Faktencheck

Impfung gegen Covid-19 „sinnlos“? Sucharit Bhakdi stellt unbelegte Behauptungen auf

In einem Youtube-Interview behauptet der Mediziner Sucharit Bhakdi unter anderem, der Impfstoff gegen Covid-19 sei sinnlos und Corona nicht gefährlicher als ein Grippevirus. Die meisten seiner Aussagen sind unbelegt.

von Kathrin Wesolowski

Screenshot Titelbild
In einem Interview mit Sucharit Bhakdi werden teilweise falsche Behauptungen aufgestellt. (Screenshot: CORRECTIV)
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Unbelegt. Sucharit Bhakdi stellt in dem Interview mehrere unbelegte Behauptungen auf. Zwei Aussagen sind richtig, zwei falsch.

Sucharit Bhakdi, ehemals Leiter des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene  der Universitätsmedizin Mainz, behauptet in einem Video-Interview auf Youtube über das neuartige Coronavirus unter anderem, dass Tote mit Corona kaum obduziert würden, alle gestorbenen Patienten Vorerkrankungen gehabt hätten und eine Impfung keinen Sinn mache, weil das Virus mutieren könne. 

Das Interview mit dem Titel „Impfung gegen Covid-19 sinnlos“ wurde am 25. April auf dem Youtube-Kanal Punkt.Preradovic der ehemaligen RTL-Moderatorin Milena Preradovic veröffentlicht. Es wurde bisher mehr als 271.000 Mal aufgerufen. Preradovic teilte es auch auf ihrem Facebook-Kanal. Hier wurde es bisher mehr als 46.000 Mal aufgerufen und mehr als 1.000 Mal geteilt. 

Während des Interviews (ab Minute 3:58 bis Minute 9:40) bezieht sich der Arzt immer wieder auf eine Studie von John P. A. Ioannidis, einem Medizinprofessor der Stanford University. Laut Medienberichten wurde die Studie von Ioannidis jedoch von anderen Experten kritisiert – unter anderem weil dort Antikörpertests verwendet wurden, die noch unzuverlässig seien. 


Bhakdi argumentiert anhand der Daten dieser Studie, dass die Wahrscheinlichkeit, im Alter von über 80 Jahren an Covid-19 zu sterben, in Deutschland geringer sei als die Wahrscheinlichkeit, zum Beispiel an Herzerkrankungen oder Krebs zu sterben. Er begründet damit seine Meinung, dass die Lungenerkrankung Covid-19 nicht wirklich gefährlich sei.   

Um diese These weiter zu stützen, stellt Bhakdi in dem Interview auch mehrere Tatsachenbehauptungen auf und bestätigt Aussagen der Moderatorin Milena Preradovic. Sieben dieser konkreten Behauptungen hat CORRECTIV überprüft. Das Ergebnis: Die meisten sind unbelegt, zwei sind richtig und zwei falsch. 

1. Behauptung: Es wird nicht differenziert, ob ein Covid-19-Toter mit oder an dem Virus verstorben ist 

Diese Behauptung stellt Sucharit Bhakdi ab Minute 1:45 im Video auf. In der Statistik des Robert-Koch-Instituts (RKI) werden die Covid-19-Todesfälle gezählt, bei denen ein Nachweis des Erregers SARS-CoV-2 vorliegt. Das RKI schreibt dazu auf der eigenen Webseite, dass es in der Praxis häufig schwierig zu entscheiden sei, inwieweit die Corona-Infektion direkt zum Tode beigetragen habe. 

„Sowohl Menschen, die unmittelbar an der Erkrankung verstorben sind (‘gestorben an’), als auch Personen mit Vorerkrankungen, die mit SARS-CoV-2 infiziert waren und bei denen sich nicht abschließend nachweisen lässt, was die Todesursache war (‘gestorben mit’), werden derzeit erfasst”, heißt es dort.

Fazit: Die Behauptung ist richtig.

