Faktencheck

Viraler Facebook-Beitrag verbreitet falsche und unbelegte Behauptungen zu Corona-Maßnahmen

Auf Facebook kursiert ein Beitrag, der mit den Worten „So, ihr Vögel aus Berlin“ beginnt. Darin wird behauptet, dass die Bundesregierung übertriebene Maßnahmen gegen das Coronavirus auf einer falschen Grundlage ergriffen habe. Viele der Behauptungen, die das belegen sollen, sind jedoch falsch.

von Matthias Bau

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Waren die Maßnahmen der Bundesregierung übertrieben? Ein Facebook-Beitrag behauptet das. Viele der Behauptungen, die das belegen sollen, sind falsch. (Symbolfoto: geralt / pixabay)
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Größtenteils falsch. Viele Informationen in dem Beitrag sind falsch, andere verkürzt oder ohne Kontext.

Auf Facebook wurde am 15. April ein Beitrag veröffentlicht, der die Bundesregierung für  angeblich übertriebene Maßnahmen als Reaktion auf das neuartige Coronavirus kritisiert. Viele der Maßnahmen sollen laut des Beitrags auf falschen Annahmen und Zahlen basieren. Der Text wurde bisher 94.000 Mal geteilt und zudem von anderen Nutzern auf Facebook kopiert. Hinweisen unserer Leser zufolge kursierte die Nachricht auch als Kettenbrief auf Whatsapp, und sie erschien am 17. April als Artikel auf der Seite Politikstube

Wir haben zehn im Text enthaltene Tatsachenbehauptungen einzeln geprüft; sie sind größtenteils falsch.

Diese Nachricht wird auf Facebook und Whatsapp verbreitet. (Screenshot und Collage: CORRECTIV)

1. Behauptung: Vor fünf Wochen habe das RKI von bis zu einer Million möglicher Toten durch das Coronavirus gesprochen80 Prozent der Bevölkerung könnten sich infizieren 

Keine der genannten Zahlen wurde vor fünf Wochen vom Robert-Koch-Institut (RKI) veröffentlicht. Weder in den Situationsberichten in der Woche vom 9. März bis zum 13. März, noch auf den Pressekonferenzen derselben Woche (auf Periscope archiviert) werden sie vom RKI genannt. Sie sind offenbar  in Aussagen des Behördenleiters Lothar Wieler sowie des Bundesgesundheitsministers Jens Spahn hineininterpretiert worden. 

Am 13. März erklärte Wieler auf einer Pressekonferenz des RKI auf die Frage einer Journalistin, wo die Zahl herkomme, dass sich 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung infizieren könnten. Bei dieser Zahl handele es sich um „sowas wie das Einmaleins der Infektionsepidemiologie“ (ab Minute 19:50). Er gehe aber davon aus, dass ein solcher Zustand erst in ein bis zwei Jahren erreicht sei. Wieler weist außerdem darauf hin, dass diese Zahlen „nicht belastbar“ seien, sondern auf epidemiologischen Grundannahmen beruhten. 

Und auch dafür, dass das RKI von einer Million möglicher Toten durch das Coronavirus gesprochen habe, lassen sich in den Pressekonferenzen und Situationsberichten keine Belege finden. In einem RKI-Papier vom 20. März wurden mögliche Szenarien, wie die Corona-Pandemie in Deutschland verlaufen könnte, errechnet – im schlimmsten Fall wurden dabei 370.000 Todesfälle in Deutschland angenommen.

2. Behauptung: Die Intensivbetten im Rhein-Sieg-Kreis und in Bonn seien nur zu neun Prozent belegt und unter den Patienten seien Erkrankte aus Italien – bundesweit sehe es ähnlich aus 

Auf Anfrage von CORRECTIV teilte eine Sprecherin der Stadt Bonn per E-Mail mit, dass von 385 Intensivbetten aktuell 311 belegt seien. Das entspricht einer Auslastung von gerundet 81 Prozent. 26 dieser Betten seien durch Covid-19-Patienten belegt, das entspricht einem Anteil von 8,3 Prozent. Darunter sind laut der Sprecherin auch Patienten aus Italien. 

Die E-Mail aus Bonn. (Screenshot: CORRECTIV)

Zahlen für den Rhein-Sieg-Kreis schickte uns eine Sprecherin der Bezirksregierung Köln per E-Mail. Von 102 Intensivbetten seien demnach 69 belegt. Das entspricht einer Auslastung von 67 Prozent. Acht Betten seien durch Covid-19-Patienten belegt, das entspricht einem Anteil von 7,4 Prozent. Ob sich unter den Patienten auch Erkrankte aus Italien befinden, teilte die Sprecherin nicht mit.

