegalität. Die Behörden müssen dafür Sorge tragen, dass unsere aufenthaltsrechtlichen Vorschriften beachtet werden. Über die Rechtmäßigkeit dieses Handelns wachen dann unsere Gerichte. Den Menschen, die tatsächlich kein Aufenthaltsrecht haben, wird zunächst eine Frist zur freiwilligen Ausreise gesetzt, die immer Vorrang hat. Wenn sie dennoch bleiben, dann muss auch die Möglichkeit gegeben sein, dass man nachdrücklich zu verstehen gibt: Der Aufenthalt in Deutschland wird nunmehr beendet.

In Deutschland leben 50 000 Menschen, die seit mehr als drei Jahren geduldet sind. Das sind Menschen, denen das Aufenthaltsrecht verweigert wurde. Sie leben wie zwischen Baum und Borke: Sie sind nicht wirklich Teil der Gesellschaft, aber doch im Land. Wir hörten während unserer Recherchen häufig, dass sich Menschen aus diesem Zustand in die Illegalität verabschieden und sich den Behörden entziehen. Wäre es nicht sinnvoll, für diese Menschen eine Perspektive zu finden?

Bei geduldeten Menschen ist die Frage, ob sie einen Aufenthaltsstatus bekommen, schon mit „Nein“ beantwortet. Es handelt sich um ausreisepflichtige Personen, bei denen aus verschiedenen Gründen die Ausreisepflicht zunächst nicht durchgesetzt werden kann. Darüber hinaus ist die Duldung auch ein Nachweis, der dokumentiert, dass die betreffende Person den Behörden bekannt ist und gegebenenfalls auch soziale Leistungen zur Grundsicherung in Anspruch nehmen kann.

Aber wäre es nicht möglich, diesen Menschen, die schon sehr lange in der Duldung leben, Perspektiven zu schaffen, um ein Untertauchen zu verhindern?

Diese Perspektiven sind schon geschaffen. Es gibt bereits heute verschiedene Möglichkeiten aus der aufenthaltsrechtlichen Illegalität zu kommen. Einem Ausländer, der die Ausreisehindernisse nicht selbst geschaffen hat, zum Beispiel indem er seine Identität nicht preisgibt, soll nach bereits 18 Monaten ein Aufenthaltstitel gegeben werden. So haben in den vergangenen Jahren schon gut 50 000 Menschen aus der Illegalität einen Aufenthaltstitel bekommen. Dann gibt es schon ein Bleiberecht für gut integrierte Jugendliche und Heranwachsende. Und eines für gut integrierte, qualifizierte Geduldete zum Zweck der Beschäftigung. Und nach den verschiedenen stichtagsabhängigen Bleiberechtsregelungen der vergangenen Jahre, wird es – voraussichtlich ab Sommer – eine solche geben, die stichtagsunabhängig, also dauerhaft ist. Es gibt also durchaus Möglichkeiten, aus der aufenthaltsrechtlichen Illegalität in die Legalität zu kommen.

Das betrifft die Menschen, von denen die Behörden wissen. Nicht die, von denen die Behörden nicht wissen – und die sich freiwillig auch nicht zeigen, weil sie die Konsequenzen fürchten. Bräuchten wir dort nicht Möglichkeiten?

Das Mindeste, das wir verlangen müssen, ist, dass sich die Menschen einmal melden und zur Ausländerbehörde gehen. Sonst wissen wir tatsächlich gar nichts von ihnen und sie leben in der bloßen Illegalität. Der Weg führt immer über die Ausländerbehörde, wo dann der Einzelfall beurteilt werden kann – aber das wird von diesen Menschen ja absichtlich gemieden. Vielleicht erfüllt jemand ja bereits die Voraussetzungen für ein Aufenthaltsrecht in Deutschland? Dieser Prüfung muss man sich dann schon stellen. Und dieses Risiko können wir auch niemandem nehmen. Es gibt eben kein Aufenthaltsrecht für alle in Deutschland. Man kann sich den Staat, in dem man leben möchte, nicht alleine aussuchen – nirgendwo auf der Welt.

Redaktion: Florian Bickmeyer
Gestaltung: Thorsten Franke, Simon Jockers, Ivo Mayr

© Ivo Mayr

Die Unsichtbaren

Unsichtbares Überleben

Wer ohne Papiere in Deutschland lebt, hat seine Rechte aufgegeben. Für die Hoffnung auf ein besseres Leben. Das macht vieles schwierig: die Arbeit, die Ausbildung der Kinder oder die medizinische Versorgung. Die Angst, entdeckt und abgeschoben zu werden, ist ständiger Begleiter. So leben Hunderttausende in Deutschland. Bald könnte ein Gesetz noch mehr Menschen in die Illegalität treiben.

weiterlesen 20 Minuten

von Benedict Wermter , Julian Jestadt , Florian Bickmeyer

Es war der schönste Abend seit er in Deutschland lebt, sagt Anthony als alles vorbei ist und die letzten Gäste gehen. Er blickt so ernst, wie es gar nicht passt zu diesen fröhlichen Stunden zuvor.

Ein Freund hatte zur Vernissage geladen, in ein kleines Kulturcafé im Ruhrgebiet. Er zeigte seine Bilder, die meisten Porträts, gemalt mit viel Gelb, viel Grün, viel Rot. Es wurde getrommelt, gesungen, Gitarre gespielt. Anthony, etwa 30 Jahre alt, hatte einen Boubou übergeworfen, ein wildbunt gemustertes Männergewand aus seiner Heimat Nigeria. Er saß mitten im Raum auf einem Stuhl zwischen einem Dutzend anderer Musiker, sang und trommelte und lachte. Das Glück war ihm anzusehen.

Eine Stunde später. Hände drücken, Umarmungen, bis bald. Für jeden hat Anthony noch ein Lächeln. Dann verschließen sich seine dunkelbraunen Augen, das Leuchten ermattet, der fröhliche Glanz verbleicht. Ein Blick trüb wie Schweröl.

„Der schönste Abend“, sagt er. Und sieht aus wie ein trauriger Mann.

Was ist, Anthony, alles okay?

„Ehrlich, mein Freund?“ Er schüttelt den Kopf. „Ja, alles okay.“

War doch ein toller Abend.

„Ja, toll. Das war Spaß, die Musik, das war Freiheit, echte Freiheit.“

Und sonst hast Du keine echte Freiheit?

„Nur manchmal“, antwortet er. „Nein, eigentlich nicht.“ Er schüttelt hastig die Hand und geht in die Nacht. Über Freiheit, über sein Leben wollte er mit einem Fremden nicht sprechen.