2. Behauptung: Italien verkündete offiziell, dass 88 Prozent der Verstorbenen mit Covid-19 nicht an Corona gestorben seien

Diese Behauptung stellt Bhakdi ab Minute 11:48 auf. In dem Text zu dem Youtube-Video steht, dass sich Sucharit Bhakdi bei seinen Behauptungen zu Italien auf ein Interview des Professors Walter Ricciardi in der britischen Tageszeitung The Telegraph beziehe. Ricciardi ist Mitglied des European Advisory Committee on Health, eines Gesundheitskomitees der WHO. Laut italienischem Gesundheitsministerium arbeitet er auch mit der Regierung Italiens während der Corona-Krise zusammen.

Screenshot des Textes zum YouTube-Video von Punkt.Preradovic. (Screenshot: CORRECTIV)

In dem Artikel von The Telegraph vom 23. März wird Ricciardis Aussage zitiert, eine Re-Evaluierung des italienischen Gesundheitsministeriums habe gezeigt, dass nur zwölf Prozent der Todesfälle eine direkte Kausalität zu der Infektion mit dem Coronavirus gezeigt hätten. 88 Prozent der Toten hätten mindestens eine Vorerkrankung gehabt. Dass sie nicht an Corona gestorben seien, sagte er in dem Interview nicht. 

Screenshot der Behauptung von Walter Ricciardi in einem Artikel des Telegraph. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf unsere Anfrage schrieb uns Walter Ricciardi, dass seine Aussage in dem Interview korrekt sei – einen Beleg schickte er uns allerdings nicht. Die Gesundheitsbehörde Italiens reagierte nicht auf unsere Presseanfrage.

Fazit: Die Behauptung ist unbelegt.

3. Behauptung: In Deutschland und Italien sind kaum Autopsien durchgeführt worden

Ab Minute 12:05 stellt die Moderatorin Milena Preradovic diese Behauptung auf, die der Arzt Bhakdi Sucharit daraufhin bestätigt. 

Auf unsere Presseanfrage verweist der Bundesverband Deutscher Pathologen auf ein Interview seines Präsidenten Karl-Friedrich Bürrig mit der Ärztezeitung vom 14. Mai. Darin werden Bürrigs Aussagen zitiert, dass eine Obduktionsquote von um die 30 Prozent statistische Aussagen zulassen würde. In einem Infokasten am Ende des Textes steht, dass bislang erst um die 200 mit Covid-19 infizierte Verstorbene obduziert worden seien. 

Auszug aus dem Interview mit Karl-Friedrich Bürrig in der Ärztezeitung. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Zahl 200 könnte sich auf Hamburg beziehen, wo alle mit Covid-19 gestorbenen Menschen obduziert werden. Am 14. Mai waren dies 228 Personen, bei 205 wurde bis dahin die Infektion mit dem Coronavirus laut Pathologie als Todesursache festgestellt. Da es keine bundesweite Statistik gibt, ist die genaue Anzahl aller Obduktionen in Deutschland aber unklar. 

Auch aus Italien gibt es keine offiziellen Zahlen zu den Obduktionen von Verstorbenen mit Covid-19. Die Faktenchecker von Pagella Politica erklärten uns auf Anfrage, dass sie keine Statistik dazu finden konnten. 

Fazit: Unbelegt. Wie viele Obduktionen in Italien und Deutschland durchgeführt werden, ist unklar.

4. Behauptung: In Hamburg hatten alle Verstorbenen mit Covid-19 Vorerkrankungen

Diese Behauptung stellt die Moderatorin Milena Preradovic auf (ab Minute 12:19) und bezieht sich dabei auf den Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel. Sucharit Bhakdi bestätigt ihre Aussage. In einem früheren Faktencheck überprüften wir bereits eine ähnliche Behauptung. 