Bundesweit wird die Zahlen der Intensivbetten im DIVI-Intensivregister erfasst. Seit dem 16. April ist die Meldung für alle Krankenhäuser, die Intensivbetten haben, verpflichtend. Am 16. April waren laut RKI 26.628 Betten registriert und davon 58 Prozent belegt. Insgesamt waren zu diesem Zeitpunkt 2.773 Covid-19-Patienten in intensivmedizinischer Behandlung; das ist ein Anteil von etwa 10,4 Prozent.

Am 5. Mai hat das Robert-Koch-Institut in seinem Situationsbericht bekannt gegeben, es seien 31.996 Intensivbetten registriert, 60 Prozent belegt. 1.937 der Betten seien durch Covid-19-Patienten belegt, das entspricht einem Anteil von rund sechs Prozent.

Die Behauptung im Facebook-Beitrag ist demnach größtenteils falsch. Die Gesamtauslastung der Intensivbetten wird offenbar mit dem Anteil von Covid-19 Patienten auf den Intensivstationen verwechselt. Richtig ist nur, dass in Bonn auch Patienten aus Italien behandelt werden.

3. Behauptung: Die Sterblichkeitsrate liege bei 0,37 Prozent 

Diese Aussage lässt sich – so pauschal – nicht treffen. Die angegebene Quote stammt aus einem vorläufigen Ergebnis einer Studie aus dem Kreis Heinsberg, die am 9. April vom Team um den Virologen Hendrik Streeck veröffentlicht wurde. Darin heißt es: „Die Letalität (case fatality rate) bezogen auf die Gesamtzahl der Infizierten in der Gemeinde Gangelt beträgt mit den vorläufigen Daten aus dieser Studie ca. 0,37 %“. 

Streek sagt, dass sich dieser Wert für Deutschland verallgemeinern lasse. Gegenüber dem Tagesspiegel sagte er: „Was sich jedoch auf Deutschland schon übertragen lässt, ist die Sterblichkeitsrate unter den Menschen mit Coronavirus CoV-2-Infektionen: Unsere Ergebnisse erlauben eine recht gute Abschätzung der Letalität in der Größenordnung von 0,37 Prozent.“

Bundesweite Zahlen werden regelmäßig vom RKI veröffentlicht. Diese widersprechen Streecks Einschätzung: Im Situationsbericht des RKI vom 15. April wurde der Anteil der Verstorbenen an den gemeldeten Fällen mit 2,6 Prozent angegeben. Im aktuellsten Bericht vom 5. Mai ist eine Quote von 4,2 Prozent zu lesen. 

Das RKI weist jedoch auch darauf hin, dass diese Berechnungen nicht ganz zuverlässig seien. Die Letalität lasse sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht endgültig berechnen, weil „die tatsächliche Anzahl erkrankter Menschen unbekannt ist und möglicherweise deutlich höher liegt als die Zahl der gemeldeten Erkrankungsfälle“. Die Behauptung ist daher unbelegt. 

4. Behauptung: Jede Influenza-Saison auf der Welt sei bisher dramatischer verlaufen als die Corona-Pandemie, das zeigten Infiziertenzahlen 

Im Facebook-Beitrag wird behauptet, dass „jede Influenzasaison der Welt“ schlimmer verlaufen wäre als die Corona-Pandemie. Konkret mit Bezug auf Deutschland werden dazu als vermeintlicher Beleg folgende Zahlen genannt: „Bei der Influenza 2018 haben Sie vom RKI 338.000 Infizierte gemeldet mit 45.000 Krankenhausbehandlungen und 25.000 Toten. Da war nicht ein Krankenhaus überlastet. Selbst 2019 waren es 180.000 infizierte mit 18.000 Krankenhausbehandlungen.“ 

Diese Zahlen sind zwar größtenteils korrekt und weichen nur minimal von den offiziellen Angaben des RKI ab (Saisonbericht 2017/2018, Seiten 14 und 9; Saisonbericht 2018/2019, Seite 14). 

Aber unser Faktencheck zu diesem Thema hat gezeigt, dass sich die Zahlen von Influenza- und Corona-Infizierten nicht miteinander vergleichen lassen – weil sie unterschiedlich erhoben werden. Im Gegensatz zu den Zahlen der Corona-Toten basieren die Zahlen der Influenza-Toten auf einer statistischen Schätzung. So wurden zum Beispiel in der Grippesaison 2018 lediglich 1.674 Fälle gemeldet, geschätzt wurden aber 25.000 Tote. Bereits jetzt hat das RKI 5.913 Corona-Tote gemeldet. Für die Behauptung gibt es demnach keine Belege. 

