Faktencheck

Pflegerin verbreitet falsche Behauptungen zu Grippe, Corona und Testabstrichen auf Facebook

Eine Frau berichtet auf Facebook, sie sei Pflegerin und ihr sei angeblich gekündigt worden, weil sie Fotos von leeren Krankenhausbetten auf Facebook veröffentlicht habe. Dazu verbreitet sie falsche und irreführende Behauptungen über Covid-19.

von Sarah Thust

Frau vor leeren Betten im Krankenhaus
Mehrere Bilder auf Facebook zeigen eine Frau vor leeren Krankenhaus-Betten. Doch dass die Betten leer sind, sagt nicht aus, dass es keine Pandemie gibt. (Quelle: Facebook / Screenshot und Unkenntlichmachung: CORRECTIV)
Behauptung
Durch einen Corona-Abstrich könne man Geschmacks- und Geruchssinn verlieren, die normale Grippe ende bundesweit durchschnittlich für 25.000 Menschen tödlich, dieses Jahr gebe es keine Grippetoten, dafür aber 9.000 Corona-Tote, und Betten in Krankenhäusern seien leer.
Bewertung
Größtenteils falsch
Über diese Bewertung
Größtenteils falsch. Die genannten Todeszahlen stimmen nicht, durch einen Abstrich verliert man den Geschmack- und Geruchssinn nicht und die Fotos der Frau aus den Krankenhäusern führen in die Irre.

Eine Frau steht in Schutzkleidung vor leeren Krankenhausbetten – angeblich auf einer Covid-19-Station. In dem dazugehörigen Facebook-Beitrag vom 4. Dezember sind vier Fotos zu sehen. Dazu heißt es: „Ich bin raus! Meine erste Kündigung in 17 jahren Pflege mit Beatmungsfunktion! […] Vielleicht ist es nicht clever leere Betten zu posten aus dem Corona Hotspot Nr.1 wenn man seinen Job behalten möchte aber es ist die Wahrheit.“ 

Dazu behauptet die Frau, durch einen Corona-Abstrich könne man Geschmacks- und Geruchssinn verlieren, die normale Grippe ende bundesweit durchschnittlich für 25.000 Menschen tödlich und dieses Jahr gebe es keine Grippetoten, dafür aber 9.000 Corona-Tote. Durch die Fotos wird außerdem suggeriert, die Covid-19-Stationen in Krankenhäusern, wo die Frau arbeite, seien leer.

Der Beitrag wurde mehr als 27.200 Mal auf Facebook geteilt – und es ist nicht der erste dieser Art. Bereits am 21. und 23. November hatte die Nutzerin ähnliche Bilder gepostet. 


Der Name der Frau und ein Krankenhaus in Berlin, in dem sie mehrfach als freiberufliche Pflegerin eingesetzt wurde, sind CORRECTIV bekannt. Aus datenschutzrechtlichen Gründen nennen wir ihren vollständigen Namen nicht und haben sie auf den Screenshots ihrer Bilder in diesem Faktencheck unkenntlich gemacht.

Unsere Recherchen ergaben: Die Behauptungen der Frau sind inhaltlich größtenteils falsch. Covid-19 ist gefährlicher als eine „leichte Grippe“. Die Todeszahlen, die sie nennt, sind falsch. Die Fotos von den leeren Krankenhausbetten sind vermutlich echt, doch die Botschaft, dass die Intensivstationen leer seien, ist irreführend: In Berlin belegen Covid-19-Patienten laut DIVI-Register derzeit 31,8 Prozent der für Erwachsene verfügbaren Intensivbetten (Stand: 14. Dezember 2020).

Wir haben das Gesicht der Frau aus datenschutzrechtlichen Gründen verpixelt. Sie ist in tausenden Beiträgen auf Facebook zu sehen.
Wir haben das Gesicht der Frau aus datenschutzrechtlichen Gründen verpixelt. Sie ist in tausenden Beiträgen auf Facebook zu sehen. (Quelle: Facebook / Screenshot und Unkenntlichmachung: CORRECTIV)

Die Frau arbeitete als freiberufliche Pflegerin

Ein Screenshot des Facebook-Beitrags der Frau wurde später von anderen Personen über Facebook und Telegram weiterverbreitet. 

Wir haben den Namen der Frau auf Google gesucht und sind auf ein Xing-Profil unter demselben Namen gestoßen, die Frau im Profilfoto sieht ähnlich aus wie auf Facebook. Dort steht: Die Frau lebt in Berlin und ist (freiberufliche) examinierte Altenpflegerin. Auch die Namen ihrer Auftraggeber werden genannt – drei Vermittlungsagenturen in Berlin. 