Sei freundlich, aber sprich nicht mit jedem. Ein kurzes Hallo, das muss reichen. Weiche Fragen aus, gibt nichts preis aus Deinem Leben. Traue niemandem. – Anthonys Regeln I


An einem Mittwochabend im März treffen sich Vertreter von Kirchen, Gewerkschaften und Flüchtlingshilfen in Berlin, außerdem Ärzte, Juristen, Wissenschaftler, dazu Beamte aus Bundesinnenministerium und Ausländerbehörden. Zwei Tage lang werden sie in der Katholischen Akademie miteinander reden und streiten. Über Menschen, die nicht mitreden können und über die kaum jemand etwas weiß. Menschen, die als illegal gelten, weil sie ohne Papiere in unserer Mitte leben. Sie sind in diesem Jahr das Thema dieser XI. Jahrestagung Illegalität.


Wie ist ein Leben ohne Papiere?

Wir sind gekommen, weil wir das Leben dieser Menschen verstehen möchten. Wir haben eine Recherche begonnen, die wir „Die Unsichtbaren“ nennen. Wir wollen wissen, wie Menschen ohne Papiere leben: Wie ergeht es ihnen? Wer hilft ihnen? Wie verdienen sie ihr Geld? Wer nutzt sie aus? Was machen sie, wenn sie krank werden? Wie ziehen sie ihre Kinder groß? Was ist ein Leben ohne Rechte? Wovon träumen sie? Und was trieb sie in die Illegalität?

Wir suchen Antworten auf diese Fragen. Dazu haben wir einen anonymen Fragebogen in neun Sprachen entwickelt, den wir an diese Menschen herantragen. Mehr als 100 haben uns schon geantwortet. Wir haben gerade erst begonnen mit dieser Recherche. Und wir werden noch viele Monate weitermachen, um über die Leben und die Probleme dieser Menschen aufzuklären.

Ihr könnt uns dabei helfen, indem Ihr unseren Fragebogen teilt. Und wenn Ihr Menschen kennt, die ohne Papiere leben, oder jemanden kennt, der jemanden kennt, dann zeigt ihnen den Fragebogen. Jede Antwort hilft uns, zu verstehen.

Die Begrüßung der Konferenzteilnehmer wirkt wie bei einem Klassentreffen. Fast alle kennen einander, manche umarmen sich zum herzlichen Hallo. Es sind wenige, die sich in Deutschland mit dem Leben ohne Aufenthaltserlaubnis befassen. Vor allem sind es kleine Organisationen, die häufig unter gemeinsamen Dachverbänden arbeiten. Immer wenn es Schwierigkeiten gibt, Probleme des Alltags, Krankheiten, Papierkram, Ungerechtigkeiten, sind die Unsichtbaren abhängig von der Gunst Einzelner, die sich für sie einsetzen, die helfen und schützen.


Die Schätzung: eine halbe Million Unsichtbare leben in Deutschland

Unter den rund 100 Teilnehmern gibt es drei Gruppen: Die erste ist die Wissenschaft, die Informationen sammelt über die Anzahl der Papierlosen, über ihre Leben und Probleme. In Gesprächen sagen die Forscher meist früh, dass sie nur wenig wissen und das Wenige kaum gesichert ist. Sie sind vorsichtig mit ihren Urteilen. Zwar kennen sie die Probleme und manches Mal auch Unsichtbare persönlich, aber ihre Ergebnisse reichen selten über analysierte Eindrücke, Vergleiche mit Regelungen in anderen Ländern und die Sammlung von Einzelfällen hinaus. Es gibt kaum aussagekräftige Daten über die Unsichtbaren, über ihre Leben, über ihre Anzahl.

Zwei Jahre lang hat ein Team um Dita Vogel, heute Wissenschaftlerin an der Universität Bremen, eine Antwort auf die Frage gesucht, wie viele Menschen in Europa ohne Papiere leben. Die Europäische Union finanzierte die Studie über die Verborgenen, die man „Clandestino“ nannte.

Im Februar 2009 stellte das Team seine Ergebnisse vor: 1,9 bis 3,8 Millionen Menschen lebten in der EU ohne Papiere in der Illegalität, so die Schätzung, 200 000 bis 460 000 in Deutschland. Vogel reduzierte die Zahlen später leicht, vermutet aber heute wieder einen Anstieg.

Die Politik: Unsichtbare seien eine Ausnahme

Die zweite Gruppe entscheidet über die Papierlosen. Da ist etwa Christian Klos, der Referatsleiter Ausländerrecht im Bundesinnenministerium. Dort wird zurzeit ein Gesetzesentwurf ausgearbeitet, der das Bleiberecht neu regelt. Papierlose seien die Ausnahme, sagt Klos. Die Arbeit von Klos’ Abteilung und die Entscheidungen der Regierenden bestimmen, wie Asylsuchende und Papierlose leben, welche Hilfen und Auswege Deutschland ihnen bietet. Klos vertritt die Haltung seines Ministeriums, dem Thomas de Maizière als Innenminister vorsteht: Zuwanderung müsse begrenzt werden, um sie nicht ausufern zu lassen. Und wer sich illegal im Land aufhalte, sich den Behörden entziehe, für den könne der Staat auch wenig tun. Wo man leben wolle, das könne sich niemand einfach nach den Vorzügen eines Landes aussuchen. Staat und Gesellschaft müssten darüber entscheiden.

Neben Klos sitzt Engelhard Mazanke auf einem Podium, auch ein Entscheider. Er leitet die größte Ausländerbehörde Deutschlands in Berlin. 2010, sagt Mazanke, haben noch mehr als 10.000 Ausreisepflichtige in der Stadt gelebt, fast alle waren Geduldete – Menschen, deren Abschiebung nur vorübergehend ausgesetzt wurde. Sie dürfen nicht in Deutschland sein, diese Entscheidung wurde bereits gefällt. Aber viele warten und hoffen, eines Tages doch bleiben zu dürfen, wenn sie nur lange genug hier waren. Als Geduldete dürfen sie weder arbeiten noch das Bundesland verlassen, dem sie zugewiesen wurden. Viele mittlerweile Unsichtbare sollen während dieser Zeit die Nerven verloren haben und in die Illegalität geflüchtet sein, erklären uns Migrationsforscher und Menschen, die den Unsichtbaren helfen.

