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Andreas Ludwig Kalcker gilt als einer der führenden Köpfe der MMS-Szene. (Quelle: lbry.tv, Screenshot: CORRECTIV)

von Lea Weinmann

Chlordioxid heile Covid-19-Patienten – das sei das Ergebnis einer Studie aus Ecuador, wird in einem Blog-Artikel behauptet. Die Publikation ist allerdings nicht seriös, ihr angeblicher Autor ist kein Wissenschaftler und zudem als Mitglied der Chlordioxid-Szene bekannt. Auch vier weitere Behauptungen in dem Text sind falsch oder irreführend.

Die Seite Die Unbestechlichen verbreitet in einem Artikel irreführende und gefährliche Behauptungen über die angebliche Heilkraft von Chlordioxid bei Corona-Patienten. Der Text vom 26. Mai wurde laut dem Analysetool Crowdtangle bisher fast 900 Mal auf Facebook geteilt.

Der Artikel besteht zum Großteil aus der Übersetzung eines englischsprachigen Textes auf der Seite Natural News. Lediglich die ersten Absätze des Textes sind selbst formuliert. Der übersetzte Teil enthält die meisten irreführenden Behauptungen. Zudem sind mehrere verschwörungstheoretische Aussagen zu Pharma-Kartellen und angeblich korrupten Regierungen enthalten, die sich nicht mit Fakten belegen oder widerlegen lassen.

Unser Faktencheck bezieht sich sowohl auf den ersten Teil des Artikels von Die Unbestechlichen als auch auf einige der Behauptungen in dem Teil, der aus dem Englischen übersetzt wurde. Die fünf Behauptungen, die CORRECTIV geprüft hat, sind allesamt irreführend, unbelegt oder ihnen fehlt wichtiger Kontext.

Erste Behauptung: Chlordioxid heile Covid-19

Im Titel des Artikels steht: „Corona-Zwangsimpfung überflüssig: Desinfektionsmittel heilte 100 Patienten in nur 4 Tagen“. Durch den Teaser des Textes wird klar: Hier wird auf eine angebliche Studie aus Ecuador Bezug genommen, geleitet von Andreas Ludwig Kalcker, der Doktor und „Chlordioxid-Experte“ sei. Dieser will mehr als 100 Covid-19-Patienten mit intravenös verabreichtem Chlordioxid innerhalb von vier Tagen geheilt haben – er verspreche eine Heilungsquote von 100 Prozent, heißt es zudem in dem Artikel. Es handele sich um „vorläufige Daten aus einer klinischen Studie“.

Tatsächlich hat Kalcker auf seiner Webseite Videos in spanischer, englischer und deutscher Sprache verlinkt, in denen er diese Behauptung aufstellt. Sie ist jedoch sehr zweifelhaft. Die Artikel lassen zentralen Kontext zu Chlordioxid, Andreas Kalcker und seiner angeblichen Studie aus

Chlordioxid (Summenformel: ClO2) entsteht bei einer chemischen Reaktion von Natriumchlorit (Summenformel: NaCl2) und Säure. Es wird als Desinfektionsmittel (in streng kontrolliertem Umfang auch für die Trinkwasserdesinfektion) oder industriell zum Beispiel zum Bleichen von Textilien verwendet. Das Problem: Die Chemikalie wirkt unspezifisch; sie greift nicht nur potenzielle Krankheitserreger an, sondern alles, womit sie in Berührung kommt.

Trinklösungen mit Chlordioxid werden Miracle Mineral Supplement, Master Mineral Solution oder Miracle Mineral Solution (MMS) genannt. Das Gerücht, diese Lösungen würden verschiedene Krankheiten heilen, hält sich im Internet hartnäckig. Die US-amerikanische Lebens- und Arzneimittelbehörde FDA warnte im Dezember 2019 vor der Einnahme und schrieb, die Versprechen einer angeblichen Heilung von Autismus, Krebs, HIV, Hepatitis, Grippe oder anderen Krankheiten seien falsch.

Auch deutsche Gesundheitsbehörden wie die Verbraucherzentrale (2019), das Bundesamt für Risikobewertung (2012) und das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (2014) warnen seit Jahren vor Trinklösungen mit Chlorbleiche.

Angebliche Studie wurde nur privat publiziert

Jetzt soll Chlordioxid – intravenös oder oral verabreicht – angeblich auch Covid-19 heilen, behauptet Andreas Kalcker. Er gilt laut zahlreichen Medienberichten seit Jahren als einer der „führenden Köpfe der MMS-Szene“ (beispielsweise hier und hier). Hinweise auf einen  Doktorabschluss Kalckers, den er laut Die Unbestechlichen angeblich haben soll, konnte CORRECTIV nicht finden. Auch er selbst bezeichnet sich weder in den Videos, noch in Kurzbiografien auf verschiedenen Webseiten (hier und hier) als Doktor. Zu seiner Ausbildung sind dort keine Informationen zu finden.

In dem deutschsprachigen Video behauptet Kalcker, bei seinen Ergebnissen handele es sich um eine Vorstudie, die von der angeblichen Ärztevereinigung „AEMEMI“ aus Ecuador durchgeführt worden sei (ab Minute 00:35 in deutscher Videofassung).

Wie die spanischen Faktenchecker von Maldita in einem Artikel vom 21. Mai schreiben, gibt es in der Publikation zahlreiche wissenschaftliche Ungereimtheiten. Darunter, dass laut der Publikation nicht nur Covid-19-positiv-Getestete an der Untersuchung teilnahmen, sondern auch Personen, die nur Symptome der Krankheit oder Kontakt mit anderen Infizierten hatten (PDF, Seite 15). Maldita zitiert zudem Experten der spanischen Gesellschaft für Mikrobiologie sowie der spanischen Gesellschaft für Notfallmedizin. Diese kritisieren unter anderem, dass es in der Studie keine Kontrollgruppe gebe und die Auswahl der Probanden willkürlich sei.

Eine Publikation der angeblichen Studie in einer seriösen Quelle konnte CORRECTIV nicht finden. Eine Stichproben-Recherche in den bekannten medizinischen Fachzeitschriften The Lancet, New England Journal of Medicine und Science lieferte keine Ergebnisse. Auch bei einer Suche über Google Scholar finden wir keine Hinweise auf Veröffentlichungen eines Andreas Kalcker. Man findet das spanischsprachige Papier, von dem Kalcker offensichtlich als „Vorstudie“ spricht, lediglich auf dem privaten Kanal von Kalcker auf der Videoplattform lbry.tv.

WHO und FDA: Chlordioxid ist kein Behandlungsmittel gegen Covid-19

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) informierte in einem „Myth Buster“ darüber, es schütze nicht vor Covid-19, wenn man Bleiche oder andere Desinfektionsmittel zu sich nehme – im Gegenteil sei die Einnahme „gefährlich“. Wir haben bereits im Februar und im Mai Faktenchecks dazu veröffentlicht.

Myth Buster WHO
Die WHO warnt in einem ihrer „Myth Busters“ zur Corona-Pandemie vor der Einnahme von Bleichmittel wie Chlor. (Quelle: WHO, Screenshot: CORRECTIV)

Auch die US-amerikanische FDA und die deutsche Verbraucherzentrale warnten vor dem Hintergrund der Covid-19-Pandemie kürzlich nochmals davor, Trinklösungen mit Chlordioxid zu konsumieren, um die Infektionskrankheit zu heilen. All diese Warnungen bleiben in dem Artikel von Die Unbestechlichen jedoch unerwähnt.

Fazit: Unbelegt. Seriöse Belege für die Wirksamkeit von Chlordioxid bei der Behandlung von Covid-19 gibt es nicht.

Zweite Behauptung: Weitere Studie zu Chlordioxid und Covid-19 werde von US-Nationalbibliothek dokumentiert

Im Artikel wird noch eine weitere angebliche Studie genannt, die die orale Aufnahme von Chlordioxid zur Behandlung von Covid-19 untersuche. Diese sei von der U.S. National Library of Medicine (NLM) auf der Seite ClinicalTrials.gov veröffentlicht worden.

Die Studie ist auf dieser Seite tatsächlich gelistet und untersucht laut Kurzbeschreibung, ob und wie der Einsatz der Chlorbleiche bei der Behandlung von Covid-19-Patienten hilfreich sein könnte. Die Studie wird nach eigenen Angaben an 20 Patienten in Bogotá (Kolumbien) und Madrid durchgeführt. Anfang Juni 2020 solle die Untersuchung abgeschlossen sein. Bisher wurden aber noch keine Ergebnisse veröffentlicht (Stand: 17. Juni).

Studie ist mit Warnhinweisen versehen

Die NLM hat sich jedoch mit Warnhinweisen auf der Seite von der Studie distanziert: „Die Sicherheit und wissenschaftliche Validität dieser Studie liegt in der Verantwortung des Studiensponsors und der Ärzte. Dass eine Studie hier gelistet wird, bedeutet nicht, dass sie von der US-Bundesregierung geprüft wurde.“

Als Sponsor der Studie ist die Genesis Foundation in Bogotá angegeben, zu der sich im Netz keine verlässlichen Informationen finden lassen. Der Ansprechpartner dieser Stiftung, Eduardo Insignares Carrione, ist nach eigenen Angaben in einem Labor in Bogotá tätig, das angibt, unter anderem an homöopathischen Medikamenten zu forschen.

Fazit: Größtenteils richtig, aber es fehlt Kontext. Auf der Seite ClinicalTrials.gov ist eine solche Studie aufgeführt. Das heißt aber nicht, dass sie von der Regierung geprüft und anerkannt wurde. Es gibt außerdem Anzeichen dafür, dass die Untersuchung nicht seriös ist. Zudem wurden bislang keine Ergebnisse veröffentlicht.

Dritte Behauptung: Covid-19 sei keine Atemwegserkrankung

In dem Artikel von Die Unbestechlichen wird zudem behauptet, Covid-19 sei „vermutlich keine akute Atemwegserkrankung, sondern eine Entzündungs- und Blutgerinnungserkrankung, die dazu führt, dass das Blut keinen Sauerstoff mehr transportieren kann und Patienten trotz Beatmung der Tod durch Ersticken droht“. In der Übersetzung des Artikels von Natural News weiter unten steht noch deutlicher: „Es stellt sich heraus, dass Covid-19 keine akute Atemwegserkrankung ist.“ Das stimmt nicht.

Covid-19 ist eine Infektionskrankheit, die durch das Coronavirus SARS-CoV-2 ausgelöst wird. SARS steht für „Severe Acute Respiratory Syndrome“, übersetzt also „Schweres Akutes Atemwegssyndrom“. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) sind die häufigsten Symptome unter deutschen Covid-19-Patienten Husten (49 Prozent), Fieber (41 Prozent) und Schnupfen (21 Prozent).

Berichte über Thrombosen als Folgekomplikation im Krankheitsverlauf

Wie das RKI mitteilt (unter Punkt 5), wird jedoch in Folge von Covid-19-Erkrankungen „zunehmend“ auch über verschiedene Herz-Kreislauf-Komplikationen und Folgeerkrankungen berichtet. Insbesondere bei schweren Infektionen der Atemwege führe die Sauerstoffunterversorgung bei einer „Reihe von Patienten“ zu Erkrankungen, die das Herz und die Gefäße betreffen. Dazu gehörten auch „venöse thromboembolische Ereignisse“, also Thrombosen, die dann entstehen, wenn sich ein Blutgerinnsel in einem Blutgefäß bildet. Das sei die Schlussfolgerung zweier wissenschaftlicher Übersichtsarbeiten, auf die das RKI verweist.

Auch in einer niederländischen Studie vom 10. April, die Intensivpatienten mit durch Covid-19 bedingten Lungenentzündungen untersuchte, und von Seiten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird vor dem Risiko von Thrombosen gewarnt und dazu geraten, vorbeugend gerinnungshemmende Medikamente einzusetzen (PDF, Seite 8).

Fazit: Die Behauptung ist größtenteils falsch. Thrombosen, womit wohl die im Artikel genannten „Blutgerinnungserkrankungen“ gemeint sind, treten bei Covid-19 Patienten als Folgekomplikation offenbar häufig auf. Das heißt aber nicht, dass Patienten ausschließlich an Thrombosen sterben. Es handelt sich bei Covid-19 primär um eine Erkrankung der Atemwege, bis hin zu einer schweren Lungenentzündung.

Vierte Behauptung: 88 Prozent der beatmeten Patienten sterben, weil Beatmung die falsche Behandlung sei

Die Unbestechlichen schreiben in dem Artikel zudem, dass 88 Prozent der Patienten, die Beatmungsgeräte tragen, sterben würden: „Sie sterben, weil die Beatmungsbehandlung die falsche Behandlung ist“, steht in dem Text. Auch das ist so nicht richtig.

Die Frage, wie viele der beatmeten Patienten sterben, ist bisher nicht ausreichend geklärt. Die in dem Artikel genannten 88 Prozent werden nicht mit einer Quelle belegt. Sie stammen aber offensichtlich aus einer New Yorker Studie, die im April im Journal of the American Medical Association veröffentlicht worden war. Sie beschäftigte sich mit dem Krankheitsverlauf von Covid-19-Patienten, die zwischen dem 1. März und dem 4. April 2020 in New Yorker Krankenhäuser eingeliefert worden waren.

Prozentzahl aus Studie wurde irreführend zitiert

Die Studie führt gibt an, dass von den 5.700 untersuchten Patienten insgesamt 1.151 beatmet werden mussten. Von den beatmeten Patienten waren zum Ende der Studie 282 Personen gestorben und 38 hatten das Krankenhaus lebend verlassen. Insgesamt waren das 320 Personen. Der Großteil der Patienten, nämlich 72,2 Prozent (831 Personen), befand sich weiterhin in Behandlung. Diese wurden bei der Berechnung der 88 Prozent offensichtlich außen vor gelassen.

Die 88 Prozent beziehen sich also lediglich auf diejenigen 320 Personen, die zum Ende des Betrachtungszeitraums entweder gestorben (282 Personen, 88 Prozent) oder gesund entlassen worden waren (38 Personen, 12 Prozent). Die Behauptung, dass 88 Prozent aller beatmeten Patienten sterben, lässt sich demnach aus den Studienergebnisse nicht ableiten. Auch in der Studie selbst ist die Todesrate unter allen beatmeten Patienten nicht mit 88 Prozent, sondern mit 24,5 Prozent angegeben.

Die US-amerikanischen Faktenchecker von Politifact haben dazu bereits einen Artikel veröffentlicht – ebenso wie die Tagesschau. Das Ergebnis der Recherche: Die Studie wird irreführend zitiert.

