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CORRECTIV.Ruhr

“Die Rechten sollten mal richtig absahnen”

Rechtsextreme, Fußballfans oder bürgerliche Mitte: “Der Rassismus ist nicht in der Gesellschaft angekommen, er war schon immer da”, sagt Sascha Bisley. “Wahrscheinlich wird er auch nie verschwinden.” Der Dortmunder Autor und Filmemacher kennt die gewaltbereite Szene. Zuletzt sprach er als Reporter für ZDFinfo mit deutschen Hooligans – mit Zahnärzten und Polizistensöhnen.

von Mine Önder , Bastian Schlange

Jeder Reporter hat seine eigenen Wege, zu einem Thema zu finden: die einen wühlen sich durch Aktenberge, manche recherchieren vor Ort. Sascha Bisley schöpft aus seiner Vergangenheit und findet so oftmals einen ganz anderen, intensiveren Zugang zu Geschichten.

Als Jugendlicher nahm ihn die rechte Szene auf, gab Bisley das Gefühl von Anschluss und Zugehörigkeit. Entscheidende Anreize extremistischer Gruppierungen, wie er sagt. „Hätten damals die Linken vor meiner Tür gestanden, ich wäre wahrscheinlich dort gelandet.“ Denn: Extremisten – egal ob Linke, Rechte oder Salafisten – nutzen dieselben Mechanismen, um Menschen von den Straßen zu rekrutieren. „Die Belohnungssysteme sind immer die gleichen“, sagt er.

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Mit den neuen Freunden verlor er sich in gesellschaftlichen Abgründen, in Gewalt- und Alk-Exzessen, die im Gefängnis  und schließlich in einem Selbstmordversuch endeten. Diesen Weg und Wendepunkt hat der Dortmunder in seiner Autobiographie „Zurück aus der Hölle“ verarbeitet.

Den Zeigefinger unten lassen

Mittlerweile spricht Bisley fürs Innenministerium mit Jugendlichen an Schulen, erzählt seine Geschichte, setzt sich für Gewaltprävention und Aussteiger der rechten Szene ein. Auch dort findet er oft einen anderen Draht zu den Jugendlichen. Ob als Sozialarbeiter oder Reporter – er passt selten ins klassische Bild: Tätowierungen überziehen fast vollständig Bisleys Körper, ein Goldzahn blitzt, wenn er lacht.

Für die Doku-Reihe „Szene Deutschland“ ist er nun in die Randgebiete unserer Gesellschaft vorgedrungen, bekam Zugang zu Menschen, die sonst verschlossen bleiben, bewegte sich „unter Junkies“ und „unter Hooligans“. „Wir wollten nicht im klassischen Sinne an die Themen rangehen, nicht mit dem erhobenen Zeigefinger“, sagt er.

Nährboden für Rassismus

Mit der Hooligan-Szene kennt sich Bisley aus. Er selbst hätte sich zwar nicht als einen solchen bezeichnet, „dafür war ich zu jung. Ich war eher das Maskottchen, das dort mitgelaufen ist, wo es was zu prügeln gab“, sagt er, habe damals wie heute „einfach Spaß an Grenzgebieten gehabt.“

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Und so redete der Reporter mit aktiven und ehemaligen Hooligans über deren Leben und Beweggründe. Als getriebene und suchende Menschen beschreibt Bisley seine Protagonisten. Rund 13.500 Fußballfans gehören zur prügelnden Szene: vom Zahnarzt bis zum Polizistensohn — Hooligans finden sich überall. Außerdem gäbe es eine deutliche Tendenz nach Rechts. Die Gewaltbereitschaft sei, sagt Bisley, ein „super Nährboden sowas in einer Gruppierung gedeihen zu lassen“

Selbstherrlicher Nazi-Kiez

Eine rechte Speerspitze der Hooligan-Szene im Ruhrgebiet der 1980er Jahre war zum Beispiel die Dortmunder „Borussenfront“, damals eine der zentralen Figuren der gewaltbereiten Gruppierung das Neonazi-Urgestein Siegfried „SS-Siggi“ Bochardt. 2014 wiederum bekam Borchardt ein Mandat im Dortmunder Stadtrat für die Nazi-Partei „ Die Rechte“. Gewalt, Hools und Politik spielen oft eng zusammen.

Dortmund ist bekannt für seine rechtsextreme Szene. Besonders der Stadtteil Dorstfeld. Ganze Wohnblöcke stehen dort unter der Kontrolle bekannter Neonazis. Reporter werden auf den Straßen angefeindet, Häuserfassaden in erschreckend selbstherrlichem Auftreten mit schwarz-weiß-roten Fahnen und dem Schriftzug „Nazi-Kiez“ besprüht.

Für die letzten zwei Monate in diesem Jahr haben die Rechtsextremen allein in Dorstfeld neun Demonstrationen angemeldet. Prinzip: Gesicht und Präsenz zeigen. Allerdings spielt die Öffentlichkeit den Rechten ebenso in die Hände, meint Bisley.