Die Zahl der Geduldeten habe man im Jahr danach deutlich gesenkt, sagt Mazanke. 2011 waren es nur noch 3373, weil man vielen der lange Geduldeten das Aufenthaltsrecht verliehen habe. „Das war ein Riesenerfolg“, sagt der Leiter der Ausländerbehörde. Danach stieg die Zahl wieder leicht, bis sie sich im Jahr 2014 verdoppelte – auf 9600 in Berlin lebende Ausreisepflichtige; in den ersten drei Monaten dieses Jahres kamen weitere 400 hinzu. Wie vor einigen Jahren sind fast alle dieser Menschen geduldet: ihre Abschiebung vorübergehend ausgesetzt.

Zwei von drei Asylbewerbern, erklärt Mazanke später am Telefon, werden abgelehnt. Manche wanderten weiter in ein anderes Land oder erhielten danach eine Aufenthaltserlaubnis, weil sie eine langfristige Arbeit finden oder heiraten. Der Großteil aber werde in der Folge in Deutschland geduldet.

„Die entscheidende politische Fragestellung lautet“, sagt Mazanke: „Wie schaffen wir es diesen Menschen einen Aufenthaltstitel zu verschaffen – oder wie motivieren wir sie zur Ausreise? Das ist im Moment der politische Streit.“

Mazanke glaubt nicht, dass es viele Menschen sind, die in der Illegalität leben. Aber er halte es für „theoretisch möglich“, dass jemand seit Jahren ohne Papiere lebe und sich durchschlage.

Seine Behörde allerdings erfährt auch nur von den Unsichtbaren, die freiwillig kommen, um einen Weg aus der Illegalität zu finden, und von denen, die aufgegriffen werden. Beides ist selten, denn freiwillig kommt wohl nur, wer nicht mehr weiter weiß. Und aufgegriffen wird nur, wer zufällig kontrolliert wurde oder einen Fehler gemacht hat.

Der Großteil der hundertausenden Menschen ohne Papiere bleibt für die Behörde verborgen, weshalb Mazanke einen Satz sagen kann wie: „Ich weiß als Leiter der Berliner Ausländerbehörde überhaupt nicht, von welchem Problem wir hier sprechen.“ Er erwarte von Ausländern, sich um einen rechtmäßigen Aufenthalt in Deutschland zu bemühen. Sie müssten sich der Behörde eben offenbaren.


Nach der Jahrestagung suchen wir Anthony. Es ist nach der kurzen Begegnung fünf Monate zuvor nur eine Vermutung und nur ein Versuch: Aber könnte er nicht einer von Hunderttausenden sein, die ohne Papiere in Deutschland leben? Oder kennt er jemanden? Die Suche ist ernüchternd. Alle Nachfragen versanden, als wüsste von denen, die bei der Vernissage waren, niemand, wer der trommelnde, singende Mann in ihrer Mitte war. Und dann führen uns Reporterglück und Anthonys Leidenschaft, die Musik, bei einem Konzert zusammen. Anthony ist verwundert und skeptisch, aber er geht eine Verabredung einige Tage später ein.

Merke, wenn dich jemand ansieht und blicke nicht zurück. Wende deinen Kopf ab, sieh auf den Boden, gehe davon. Werde nicht schneller und nicht langsamer. – Anthonys Regeln II

Dass er zur Verabredung kommt, überrascht. „Ich bin auch neugierig“, sagt er und grinst.

Anthony, wir wollen über Freiheit reden.

Er lacht kurz auf.

„Ich habe Freunde, ich habe Arbeit, ich habe alles“

Zwei Stunden lang erzählt er aus seinem Leben. Freiheit habe er nicht gehabt, sagt er, bis er vor vier Jahren nach Deutschland kam. Immer arbeitete er auf dem Feld, fast jeden Tag, meist war es sehr heiß und das Geld reichte nie bis zur nächsten Lohnzahlung. Aber eine andere Arbeit wusste er nicht zu finden. Und dann gab der Farmer eines Tages auf, Anthony war seinen Job los.

Er war Mitte 20, arbeitslos, hatte keine Familie und einen Traum vom Glück. Im Fernsehen sah er die deutschen Fußballspieler bei der Weltmeisterschaft in Südafrika brillieren, Müller und Özil, Cacau und Schweinsteiger, Khedira und Boateng, den er seither verehrt. Deutschland, fröhlich und reich, dachte Anthony. Und bald machte er sich auf den Weg nach Norden.

Ein Jahr brauchte er, bis er Europa erreichte. Über die Reise möchte er nicht sprechen. Schlechte Erinnerungen, sagt er. „Das ist vorbei.“

Ob er das Glück denn gefunden habe?

Es war schwierig am Anfang, sagt er, die Sprache vor allem. Anthony spricht nach vier Jahren fast fehlerfreies Deutsch. Er hält nur die Sätze kurz und zieht die Worte breit, wenn er redet, sagt ‚u’ statt ‚ü’: „Ich bin glücklich hier. Ich habe Arbeit, ich habe Freunde, ich habe alles.“

Fast. Denn Anthony ist ein Unsichtbarer.

Er hat keine Papiere, keinen Pass, keinen Ausweis, keine Aufenthaltsgestattung, keine Versicherung, keine Steuernummer. Anthony zögert lange, bis er die Fragen danach beantwortet. Er ist vorsichtig, er hat sich einst ins Land geschlichen und sich nie gemeldet. Er weiß, dass er als illegal gilt, dass man ihm nicht das Recht gegeben hat, hier zu sein und er ist sicher, dass man es ihm auch nicht geben würde. Damit er bleiben kann, dürfen die Behörden nichts von ihm wissen – und eigentlich auch niemand, den er trifft. Er heißt deswegen auch nur in diesem Text Anthony. Tatsächlich trägt er einen anderen Namen.

Und zur Wahrheit gehört auch, dass nicht überprüfbar ist, was Anthony erzählt. Man glaubt ihm seine Geschichte oder man glaubt sie ihm nicht.


Engelhard Mazanke, der Leiter der Berliner Ausländerbehörde, sagt, er habe schon viele Geschichten nicht geglaubt. Und er habe dafür auch gute Gründe gehabt. Wenn jemand zum Beispiel beim ersten Gespräch eine andere Geschichte erzählte als beim zweiten Gespräch. Es werde viel gelogen, wenn die Mitarbeiter der Ausländerbehörde Fragen stellen. Auf den Wegen nach Deutschland spreche sich herum, was man den Behörden hier sagen solle und was nicht, wenn man das Recht erhalten möchte, zu bleiben.

