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Falschmeldungen stellen eine Gefahr für die Demokratie dar. Unsere Faktenchecker gehen Gerüchten nach und veröffentlichen ihre Rechercheergebnisse auf dieser Seite. Mehr erfahren

Bewertung: größtenteils falsch

Sind nur drei Prozent von den in Italien ankommenden Migranten anerkannte Flüchtlinge?

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Flüchtlinge auf dem Seeweg über das Mittelmeer nach Europa.© Refugees welcome on Seawatch2 von Brainbitch unter Lizenz CC BY-NC 2.0

von Jacques Pezet

Aktuell wird ein Artikel der Website "Freie Zeiten" tausende Male auf Facebook geteilt. Darin wird behauptet: Laut eines UN-Berichts sind „nur drei von 100 Migranten echte Flüchtlinge“. Stimmt das?

Seit dem 1. Mai 2017 wird ein Artikel mit der Überschrift „UN-Bericht: Nur drei von 100 Migranten sind echte Flüchtlinge“, der auf freiezeiten.net veröffentlicht wurde, auf Facebook tausend Male von rechten Seiten geteilt. Achtung: Wie man erst später im Artikel lesen kann, ist der Titel irreführend.- Denn es geht in dem Artikel nicht um alle Flüchtlinge, die nach Europa oder nach Deutschland gekommen sind, sondern um sogenannte „Bootsmigranten, die im letzten Jahr in Italien ankamen“.

 

Screenshot der Facebook-Seite „Lügenpresse“ am 16.05.2017

Screenshot der Facebook-Seite „Lügenpresse“ am 16.05.2017

Als Quelle des Artikels zitiert „Freie Zeiten“ das amerikanische, rechtskonservative Nachrichtenportal „Breitbart News“. Auch freiezeiten.net gehört zu diesem Spektrum von Websiten: Die Homepage ist die deutsche Version der schwedischen einwanderungskritischen InformationsWebsite Fria Tider. Beide sind im Besitz der FT News Group OÜ, die nicht in Schweden, sondern in Tallinn (Estland) registriert ist.

Was sind „echte Flüchtlinge“?

In dem Artikel wirft „Freie Zeiten“ Journalisten und Politikern vor, „die Einwanderer stets als Flüchtlinge“ zu bezeichnen. Die Website unterscheidet die „181.436 Einwanderer aus der Dritten Welt“ in verschiedenen Gruppen.

  • Sogenannte „echte Flüchtlinge“, das heißt die Migranten, die „als Flüchtlinge anerkannt“ worden sind. Laut „Freie Zeiten“ sind das „nur 4.808 Migranten – also 2,65 Prozent“.

  • Die „Hälfte der registrierten Einwanderer“ – also 90.334 Menschen – die „gar kein Asyl“ beantragen haben und die von „Freie Zeiten“ „illegale Einwanderer“ genannt werden.

  • Die „verbleibende 91.902 Migranten“, die einen Asylantrag gestellt haben. Davon seien „60 Prozent abgelehnt“ worden.

  • Und der „Rest“ der Einwanderer, der „humanitären“ oder „subsidiären Schutz“ erhalten hat.

Subsidiär und humanitär Schutzberechtigte sind, laut des italienischen Schutzsystem für Asylbewerber und Flüchtlinge (SPRAR), Ausländer, die nicht die Voraussetzung des Flüchtlingsstatus erfüllen. Sie werden dennoch nicht in ihre Herkunftsländer abgeschoben, weil das Risiko zu hoch ist, dass sie in irgendeiner Form zu Schaden kommen könnten. Die Gültigkeit des Aufenthaltstitels („permesso di soggiorno“) beträgt fünf Jahre für die anerkannten Flüchtlinge und für die Besitzer des subsidiären Schutzes. Für humanitär Schutzberechtigte dauert der Aufenthaltstitel nur zwei Jahre. Im Detail lassen sich die Rechte der verschiedenen Schutzformen im „Leitfaden Italien“ (S. 21 und 22) des deutschen Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) nachlesen.

Wie kommen „Freie Zeiten“ und „Breitbart“ auf diesen Prozentsatz?

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Breitbart News im Screenshot am 16.05.2017

In seinem Artikel ist „Breitbart“ genauer als „Freie Zeiten“: „nur 2,65 Prozent“ der in Italien angekommen Migranten sollen „Flüchtlinge“ sein. Wie ist „Breitbart News“ auf diese Zahl gekommen? Auf eine sehr einfache Weise: Der Autor des Artikels hat die Anzahl der „4.808 Migranten“, die 2016 „als Flüchtlinge anerkannt worden sind“ durch die 181.436 über das Mittelmeer nach Italien im Jahr 2016 eingereisten Einwanderer geteilt.

Beide Zahlen sind nicht erfunden: Die 181.436 Einwanderer kann man auf der Seite 6 des im Februar 2017 veröffentlichten UNHCR-Bericht „Desesperate journeys finden. Sie wurde auch noch im März 2017 von der UN-Organisation im Dokument „UNHCR Update #10“ gepostet. Dort findet man auch die Zahlen der 4.808 Asylentscheidungen, die das italienische Innenministerium für 2016 publiziert hat. Teilt man die Zahlen, kommt man nach Breitbarts Riese auf 2,65 Prozent.

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Screenshot des  UNHCR-Bericht „Italy UNHCR Update #10“

2,65 Prozent von was?

Das Problem mit dieser Berechnung ist, dass sie falsche Bezüge herstellt und deshalb bedeutungslos wird.. Warum? Weil die Menschen, über deren Asylantrag entschieden wurde, nicht zwangsläufig übers Mittelmeer gekommen. Zudem sind bei weitem noch nicht alle Anträge von Bootsflüchtlingen bearbeitet. Wie der italienische Pressesprecher des UNHCR Federico Fossi auf Anfrage von CORRECTIV mitteilte, können die Asylverfahren „von 6 Monaten bis einem Jahr (oder noch länger) dauern, je nachdem wie groß die Arbeitsbelastung der relevanten territorialen Kommission groß“. Das heißt, viele der 91.102 Entscheidungen könnten sich auf Asylanträge aus den Jahren 2015 und Anfang 2016 beziehen.

Deswegen ist es wichtig, die Zahlen zu unterscheiden:

  • 181.436 Einwanderer wurden vom UNHCR gezählt, die über das Mittelmeer im Jahr 2016 nach Italien gekommen sind.

  • 123.600 Asylanträge wurden in Italien im Jahr 2016, bewilligt. Man weiß aber nicht, wann und wie die Antragsteller nach Italien gekommen sind, wie UNHCR-Pressesprecherin Cécile Pouilly erklärt: „Es ist nicht korrekt, die Mittelmeerankünfte mit allen gestellten Asylanträgen zu vergleichen. Asylbewerber kommen nicht nur mit dem Boot nach Italien, sondern auch über Landesgrenzen und per Flugzeug.

  • Im gleichen Jahr 2016 hat Italien 91.102 Asylverfahren abgeschlossen. Wie „Freie Zeiten“ berichtet, wurden 60 Prozent davon abgelehnt. Darunter befinden sich aber auch Asylsuchende, die nicht erst 2016 nach Italien eingereist sind.

Damit ist die von „Breitbart“ berechnete 2,65-Prozent-Quote bedeutungslos. Korrekt wäre folgende Berechnung anhand der Zahlen des italienischen Innenministeriums: Man teilt die 4.808 anerkannten Asylverfahren durch 91.102 gestellten Asylanträge und kommt so auf 5,3 Prozent. Anders als die Zahlen von „Breitbart“ bezieht sich diese auf die geprüfte Asylanträge von alle Asylbewerbern und nicht nur auf die Asylanträge der nur in 2016 über das Mittelmeer gekommenen Menschen.

Schaut man sich noch die Zahlen derer an, die Asyl oder subsidiären oder humanitären Schutz bewilligt bekommen, dann fällt die Quote wesentlich höher aus. Laut den letzten Dateien von Eurostat lag die Gesamtschutzquote im vierten Quartal 2016 bei 45 Prozent für die nach Italien gekommenen Menschen – in 20 Prozent der Fälle erfolgte Asyl oder subsidiärer Schutz.