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Vollidioten im Falle einer Regierungsbildung

„Integration hat in Deutschland nie richtig stattgefunden“,  sagt er. Es sind selbst gemachte Probleme, durch eigene Versäumnisse. Seien es die Türken in den 1970ern oder die heutigen Flüchtlinge. „Die Stadt hat immer noch nicht gelernt, die Ghettoisierung zu vermeiden.“ Es sei verheerend, zu glauben, dass es funktionieren könne, alle in einen Stadtteil – in diesem Falle die Dortmunder Nordstadt – zu sperren. „Da kann man dann auch nachvollziehen, wenn dieses Bild in der Öffentlichkeit auftaucht, die Leute entsprechend dieses Klischee weiterleben und denken, die sind alle so.“

Im Hinblick auf die Landtagswahl befürchtet Bisley, dass das Kind längst in den Brunnen gefallen ist. „Manchmal wünsche ich mir aber, dass die Rechten einmal richtig absahnen und die Möglichkeit kriegen, zu beweisen, was für Vollidioten sie im Fall einer Regierungsbildung wären.“

Das ganze Interview mit Sascha Bisley:

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Architekt Walter Brune in seinem Wohnhaus in Düsseldorf.© Correctiv.Ruhr

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“Ein Giftpfeil im Herzen der Stadt”

Der Einzelhandel stirbt, Arbeitsplätze werden vernichtet und Liegenschaften entwertet. Dazu fallen Steuereinnahmen weg. Innenstädte veröden, die Kriminalität steigt. Stararchitekt Walter Brune zieht mit Outlet- und Einkaufszentren hart ins Gericht. Sie sind „ein Giftpfeil im Herzen der Stadt”, sagt der 90-Jährige. Als Stadtentwickler hat er das Gesicht des Ruhrgebiets maßgeblich geprägt. Ein Heilmittel für die sterbenden Innenstädte kennt er.

von Mine Önder , Bastian Schlange

Seit 65 Jahren lebt Walter Brune in Düsseldorf, gearbeitet hat der gefeierte Architekt, Raumplaner und Stadtentwickler auf der ganzen Welt. Ebenso in New York, Teheran, oder Kabul wie in den Niederlanden und natürlich Deutschland. Der Kern seines Schaffens liegt allerdings im Ruhrgebiet. Als junger Architekt gewann er den Zuschlag für das Steinkohlebergwerk Prosper-Haniel in Bottrop. Mehrere Kraftwerke und Fördertürme folgten. Ende der 1950er Jahre begann er dann für die Warenhauskette Karstadt bundesweit Filialen zu entwickeln, sammelte Expertise. Anfang der 1970er entwarf er schließlich das Rhein-Ruhr-Zentrum in Mülheim. Ein Wendepunkt in Brunes Schaffen.

„Wir dürfen diesen Preis nicht zahlen!“

„Niemand hat vor 40 Jahren geahnt, welche negativen Auswirkungen solche Shopping-Center auf die Innen- und Nachbarstädte haben“, sagt Brune. Der Grundgedanke hinter dem Rhein-Ruhr-Zentrum war: Es sollte – an der Autobahn gelegen – eine alternative Einkaufsstätte für das gesamte Ruhrgebiet sein. Und nicht den Einzelhandel aus Mülheim abziehen. Doch das Gegenteil geschah. Brune erkannte die Folgen seiner Arbeit. „Wir dürfen diesen Preis – die Zerstörung unserer Städte – einfach nicht zahlen“, sagt er. „Ich bin Städteplaner. So lange ich noch atmen kann, werde ich dagegen kämpfen.“

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Vor exakt 20 Jahren eröffnete das Centro in Oberhausen. Brune ist ein Kritiker der ersten Stunde. „150 Läden mit 150 privaten Eigentümern gehen zugrunde, weil ein Investor das Riesengeschäft macht, in dem er den Einzelhandel aus der Stadt in sein Center verlagert. Das ist grausam. Schrecklich. Die Investoren nehmen da keinerlei Rücksicht.“

An der Wahrheit festhalten

Nachdem die Einzelhändler aus den Innenstädten verschwunden sind, verlieren die Immobilien an Wert. Auch Einnahmen durch die Gewerbesteuer brechen den Städten weg. Filialisten zahlen nur dort, wo ihr Hauptsitz ist, sagt Brune. Einen Zugewinn von Arbeitsplätzen stellt der Architekt ebenfalls in Frage. Im besten Falle würden sie aus den Innenstädten verlagert. Ansonsten aber gilt: Die Arbeitsprozesse in Outlet- und Einkaufszentren sind rationalisiert – weniger Verkäufer für mehr Verkaufsfläche. „Man darf mit Erwartungshaltungen argumentieren, aber diese dürfen sich doch nicht total von der Wahrheit entfernen!“

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Derzeit ginge es, sagt Brune, um 25 große Städte im Ruhrgebiet, „die im Visier von Investoren sind“. Konkret seien 18 Outlet- und Einkaufszentren in Planung. Da müssten doch alle Alarmsignale anspringen. „Oberhausen ist als Stadt tot“, sagt der Architekt. „Wenn das in 18 weiteren Städten passiert, ist der ganze Innenstadthandel im Ruhrgebiet in ein Outlet-Center verlagert.“ Aktuell setzt sich Brune gegen ein Designer Outlet Center (DOC) in Duisburg ein.