Seine Behörde setze das deutsche Aufenthaltsgesetz um, sagt Mazanke. Über Ausnahmen werde in den Härtefallkommissionen der Länder verhandelt. Dort finde man häufig Lösungen.

Der Anspruch: Jeder Mensch soll gleich behandelt werden

Christian Klos, der Referatsleiter Ausländerrecht aus dem Innenministerium, sagt: „Es gibt klare Voraussetzungen, für wen der Aufenthalt in Deutschland erlaubt ist. Will man für jeden, der irregulär hier ist, den Aufenthalt erlauben, dann kann man das Gesetz auch abschaffen.“ Das aber habe die Bundesregierung nicht vorgesehen. Vielmehr wird im Innenministerium zurzeit an einem Gesetz zur „Neubestimmung des Bleiberechts und der Aufenthaltsbeendigung“ gearbeitet.

„Unser Anspruch ist“, erklärt Klos, „dass jeder Mensch gleich behandelt wird.“ Deshalb gebe es das Aufenthaltsgesetz und deshalb werde daran gearbeitet. Wer in Not sei, solle in Deutschland jederzeit Hilfe und Halt finden. Für die Übrigen aber müsse die Zuwanderung beschränkt werden, damit jeder nach den „Sozialstandards, die wir für uns beanspruchen“, leben könne. Klos nennt den Mindestlohn und sagt: „Es soll keinen zweiten Arbeitsmarkt geben.“

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Den aber gibt es längst.


Anthony glaubt, er habe keine Chance, bleiben zu dürfen. „Die nehmen uns nicht“, sagt er. Und tatsächlich berichtete das 3Sat-Magazin „Kulturzeit“ kürzlich, dass im ersten Halbjahr 2014 keinem einzigen Nigerianer Asyl gewährt worden sei. Anthony hatte davon schon gehört, bevor er nach Deutschland kam – und er habe deswegen seinen Pass vernichtet, sagt er. Damit die Behörden nicht wissen können, wohin sie ihn abschieben sollen, falls man ihn eines Tages aufgreift.

Das sei eine „Überlebensstrategie“, sagt eine Teilnehmerin während der Jahrestagung Illegalität, die Menschen wie Anthony häufig begegnet.

Kaufe dir für den Zug immer eine Fahrkarte, aber fahre nie vom Hauptbahnhof ab. Gehe nie über die Straße, wenn die Ampel rot zeigt. Fahre nicht Auto, nie. – Anthonys Regeln III

Anthony ahnte, worauf er sich einließ, als er sich nach seiner Ankunft in Deutschland nicht bei den Behörden meldete. Aber er bereut es nicht. Er hat sich hier eingerichtet, hat eine Ein-Zimmer-Wohnung gemietet und hat sogar zwei Jobs, mit denen er zufrieden ist – beide schwarz, beide im zweiten Arbeitsmarkt, den Klos gerne verhindern würde: einen in einem Lager und einen bei einer Firma, die Lebensmittel an Restaurants liefert.

Pass auf, wer auf der anderen Straßenseite steht. Pass auf!
– Anthonys Regeln IV

Jederzeit, fürchtet Anthony, könne sein kleines Glück bersten. Er hat Angst vor Kontrollen bei der Arbeit. Er hat Angst vor der Polizei auf der Straße und vor allem, was in Deutschland mit Papieren geregelt wird, Krankheit zum Beispiel.

Der Arztbesuch ohne Krankenversicherung

Ein einziges Mal in vier Jahren brauchte er einen Arzt. Er hatte sich bei der Arbeit im Lager verletzt, als eine Palette vom Hubwagen rutschte und Anthonys Fußgelenk umknickte. Eine Weile humpelte er. Freunde drängten ihn, sich behandeln zu lassen. Er habe immer „ja, ja“ geantwortet, sagt er – und ist dann doch nicht zum Arzt gegangen.

Ein Freund fand dann diesen Arzt, der nicht nach der Versicherung und nicht nach Geld fragte. Anthony zögerte, dann traute er sich. Diagnose: Bänderdehnung. Nichts Wildes, nur ein paar Tage Ruhe, verordnete der Arzt. „Aber wie soll ich dann Geld nehmen?“, fragt Anthony und meint: Geld bekommen, für seine Arbeit. Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gibt es im zweiten Arbeitsmarkt nicht. Also schleppte er sich durch, bis die Schmerzen nachließen.


Unsichtbare eine Ausnahme? Die dritte Gruppe auf der Jahrestagung Illegalität hat ganz andere Erfahrungen gesammelt. Es sind die Ärzte, die Juristen und die Pater, die Sozialarbeiter und die Ehrenamtlichen. Sie haben beinahe alltäglich mit Menschen zu tun, die ohne Papiere leben. Sie helfen medizinisch, beratend, rechtlich oder einfach von Mensch zu Mensch. Dazu gehören auch: Behördenmitarbeiter, die keine Entscheider auf höherer Ebene sind oder, wie Renate Scheunemann, für ein Gesundheitsamt arbeiten.

Scheunemann ist Ärztin in Nürnberg und leitet die Arbeitsgruppe „Menschen ohne Krankenversicherung“. Seit einigen Jahren muss sie Papierlose nicht mehr von Amts wegen an die Ausländerbehörde melden. Zwar ist illegaler Aufenthalt in Deutschland eine Straftat, nicht nur eine Ordnungswidrigkeit wie etwa in Frankreich. Dass sie aber in jedem Fall der Schweigepflicht unterliegen und sich damit nicht der Beihilfe zu einer Straftat schuldig machen, klärte für Gesundheitsämter, Ärzte und Kliniken erst die 2009 erlassene Allgemeine Verwaltungsvorschrift zum Aufenthaltsgesetz.

Dennoch ist die medizinische Behandlung von Kranken, die ohne Papiere leben, nicht selbstverständlich. Von manchen Ärzten würden sie gar abgewiesen, berichtet Golde Ebding, die in Berlin für die Malteser Migranten Medizin arbeitet. So sind die Unsichtbaren abhängig vom guten Willen Einzelner, vor allem dann, wenn sie wirklich Hilfe brauchen. Scheunemann glaubt, dass Versichertenkarten auch ausgeliehen würden, um die Behandlung zu ermöglichen.

Bleibe gesund, bleibe einfach gesund. – Anthonys Regeln V

Das Leben in der Unsichtbarkeit zwingt zur Kreativität: Wenn der Alltag Probleme bereitet, braucht es ungewöhnliche Lösungen.


