Faktencheck

Nein, der Körper übersäuert nicht beim Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes

In einem Facebook-Video misst ein Mann mit einem CO2-Messgerät angeblich den Kohlenstoffdioxid-Gehalt unter einem Mund-Nasen-Schutz. Der Test soll beweisen, dass man darunter zu viel CO2 einatme und der Körper dadurch übersäure. Die Behauptungen sind falsch – und der Test macht laut der Aussage eines Experten keinen Sinn.

von Kathrin Wesolowski

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Der Körper übersäuert nicht, wenn man einen Mund-Nasen-Schutz trägt. (Symbolbild: Pixabay/leo2014)
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Falsch. Das Facebook-Video belegt nicht, dass man unter einem MNS zu viel CO2 einatmet. Der Körper übersäuert nicht durch das Tragen.

Ein Mann hält ein CO2-Messgerät unter seinen Mund-Nasen-Schutz (MNS) und atmet fünf Mal tief ein und aus, bis das Gerät beginnt zu piepen. Dieser Test, zu sehen in einem Facebook-Video, soll angeblich beweisen, dass Menschen unter einem MNS zu viel Kohlenstoffdioxid einatmen und das Tragen somit gesundheitsschädlich sei. 

„Wir übersäuern den Körper“, sagt der Mann (ab Minute 1:43) in dem Video. Und etwas später: „Wir machen unsere Kinder krank. Das ist ja das Verbrecherische hier, dass wir auf Kosten der Kinder hier solche sinnlosen Masken tragen.“ Damit impliziert er, dass das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes gesundheitsschädlich sei. Die Maske, die er trägt, ist dabei eine einfache OP-Maske.

Das Video wurde am 15. August veröffentlicht und mehr als 3.000 Mal auf Facebook geteilt. CORRECTIV hat die Behauptungen überprüft. Sie sind falsch, und der angebliche Test führt in die Irre.

Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene: Der Einzelversuch ist sinnlos

CO2-Messgeräte ermitteln den Kohlenstoffdioxidgehalt in einem Raum, schreibt beispielsweise der Hersteller PCE Instruments auf seiner Webseite. Ist die Konzentration zu hoch, was sich „auf die Gesundheit, die Konzentration und das Wohlbefinden“ auswirken könne, geben sie ein Warnsignal ab. 

Der CO2-Gehalt werde in der Regel mit der Einheit ppm (parts per million) gemessen, erklärte uns Peter Wagler, Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) telefonisch. Bei einem Raumwert von 1.000 ppm werde manchmal empfohlen, zu lüften. Das habe aber „keine klinische Relevanz“. Hierbei gehe es nur darum, wie angenehm die Luft zum Atmen sei. 

In dem Facebook-Video wird behauptet, der Wert unter dem MNS betrage bereits nach fünf Atemzügen weit mehr als 10.000 ppm. Diese Menge an CO2 werde damit auch wieder eingeatmet.

„Den CO2-Gehalt in der Luft zu messen, unter einer Maske, ist als Einzelversuch Unsinn“, erklärte Wagler. Medizinisch gesehen müsse man den Wert im Blut messen, um den Kohlenstoffdioxidgehalt im Körper nachzuweisen. Unter einem Mund-Nasen-Schutz atme man aber sowieso keine ungesunde Menge an Kohlenstoffdioxid ein. „An den Seiten ist die Maske ja undicht“, sagte Wagler. Damit atme man nicht nur die Luft ein, die ausgeatmet werde.  

Körper übersäuert durch Tragen eines MNS nicht

CORRECTIV hat die Behauptung, durch das Tragen einer Maske atme man zu viel CO2 ein, auch bereits in einem Faktencheck überprüft. Es gibt zwar eine Studie von 2005, laut derer der CO2-Wert im Blut bei der Verwendung von OP-Masken anstieg, aber: „Eine kompensatorische Erhöhung der Atemfrequenz oder ein Abfall der Sauerstoffsättigung wurde dabei nicht nachgewiesen“ (Seite 43).  

Auf eine Anfrage im Mai schrieb uns außerdem Dominic Dellweg, Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP): „Die Maske ändert die Zusammensetzung der eingeatmeten Luft nicht. Alle Moleküle der Raumluft; und das sind im wesentlichen Sauerstoff, Stickstoff und Kohlendioxid; können die Maske passieren und werden nicht abgefiltert.“ Eine eng anliegende Maske habe keinen „wesentlichen Totraum“. Totraum meint die Menge an Luft, die nach der Ausatmung in der Maske bleibt und wieder eingeatmet wird. Da dieser kaum vorhanden sei, komme es  nicht zu einem Anstieg von CO2 im Blut, schrieb Dellweg weiter.

„Der menschliche Körper übersäuert also nicht“, sagte uns auch Peter Wagler von der DGKH. Eine Übersäuerung des Körpers bedeutet, dass der pH-Wert im Blut niedrig ist, der Säurewert erhöht. Wenn ein Asthmatiker beispielsweise zu wenig Kohlenstoffdioxid ausatmet, wird das Blut „sauer“ und der pH-Wert sinkt. Das nennt man eine respiratorische Azidose und weist auf eine mangelnde Lungenfunktion hin. „Wenn man zu viel CO2 einatmet, atmet man etwas schneller“, sagte Wagler uns dazu. Ein gesunder Körper reguliere das selbst.

RKI: „Dass man mehr CO2 einatmet stimmt nicht, dass die Atmung behindert wird, schon.“

Auch die München Klinik, ein Verbund städtischer Krankenhäuser hat die Behauptung zu Kohlenstoffdioxid in einem Facebook-Beitrag im Mai als falsch bewertet. CO2 sei ein Gas, das nicht am Stoff hängen bleibe. Auch für Kinder sei das Tragen einer Maske unbedenklich. 

Das Robert-Koch-Institut schrieb im Mai auf Anfrage von CORRECTIV per E-Mail: „Dass man mehr CO2 einatmet stimmt nicht, dass die Atmung behindert wird, schon.“ Eine aktuelle Studie in der Fachzeitschrift Clinical Research in Cardiology zeigt, dass OP-Masken und FFP2/N95-Masken die „Atmung, kardiopulmonale Belastungsfähigkeit und Komfort“ bei gesunden Personen beeinträchtigen können. Allerdings heißt es darin auch, dass in allen drei Tests (ohne Maske, mit FFP2-Maske und mit OP-Maske) der CO2-Gehalt im Blut nicht signifikant unterschieden habe. Auf normale Stoffmasken bezieht sich die Studie nicht. 

Generell gilt, was die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin in einer Stellungnahme zur Auswirkung von Mund-Nasenmasken (PDF, S. 5) zusammengefasst hat: Dass eine geringere Luftdurchlässigkeit der Masken zwar in der Regel mit einer besseren Filterleistung verbunden sei. Bei der Materialauswahl sollte jedoch darauf geachtet werden, dass dauerhaftes Atmen durch den Stoff möglich ist. 

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ZUM ARTIKEL

Fazit: Der Test in dem Facebook-Video beweist nicht, dass beim Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes zu viel Kohlenstoffdioxid eingeatmet wird. Die Behauptung, der Körper übersäure dadurch, ist laut Experten falsch.

Hinweis: In Experimenten mit dem Umweltbundesamt in Berlin zeigen wir, dass der Test mit CO2-Messgeräten für Raumluft wissenschaftlich keinen Sinn ergibt – und dass CO2 die Maske passieren kann. Lesen Sie hier unseren Hintergrundartikel