Faktencheck

Keine Belege für eine „Untersterblichkeit“ im Jahr 2020

Auf Facebook kursiert ein Beitrag mit Sterbefallzahlen, die zeigen sollen, dass es im Jahr 2020 eine „Untersterblichkeit“ gegeben habe. Diese sei „amtlich“ bestätigt. Das stimmt so nicht. Offizielle Zahlen des Statistischen Bundesamtes für das gesamte Jahr 2020 liegen noch nicht vor. 

von Matthias Bau

Sterbefälle durch Covid-19 2020
Wie viele Menschen 2020 in Deutschland gestorben sind, hat das Statistische Bundesamt bisher nicht offiziell mitgeteilt. Eine „amtlich“ bestätigte Untersterblichkeit, wie auf Facebook behauptet, gibt es nicht. (Symbolbild: Picture Alliance / dpa/ Sebastian Kahnert)
Behauptung
Ein Vergleich der Sterbefallzahlen 2015 bis 2020 zeige, dass es in Deutschland im Jahr 2020 eine „Untersterblichkeit“ gegeben habe. Diese sei „amtlich“ bestätigt.
Bewertung
Unbelegt. Eine „amtlich“ bestätigte „Untersterblichkeit“ gibt es nicht, Zahlen des Statistischen Bundesamtes für das ganze Jahr 2020 liegen noch nicht vor.

Auf Facebook kursiert ein Screenshot (hier und hier), auf dem behauptet wird, im vergangenen Jahr habe es in Deutschland eine „Untersterblichkeit“ gegeben – dies sei „amtlich“ bestätigt. Es seien im Jahr 2020 weniger Menschen gestorben als in den Jahren zuvor. Konkret werden die Jahre 2015 bis 2019 genannt. Als Beleg wird ein Link angeführt, der auf eine Seite des Statistischen Bundesamtes führt. CORRECTIV.Faktencheck hat bereits am 7. Januar einen ähnlichen Beitrag zum Thema Sterblichkeit in Deutschland geprüft.

Der Facebook-Beitrag führt in die Irre, denn eine endgültige Auswertung der Sterbefallzahlen im Jahr 2020 gibt es noch nicht. Es stimmt folglich nicht, dass eine Untersterblichkeit „amtlich“ bestätigt wurde. Zudem hat das Statistische Bundesamt in einer vorläufigen Auswertung bereits mehr Todesfälle gemeldet, als in dem Screenshot auf Facebook angegeben. 

Ein Facebook-Beitrag vergleicht angebliche Sterbefallzahlen der Jahre 2015 bis 2020. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Für das Jahr 2020 liegt noch keine Gesamtauswertung durch das Statistische Bundesamt vor

Die genannten Sterbefallzahlen stammen offenbar aus einer Veröffentlichung des Statistischen Bundesamtes vom 8. Januar (PDF S. 28). Dorthin führt der Link, der in den Facebook-Beiträgen als Beleg angegeben ist. Es handelt sich um die Sonderauswertung „Sterbefälle – Fallzahlen nach Tagen, Wochen, Monaten, Altersgruppen, Geschlecht und Bundesländern für Deutschland 2016 – 2020“.


Im Begleittext weist das Statistische Bundesamt darauf hin, dass die Daten für die Jahre 2016 bis 2019 endgültig und plausibilisiert seien. Bei den Daten für das Jahr 2020 handele es sich hingegen um vorläufige Rohdaten. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Faktenchecks reichen die Daten für das Jahr 2020 bis zur 51. Kalenderwoche, also bis zum 20. Dezember. 

Für das Jahr 2020 nennt der Facebook-Beitrag eine falsche Zahl von Todesfällen

Die Sterbefallzahlen, die der Facebook-Beitrag für die Jahre 2015 bis 2019 nennt, sind korrekt wie die Datenbank des Statistischen Bundesamtes zeigt. Im Durchschnitt starben pro Jahr 932.553,6 Menschen. 

Datenabruf in der Datenbank des Statistischen Bundesamtes zu Sterbefällen 2017 bis 2019. (Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Woher die Zahl von angeblich 904.270 Todesfällen im Jahr 2020 aus dem Facebook-Beitrag stammt, ist unklar. Auf den Seiten des Statistischen Bundesamtes ist sie nicht zu finden. Aus den bisher veröffentlichten Daten bis zur 51. Kalenderwoche geht eine höhere Sterbefallzahl hervor. 

Laut einer Pressemitteilung des Amtes vom 15. Januar gab es bis zum Ende der 51. Kalenderwoche 946.526 Todesfälle. Als der Facebook-Beitrag am 10. Januar veröffentlicht wurde, lag diese Zahl allerdings noch nicht vor. 

Die erste Kalenderwoche eines Jahre ist die Woche, die mindestens vier Tage des neuen Jahres beinhaltet. Die Auswertung der Sterbefallzahlen des Jahres 2020 nach Kalenderwochen beinhaltet demnach auch den 30. und 31. Dezember des Jahres 2019, da der erste Januar ein Mittwoch war.

Übersterblichkeit im Dezember

Sterbefallzahlen schwanken laut Statistischem Bundesamt über das Jahr saisonbedingt stark. Eine Über- oder Untersterblichkeit wird deshalb in einem bestimmten Zeitraum gemessen und mit einem Durchschnittswert der Vorjahre verglichen. Das europäische Portal Euromomo und auch das Statistische Bundesamt machen den Vergleich auf Wochenbasis. Das heißt, sie vergleichen eine Kalenderwoche 2020 mit dem Durchschnitt derselben Kalenderwoche aus den Vorjahren.

Bei diesem Vergleich der wöchentlichen Sterbefallzahlen 2020 mit dem Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019 errechnete das Statistische Bundesamt mehrfach eine Übersterblichkeit. Vor allem seit der 42. Kalenderwoche (Mitte Oktober) stiegen die Zahlen an. In der zweiten Dezemberwoche lag die Zahl der Todesfälle 23 Prozent oder 4.289 Fälle über dem Durchschnitt der Vorjahre, hieß es in einer Pressemitteilung. 

Die durchschnittlichen wöchentlichen Sterbefallzahlen 2016 bis 2019 (blaue Linie) im Vergleich mit den wöchentlichen Sterbefallzahlen 2020 (rote Linie). Unten in der Grafik sind die Sterbefallzahlen im Zusammenhang mit Covid-19 im Jahr 2020 zu sehen. (Quelle: Statistisches Bundesamt / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Die Faktenchecker der AFP haben zu den Behauptung von der angeblichen „Untersterblichkeit“ ebenfalls einen Faktencheck mit demselben Ergebnis veröffentlicht.

Update, 28. Januar 2021: Um Missverständnisse zu vermeiden, haben wir eingefügt, wie die erste Kalenderwoche eines Jahres definiert wird.

Redigatur: Sarah Thust, Alice Echtermann

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck: 

  • Auswertung „Sterbefälle – Fallzahlen nach Tagen, Wochen, Monaten, Altersgruppen, Geschlecht und Bundesländern für Deutschland 2016-2020“ des Statistischen Bundesamtes: Link
  • Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes: „Sterbefallzahlen in der 51. Kalenderwoche 2020: 24 % über dem Durchschnitt der Vorjahre“: Link
  • Datenbank des Statistischen Bundesamtes (zum einfacheren Abruf der Daten vor 2020): Link

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