Wir hören von einer serbischen Familie in Niedersachsen, die versteckt im Haus von Bekannten lebt. Die älteste Tochter, wir nennen sie Milena, ist gerade volljährig. Sie spricht mit uns, weil die Familie Geld braucht – und sie bricht das Gespräch ab, als wir ihr sagen, dass wir ihr kein Geld geben können.

Telefoniere nie mit dem eigenen Handy. Leihe dir eines von Freunden und unterdrücke die Rufnummer. Lasse dir Nachrichten hinterlegen und rufe zurück. – Milenas Regeln I

Vor vier Jahren wurden Vater, Mutter und die vier Kinder aus Deutschland abgeschoben. Zwei Jahre zuvor waren sie gekommen, um sich ein neues Leben aufzubauen, um Arbeit und eine sichere Zukunft zu finden. Der Traum platzte. In Serbien hätten sie nach der Rückkehr ohne Geld und in einem Lager gelebt, erzählt Milena. Dann starb der Vater.

Die Mutter, überfordert, wollte mit den Kindern noch einmal versuchen, in Mitteleuropa Zuflucht zu finden. Erst in Belgien, wo das Asyl verwehrt wurde, dann wieder in Deutschland, wo Milena unter falschem Namen nochmals einen Antrag stellte. Der Schwindel flog auf, als ihre Fingerabdrücke verglichen wurden. Danach verschwand die Familie im Haus der Bekannten und in der Unsichtbarkeit.

Die Angst, die Kinder in die Schule zu schicken

Milena geht putzen, um die Familie durchzubringen. Schwarz natürlich. Ihre Geschwister, 14, zwölf und sieben Jahre alt, müssten eigentlich zur Schule gehen. Doch ist die Angst zu groß, aufzufallen.

Schicke die Kinder nicht in die Schule, sie könnten die Familie verraten. – Milenas Regeln II

Dabei könnten sie zur Schule gehen, weil der Grundsatz gilt, dass jedes Kind das Recht zum Schulbesuch hat. 2011 hat die damalige schwarz-gelbe Bundesregierung das Aufenthaltsgesetz geändert. Seither müssen Schulen, Kindergärten und andere Bildungseinrichtungen die Ausländerbehörden nicht mehr über Kinder und Jugendliche informieren, die ohne Aufenthaltsstatus in Deutschland leben. Die Eltern dieser Kinder wüssten dies aber häufig nicht, sagt Dita Vogel, die mittlerweile an einer Studie arbeitet, in der sie untersucht, ob die gesetzliche Vorgabe von den Schulen auch umgesetzt wird. Zwar hätten die Kultusministerien aller Länder ihre Schulen darüber schriftlich informiert. Aber Vogel glaubt, dass sich noch längst nicht alle Schulleiter und Sekretariate darüber im Klaren sind.

Oft glaubten die Eltern selbst dann nicht, dass für die Schulanmeldung keine Meldebescheinigung erforderlich ist, wenn man es ihnen sage. Immer ist die Angst ist groß, das Vertrauen gering.

Nicht ganz zu Unrecht. Schulämter sind keine Bildungseinrichtungen und müssen ihr Wissen über unsichtbare Kinder weiterhin an die Ausländerbehörden übermitteln. Das System funktioniert hier nur, wenn die Beamten nicht genau hinsehen.

In Berlin-Neukölln etwa, wo unter den Gemeldeten jeder Dritte Ausländer ist, möchte die Schulaufsicht jedes Kind sehen, das an einer Schule angemeldet wird. Deren Mitarbeiter sind – anders als Lehrer oder Schulleiter – weiterhin verpflichtet, die Ausländerbehörde zu informieren, wenn sie von einem nicht gemeldeten Kind erfahren. „Für mich gibt es keine illegalen Kinder“, sagt Gisela Unruhe, die sich für die Behörde jedes Kind vor der Einschulung ansieht und im Zweifel die Augen wohl schließen würde. In den vergangenen Jahren sei aber nie ein solches Kind an einer Neuköllner Schule aufgetaucht.

Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration schätzte die Anzahl der unsichtbaren Kinder in Deutschland für das Jahr 2008 auf 30.000.

Dass Lehrer, Schulleiter, Ärzte oder Gesundheitsämter Menschen ohne Papiere nicht mehr anzeigen müssen, waren politische Entscheidungen, die das Helfen erleichterten. Das schätzen die Helfer zwar, geraten aber gleich an die nächsten Hürden. Schulämter, die melden müssen, oder Sozialämter, die von Unsichtbaren erfahren, wenn sie für die Kosten aufkommen müssen, die etwa eine Behandlung im Krankenhaus verursacht hat.

So fordern die Helfer, alle öffentlichen Stelle und deren Mitarbeiter von der Pflicht zur Anzeige zu befreien – mit Ausnahme von Polizei und Strafverfolgungsbehörden. Damit stoßen sie in der Politik zurzeit allerdings auf taube Ohren.


Eineinhalb Wochen nach der Jahrestagung sitzt Engelhard Mazanke als Sachverständiger in einem Saal des Deutschen Bundestags. Das Bundesinnenministerium hat seinen Gesetzesentwurf über die „Neubestimmung des Bleiberechts und der Aufenthaltsbeendigung“ vorgelegt. Nun möchte der Innenausschuss die Einschätzungen von sieben Experten anhören. Mazanke glaubt, das vorgeschlagene Gesetz würde zwar zu mehr Abschiebungen führen, aber auch zu „mehr Verfahrensgerechtigkeit“. Christian Klos sitzt mittig zwischen den Experten und nickt. Die Politiker der Opposition im Innenausschuss zweifeln das an, auch ein geladener sachverständiger Richter und der Vertreter einer Flüchtlingshilfe.

Was Mazanke nicht sagt, ist, dass der Gesetzesentwurf den Behörden Gründe liefere, Flüchtlinge einzusperren. Den Gesetzesentwurf nannte Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung deshalb „das Schärfste und das Schäbigste, was einem deutschen Ministerium seit der Änderung des Asylgrundrechts eingefallen ist“.

Die Gründe sind zusammengefasst als „Fluchtgefahr“. Und Fluchtgefahr heißt: den Pass vernichtet oder über die Identität getäuscht zu haben; einmal in der Vergangenheit unter einer den Behörden unbekannten Adresse gelebt zu haben; die Identität einmal nicht vollständig preisgegeben zu haben; auf dem Weg zur Einreise nach Deutschland „erhebliche Geldbeträge für einen Schleuser aufgewandt“ zu haben – wobei erheblich im Gesetzestext nicht weiter beziffert wird.