5. Behauptung: Alle Corona-Toten hätten erhebliche Vorerkrankungen

Diese Behauptung ist – so pauschal – falsch. Sie bezieht sich vermutlich auf ein Interview des Rechtsmediziners Professor Klaus Püschel. Püschel soll gegenüber dem Hamburger Abendblatt gesagt haben, dass „nie ein gesunder Mensch“ an Covid-19 verstorben sei. Unser Faktencheck dazu zeigte jedoch: Püschel hatte sich so nicht geäußert. 

Menschen mit Vorerkrankungen sind tatsächlich eine Risikogruppe für schwere Verläufe von Covid-19. 87 Prozent der Verstorbenen in Deutschland waren laut RKI 70 Jahre alt oder älter. Schwere Krankheitsverläufe und Todesfälle können laut RKI aber auch bei gesunden und jungen Menschen vorkommen. 

6. Behauptung: Der Geschmacks- und Geruchssinn sei auch „bei jeder Erkältung weg“ 

Menschen, die am Coronavirus erkranken, könnten kurzzeitig und sehr plötzlich ihren Geruchs- und Geschmackssinn verlieren: Wie das RKI schreibt, ist der Verlust des Geschmacks- und des Geruchssinns „ein typisches neurologisches Symptom“. 

Im Gegensatz dazu kann bei einer normalen Erkältung der Geruchs- und Geschmackssinn durch eine Schwellung (Entzündung der Nasenschleimhaut) eingeschränkt sein. Der Vergleich mit einer Erkältung ist daher irreführend. Die Behauptung ist teilweise falsch, es fehlt Kontext.

7. Behauptung: Schweden habe trotz einer weniger restriktiven Politik nur eine unwesentlich höhere Sterberate als Deutschland

Diese Behauptung ist größtenteils falsch. Richtig ist zwar, dass Schweden eine im Vergleich weniger restriktive Politik verfolgt, Restaurants und Cafés etwa sind geöffnet. Allerdings hat das Land im Vergleich zu Deutschland eine höhere Todesrate pro 100.000 Einwohner: Nach Zahlen des European Centre for Disease Prevention and Control sind es rund 28 Corona-Tote pro 100.000 Einwohner. Deutschland hat eine Quote von (gerundet) 8 Toten pro 100.000 Einwohner (Stand: 6. Mai). 

Geringer sind die Unterschiede mit Blick auf die Anzahl der Infizierten pro 100.000 Einwohner: In Deutschland sind 198,8 Fälle errechnet worden, in Schweden rund 228 (Stand 6. Mai). 

8. Behauptung: Angela Merkel habe gesagt, sobald sich die Anzahl der Infizierten nur noch alle 12 bis 14 Tage verdoppele, könne man zur Normalität zurückkehren – nun liege die Verdopplungszeit bei 25 Tagen und die Maßnahmen seien unverändert 

Die Aussage ist teilweise falsch. Angela Merkel sagte am 28. März in ihrem Podcast, dass die Verdopplungszeit „in Richtung von zehn Tagen gehen“ müsse, „damit unser Gesundheitssystem nicht überfordert wird“. 

Von zehn bis zwölf Tagen sprach Kanzleramtschef Helge Braun in einem Interview mit dem Tagesspiegel. Laut dem Online-Portal Statista lag die Verdopplungszahl am 20. April bei 25 Tagen. Aktuell soll sie 104,5 Tage betragen (Stand 5. Mai). 

Die Verdopplungszeit ist jedoch nicht alleine maßgeblich für politische Entscheidungen. So sprach Angela Merkel auf einer Pressekonferenz am 15. April – dem Tag, an dem der Facebook-Post veröffentlicht wurde – davon, dass man die sogenannte Reproduktionszahl senken müsse. Ab einem Wert von 1 oder weniger, könne man „über Lockerungen überhaupt nachdenken.“ 

Die Reproduktionszahl gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter im Mittel ansteckt, so das RKI in seinen FAQ. Am 15. April lag dieser Wert laut RKI geschätzt bei 0,9. Am 6. Mai lag er bei 0,71

Es stimmt allerdings nicht, dass die Maßnahmen unverändert blieben. Am 15. April wurden die Kontaktbeschränkung zwar verlängert, aber auch neue Regelungen bekannt gegeben, darunter Lockerungen. So durften Geschäfte mit einer Verkaufsfläche bis zu 800 Quadratmeter wieder öffnen und Abschlussklassen in Schulen geprüft werden.

