Faktencheck

Wirksamkeit von Mund-Nasen-Schutz: Zitat von Christian Drosten irreführend interpretiert

Hat der Virologe Christian Drosten im Bundestag gesagt, dass er keine Belege für die Wirksamkeit von Alltagsmasken sehe? Nein. Drosten sagte lediglich, es gebe keine Belege dafür, dass das Tragen einer Maske zu einem milderen Krankheitsverlauf bei einer Infektion führen könnte.

von Sarah Thust

Christian Drosten
Der Virologe Christian Drosten ist Institutsdirektor an der Charité in Berlin. Er sprach bei einer Anhörung im Bundestag über Alltagsmasken und über die Maßnahmen im Allgemeinen. (Quelle: Youtube, Bundestag / Screenshot: CORRECTIV)
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Teilweise falsch. Das Zitat von Christian Drosten wird irreführend ausgelegt. Der Virologe hat nicht gesagt, dass er keine wissenschaftlichen Belege für die Wirksamkeit von Alltagsmasken sehe.

In mehreren Beiträgen auf Facebook wird behauptet, dass der Virologe Christian Drosten gesagt habe, es gebe „keine wissenschaftlichen Belege für die Wirksamkeit bei Alltagsmasken“. In einem der Videos behauptete der Arzt Bodo Schiffmann, dass Drosten nicht wisse, ob Masken schützen. Zitiert wird eine Aussage, die Drosten am 9. September bei einer Anhörung im Bundestag getroffen hat. Der Beiträge wurden insgesamt mehr als 6.000 Mal auf Facebook geteilt. 

Das Video von Drosten stammt aus einer Anhörung des Gesundheitsausschusses. Wir haben auf der Youtube-Seite des Bundestags die Originalaufnahme herausgesucht. Darin haben sich mehrere Mediziner gegen eine vorzeitige Aufhebung der vom Bundestag festgestellten „epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ ausgesprochen. Ein entsprechender Antrag war von der FDP-Fraktion gestellt worden.

Christian Drosten wurde zu einer Einschätzung der Lage in Deutschland befragt

Drosten wurde per Videoübertragung als erster Experte befragt (ab Minute 4:35). Die gesundheitspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Karin Maag, fragte Drosten: „Wie schätzen Sie die Lage ein?“ 

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In seiner Antwort schilderte Drosten zunächst, dass mehrere Effekte wie die Bevölkerungsstruktur in Deutschland bald wieder dazu führen könnten, dass die Zahl der Fälle „mit sehr, sehr großer Wahrscheinlichkeit auch bei uns genauso ansteigen wird“. 

Weiter sagte er: „[Von unserem effizienten Lockdown] werden wir noch eine erhebliche Zeit profitieren, bis in den Herbst hinein. Aber es ist nicht zu erwarten, dass das so bleibt.“ Dieser Teil ist in dem Video in den Facebook-Beiträgen allerdings nicht zu hören. Insgesamt spricht Drosten etwa dreieinhalb Minuten (Minute 5:36 bis 9:02), in dem Facebook-Video werden nur 53 Sekunden seiner Antwort abgespielt.

Christian Drosten per Videoübertragung im Bundestag am 9. September 2020.
Christian Drosten per Videoübertragung im Bundestag am 9. September 2020. (Quelle: Youtube, Bundestag / Screenshot: CORRECTIV)

Drosten sprach über mögliche Auswirkungen von Masken auf die Schwere des Krankheitsverlaufs

Im Facebook-Video zu hören ist dieser Teil (ab Minute 8:09): „Es gibt einen anderen Punkt, den man nicht von der Hand weisen darf. Das ist, wir wissen nicht, ob nicht die Verwendung von Alltagsmasken in großer Verbreitungsweite, ob das nicht dazu führt, dass im Durchschnitt die erhaltene Virusdosis in einer Infektion geringer ist und, dass im Durchschnitt deshalb der Krankheitsverlauf auch nicht wirklich schädlich sein könnte. Aber das ist reine Spekulation. Dazu gibt es keine wissenschaftlichen Belege. Und es gibt umgekehrt eben Länder, in denen man sagen kann, es wurde von Anfang an wirklich Maske getragen – dazu gehören sehr viele asiatische Länder – und trotzdem ist es zu großen Ausbrüchen gekommen. So kann ich es zusammenfassen. Und meine Einschätzung ist auf dieser Basis überhaupt nicht, dass sich die Grundsituation verändert hat.“

Diese Worte hat Drosten so auch gesagt. Doch seine Aussage wird in den Facebook-Beiträgen irreführend interpretiert: Drosten hat nicht gesagt, dass es „keine wissenschaftlichen Belege für die Wirksamkeit von Alltagsmasken“ gebe.

