„Schreib Deine eigene Falschnachricht.“ So werben zwei Webseiten und bieten für den Spaß gleich die passende Optik einer redaktionellen Nachricht an. Die eine ist lustig, die andere fragwürdig.

Paul Newsman ist nicht mehr der Jüngste. Die Haare sind inzwischen grau, die Falten tief, seine Mundwinkel hängen herab. Doch wer glaubt, dieser Herr mit Sakko, Hemd und schwarzem Hut habe sich zur Ruhe gesetzt, der irrt. Paul ist ein Internetstar. Und ein recht generöser. Seinen Ruhm möchte er gerne teilen, so verspricht er es auf seiner Webseite. „Paul Newsman bringt dich groß raus“, schreibt er dort.

Hier könnte der Text damit weitergehen, wo Paul aufwuchs, was ihn beeinflusste, welchen Tee er morgens am liebsten trinkt. Vielleicht Earl Grey. Nur davon würde nichts stimmen. Denn Paul Newsman gibt es nicht. Er ist eine fiktive Person, ins Leben gerufen von zwei Webentwicklern in Koblenz. Das Aushängeschild, der Anchorman einer Internetseite, auf der Besucher in wenigen Schritten Nachrichten erfinden, eigene Artikel schreiben und auf verschiedenen Plattformen veröffentlichen können. Zur Wahl stehen das Frauenmagazin „Britta“, der Fußballblog „Grätsche“, die Boulevardzeitung „Blitz-Kurier“ oder die Lokalzeitung „Kölner Abendblatt“.

„Richtig schön verschaukelt, Keule.“

Wer in sozialen Netzwerken auf einen Text von „Britta“ oder dem „Kölner Abendblatt“ stößt, dem fällt zunächst nichts Außergewöhnliches auf. Überschrift, Bild, die ersten Zeilen zum Artikel – alles sieht aus und klingt wie eine normale Nachricht. Wer dann aber auf den Link zum Text klickt, der landet direkt auf der Seite paulnewsman.com und wird mit den Worten begrüßt: „Lieber Scholli! Du wurdest ganz schön an der Nase herumgeführt! Jemand hat dich mit einem Artikel aufs Glatteis geführt. Richtig schön verschaukelt, Keule.“

Und mein lieber Scholli, es haben inzwischen richtig viele Internetnutzer die Ehre gehabt, Paul kennenlernen zu dürfen. Als im Januar dieses Jahres beispielsweise die Fraktion des Europäischen Parlaments „Europa der Nationen und der Freiheit“ (ENF) ein Treffen in Koblenz abhalten wollte, erschien im „Kölner Abendblatt“ ein Text, die Stadt habe, um den Kongress der Rechtspopulisten in der Rhein-Mosel-Halle zu verhindern, das Gebäude prompt verkauft. 18.000 Mal wurde dieser Artikel gelesen. Und natürlich verstanden einige den Witz nicht und regten sich in den Kommtaren erst einmal bei Facebook richtig auf. Unter anderem Pegida-Gründer Lutz Bachmann.

 

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Optisch wirkt das Kölner Abendblatt durchaus seriös

 

Viraler Hit: C. Elsius vom Bundesklimaamt

Bundesregierung bestätigt Chemtrailprojekte“ – dieser Text gehört zu den am meist gelesenen Artikeln, erschienen ist er im „Kölner Abendblatt“. Bei innenpolitischen Skandalen, heißt es im Text, verändere die Regierung gezielt die Wetterlage, um vom Versagen der Alt-Parteien ablenken, daher die „Kondensstreifen“ am Himmel. 160.000 Menschen haben den Text gelesen. Verfasst wurde er von einem Autor namens W. Etter, der befragte Staatssekretär im Bundesklimaamt heißt C. Elsius. Und auch hier verstanden viele den Witz zunächst nicht oder die entrüsteten Kommentare stellten eine Form von Meta-Ironie dar.

Weil der Artikel so häufig geteilt wurde, fiel er auch den Faktenprüfern von Correctiv auf. Zuletzt griff Sputnik News Deutschland die Geschichte auf, löste aber am Textende die Pointe auf, was das „Kölner Abendblatt“ auch just mit den Worten „Langsam aber sicher kommt unsere Berichterstattung auch bei der Lügenpresse an…“ kommentierte.

Die meisten dieser Artikel sind offensichtlich nicht ernst gemeint, und Paul freut sich immer riesig, wenn sich ein Medium die Mühe macht, einen seiner Texte als „Fake“ zu entlarven. Es ist ja schließlich alles nur ein Spaß und in dem Sinne keine klassische Falschnachricht.

Wer genau hinschaut, der bemerkt schnell, dass auf der Seite einiges auf Satire hindeutet. Die Angaben über dem Text, wie oft ein Artikel in sozialen Netzwerken geteilt wurde, sind immer astronomisch hoch. Am Seitenrand wird für einen Weinbrand geworben „mit Pep und ohne Alkohol“. Und wer den Namen Paul Newsman googelt, stößt auf den us-amerikanischen Schauspieler Paul Newman, der just in dem Film „Die Sensationsreporterin“ mitspielte. Newsman heißt im Deutschen zudem Journalist oder Zeitungsverkäufer.

Ist das Fake oder Satire?

Trotz dieser zahlreichen Hinweise stehen Faktenchecker immer wieder vor der Frage, ob sie etwas zu satirischen Artikeln veröffentlichen wollen, wenn viele User den Witz nicht verstanden haben. So hat die Internetplattform Mimikama schon mehrfach Artikel von Paul Newsman mal als Fake, mal als Satire ausgewiesen.