Prestige und Bestechung

Weshalb so viele Städten trotz der Nachteile an den schädlichen Einkaufskonzepten fest, erklärt Brune mit verschiedenen Aspekten: Bei Factory Outlet Centern (FOC) seien natürlich die günstigen Waren für den Kunden attraktiv. Wer möchte nicht billig einkaufen? Prestige spiele ebenso eine Rolle. Politiker sehen oftmals nur den schnellen Erfolg für den unmittelbaren Standort. „Ich will aber auch ganz offen sagen, dass es oft Beteiligte sind, die bestochen worden sind“, sagt Brune. „Die Investoren sind da gnadenlos. Wenn sie ein Center bauen, das 120 Millionen kostet, interessiert es sie nicht, ob sie mal eine Millionen nicht nur für Ziegelsteine aufgeben müssen.“

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Wie kann es mit dem Ruhrgebiet nachhaltig weitergehen? Brune hat bereits vor Jahren das Konzept kleinerer Zentren entwickelt. Sogenannte Stadtgalerien, direkt in der Innenstadt. Der Architekt verwirklichte unter anderem die Schadow-Arkaden und die Kö Galerie in Düsseldorf. Auch die günstige Outlet-Ware will Brune nicht verteufeln. „Wo sie sich in der Stadt etabliert, schützt sie vor Internet-Ware und die Stadt wird wieder interessant“, sagt Brune. „Das kann sogar einen neuen Lebenseffekt bringen.“ Dafür muss das Center aber zentral integriert werden. „Die Belebung eines Stadtteils geschieht nicht durch Kultur sondern nur durch die Versorgung der Menschen“, sagt Brune. „Die Politik muss den Handel in den Städten halten.“

Das ganze Interview mit Walter Brune:

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Auto geklaut: Wo bekomme ich es am ehesten wieder?

Vor einem Monat vermeldete der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) paradiesische Zustände für Autodiebe in NRW. Doch wo haben Autoknacker die besten, wo die schlechtesten Chancen, mit dem gestohlenen Wagen zu entkommen? Wir haben uns die aktuellen Polizeistatistiken genauer angeschaut.

von Mine Önder , Bastian Schlange

Die Kriminalstatistiken halten gleich zwei schlechte Nachrichten für NRWs Autofahrer parat. Die Erste: Die Polizei in Nordrhein-Westfalen hat in diesem Jahr von Januar bis September nur 13,57 Prozent aller Autodiebstähle aufklären können – das heißt, nur etwa jeder siebte Fall wurde gelöst. Die zweite Nachricht: Die Ermittler werden nicht wirklich besser. 2014 lag die NRW-weite Aufklärungsquote bei 14,04, 2015 bei 14,37 Prozent.

Überdurchschnittlich viele Diebstähle in NRW

Nordrhein-Westfalen hat ein grundsätzliches Autoknacker-Problem. Wie aus den Zahlen des GDV hervorgeht, werden 6 von 10.000 zugelassenen Autos geklaut – macht alle zwei Stunden einen Diebstahl. Damit liegt NRW über dem Bundesdurchschnitt, kommt allerdings nicht auf so hohe Werte wie Berlin, wo 35 von 10.000 zugelassene Autos im Jahr verschwinden. (In Bayern ist es übrigens nur eins.) Von 2014 auf 2015 stiegen die PKW-Diebstahl-Delikte laut Kriminalstatistiken um rund 15 Prozent an, was nochmal 5 Prozentpunkte mehr sind, als die Zahlen der Versicherer belegen. Allein von Januar bis September wurden in diesem Jahr bereits 4494 geklaute Autos den Polizeidienststellen in NRW gemeldet. Besonders beliebt bei den Dieben sind die Städte Düsseldorf, Köln und Essen.

Aber nicht jeder Autofahrer muss gleich verzweifeln, wenn der Wagen plötzlich verschwunden ist. Besonders gute Chancen, das Fahrzeug wieder zu sehen, hat man im Kreis Coesfeld, wo jeder zweite Fall (53,57 Prozent) gelöst wird. Gefolgt vom Hochsauerlandkreis mit einer Aufklärungsquote von exakt 50 Prozent.

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Die Top Ten – Autoknacker aufgepasst!

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Den Wagen gleich abschreiben können dagegen Bestohlene im Rhein-Sieg-Kreis. Bei einer Aufklärungsquote von 1,79 Prozent werden nicht einmal 2 von 100 Fällen gelöst. In der unrühmlichen Hitliste folgen in diesem Jahr die Städte Aachen und Düsseldorf.

Die Worst Ten – Autofahrer aufgepasst!

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Die aktuellen Aufklärungsquoten 2016 aus allen Städten und Kreisen findet ihr hier.