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Fazit: Die kalkulierte Quote ist nicht relevant. Sie wurde mit zwei Zahlen, die nicht miteinander Verbindungen gebracht werden können, berechnet. Laut dem italienischen Innenministerium lag die Anerkennungsquote von Flüchtlingen bei 5,3 Prozent im Jahr 2016. Viele Anträge der Bootsflüchtlinge sind aber noch nicht bearbeitet.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch

Bewertung: falsch

Nein, es gibt keine Hinweise auf Crystal Meth, das als „Brausepulver“ an Schulen kursiert

Brausepulver (1)
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Brausepulver (1)
Laut dem Bundeskriminalamt handelt es sich bei dieser auf Facebook verbreiteten Warnung „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit um ein Fake“. (Screenshot: CORRECTIV)

von Cristina Helberg

Auf Facebook wird seit 2016 eine Warnung vor einer angeblich neuen Droge verbreitet. Dabei handele es sich um Crystal Meth mit „verschiedenen Geschmacksrichtungen“ wie Erdbeere und Wassermelone, das aussehe wie ein „Brausepulver“. Dem BKA ist kein solcher Fall bekannt.

Eine Facebook-Nutzerin veröffentlichte am 17. Februar 2016 ein Foto eines ausgedruckten Warnhinweises. Darauf steht „Achtung, schützt unsere Schüler“, samt dem Hinweis, es gebe eine neue Droge auf dem Markt: „Cristal Meth“ [sic!] mit verschiedenen Geschmacksrichtungen, das aussehe wie „Brausepulver“. Weiter steht auf dem Zettel: „Diese Droge macht nach der ersten Einnahme sofort abhängig und kann tödlich sein.“ Der Beitrag wurde bisher mehr als 66.800 Mal auf Facebook geteilt. In den letzten Tagen teilten Nutzer den Beitrag wieder vermehrt. Wir haben die Behauptungen geprüft.

Der Facebook-Beitrag aus dem Jahr 2016. (Screenshot und Schwärzung am 21. Oktober 2019: CORRECTIV)
In den letzten Tagen teilen Nutzer wieder den Facebook-Beitrag von 2016. (Screenshot und Schwärzung am 21. Oktober 2019: CORRECTIV)

Dem Bundeskriminalamt zufolge ist der Beitrag „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit“ ein Fake 

Auf Nachfrage von CORRECTIV schreibt das Bundeskriminalamt zu der Warnung per E-Mail: „Die angeführte Warnmeldung ist hier bereits mehrfach bekannt geworden (identische Abbildung) und war Gegenstand polizeilicher Anfragen von diversen Landespolizeibehörden (auf Grund Mitteilung besorgter Eltern etc.).“ Nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamts habe es aber keine Sicherstellungen von brauseartigem Crystal Meth mit verschiedenen Geschmacksrichtungen in der entsprechenden Verpackungsart gegeben. 

„Bei der Warnmeldung dürfte es sich daher mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit um ein Fake handeln, eine behördliche oder gar polizeiliche Warnmeldung in dieser Art und Form hat es gem. BKA nicht gegeben“, heißt es weiter in der E-Mail an CORRECTIV. 

Auszug aus der E-Mail-Antwort des Bundeskriminalamtes auf eine Presseanfrage von CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Bundeskriminalamt habe seit mehreren Jahren mit der vermeintlichen Drogenwarnung zu tun. Höhepunkt der Verbreitung sei das Jahr 2016 gewesen. Das passt auch zu dem Datum des Facebook-Beitrags. Ihren Ursprung hätten solche Meldungen vermutlich in den USA, wo ähnliche Versionen seit 2006 aufgetaucht seien, erklärt die Behörde in ihrer E-Mail weiter 

Medien berichteten landesweit über gefälschten Warnhinweis 

Zahlreiche deutsche Medien haben in den vergangenen Jahren über die Falschmeldung berichtet. Unter anderem 2015 die Rheinische Post und im Jahr 2016 die Neue Westfälische, das Hamburger Abendblatt, die Mitteldeutsche Zeitung und die Thüringische Landeszeitung.  

Das Bundeskriminalamt weist in der E-Mail grundsätzlich darauf hin, dass „Neue Psychoaktive Stoffe (NPS/bekannt auch als sog. ‘Legal Highs’) tatsächlich in ähnlichen Tütchen wie für Brausepulver verkauft werden.“ Diese Stoffe würden ähnlich wie Crystal Meth synthetisch hergestellt und im Internet offiziell als Badezusatz oder Badesalze angeboten. Der Gebrauch könne zu Kreislaufversagen, Ohnmacht, Psychosen, Wahnvorstellungen bis hin zu drohendem Nierenversagen führen, auch Todesfälle seien in diesem Kontext beim BKA bekannt.

„Eine weitere Gefahr liegt in der Verharmlosung der meist bunt und flippig präsentierten Produkte, die von Händlern als angeblich legal angepriesen werden. […] Der Umgang mit solchen Produkten ist jedoch nach dem Betäubungsmittelgesetz strafbar, sofern sie Betäubungsmittel enthalten“, schreibt das BKA auf seiner Webseite.

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Unsere Bewertung:
Falsch. Dem Bundeskriminalamt ist kein Fall bekannt, der zu diesem Warnhinweis passt. Allerdings warnt das BKA vor „Legal Highs“, die in ähnlichen Tütchen zum Beispiel als Badesalz verkauft würden und zum Tod führen könnten.

Bewertung: falsch

Nein, Flüchtlinge kosten Deutschland nicht „bis zu 55 Milliarden Euro pro Jahr“

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Was gibt Deutschland pro Jahr für Flüchtlinge aus? (Symbolfoto: Axel Schmidt / AFP)

von Alice Echtermann

Auf Facebook verbreitet sich die Behauptung, die Versorgung von Flüchtlingen würde Deutschland 55 Milliarden jährlich kosten. Das ist falsch. Die Berechnung ist von 2015 und ging von viel zu hohen Ankunftszahlen pro Jahr aus. 

Die Facebook-Seite „Unsere Heimat Deutschland“ hat am 28. Juli einen Beitrag über die angeblichen Kosten für Flüchtlinge in Deutschland veröffentlicht. Er wurde bisher mehr als 6.100 Mal geteilt. 

Der Facebook-Beitrag der Seite „Unsere Heimat Deutschland“ vom 28. Juli 2019. (Screenshot: CORRECTIV)

Als Quelle wird ein Artikel der Welt von Dezember 2015 genannt. In der Beschreibung des Facebook-Beitrags steht: „Das Institut für Weltwirtschaft Kiel rechnet mit jährlichen (!!!) Ausgaben von bis zu 55 Milliarden Euro für die Flüchtlingskrise. Selbst im günstigsten Szenario rechnet das Institut mit 25 Milliarden.“ 

Das deckt sich mit den Angaben in dem Welt-Artikel. Darin wird eine Studie des Instituts für Weltwirtschaft (IFW) in Kiel zitiert. In dieser wurde tatsächlich berechnet, dass die Versorgung von Flüchtlingen Deutschland im Jahr 2022 bis zu 55 Milliarden Euro kosten könnte.

Berechnung ging 2015 von einer Million neuer Flüchtlinge pro Jahr aus

Der Facebook-Beitrag verschweigt jedoch, dass diese Berechnung von 2015 ist und dass das IFW dafür von jeweils einer Million neu ankommender Flüchtlinge jährlich ausgegangen ist. 

Der „günstigste Fall“ beinhaltet, dass 2015 und 2016 jeweils eine Million Flüchtlinge ankommen, 2017 dann 600.000 und ab 2018 noch insgesamt 360.000 pro Jahr. Mit diesen Annahmen würden die Kosten nach der Berechnung des Instituts im Jahr 2022 auf 25 Milliarden Euro ansteigen. 

