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„Ein Giftpfeil im Herzen der Stadt“

Der Einzelhandel stirbt, Arbeitsplätze werden vernichtet und Liegenschaften entwertet. Dazu fallen Steuereinnahmen weg. Innenstädte veröden, die Kriminalität steigt. Stararchitekt Walter Brune zieht mit Outlet- und Einkaufszentren hart ins Gericht. Sie sind „ein Giftpfeil im Herzen der Stadt”, sagt der 90-Jährige. Als Stadtentwickler hat er das Gesicht des Ruhrgebiets maßgeblich geprägt. Ein Heilmittel für die sterbenden Innenstädte kennt er.

von Mine Önder , Bastian Schlange

Architekt Walter Brune in seinem Wohnhaus in Düsseldorf.© Correctiv.Ruhr

Seit 65 Jahren lebt Walter Brune in Düsseldorf, gearbeitet hat der gefeierte Architekt, Raumplaner und Stadtentwickler auf der ganzen Welt. Ebenso in New York, Teheran, oder Kabul wie in den Niederlanden und natürlich Deutschland. Der Kern seines Schaffens liegt allerdings im Ruhrgebiet. Als junger Architekt gewann er den Zuschlag für das Steinkohlebergwerk Prosper-Haniel in Bottrop. Mehrere Kraftwerke und Fördertürme folgten. Ende der 1950er Jahre begann er dann für die Warenhauskette Karstadt bundesweit Filialen zu entwickeln, sammelte Expertise. Anfang der 1970er entwarf er schließlich das Rhein-Ruhr-Zentrum in Mülheim. Ein Wendepunkt in Brunes Schaffen.

„Wir dürfen diesen Preis nicht zahlen!“

„Niemand hat vor 40 Jahren geahnt, welche negativen Auswirkungen solche Shopping-Center auf die Innen- und Nachbarstädte haben“, sagt Brune. Der Grundgedanke hinter dem Rhein-Ruhr-Zentrum war: Es sollte – an der Autobahn gelegen – eine alternative Einkaufsstätte für das gesamte Ruhrgebiet sein. Und nicht den Einzelhandel aus Mülheim abziehen. Doch das Gegenteil geschah. Brune erkannte die Folgen seiner Arbeit. „Wir dürfen diesen Preis – die Zerstörung unserer Städte – einfach nicht zahlen“, sagt er. „Ich bin Städteplaner. So lange ich noch atmen kann, werde ich dagegen kämpfen.“

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Vor exakt 20 Jahren eröffnete das Centro in Oberhausen. Brune ist ein Kritiker der ersten Stunde. „150 Läden mit 150 privaten Eigentümern gehen zugrunde, weil ein Investor das Riesengeschäft macht, in dem er den Einzelhandel aus der Stadt in sein Center verlagert. Das ist grausam. Schrecklich. Die Investoren nehmen da keinerlei Rücksicht.“

An der Wahrheit festhalten

Nachdem die Einzelhändler aus den Innenstädten verschwunden sind, verlieren die Immobilien an Wert. Auch Einnahmen durch die Gewerbesteuer brechen den Städten weg. Filialisten zahlen nur dort, wo ihr Hauptsitz ist, sagt Brune. Einen Zugewinn von Arbeitsplätzen stellt der Architekt ebenfalls in Frage. Im besten Falle würden sie aus den Innenstädten verlagert. Ansonsten aber gilt: Die Arbeitsprozesse in Outlet- und Einkaufszentren sind rationalisiert – weniger Verkäufer für mehr Verkaufsfläche. „Man darf mit Erwartungshaltungen argumentieren, aber diese dürfen sich doch nicht total von der Wahrheit entfernen!“

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Derzeit ginge es, sagt Brune, um 25 große Städte im Ruhrgebiet, „die im Visier von Investoren sind“. Konkret seien 18 Outlet- und Einkaufszentren in Planung. Da müssten doch alle Alarmsignale anspringen. „Oberhausen ist als Stadt tot“, sagt der Architekt. „Wenn das in 18 weiteren Städten passiert, ist der ganze Innenstadthandel im Ruhrgebiet in ein Outlet-Center verlagert.“ Aktuell setzt sich Brune gegen ein Designer Outlet Center (DOC) in Duisburg ein.

Prestige und Bestechung

Weshalb so viele Städten trotz der Nachteile an den schädlichen Einkaufskonzepten fest, erklärt Brune mit verschiedenen Aspekten: Bei Factory Outlet Centern (FOC) seien natürlich die günstigen Waren für den Kunden attraktiv. Wer möchte nicht billig einkaufen? Prestige spiele ebenso eine Rolle. Politiker sehen oftmals nur den schnellen Erfolg für den unmittelbaren Standort. „Ich will aber auch ganz offen sagen, dass es oft Beteiligte sind, die bestochen worden sind“, sagt Brune. „Die Investoren sind da gnadenlos. Wenn sie ein Center bauen, das 120 Millionen kostet, interessiert es sie nicht, ob sie mal eine Millionen nicht nur für Ziegelsteine aufgeben müssen.“

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Wie kann es mit dem Ruhrgebiet nachhaltig weitergehen? Brune hat bereits vor Jahren das Konzept kleinerer Zentren entwickelt. Sogenannte Stadtgalerien, direkt in der Innenstadt. Der Architekt verwirklichte unter anderem die Schadow-Arkaden und die Kö Galerie in Düsseldorf. Auch die günstige Outlet-Ware will Brune nicht verteufeln. „Wo sie sich in der Stadt etabliert, schützt sie vor Internet-Ware und die Stadt wird wieder interessant“, sagt Brune. „Das kann sogar einen neuen Lebenseffekt bringen.“ Dafür muss das Center aber zentral integriert werden. „Die Belebung eines Stadtteils geschieht nicht durch Kultur sondern nur durch die Versorgung der Menschen“, sagt Brune. „Die Politik muss den Handel in den Städten halten.“

Das ganze Interview mit Walter Brune:

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