Erinnerung an das Gründungscamp der IT-Hochschule "Code"© Thomas Bachem

CORRECTIV.Ruhr

NRW verliert CODE Univercity

Softwareentwickler sind entscheidend, wenn es darum geht, die Industrie in die Zukunft zu führen. Es gibt wenige Hochschulen in denen Softwareprofis ausgebildet werden. Umso wichtiger ist es, eine dieser Kaderschmieden in der Nähe zu haben, um Firmen auszubauen oder neue zu grünen. Der Programmierer Thomas Bachem hat nun eine dieser Hochschulen gegründet. Doch seine „Code“-Schule wird nicht wie geplant, in NRW eröffnet. Bachem geht mit seiner Hochschule nach Berlin. Warum? CORRECTIV.RUHR hat mit ihm gesprochen.

von Mine Önder , Stefan Laurin

Programmierer, Entwickler, Gründer. Das sind die wichtigsten Rohstoffe, um eine Industrieregion in die Zukunft zu führen. Und leider sind genau diese Menschen knapp. Aus diesem Grund ist es wichtig, Schulen zu haben, in denen Softwareentwickler studieren können, in denen sie sich treffen und gemeinsam Ideen für neue Produkte und Unternehmen entwickeln. Entweder werden sie von Firmen abgeworben, die rund um die Hochschulen ihre Standorte eröffnen, oder sie gründen selber Firmen.

Wie Thomas Bachem. Der Entwickler brachte sich das Programmieren selbst bei und fing schon in jungen Jahren an, Software zu schreiben. Ein Informatik-Studium hätte nahe gelegen. Bachem war das jedoch zu theoretisch. Und zu viel Mathematik. Verlockend hingegen war ein Praxis-näheres BWL-Studium an einer privaten Hochschule in Köln.

Neben dem Studium gründete Bachem Start-ups, darunter Fliplife, Lebenslauf.com und United Prototype. Trotzdem stellte er sich die Frage, wieso es so viele Business-Schools gibt. aber keine „Tech-Schools“ im Bereich Informatik. Er fragte sich, warum er nicht selber eine Hochschule für IT-Interessierte schaffen sollte?

Einfach machen

Bachem wird Hochschulgründer. Der Startschuss für seine IT-Hochschule „Code“ wird im Wintersemester 2017 in Berlin gegeben. Auf dem Programm stehen: Software-engineering, digitales Produktmanagement und interaction-design. „Eigentlich gründe ich gerade die Hochschule, die mir selber so lange gefehlt hat“, sagt Bachem. „Ich habe bemerkt, dass ein Informatik Studium eigentlich überhaupt keine Aussage darüber trifft, ob Bewerber auch wirklich gute Software-Entwickler sind.“ Deshalb soll in Bachems Hochschule theoretisches und praktisches Lernen im Fokus stehen.

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„Da ist ein ganz offensichtlicher Mangel“

Hochschulen, wie Bachem sie gerade gründet, gibt es schon im Ausland, doch die sind staatlich nicht anerkannt. Zum Beispiel  „quarante deux“ (42) in Frankreich. „Das ist eine nicht anerkannte aber dennoch sehr große Bildungsinstitution“, sagt Bachem. „Die dort über tausend Entwickler jedes Jahr ausbildet.“ Die Hochschulen, die anerkannt sind, hätten ein Problem darin, Theorie und Praxis miteinander zu verbinden. „Wir glauben, dass wir das vereinbaren können“, sagt Bachem. „Wir wollen versuchen eine staatlich anerkannte Hochschule zu machen, die trotzdem sehr Praxisnah lehrt.“

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Deutliche Argumente für Berlin

Zunächst wollte Bachem die Hochschule in seiner Heimatstadt Köln gründen. Doch Berlin hat mehr zu bieten, als nur die Hauptstadt Deutschlands zu sein. Es ist ein Schmelztiegel für Kreative und Medienschaffende – national wie international. Leider sind nicht nur diese Netzwerke ein Argument für den Hochschul-Gründer, auch das Hochschul-Zulassungsverfahren spricht für Berlin.

„Berlin hat die höchste Dichte an privaten Hochschulen in Deutschland. Und das liegt nicht zuletzt daran, dass dort das Hochschulgesetz in einigen Aspekten liberaler ist“, sagt Bachem. Für ihn war es wichtig, dass die staatliche Anerkennung schnell zu erlangen ist und im Wintersemster 2017 angefangen werden kann. Im Lauf der Zeit werden Aspekte wie Programmakkreditierung geregelt. Das ist in NRW nicht möglich. Das Zulassungsverfahren dauert am Rhein wesentlich länger. Schon vor dem Start muss die Programmakkreditierung stehen.

NRW hatte großes Interesse

„Für NRW spricht, ist, dass es ein sehr großes Einzugsgebiet ist für Studierende hat“, sagt Bachem. „Ich kann mir sehr gut vorstellen, den zweiten Standort hier in NRW zu machen.“ Das sollte NRW freuen, denn es gab großes Interesse daran, Code hier zuhalten und so wurde das Projekt stark von der Landesregierung unterstützt. Unter anderem von dem Wirtschaftsminister oder von dem Beauftragten für digitale Wirtschaft und der Stadt Köln.