Die tatsächlichen Zahlen ankommender Asylbewerber in Deutschland sehen jedoch anders aus. Die Zahl von rund 1,1 Millionen Flüchtlingen 2015 wurde zwar von Bundesinnenministerium kommuniziert und von Medien berichtet. Sie wurde jedoch im September 2016 vom BMI offiziell nach unten korrigiert auf 890.000. Der Grund für den Fehler seien Mehrfachnennungen im Easy-System gewesen, einem IT-System zur Verteilung von Asylbewerbern auf die Bundesländer. Der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière wird in der Pressemitteilung mit den Worten zitiert: „Die Zahl von 890.000 Asylsuchenden ist also tatsächlich deutlich niedriger als die Zahl von 1,1 Mio. Menschen, die bislang im Umlauf war.“

Tatsächliche Asyl-Zahlen liegen weit unter den berechneten Szenarien

Die Zahl der Asyl-Erstanträge 2015 liegt bei 441.899, was laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Seite 5) daran liegt, dass nicht alle Menschen direkt nach ihrer Ankunft 2015 einen Antrag stellen konnten. Diese Anträge seien 2016 nachgeholt worden. 

2016 gab es insgesamt 722.370 Asyl-Erstanträge, und 2017 dann 198.317. 2018 waren es 161.931 und 2019 bis September insgesamt 110.282. 

Auszug aus dem Bericht des Bamf. Die mittlere Spalte weist die Asyl-Erstanträge aus, die rechte die Zweitanträge. (Screenshot: CORRECTIV)

Diese weitere Entwicklung der Flüchtlingszahlen entspricht also nicht der Prognose, von der das Institut für Weltwirtschaft 2015 ausgegangen ist. Sie ist noch viel niedriger als das niedrigste Szenario, das ab 2018 von 360.000 Menschen pro Jahr ausging. Die Berechnung von 2015 ist somit nicht auf die reale Situation anwendbar. Einer der Autoren der Studie, Matthias Lücke, sagte 2018 selbst im Deutschlandfunk, die Berechnung sei „viel zu hoch“ gewesen. Man habe aber bewusst hoch gegriffen, um zu zeigen, was zu bewältigen wäre, wenn weiter so viele Menschen ankämen wie 2015. 

Der Bund gab 2018 15,1 Milliarden für Flüchtlinge in Deutschland aus

Doch wie viel gibt Deutschland tatsächlich für Flüchtlinge aus? Eindeutig beziffern lassen sich nur die Ausgaben des Bundes. Diese beliefen sich laut Bundesfinanzministerium 2018 auf rund 23 Milliarden Euro. Medien berichteten von einem „Rekordwert“. Davon entfallen jedoch rund 7,9 Milliarden auf die Bekämpfung von Fluchtursachen; das Geld wird also nicht vollständig innerhalb von Deutschland eingesetzt. 

Für Flüchtlinge in Deutschland hat der Bund 2018 also 15,1 Milliarden Euro ausgegeben. Davon sind 7,5 Milliarden Kosten, die der Bund der Ländern erstattet. 

Auszug aus dem Bericht des Bundesfinanzministeriums. (Screenshot: CORRECTIV)

Wie das ZDF analysiert hat, kommen die Ausgaben teilweise nicht nur Flüchtlingen zugute. Zum Beispiel würden alle vom Ausbau der Kinderbetreuung oder des sozialen Wohnungsbaus profitieren. Dies steht auch im Bericht des Bundesfinanzministeriums (zum Beispiel auf Seite 35).

Unsere Bewertung:
Falsch. Die Berechnung ist von 2015 und beruht auf viel zu hohen Annahmen zur Zahl der jährlich neu ankommenden Flüchtlinge. 

Bewertung: teilweise falsch

Nein, Angela Merkel warnte nicht „vor einem Angriff der Migranten auf Europa“

BELGIUM-EU-SUMMIT
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BELGIUM-EU-SUMMIT
Angela Merkel bei einer Rede im EU-Parlament in Brüssel am 17. Oktober 2019. (Symbolfoto: Aris Oikonomou / AFP)

von Till Eckert

In einem Artikel der Webseite Berlin Journal wird behauptet, Angela Merkel habe bei einer Rede 2016 vor einem „Angriff der Migranten auf Europa“ und vor einer „verstärkten Masseneinwanderung aus Afrika“ gewarnt. Das stimmt nicht, wie ein Mitschnitt zeigt.

„Merkel warnt vor ‘Angriff’ der Migranten auf Europa“, heißt es im Titel eines Artikels der Webseite Berlin Journal vom Juni 2016, der aktuell wieder vermehrt auf Facebook geteilt wird. Er wurde kürzlich in Facebook-Gruppen veröffentlicht, zum Beispiel hier und hier. Insgesamt wurde der Beitrag mehr als 11.000 Mal geteilt.  Im Text geht es um eine Rede, die Angela Merkel 2016 vor dem CDU-Wirtschaftsrat hielt. Als Quelle wird ein Artikel des Focus vom 23. Juni 2016 angegeben.

Der Artikel des Berlin Journal von Juni 2016 mit der Behauptung in der Überschrift. (Screenshot: CORRECTIV)

Durch die Zwischenüberschriften des Textes von Berlin Journal wird zudem suggeriert, Merkel habe jeweils ganz klare Personengruppen angesprochen. In einer heißt es „Schwarze sind laut Merkel das größte Problem“, in der nächsten „Araber sind das geringere Problem“. Hat Merkel sich wirklich so geäußert?

Im Focus-Artikel, der angegeben Quelle, steht das so nicht

Im Focus-Artikel, auf den Berlin Journal verweist, geht es tatsächlich hauptsächlich um Merkels Rhetorik bei der Rede vor dem CDU-Wirtschaftsrat. Vor allem um den Begriff „Angriff“, den Merkel verwendet habe, dreht sich der Artikel. So habe sie von zwei Angriffen gesprochen, „auf diese Europäische Union, auf diesen europäischen Binnenmarkt“. Der erste Angriff sei die Eurokrise, der zweite sei ein „Angriff auf etwas Konstitutives in unserer Europäischen Union, (…) auf unsere Außengrenzen“. 

Merkel forderte in diesem Kontext laut Focus einen „besseren Schutz der Schengen-Außengrenzen“. Die Aufgabe sei, diese „nicht Schleppern und Schmugglern zu überlassen, nicht Menschenleben aufs Spiel zu setzen“. Als größtes Problem habe Merkel „die Migration aus dem afrikanischen Kontinent“ genannt. Mit Ländern wie Niger, wo sich die Bevölkerung alle 20 Jahre verdopple, müsste eine wirkliche Partnerschaft entstehen. Weniger problematisch bewerte Merkel dagegen Flüchtlingsbewegungen aus Syrien oder Irak, weil sie durch Bürgerkriege entstünden. 

Von einem „Angriff der Migranten“ jedoch, oder von problematischen „Schwarzen“ oder weniger problematischen „Arabern“ hat Merkel laut Focus nicht gesprochen. Merkel benannte laut Focus stattdessen die Staaten Niger, Syrien und Irak. 

Auch im Mitschnitt der Rede von Merkel finden sich diese Formulierungen nicht

Die Pressestelle des CDU-Wirtschaftsrat schickte CORRECTIV auf Nachfrage einen Audiomitschnitt der Veranstaltung am 21. Juni 2016 in Berlin zu. Merkels Rede dauert ungefähr 45 Minuten, es geht darin um Herausforderungen der Globalisierung. Sie spricht unter anderem über Digitalisierung, über Klimawandel und Elektromobilität. Die betroffene Passage findet sich am Ende von Merkels Rede und dauert etwa fünf Minuten. Hier zum Anhören:

Merkel sagt in ihrer Rede wörtlich

„Wenn ich gesagt habe, was essentiell ist für die Bewältigung der Globalisierung und sage Europa, die Europäische Union, der europäische Binnenmarkt ist nach meiner Meinung essentiell dann haben wir zwei Angriffe auf diese Europäische Union und auf diesen Binnenmarkt, oder, etwas kleiner gefasst, auf die Eurozone erlebt. Der eine war auf die Eurozone nach der internationalen Finanzmarktkrise, der hatte im Grunde die Frage, wie agieren Volkswirtschaften unter völlig unterschiedlicher Wettbewerbsfähigkeit und wie machen wir uns diese Unterschiede, wie stehen wir füreinander ein? (…) 