Da das Youtube-Interview am 25. April 2020 veröffentlicht wurde, bezieht sich Sucharit Bhakdi auf Daten im April. In einem Hamburger Lagebericht vom 24. April heißt es: „Nach den Angaben des Robert-Koch-Instituts sind in Hamburg 122 Personen mit einer COVID-19-Infektion verstorben. Laut Angaben des Instituts für Rechtsmedizin konnte zum jetzigen Stand bei 116 Personen die COVID-19 Infektion als todesursächlich festgestellt werden.”

In verschiedenen Medienberichten, beispielsweise des NDR, berichtete Klaus Püschel, der Direktor des Instituts für Rechtsmedizin, Ende April, dass alle Toten mit dem Coronavirus in Hamburg Vorerkrankungen gehabt hätten. Auf unsere Anfrage schrieb uns das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf jedoch, dass „fast alle“ Verstorbenen mit Covid-19 eine Vorerkrankung vorwiesen. Dies ist auch in einer Pressemitteilung vom 8. Mai zu lesen. Genaue Zahlen wollte die Pressestelle uns nicht mitteilen. 

Eine Vorerkrankung heißt außerdem nicht, dass die Menschen nicht an Covid-19 gestorben sind. Bisher (Stand 17. Juni) bestätigte das Institut für Rechtsmedizin bei 228 Todesfällen in Hamburg die Covid-19-Infektion als Todesursache. Das ist der überwiegende Teil der Personen, die in der Gesamtstatistik des RKI auftauchen. Denn laut RKI sind in Hamburg bisher 257 Menschen mit Covid-19 gestorben.           

Fazit: Die Behauptung ist so pauschal falsch. Fast alle Verstorbenen mit Covid-19 in Hamburg hatten Vorerkrankungen.

5. Behauptung: Auch in Italien hatten alle Toten Vorerkrankungen

Diese Behauptung wird von Bhadki ab Minute 12:20 im Interview aufgestellt.

Das italienische Istituto Superiore de Sanità, die Gesundheitsbehörde, die ähnlich wie das Robert-Koch-Institut in Deutschland Handlungsempfehlungen an die Bevölkerung und die Regierung Italiens ausgibt, veröffentlicht regelmäßig eine Auswertung der Patientendaten. Da das Interview am 25. April erschienen ist, schauen wir uns die Version vom 23. April an, für die 23.188 gestorbene Corona-Patienten untersucht wurden. Bei einer Stichprobe von 2.041 dieser Patienten wurden die Vorerkrankungen aufgeschlüsselt: 74 hatten keinerlei Vorerkrankungen. Das entspricht einem Anteil von 3,6 Prozent.

Fazit: Die Behauptung ist so pauschal falsch.

6. Behauptung: Der Erreger ist nicht gefährlicher als ein Grippevirus

Diese Behauptung stellt Sucharit Bhakdi ab Minute 12:50 auf. Wie wir bereits in einem Faktencheck überprüften, sind die Influenzaviren und SARS-CoV-2 nicht vergleichbar.

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Es ist richtig, dass beide Virentypen Atemwegserkrankungen auslösen und schnell von Person zu Person übertragbar sind. Abgesehen davon seien SARS-CoV-2 und die saisonalen Grippeviren aber „sehr unterschiedlich“, schreibt das Europäische Zentrum für Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC)

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) verbreitet sich Influenza wegen ihrer kürzeren Inkubationszeit schneller als Covid-19. Gleichwohl deuteten die bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse an, dass es bei Covid-19 mehr schwere Infektionsverläufe gebe als bei einer Influenza-Infektion. 

Hinzu kommt laut WHO, dass es im Gegensatz zu Influenza gegen Covid-19 keine Impfstoffe gibt. Da es ein neuer Virus sei, sei außerdem niemand gegen die Krankheit immun, schreibt das ECDC. Das bedeute: „Theoretisch ist die gesamte menschliche Bevölkerung potenziell für eine Infektion mit Covid-19 anfällig.”