„Ich habe bemerkt, dass die Rheinländer und die Kölner und dann eben auch die NRWler als Ganzes da schon sehr zusammenhalten“, sagt Bachem. „Und wir ganz offen darüber reden konnten, dass es etwas ist, was NRW schon sehr gut tun könnte.“ Geklappt hat es leider doch nicht. Der Grund: Das komplizierte Zulassungsverfahren in NRW.

Das ganze Interview mit Thomas Bachem:

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CORRECTIV.Ruhr

Mit Volksbegehren gegen das Turboabi

Das Turboabi ist umstritten, die verschiedenen Parteien in NRW sind zerstritten, und das Schulministerium scheut das kontroverse Thema vor der Landtagswahl. Politik auf dem Rücken der Kinder? Eine Lehrer- und Elterninitiative fordert ein Volksbegehren. Jetzt. Sie vertritt dabei eine klare Meinung.

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von Mine Önder

Im Sommer 2005 begann G8: Die 5- bis 7-Klässler an den Gymnasien in NRW waren die ersten, die nur noch 12 statt 13 Jahre Schule erwarten sollte. Im Prinzip hört sich diese verkürzte Schulzeit nach weniger pauken an. G8 bedeutet aber: Ein Jahr weniger Unterricht, dafür mehr Stunden am Tag. In kürzerer Zeit muss gleich viel gelernt werden. Das hat viele Nachteile.

G8 ist eine Umstellung des Unterrichtes ohne wirkliche Schulreform – das ist die Kritik vieler Beteiligten. So blieb die Frage bis heute im Raum: Was ist besser – G8 oder das alte Modell G9?

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Marcus Hohenstein, Sprecher der Initiative „G9 jetzt NRW“, ist Lehrer und Vater einer Schülerin. Er setzt sich für das Modell G9 und damit für eine längere Schullaufbahn ein. Mit über 3.000 Unterschriften will er bald im Innenministerium ein Volksbegehren beantragen.

CORRECTIV.Ruhr hat mit ihm gesprochen.

Faktencheck

Schulgehälter

Die Grünen NRW erklärten über Twitter am 11. Oktober 2016: „Wir bezahlen Lehrkräfte an Grundschulen genauso gut wie ihre Kolleg*innen an anderen Schulen. #ltw17“ Wir haben diese Aussage überprüft.

weiterlesen 4 Minuten

von Mine Önder

Man kann den Satz der Grünen auf Twitter eigentlich nur so verstehen: Lehrer an Grundschulen kriegen genau so viel Geld wie Lehrer an weiterführenden Schulen. Und der Hinweis auf den Landtagswahlkampf 2017 (#ltw17) und auf das Wort „Wir“ kann eigentlich nur bedeuten: dieser Fakt sei der grünen Schulministerin und Spitzenkandidatin Sylvia Löhrmann zu verdanken.

Wir sind der Aussage nachgegangen. Und dazu haben wir die Entlohnung von Grundschul- und Gymnasiallehrern in Essen miteinander verglichen.


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Die Dauer eines Studiums für angehende Lehrer unterscheidet heute nicht mehr. Grundschullehrer und Gymnasiallehrer haben derzeit eine Regelstudienzeit von 10 Semestern. Danach müssen beide für ein Referendariat 18 Monate an die Schule. Nach dem Abschluss des Referendariats bewerben sich die Lehrer um offene Stellen im Schuldienst.  

Während des Studiums gibt es einen wichtigen Unterschied bei der Fächerauswahl zwischen beiden Lehrerlaufbahnen. Grundschullehrer müssen eine Sprache als Fach beherrschen, sie müssen mathematische Grundkenntnisse nachweisen und zudem ein Wahlfach etwa aus den Bereichen Gesellschaftswissenschaften, Kunst oder Religion belegen. Für das Gymnasium muss ein Kernfach und ein weiteres Fach gewählt werden.

Lehrer sind Beamte und werden in Besoldungsgruppen eingeteilt.

Grundschullehrer gehören grundsätzlich zur Besoldungsgruppe A12; Gymnasiallehrer grundsätzlich zur Gruppe A13.

Die Gehälter variieren dann nach Stufen, je nachdem wie viel Erfahrung jemand hat und dem jeweiligen Dienstalter. Um die Zahlen vergleichbar zu machen, betrachten wir hier nur die Stufe 5 in der jeweiligen Besoldungsgruppe. Dies entspricht einem Dienstalter von etwa acht Jahren.

  • Ein Lehrer in der Gehaltsgruppe A12 (Grundschule) verdient in der Stufe 5 ohne Zulagen 3543,91 Euro Brutto.
  • Ein Lehrer in der Gehaltsgruppe A13 (Gymnasium) verdient in der Stufe 5 ohne Zulagen 3949,27 Euro Brutto.