Nun haben letztes Jahr einen zweiten Angriff auf etwas Konstitutives unserer Europäischen Union erfahren, nämlich einen Angriff auf unsere Außengrenzen. Wir sahen einen Raum der Freizügigkeit, dieser Raum der Freizügigkeit ist natürlich durch die Mitgliedschaft im Schengensystem begrenzt, aber wenn ich Ihnen jetzt allen ein Stück Papier geben sollte, und Sie sollten mal aufzeichen, wie dieses Gebilde aussieht, wie diese Außengrenzen des Schengenraums aussehen, dann weiß ich nicht, ob das jeder so zielsicher zeichnen könnte. (…) Um diesen Außengrenzen-Schutz sicherzustellen, nicht Schleppern und Schmugglern zu überlassen, Menschenleben aufs Spiel zu setzen, das ist jetzt unsere Aufgabe – und die ist einfach dort, wo Sie Landgrenzen haben, und die ist schwierig dort, wo Sie Wassergrenzen haben. Und das bedeutet für uns nichts anderes, als dass wir uns in ganz anderer Weise werden mit unserer Nachbarschaft beschäftigen müssen und das ist im zentralen Bereich Afrika. Wir haben jetzt sehr viel über Syrien und Irak gesprochen, ich glaube, dass wir in absehbarer Zeit dort Lösungen haben werden, dass die großen Flüchtlingsströme von dort, die auch wirklich Bürgerkriegsflüchtlingsströme waren, nicht das zentrale Problem sind, sondern das zentrale Problem ist die Migration aus dem afrikanischen Kontinent, der da heute 1,2 Milliarden Einwohner hat, der 2050 2,3 Milliarden Einwohner haben wird, und ein Land, das hinter Libyen liegt – Libyen ist ja erkennbar politisch sehr instabil, das wird auch noch lange dauern – aber wo 90 Prozent der afrikanischen Migranten durchziehen, das ist Niger. Niger hat ein Bevölkerungswachstum von 2,9 Prozent, das heißt alle 20 Jahre verdoppelt sich die Einwohnerzahl von Niger. Niger ist eines der ärmsten Länder der Welt, Niger hat uns nochmal gesagt, ‘Wir haben jahrelang bei Entwicklungspolitik gehört, ihr dürft alles, nur keine Waffen euch beschaffen, eure Sicherheitssysteme nicht verstärken, heute stehen wir Boko Haram am Tschadsee gegenüber und wissen nicht, was wir tun sollen’. Das sind die großen Herausforderungen, mit denen wir uns werden befassen müssen. (…) Wir müssen es hinbekommen, hier eine wirkliche Partnerschaft, sicherlich auch eine Partnerschaft wo über good governance gesprochen wird, hinzubekommen, ansonsten werden wir die Legalität und die Bekämpfung der Fluchtursachen nicht hinbekommen, das halte ich für die zentrale große Aufgabe, wenn wir unsere Außengrenzen schützen wollen.“ 

Merkels Rede wirkt im Gesamtkontext nicht so drastisch, wie von Berlin Journal dargestellt. Es geht darum, wie eine Partnerschaft mit afrikanischen Ländern geschaffen und Fluchtursachen bekämpft werden können. Merkel spricht zwar von  einem Angriff auf die Außengrenzen des Schengenraums – aber auf eine Weise, dass klar wird, dass sie keinen kriegerischen Angriff meint. Sie spricht auch davon, einen „Außengrenzen-Schutz sicherzustellen, nicht Schleppern und Schmugglern zu überlassen, Menschenleben aufs Spiel zu setzen – das ist jetzt unsere Aufgabe“. 

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Merkel spricht zudem auch nicht von einer „verstärkten Massenmigration aus Afrika“, wie Berlin Journal behauptet. Sie erwähnte Migration aus dem afrikanischen Kontinent als zentrales Problem und direkt danach das Bevölkerungswachstum von Ländern wie Niger.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Angela Merkels Aussagen werden verzerrt dargestellt. Sie sprach allerdings im Kontext von Migration von einem „Angriff auf die Außengrenzen“ der EU.

Bewertung: falsch

Nein, Donald Trump hat den italienischen Präsidenten Mattarella nicht „Mozzarella“ genannt

US-ITALY-POLITICS-DIPLOMACY-TRUMP
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US-ITALY-POLITICS-DIPLOMACY-TRUMP
Die Präsidenten der USA und Italiens trafen sich am 16. Oktober in Washington. Nun werden hämische Witze über angebliche Aussagen Trumps gemacht. (Foto: Brendan Smialowski / AFP)

von Tania Röttger

In den Sozialen Netzwerken verbreitet sich die Behauptung, Donald Trump habe den italienischen Präsidenten Sergio Mattarella „Mozzarella“ genannt. Das stimmt aber nicht.

Am 17. Oktober erschienen auf Facebook und Twitter Beiträge auf Englisch und Deutsch, in denen behauptet wird, Donald Trump habe den italienischen Präsidenten Sergio Mattarella bei einem Treffen in Washington „Präsident Mozzarella“ genannt. Außerdem habe Trump gesagt, „die USA seien schon seit den Zeiten des antiken Roms (!) Verbündete“. Beide Aussagen hat Trump so jedoch nicht getroffen.

Einer der Facebook-Beiträge mit den Behauptungen, der bisher 290 Mal geteilt wurde. (Screenshot: CORRECTIV)

Kein „Mozzarella“ von Trump

Es gibt zwei Situationen bei den Pressekonferenzen vom 16. Oktober in Washington, wo sich die beiden Präsidenten öffentlich trafen. In einer stehen Sergio Mattarella und Donald Trump nebeneinander, in der anderen sitzen sie, hinter ihnen zwei Übersetzer. Die Videos der Pressekonferenzen sind bei Youtube verfügbar. Inzwischen erstellt Youtube automatisch Transkripte von Videos. Wir suchten darin nach dem Wortteil „ella“, und tatsächlich kommt zweimal das Wort „Mozzarella“ im Transkript der stehenden Pressekonferenz vor. 

Allerdings sagt dort nicht Donald Trump den Namen des italienischen Präsidenten, sondern ein Übersetzer, der die Fragen italienischer Journalisten an Mattarella übersetzt. Einmal bei der Stelle 1:13:13 und einmal ab 1:23:20.

Ob es nicht eher wie „Mazzarella“ klingt, also das „t“ von Mattarella hart ausgesprochen, muss jeder nach dem Hören entscheiden.

Das Youtube-Transkript erkennt zweimal das Wort „Mozzarella“ in der Pressekonferenz. Allerdings sagt nicht Trump den Namen des italienischen Präsidenten, sondern ein Übersetzer. (Screenshot von Youtube: CORRECTIV)

Trump sagt den Namen des italienischen Präsidenten nur einmal. Ab Minute 41:30 klingt es wie „Madurella“, Youtube transkribiert es so: „President Maduro ella“. Trump sagt also an keiner Stelle „Präsident Mozzarella“.

Auch die Faktenchecker der amerikanischen Organisation Snopes kamen zu diesem Ergebnis. Sie wiesen außerdem darauf hin, dass die Beiträge mit der Behauptung auf den Sozialen Netzwerken kein Video-Material enthielten. Wir fanden dieselbe Situation bei den deutschen Beiträgen.

Und manche, die welches enthielten, wie ein Tweet von EHA News, zeigten ein Video, in dem die angebliche Aussage gar nicht vorkommt. In dem Ausschnitt von EHA News geht es um Server, zu denen Trump Zugang erhalten möchte.

Kaum ein Tweet enthält Videomaterial – und wenn, dann kommt darin nicht das Wort „Mozzarella“ vor, weder von Donald Trump noch von dem Übersetzer. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Übersetzerin

Eine weitere Protagonistin der Behauptungen ist die Übersetzerin, die beim gemeinsamen Gespräch hinter den Präsidenten sitzt. Im Video der sitzenden Pressekonferenz sieht man, wie sie konzentriert in verschiedene Richtungen sieht, und anscheinend Notizen macht über das, was Trump sagt. Danach übersetzt sie Trumps Aussagen ins Italienische und stützt sich dabei auf ihre Notizen. 