In einem Kommentar auf Facebook nannte die Nutzerin zudem einmal ein Krankenhaus in Berlin, in dem sie auf einer „Pandemie Station“ sei. Dort sei es so, wie auf den Fotos zu sehen, schrieb sie. „Weils da echt ruhig ist ich berichte gern später“.

Hier schreibt die Frau, in welchem Krankenhaus sie arbeitet.
Hier schreibt die Frau, in welchem Krankenhaus sie arbeitet. (Quelle: Facebook / Screenshot und Unkenntlichmachung: CORRECTIV)

Die Gefahr durch Covid-19 spielt die Frau in ihren Facebook-Beiträgen regelmäßig herunter. So schrieb sie am 21. November, es habe weder eine erste noch eine zweite Welle gegeben. „Der Kampf gegen Corona fand am 18.11 vor dem Bundestag statt und leider haben wir ihn verloren. Du lebst jetzt in einer Diktatur […].“ Hierbei bezog sie sich vermutlich auf die Proteste vor der Verabschiedung des dritten Bevölkerungsschutzgesetzes (CORRECTIV berichtete).

Ein Krankenhaus in Berlin bestätigt, dass die Frau dort gearbeitet hat

Das Berliner Krankenhaus teilte uns mit, dass die Frau dort nicht angestellt, aber mehrfach als „Leasingkraft“ im Einsatz war. Leasingkräfte sind externe Personen, die von Krankenhäusern für einen bestimmten Zeitraum hinzugeholt werden können. Für welche Vermittlungsagentur die Frau da war, erfuhren wir nicht.

Wir haben zusätzlich bei zwei der auf dem Xing-Profil der Frau genannten Vermittlungsagenturen nachgefragt, ob sie dort bekannt ist. Eine Agentur teilte uns am Telefon mit, man kenne die Frau nicht. Die Geschäftsführerin der dritten Agentur bestätigte per E-Mail, dass die Frau zuletzt vor zwei Jahren für sie gearbeitet habe.

Ob das Krankenhaus, eine der Personalagenturen oder eine andere Einrichtung wirklich die Zusammenarbeit mit der Frau beendet haben, ist unklar. Auf unsere schriftliche Anfrage reagierte die Pflegerin selbst nicht. 

Warum sind die Betten in dem Krankenhaus leer?

Wo konkret die Fotos aufgenommen wurden, schreibt die Frau auf Facebook nicht. Dass darauf einzelne leere Betten zu sehen sind, sagt zunächst einmal auch nichts aus.

Dennoch nannte uns eine Sprecherin des Berliner Krankenhauses, in dem die Frau gearbeitet hatte, eine mögliche Erklärung. „Die Fotos wurden wahrscheinlich […] auf der neu eingerichteten Covid-Station gemacht, die mit 48 Betten in Betrieb genommen wurde. Zuvor war die bisherige Covid-Station mit ca. 20 Betten ausgelastet. Das bedeutet, in den letzten Wochen gab es auf der ‘neuen’ Covid-Station zunächst freie Betten, die sich jedoch nach und nach gefüllt haben. Am vergangenen Dienstag [Anmerkung der Redaktion: gemeint ist der 8. Dezember] waren kurzfristig alle 48 Betten auf der Station belegt.“

Zudem wies sie daraufhin, dass das Berliner Krankenhaus vom Senat dazu angehalten sei, bestimmte Betten-Kontingente für Covid-19-Patienten freizuhalten.

In Berlin belegen Covid-19-Patienten laut DIVI-Register derzeit einen Anteil von 31,8 Prozent der für Erwachsene verfügbaren Intensivbetten (Stand: 14. Dezember 2020).

Diese E-Mail haben wir von einer Sprecherin des Krankenhauses in Berlin erhalten.
Diese E-Mail haben wir von einer Sprecherin des Krankenhauses in Berlin erhalten. (Screenshot und Unkenntlichmachung: CORRECTIV)

Die Frau behauptet, das Coronavirus sei „nicht einmal“ mit einer leichten Grippe vergleichbar

Weitere Tatsachenbehauptungen der Frau in dem Facebook-Beitrag sind falsch oder irreführend. So schreibt sie, das Virus sei „noch nicht einmal mit einer leichten Grippe vergleichbar“.

Wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits im März erklärte, gibt es wichtige Unterschiede zwischen der saisonalen Influenza und dem Coronavirus. So sei die Reproduktionszahl höher, und die Sterblichkeit mutmaßlich auch. 

Am 8. Oktober ging das RKI darauf auch im Epidemiologischen Bulletin ein: „Eine höhere Letalität und lange Beatmungsdauer unterscheiden Covid-19 von schwer verlaufenden Atemwegsinfektionen in Grippewellen“. Letalität nennt man die Wahrscheinlichkeit, an einer Krankheit zu sterben.