Treibt ein neues Gesetz mehr Einwanderer in die Illegalität?

Es sind Gründe, von denen wenigstens einer auf beinahe jeden Flüchtling zutrifft. Hilfsorganisationen und Juristen auf Seiten der Unsichtbaren fürchten daher, mehr Menschen als zuvor könnten durch ein solches Gesetz aus Angst vor der Haft in die Illegalität getrieben werden und abtauchen.

Engelhard Mazanke glaubt nicht, dass mehr Menschen in Abschiebehaft gesetzt würden – vor allem allerdings weil es an Haftplätzen mangele, nicht an Haftgründen. Seit Urteilen des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte und des Bundesgerichtshofes im vergangenen Jahr dürfen Abschiebehäftlinge schließlich nicht mehr in den gleichen Gefängnissen untergebracht werden wie Strafgefangene.

Erinnern wir uns kurz: Christian Klos, der Referatsleiter aus dem Innenministerium, sagte während der Jahrestagung Illegalität, Menschen ohne Papiere seien die Ausnahme. Die Wissenschaftlerin Dita Vogel schätzt deren Anzahl auf eine gute halbe Million.

Mit dem geplanten Gesetz, erklärt Klos, stelle sich die Bundesregierung den Realitäten: Man wolle Möglichkeiten schaffen, das Aufenthaltsrecht zu bekommen – für die Menschen, die seit acht Jahren oder länger in Deutschland leben, sich in die Gesellschaft eingebracht haben und ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Das gelte für Geduldete, denen bisher das Aufenthaltsrecht verweigert wurde. Von Menschen, die ohne Papiere leben, ist nicht die Rede.

Anthony hat seinen Pass vernichtet. Er lebt seit vier Jahren in Deutschland ohne sich je bei den Behörden gemeldet zu haben. Er geht auf Konzerte und arbeiten. Und er sagt, er lebe einfach gerne in Deutschland. Wird der Gesetzesentwurf zu geltendem Recht, und würde Anthony dann im Land bleiben, man dürfte ihn einsperren bis man ihn abschiebt.

Falle nicht auf. Um Gottes Willen, falle bloß nicht auf!
– Die Regel aller Unsichtbaren


Update, 6. Mai, 18 Uhr: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es über die Anzahl der Geduldeten in Berlin:

„Als wir die Ausländerbehörde später offiziell nach den Zahlen fragen, wird uns auch auf mehrfache Nachfrage erklärt, diese Zahlen würden gar nicht erhoben. Fragwürdig, was dieser ‚Riesenerfolg’ also wert ist.“

Nach unserer Veröffentlichung meldete sich Engelhard Mazanke persönlich. Er erläuterte, dass die Zahlen für die Ausländerbehörde aus technischen Gründen nur aktuell abrufbar seien, sprich: nur am jeweiligen Tag, nicht rückwirkend. Die Beamten würden dies jeweils zum Quartalsende machen.

Den Satz „Die Politiker der Opposition im Innenausschuss zweifeln das an, auch ein geladener sachverständiger Richter und der Vertreter einer Flüchtlingshilfe, fügten wir im Nachhinein ein. Mazanke hatte im Telefonat auf den politischen Streit hingewiesen. Als der Innenausschuss tagte, äußerten die Genannten ihre Zweifel an „mehr Verfahrensgerechtigkeit“ durch den vorliegenden Gesetzesentwurf.

Redaktion: Florian Bickmeyer
Gestaltung: Thorsten Franke, Simon Jockers, Ivo Mayr

© Ivo Mayr

Die Unsichtbaren

Leben ohne Papiere – wie kann das sein?

Hunderttausende Menschen leben in Deutschland ohne Papiere. Die Wissenschaftlerin Dita Vogel schätzt ihre Zahl auf bis zu einer halben Million. Das sind mehr Menschen als an einem Spieltag der Fußball-Bundesliga in die Stadien strömen. Sie alle leben ohne grundlegende Rechte, sie arbeiten schwarz, sind nicht krankenversichert und haben keine Altersvorsorge.

weiterlesen 12 Minuten

von Benedict Wermter , Julian Jestadt , Florian Bickmeyer

Wir haben uns gefragt: Wie konnte das geschehen? Wie sind so viele Menschen in der Illegalität gelandet? Drei typische Wege haben wir gefunden. Klicke Dich durch unsere Präsentation und lies anschließend die Geschichten eine Nigerianerin, eines Kolumbianers und eines Pakistani. Alle drei leben unsichtbar in Deutschland.

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  1. Schleiche Dich ins Land, an den Grenzkontrollen vorbei: Gehe den ersten Weg in die Unsichtbarkeit als Frau aus Nigeria ins Land.
  2. Flüchte, weil Du um Dein Leben fürchtest und bitte um Asyl: Gehe den zweiten Weg in die Unsichtbarkeit als Mann aus Pakistan.
  3. Komme, um zu Studieren und verliebe Dich, darum bleibst Du: Gehe den dritten Weg in die Unsichtbarkeit als Mann aus Kolumbien.

Redaktion: Florian Bickmeyer
Gestaltung: Thorsten Franke, Simon Jockers, Ivo Mayr

Die Unsichtbaren

Die illegale Einreise

Wenn Du ohne Erlaubnis in ein Land einreist, bist Du mit dem ersten Schritt hinter die Grenze illegal. Ohne Meldung bei den Behörden bleibt das auch so. Folge der Geschichte einer Nigerianerin, die mit dem Schiff nach Deutschland kam.

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von Benedict Wermter , Julian Jestadt , Florian Bickmeyer

16 Jahre lang hast Du auf dem Feld geschuftet, im Westen Nigerias. Du hast Kakao geerntet und Tomaten. Eine harte Arbeit. Und weil Du eine Frau bist, hast Du nur halb so viel verdient wie die Männer, die die gleiche Arbeit machen. Zum Leben war das eigentlich nicht genug, zum Überleben gerade eben.

Du bist jetzt Anfang 30. Dein Leben lang hast Du von Europa geträumt. Dort sei die Arbeit besser und der Lohn höher, dort seien Männer und Frauen gleich, so sagt man bei Euch zu Hause.

Eines Tages, es ist eine schlechte Ernte in diesem Jahr, schickt Dein Chef Dich vom Feld. Du brauchst nicht wiederkommen. Es ist nicht das erste Mal, das hast Du alles schon erlebt. Und irgendwo könntest Du auch wieder eine Arbeit finden. Aber ist das eine Zukunft?