Einige Beiträge benutzen Bilder der Frau und behaupten, ihre Blicke seien Reaktionen auf Trumps angebliche „Mozzarella“-Versprecher. Wer sich jedoch Videos der Pressekonferenz ansieht, bei der die Übersetzerin anwesend war, kann beobachten, dass sie ihre konzentrierten Blicke, die manche als Entsetzen, Kritik oder Unglauben deuten, unabhängig davon wirft, über welches Thema Trump gerade spricht. 

Ein konzentrierter Blick der Übersetzerin, während Trump über die Beziehungen der USA mit den Kurden spricht. (Screenshot von Youtube: CORRECTIV)

Die USA und das antike Rom

Weiteren Spott erhält Trump wegen einer Aussage, die er am Anfang der Pressekonferenz trifft. Dort sagt er: „Die Vereinigten Staaten und Italien sind verbunden durch ein geteiltes kulturelles und politisches Erbe [heritage], das tausende Jahre zurückgeht, bis ins antike Rom.“

Er sagt also nicht, dass die USA, die 1776 gegründet wurden, mit dem Römischen Reich „verbunden“ gewesen seien, das im Jahr 476 n. Chr. unterging. 

Snopes urteilt im Faktencheck: „Der Einfluss des Römischen Reichs auf die Gründung und Prinzipien der Amerikanischen Republik sind gut dokumentiert und Trumps Aussage ist historisch stichhaltig.“ Auch andere Medien, darunter Newsweek, berichten, dass Historiker Trump zur Seite springen und seine Aussage als richtig bezeichnen.

Unsere Bewertung:
Falsch. Trump nannte den italienischen Präsidenten am 16. Oktober 2019 nicht „Mozarella“ und sagte auch nicht, dass die USA und Italien vor tausenden Jahren miteinander verbunden gewesen sind.

Bewertung: falsch

Die Polizei Berlin fahndet nach einem Unbekannten – die Seite „Truth24“ macht aus ihm einen muslimischen Asylbewerber

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Mit Aufnahmen von einer Überwachungskamera sucht die Polizei Berlin einen mutmaßlichen Sexualstraftäter. (Quelle: Polizei Berlin / Collage und Schwärzung: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

In einem Artikel von Truth24 wird behauptet, die Polizei habe ein halbes Jahr eine Vergewaltigung durch einen muslimischen Asylbewerber vertuscht. Das ist falsch. Über den Täter ist nichts bekannt – und gesucht wird er wegen sexueller Nötigung. Die Polizei begründet, weshalb sie mit dem Fall spät an die Öffentlichkeit ging. 

Die Polizei Berlin fahndet seit dem 17. September nach einem Mann, der am 24. Februar eine Frau in einem Hausflur angegriffen und sexuell genötigt haben soll. Die Webseite Truth24 behauptet in einem Artikel vom 18. September, die Polizei habe die Tat ein halbes Jahr lang „vertuscht“. Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 3.200 Mal auf Facebook geteilt. 

Der Text enthält falsche und unbelegte Behauptungen. 

Der Beitrag der Facebook-Seite von Truth24, „Wahrheitspresse“. (Screenshot am 18. Oktober und Schwärzung: CORRECTIV)

Die Fahndung ist noch aktuell. Der Grund, weshalb sie erst Monate nach dem mutmaßlichen Vorfall veröffentlicht wurde, ist laut Polizeisprecher Martin Halweg, dass eine Öffentlichkeitsfahndung mit Fotos oder Videos „das letzte Mittel“ sei. Dafür brauche die Polizei einen richterlichen Beschluss, sagt er uns am Telefon. Sie werde erst eingesetzt, wenn die anderen Ermittlungen nicht zum Erfolg führten. In einem Artikel der WAZ wird erklärt, dass es so explizit in der Strafprozessordnung steht.

Zu dem Fall sei zudem im Februar keine Polizeimeldung geschrieben worden, weil dies bei Sexualdelikten nicht üblich sei. Es gehe dabei um den Schutz der Betroffenen, die durch öffentliche Berichterstattung nicht noch einmal traumatisiert werden sollten, erklärt Halweg.

Keine Belege, dass der Täter Ausländer oder Muslim ist 

Dass der Mann die Frau „brutal vergewaltigt“ habe, wie im Truth24-Artikel steht, ist unbelegt. Laut dem Fahndungsaufruf wird der Mann wegen sexueller Nötigung gesucht – für eine schwerere Straftat gebe es bisher keine Hinweise, sagt Halweg. 

Truth24 behauptet zudem, die Polizei suche nach einem „tatverdächtigen Armutsasylanten“ und der Gesuchte sei Muslim. Die einzige Grundlage dafür ist offenbar ein von Truth24 interpretiertes „arabisch-orientalisches Aussehen“ des Mannes. Es gibt keine Belege für die Behauptungen. 

Die Identität des Mannes ist unbekannt, also auch seine Religion, Nationalität oder sein Aufenthaltsstatus. Die Öffentlichkeitsfahndung enthält nichts außer Aufnahmen einer Überwachungskamera in einem U-Bahnhof und einer groben Beschreibung des Tatverdächtigen. Auch der Polizei liege über die Täterbeschreibung hinaus nichts über diese Person vor, so Halweg. 

Personenbeschreibung der Polizei in der Öffentlichkeitsfahndung (Screenshot am 18. Oktober: CORRECTIV)

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Unsere Bewertung:
Falsch. Die Identität des gesuchten Mannes ist unbekannt und es wird ihm keine Vergewaltigung vorgeworfen, sondern sexuelle Nötigung. Es gibt keine Hinweise, dass die Polizei die Tat vertuscht hat. 

Bewertung: teilweise falsch

Marburg: „Truth24“ verbreitet falsche Behauptungen zu Angriff auf der Kirmes

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Auf der Kirmes in Marburg kam es zu einer Auseinandersetzung, bei der ein Jugendlicher schwer verletzt wurde. (Symbolfoto: Michael Gaida / Pixabay)

von Alice Echtermann

Nach einem gewaltsamen Zwischenfall auf der Kirmes in Marburg verbreitet die Seite Truth24 falsche Spekulationen zur Nationalität der Tatverdächtigen. Richtig ist: Ein 16-Jähriger schoss mit einer Schreckschusspistole auf eine Gruppe und wurde daraufhin mit einem Messer verletzt. 

„Kirmes Marburg: Asylantenhorden beschießen sich – Bub (16) Kehle aufgeschlitzt“ – so lautet die Überschrift eines Artikels von Truth24, den die Seite am 12. Oktober veröffentlichte. Darin wird behauptet: „Mehrere afrikanische und arabische Armutsflüchtlinge rotteten sich auf der Marburger Stadtkirmes zusammen, terroriesierten [sic!] die Besucher, schossen um sich und schnitten einem Buben die Kehle durch. Der liegt nun schwer verletzt in der Klinik.“ Auch für den Facebook-Beitrag der Seite „Wahrheitspresse“ von Truth24 wurde dieser Text als Beschreibung eingefügt. 

Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle auf Facebook insgesamt mehr als 4.100 Mal geteilt – allein der Beitrag bei „Wahrheitspresse“ rund 2.000 Mal. Der Text bezieht sich auf eine Polizeimeldung vom 11. Oktober, enthält aber falsche Behauptungen. 

Der Facebook-Beitrag vom 13. Oktober. (Screenshot am 17. Oktober: CORRECTIV)

Die Polizei berichtete, auf der Kirmes in Marburg seien am Freitag, 11. Oktober, Schüsse aus einer Gaspistole abgefeuert worden. Es habe eine Auseinandersetzung zwischen „zwei Gruppen von Flüchtlingen“ gegeben. Ein Beteiligter habe eine „offensichtliche Schnitt- oder Stichverletzung“ erlitten und sei ins Krankenhaus gebracht worden. Die Verletzung sei „nach jetzigem Wissen nicht lebensgefährlich“. Die Lage sei noch unübersichtlich, zwei mutmaßliche Beteiligte sowie zwei Zeugen seien von der Polizei mitgenommen wurden. Die Ermittlungen dauerten an.

All dies steht zwar auch im Artikel von Truth24, die Tatsache, dass es sich um eine Schreckschusswaffe handelte, wird jedoch erst weit unten im Text erwähnt – und die Überschrift suggeriert, es sei eine echte Waffe gewesen. 