Letalität von Influenza und Coronavirus bisher nicht vergleichbar

Die Gefährlichkeit eines Virus wird meist anhand der Sterberate beurteilt. Für SARS-CoV-2 gibt es aber hierzu noch gar keine gesicherten Erkenntnisse. Die registrierten Todesfälle sind nicht mit Influenza vergleichbar, weil die Zahlen unterschiedlich gemessen werden

Das ECDC erklärt, an der saisonalen Grippe würden in Europa wegen der hohen Zahl der Ansteckungen jedes Jahr geschätzt zwischen 15.000 und 75.000 Menschen sterben. Dies sei etwa einer von 1.000 Infizierten (0,1 Prozent).

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ZUM SCHWERPUNKT

Laut Robert-Koch-Institut gibt es über die Letalität – also den Anteil der Verstorbenen an den tatsächlich Erkrankten – für SARS-CoV-2 noch keine verlässlichen Daten (unter Punkt 12), weil nicht klar ist, wie viele Menschen momentan infiziert sind. Bei den aktuell verfügbaren Daten liege der Fall-Verstorbenen-Anteil in Deutschland bei 4,7 Prozent.

Auch ob die sogenannte Übersterblichkeit durch das Coronavirus insgesamt höher sein wird als durch die saisonale Influenza, kann noch nicht ermittelt werden. Dennoch waren die Gesamt-Sterbefallzahlen in Deutschland laut Statistischem Bundesamt im April 2020 höher als im Durchschnitt der Vorjahre. 

Fazit: Die Behauptung, SARS-CoV-2 sei nicht gefährlicher als eine Grippe, ist unbelegt. 

7. Behauptung: Der Erreger verändert sich, und damit ist eine Impfung sinnlos

Diese Behauptung stellt Sucharit Bhakdi ab Minute 14:40 im Video auf. Er sagt, die Voraussetzung, dass eine Impfung funktioniere, sei, dass das Ziel – also das Virus – sich nicht dauernd verändere. Deshalb werde Entwicklung eines Impfstoffes gegen Covid-19 scheitern. 

Auf unsere Anfrage antwortete das Paul-Ehrlich-Institut, auch Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel genannt, per E-Mail: „Grundsätzlich haben insbesondere RNA-Viren wie das SARS-CoV-2 die Eigenschaft, im Laufe vieler Replikationszyklen im Wirt Mutationen in ihrem Genom zu akkumulieren.“ Das Ausmaß der Mutation sei dabei je nach Virus unterschiedlich. 

Eine potenzielle Herausforderung für die Impfstoffentwicklung stellten jedoch nur solche Mutationen dar, die es einem Virus erlauben, einer Impfstoff-induzierten Immunität zu entkommen. Hierzu seien aber in aller Regel mehrere akkumulierte Mutationen notwendig.

Ausschnitt aus der E-Mail des Paul-Ehrlich-Instituts. (Screenshot: CORRECTIV)
Weiterer Ausschnitt aus der E-Mail des Paul-Ehrlich-Instituts. (Screenshot: CORRECTIV)

Bei der Impfstoffentwicklung werde daher beabsichtigt, ihn so zu entwickeln, dass er auch gegen leicht veränderte Virusvarianten wirksam sei. So werde beispielsweise bei der Grippeimpfung jährlich eine Stammanpassung vorgenommen, um einen wirksamen Schutz vor der Grippeerkrankung zu gewährleisten. Eine Impfung ist deswegen laut Paul-Ehrlich-Institut nicht grundsätzlich sinnlos, nur weil der Erreger mutieren kann.

Bisher gibt es laut RKI allerdings keinen Impfstoff gegen das Coronavirus, weshalb alle Aussagen dazu Spekulationen und Zukunftsprognosen sind.

Fazit: Diese Behauptung ist unbelegt. Es gibt bisher keinen Impfstoff, daher ist unklar, wie wirksam er sein wird. Laut Paul-Ehrlich-Institut bedeuten Mutationen eines Erregers nicht per se, dass Impfstoffe unwirksam sind.

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