In Essen sind knapp 1.000 Grundschullehrer in der Gehaltsgruppe A12 und ebenfalls rund  1.000 Gymnasiallehrer in der Gehaltsgruppe A13.

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Für Grundschullehrer ist es schwer, mehr Geld zu verdienen. Sie können fast nie in eine höhere Besoldungsgruppe aufsteigen und so viel Geld verdienen wie ein Gymnasiallehrer. Sie sind in der Regel der Laufbahngruppe 2 zugeordnet. Das bedeutet: Im Idealfall können sie nur bis zur Besoldungsgruppe A13 aufsteigen – aber nur wenn sie Rektor einer Grundschule werden. Zulagen gibt es für Kinder und Ehen. Grundschullehrer müssen in der Regel 28 Pflichtstunden in der Woche unterrichten.

Gymnasiallehrer sind normalerweise der Laufbahngruppe 2.2 zugeordnet. Das bedeutet: Sie können bis in die Besoldungsgruppe A16 aufsteigen, wenn sie Direktoren werden. In der Regel sind alle Gymnasiallehrer in der Besoldungsgruppe A13. Auch sie bekommen Zulagen nach Familienstand und Kinderzahl. Gymnasiallehrer müssen normalerweise 25,5 Stunden in der Woche unterrichten.

Nur Rektoren und Inklusionslehrer an Grundschulen können überhaupt so viel verdienen wie ein Gymnasiallehrer. Auch hier gibt es Zuschläge abhängig von der jeweiligen Größe ihrer Schule.

Direktoren von Gymnasien verdienen am Meisten. In die Gehaltsgruppe A16 bekommen sie ohne Zuschläge bei zwei Kindern in der Stufe 5 genau 5569,11 Euro Brutto.

Ein Lehrer, der Karriere macht, verdient als Gymnasiallehrer immer mehr, als er dies als Grundschullehrer jemals könnte.


Unsere Wertung: vier von fünf Pinocchios für die Grünen in NRW. Es ist auf den ersten Blick unerklärlich, wie die Aussage zustande kommt.


Mit Pinocchios bewerten wir den Wahrheitsgehalt einer offiziellen Aussage. Fünf Pinocchios stehen für das Maximum einer bewusste Falschmeldung. Ein Pinocchio bezeichnet eine leichtgewichtige Falschmeldung, die Menschen versehentlich in die Irre leitet. Drei Pinocchios stehen für eine grobe unwahre Aussage, die mehr oder weniger fahrlässig über offizielle Kanäle oder in Interviews wiederholt verbreitet wurde.


Disclaimer: In einer früheren Version hatten wir mit Nettogehältern gerechnet. Diese sind allerdings aufgrund unterschiedlicher Steuerklassen nicht so gut zu vergleichen.

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CORRECTIV.Ruhr

Inside Duisburg-Marxloh

Soll über die Schwächen des Ruhrgebiets berichtet werden, wird meist Marxloh als Beispiel gewählt. Der Duisburger Ortsteil ist das städtische Schreckgespenst der Region: hohe Armut, hoher Ausländeranteil und vor allem hohe Kriminalität. Das mediale Sinnbild für Parallelgesellschaften, No-Go-Areas und rechtsfreien Raum. Eine andere Sicht auf Marxloh vertritt Franz Voll. Der 61-jährige Journalist hat dort ein halbes Jahr gelebt. Und über seine Erfahrungen ein Buch geschrieben.

von Mine Önder , Bastian Schlange

Für den letzten medialen Aufschrei hat Duisburg-Marxloh gesorgt, als ein interner Bericht der städtischen Polizei bekannt wurde. Landesbeamten sollten demnach die überforderten Streifen unterstützen. Am gefährlichsten sei der Stadtteil um kurz nach Mitternacht. Meldungen, die ins Bild passen. Mal wieder.

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Franz Voll will das alles gar nicht bestreiten. „Natürlich haben wir diese Probleme“, sagt er. „Doch die Kriminalität springt einen nicht stündlich an. Man vergisst zu sehr das normale Leben.“ Marxloh hat viele Facetten, viel Leben und viel Herzlichkeit. So hat es Voll im vergangenen Jahr erfahren. Für das Buchprojekt „Inside Duisburg Marxloh“ ist der 61-jährige Journalist für sechs Monate von der Ostsee-Insel Usedom nach Duisburg gezogen.

„Erleben muss man es“, sagt Voll. „Weil es sich anders lebt, als man in den Nachrichten liest.“ Der Investigativ-Journalist, der auch immer wieder mit Günther Wallraff zusammengearbeitet hat, kritisiert die Oberflächlichkeit vieler Medien. Es werde berichtet, was man sehen wolle. Genau deswegen wollte er Teil von Marxloh werden. 