Die Berichte der Polizei lieferten am 11. und 12. Oktober außerdem keine Hinweise, dass es sich um afrikanische oder arabische Flüchtlinge handele. Dies ist also eine Spekulation von Truth24. Zudem wird in dem Truth24-Text durch den Satz „Deutsche werden immer wieder Mordopfer“ suggeriert, das Opfer sei Deutscher. 

Sprecher der Staatsanwaltschaft: Beteiligte sind Pakistaner

Richtig ist: Sowohl der 16-jährige Verletzte als auch zwei der mutmaßlichen Tatverdächtigen sind Pakistaner und Asylbewerber, so der Sprecher der Staatsanwaltschaft Marburg, Timo Ide, gegenüber CORRECTIV am Telefon. 

Auch die Darstellung des Vorfalls im Truth24-Artikel weicht von den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft ab. Demnach haben sich nicht zwei Gruppen von Flüchtlingen „zusammengerottet und Besucher terrorisiert“. Sondern der 16-Jährige schoss mit einer Schreckschusswaffe auf eine Gruppe von drei oder vier Personen. Diese stürzten sich daraufhin auf ihn. In dem „Gerangel“ habe der 16-Jährige eine große Schnittverletzung quer über den Hals erlitten, erklärt Ide. Bisher seien zwei Mitglieder der Gruppe identifiziert. 

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Der Verletzte sei inzwischen wieder aus dem Krankenhaus entlassen, und die beiden anderen Männer auf freiem Fuß, so Ide weiter. Es hätten keine Belege vorgelegen, dass sie den 16-Jährigen mit einem Messer verletzt hatten. Die Ermittlungen dauerten noch an. 

Zu dem Zeitpunkt, als der Artikel von Truth24 veröffentlicht wurde, waren viele dieser Informationen noch nicht bekannt. Der Artikel ist aber bis zur Veröffentlichung dieses Faktenchecks nicht korrigiert worden.  

Artikel verbreitet unbelegte Behauptungen zur Statistik von Messerattacken

Unbelegt ist zudem die in dem Artikel aufgestellte Behauptung, Messerattacken würden „statistisch – in Relation zum Bevölkerungsanteil – am häufigsten durch Moslems und Afrikaner begangen“. Eine bundesweite Statistik zu Messerattacken gibt es bisher nicht. Zudem wird die Religionszugehörigkeit von Tatverdächtigen in der Polizeilichen Kriminalstatistik nicht erfasst. 

Lediglich einige Bundesländer erfassen bereits Angriffe mit Messern. Sie liefern unterschiedliche Ergebnisse und lassen keine Rückschlüsse auf ganz Deutschland zu. So hat Baden-Württemberg in seinem Sicherheitsbericht (Seite 39) vermerkt, dass 2018 bei Gewaltkriminalität mit Messern 59,9 Prozent der Tatverdächtigen Ausländer waren. Im Saarland dagegen hat ein Lagebild zu „Messervorfällen“ ergeben, dass bei 1.490 Fällen vom 1. Januar 2016 bis 30. April 2018 die Mehrheit der Tatverdächtigen Deutsche waren: 842 Personen oder 56,5 Prozent.

Diese Statistiken liefern also keinen Beleg für die Behauptung in dem Truth24-Artikel.  

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Die Überschrift und der erste Absatz des Textes geben den Sachverhalt verzerrt wieder und nennen falsche Nationalitäten der Tatverdächtigen. Die Behauptung zur Statistik von Messerangriffen ist unbelegt.

Bewertung: teilweise falsch

Mutmaßliche Sexualstraftat in Stralsund 2019: Nein, dieser Fahndungsaufruf ist nicht mehr aktuell

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Die Polizei ermitteln derzeit wegen eines mutmaßlichen Sexualdelikts in Stralsund gegen zwei Tatverdächtige. (Symbolbild: pixabay / CReichstein)

von Cristina Helberg

Mit einer Öffentlichkeitsfahndung suchte die Polizei einen Tatverdächtigen einer mutmaßlichen Sexualstraftat in Stralsund. Der Mann stellte sich am 12. Oktober der Polizei, die daraufhin die Fahndung beendete. Der Aufruf wird im Netz trotzdem weiter verbreitet.

Am 11. Oktober veröffentlichte die Polizei eine Pressemitteilung zu einer mutmaßlichen Sexualstraftat in Stralsund. „Die Beamten der Kriminalpolizeiinspektion Anklam ermitteln derzeit wegen eines mutmaßlichen Sexualdelikts zum Nachteil eines minderjährigen Mädchens in Stralsund gegen zwei syrische Tatverdächtige (32 und 16 Jahre alt)“, stand in der Mitteilung. Während der 16-jährige Tatverdächtige bereits dem Haftrichter vorgeführt werde, suche man noch nach dem 32-jährigen zweiten Tatverdächtigen. 

Einen Tag später meldete die Polizei dann, der 32-Jährige habe sich der Polizei gestellt. In der Pressemitteilung schrieb sie, wie in solchen Fällen üblich: „Die Medienvertreter werden gebeten, das Fahndungsfoto des Tatverdächtigen sowie dessen Namen aus ihren Online-Veröffentlichungen zu löschen.“

Im Netz ist der Fahndungsaufruf jedoch weiter zu finden. Auf der Webseite Polizei-News ist weiterhin ein am 11. Oktober veröffentlichter Artikel online, dessen Überschrift suggeriert, der Tatverdächtige sei noch nicht gefasst. Auch die Initialen seines Namens werden weiterhin abgekürzt genannt. Erst am Ende des Textes steht: „Update: Minderjährige mutmasslich [sic] missbraucht –  Tatverdächtiger (Syrer, 32) stellt sich“ samt eines Links auf einen neuen Artikel, in dem es um den Fahndungsrückruf der Polizei geht. In der URL des Artikels ist außerdem weiterhin der vollständige Name des Tatverdächtigen zu lesen.

Ein Artikel der Webseite Polizei-News suggeriert durch die Überschrift, der Tatverdächtige werde noch gesucht. Das ist falsch. Erst ein Update unter dem Text stellt klar, dass der Tatverdächtige sich gestellt hat. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 3.200 Mal bei Facebook geteilt. 

Zuletzt teilte den Link am 14. Oktober die Facebook-Seite „Southern German Defence League“. Die Artikelvorschau zeigt das unverpixelte Bild des Tatverdächtigen und nennt den vollen Namen, obwohl die Fahndung zu diesem Zeitpunkt schon seit zwei Tagen offiziell von der Polizei beendet war. 

Facebook-Beitrag der Seite „Southern German Defence League“ vom 14. Oktober 2019. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Durch eine nicht aktualisierte Überschrift wird fälschlicherweise der Eindruck erweckt, der Tatverdächtige werde noch gesucht. Er hat sich aber am 12. Oktober der Polizei gestellt.

Bewertung: falsch

Nein, dieses Foto zeigt nicht den Westfriedhof in Magdeburg

Fertige Collage Friedhof
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Fertige Collage Friedhof
Dieses Foto wird auf Facebook verbreitet – es ist nicht in Magdeburg entstanden. (Screenshot und Collage: CORRECTIV)

von Hüdaverdi Güngör

Bei Facebook wird ein Foto von Menschen verbreitet, die auf einem Friedhof grillen. Ein Nutzer behauptet, die Szene sei in Magdeburg aufgenommen. Wir waren vor Ort: Die Ortsangabe ist falsch. Die genaue Herkunft des Fotos ist unklar.

Ein Facebook-Nutzer veröffentlichte am 30. Juli einen Screenshot eines anderen Facebook-Beitrages. Auf dem Screenshot sind mehrere Personen zu sehen, die auf einem Friedhof grillen. Der Originalbeitrag ist nicht mehr verfügbar, aber die Person, die ihn ursprünglich veröffentlichte, markierte als Standort den Westfriedhof in Magdeburg und erweckte damit den Eindruck, dass das Foto dort entstanden sei. 

Der Nutzer, der den Screenshot verbreitet, schreibt unter anderem dazu: „Wo bleiben da die Medien um davon zu berichten?“ Der Beitrag wurde mehr als 10.600 Mal geteilt. Wir haben recherchiert, ob das Foto tatsächlich auf dem Westfriedhof in Magdeburg entstanden ist. Nach unserem Besuch vor Ort und einer Anfrage bei der Stadt Magdeburg können wir das ausschließen.