Richtig ist jedoch: Es gibt Hinweise darauf, dass ungewöhnlich viele Covid-19-Patienten trotz maschineller Beatmung sterben. Einer Untersuchung des britischen Intensive Care National Audit and Research Center (ICNARC, PDF im ersten Textabschnitt der Webseite abrufbar) vom 5. Juni zufolge sind die Behandlungsergebnisse bei beatmeten Covid-19-Patienten schlechter als bei anderen Viruspneumonien. 42,4 Prozent der Covid-19-Patienten in „kritischer Behandlung“ starben – in einer anderen Kohorte, die an einer anderen Art der Lungenentzündung litt, starben nur 21,4 Prozent (PDF, Seite 19).

ICNARC
Auszug aus der Untersuchung des ICNARC mit Stand vom 5. Juni 2020. (Quelle: ICNARC, Screenshot: CORRECTIV)

Deutsche Gesellschaft für Pneumologie: Beatmung von Covid-19-Patienten sei bei schweren Verläufen „unabdingbar“

Daraus lässt sich aber nicht ableiten, dass die Beatmung von Covid-19-Patienten die falsche Behandlung ist. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) hat dazu im April ein Positionspapier veröffentlicht, in dem sie sich auch mit möglichen Schäden beschäftigt, die bei der Beatmung entstehen könnten.

„Eine künstliche Beatmung löst nicht grundsätzlich bleibende Gesundheitsschäden an der Lunge aus“, sagt Torsten Bauer, stellvertretender Präsident der DGP und Mitautor des Positionspapiers, in einer Pressemitteilung vom 21. April. Zwar gebe es Patienten, bei denen der Heilungsprozess nach einer solchen Beatmung länger dauere. Bei schweren Verläufen von COVID-19 sei die Beatmung aber unabdingbar: „Sie ist eine lebensrettende Maßnahme für Menschen mit einer sehr schweren COVID-19-Erkrankung“, heißt es in der Mitteilung.

Fazit: Die Behauptung ist größtenteils falsch.

Fünfte Behauptung: Es gebe einen Zusammenhang zwischen dem neuen Mobilfunkstandard 5G und dem Coronavirus

Im weiteren Verlauf des Artikels von Die Unbestechlichen wird außerdem behauptet, es gebe in Bezug auf das Coronavirus „auch einen direkten Zusammenhang mit den Strahlungsschäden, die von 5G-Masten verursacht werden“. Zudem werden Verbindungen zwischen den Corona-Todesfällen in Wuhan (China) und dem dortigen 5G-Netz genannt.

Für dieses Gerücht, das seit Monaten im Netz kursiert, gibt es keine Belege – zahlreiche offizielle Stellen haben ihm mittlerweile aber widersprochen.

Bundesamt für Strahlenschutz und WHO widersprechen den Behauptungen

Das Bundesamt für Strahlenschutz weist auf seiner Webseite zudem Berichte über einen Zusammenhang zwischen der Verbreitung des Coronavirus und 5G zurück: „Es gibt keinen wissenschaftlichen Hinweis darauf, dass Mobilfunkstrahlung eine Wirkung auf die Ausbreitung von Viren haben könnte. Dies gilt auch für 5G.“

Der für den Mobilfunk genutzte Frequenzbereich sei mittlerweile „sehr gut erforscht“. Die einzige nachgewiesene Wirkung von hochfrequenten elektromagnetischen Feldern sei demnach eine Erwärmung des Körpergewebes – und diese sei „gesundheitlich unproblematisch“.

Auch die WHO stellte in einem ihrer Myth Buster klar, dass sich Viren weder über Radiowellen, noch über Mobilfunknetze verbreiten. Die Krankheit Covid-19 verbreite sich auch in vielen Ländern, in denen es keine 5G-Mobilfunknetze gebe. Dazu haben wir ebenfalls einen Faktencheck veröffentlicht.

Fazit: Die Behauptung ist unbelegt.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Die Wirksamkeit der Behandlung von Covid-19 mit Chlordioxid ist nicht belegt. Der Konsum kann zu schweren Gesundheitsschäden führen. Weitere Behauptungen im Text sind irreführend.

Piqsels
Markus Söder will Ärzten, die nicht gegen das Coronavirus impfen wollen, nicht die Approbation entziehen. (Symbolfoto: Piqsels, gemeinfrei: CC0 1.0)

von Steffen Kutzner

Auf einer Webseite wird der Eindruck erweckt, dass Bayerns Ministerpräsident Markus Söder Ärzten die Zulassung entziehen möchte, die ihre Patienten nicht gegen das Coronavirus impfen wollen. Er bezog sich jedoch auf Ärzte, die sich allgemein gegen Impfungen aussprechen.

In einem am 4. Juli 2020 veröffentlichten Beitrag auf der Webseite Journalistenwatch wird getitelt: „Corona und das neue Gesundheitsregiment: Söder will Ärzten die Zulassung entziehen, wenn sie nicht impfen“. Das habe Bayerns Ministerpräsident Markus Söder in einem Radiointerview geäußert. 

In dem Beitrag wird impliziert, dass Söder sich auf eine etwaige Impfung gegen SARS-CoV-2 bezog, sobald diese verfügbar sei. Denn in dem Artikel auf Journalistenwatch geht es unmittelbar vorher um das Coronavirus:

Auszug aus dem Artikel von Journalistenwatch, in dem behauptet wird, Markus Söder wolle Ärzten, die nicht gegen das Coronavirus impfen wollen, die Zulassung entziehen. (Screenshot: CORRECTIV)

Journalistenwatch schreibt, aus dem Wortlaut des Interviews gehe „nicht eindeutig hervor“, ob Söder „Impfgegner-Ärzte generell“ meine oder solche, die nicht gegen SARS-CoV-2 impfen. 

Das stimmt jedoch nicht, denn Söders Aussage ist recht klar: Er bezog sich auf Impfungen, die bereits existieren und gut geprüft sind. Er sagte, dass man noch einmal überdenken solle, „ob jemand dann tatsächlich die normale Zulassung als Arzt haben kann, wenn er grundlegende medizinische Erkenntnisse ignoriert“. Es geht also nicht darum, Ärzte zu zwingen, Patienten gegen das Coronavirus zu impfen. 

Die Behauptung wurde auch auf Facebook veröffentlicht und dort mehr als 800 Mal geteilt. Die Seite Compact griff die Behauptung ebenfalls auf. Auch dort wird der irreführende Bezug zu einer Corona-Impfung hergestellt. 

Was Söder genau über die Zulassung von Ärzte im Zusammenhang mit Impfungen sagte

Die genaue Aussage Söders in dem Radiointerview bei Bayern 3 vom 2. Juli lautet wie folgt (ab Minute 37:08): „Letzte Woche oder vor zwei Wochen lief auf Frontal 21 ein Beitrag über normale Impfgegner. Da gibt’s echt auch Ärzte – Ärzte! –, die empfehlen, und stellen dann auch irgend so eine Unbedenklichkeitsbescheinigung aus, dass man Kinder nicht impfen darf. Und jetzt nicht bei einem neuen Impfstoff, sondern bei erprobten, erfolgreichen Impfstoffen! Da muss ich ganz ehrlich sagen, das ist hochgefährlich. Ich bin auch der festen Überzeugung, da müssen wir uns nochmal überlegen, auch die jeweiligen Ärzteorganisationen, ob das überhaupt vertretbar ist und ob jemand dann tatsächlich die normale Zulassung als Arzt haben kann, wenn er grundlegende medizinische Erkenntnisse ignoriert, ja sogar berät zum Schaden. Das verletzt sogar den eigentlichen Eid der Medizin.“

Mit „Unbedenklichkeitsbescheinigung“ meint Söder vermutlich den Impfunfähigkeitsnachweis, der in Ausnahmefällen ausgestellt wird, wenn ein Kind beispielsweise wegen Vorerkrankungen nicht gegen Masern geimpft werden kann. Das ZDF-Format Frontal 21 hatte dazu am 16. Juni 2020 einen Beitrag veröffentlicht. Darin geht es unter anderem um Ärzte, die sich grundsätzlich gegen Impfungen aussprechen und Tipps geben, wie man an eine solche Bescheinigung kommt, um die Masern-Impfpflicht für Kinder zu umgehen. Auf diesen Beitrag bezieht sich Söder vermutlich.

Söder bezog sich auf Ärzte, die pauschal von Impfungen abraten und fragwürdige Bescheinigungen ausstellen

Söder sagte also nicht, er wolle pauschal Ärzten die Approbation entziehen, die solche Impfunfähigkeitsbescheinigungen ausstellen, wie es der Beitrag auf Journalistenwatch behauptet. „Söder drohte Ärzten, die ihre Patienten nicht impfen wollen und ihnen gar ‚Unbedenklichkeitsbescheinigungen‘ für einen Verzicht auf Impfungen ausstellten, mit dem Entzug der Approbation“, heißt es dort. 

Söder bezog sich auf Ärzte, die pauschal von Impfungen abraten. Mutmaßlich meinte er damit auch solche, die Bescheinigung gegen Geld auf dem Postweg anbieten, ohne das Kind vorher überhaupt gesehen zu haben. Denn darum ging es in dem Beitrag von Frontal 21 unter anderem. 

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

Eine Impfunfähigkeitsbescheinigung auszustellen ist nicht verboten, sondern im Infektionsschutzgesetz vorgesehen. Masern-Impfungen sind als einzige Impfungen in Deutschland verpflichtend, zum Beispiel für Kinder, wenn sie in den Kindergarten gehen sollen. Daher muss für diese entweder ein Nachweis einer Impfung oder einer Immunität wegen einer bereits durchgemachten Erkrankung vorliegen – oder eben eine ärztliche Bescheinigung, dass sie nicht geimpft werden können.

Dieser Kontext fehlt im Beitrag von Journalistenwatch.

Wann kann einem Arzt die Approbation entzogen werden?

Ob Ärzten die Approbation entzogen wird oder nicht, entscheidet nicht ein Ministerpräsident, sondern die jeweiligen Approbationsbehörden, teilte uns der Pressesprecher der Bundesärztekammer, Samir Rabbata, mit. Diese würden den Gesundheitsministerien der Länder unterstehen.

Auszug aus der E-Mail des Pressesprechers der Bundesärztekammer. (Screenshot: CORRECTIV)

Florian Wagle, ein Pressesprecher der Bayerischen Landesärztekammer, teilte uns auf Anfrage mit, dass die Voraussetzung für einen Entzug der Approbation sei, dass sich ein Arzt oder eine Ärztin als unzuverlässig oder des Berufes unwürdig erweist. Dabei sei jedoch „die Würdigung der gesamten Persönlichkeit des Arztes und seiner Lebensumstände“ zu beachten.

Auszug aus der E-Mail des Pressesprechers der Bundesärztekammer. (Screenshot: CORRECTIV)

Bayerische Landesärztekammer: Ärzten, die Impfgegner sind, kann nicht allein deshalb die Approbation entzogen werden

Wagle erklärte auch, dass einem Arzt nicht die Zulassung entzogen werden könne, weil er Impfgegner sei. Solange „die Gesundheit der Bevölkerung aufgrund des Phänomens der Herdenimmunität eine gewisse Quote an Nicht-Geimpften verträgt, dürfte der Konflikt mit Impfgegnern – auch ärztlichen – für die Gesellschaft auszuhalten sein.“ Androhungen von Approbationsentzug seien dann unnötig.

Auszug aus der E-Mail des Pressesprechers der Bayerischen Landesärztekammer. (Screenshot: CORRECTIV)

Bevor geprüft werde, ob einem Arzt die Approbation entzogen wird, „müssen generell gravierende Verstöße gegen das Straf- oder Berufsrecht vorliegen“, erklärt der Sprecher der Bayerischen Landesärztekammer weiter. Dies käme „in der Regel eher selten vor.“

Auszug aus der E-Mail des Pressesprechers der Bayerischen Landesärztekammer. (Screenshot: CORRECTIV)

Söder kann nicht darüber entscheiden, ob Ärzte ihre Zulassung verlieren

Der Artikel von Journalistenwatch lässt wesentlichen Kontext aus. Markus Söder hat nicht gesagt, dass er Ärzten, die nicht gegen Corona impfen, die Approbation entziehen möchte. Seine Forderung bezog sich auf Ärzte, die von Impfungen generell abraten, also auch etablierte Impfstoffe ablehnen. Tatsächlich sagte Söder, man müsse überlegen, ob diese Ärzte ihre Zulassung verlieren sollten. Eine solche Entscheidung steht aber nicht in seiner Macht.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Der Beitrag reißt Söders Aussagen aus dem Kontext.

coronavirus-rki-lagebericht
Der Lagebericht des RKI macht nicht klar, dass vom Coronavirus für die deutsche Bevölkerung keine Gefahr ausgeht. (Symbolbild: Pixabay / Daniel Roberts)

von Kathrin Wesolowski

In einem Online-Artikel wird behauptet, ein Lagebericht des Robert-Koch-Instituts mache deutlich, dass Covid-19 keine Gefahr darstelle. Das RKI habe bestätigt, dass die Sterblichkeitsrate in Deutschland 0,01 Prozent betrage. Die Behauptung ist falsch.

In den Sozialen Netzwerken kursiert ein Artikel des Blogs Corona Transition mit dem Titel „RKI bestätigt Covid-19 Sterblichkeitsrate von 0,01 Prozent in Deutschland“. Darin wird behauptet, der Lagebericht vom 24. Juni des Robert-Koch-Instituts (RKI) zeige, dass Covid-19 keine Gefahr darstelle. 

Der Artikel wurde am 26. Juni veröffentlicht und laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 650 Mal auf Facebook geteilt. In dem Artikel wird suggeriert, der Lagebericht des RKI stelle die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen der Regierung gegen die Verbreitung von Covid-19 infrage. CORRECTIV hat die Behauptungen überprüft: Sie sind falsch. Das RKI hat keine Sterblichkeitsrate für Covid-19 berechnet und dies ist aktuell auch nicht möglich.

Angebliche Sterblichkeitsrate mit Covid-19 führt in die Irre

In dem täglichen Lagebericht des RKI wird die aktuelle Lage der Corona-Infektionen in Deutschland zusammengefasst und mitgeteilt. Der Artikel bezieht sich auf den Lagebericht vom 24. Juni, in dem 8.914 bestätigte Todesfälle mit Covid-19 verkündet wurden. „Bei 83 Millionen Einwohnern beträgt somit die absolute Sterblichkeitsrate seit Ausbruch der Coronakrise bis heute in Deutschland 0,01 Prozent“, heißt es dazu in dem Artikel. 