Dein Mann hat Dich vor einigen Jahren sitzen lassen und Kinder hast Du nicht. Eines Morgens wachst Du auf und triffst eine Entscheidung: Du wirst nach Europa gehen, Du wirst es versuchen.

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Vor dem Weg durch die Wüste hast Du Angst. Aber Du hast von den Schiffen gehört, die von Port Harcourt auslaufen und nach Europa fahren. Du lungerst einige Tage in der Nähe des Hafens, bis Du einen Frachter findest, auf dem Du anheuern kannst. Du wirst kein Geld bekommen, aber Du darfst mitfahren, wenn Du arbeitest. Auf der Überfahrt nach Hamburg putzt Du, hilfst in der Küche, bist viele Stunden am Tag das Mädchen für alles. Du schläfst schlecht, bist einsam. Aber die Aussicht auf ein gutes Leben gibt Dir Hoffnung.

Der Smut erzählt Dir, Du könntest nicht einfach nach Deutschland einreisen, Du bräuchtest ein Visum. Wenn Du keines hast, würden Dich die Behörden bei der Einreise festnehmen und bald zurück nach Nigeria schicken. Darüber hattest Du nie nachgedacht. In einer Nacht wirfst Du Deinen Pass über Bord. Nun kann wenigstens niemand mehr wissen, wer Du bist und woher Du kommst.

Als der Frachter in Hamburg einläuft, versteckst Du Dich in der Kombüse. In der Dunkelheit schleichst Du Dich vom Schiff und aus dem Hafen. Du gehst in die Nacht, suchst Dir einen Schlafplatz in der Böschung. Am nächsten Tag gehst Du hinein in die fremde Stadt. Bei den Behörden wirst Du Dich nicht melden, Du weißt nicht, wie es nun weitergeht. In einem Park siehst Du einige Afrikaner – vorsichtig suchst Du Anschluss, Ihnen vertraust Du eher als den Deutschen. Sie geben Dir Tipps und helfen Dir beim Start in ein Leben, dass Dir ungewiss ist. Vielleicht wäre es zu Hause doch einfacher gewesen.

Folge dem zweiten Weg in die Unsichtbarkeit: Du kommst ins Land, um Asyl zu beantragen.


Du giltst jetzt als illegal. 

  • Du darfst nicht arbeiten, nur schwarz, und Deinen Lohn kannst Du nicht einklagen, ohne Deine Identität zu offenbaren.
  • Du bist nicht krankenversichert und kannst auch sonst keine Versicherungen abschließen.
  • Du hast keine Altersvorsorge.
  • Du wirst Schwierigkeiten haben, eine Wohnung zu mieten.
  • Du meidest jede Begegnung mit Polizei, Behörden und Menschen, die Dich verraten könnten.
  • Du kannst kein Verbrechen anzeigen. 
  • Du bekommst keine sozialen Leistungen.
  • Du darfst nicht wählen.

Redaktion: Florian Bickmeyer
Gestaltung: Thorsten Franke, Simon Jockers, Ivo Mayr

Die Unsichtbaren

Das gescheiterte Asylverfahren

Wenn Du in Deutschland Asyl beantragst, musst Du warten können. Erstmal bei der Ausländerbehörde melden. Woher kommst Du? Wieso suchst Du Schutz in Deutschland? Dann wird entschieden, ob Du bleiben darfst – aber das kann dauern. Ein halbes Jahr, ein Jahr oder länger. Wenn Du abgelehnt wirst, musst Du das Land verlassen. Folge der Geschichte eines jungen Manns aus Pakistan, der länger als zwei Jahre auf seine Entscheidung gewartet hat.

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von Benedict Wermter , Julian Jestadt , Florian Bickmeyer

Vier Schwestern und zwei Brüder hast Du schon, als Du in einem kleinen Dorf in Pakistan geboren wirst. Drei Jahrzehnte später wirst Du sagen, Du hast gerne mit den Mädchen, mit ihren Puppen und mit Make-up gespielt. Du hättest damals eine weibliche Seite in Dir entdeckt – und wahrscheinlich sei das ein erstes Zeichen gewesen.

Du bist dreizehn, als Du Dich zum ersten Mal verliebst. In einen Jungen. Du machst ihm Geschenke und als Ihr Euch küsst, fühlt es sich gut an. Jeder Tag, an dem Du ihn siehst, ist schöner als die, an denen Du ihn nicht siehst. Eure Liebe aber zeigt Ihr Euch nur heimlich, versteckt, denn bei Euch zu Hause im Dorf, tief in Pakistan, gehört sich das nicht. Pakistan nennt sich “Islamische Republik”, ausgelebte Homosexualität wird mit Gefängnis bestraft. Die Leute tuscheln, seit Du als Kind mit den Puppen spieltest, und sie sticheln, machen sich lustig.

In den nächsten Jahren triffst Du viele Männer, die meisten sind deutlich älter als Du und Familienväter. Deine glücklichste Zeit verlebst Du, als einer von ihnen, verheiratet und Vater, beruflich versetzt wird. Er nimmt Dich mit in die neue Stadt, Du arbeitest für ihn, kochst und putzt, machst den Haushalt während er im Büro sitzt. Ihr lebt wie ein Paar, aber gemeinsam vor die Tür geht Ihr kaum. Nach drei Jahren wird er wieder zurück beordert – und Du, Mitte 20, ziehst wieder ins Haus Deiner Eltern, er zu seiner Familie.

Seine Frau erfährt von Euch, auch sein Bruder, der Dich anruft und droht, Dich zu erschießen. Den selben Satz hörst Du noch einmal von Deinen eigenen Brüdern. Du hast Angst. Ein Freund rät Dir, das Land zu verlassen, um Dein Leben zu retten. Er verschafft Dir einen Kontakt zu einem Mann. Von diesem Mann weißt Du nichts, außer, dass er Dich außer Landes bringen kann. Du willst nach Kanada. Dafür will er mehr als 20.000 Euro. Für 14.000 bringt er Dich nach Deutschland.

Am Flughafen, auf deutschem Boden, nimmt er Dir Deinen Pass ab und wünscht Dir Glück.

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Du weißt nicht, wohin mit Dir, nimmst eine Bahn in die Stadt, setzt Dich in ein Fast-Food-Restaurant. Du verstehst, dass es kein Zurück mehr gibt. Du weinst. So sitzt Du dort Stunden lang. Dann siehst Du einen Mann, mit brauner Haut, braunen Augen, schwarzen Haaren, ein Vorderasiat wie Du. Du sprichst ihn an, sagst ihm, was ist, und dass Du ohne Pass Angst vor der Polizei hast. Er bietet Dir seine Couch an, und sagt, dass die Polizei in Deutschland Dir helfen würde. Also gehst Du hin.