Das Foto wurde mehr als 10.600 Mal geteilt. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Das Foto ist nicht auf dem Westfriedhof in Magdeburg entstanden

Der Westfriedhof in Magdeburg umfasst rund 62 Hektar, die in einzelne Abschnitte unterteilt sind. Während unserer Suche nach einer Stelle, an der das Bild entstanden sein könnte, haben wir uns an Anhaltspunkten wie den Grabsteinen orientiert. Trotzdem konnten wir keine entsprechende Stelle vor Ort finden. 

Deshalb haben wir das Foto vor Ort dem Magdeburger Friedhofsgärtner Ernst Martin Einecke vorgelegt. Auf Nachfrage, ob das Foto auf dem Westfriedhof entstanden sein könnte, sagt er: „Auf dem Westfriedhof glaube ich nicht, die engen Steine und die Einfassung, eigentlich gibt es das hier so in der Art auf dem Westfriedhof nicht.“ 

Der Westfriedhof in Magdeburg umfasst 62,5 Hektar. (Foto und Collage: Güngör / CORRECTIV)

Zusätzlich haben wir das Foto aus dem Facebook-Beitrag der Pressestelle der Stadt Magdeburg vorgelegt. Auf Nachfrage bestätigt der Pressesprecher Michael Reif die Aussagen des Friedhofsgärtners: „Hiermit teile ich Ihnen […] mit, dass das Foto NICHT den Westfriedhof der Landeshauptstadt Magdeburg zeigt und auch nicht dort aufgenommen wurde.“

Die vollständige E-Mail des Pressesprechers der Stadt Magdeburg. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Herkunft des Fotos ist nicht geklärt

Wir haben das Foto durch die Google-Bilder-Rückwärtssuche laufen lassen. Die Suchergebnisse zeigen: Das Bild wurde in mehreren Ländern verbreitet. Außerdem findet man eine Version des Fotos, auf dem der Himmel und grüne Hügel im Hintergrund zu sehen sind. Demnach muss der Friedhof in einem eher ländlichen Gebiet liegen. 

Das vollständige Foto ist auf verschiedenen Webseiten im Netz zu finden.(Screenshot: CORRECTIV)

Auch der österreichische Faktencheck-Verein Mimikama hat zu dem Foto recherchiert, konnte die Herkunft aber nicht klären. Mimikama bezieht sich auf Artikel der serbischen Webseiten Telegraf und Hronograf, in denen gemutmaßt wird, dass das Foto in Serbien entstanden sein könnte, genauer gesagt in der Stadt Šabac. 

Dafür, dass der Friedhof in Šabac liegt, gibt es allerdings keine Belege. Der Stil der Gräber (schwarze Steine mit weißen Verzierungen links und rechts) ist zwar ähnlich wie auf einer Aufnahme von 2006, die in der Bilddatenbank Alamy zu finden ist. Ein Abgleich mit Satellitenaufnahmen von Google Maps zeigt jedoch, dass keiner der fünf Friedhöfe in der Stadt oder Umgebung in einem hügeligen ländlichen Gebiet liegt. Die grünen Hügel im Hintergrund des Fotos passen also eher nicht zu Šabac. 

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Unsere Bewertung:
Falsch. Das Foto ist nicht auf dem Westfriedhof in Magdeburg entstanden. Wo es aufgenommen wurde, ist unklar.

Bewertung: größtenteils falsch

Keine Belege für Gruppenvergewaltigung nach Oktoberfest 

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Polizisten beim Oktoberfest im Jahr 2017 (Symbolbild: Günter Schiffmann / AFP)

Die Seite Truth24 bezeichnet einen mutmaßlichen sexuellen Übergriff in München als Gruppenvergewaltigung, obwohl dazu keine Hinweise vorliegen. Zudem stellt der Artikel falsche Behauptungen zur Statistik bei Vergewaltigungen auf. 

Die Webseite Truth24 behauptete am 2. Oktober: „Gruppenvergewaltigung nach Wiesn: Afrikanermob versucht US-Madel zu schänden“. Der Artikel wurde laut Daten von Facebook mehr als 1.700 Mal geteilt.  

Im Text wird aus einer Meldung der Polizei München vom 2. Oktober zitiert. Darin heißt es, am 29. September sei eine 30-jährige Amerikanerin nach dem Besuch des Oktoberfestes in München Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden. Die Schilderung der Tat stammt von einem Zeugen, der die Polizei verständigte – das Opfer selbst habe später angegeben, sich an nichts erinnern zu können. Die Frau sei offenbar betrunken gewesen und von drei Männern hinter eine Hecke gedrängt worden. Die Tatverdächtigen seien wegen der „unklaren Sachlage“ am Folgetag entlassen worden, die Amerikanerin sei bereits wieder nach Hause geflogen. 

Auf Nachfrage teilte die zuständige Staatsanwaltschaft München uns mit, es gebe in diesem Fall „keine Hinweise für eine erfolgte oder versuchte Vergewaltigung oder Gruppenvergewaltigung“. Auch der Zeuge habe eine solche nicht beobachtet. Die Tatverdächtigen seien nicht in Haft. „Die betroffene US-Amerikanerin konnte sich schon vor Ort nicht an den Vorfall erinnern, wollte sich nicht medizinisch untersuchen lassen und ist wieder in die USA zurückgekehrt.“

Die E-Mail der Pressesprecherin der Münchener Staatsanwaltschaft. (Screenshot: CORRECTIV)

Es gibt also keinen Beleg für eine Gruppenvergewaltigung oder versuchte Gruppenvergewaltigung. 

Kriminalstatistik liefert keine Grundlage für Behauptungen

Zudem behauptet der Truth24-Artikel: „Überfalls [sic!] und Gruppenvergewaltigung werden hauptsächlich durch „Moslems und Afrikaner“ begangen, das ist statistisch belegt. Deutsche sind nur selten Täter.“ 

Diese statistischen Belege gibt es nicht. 

Die Religionszugehörigkeit wird bei Tatverdächtigen nicht erfasst, nur die Nationalität. Zu Gruppenvergewaltigungen gibt es eine Studie des Bundeskriminalamtes, die 2019 veröffentlicht wurde. Als Grundlage dienen die Zahlen aus der Polizeilichen Kriminalstatistik 2017. Diese weist 380 Fälle von Gruppenvergewaltigungen aus, davon waren 63 versuchte Fälle. Insgesamt seien 467 Tatverdächtige ermittelt worden. Manche Tatverdächtige waren an mehreren Taten beteiligt und wurden nur einmal gezählt. 54,8 Prozent seien keine deutschen Staatsbürger. 

Die Aussage, Deutschen begingen solche Taten „selten“ ist also falsch – sie stellen etwas weniger als die Hälfte aller Tatverdächtigen. 

Das BKA schreibt allerdings in seiner Studie, Ausländer seien gemessen an ihrem Anteil an der Bevölkerung bei Gruppenvergewaltigungen überrepräsentiert. Das könne verschiedene Gründe haben: „So ist der Anteil der Jugendlichen und Heranwachsenden an den in Deutschland lebenden Ausländerinnen und Ausländern höher als in der deutschen Bevölkerung. Das gleiche gilt für den Anteil derer, die prekären wirtschaftlichen Bedingungen ausgesetzt sind. Beides führt herkunftsunabhängig zu einer höheren Wahrscheinlichkeit, straffällig zu werden […]“.  

Nein, Gruppenvergewaltigungen werden nicht „hauptsächlich durch Moslems und Afrikaner“ begangen

Über die genaue Nationalität gibt die Tatverdächtigen-Tabelle der Polizeilichen Kriminalstatistik 2017 (Excel-Tabelle 62) Aufschluss. Demnach waren unter den 467 Tatverdächtigen bei den Straftaten „Vergewaltigung überfallartig durch Gruppen“ (Schlüssel 111200) und „Vergewaltigung durch Gruppen“ (Schlüssel 111300) folgende Nationalitäten am häufigsten vertreten, das heißt mit mehr als fünf Personen:

  • Deutsche: 211 Personen
  • Afghanistan: 33 Personen
  • Türkei: 22 Personen
  • Eritrea: 18 Personen
  • Syrien: 18 Personen
  • Polen: 12 Personen
  • Kosovo: 12 Personen
  • Iran: 12 Personen
  • Sudan: 11 Personen
  • Rumänien: 10 Personen
  • Bulgarien: 8 Personen
  • Libanon: 7 Personen
  • Marokko: 7 Personen
  • Irak: 6 Personen
  • Russland: 6 Personen

Hier zeigt sich, dass auch die Aussage, es seien hauptsächlich Afrikaner, die Gruppenvergewaltigungen begehen, falsch ist. 