Diese Prozentzahl ist tatsächlich das Ergebnis, wenn man die bestätigte Zahl der Todesfälle durch die ungefähre Bevölkerungszahl in Deutschland dividiert, die laut Statistischem Bundesamt bei 83,2 Millionen Menschen liegt. Diese Rechnung hat das RKI in seinem Lagebericht aber nicht durchgeführt und sie ist auch irreführend. 

Die Sterblichkeitsrate auf diese Weise zu berechnen, würde nur Sinn ergeben, wenn sich 83,2 Millionen Menschen in Deutschland mit dem SARS-CoV-2 infiziert hätten (oder an Covid-19 erkrankt wären) und davon 0,01 Prozent gestorben wären. 

Zahl der tatsächlich an Covid-19 erkrankten Menschen ist unbekannt

Laut dem Lagebericht gab es am 24. Juni 191.449 bestätigte Infektionsfälle in Deutschland. Bisher ist aber nicht genau festzustellen, wie viele Menschen sich wirklich mit dem neuen Coronavirus infiziert haben. Das RKI schreibt auf seiner Webseite, aktuell liege der Fall-Verstorbenen-Anteil – also das Verhältnis der Todesfälle zu den gemeldeten Infektionsfällen – in Deutschland bei 4,7 Prozent. 

Zur Letalität – also zu der Anzahl der Verstorbenen im Verhältnis zu den tatsächlich Erkrankten beziehungsweise der Wahrscheinlichkeit, an einer Krankheit zu sterben – gibt es jedoch bisher keine verlässlichen Daten, „weil die tatsächliche Anzahl erkrankter Menschen unbekannt ist und möglicherweise deutlich höher liegt als die Zahl der gemeldeten Erkrankungsfälle“, so das RKI.

Das liegt unter anderem daran, dass es wie Studien zeigen   Infizierte gibt, die keine Symptome zeigen. Eine australische Studie im Preprint vom 4. Juni analysierte beispielsweise 998 Artikel inklusive Studien, in denen insgesamt 21.035 Risikopatienten aus sechs Ländern auf Covid-19 getestet wurden. Der Anteil der asymptomatischen Fälle lag darin zwischen vier und 41 Prozent. Der Durchschnitt der Risikopatienten, die infiziert waren, aber keine Symptome hatten, lag laut der Studie bei 15 Prozent. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Das Robert-Koch-Institut bestätigte nicht eine Covid-19- Sterblichkeitsrate von 0,01 Prozent in Deutschland.

Dieser Aushang, dessen Foto in Sozialen Netzwerken verbreitet wird, stammt nicht von Aldi Süd. (Screenshot: CORRECTIV)

von Kathrin Wesolowski

Auf einem Aushang mit dem Aldi-Süd-Logo steht, 80 Prozent aller Pandemien hätten ihren Ursprung in der Tierindustrie. Deswegen solle man beim Einkauf auf tierische Produkte verzichten. Der Aushang ist eine Fälschung – die Behauptungen darauf sind aber teilweise richtig.

„Wir bitten Sie (…), auf tierische Produkte zu verzichten“ steht auf einem Aushang mit dem Aldi-Süd-Logo, von dem ein Foto in Sozialen Netzwerken kursiert. In dem Text darunter wird behauptet, 80 Prozent aller Pandemien hätten ihren Ursprung in der Tierindustrie. Zudem begünstige der Konsum von Fleisch, Milch und Eiern Pandemien. 

Aushang stammt nicht von Aldi Süd 

Das Foto wurde am 1. Juli auf Facebook veröffentlicht und mittlerweile rund 600 Mal auf Facebook geteilt. Der Aushang ist nach Recherchen von CORRECTIV gefälscht, die Behauptungen darauf sind jedoch teils richtig, teils falsch und teils unbelegt. Es handelt sich wahrscheinlich um eine Aktion von Tierschützern.

Ein Foto auf Facebook zeigt einen angeblichen Aushang von Aldi Süd – dieser stammt aber wahrscheinlich von Tierschutz-Aktivisten. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Auf unsere Anfrage schrieb uns die Pressestelle von Aldi Süd: „Wir können Ihnen mitteilen, dass dieses Schreiben nicht von ALDI SÜD stammt.“ 

CORRECTIV hat jedoch zusätzlich auch die Behauptungen auf dem Aushang inhaltlich überprüft.

1. Behauptung: 80 Prozent aller Pandemien haben einen Ursprung in der Tierindustrie

Auf unsere Anfrage schrieb das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, dass diese Behauptung falsch sei. Das FLI verwies zudem auf die Webseite der World Organisation for Animal Health (OIE). Dort heißt es, dass 60 Prozent der existierenden menschlichen Infektionskrankheiten zoonotisch seien – also vom Tier auf den Menschen und umgekehrt übertragen werden können. Dabei wird allerdings nicht differenziert, ob es sich um Haus- oder Wildtiere handelt.

Zudem sind laut OIE 75 Prozent der neu auftretenden Infektionserreger, wie beispielsweise Ebola, HIV oder Influenza, auf das Tierreich zurückzuführen. Laut FLI verursachen diese Erreger jedoch nicht alle Pandemien.

Ein Ausschnitt aus der E-Mail des Friedrich-Löffler-Instituts. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf unsere Anfrage schrieb uns das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), dass zum Beispiel die Ebola-Epidemie in Westafrika keine Verbindung zu Nutztierhaltung gehabt habe. Wenn die Übertragung von Krankheiten durch Stechmücken oder Zecken eine Rolle spiele, seien vorrangig die Kontaktmöglichkeiten mit diesen Tieren von Bedeutung.

Ein Ausschnitt aus der E-Mail des Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. (Screenshot: CORRECTIV)

Ein Ausschnitt aus der E-Mail des Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. (Screenshot: CORRECTIV)

Die erste bekannte Ebola-Infektion fand mutmaßlich durch eine Übertragung von Fledermäusen auf den Menschen statt. Ein zweijähriger Junge soll sich beim Spielen oder der Jagd auf Fledermäuse angesteckt haben. 

Covid-19 hat seinen Ursprung vermutlich in Wildtieren

Laut der Nationalen Forschungsplattform für Zoonosen hat das neue Coronavirus, das die Krankheit Covid-19 auslöst, vermutlich seinen Ursprung in Wildtieren und ist damit zoonotisch. Der genaue Ursprung ist noch nicht bekannt, er wird aber ebenfalls bei Fledermäusen vermutet.

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Eine genaue Zahl, wie viele zoonotische Infektionskrankheiten Pandemien auslösen, konnten wir bei der Recherche nicht finden. Zudem müsste auch hier unterschieden werden, ob es sich um Krankheiten handelt, die ihren Ursprung in Tieren aus der Tierindustrie haben, oder in freilebenden Tieren.

Fazit: Es gibt keine Belege dafür, dass 80 Prozent aller Pandemien ihren Ursprung in der Tierindustrie haben.

2. Behauptung: Epidemien werden durch die steigende Anzahl der Nutztiere begünstigt

Deswegen würde die Wahrscheinlichkeit künftiger Pandemien verringert, wenn man auf tierische Produkte verzichte, heißt es auf dem Foto.

So allgemein formuliert deckt sich diese Aussage mit einer aktuellen Auswertung des United Nations Environment Program (UNEP) und des International Livestock Research Institute (ILRI). Sie schreiben in dem Bericht  „Preventing the next pandemic“ (Seite 25), dass schnelle Veränderungen in der Landwirtschaft ohne ausreichende Sicherheitsmaßnahmen Ausbrüche von tierischen Coronaviren begünstigen könnten. 

Als Beispiel wird das Virus der Infektiösen Bronchitis der Hühner genannt, das mit der Intensivierung der Geflügelhaltung in den USA nach dem ersten Weltkrieg (mehr Stress und mehr Kontakt) und neuen Zuchttechniken (weniger genetische Vielfalt) aufgetaucht sei. Dieses Geflügel-Coronavirus überträgt sich jedoch bisher nicht auf Menschen.

Ein Ausschnitt aus dem Bericht der UNEP. (Screenshot: CORRECTIV)

Grundsätzlich seien der gestiegene Fleischkonsum, nicht-nachhaltige Landwirtschaft sowie die Ausbeutung von Wildtieren und ihres Lebensraumes jedoch begünstigende Faktoren für Krankheiten, schreiben die Autoren des UNEP-Berichts (Seite 7). 

Es sei möglich, dass auch die Krankheitserreger SARS-CoV und SARS-CoV-2 mit gestiegenem Konsum von Wildtierfleisch und dessen Handel in Ostasien in Verbindung gebracht werden können (Seite 25). „Das Risiko einer Krankheitsübertragung in Wildtierfarmen ist signifikant, und es sind weitere Anstrengungen zur Risikominderung erforderlich.“ Das liegt dem Bericht zufolge (Seite 33) beispielsweise daran, dass der enge Kontakt zwischen Menschen und verschiedenen Spezies die Virusübertragung von Tier zu Mensch fördern könne. 

Dies könne Krankheitsereignisse mit einem höheren Pandemie-Potenzial fördern, „da sich diese Viren eher über die Übertragung von Mensch zu Mensch vermehren und sich somit weit verbreiten“, heißt es in dem Bericht weiter.

In einem Bericht, u.a. des UN Environment Program steht, dass erhöhter Kontakt zu Wildtieren die Verbreitung von Krankheiten fördern kann. (Screenshot: CORRECTIV)

Zudem gebe es die Sorge, dass Wildtierfarmer nicht ausreichend für Biosicherheit sorgen. Als Biosicherheit werden laut Cambridge Dictionary Methoden bezeichnet, die eine Verbreitung von Krankheiten oder Infektionen, beispielsweise von einem Menschen oder einem Tier, stoppen sollen. In der Schweine- und Hühnerzucht ist eine Methode der Biosicherheit in Deutschland beispielsweise, dass Viehhändler nicht mit den Tieren in Kontakt kommen, also den Bestand nicht betreten. 

Geringe Biosicherheit begünstigt Ausbruch zoonotischer Krankheiten

In dem Bericht der UNEP wird die Sorge geäußert (Seite 25), dass Wildtierfarmer Tiere illegaler Viehzucht als „legal gehaltene“ Tiere verkaufen. Das und die geringe Biosicherheit würden das Risiko zoonotischer Krankheitsausbrüche vergrößern.

Corona – Geschichte eines angekündigten Sterbens
Ein CORRECTIV-Team aus Medizinern, Wissenschaftlern und Reportern, unter ihnen viele preisgekrönte Journalisten, recherchiert auf den Spuren des Virus, wie es vom Tiermarkt im mittleren China rund um den Erdball jagt und eine Spur der Verwüstung hinter sich herzieht. Hardcover: 320 Seiten Jetzt bestellen

Fazit: Größtenteils richtig. Epidemien können laut einem aktuellen Bericht der UN unter bestimmten Voraussetzungen durch intensive Nutztierhaltung und -zucht begünstigt werden. Zudem steige das Risiko mit erhöhtem Kontakt zu Wildtieren, die zum Beispiel in Asien ebenfalls gezüchtet würden. Hier gilt allerdings, dass eingehaltene Biosicherheit und Gesetze die Viehzucht regulieren und sicherer machen sollen.

3. Behauptung: Fleisch-, Milch- und Eierkonsum begünstigt Pandemien

Dieser pauschalen Behauptung fehlt wesentlicher Kontext. Es kommt darauf an, unter welchen Bedingungen die tierischen Produkte hergestellt werden, die konsumiert werden. 

Krankheitsausbrüche durch Tierhaltung und damit auch indirekt durch den Konsum tierischer Produkte, werden dem UNEP-Bericht zufolge (Seite 16) vor allem durch eine geringe Biosicherheit und schlechte Hygiene-Bedingungen gefördert. Die Autoren beziehen sich dabei vor allem auf traditionelle Märkte und Wildtier-Märkte und schlecht kontrollierte Tierhaltung. Aber auch industrielle Fleischverarbeitung könne zur Verbreitung von Krankheiten beitragen – ein Beispiel seien die Covid-19-Ausbrüche (Übertragung von Mensch zu Mensch) in großen Schlachthöfen.

Fazit: Teilweise falsch. Der Konsum von Milch, Eiern oder Fleisch ist nicht pauschal problematisch. Laut dem UNEP-Bericht begünstigt der Konsum tierischer Produkte nur Pandemien, wenn die Tierhaltung oder Fleischverarbeitung niedrige Standards hat.

Unsere Bewertung:
Unsere Bewertung: Teilweise falsch. Der Aushang ist eine Fälschung. Die Behauptungen darauf sind teils richtig, teils irreführend.

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Dieses Foto eines Arbeitsplatzes wird derzeit im Netz verbreitet; die Person, die es angeblich gemacht hat, behauptet, beim WDR zu arbeiten. (Screenshot und Collage: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Eine Person, die angibt, beim WDR zu arbeiten, behauptet im Netz: Am 8. Juli werde ein neuer Lockdown verhängt, und der Sender habe deshalb Anweisungen erhalten, von hohen Corona-Fallzahlen zu berichten. Nach Aussage des WDR und des Bundesgesundheitsministeriums handelt es sich um eine Falschinformation.

Auf Whatsapp und Facebook kursiert eine Nachricht von einer Person, die behauptet, beim WDR zu arbeiten. Sie behauptet, am Mittwoch, 8. Juli, werde ein „zweiter Lockdown“ gestartet. Deshalb sei der WDR „gezwungen, in den nächsten beiden Tagen exorbitant hohe neue Coronazahlen zu melden“. Gezeigt wird außerdem ein Foto eines Arbeitsplatzes mit zwei Computermonitoren; auf dem linken ist das Logo des WDR zu sehen. 

Es existieren mehrere Facebook-Beiträge dazu, alle sind von Montagabend (6. Juli) und wurden bereits mehrere hundert Male geteilt (hier, hier und hier). Sie enthalten teils Hinweise darauf, dass die Nachricht aus dem Messenger-Dienst Telegram kopiert wurde. CORRECTIV wurde das Bild von Leserinnen und Lesern außerdem bei Whatsapp zur Überprüfung zugesandt. 

In den Kommentaren auf Facebook zeigten sich viele Nutzer bereits skeptisch, ob die Nachricht authentisch ist. Tatsächlich handelt es sich nach Angaben des WDR und des Bundesgesundheitsministeriums um eine Falschmeldung. CORRECTIV konnte nirgends Hinweise darauf finden, dass die Informationen in dem Beitrag stimmen. 