Weiter schreibt das RKI: „Aufgrund des höheren Anteils beatmungspflichtiger Patienten und der beobachteten langen Beatmungsdauer muss man sich auf eine höhere Zahl von Beatmungsplätzen einstellen, als dies bei der gleichen Anzahl schwerer Erkrankungen während einer Grippewelle vergangener Saisons erforderlich war.“

In einer Risikobewertung schrieb das RKI am 11. Dezember in Bezug auf Covid-19 weiter von einer „ernst zu nehmenden Situation“. Weltweit nehme die Anzahl der Fälle weiter zu. „Die Anzahl neuer Fälle blieb […] auf sehr hohem Niveau und steigt seit Anfang Dezember inzwischen wieder stark an. Darüber hinaus ist die Zahl der auf Intensivstationen behandelten Personen und die Anzahl der Todesfälle stark angestiegen.“ 

Die von der Frau genannten Todeszahlen zu Influenza und Covid-19 sind nicht korrekt

Die Frau behauptet weiter, dass „trotz Impfung“ bundesweit durchschnittlich 25.000 Menschen pro Jahr an der Grippe sterben. In diesem Jahr gebe es hingegen keine Grippe-Toten, aber 9.000 Corona-Tote, wobei unklar sei, ob diese Menschen an oder mit Corona gestorben seien. Die Zahlen stimmen nicht. 

Wie CORRECTIV bereits an mehreren Stellen berichtet hat (hier, hier und hier), werden die Todesfälle durch die Influenza für jede Saison anhand der sogenannten „Übersterblichkeit“ statistisch geschätzt. Laut dieser Exzess-Schätzung starben in der Influenza-Saison 2017/2018 tatsächlich 25.000 Menschen in Deutschland an der Grippe. Dies war jedoch ein ungewöhnlich hoher Wert. 

Es gab in den vergangenen Jahren auch mehrere Grippesaisons, in denen es laut Schätzung des RKI so gut wie keine Todesfälle gab. Beispielsweise die Saisons 2010/11, 2013/14 oder 2015/16. Die Zahlen schwanken von Saison zu Saison stark.

Ein Auszug einer Tabelle des RKI zeigt die laborbestätigten Todesfälle und die sogenannte Exzess-Schätzung.
Ein Auszug einer Tabelle des RKI zeigt die laborbestätigten Todesfälle und die sogenannte Exzess-Schätzung. (Quelle: RKI / Bericht zur Epidemiologie der Influenza in Deutschland Saison 2018/19 / Seite 47)

Es stimmt auch nicht, dass es in diesem Jahr keine Grippe-Toten gegeben hat. Für die Grippesaison 2019/2020 wurden 434 Todesfälle mit bestätigter Influenza-Infektion an das Institut übermittelt (PDF, Seite 1). Die Grippewelle war laut der die Arbeitsgemeinschaft Influenza des RKI bereits Ende März (12. Kalenderwoche) beendet. Statistische Schätzungen zu den Todesfällen wurden noch nicht veröffentlicht.

Die von der Frau genannten 9.000 „Corona-Toten“ entsprechen etwa dem Stand der Todesfälle in Deutschland mit laborbestätigter Infektion mit SARS-CoV-2 vom 9. Juli 2020. Der Facebook-Beitrag wurde jedoch im Dezember veröffentlicht. Die Zahl ist also veraltet. Am 13. Dezember lag die kumulative Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit dem neuartigen Coronavirus seit Beginn der Pandemie laut RKI bei 21.787. 

Irreführende Behauptung zum Abstrich

Zudem wird in dem Facebook-Beitrag suggeriert, man könne (beim Abstrich für einen Corona-Test) durch ein Stäbchen tief in der Nase seinen Geschmacks- und Geruchssinn verlieren. Gemeint ist vermutlich der Nasenrachenabstrich, der meist für einen Virusnachweis genommen wird. 

Die Behauptung ist teilweise falsch. Der Hals-Nasen-Ohren-Arzt Junge-Hülsing schrieb uns: „Durch den Abstrich kann man weder seinen Geruchs- noch Geschmackssinn verlieren.“ Es könne allerdings zu einer Verletzung kommen, wenn der Corona-Abstrich grob fehlerhaft durchgeführt werde. Es gebe Einzelfallberichte, dass es dabei zu Riech- und Schmeckstörungen gekommen sei.

Den Geruchs- und Geschmackssinn zeitweise zu verlieren, ist übrigens auch eine Nebenwirkung von Covid-19.

Redigatur: Alice Echtermann, Till Eckert

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