Denn wer von Wirksamkeit von Alltagsmasken spricht, meint in der Regel ihre Fähigkeit, Infektionen zu verhindern. Drosten sprach stattdessen über einen möglichen  Zusammenhang mit der Krankheitsschwere, also wenn sich jemand trotz Maske infiziert: „Die Verstorbenen sind nicht alles, was man verhindern muss, sondern eben auch die schweren Krankheitsverläufe“, sagte er. In diesem Kontext nannte er die „Spekulation“, dass Alltagsmasken dazu beitragen könnten, dass die Krankheit Covid-19 milder verlaufe. Denn sie könnten die Menge der Viren, die jemand aufnimmt, verringern.

Der Hintergrund: Anfang September hatten Medien über diese wissenschaftliche Theorie berichtet. In einem Artikel im New England Journal of Medicine hieß es, Daten würden die Hypothese des milderen Krankheitsverlaufs stützen. 

Genau auf diese Theorie bezog sich Drosten in seiner Aussage vor dem Bundestag. Er wies korrekterweise darauf hin, dass es bisher keine wissenschaftlichen Belege dafür gebe. Auch die Autoren des Artikels im New England Journal of Medicine betonten, es handele sich um eine Hypothese. 

Drosten hat sich schon öfter zum Nutzen von Alltagsmasken geäußert

Der Berliner Virologe hat mehrfach öffentlich erklärt, dass das Tragen von Alltagsmasken kein Allheilmittel sei, aber durchaus Wirkung zeigen könne. So sagte er in einem Podcast vom 1. September, dass Masken Tröpfchen auffangen könnten, ihre Schwäche aber darin liege, die ebenfalls für die Übertragung des Coronavirus verantwortlichen Aerosole zu unterbinden (PDF, Seite 2). Deshalb seien Masken in geschlossenen Räumen, in denen sich Menschen permanent aufhalten, nicht so wirksam. Doch in Situationen wie im Supermarkt, wo Menschen kurzzeitig Infizierten begegnen könnten, seien sie hilfreich. 

Der Journalist Boris Reitschuster veröffentlichte am 19. September ebenfalls einen Text mit der irreführenden Überschrift: „Drosten zu Masken: ‘Reine Spekulation’“. Er suggeriert darin, dass Drosten nicht wisse, ob Masken helfen – und  dass seine Aussage im Bundestag im Widerspruch zu seinen sonstigen Äußerungen in der Presse stehe. 

Als Beispiel nennt Reitschuster einen Bericht der Deutschen Welle vom 18. September. Darin habe Drosten gesagt: „Denn auch wenn wir mit den Impfungen beginnen, wird der größte Teil der Bevölkerung weiter Masken tragen müssen.“ Der vermeintliche Widerspruch ist jedoch keiner, da Drosten vor dem Bundestag das Masketragen nicht grundsätzlich infrage gestellt hat.

Masken schützen vor allem andere, Schutz des Trägers ist nicht eindeutig belegt

CORRECTIV hat bereits in Faktenchecks recherchiert, wie der Forschungsstand zur Wirksamkeit von Masken ist. 

Das RKI empfiehlt Masken (Mund-Nasen-Bedeckung, MNB) in bestimmten Situationen im öffentlichen Raum mit der Begründung, dass sie die Übertragung infektiöser Tröpfchen mindern könnten. Ein MNB diene vor allem dem Fremdschutz; er schütze primär andere Personen vor feinen Tröpfchen und Partikeln in der Ausatemluft desjenigen, der den MNB trägt. Der Eigenschutz des Trägers sei bisher nicht wissenschaftlich belegt, so das RKI weiter

Verschiedene Studien (beispielsweise diese von 2013, und auch aktuelle Studien von März und April dieses Jahres) bestätigen die Wirksamkeit von Masken als Barriere für erregerhaltige Tröpfchen und Aerosole. OP-Masken bieten laut der Studien generell einen besseren Schutz als selbstgemachte Masken – und es sei in jedem Fall nicht ausgeschlossen, dass ein Teil der Viren und Bakterien die Maske je nach Sitz dennoch passieren kann.

Es gibt außerdem erste Studien dazu, ob Masken auch den Träger selbst vor einer Infektion schützen. Eine Metaanalyse von Studien zu diesem Thema kam kürzlich zu dem Ergebnis, dass N95-Masken und OP-Masken das Risiko einer Infektion des Trägers deutlich reduzieren könnten (PDF, S. 1.973). Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte diese Analyse in Auftrag gegeben. Im Juni erschien sie in der Fachzeitschrift The Lancet. Die Autoren wiesen allerdings darauf hin, dass die Aussagekraft begrenzt sei und keine Schutzmaßnahme allein (Masken, Abstand halten, Augenschutz) einen vollständigen Schutz bieten könne.

Im Juni erschien zum Thema Wirksamkeit der Maskenpflicht auch eine Studie aus Deutschland: Einige deutsche Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen haben dafür die Entwicklung der Infektionszahlen in Jena mit denen ähnlicher Städte verglichen, in denen die Maskenpflicht später eingeführt wurde. „Zusammenfassend kann man sagen, dass die Einführung der Maskenpflicht in den jeweiligen Kreisen zu einer Verlangsamung der Ausbreitung von Covid-19 beigetragen hat“, hieß es in einer Pressemitteilung.

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