Facebook-Nachricht über WDR
Einer der Facebook-Beiträge mit der Nachricht, die offenbar aus einem Messengerdienst stammt. (Screenshot am 7. Juli und Schwärzung: CORRECTIV)

Das Foto in dem Beitrag wirkt, als sei es in der Redaktion des WDR aufgenommen worden. Tatsächlich passt die Einrichtung ungefähr zu der des Newsrooms des WDR in Köln, die in diesem Video zu sehen ist. Mit Sicherheit lässt sich das aber nicht sagen. 

David Hebing, Pressesprecher des WDR schreibt CORRECTIV am Dienstag auf Anfrage per E-Mail zu dem Beitrag: „Inhaltlich ist da überhaupt nichts dran. Das ist ein Fake, der in verschiedenen geschlossenen Gruppen kursiert ist.“ Zu weiteren Fragen könne man aber noch keine Auskünfte geben. 

Gesundheitsministerium dementiert: Keine Pläne für „zweiten Lockdown“

Ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums, Sebastian Gülde, teilt uns per E-Mail mit, die Informationen in dem Beitrag seien falsch: Es gebe keine Pläne, am Mittwoch einen neuen „Lockdown“ zu verhängen, und auch keine Anweisungen an den WDR, auf eine bestimmte Art zu berichten. „Die Verhängung von Maßnahmen liegt in der Zuständigkeit der Bundesländer. Bundesweit strengere Maßnahmen, also ähnliche / gleiche Maßnahmen vieler Bundesländer zugleich sind vorstellbar, wenn es in sehr vielen Regionen mehr als 50 Neuinfektionen / pro 100.000 Einwohnern / letzte 7 Tage gibt. Derzeit ist dies nur in einer Region der Fall.“

E-Mail BMG über Lockdown
Die E-Mail des Bundesgesundheitsministeriums am Dienstag, 7. Juli, an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)

Auf der Webseite des WDR finden sich seit Montag keine auffälligen Berichte über hohe Zahlen von Neuinfektionen. Auch in den vom WDR aufgearbeiteten Corona-Daten für Nordrhein-Westfalen sind keine Anstiege zu erkennen; die Zahl der Neuinfektionen wird dort seit Ende Juni als sinkend angegeben. Und auch im Corona-Liveticker des WDR wird nicht über steigende Fallzahlen berichtet.  

Unsere Bewertung:
Falsch. Es gibt laut Gesundheitsministerium keine Pläne für einen „zweiten Lockdown“. Ob die Person, die die Falschinformation verbreitet hat, wirklich beim WDR arbeitet, ist unklar. 

Dieses Foto von Angela Merkel mit Mundschutz kursiert auf Facebook. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

von Kathrin Wesolowski

Auf Facebook kursiert ein Foto von Angela Merkel mit Mundschutz. Der Nutzer, der es hochgeladen hatte, suggeriert, dass die Maske ins Bild „gephotoshopt“ wurde, weil der untere Gummi fehle. Das stimmt nicht – das Foto ist lediglich unscharf.

Auf Facebook kursiert ein Foto, das Bundeskanzlerin Angela Merkel mit einer Mund-Nasen-Bedeckung zeigt. Dazu schreibt ein Facebook-Nutzer: „Photoshop lässt grüßen. Sie sind noch zu blöde, um uns richtig zu bescheissen. Wo ist der untere Gummi?“ Damit wird impliziert, der Mundschutz sei nachträglich ins Bild montiert worden und dass Merkel eigentlich keinen trage. 

Der Artikel wurde am 3. Juli 2020 veröffentlicht und bisher fast 2.400 Mal auf Facebook geteilt. CORRECTIV hat die Behauptung überprüft. Sie ist falsch, denn anhand weiterer Originalfotos der Situation ist zu erkennen, dass Merkel zu diesem Zeitpunkt durchaus einen Mundschutz trug – und auch der untere Gummi richtig saß.

Andere Fotos zeigen: Merkel trug Maske mit normal sitzendem Gummi

Dieses Foto von Angela Merkel mit Mundschutz kursiert auf Facebook. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Am oberen Bildrand des Fotos ist zu sehen, dass der Screenshot von einem Artikel der Nachrichtenseite RP Online stammt. Das Foto von Merkel ist das Titelbild eines Artikels vom 3. Juli 2020. An diesem Tag hatte Angela Merkel eine Rede vor dem Bundesrat gehalten. Aufgrund des gewählten Foto-Ausschnitts und der schwachen Qualität ist auf dem Artikel-Foto der untere Teil des Gummis des Mundschutzes nicht zu erkennen.

 

Das Foto wurde laut der Bildunterschrift von dem Fotografen Wolfgang Kumm für die DPA aufgenommen. Wie auf einem anderen Foto des Fotografen vom selben Tag zu sehen ist, befindet sich an dem Mund-Nasen-Schutz der Bundeskanzlerin ein Gummi, das um das Ohr herum befestigt wird. Auch Pressebilder des Bundesrats sowie ein offizielles Foto der Bundeskanzlerin zeigen das Gummi.

Fazit: Das Foto von Angela Merkel ist unscharf. So wirkt es,, als sei der untere Gummi der Mundschutzmaske nicht vorhanden.. Die Bundeskanzlerin trug am 3. Juli aber einen Mund-Nasen-Schutz mit einem oben und unten an der Maske befestigten Gummi – er wurde nicht nachträglich ins Bild montiert oder „gephotoshopt“.

 

Unsere Bewertung:
Unsere Bewertung: Falsch. Das Foto von Merkel ist unscharf – sie trug an diesem Tag aber eine Maske mit normal sitzendem Gummi.

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Die US-Regierung hat nicht bestätigt, dass Impfungen zu Autismus führen können. (Symbolbild: Karolina Grabowska/Pexels)

von Kathrin Wesolowski

Im Netz wird immer wieder behauptet, Impfstoffe führten zu Autismus und psychischen Schäden. In einem Artikel, der aktuell wieder auf Facebook geteilt wird, heißt es, die US-Regierung habe diesen Zusammenhang schon vor Jahren bestätigt. Die Behauptungen darin sind jedoch größtenteils falsch.

In den Sozialen Netzwerken wird ein Artikel des Blogs Bewusst-Vegan-Froh geteilt. Der Titel lautet: Regierung gibt zu: Impfungen verursachen Autismus und schwere körperliche/psychische Schäden”. Dabei bezieht sich der Text auf die US-Regierung. Der Artikel wurde bereits am 6. Februar 2018 veröffentlicht, wurde von der Facebook-Seite des Blogs aber im Juni 2020 wieder verbreitet. Die Debatte um Impfungen wird aktuell wegen eines potenziellen Impfstoffs gegen das neuartige Coronavirus wieder laut.

Mittlerweile wurde der Text von Bewusst-Vegan-Froh laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 20.600 Mal auf Facebook geteilt. Das Datum 2018 ist im Beitrag selbst nicht zu sehen.

In dem Artikel wird auf zwei Artikel der US-amerikanischen Online-Zeitung Huffington Post verwiesen. Diese Artikel wurden von der Huffington Post jedoch „im Interesse der öffentlichen Gesundheit“ gelöscht mit dem Hinweis darauf, dass die Texte von Lesern geschrieben worden seien, die ihre eigene Meinung ausgedrückt hätten. Die dort genannten Einzelfälle wurden vor einem US-Gericht verhandelt. 

Ausschnitt aus der Erklärung auf der Webseite der Huffington Post, warum die Artikel gelöscht wurden. (Screenshot: CORRECTIV)

In dem Artikel werden mehrere Behauptungen aufgestellt. Wir haben drei davon überprüft. Das Ergebnis unserer Recherche: Die Behauptungen sind größtenteils falsch und führen in die Irre. Ein Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus wurde nie nachgewiesen. Die US-Regierung hat also auch nie etwas derartiges „zugegeben“.

1. Behauptung: Das US-amerikanische Vaccine Injury Compensation Program und der US Court of Federal Claims räumten ein, dass Impfungen Autismus verursachen

Der US Court of Federal Claims (USCFC) habe eingeräumt, dass Impfstoffe mit dem quecksilberhaltigen Konservierungsstoff Thiomersal Autismus verursachten, behauptet Bewusst-Vegan-Froh

Laut Paul-Ehrlich-Institut (PEI), dem Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, verhindert Thiomersal die Verkeimung der Impfstoffe und verringert damit das Risiko einer bakteriellen Infektion. Es wird aber kaum mehr verwendet. „Für alle generell empfohlenen Schutzimpfungen sind inzwischen quecksilberfreie Impfstoffe verfügbar“, schreibt das Robert-Koch-Institut (RKI) auf seiner Webseite (Punkt 14). 

Auf der Webseite des PEI wird darauf hingewiesen, dass ein Zusammenhang zwischen Autismus und Thiomersal von der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dem Institute of Medicine in den USA und der European Medicines Agency (EMEA) untersucht worden sei. Das Ergebnis: „Die epidemiologischen Daten sprechen gegen einen Zusammenhang zwischen Thiomersal in Kinderimpfstoffen und Autismus.“ 

Wie wir bereits in einem Faktencheck überprüften, ist eine geringe Menge von Thiomersal beziehungsweise Ethyl-Quecksilber in Impfstoffen laut RKI und PEI zudem grundsätzlich unbedenklich. Die Weltgesundheitsorganisation schreibt auf ihrer Webseite, dass es keine Belege für eine Toxizität bei Kindern oder Erwachsenen gebe, die Thiomersal in Impfstoffen ausgesetzt waren. 

US-Behörde hat nach eigenen Angaben nie Zusammenhang eingeräumt 

Auch die Organisation Health Resources and Services Administration (HRSA), eine Zweigstelle der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde, zu der das Vaccine Injury Compensation Program (VICP) gehört, schrieb uns per E-Mail: Es gibt keinen glaubwürdigen wissenschaftlichen Beleg für eine Kausalität zwischen Impfungen und Autismus.” Das VICP habe eine solche Verbindung auch nie eingeräumt.

Ausschnitt aus der E-Mail der Health Resources and Services Administration. (Screenshot: CORRECTIV)

Die US-amerikanische Regierung habe zudem noch nie eine Entschädigung auf Grundlage dessen bezahlt, dass eine Impfung angeblich Autismus verursacht habe.

Gericht sieht keine wissenschaftlich erwiesene Verbindung zwischen Thiomersal und Autismus

Die HRSA schrieb zudem, dass in den frühen 2000ern Tausende von Petitionen an das VICP eingereicht wurden, die eine Verbindung zwischen Impfungen und Autismus suggerierten. Diese hätten sich auf eine Publikation des britischen Arztes Andrew Wakefield bezogen, der von der britischen Ärztekammer ein Berufsverbot bekommen hat

Dennoch sei der US Court of Federal Claims (USCFC) auf die Petitionen eingegangen und habe ein fünfjähriges Verfahren eingeleitet, die sogenannten Omnibus Autism Proceedings. Nach Anhörungen und dem Anfertigen von Dokumenten mit 218.000 Seiten habe das Gericht bestätigt, dass es keinen glaubwürdigen Beweis dafür gebe, dass eine Masern-Mumps-Röteln-Impfung in Kombination mit Impfungen mit Thiomersal, oder letztere allein, Autismus verursachen könnten. In dem neuesten Dokument (PDF, Seite 4) von Ende November 2011 des USCFC zu den Omnibus Autism Proceedings ist dies auch zu lesen.

Ausschnitt aus der E-Mail der Health Resources and Services Administration. (Screenshot: CORRECTIV)

Fazit: Die Behauptung ist falsch. Weder das Vaccine Injury Compensation Program noch der US Court of Federal Claims haben eingeräumt, dass Impfen Autismus hervorruft. Das ist auch gar nicht nötig. Epidemiologischen Daten sprechen gegen einen Zusammenhang zwischen dem Stoff Thiomersal in Kinderimpfstoffen und Autismus. 

2. Behauptung: Eine Mumps-Masern-Röteln-Impfung löste bei einem Jungen unter anderem eine Gehirnentzündung und Autismus aus

Laut dem Artikel auf Bewusst-Vegan-Froh trat nach einer Mumps-Masern-Röteln-Impfung (MMR-Impfung) bei einem Jungen namens Ryan eine Enzephalitis, eine Gehirn- und Rückenmarksentzündung, auf. Die Familie klagte dem Artikel zufolge vor dem US-Gericht United States Court of Federal Claims (USCFC). Ihr Sohn habe zwischen 2003 und 2005 nach mehreren Impfungen neurologische Dysfunktionen, Asthma und eine Autismus-Spektrum-Störung entwickelt. In dem Artikel wird behauptet, das Gericht habe das bestätigt und die Familie eine Millionen-Dollar-Entschädigung erhalten.

Wie unsere Faktencheck-Kollegen der AFP bereits in einem Faktencheck überprüften, ist diese Behauptung größtenteils falsch. In den Behauptungen geht es mutmaßlich um einen Jungen mit dem Namen Ryan Mojabi.

Das US-Gericht United States Court of Federal Claims (USCFC) bestätigte, dass eine MMR-Impfung eine Enzephalitis bei Ryan Mojabi hervorgerufen habe. Deswegen sollte die Familie eine Entschädigung von fast einer Million Dollar erhalten. Eine Verbindung zwischen den Impfungen und Autismus oder Asthma wurde jedoch nicht bestätigt.

Auszug aus dem Gerichtsurteil des US Court of Federal Claims zu dem Fall Ryan Mojabi. (Screenshot: CORRECTIV)

Laut den US Centers for Disease Control and Prevention ist eine Gehirnentzündung eine mögliche, aber sehr seltene Nebenwirkung einer MMR-Impfung. In einer Studie des österreichischen Bundesministerium für Gesundheit und des Instituts für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der Universität Wien steht, dass das Risiko einer Enzephalitis nach einer Masernimpfung bei 1:1.000.000 liege. Das Risiko einer Enzephalitis durch Masern selbst liege dagegen bei 1:1.000. Auch das Robert-Koch-Institut schreibt auf seiner Webseite, dass sich bei einem von 1.000 Kindern, die an Masern erkranken, eine Enzephalitis entwickele.  

Fazit: Die Behauptung von Bewusst-Vegan-Froh, ein Junge namens Ryan habe nach Impfungen eine Autismus-Spektrum-Störung entwickelt, ist unbelegt. Es handelt sich mutmaßlich um Ryan Mojabi. In dessen Fall hat das US-Gericht den Zusammenhang jedenfalls nicht bestätigt; eine Entschädigung wurde lediglich aufgrund einer Enzephalitis gezahlt. 