Kurz reinschauen? Hier:

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CORRECTIV.Ruhr

Wenn du nicht kritisch sein willst, bist du verloren

Das Ruhrgebiet steckt voller Potenzial – jungen Menschen mit Hoffnungen und Plänen. Es ist wichtig sie zu Wort kommen zu lassen. Welche Träume haben sie? Was tun sie dafür? Wie sieht ihr Weg aus? Wir glauben, dass es viel zu lernen gibt, wenn man einfach nur zuhört. Mine Önder traf sich mit Menschen in ihrem Alter auf eine Shisha. Heute: Justin Gewaltig, 24, aus Essen.

von Mine Önder

Justin hat sich drei Jahre intensiv bei der SPD engagiert. Jetzt studiert er Sozialwissenschaften in Essen. Er hat sich schon früh für die Politik interessiert. Seine Meinung ist klar: „Wer heute nicht Wählen geht, soll bitte in den nächsten vier Jahren leise sein.“ In unserem Gespräch mit ihm geht es vor allem um Soziale Medien und Politik.

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Häufig mehr Kindersatz als Haustier. Die Hunde im Revier.© Mine Önder/CORRECTIV.RUHR

CORRECTIV.Ruhr

Revierkämpfe in den Hunde-Städten

Immer mehr Hunde leben im Ruhrgebiet. Aber auch immer mehr Kinder. Die Zahl der Geburten ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Die Spiel- und Grünflächen in den Großstädten müssen häufig geteilt werden. Konflikte scheinen vorprogrammiert. Doch sind sie das wirklich?

von Mine Önder , Bastian Schlange

Ein verfilzter Hund und eine verzweifelte Friseurin, die nicht weiß, wo sie anfangen soll. Dieses Schauspiel wiederholt sich mehrmals am Tag im Hundesalon von Sandra Uhl in Essen-Holsterhausen. Seit zwei Jahren empfängt die ehemalige Krankenschwester täglich fünf bis sechs Hunde zum Waschen, Schneiden, Föhnen. Heute hat Uhl Glück: Die kleine Yorkshire-Terrier-Dame Gina lässt geduldig das Schaumbad über sich ergehen. Der dezente Duft von feuchten Vierbeinern liegt in der Luft.

Hunde kacken. Die andere Seite der tierischen Medaille. Und damit wird das süße Schoßhündchen oftmals zum Ärgernis für viele Fußgänger. Das ist ein Gefühl. Ein Gefühl, das sich im Ruhrgebiet breit macht. Mehr Hunde, mehr Kot, mehr Konflikte. Doch was steckt dahinter?  

Wie viele Hunde leben derzeit in den Städten?

hunde im revier — anzahl tiere

Correctiv.Ruhr

Die großen Städte im Ruhrgebiet haben auf unsere Anfrage bestätigt: Die Zahl der Hunde steigt. 5.000 Tiere sind zum Beispiel seit 2006 in Dortmund, Duisburg und Essen dazu gekommen. Im kleineren Hamm rund 3.000. Wirklich aussagekräftig werden diese Werte allerdings erst, wenn man die Zahl der Hunde auf die Einwohner umrechnet. In Essen kommen so auf 1.000 Anwohner 41 Vierbeiner. In Dortmund sind es 45, in Hamm 63 Hunde. In allen drei Städten ist dieses Verhältnis seit 2006 um etwa zehn Tiere gestiegen.

“Hunde bleiben treu und verlassen einen nicht“, sagt Uhl und verpasst der Terrierdame Gina mit ihrem Rasierer einen modischen Kurzhaarschnitt. „Und der Kuschelfaktor bleibt auch, wenn sie älter werden.“ Für die Essenerin sind Hunde ein wichtiger Teil ihres Lebens und Familie. Wie ihr geht es vielen Menschen im Ruhrgebiet. „Es gab immer einen großen Bedarf an Hundefriseuren“, sagt Uhl. Aber auch Hunde-Cafes, -Boutiquen, -Bäckereien oder Schönheitssalons sind beliebt. Häufig werden die Vierbeiner von ihren Herrchen und Frauchen als Kinderersatz gesehen. „Mama kommt gleich wieder“, heißt es dann, wenn der Hund bei Uhl abgesetzt wird. Getreu dem alten Sprichwort: Das letzte Kind hat immer ein Fell.

Kleinkinder und Vierbeiner – die Zahlen steigen.

hunde im revier — hunde vs geburtenrate

Correctiv.Ruhr

Aber auch die Kinder werden mehr. Die Geburtenraten in den Ruhrgebietsstädten steigen. Und damit die Konfliktpunkte. Parks, Spielplätze, Wiesen – häufig beanspruchen Eltern wie Hundehalter die Grünflächen in den Großstädten. In manchen Freibädern gibt es Hundebadetage. An diesen Daten dürfen keine Kinder ins Becken – egal wie schön das Wetter ist. Dann sind die Hunde dran. Ärgerliche Momente. Ebenso wie der größte Graus vieler Elternteile: von den Vierbeinern verdreckte Spielflächen. „Mit Hundekot haben wir kein Problem, auch nicht auf Spielplätzen“, sagt dagegen eine Sprecherin der Stadt Essen zu der gefühlten Wirklichkeit. Damit ist sie sich mit den übrigen Sprechern der Ruhrgebietsstädte einig. Fäkalien scheinen nirgendwo ein Problem zu sein. Jedenfalls nicht in den Amtsstuben.