Truth24 schreibt außerdem von „Überfalls-Vergewaltigungen“. Diese Kategorie gibt es in der PKS nicht, allerdings gibt es „überfallartige Vergewaltigungen“ durch Einzeltäter (Schlüssel 111100). Hier weist die Statistik für 2017 587 Tatverdächtige aus – davon waren 322 Deutsche, also rund 54,9 Prozent. 

Neuere Zahlen gibt es nicht. Seit 2018 werden Gruppenvergewaltigungen nicht mehr gesondert erfasst, weil die Schlüssel nach der Änderung des Sexualstrafrechts angepasst wurden, schreibt uns eine Sprecherin des BKA auf Nachfrage per E-Mail. 

Die E-Mail der Sprecherin des Bundeskriminalamtes. (Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Es gibt keinen Beleg für eine Gruppenvergewaltigung. Die Behauptung, dass hauptsächlich Muslime und Afrikaner solche Straftaten begehen, ist zudem statistisch falsch.

Bewertung: völlig falsch

Nein, Martin Schulz hat nicht gesagt, dass tote Deutsche ein kleiner Preis für die Sicherheit tausender Syrer seien

GERMANY-POLITICS
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GERMANY-POLITICS
Der SPD-Politiker Martin Schulz am 6. Februar 2018 in Berlin. (Symbolbild: Adam Berry / AFP)

von Cristina Helberg

Im Netz teilen Menschen ein gefälschtes Wahlplakat der SPD mit einem angeblichen Zitat des Politikers Martin Schulz. Es ist frei erfunden.

Am 13. September veröffentlichte eine Nutzerin bei Facebook eine Text-Bild-Collage mit einem Foto des SPD-Politikers Martin Schulz. Durch das Zusammenspiel von Bild und Text wird suggeriert, Martin Schulz habe den Satz „Der Tod von einigen Deutschen ist ein kleiner Preis für die Sicherheit tausender Syrer“ gesagt, oder die SPD habe ein offizielles Wahlplakat mit diesem Spruch veröffentlicht. Das ist beides falsch. Der Beitrag wurde bisher mehr als 470 Mal geteilt. 

Die Falschmeldung bei Facebook. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf Nachfrage von CORRECTIV schreibt das Büro von Martin Schulz: „Das Zitat stammt nicht von Herrn Schulz.“ Der Fälschung liege ein Original-Wahlplakat zugrunde, das aus dem Europawahlkampf 2014 stamme. 

In einer Google-Books-Vorschau einer Studie mit dem Titel „Europawahlkampf 2014: Internationale Studien zur Rolle der Medien“ von der Autorin Christina Holtz-Bacha ist das ursprüngliche Europawahl-Plakat von Martin Schulz mit dem Satz „Ein Europa der Menschen. Nicht des Geldes“ zu sehen.

Das Original-Plakat in einer Google-Books-Vorschau (Screenshot: CORRECTIV)

Belege oder Quellen für das angebliche Zitat über Deutsche und Syrer nennt der Facebook-Beitrag nicht. Während unserer Recherche konnten wir keine Hinweise auf ein solches Zitat von Martin Schulz finden.

Unsere Bewertung:
Völlig falsch. Das Zitat ist frei erfunden.

Bewertung: falsch

Nein, der tatverdächtige Attentäter von Halle ist kein „Migrant aus Kasachstan“, sondern Deutscher

GERMANY-CRIME-SHOOTING
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GERMANY-CRIME-SHOOTING
Ein Mann legt am 10. Oktober, dem Tag nach dem Anschlag auf eine Synagoge in Halle, Blumen für die Verstorbenen nieder. (Foto: Axel Schmidt / AFP)

von Till Eckert

In mehreren Facebook-Beiträgen wird behauptet, der tatverdächtige Attentäter von Halle, Stephan B., sei nicht in Deutschland geboren. Das ist falsch. B. ist in Eisleben geboren, wie das örtliche Standesamt uns gegenüber bestätigt.

Mehrere Nutzer behaupten auf Facebook, Stephan B., der verdächtigt wird am 9. Oktober in Halle aus antisemitischen und rechtsextremistischen Motiven einen Anschlag auf eine Synagoge und einen Imbiss verübt und zwei Menschen ermordet zu haben, komme ursprünglich aus Kasachstan. Die Behauptung findet sich in einer Text-Bild-Collage, die von zahlreichen Nutzern verbreitet wird. Zum Beispiel hier und hier.

Einer der Beiträge auf Facebook, in denen fälschlicherweise behauptet wird, der mutmaßliche Attentäter von Halle sei ein „Migrant aus Halle“. (Screenshot / Verpixelung: CORRECTIV)

Standesamt: Stephan B. ist in Eisleben geboren

Laut einer Mitteilung des Generalbundeanwalts zum Haftbefehl vom 10. Oktober ist B. deutscher Staatsangehöriger.

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Auch unsere Faktencheck-Kollegen der DPA haben die Identität des Tatverdächtigen für einen Artikel überprüft. Laut ihrer Recherche waren auch Behauptungen im Umlauf, nach denen Stephan B. im Iran geboren worden sei. Die DPA kam zu dem Ergebnis: „Der Attentäter ist nach Angaben aus Sicherheitskreisen 1992 in Eisleben (Sachsen-Anhalt) geboren.“

Das Standesamt in Eisleben bestätigte gegenüber CORRECTIV, dass B. dort geboren wurde. Eine Sprecherin sagte uns am 16. Oktober telefonisch: „Ja, das stimmt.“ Sie bestätigte das später noch einmal per E-Mail:

Aus der E-Mail vom Standesamt in Lutherstadt Eisleben. (Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Falsch. Stephan B. ist laut Generalbundesanwalt deutscher Staatsbürger und laut Standesamt in Eisleben geboren.

Bewertung: richtig

Missbrauch in einer Dating-App gestanden? Ja, die Polizei Detmold fahndet mit Fotos nach einem jungen Mann

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Auf Facebook verbreitet sich ein Fahndungsaufruf der Polizei. Er ist echt. (Bild: Ivo Mayr/CORRECTIV)

von Cristina Helberg

Im Netz teilen viele Nutzer einen Fahndungsaufruf samt Fotos eines jungen Mannes. Manche Nutzer vermuten eine Falschmeldung. Doch die Meldung stammt tatsächlich von der Polizei und ist noch aktuell.

Am 9. Oktober veröffentlichte die Polizei Detmold eine Öffentlichkeitsfahndung samt Fotos. Gesucht wird seitdem „nach einem möglichen Tatverdächtigen wegen Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Kindern“. 

Der Unbekannte habe im August auf einer Dating-App einem anderen Nutzer geschrieben, er habe seinen jüngeren Bruder missbraucht, so die Polizei. Die in seinem Dating-App-Profil genutzten Bilder veröffentlichte die Polizei für die Fahndung. Auf Nachfrage von CORRECTIV bestätigte die Polizei Detmold am Nachmittag des 15. Oktober, die Fahndung sei weiterhin aktuell. 

Das hatten Facebook-Nutzer zuvor angezweifelt und einen Artikel über die Öffentlichkeitsfahndung von der Webseite Owl24 mit dem Fahndungsaufruf bei Facebook gemeldet. Der Beitrag wurde mehr als 6.500 Mal bei Facebook geteilt. 

Der Fahndungsaufruf der Polizei vom 9. Oktober 2019. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Unsere Bewertung:
Richtig. Ja, die Polizei fahndet seit dem 9. Oktober mit Fotos eines Nutzerprofils nach einem Unbekannten, der in einer Dating App einen Missbrauch gestanden haben soll.