3. Behauptung: Ein Mädchen entwickelte durch diverse Impfungen Autismus

Bei Bewusst-Vegan-Froh wird außerdem der Fall eines 15 Monate alten Mädchens namens Emily vorgestellt. Ein US-Gericht habe eingeräumt, dass sie durch diverse Impfstoffe, unter anderem auch gegen MMR, eine Anfallkrankheit und Autismus entwickelt habe. Auch diese Behauptung überprüften unsere Kollegen von AFP. Demnach hieß das Mädchen mutmaßlich Emily Lowrie.  Wie öffentlich einsehbare Dokumente (Seite 1 und 2) zeigen, klagte die Mutter von Emily, Jillian Lowrie, ebenfalls vor dem United States Court of Federal Claims (USCFC). Ihre Tochter habe nach Routineimpfungen gegen Diphtherie, Tetanus und Pertussis eine Gehirnentzündung (Enzephalopathie) erlitten. Von Autismus war in dem Verfahren nicht die Rede. Das Gericht sprach der Familie eine Entschädigung von über einer Million Dollar zu.

Fazit: Die Behauptung ist in Bezug auf Emily Lowries Fall falsch. Das Mädchen hat als Folge von Impfungen eine Gehirnentzündung entwickelt, keinen Autismus. Für die nachgewiesene Nebenwirkung erhielt sprach ein Gericht ihr eine Entschädigung zu. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Die US-Regierung bestätigte keine Verbindung zwischen Impfungen und Autismus.

PCR-Tests
Immer wieder wird behauptet, die PCR-Tests auf SARS-CoV-2 wären nicht zuverlässig. Jetzt sollen sie angeblich verantwortlich sein für die Corona-Ausbrüche in Schlachthöfen. (Symbolbild: Hendrik Schmidt / dpa-Zentralbild/ZB)

von Alice Echtermann

Stecken hinter der großen Anzahl an Corona-Infizierten in Schlachthöfen falsche Testergebnisse? Unter anderem in Sozialen Netzwerken wird aktuell behauptet, dass dafür eine Kreuzreaktionen auf andere Coronaviren verantwortlich sei, zum Beispiel von Rindern. Das ist falsch.

Unter anderem in einem Video des Youtubers Samuel Eckert vom 21. Juni wird angedeutet, dass die PCR-Tests für SARS-CoV-2 auf andere Arten von Coronaviren, die bei Tieren wie Schweinen oder Rindern vorkommen, anspringen würden. Anlass der Debatte war der Corona-Ausbruch bei dem Schlachtbetrieb Tönnies

Das Video wurde fast 40.000 Mal angeklickt. Eckert bezieht sich darin unter anderem auf den Arzt Wolfgang Wodarg, der bereits vor Wochen mit der Behauptung aufgefallen war, die PCR-Tests seien angeblich nicht zuverlässig. Auf seiner Webseite stellte Wodarg am 18. Juni die Suggestivfrage: „Kann es sein, dass die vielen SARS-CoV-2-PCR-Positiven auf Schlachthöfen eine Folge von Kreuzreaktionen auf die in der Veterinärmedizin üblichen Corona-Impfungen sind?“ Schließlich würden ja Schlacht- und Haustiere gegen verschiedene Coronaviren geimpft. 

Spekulationen über Zuverlässigkeit des PCR-Tests

Ganz ähnlich heißt es auch in einem Facebook-Beitrag (23. Juni): „Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass die Tests fälschlicherweise auf die Rindercoronaviren reagieren, als dass es weltweit Hotspots in Schlachthöfen gibt?“ Und in einem Artikel der österreichischen Seite Mein Bezirk vom 23. Juni über die Schlachthof-Ausbrüche wird über „mögliche Fehldiagnosen von Rinder-Coronaviren“ spekuliert. All diese Behauptungen zielen darauf ab, dass in den Schlachthöfen angeblich kein SARS-CoV-2 ausgebrochen ist und alles auf einem Irrtum beruht. 

CORRECTIV ist der Frage nachgegangen, ob der PCR-Test, der für SARS-CoV-2 verwendet wird, auf andere Coronaviren von Nutztieren positiv reagieren könnte. Sie lässt sich nach übereinstimmender Aussage von Experten mit Nein beantworten. Coronaviren von Rindern, Schweinen oder Hühnern befallen keine Menschen. Sie sind genetisch sehr verschieden von SARS-CoV-2 – deshalb kann der PCR-Test, der aktuell an Menschen verwendet wird, auf sie nicht positiv reagieren. 

Der Facebook-Beitrag vom 23. Juni. (Screenshot am 1. Juli: CORRECTIV)

Nutztiere werden gegen andere Coronaviren geimpft

Es stimmt, dass es viele Coronaviren gibt, die bei verschiedenen Tierarten vorkommen. Einige bekannte Coronaviren lösen auch Erkältungen beim Menschen aus. Die Viren sind genetisch verschieden, obwohl sie zur selben Familie gehören. 

Auf Nachfrage von CORRECTIV teilte die Sprecherin des Friedrich-Löffler-Instituts (FLI), Elke Reinking, per E-Mail mit, in Deutschland gebe es zugelassene Impfstoffe für Rinder und Geflügel – gegen das Bovine Coronavirus und das Virus der Infektiösen Bronchitis der Hühner. Zudem sei ein Impfstoff gegen das Feline Coronavirus zugelassen, das Katzen befällt. Das FLI ist das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit. 

„Die bei Nutztieren vorkommenden Coronaviren sind genetisch weit entfernt von den beim Menschen zu schweren Erkrankungen führenden Coronaviren“, erklärt Reinking. Daher sei eine Übertragung auf Menschen sehr unwahrscheinlich. Schweine und Hühner seien zudem nicht empfänglich für SARS-CoV-2, das hätten mehreren Arbeitsgruppen weltweit, darunter auch am Friedrich-Loeffler-Institut, gezeigt. „Die Empfänglichkeit von Rindern gegenüber SARS-CoV-2 wird derzeit geprüft.“  

Friedrich-Löffler-Institut über PCR-Tests
Die E-Mail der Sprecherin des Friedrich-Löffler-Instituts. (Screenshot: CORRECTIV)

Behörden: PCR-Tests zeigen keine Kreuzreaktionen mit Coronaviren von Nutz- und Haustieren

Beim PCR-Test auf SARS-CoV-2 werden mit Abstrichen Proben direkt aus den Atemwegen eines Menschen entnommen. Dass der PCR-Test auf andere Coronaviren von Nutztieren oder die Impfstoffe reagieren könnte, verneint FLI-Sprecherin Reinking. „Die vorhandenen PCR-Tests erkennen SARS-CoV-2 sehr zuverlässig und spezifisch. Sie zeigen keine Kreuzreaktionen mit anderen Coronaviren der Nutz- und Haustiere.“ 

Gleiches teilte uns Susanne Glasmacher, Sprecherin des Robert-Koch-Instituts, auf unsere Anfrage per E-Mail mit: „Bei PCR-Tests bei Menschen werden Erbgut-Regionen nachgewiesen, die nur bei SARS-CoV-2-Viren vorkommen, nicht bei anderen Coronaviren des Menschen oder bei Tieren. Daher kann es nicht zu falsch-positiven Befunden infolge der Impfung von Tieren gegen Coronaviren kommen.“ 

Virologe: Nachweis von Impfstoff-Viren nicht möglich

Wir wollten es genau wissen und fragten auch beim Institut für Virologie der Universitätsmedizin Mainz nach. Der Molekularbiologe Niels Lemmermann antwortete uns, dass die von der WHO empfohlenen sogenannten Primer (die bei einem PCR-Test genutzt werden, um SARS-CoV-2 nachzuweisen) spezifisch an das Genom dieses Virus binden. Bei einzelnen nah verwandten Fledermausviren könne es tatsächlich Kreuzreaktionen geben, da diese sich genetisch nur zu wenigen Prozent unterscheiden würden. „Dies ist aber anders bei den bekannten pathogenen tierischen Coronaviren und den entsprechenden Impfviren von Kuh, Schwein Katze, Hund und Geflügel. Diese haben deutlich größere Unterschiede in den Nukleotidsequenzen [der genauen Abfolge der Bestandteile des Virus-Erbguts, Anm. d. Red.], so dass die WHO Primer/Sonden nicht an diese binden und daher die entsprechenden Viren auch nicht nachweisen können.“

Darüber hinaus wäre es für einen positiven Nachweis von tierischen Coronaviren beim Menschen nötig, dass sie damit im Nasen- oder Rachenraum infiziert sind, erklärt Lemmermann weiter. Das sei sehr unwahrscheinlich, da diese Viren keine passenden Rezeptoren für Menschen hätten. Geimpfte Tiere seien zudem nicht infektiös – und kranke Tiere wären in der Regel nicht auf Schlachthöfen anzutreffen, da sie nicht transportfähig seien. Auch ein Nachweis von Viren aus Impfstoffen durch den PCR-Test sei nicht möglich, da die Impfungen abgeschwächte Viren oder Proteine beinhalten. In ersterem Fall sei das Genom der Viren schon wenige Tage nach der Impfung nicht mehr im Tier nachweisbar. Und Proteine könnten durch einen PCR-Test rein technisch nicht nachgewiesen werden. 

E-Mail Lemmermann
Auszug aus der E-Mail von Niels Lemmermann vom Institut für Virologie der Universität Mainz an CORRECTIV, in dem er seine Erklärungen kurz zusammenfasst. (Screenshot: CORRECTIV)

Zitat von Christian Drosten falsch interpretiert

Youtuber Samuel Eckert behauptet in seinem Video (ab Minute 3:50), Christian Drosten, der Leiter des Instituts für Virologie der Berliner Charité habe „zugegeben“, dass der PCR-Test Kreuzreaktionen zeige. Er spielt dazu ein Zitat vor, in dem Drosten sagt: „Und rein theoretisch würde dieser Test auch gegen eine ganze Reihe von Fledermaus-Coronaviren reagieren, aber die gibt es auch nicht beim Menschen. […] Es gibt zum Beispiel ein Coronavirus beim Menschen, ein Erkältungs-Coronavirus, da würde der Test auf jeden Fall auch kreuzreagieren, gegen ein Coronavirus des Rindes, das beim Rind Durchfall macht, diese Viren sind sehr ähnlich. Und noch ein anderes, das würde kreuzreagieren gegen ein Coronavirus des Kamels. […]“ 

Dieses Zitat ist jedoch kein Beleg für die These, denn Drosten spricht in Bezug auf das Rinder-Coronavirus eindeutig von einem anderen Test für ein anderes Erkältungs-Coronavirus beim Menschen (NDR-Podcast Folge 16, Transkript Seite 3). Es ist also nicht der PCR-Test auf SARS-CoV-2 gemeint. 

Eckert lässt zudem Drostens vorherige Erklärungen weg, in denen der Virologe betonte: „Dieser Test reagiert gegen kein anderes Coronavirus des Menschen und gegen kein anderes Erkältungsvirus des Menschen.“ Nur auf das alte SARS-Coronavirus und Fledermaus-Coronaviren würde der Test theoretisch reagieren, doch diese kämen nicht oder nicht mehr beim Menschen vor. 

Familie der Coronaviren hat verschiedene Gruppen

Der Test kann nur auf Viren kreuzreagieren, die sehr nah mit SARS-CoV-2 verwandt sind. Elke Reinking vom Friedrich-Löffler-Institut erklärt, die Coronavirus-Familie werde aufgrund ihrer genetischen Eigenschaften in Gruppen von Alpha bis Delta eingeteilt. SARS-CoV-2 gehöre zur Betagruppe, das bei Schweinen vorkommende PEDV (Epidemische Virusdiarrhoe der Schweine) zur Alphagruppe, und Coronaviren bei Vögeln seien der Gamma- und Deltagruppe zuzuordnen. 

Insgesamt gibt es sieben bekannte Coronaviren, mit denen sich Menschen infizieren können, darunter das erste SARS-Virus (SARS-CoV oder SARS1), das MERS-Virus und das aktuelle SARS-CoV-2. Sie sind alle Beta-Coronaviren. Bei SARS wird vermutet, dass die Viren sich von Fledermäusen auf Menschen übertragen haben. Die vier anderen Erkältungs-Coronaviren beim Menschen (229E, NL63, OC43 und HKU1) gehören entweder zur Alpha- oder Beta-Gruppe.  

Eine genetische Einordnung von SARS-CoV-2 in die Familie der Coronaviren auf der Seite Ecohealth Alliance von Januar 2020 zeigt, dass das neue Coronavirus sich nah bei den Fledermaus-Coronaviren befindet, und sehr nah an dem ersten SARS-Virus. Bovine Coronaviren von Rindern dagegen befinden sich in einem ganz anderen Cluster.

Stammbaum der Coronaviren
Analyse der Familie der Coronaviren mit Verortung von SARS-CoV-2 (rot). Bovine Coronaviren, die Rinder befallen, sind demnach genetisch weit von SARS-CoV-2 entfernt (im zweiten Cluster von oben). Nah verwandt sind dagegen Fledermaus-Coronaviren. (Quelle: Ecohealth Alliance, Januar 2020 / Screenshot: CORRECTIV)

Laut der Cluster-Analyse sind Rinder-Coronaviren recht eng verwandt mit einem der anderen Erkältungs-Coronavirus, das Menschen infiziert: HCoV-OC43 (ebenfalls ein Beta-Coronavirus). Einem Artikel im Journal Virus Taxonomy von 2012 zufolge wird vermutet, dass dieses Virus erstmals von Rindern auf Menschen übertragen wurde. Es ist also wahrscheinlich, dass Christian Drosten im Podcast dieses Erkältungs-Virus OC43 meinte, als er von einer Kreuzreaktion mit einem Rinder-Coronavirus sprach. 

Auch von den anderen menschlichen Erkältungs-Coronaviren kann der PCR-Test SARS-CoV-2 übrigens sehr zuverlässig unterscheiden. Das zeigt zum Beispiel ein Ringversuch der Gesellschaft zur Förderung der Qualitätssicherung in medizinischen Laboratorien (Instand) und eine Studie im Journal of Clinical Virology von Juli 2020

Weitere irreführende Aussage im Video zu Rechtsmediziner Klaus Püschel

Um seine Argumentation, die Ausbrüche von SARS-CoV-2 in Schlachthöfen seien kein Grund, sich Sorgen zu machen, insgesamt zu stützen, zitiert Youtuber Samuel Eckert auch noch den Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel: Dieser habe gesagt, dass von den Patienten, die er obduziert habe, „noch keiner an Corona gestorben“ sei (im Video ab Minute 5:46). 