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9. Behauptung: 80.000 Erntehelfer aus Osteuropa dürften nach Deutschland, aber Familien dürften sich nicht treffen 

Korrekt ist, dass bis zu 80.000 Erntehelfer, die zum Großteil aus Osteuropa stammen, im April und Mai nach Deutschland einreisen dürfen. Dies gaben das 

Landwirtschaftsministerium und das Innenministerium am 2. April bekannt. Eine Einreise sei nur per Flugzeug möglich. In Deutschland mussten sich die Erntehelfer nach ihrer Ankunft außerdem einem Gesundheitscheck unterziehen. Die ersten 14 Tage mussten sie in Quarantäne verbringen und durften die Betriebsgelände der Höfe nicht verlassen. 

Nicht korrekt ist, dass sich Familien in Deutschland derzeit gar nicht treffen dürfen. Ein offizielles Kontaktverbot gilt für den Aufenthalt im Freien (‘Gilt in Deutschland eine Ausgangssperre?”). Dort dürfen sich Angehörige eines Haushalts oder maximal zwei Personen, die nicht in einem Haushalt leben, gemeinsam aufhalten. Außerdem sind „Ansammlungen von Menschengruppen in Wohnungen sowie in privaten Einrichtungen“ nicht erlaubt. Die Regelungen in den Bundesländern können davon abweichen. 

Das Gesundheitsministerium empfiehlt zudem vor allem den Kontakt mit älteren Menschen zu vermeiden: „Von Besuchen bei älteren Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen wird derzeit abgeraten, da diese Personen ein hohes Risiko für einen schweren Verlauf einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus aufweisen.“ 

Die Behauptung ist somit teilweise falsch, es fehlt Kontext.

10. Behauptung: In Italien, Frankreich, Spanien und in den USA würden genauso viele Menschen sterben wie erwartet; in Italien gebe es 1.000 bis 1.200 Tote am Tag, die Quote habe sich nicht verändert. Außerdem werde jeder Tote als Corona-Toter gezählt

Die Behauptungen sind falsch. In Italien starben mehr Menschen als gewöhnlich, wie wir mit Hilfe der Faktenchecker von Pagella Politica recherchierten. Eine Studie, die unter anderem vom italienischen Gesundheitsministerium veröffentlicht wurde, zeigt, dass im Norden Italiens zeitweise mehr als doppelt so viele Menschen pro Woche gestorben sind wie im normalen Durchschnitt. Auch im Süden Italiens gab es einen Anstieg der Sterblichkeit. 

Dabei wird nicht jeder Tote in Italien als Corona-Toter gezählt. Die Obere Gesundheitsbehörde erklärt in ihrem Bericht vom 20. April, dass diejenigen Toten als Corona-Tote in die Statistik eingehen, die zuvor positiv auf das Coronavirus getestet worden sind.

Im Portal Euromomo, das Daten zur sogenannten Übersterblichkeit in europäischen Ländern sammelt, ist für Italien, Frankreich und Spanien ab der 11. bis 12. Kalenderwoche ein Anstieg zu sehen – also etwa ab dem 15. März 2020. Es starben also mehr Menschen als erwartet. Die Daten sind vorsichtig zu betrachten, da ein Meldeverzug bestehen kann, der Trend widerspricht jedoch deutlich der Aussage in dem Kettenbrief.

Fazit

Von den zehn Behauptungen im Facebook-Beitrag sind drei falsch, zwei größtenteils falsch, drei teilweise falsch und zwei unbelegt. Viele Informationen, wie die angebliche Sterberate von 0,37 Prozent, werden verkürzt und ohne den ursprünglichen Kontext wiedergegeben und führen so in die Irre.  

Auf den Facebook-Beitrag haben uns Leser hingewiesen. Zu dem neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 sind zahlreiche Falschmeldungen im Umlauf. Um sie effektiv zu bekämpfen, sind wir auf Hilfe angewiesen. In unserem CrowdNewsroom zum Coronavirus kann jeder Nachrichten oder Artikel einreichen, die unser Team sichtet und gegebenenfalls Faktenchecks dazu veröffentlicht. 

Mitarbeit: Till Eckert, Alice Echtermann

Update, 8. Mai 2020: Wir haben das Zitat zur Letalität aus der Heinsberg-Studie ausgetauscht. Es war zuvor nicht korrekt wiedergegeben.