Manch ein vermeintlicher „Witz“ macht diese Entscheidung auch ziemlich schwer. Als etwa der Verein „Recht und Freiheit“, der der Alternative für Deutschland nahe steht, eine Wahlplakatmontage mit Angela Merkel im Vordergrund und einem Flüchtlingsstrom im Hintergrund und dem Titel „Für ein Deutschland, in dem sie gut und gerne leben“ verbreitete, hieß es in den Kommentaren ziemlich schnell, alles nur ein Witz, alles nur Satire. Trotzdem schrieb Correctiv darüber. Denn einmal im Netz sind diese Nachrichten kaum noch einzuholen: Sie werden wieder und wieder geteilt und leider manchmal aus ihrem satirischen Kontext rausgerissen.

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"Nur zum Spaß" lautete die Bildunterschrift, trotzdem sorgte die Abbildung für viel Aufregung

Merkels verpixelte Frisur

Ein bekanntes Beispiel dafür ist ein Bild von Angela Merkel, das die Kanzlerin bei einem Besuch Ende April in Saudi-Arabien zeigt. Ihre Haare wurden auf dem Bild verpixelt. Es dauerte nicht lang und im Web hieß es, Merkel habe sich nicht an die Verhüllungsvorschriften des Königreiches gehalten, deshalb seien ihre Haare im staatlichen Fernsehen verpixelt worden. Die Aufregung in den sozialen Netzwerken war immens. Nur: Ursprünglich stammte das Bild von einer Satire-Seite. Die Unterzeile lautete „Just for fun“.

Wie schnell die Grenze zwischen lustigem Kalauer und ernsten Fake verschwimmen kann, zeigt die Seite 24Aktuelles.com. „Lass den Spaß beginnen“, heißt es auf der Seite. Und in der Tat finden sich auf der Homepage vermeintlich amüsante Nachrichten mit Überschriften wie „Trump ist ein Veganer“ (laut eigenen Angaben „90.000“ Mal geteilt), „Obama bestätigt Existenz von Außerirdischen“ („75.000“ Mal geteilt) und „Sommerferien verschoben“ („27.000“ Mal geteilt).

Es gab aber auch einen Text darüber, dass in Braunschweig eine IS-Zelle entdeckt und 23 Islamisten festgenommen worden sein. Einmal veröffentlicht, zirkulierte diese Nachricht in den sozialen Netzwerken. Schließlich sah sich die Braunschweiger Polizei genötigt, darauf hinzuweisen, dass keine derartige IS-Zelle festgesetzt wurde. Der entsprechende Hinweis der Polizei wurde im April vergangenen Jahres allein bei Twitter 300 Mal geteilt. Auch darüber berichtete Correctiv.

 

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Der "Witz" über die IS-Zelle in Braunschweig ist inzwischen gelöscht worden.

 

Gründer: Max Mustermann

Satire darf alles, ja. Aber Nachrichten von 24Aktuelles über mordende Horrorclowns im niedersächsischen Wilhelmshaven, Leichen im hessischen Richtsberg oder dem angeblichen Tod von Mario Barth bewegen sich am Rande des guten Geschmacks – auch wenn der aufmerksame Besucher direkt erkennt, dass nichts stimmt. Dass nichts als seriöse Informationsquelle genutzt werden sollte.

Der Text über die Leichen in Richtsberg ist weiterhin online und auch hier sah sich die Polizei genötigt einzugreifen:

„Bei uns wollte einmal jemand, einen Artikel darüber veröffentlichen, dass die Bundesregierung eine Migrationssteuer einführen will“, sagt Mike Lieser, Mitgründer der Seite von Paul Newsman. Damals habe man umgehend reagiert und den Text gelöscht. In den Nutzungsbedingungen ist klar formuliert: Keine Artikel, die Stimmung gegen Minderheiten machen. Keine Artikel über vermeintliche Tote. Keine Texte, die nur Angst verbreiten wollen. „Wir verdienen mit unserer Seite auch kaum Geld, das Projekt machen ich und mein Mitgründer nebenher“, sagt Lieser.

Ähnliche Vorschriften finden sich auch bei 24Aktuelles. Während aber bei Paul Newsman im Impressum klar steht, wer hinter der Seite steckt, ist bei 24Aktuelles nur ein „Monsieur John Doe“ vermerkt. „John Doe“ – das ist das englische Pendant zum deutschen Max Mustermann. Ein Platzhalter. Ansonsten steht hier noch Firmennamen C.B. MEDIA VIBES, eine Firma mit Sitz in Belgien, die laut Huffington Post schon öfter den Namen und die Adresse wechselte.

Kölner Abendblatt? Klar, gibt es.

Lernen wir denn wenigstens daraus, wenn wir offensichtlich einmal verkohlt wurde? Lesen wir Artikel künftig gründlicher? „Wenn ich Freunde frage, kennst du das ‘Kölner Abendblatt’ sagen viele einfach automatisch ja“, sagt Mike Lieser von Paul Newsman. Auf der Internetseite heißt es deshalb auch: Teste die Medienkompetenz deiner Freunde! Bestes Beispiel dafür ist Liesers Mitgründer.

Der wurde selbst von Lieser veräppelt. Lieser fingierte einen Artikel, der optisch das Nachrichtenportal TechCrunch nachahmte. Darin stand, dass ein Start-up, was sein Kollege davor aufgebaut und inzwischen verlassen hatte, gerade für mehrere Millionen Euro verkauft worden sei. Dem Kollegen wurde kurz schwindelig. War ihm der Deal seines Lebens entgangen? Dann sah er, dass es keinen Link zu dem Text gab. Liesers Scherz war enttarnt. Ein Witz mit Folgen. Wenige Monate später riefen beide Paul Newsman ins Leben.

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