Das hat Püschel so allerdings nicht gesagt, und die Aussage selbst ist auch falsch. Klaus Püschel ist Leiter des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf und sagte vor Wochen gegenüber Medien, dass die Patienten aus Hamburg, die er obduziert habe, alle schwere Vorerkrankungen gehabt hätten. Auf der Webseite der Stadt ist aktuell nachzulesen, dass bei 231 Todesfällen Covid-19 „als todesursächlich festgestellt“ worden sei (Stand 30. Juni). Das RKI meldet im Lagebericht für den 30. Juni für Hamburg 259 Todesfälle, somit war die Infektion mit dem Coronavirus bei rund 89 Prozent bisher nachweislich die Todesursache. 

Fazit

Die Spekulationen von Samuel Eckert in seinem Youtube-Video führen also in die Irre, ebenso wie die von Wolfgang Wodarg. Kreuzreaktionen der PCR-Tests mit anderen tierischen Coronaviren sind laut Experten ausgeschlossen. Oder, anders gesagt: Es ist nicht „wahrscheinlicher, dass die Tests fälschlicherweise auf die Rindercoronaviren reagieren, als dass es weltweit Hotspots in Schlachthöfen gibt“, wie es in dem Facebook-Beitrag behauptet wird. Der PCR-Test kann das Virus SARS-CoV-2 von anderen Coronaviren unterscheiden.

Unsere Bewertung:
Falsch. Die PCR-Tests reagieren nicht positiv auf Coronaviren von Nutztieren.

Puppe Corona
In Sozialen Netzwerken verbreitet sich das Foto einer Puppe, die auf einer Rettungsliege transportiert wird. (Screenshot: CORRECTIV)

von Uschi Jonas

In Sozialen Netzwerken wird ein Foto verbreitet, das den Transport einer Puppe auf einer Rettungsliege zeigt. Facebook-Nutzer behaupten, Medien würden mit diesem Foto Angst vor dem Coronavirus schüren. Diese Behauptung ist unbelegt.

Corona Angstmache geht weiter, die Medien hören nicht auf! Jetzt vergrößert mal das Bald, das ist eine Puppe! mit diesen Worten hat ein Nutzer am 28. Juni ein Foto auf Facebook gepostet. Der Beitrag wurde mehr als 1.600 Mal geteilt.

Auf dem Foto sind zwei Personen in Schutzanzügen zu sehen, die eine Puppe auf einer rollbaren Rettungsliege transportieren. Auf dem Rücken der einen Person ist ein rotes Kreuz zu erkennen mutmaßlich sind die beiden medizinische Fachkräfte. Auf einem gelben Absperrband steht prohibido Spanisch für verboten.

Auf Facebook verbreitet sich das Foto einer Puppe, die auf einer Rettungsliege transportiert wird und angeblich Angst vor Corona schüren soll.
In Sozialen Netzwerken verbreitet sich das Foto einer Puppe, die auf einer Rettungsliege transportiert wird. (Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)

Der Facebook-Beitrag suggeriert, Medien würden dieses Foto verbreiten, um Angst vor dem Coronavirus zu schüren. Diese Behauptung ist unbelegt. Recherchen von CORRECTIV zeigen, dass das Foto nicht in der medialen Berichterstattung zu finden ist. Es ist nicht klar, was auf dem Bild zu sehen ist, es könnte sich aber um eine medizinische Übung handeln.

Keine Medienberichte zu finden, die mit Puppen Corona-Angst schüren

Eine Bilder-Rückwärtssuche mit verschiedenen Suchmaschinen wie Google, Yandex oder Tineye lässt keine Rückschlüsse auf die Quelle des Bildes zu. Klar ist nach der Suche, dass keine Medien in Deutschland oder anderen Ländern dieses Foto verbreitet haben, um über das Coronavirus zu berichten. 

Stattdessen finden sich zahlreiche Posts mit dem Foto in Sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook, unter anderem auf Russisch, Spanisch oder Polnisch.

Keine Belege für den Ursprungsort oder -zeitpunkt des Fotos

Die Beiträge auf Sozialen Netzwerken tauchten erstmals Anfang Juni 2020 auf. Die Warnung auf dem Absperrband lässt darauf schließen, dass das Foto in einem spanischsprachigen Land entstanden ist. Der älteste Beitrag, den wir mit der Google-Rückwärtssuche fanden, stammt vom 6. Juni aus Mexiko

Corona: Puppe auf Liege und Rettungskräfte
Der älteste Beitrag mit dem Foto, den wir finden konnten, wurde am 6. Juni auf Facebook gepostet. (Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)

Er zeigt offenbar die vollständige Version des Fotos im Hochformat  Darauf ist im Vordergrund noch ein weißes Auto zu erkennen, doch auch das lässt keine Rückschlüsse darauf zu, wo das Foto gemacht wurde. 

Woher genau das Foto stammt und wann es entstanden ist, ist also unklar.

In den Kommentaren zu den Beiträgen diskutieren Nutzer ebenfalls über die Entstehung des Fotos. Immer wieder wird erwähnt, dass es sich bei der Szene auch um eine medizinische Übung handeln könnte. Dass Puppen für verschiedene medizinische Trainings und Notfallsimulationen für die Aus- und Weiterbildung genutzt werden, ist grundsätzlich international üblich. So gibt es in Deutschland beispielsweise die Gesellschaft zur Förderung der Simulation in der Medizin e.V

Simulationen mit Puppen sind ein Bestandteil der medizinischen Ausbildung

Der Verein erläutert die Frage, wozu es Simulationen braucht, wie folgt: In simulationsgestützten Trainings lernen Gesundheitsfachkräfte, unter Stress optimal zu kooperieren und zu handeln. Dies erhöht die Behandlungsqualität, die Patientensicherheit und die Zufriedenheit des medizinischen Personals.“ Auch Krankenhäuser selbst arbeiten für die Aus- und Weiterbildung medizinischer Fachkräfte mit Simulationen und Puppen, wie zum Beispiel die Berliner Charité.

Fazit: Es gibt keine Belege dafür, dass Medien das Foto einer Puppe verbreiten, um damit Angst vor Corona zu schüren. Das Bild wurde nach unseren Recherchen von keinem Medienunternehmen für die Berichterstattung genutzt. Das Foto findet sich lediglich in Sozialen Netzwerken und wird dort von Privatnutzern verbreitet. Es gibt keine Hinweise, wann und wo es entstanden sein könnte. Es ist aber möglich, dass es eine Übung zeigt. 

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Belege dafür, dass Medien das Foto in Berichten über das Coronavirus verwendet haben. 

Symbolfoto Covid-19
Die Behauptung, dass die WHO unspezifische Corona-Tests empfohlen habe, ist irreführend. (Symbolfoto: Gerd Altmann, Pixabay)

von Kathrin Wesolowski

In einem Online-Artikel wird behauptet, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) habe empfohlen, bei Corona-Tests nur auf ein „unspezifisches“ Gen zu testen. Damit seien vermutlich weltweit Menschen positiv getestet worden, die gar nicht mit SARS-CoV-2 infiziert seien. Diese Behauptung führt in die Irre.

In den Sozialen Netzwerken kursiert ein Artikel der österreichischen Wochenzeitung Wochenblick mit dem Titel „WHO empfahl völlig unspezifische Corona-Virentests“. Diese Tests seien seit Anfang April angewendet worden. Als Quelle wird eine Mitteilung auf der Webseite des Labors Augsburg MVZ vom 3. April angegeben. 

Der Wochenblick-Artikel wurde am 17. Mai 2020 veröffentlicht und bisher laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 6.500 Mal auf Facebook geteilt. Zentral geht es darin um PCR-Tests auf SARS-CoV-2. PCR steht für Polymerase-Ketten-Reaktion und wird zur Diagnostik von Infektionskrankheiten eingesetzt. Die Behauptung lautet, die WHO habe empfohlen, einen PCR-Test bereits dann als positiv auszuweisen, wenn nur eine bestimmte Gensequenz des Coronavirus nachgewiesen wurde (anstatt zwei Sequenzen). Diese sei aber „nicht spezifisch“ für SARS-CoV-2. Deshalb behauptet Wochenblick, die WHO habe „unspezifische“ Corona-Tests empfohlen und die Tests würden auch für andere Coronaviren positive Ergebnisse anzeigen. Es wird damit impliziert, dass die PCR-Tests unzuverlässig seien und die Fallzahlen weltweit in Wirklichkeit kleiner ausfallen würden. 

CORRECTIV hat die Behauptungen überprüft: Es stimmt, dass die WHO sagte, in Ausnahmefällen sei es ausreichend, nur auf ein Zielgen des Coronavirus zu testen. Größtenteils falsch ist jedoch die Schlussfolgerung, die Tests seien deshalb „völlig unspezifisch“.

Mitteilung auf der Webseite des Labors gelöscht

In dem Artikel wird als Quelle auf die Webseite des Labors Augsburg MVZ verwiesen. Dort war eine Mitteilung zu lesen, die mittlerweile gelöscht wurde. CORRECTIV hat sie aber archiviert

Darin hieß es, man habe PCR-Tests der Firma Roche verwendet und bisher immer die Messergebnisse für beide Zielsequenzen der PCR (ORF1- und E-Gen) getrennt angegeben. „Das ORF1-Gen ist dabei für SARS-CoV-2 spezifisch, während das E-Gen auch in anderen Coronaviren vorkommt […] Unter Berücksichtigung der epidemiologischen Situation und der insgesamt gestiegenen Positivenrate folgen wir ab sofort der WHO-Empfehlung und geben ein Ergebnis bereits dann als ,positiv’ heraus, wenn nur das E-Gen amplifiziert wurde.“ 

Ausschnitt der Mitteilung des Labors Augsburg MVZ. (Screenshot: CORRECTIV)

WHO empfiehlt PCR-Tests zum Testen auf Covid-19

Wir haben bei der WHO nachgefragt, ob sie eine solche Praxis empfohlen hat. Konkret auf unsere Anfrage, ob es ausreiche, bei einem Covid-19-Test auf das E-Gen zu testen, antwortete die WHO nicht direkt. Bei einem PCR-Test wird durch einen Abstrich eine Probe aus den Atemwegen entnommen und dann überprüft, ob Erbgut des Virus vorhanden ist. Die WHO teilte uns mit, dass bei PCR-Tests bisher folgende Gene als Nachweis für SARS-CoV-2 genutzt werden: N, E, S und RdRP.

Bei einem PCR-Test für SARS-CoV-2 soll laut WHO „in Regionen ohne Covid-19-Virus-Zirkulation“ auf mindestens zwei Gen-Zielsequenzen des Virus getestet werden. Davon solle vorzugsweise mindestens eine spezifisch für SARS-CoV-2 sein. „Da gegenwärtig keine anderen SARS-ähnlichen Coronaviren in der menschlichen Bevölkerung zirkulieren, ist es diskutierbar, ob der Test spezifisch für Covid-19 oder einen SARS-ähnlichen Coronavirus sein muss“, schrieb die WHO uns per E-Mail.

Ein Ausschnitt aus der E-Mail der WHO an CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

In Gebieten, in denen Covid-19 weit verbreitet ist, sei es jedoch ausreichend, mit dem PCR-Test nur einen Teil des Genoms zu testen, heißt es in einem Empfehlungsschreiben der WHO vom 19. März.

Ein Ausschnitt aus der Empfehlung der WHO vom 19. März. (Screenshot: CORRECTIV)

Es stimmt also, dass die WHO sagte, in Ausnahmefällen sei es ausreichend, nur auf ein Zielgen zu testen. Das Gen wird jedoch nicht genau benannt.

Mitteilung des Labors wurde irreführend interpretiert

Wochenblick interpretiert die Mitteilung des Labors über das „unspezifische E-Gen“ irreführenderweise so, dass die Tests auch auf alle anderen Arten von Coronaviren reagieren. „Patienten auf ,irgendein’ Corona-Virus positiv…“, heißt es in dem Artikel. Das ist jedoch nicht korrekt. Tatsächlich kann der Test laut Experten sowohl auf SARS-CoV-2 als auch auf das erste SARS-Virus anschlagen, das 2003 entdeckt wurde.

In einem anderen Faktencheck haben wir bereits den Virologen Christian Drosten, Leiter des Konsiliarlabors für Coronaviren an der Charité Berlin, zitiert, der mögliche Reaktionen auf andere Coronaviren als das SARS-Virus verneinte. Drosten hatte gemeinsam mit seinem Team den ersten weltweiten Diagnostiktest entwickelt. Im NDR-Podcast sagte er: „Wenn wir eine Patientenprobe testen und die ist positiv, dann ist es dieses neue Coronavirus und auf gar keinen Fall eins der bekannten anderen Coronaviren.“(PDF, Folge 16 des NDR-Podcasts)

Theoretisch sei es zwar möglich, dass der Test gegen das alte SARS-Coronavirus reagieren würde. Allerdings sei dieses Virus seit 16 Jahren nicht mehr beim Menschen aufgetreten. Auch bei einigen Fledermaus-Coronaviren würde der Test theoretisch reagieren. Praktisch sei das jedoch irrelevant, weil auch diese nicht beim Menschen auftreten: „Wir testen mit diesem Test nur das neue Coronavirus beim Menschen“, sagte Drosten im Podcast.

Virologe: SARS-CoV kommt beim Menschen seit Jahren nicht mehr vor

In der Mitteilung des Augsburger Labors stand, das ORF1-Gen sei für SARS-CoV-2 spezifisch, während das E-Gen auch „in anderen Coronaviren“ vorkomme. Wir fragten Bodo Plachter, Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie der Universitätsmedizin Mainz an, worum es sich bei dem E-Gen und dem ORF-1-Gen genau handelt. 

Er schrieb uns per E-Mail, dass ein grundsätzliches Problem von Diagnostiken sei, dass Erreger mutieren. Um beim Testen wirklich herauszufinden, um welches Virus es sich handelt, müsse deswegen ein Gen-Abschnitt gefunden werden, der nicht mutiere und immer gleich bleibe. 

Ein solcher Genabschnitt ist laut Bodo Plachter das Hüllprotein E, auch E-Gen genannt, das bei SARS-CoV-2 vorhanden ist. „Ein nahezu identischer Abschnitt findet sich auch im E-Gen von SARS-CoV Virus, dem Erreger, der vor Jahren einen Ausbruch verursacht hat. Da dieser Erreger aber im Augenblick bei uns nicht vorkommt, ist es unerheblich, wenn hier ,Kreuzreaktivität’ vorliegt“, schrieb uns der Virologe. 

Ein Ausschnitt aus der E-Mail des Virologen Bodo Plachter an CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

Behauptung führt in die Irre

Bodo Plachter schrieb zudem, dass in der Diagnostik üblicherweise ein „Bestätigungstest“ durchgeführt werden würde. ORF1 ist dabei eine andere Genomregion, auf die in einem Coronatest getestet werden kann. „Bei SARS-CoV begibt man sich auf eine sichere Seite und führt in aller Regel zwei NATs in unterschiedlichen Genomregionen durch“, schrieb Bodo Plachter.