Dort wirst Du in einen Raum geschlossen und wartest. Für die Nacht schieben sie Dich in eine Zelle mit einer Pritsche. Am nächsten Tag gibt Dir ein Beamter eine Adresse und ein Zugticket nach Berlin. Die Adresse gehört zur Ausländerbehörde. Mit einem Dolmetscher erzählst Du Deine Geschichte. Die Sachbearbeiterin nickt, sagt wenig, und als Du gehst, dass sie Dir ein gutes Leben in Deutschland wünscht. Du lernst ein schwieriges deutsches Wort: Aufenthaltsgestattung. Nun darfst Du drei Monate lang nicht arbeiten, und danach nur, wenn sich kein Deutscher für den Job findet.

Dir wird ein Zimmer in einem Wohnheim zugewiesen, wo man Dich zweimal nachts verprügelt. Weil Du schwul bist, rufen die Männer Dir zu. Nach Monaten darfst Du umziehen, in eine sichere Wohnung. Dreimal hat die Ausländerbehörde Deine Aufenthaltsgestattung verlängert, aber nach zwei Jahren hast Du immer noch keine Entscheidung, ob Du bleiben darfst. Die Angst, zurück nach Pakistan zu müssen, plagt Dich jede Nacht. Manchmal denkst Du daran, zu viele von den Schlaftabletten zu nehmen, die Du jeden Abend schluckst.

Nein. Ein Freund bietet Dir an, bei ihm einzuziehen. Die Tür Deiner Wohnung ziehst Du zum letzten Mal in einer Nacht zu, dann verlässt Du das Haus. Und wirst Dich nie wieder bei den Behörden melden. Die Polizei, das weißt Du nun, wird Dir nicht helfen.

Folge dem dritten Weg in die Unsichtbarkeit: Du kommst ins Land, um zu Studieren.


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  • Du darfst nicht arbeiten, nur schwarz, und Deinen Lohn kannst Du nicht einklagen, ohne Deine Identität zu offenbaren.
  • Du bist nicht krankenversichert und kannst auch sonst keine Versicherungen abschließen.
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  • Du wirst Schwierigkeiten haben, eine Wohnung zu mieten.
  • Du meidest jede Begegnung mit Polizei, Behörden und Menschen, die Dich verraten könnten.
  • Du kannst kein Verbrechen anzeigen. 
  • Du bekommst keine sozialen Leistungen.
  • Du darfst nicht wählen.

Redaktion: Florian Bickmeyer
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Die Unsichtbaren

Das überzogene Visum

Wenn Du als Ausländer, als Nicht-EU-Bürger nach Deutschland reist, brauchst Du ein Visum. Nur für wenige Länder ist diese Pflicht aufgehoben. Wenn Du einen Antrag auf ein Visum stellst, musst Du erklären, wieso Du einreisen möchte, dass Du ausreichend Geld hast, krankenversichert bist und in Dein Heimatland zurückkehren möchtest. Dein Visum ist immer befristet. Wenn Du länger bleibst, giltst Du als illegal. Folge der Geschichte eines Kolumbianers, der zum Studieren nach Deutschland kam.

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von Benedict Wermter , Julian Jestadt , Florian Bickmeyer

Du bist 23 Jahre alt. Du kommst aus einem kleinen Dorf im Nordosten Kolumbiens. Deine Eltern haben eine Rinderfarm und viel gearbeitet, damit Du, Ihr ältester Sohn, zur Schule gehen konntest. Du warst ein guter Schüler, darfst sogar studieren, Wirtschaft in Bogotá. Die Farm wird nicht die Zukunft sein für Deine Familie, das weißt Du. Das Glück wirst Du woanders finden müssen. An der Uni siehst Du einen Aushang: ein Jahr in Deutschland studieren.

Deine Eltern haben Zweifel, aber sie sehen auch die Chance, die sich Dir bietet. Sie, Deine Tanten und Onkel, legen Ihr Geld zusammen für einen Flug und 7908 Euro für ein Sperrkonto, das Du zur Einreise nach Deutschland nachweisen musst. Mit Deinem Zulassungsbescheid der Universität bekommst Du ein Visum für die Zeit des Studiums.

Du magst die Stadt und die Deutschen. Alles hat seine Ordnung, das Leben ist sicher. Du verliebst Dich in ein Mädchen. Und bald werdet Ihr ein Paar. Du findest einen Job, mit dem Du ein paar Euro verdienst. Nach bald einem Jahr steht Deine Rückreise an. Aber Du möchtest bleiben. In langen Nächten sprichst Du darüber mit Deiner Freundin – und dann entscheidet Ihr gemeinsam: Du bleibst in Deutschland. Sie will Dir helfen und zusammen werdet Ihr es schon schaffen.

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Dein Rückflugticket lässt Du verfallen. Deine Eltern sind traurig, aber sie verstehen Dich. Zwei Tage später ist Dein Visum abgelaufen – jetzt giltst Du in Deutschland als illegal.

Weiter studieren kannst Du nicht und auch Deinen Job musst Du aufgeben. Aber Du hast Glück: über einen Freund findest eine neue Arbeit in einer Küche. Du brätst Burger. Und Du träumst von einem eigenen Restaurant, wo Du gutes südamerikanisches Rindfleisch auftischen möchtest. Mit Deiner Freundin sprichst Du über eine Heirat, Du dürftest dann wieder in Deutschland sein. Aber noch sind ihre Eltern dagegen, es ginge zu schnell.


Du giltst jetzt als illegal.

  • Du darfst nicht arbeiten, nur schwarz, und Deinen Lohn kannst Du nicht einklagen, ohne Deine Identität zu offenbaren.
  • Du bist nicht krankenversichert und kannst auch sonst keine Versicherungen abschließen.
  • Du hast keine Altersvorsorge.
  • Du wirst Schwierigkeiten haben, eine Wohnung zu mieten.
  • Du meidest jede Begegnung mit Polizei, Behörden und Menschen, die Dich verraten könnten.
  • Du kannst kein Verbrechen anzeigen. 
  • Du bekommst keine sozialen Leistungen.
  • Du darfst nicht wählen.

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Redaktion: Florian Bickmeyer
Gestaltung: Thorsten Franke, Simon Jockers, Ivo Mayr