Die Zahl der an Masern Erkrankten steigt in Duisburg weiter an. 93 Menschen sind dort mittlerweile mit dem Virus infiziert. Betroffen sind vor allem Kinder aus südosteuropäischen Zuwandererfamilien, die keinen Versicherungsschutz in Deutschland haben. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum Masern noch immer ein Problem in Deutschland darstellen.

Am 22. und 23. Februar haben wir zwei Artikel (Armut und Ignoranz – die zwei großen Impfgegner sowie Die Masern-Risikogebiete in NRW) zum Thema Masern-Epidemie, Impfschutz und Hochrisikoregionen in Nordrhein-Westfalen veröffentlicht. Bei den verwendeten Statistiken ist uns ein grundlegender Fehler unterlaufen, die verwendeten Datensätze für die Masern-Impfquoten in Nordrhein-Westfalen waren falsch. Die Zuordnung bestimmter Hochrisikogebiete – unter anderem Bielefeld – war damit ebenso falsch. Dafür entschuldigen wir uns. Am Grundproblem, am Masernausbruch in Duisburg, an der Relevanz von Impfungen im Kampf gegen diese Krankheit ändert dies allerdings nichts.

Im vergangenen Jahr erkrankten 28 Menschen in NRW an Masern – 2017 sind es allein in Duisburg bereits 93. Mitte Februar waren es dort noch 30 Erkrankte. Eine Verdreifachung innerhalb eines Monats. Droht dem Ruhrgebiet eine Masernepidemie wie Berlin im Jahr 2015? In der Hauptstadt erkrankten während des größten Masernausbruchs seit über 15 Jahren 1243 Menschen; ein Kleinkind starb an den Folgen der Maserninfektion.

Vor allem für Kinder unter einem Jahr sind Masern gefährlich. Die Hälfte aller durch Impfungen vermeidbaren Todesfälle bei Kindern werden nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von Masern verursacht. Statistisch gesehen endet etwa jeder tausendste Fall tödlich. Gut verträgliche und wirksame Impfstoffe gibt es. Seit Jahren verfolgt die WHO das Ziel, die gefährliche Krankheit auszurotten. Diesem Ziel hat sich auch Deutschland mit einem nationalen Aktionsplan verpflichtet.

Risikogruppe Zuwanderer

Seinen Ursprung hatte der Ausbruch von Berlin laut dem Robert-Koch-Institut in einer asylsuchenden Familie aus Bosnien-Herzegowina. Auch in Duisburg sind nun hauptsächlich Familien aus Südosteuropa betroffen. Aus Ländern, in denen es keine ausreichende medizinische Versorgung gibt. Menschen, die in Deutschland nicht krankenversichert sind und die kein Geld haben, privat eine Impfung zu bezahlen. „Grundsätzlich besteht die Bereitschaft zur Impfung. Die Herausforderung besteht vielmehr darin, Eltern mit einem ungeklärten Krankenversicherungsschutz und fehlenden Sprachkenntnissen zu erreichen”,  sagt ein Sprecher der Stadt Duisburg.

NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) fordere seit Jahren vom Bund, diesen Menschen einen Zugang zur medizinischen Regelversorgung zu ermöglichen, teilte ein Sprecher des Ministeriums mit. Bisher habe der Bund dies beharrlich abgelehnt. Deshalb finanziere das Land inzwischen auch in Duisburg eine Clearingstelle von Stadt und AWO, die sich speziell um Zuwanderer mit ungeklärtem Versicherungsstatus kümmert – mit dem Ziel, ihnen einen besseren Zugang zur gesundheitlichen Versorgung zu ermöglichen.