Die Behauptung, das E-Gen sei unspezifisch für SARS-CoV-2, ist demnach zwar richtig, führt aber in die Irre. Denn es ist nicht relevant, dass es auch in dem alten SARS-Virus vorhanden ist – dieses tritt aktuell nicht beim Menschen auf. Deshalb weist ein Test auf das E-Gen aktuell bei positivem Ergebnis ausschließlich auf das neue Coronavirus SARS-CoV-2 hin, das die Krankheit Covid-19 verursacht.

Update, 2. Juli 2020: Kurz nach der Veröffentlichung wurden wir auf die entsprechende Empfehlung der WHO von März 2020 hingewiesen. Wir haben daher diesen Teil des Textes überarbeitet und die Quelle ergänzt.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Der PCR-Test ist nicht „unspezifisch“; er könnte zwar auch auf das erste SARS-Virus reagieren, dies hat jedoch keinen Einfluss auf die aktuellen Fallzahlen.

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In Schweden habe es einen Tag lang keine Corona-Toten gegeben, was als „Wendepunkt der Pandemie“ gewertet werden könne, wird in einem Artikel behauptet. Es fehlt jedoch zentraler Kontext. (Symbolbild: Pixabay / Andy H)

von Lea Weinmann

In Schweden habe es einen Tag lang keine neuen Corona-Todesfälle gegeben, wird in mehreren Artikeln behauptet. Tatsächlich haben die schwedischen Behörden Ende Mai für 24 Stunden keine neuen Fälle gemeldet – es gab aber Nachmeldungen. Dass die Zahlen sich noch ändern können, wird in den Berichten nicht erwähnt. Das macht sie irreführend.

„Von wegen ‘gescheiterte Strategie’: In Schweden keine Corona-Todesfälle mehr“ lautet der Titel eines Artikels, der am 2. Juni von Journalistenwatch und auf Pravda publiziert wurde. Laut dem Analysetool Crowdtangle wurden die beiden Texte zusammengenommen fast 3.800 Mal auf Facebook geteilt.

Die Überschrift ist irreführend, da sie eine dauerhafte Entwicklung andeutet. Die Behauptung bezieht sich jedoch nur auf einen Meldezeitraum von einem Tag und stimmt nur teilweise. Es ist richtig, dass die schwedische Gesundheitsbehörde auf ihrer Webseite Ende Mai innerhalb von 24 Stunden keine neuen Corona-Todesfälle meldete. Für den 29. und 30. Mai wurde demnach zunächst kein Fall gemeldet. Die Behörde wies bei der Veröffentlichung der Zahlen jedoch darauf hin, dass es zu Nachmeldungen kommen könnte – was dann auch passierte. Diese Information wird in den Artikeln weggelassen.

Mittlerweile wurden für den 29. und 30. Mai Corona-Todesfälle in Schweden nachgemeldet

Im Vorspann der Texte steht: „Auch Schweden ist nun an dem ultimativen Wendepunkt der Pandemie angelangt […]: Erstmals gab es am Freitag und Samstag dort keinen einzigen Covid-19-assoziierten Todesfall.“ Die Behauptung zum Ausbleiben neuer Corona-Toten wird in dem Artikel als Beleg für den Erfolg des „Sonderwegs“ der schwedischen Regierung in der Corona-Krise interpretiert.

Mit Stand vom 29. Juni geben die schwedischen Gesundheitsbehörden auf ihrer Webseite jedoch 40 neue Corona-Todesfälle für den 29. Mai an und weitere 39 neue Fälle für den 30. Mai. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) meldete Schweden an diesen Tagen 46 (für den 29. Mai) und 84 neue Corona-Todesfälle (für den 30. Mai, Stand: 29. Juni).

Die Statistik der Corona-Todesfälle auf der Webseite der schwedischen Gesundheitsbehörde zeigt für den 29. Mai 40 Corona-Todesfälle. (Quelle: Folkhälsomyndigheten, Screenshot: CORRECTIV)
Die Statistik der Corona-Todesfälle auf der Webseite der schwedischen Gesundheitsbehörde zeigt für den 30. Mai 39 Corona-Todesfälle. (Quelle: Folkhälsomyndigheten, Screenshot: CORRECTIV)

WHO hat andere Zählweise als schwedische Gesundheitsbehörden

Dass die WHO andere Zahlen meldet als die schwedischen Gesundheitsbehörden, hängt mit einer unterschiedlichen Zählweise zusammen, erklärt uns eine Sprecherin der schwedischen Gesundheitsbehörde Folkhälsomyndigheten per E-Mail: Im Dashboard der schwedischen Behörden werden die Verstorbenen „dem eigentlichen Todesdatum zugeordnet“, schreibt sie. Wenn die WHO also 84 neue Todesfälle für Schweden angibt, bedeute das nicht, dass diese Menschen alle zwischen dem 28. und 29. Mai gestorben seien, sondern dass diese Todesfälle sich über mehrere Tage in der Vergangenheit ereignet hätten.

Per E-Mail erklärt uns eine Sprecherin der schwedischen Gesundheitsbehörde, wie Schweden neue Corona-Todesfälle meldet und zählt. (Screenshot: CORRECTIV)

Mit dem Wissensstand von heute ist es also falsch, dass Schweden am 29. oder 30. Mai keine neuen Corona-Todesfälle meldete. Da die Artikel allerdings schon am 2. Juni veröffentlicht wurden, bezieht sich unser Faktencheck auf den Stand der am 2. Juni verfügbaren Informationen.

Artikel beziehen sich auf ORF-Meldung vom 31. Mai

Eine Quelle für die Behauptung zu den Corona-Todeszahlen in Schweden ist in dem Artikel nicht genannt, sie bezieht sich aber offenbar auf eine verlinkte Meldung des ORF vom 31. Mai. Darin steht tatsächlich, dass in Schweden erstmals seit März innerhalb von 24 Stunden kein neuer Todesfall in Zusammenhang mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 gemeldet worden sei. Das habe die nationale Gesundheitsbehörde „gestern“ (also am 30. Mai) mitgeteilt.

Die Sprecherin der schwedischen Gesundheitsbehörde bestätigt uns diesen Fakt per E-Mail. Die Behörde habe diese Zahlen auf ihrer Webseite veröffentlicht, es habe aber nie eine öffentliche Meldung dazu gegeben. „Wenn verschiedene Regionen in Schweden die Zahlen an die Gesundheitsbehörde melden, gibt es oft Verzögerungen. Deswegen sind die Zahlen ein bisschen unsicher“, schreibt die Sprecherin weiter.

E-Mail der schwedischen Gesundheitsbehörde an CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

ORF wies auf Unsicherheiten hin – diese Information fehlt im Artikel

Der ORF macht diese Unsicherheit im darauffolgenden Satz seiner Meldung transparent: „Die Behörden wiesen aber bereits darauf hin, dass sich die Meldung weiterer Opfer über das Wochenende für gewöhnlich verzögere – und damit zu Beginn der Woche noch Todesfälle nachgemeldet werden könnten.“

Das ist in den Tagen darauf auch passiert. Diese Information oder ein Update mit aktualisierten Zahlen fehlen in dem Artikel von Journalistenwatch und Pravda allerdings. Das macht den Artikel für Leser irreführend. Durch die Formulierung, insbesondere des Titels, entsteht der Eindruck, die Meldedaten der schwedischen Behörden seien schon zu diesem Zeitpunkt gesichert gewesen und Änderungen seien nicht mehr zu erwarten gewesen.

Schweden hat vergleichsweise viele Corona-Todesfälle – die Zahl sinkt jedoch

Nichtsdestotrotz ist es richtig, dass die Zahl der neu gemeldeten Corona-Todesfälle in Schweden rückläufig ist: Meldeten die Behörden Mitte Mai täglich noch etwa 50 neue Corona-Todesfälle (46 Fälle am 14. Mai, 57 Fälle am 15. Mai), pendelten sich die Angaben zuletzt im unteren einstelligen Bereich ein (5 Fälle am 28. Juni, 2 Fälle am 29. Juni, Stand: 30. Juni). Auch die Zahl der Intensivpatienten mit Covid-19 sinkt.

Dass seit Anfang Juni die Infiziertenzahlen gleichzeitig steigen, führen die Schweden auf eine Änderung des Testverfahrens zurück: „In Woche 23 wurde die Probenahme in mehreren Regionen auf Personen mit leichten Symptomen ausgeweitet. Dies hat zu einem starken Anstieg der Anzahl neu bestätigter Fälle geführt“, schreibt die schwedische Gesundheitsbehörde auf ihrer Webseite [eigene Übersetzung].

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Die Sprecherin der Gesundheitsbehörde bestätigt CORRECTIV per E-Mail, dass es am 5. Juni dazu einen Erlass der schwedischen Regierung an die Gesundheitsbehörde und die regionalen Verwaltungen gegeben habe. „Es änderte sich dadurch, wer getestet wird“, schreibt sie. „Die meisten Tests vor diesem Datum wurden bei Personen durchgeführt, die Krankenhauspflege benötigen, in Altenheimen leben oder zum Gesundheitspersonal gehören. Jetzt werden auch Menschen mit leichten Symptomen, die keine Krankenhausbehandlung benötigen, getestet – und daher wird die Zahl der positiven Tests zunehmen.“

Per E-Mail bestätigt die schwedische Gesundheitsbehörde, dass sie wegen einer veränderten Teststrategie mit mehr Positiv-Getesteten rechnet. (Screenshot: CORRECTIV)

Im Vergleich zu seinen Nachbarländern verzeichnet Schweden laut ECDC wesentlich mehr Todesfälle im Verhältnis zur Einwohnerzahl: Mit mehr als 52 Corona-Tote pro 100.000 Einwohner liegt die relative Zahl höher als die von Dänemark (10,4), Finnland (5,9) und Norwegen (4,7) zusammengerechnet (Stand: 30. Juni). Deutschland verzeichnet laut ECDC 10,8 Corona-Tote pro 100.000 Einwohner.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Schweden hat am 30. Mai keine neuen Corona-Toten gemeldet, der Grund war jedoch ein Meldeverzug.

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Die Corona-Warn-App der Bundesregierung nutzt keine persönlichen Kontaktdaten. (Symbolfoto: Unsplash/ Kai Pilger)

von Uschi Jonas

In einem Beitrag auf Facebook wird behauptet, dass die Corona-Warn-App der Bundesregierung auf die gespeicherten Kontakte der App-Nutzer zugreife. Sie würden zur Identifizierung und zum Tracking von Personen genutzt. Das ist falsch.

In einem Beitrag auf Facebook fordert ein Facebook-Nutzer Freunde und Bekannte dazu auf, ihn aus ihrer Telefonkontaktliste und von Sozialen Netzwerken zu löschen, sollten sie die Corona-Warn-App der Bundesregierung auf ihrem Smartphone installieren. 

Der Grund: Du hast nicht meine Zustimmung, meine Telefonnummer in Verbindung mit deiner App zur Identifizierung, Tracking oder Standort meiner Person zu verwenden, denn wenn Du diese App hast, werden alle Deine Kontakte bekannt sein.” 

 

Im Facebook-Beitrag ist einmal von der Corona-App” und einmal von der STOPCOVID-App” die Rede. Der Beitrag stammt vom 16. Juni, und der Facebook-Nutzer schreibt: Ab heute wird es in Deutschland die Corona-App zum Download geben”. Da die Corona-Warn-App der Bundesregierung seit dem 16. Juni zum Download bereit stand, ist davon auszugehen, dass sich der Facebook-Beitrag auf diese App bezieht. 

Der Bild-Beitrag suggeriert, dass die Corona-Warn-App der Bundesregierung zur Identifizierung und zum Tracking die gespeicherten Kontakte der App-Nutzer verwende. Das ist falsch. Die Bundesregierung betont, dass die Warn-App in keiner Weise auf die persönlichen Daten der App-Nutzer zugreife. Auch ein Datenschutz-Experte vom Chaos Computer Club bestätigt das gegenüber CORRECTIV.

In einem Facebook-Beitrag wird davor gewarnt, die Corona-Warn-App nutze personenbezogene Daten zur Identifizierung und zum Tracking. Das ist falsch. (Screenshot: CORRECTIV)

Corona-Warn-App nutzt Zufallscodes, Nutzer bleiben laut Regierung anonym

Laut Bundesregierung basiert das Konzept der Corona-Warn-App darauf, lediglich anonymisierte Kontakt-IDs auszutauschen, nicht jedoch Identitäten oder Daten der Handynutzer. Konkret schreibt die Bundesregierung dazu: Die Corona-Warn-App nutzt die Bluetooth-Technik, um den Abstand und die Begegnungsdauer zwischen Personen zu messen, die die App installiert haben. Die Smartphones ‘merken’ sich Begegnungen, wenn die vom RKI festgelegten Kriterien zu Abstand und Zeit erfüllt sind. Dann tauschen die Geräte untereinander Zufallscodes aus. […] Zu keinem Zeitpunkt erlaubt dieses Verfahren Rückschlüsse auf Sie oder Ihren Standort.“

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Darüber hinaus betont die Bundesregierung: Wenn Sie die App nutzen, bleiben Sie jederzeit anonym. Wenn Sie sich in der App anmelden, müssen Sie keine persönlichen Daten (wie E-Mail-Adresse und Name) angeben. […] Alle Daten – beispielsweise zu Begegnungen mit anderen die App nutzenden Personen – werden verschlüsselt und ausschließlich auf dem eigenen Smartphone gespeichert. […] Daten, die eine Person identifizierbar machen, insbesondere Positionsdaten, werden nicht ausgelesen, verwendet oder gespeichert.”

Datenschutz-Experte: Theoretisch ist nur die Identifikation eines als infiziert gemeldeten App-Nutzers möglich

Jochim Selzer ist Mitglied im Chaos Computer Club (CCC), Datenschutzaktivist und ehrenamtlicher Datenschutzbeauftragter zweier Kirchenkreise in NRW. Er beschreibt auf Nachfrage von CORRECTIV, dass es laut einer Analyse der Technischen Universität Darmstadt ein theoretisches Szenario gebe, das unter bestimmten Voraussetzungen die Identifikation einer Person, die sich in der App als infiziert gemeldet hat, ermögliche. Allerdings betreffe das lediglich diesen als infiziert gemeldeten App-Nutzer – keine anderen Nutzer und auch keine gespeicherten Kontakte von anderen Nutzern. 