Die Hundesteuer ist mittlerweile eine echte Einnahmequelle für die Städte geworden. Hunde bedeuten gutes Geld. In Mühlheim stiegen zum Beispiel die Einnahmen pro Einwohner von 5 Euro im Jahr 2006 auf 8,19 Euro im Jahr 2016. Dortmund nimmt mittlerweile pro Kopf statt 4,78 Euro 7,17 Euro Hundesteuer ein. Insgesamt fließen so 4,2 Millionen Euro jährlich in die Dortmunder Stadtkassen. Über die Hundesteuer fällt für manche Städten mittlerweile mehr Geld ab als durch ihre Beteiligungen an dem Energieriesen RWE. Werden da nicht vielleicht mal bei Hundeproblemen die Augen zugedrückt?

Wie viel Geld bringen die Hunde den Städten ein?

hunde im revier — hundesteuer

Correctiv.Ruhr

Uhl hat nie Probleme mit der Stadt oder den Behörden gehabt. Seit ihrer Kindheit hatte die Essenerin Hunde. Aktuell besitzt sie drei. Alle mittelgroß bis groß. Besonders die großen Tiere brauchen Auslauf, sagt sie. Platz zum Spielen, Grünflächen. Das ist in den Großstädten nicht immer einfach. In Essen lassen sich 30 Hundewiesen finden. „Das sind aber leider nur begrünte Flächen, auf denen Hunde einfach nur rumlaufen“, sagt Uhl. Trotzdem besser als in Bottrop, da gibt es keine einzige.

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Konfliktpunkte Grün- und Spielflächen

hunde im revier — spielplätze

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Unter Sandra Uhls pelzigen Lieblingen findet sich auch ein Kangal-Mischling, ein bulliger türkischer Hirtenhund mit einer Widerristhöhe – also dem Abstand vom Boden bis zum Nacken – von über 70 cm. Kangals werden von manchen Besitzern auch gern zum Kampfhund abgerichtet wird. Übergriffe, Konfrontationen oder gar Bissattacken mit Spaziergänger hat Uhl aber noch nie erlebt. Sie bestätigt damit die Statistiken der Städte. Verletzungen durch Hundebisse haben sich in den vergangenen Jahren auffällig gesenkt. Ausschließlich in Essen und Dortmund haben sich die Verletzungen durch Vierbeiner ein wenig erhöht.

Vielleicht liegt es an den Sachkundenachweisen und Schulungen, die die Städte bei größeren, gefährlicheren Hunden mittlerweile abverlangen. Ab einer eine Widerristhöhe von über 40 Zentimetern oder einem Gewicht von über 20 Kilogramm, muss ein Sachkundenachweis vorgelegt werden. Den bekommt der Halter, wenn er nachweisen kann, dass er mit seinem Vierbeiner umgehen kann, und weiß, was zutun ist, wenn der Riese mal Probleme macht. Neben einer Haftpflichtversicherung muss der Hund auch fälschungssicher mit einem Mikrochip gekennzeichnet werden. So fühlen sich Halter stärker in die Pflicht genommen.

Verletzungen durch Hunde

hunde im revier — hundebisse

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Sandra Uhl weiß, wie wichtig Erziehung und Fachwissen für jeden Hundehalter sind. „Kleine Tiere sind meistens frecher. Große werden in der Regel besser erzogen, weil man sich nicht leisten kann, sie plötzlich nicht unter Kontrolle zu haben“, sagt sie. Uhl selbst ist Mutter einer 18-jährigen Tochter. In der ganzen Zeit gab es nie Probleme zwischen ihrem Kind und ihren Hunden. „Das ist einfach Erziehungssache“, sagt Uhl.

Vermutlich gilt das für beide Seiten.

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Kunst lenkt mich vom Alltag ab

Das Ruhrgebiet steckt voller Potenzial – jungen Menschen mit Hoffnungen und Plänen. Es ist wichtig sie zu Wort kommen zu lassen. Welche Träume haben sie? Was tun sie dafür? Wie sieht ihr Weg aus? Wir glauben, dass es viel zu lernen gibt, wenn man einfach nur zuhört. Mine Önder traf sich mit Menschen in ihrem Alter auf eine Shisha. Heute: Anna-Sophie Schlich, 19, aus Essen.

von Mine Önder

Anna-Sophie malt, zeichnet und fotografiert. Seit acht Jahren besucht sie die Zeche Königin Elisabeth Kunstschule in Frillendorf. Nebenbei stellt sie ihre Werke aus. Die Kunst ist ihr Lebensinhalt und Ruhepol. Dazu passend das Motto: „Einfach machen!“ Ein Gespräch über ihr Lieblingswerk, ihren Lehrer, der gleichzeitig auch ihr Vorbild ist, und darüber, wie sie sich die Zukunft vorstellt.

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