Säuglinge und Impfgegner besonders gefährdet

Die Gruppe der Zuwanderer mit unzureichendem Versicherungsschutz ist allerdings längst nicht die einzige Risikogruppe: Um eine sogenannte „Herdenimmunität“ zu erreichen, die auch Nicht-Geimpfte wie beispielsweise Säuglinge durch ein ausreichend geimpftes Umfeld schützt, ist laut WHO eine Impfquote von 95 Prozent erforderlich. Je höher die Impfquote, desto unwahrscheinlicher ist es, dass der Erreger weitergegeben wird und sich verbreitet. Als vollständig immunisiert gilt nur, wer tatsächlich zwei Impfungen erhalten oder die Krankheit bereits überstanden hat.

Ein vollständiger Impfschutz ist in Deutschland nur erstaunlich selten zu finden. Bundesweit haben fast die Hälfte der 18- bis 44-Jährigen keinerlei Impfschutz gegen Masern, zeigen die Daten des Robert-Koch-Instituts. Beim Ausbruch in Berlin betraf jeder zweite Fall diese Altersgruppe. Bei der stark gefährdeten Altersgruppe der Säuglinge bis zum zweiten Lebensjahr ist jedes dritte Baby nicht ausreichend geschützt.

Eine weitere Risikogruppe: die bewussten Impfgegner. Vier Prozent der Deutschen entscheiden sich nach einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung willentlich gegen eine Impfung. Ihre Argumente lauten, Impfungen gegen Masern würden Autismus verursachen. Andere trauen generell Medizin und Wissenschaft nicht. An Waldorfschulen liegt die Impfrate oft bei weniger als 80 Prozent.

Eingeschränkte Rückschlüsse

Bereits vor elf Jahren war es in Duisburg schon einmal zu einer Masernwelle gekommen, bei der 615 Menschen erkrankten. Wie kann es sein, dass eine Krankheit, die durch Impfungen eingedämmt oder sogar ausgerottet werden könnte, noch immer in so einem Maße ausbrechen kann? Die einzig verfügbaren Daten für NRW, die eingeschränkt Rückschlüsse auf die Herdenimmunität zulassen, sind die Impfquoten der Einschulungsjahrgänge, die vom Landeszentrum Gesundheit NRW erhoben werden. Das Gesundheitsministerium NRW bewertet diese Quoten als entscheidenden Indikator für den Erfolg im Kampf gegen die Masern. In Duisburg lag die Quote im Schuljahr 2014/2015 bei 95,6 Prozent.

Impfquoten der eingeschulten Kinder 2014

Landesweit wurden 94,6 Prozent der im Schuljahr 2014/2015 eingeschulten Kinder, die einen Impfpass vorgelegt haben, zwei Mal gegen Masern geimpft und gelten somit als grundimmunisiert. Regionen in Nordrhein-Westfalen, die nach den Zahlen des Gesundheitszentrums deutlich unter dem Landesdurchschnitt und dem angestrebten Wert für die Herdenimmunität liegen sind: der Ennepe-Ruhr-Kreis (88,2 Prozent), der Rheinisch-Bergische Kreis (89,8 Prozent) und Münster (90,1 Prozent).

Betrachtet man die Statistiken genauer, wird jedoch deutlich, dass die angeführten Impfquoten mit Vorsicht zu genießen sind. Das Problem: Die Zahlen geben keinen Aufschluss über das Infektionsrisiko anderer Bevölkerungsgruppen. Eine Studie zeigt zum Beispiel, dass Erwachsene deutlich schlechter gegen Masern geimpft sind als Kinder. Und die veröffentlichten Impfquoten der Einschulungsjahrgänge beziehen sich lediglich auf die Schüler, die einen Impfpass vorgelegt haben.

Untersuchungen des Robert-Koch-Institutes haben gezeigt, „dass Kinder ohne Impfausweis in der Regel etwas schlechter geimpft sind als Kinder mit vorgelegten Impfdokumenten“. Die tatsächlichen Impfquoten werden deshalb etwas schlechter sein als die veröffentlichten, heißt es in dem Bericht

Karten-Visualisierung: Simon Wörpel

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