Selzer betont zudem: Wegen des relativ hohen Aufwands und der Tatsache, dass der Angriff nur innerhalb des Sensorennetzes [Bluetooth, Anm. d. Red.] und auch nur bei sich als infiziert gemeldeten Personen funktioniert, schätze ich die Praxisrelevanz dieses Angriffs als niedrig ein. Eine Überwachung aller Nutzerinnen der Corona-Warn-App ist auf diese Weise nicht möglich.

Ausschnitt aus der E-Mail von Jochim Selzer vom Chaos Computer Club an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)

Die Corona-Warn-App speichert oder nutzt keine Kontakte der App-Nutzer

Auf die schriftliche Nachfrage von CORRECTIV, ob die Corona-Warn-App Daten der gespeicherten Kontakte der App-Nutzer in irgendeiner Form nutze, schreibt das Bundesgesundheitsministerium: „Nein.

Ein Ausschnitt aus der E-Mail des Bundesgesundheitsministeriums an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)

Datenschutz-Experte Selzer sagte CORRECTIV dazu: „Die […] Corona-Warn-App liegt unter Github Corona Warn App im Quellcode vor und kann jederzeit auf Hintertüren und Schwachstellen untersucht werden. Untersuchungen des Quellcodes fanden von mehreren Stellen statt und erbrachten keine Hinweise auf datenschutzrechtlich unzulässige Funktionen wie beispielsweise Zugriff auf das Adressbuch des Smartphones oder GPS-Koordinaten.“

Ein Ausschnitt der E-Mail von Jochim Selzer an CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

Fazit: Behauptungen, laut denen die Corona-Warn-App auf die gespeicherten Kontakte auf dem Handy des Nutzers zugreife und diese zur Identifizierung und zum Tracking von Personen nutze, sind falsch. Nach Angaben von Experten und der Bundesregierung speichert oder versendet die Corona-Warn-App weder personenbezogene Daten der Nutzer der App, noch ihrer gespeicherten Kontakte. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Die Corona-Warn-App der Bundesregierung speichert keine personenbezogenen Daten ihrer Nutzer oder ihrer Kontakte.

Virus Outbreak Belgium
Ein Labortechniker während der Forschung am Coronavirus in Beerse, Belgien, am 17. Juni 2020. (Symbolbild: AP Photo/Virginia Mayo)

von Cristina Helberg

Weltweit kursiert aktuell die virale Behauptung, das neue Coronavirus SARS CoV-2 sei eigentlich ein Bakterium und kein Virus. Die Patienten würden an nichts anderem als an Thrombosen sterben und Italien habe das Virus besiegt. Diese und weitere Behauptungen sind falsch. Wir erklären, warum.

In einem Text der Webseite Liebe isst Leben vom 30. Mai wird behauptet, italienische Ärzte hätten die Heilung für Covid-19 gefunden: Sie hätten herausgefunden, dass das Coronavirus SARS-CoV-2 eigentlich ein Bakterium sei und kein Virus. Die aus dem Virus entstehende Krankheit, das „sogenannte Covid-19“, sei nichts anderes als eine Thrombose. Das ist falsch. 

Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle insgesamt mehr als 650 Mal auf Facebook geteilt und in mehreren Facebook-Gruppen weiter verbreitet, darunter den Gruppen „Wutbürger, Widerstand leisten ist jetzt Pflicht“ und „Qanon Europa“. 

Die Falschinformation wird aber nicht nur in Deutschland verbreitet. Dieselben Behauptungen, teilweise im Wortlaut identisch, wurden auch von Faktencheckern in Peru, Kolumbien, auf den Philippinen, in Nigeria, Ägypten, Indien, Australien, Kenia, der Türkei und der Ukraine geprüft und für falsch befunden. CORRECTIV kooperiert im Rahmen des International Fact-Checking Network mit Faktencheck-Organisationen weltweit. 

SARS-CoV-2 ist kein Bakterium, sondern ein Virus 

Die erste zentrale Behauptung des Textes lautet: Italienische Ärzte hätten bei Autopsien festgestellt, dass „es sich nicht um einen Virus, sondern um eine Bakterie handelt, die den Tod verursacht“. Das ist falsch. 

Die WHO informiert auf ihrer Webseite regelmäßig über populäre Falschmeldungen rund um das Coronavirus SARS-CoV-2. Am 9. Juni veröffentlichte die Organisation eine Klarstellung zu der Bakterien-Behauptung: „Die Coronavirus-Krankheit (Covid-19) wird durch ein Virus verursacht. NICHT durch Bakterien. Das Virus, das Covid-19 verursacht, gehört zu einer Familie von Viren namens Coronaviridae.“ 

In den vergangenen Monaten kursierte außerdem die Behauptung, Antibiotika würden gegen die durch das Coronavirus SARS-CoV-2 ausgelöste Krankheit Covid-19 helfen. Diese Falschmeldung hängt indirekt auch mit der Frage zusammen, ob es sich um Bakterien oder Viren handelt. Deshalb stellt die WHO weiter klar: „Antibiotika wirken nicht gegen Viren. Einige Menschen, die an Covid-19 erkranken, können als Komplikation auch eine bakterielle Infektion entwickeln. In diesem Fall können Antibiotika von einem Gesundheitsversorger empfohlen werden.“ 

Auch das Robert-Koch-Institut schreibt auf seiner Webseite: „Nicht selten leiden Covid-19-Patienten unter weiteren Infektionen: Bei 5 – 40 Prozent der Patienten kam es zu Co-Infektionen. […] Zudem wurden in einigen Fällen Superinfektionen mit multiresistenten Bakterien […] festgestellt.“

Information auf der Webseite des Robert-Koch-Institutes. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Behauptung ist also falsch. Das Coronavirus ist kein Bakterium. Es kann aber während einer Covid-19-Erkrankung zu zusätzlichen Infektionen mit Bakterien kommen. Diese können, anders als Viren, mit Antibiotika behandelt werden. 

Nein, die WHO hat Autopsien von Corona-Toten nicht verboten 

Weiter wird im Text behauptet, italienische Ärzte hätten gegen ein „Weltgesundheitsgesetz“ der WHO verstoßen, das Autopsien von Coronavirus-Toten verboten habe. Das ist falsch. Im März gab die WHO in einem offiziellen Papier sogar Empfehlungen, was man bei einer Autopsie von Corona-Toten beachten solle.  

Auch italienische Behörden haben Autopsien nicht verboten, jedoch davon abgeraten, wie die italienischen Faktenchecker der Webseite Open im Mai recherchierten. Das Gesundheitsministerium gab dennoch Hinweise, wie Autopsien von Corona-Toten sicher durchgeführt werden können. Allerdings sind in Italien offenbar viele Autopsieräume nicht für diese sichere Durchführung geeignet. Bereits am 22. April wurde eine Studie über die Ergebnisse von Autopsien an 38 verstorbenen italienischen Covid-19-Patienten als Preprint veröffentlicht. 

Die Behauptung ist also ebenfalls falsch. Weder die WHO, noch die italienischen Behörden haben Autopsien verboten. 

Nein, Covid-19 ist nicht gleichbedeutend mit einer Thrombose

Weiter wird im Text behauptet, italienische Ärzte hätten herausgefunden, dass Covid-19 „nichts anderes als […] Thrombose“ sei. 

Auch diese Behauptung ist falsch, aber nicht neu. Bereits im April wurde in einem Whatsapp-Kettenbrief behauptet, Autopsien in Italien hätten gezeigt, dass Covid-19 Patienten nicht an Lungenentzündung, sondern an einer Thrombose sterben würden. Deshalb benötigten Krankenhäuser angeblich weder Beatmungsgeräte noch Intensivstationen. Diese Behauptung greift auch die Seite Liebe isst Leben erneut auf. Warum das nicht stimmt, haben wir in einem Faktencheck recherchiert

In der noch nicht abschließend bewerteten Studie italienischer Ärzte vom 22. April 2020 über die Autopsien von 38 Corona-Patienten steht: „Das vorherrschende Muster von Lungenläsionen bei Covid-19-Patienten ist DAD, wie auch bei den beiden anderen Coronaviren, die den Menschen infizieren, SARS-CoV und MERS-CoV.“ DAD steht für „diffuser Alveolarschaden“, eine Schädigung der Lungenbläschen. 

Weiter steht in dem Preprint: „Unsere Daten unterstützen nachdrücklich die Hypothese, von neueren klinische Studien, dass Covid-19 durch Blutgerinnungsstörung und Thrombose verkompliziert wird, oder eng damit zusammenhängt“ (PDF, Seite 5). Die Autoren beobachteten Thromben – Blutgerinnsel – bei 33 der 38 untersuchten Patienten. Aus diesem Grund werde eine Verwendung von Antikoagulanzien, also gerinnungshemmenden Medikamenten, vorgeschlagen.  

Die Autoren ziehen also keinesfalls den Schluss, dass Patienten mit Covid-19 ausschließlich an Thrombosen starben. Sie warnen jedoch, dass diese offenbar häufig auftreten. 

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Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) führt neben Lungenentzündungen schon seit Ende Januar Thrombopenie als mögliche Komplikation in kritischen Fällen von Covid-19 auf. (PDF, Seite 3) Thrombozytopenie ist eine deutliche Verminderung der Zahl der Blutplättchen, die das Risiko für eine Thrombose erhöht. Die WHO rät deshalb zur Anwendung von gerinnungshemmendem Heparin bei Patienten, bei denen keine anderen Umstände dagegen sprechen. (PDF, Seite 8)

Auch andere Studien weisen auf die Gefahr von Thrombosen hin, zum Beispiel eine am 10. April erschienene niederländische Studie

Die Behauptung ist also größtenteils falsch. Thrombosen treten bei Covid-19 Patienten offenbar häufig auf. Das heißt aber nicht, dass alle Covid-19 Patienten ausschließlich an Thrombosen sterben. 

Nein, Italien hat das Coronavirus nicht „besiegt“

Weiter wird im Text von Liebe isst Leben behauptet, Italien habe das Coronavirus „besiegt“ und eine Heilung gefunden. Das ist falsch. Die Zahlen sind in Italien zwar deutlich gesunken, am 23. Juni meldete das zuständige Ministerium aber immer noch 122 neue Fälle im Vergleich zum Vortag. 

5G, Aspirin und Zink – ein Mix aus falschen Behauptungen und unbelegten Empfehlungen

Der Artikel endet mit einer Warnung an die Leserinnen und Leser und einer Handlungsempfehlung, die mehrere Falschmeldungen der vergangenen Monate vermischt. 

Eine davon: Angeblich werde das Coronavirus (beziehungsweise das angebliche Bakterium) durch die Strahlung des neuen Mobilfunkstandards 5G verstärkt. Für einen Zusammenhang gibt es jedoch keine Belege. Wir haben mehrere Faktenchecks dazu veröffentlicht. 

Behauptungen zu 5G, Zink und Aspirin in dem Artikel der Webseite Liebe isst Leben. (Screenshot: CORRECTIV)

Außerdem wird in dem Artikel zur Einnahme von Aspirin geraten. Das italienische Gesundheitsministerium haben die Covid-19-Behandlungsprotokolle geändert und verabreiche Patienten nun Aspirin und Apronax. 

Aspirin und Apronax gehören zu den nicht-steroidalen entzündungshemmenden Medikamenten, für die laut WHO bisher weder Vorteile, noch Nachteile für Covid-19 Patienten nachgewiesen sind. 

Die Behauptung, italienische Behörden hätten die Behandlungsprotokolle geändert, ist falsch. Auf der Webseite des italienischen Gesundheitsministeriums steht weiterhin: „Gegenwärtig gibt es keine spezifische Behandlung für die durch das neue Coronavirus verursachte Krankheit. Die Behandlung basiert nach wie vor hauptsächlich auf einem symptomatischen Ansatz, bei dem den Infizierten unterstützende Therapien (z.B. Sauerstofftherapie, Flüssigkeitsmanagement) zur Verfügung gestellt werden, die dennoch hochwirksam sein können.“ 

Die Webseite des Ministeriums verweist außerdem auf eine Übersicht der italienischen Arzneimittelagentur (AIFA) für Medikamente, die aktuell bei COVID-19-Patienten im Rahmen von klinischen Versuchen eingesetzt werden. Aspirin und Apronax tauchen darin nicht auf. 

Auch zu der falschen Behauptung, Aspirin könne Covid-19 heilen, haben wir bereits in der Vergangenheit einen Faktencheck veröffentlicht. 

Verbraucherzentrale warnt vor falschen Heilungsversprechen 

Zusätzlich rät der Text der Webseite Liebe isst Leben zur Einnahme von Zink. Schon seit Beginn der Corona-Pandemie kursieren immer wieder fragwürdige Empfehlungen für Nahrungsergänzungsmittel gegen das Coronavirus. 

Die Verbraucherzentrale warnt: „Es gibt keine Nahrungsergänzungsmittel, die eine Erkrankung mit dem neuartigen Coronavirus (SARS-CoV-2) verhindern können.“ Auf ihrer Webseite geht die Zentrale detailliert auf verschiedene Nahrungsergänzungsmittel ein. Zu Zink steht dort: „Auch bestimmte Mineralstoffe wie Selen, Zink, Eisen und Kupfer sind wichtig für ein normales Immunsystem. Das funktioniert aber nur, wenn vorher ein Defizit bestanden hat. Ein Zuviel an Mineralstoffprodukten bringt die feinen Regelkreisläufe im Körper durcheinander.“

Auch zur Einnahme von sogenannten Antikoagulantien (Gerinnungshemmern) rät die Webseite. Tatsächlich hat ein Arbeitskreis des RKI am 18. Juni in einem Papier die Möglichkeit erwähnt, Corona-Patienten Gerinnungshemmer zur Thrombosevorbeugung zu verabreichen. Die Autoren warnen aber ausdrücklich vor einem Blutungsrisiko, und die Empfehlung gilt nur für Patienten, die stationär im Krankenhaus behandelt werden und unter der Aufsicht von Ärzten stehen (PDF, Seite 7).

Die Empfehlungen der Webseite für Medikamente oder Nahrungsergänzungsmittel führen also alle in die Irre. Aspirin und Apronax haben laut WHO keinen Effekt im Zusammenhang mit dem Virus. Laut dem italienischen Gesundheitsministerium gibt es gegenwärtig keine spezifische Behandlung für Covid-19. Die Einnahme von Zink ist nur sinnvoll, falls ein Defizit besteht. Die Einnahme von Gerinnungshemmern birgt Risiken wie Blutungen und sollte ausschließlich mit Ärzten beraten werden.

Unsere Bewertung:
Falsch. Das SARS-CoV-2 ist kein Bakterium, Italien hat das Coronavirus noch nicht besiegt und Thrombosen sind nicht die alleinige Todesursache von Corona-Patienten.