Faktencheck

Vergleich der Nebenwirkungen der Impfung und von Symptomen bei Covid-19 führt in die Irre

Ein Beitrag vergleicht die Nebenwirkungen durch die Impfung von Biontech und Pfizer mit den Symptomen von Covid-19. Es wirkt, als würden in beiden Fällen ähnliche Symptome auftreten. Der Vergleich basiert jedoch auf unvollständigen Informationen und unterschlägt Kontext.

von Sarah Thust

Biontech-Impfung
Ein Vergleich von Nebenwirkungen der Impfung und Symptomen bei Covid-19 ist irreführend, laut FDA überwiegen aber die Vorteile des Impfstoffs seine Risiken. Der Impfstoff erhielt eine Notfallzulassung – also eine Zulassung auf Zeit. (Symbolbild © BioNTech SE 2020)
Behauptung
Durch einen Vergleich mit den Symptomen einer Covid-19-Erkrankung entsteht der Eindruck, die Impfung von Biontech/Pfizer verursache ähnliche oder gar schlimmere Symptome als Covid-19. Der Impfstoff sei zudem laut der U.S. Food and Drug Administration (FDA) nicht zugelassen.
Bewertung
Fehlender Kontext
Über diese Bewertung
Fehlender Kontext. Der Vergleich von Nebenwirkungen der Impfung und Symptomen bei Covid-19 ist irreführend. Er basiert auf einem Dokument der FDA, das nicht den Vergleich zum Inhalt hatte und deshalb unvollständig ist. Der Impfstoff erhielt zudem eine Notfallzulassung der FDA – also eine Zulassung auf Zeit.

Die Facebook-Seite „Dr. Rüdiger Dahlke“ veröffentlichte am 25. Januar auf Facebook eine Grafik, die Symptome von Covid-19 und Nebenwirkungen der Pfizer-Impfung nebeneinander stellt. Diese Informationen stammen aus einem Merkblatt der US-amerikanischen Zulassungsbehörde Food and Drug Administration (FDA) über den Impfstoff. 

Der Beitrag wurde mehr als 890 Mal geteilt, er ist allerdings irreführend: Wichtiger Kontext fehlt, wodurch das Merkblatt der FDA überinterpretiert wird. Bei Menschen mit Covid-19 wurde ein breites Spektrum an Symptomen berichtet, das von leichten Symptomen bis zu schweren Erkrankungen reicht. Mit den Nebenwirkungen durch die Impfung sind diese Symptome nicht zu vergleichen. Zudem hat die FDA eine Notfallzulassung für den Impfstoff erteilt, der Zulassungsprozess dauert aber noch an.

Aussagen auf einem Merkblatt für Geimpfte werden aus dem Zusammenhang gerissen 

Der Beitrag wurde auf der Facebook-Seite „Dr. Ruediger Dahlke“ veröffentlicht. Rüdiger Dahlke ist ein bei Allgemeinmedizinern umstrittener Mediziner und Psychotherapeut. Wie einer unserer Faktenchecks zeigt, wurden auf der Seite von Dahlke schon im April falsche Behauptungen zu Covid-19 verbreitet.


In dem Facebook-Beitrag werden „Gedanken zum FDA (US-Zulassungsbehörde)-Infoblatt über die Schnellzulassung der Pfizer-BioNTech-Impfung“ geteilt. Er zitiert mehrere Sätze aus dem Infoblatt, hebt einzelne Wörter mit Großbuchstaben hervor, aber lässt relevanten Kontext aus.

Der Beitrag von „Dr. Ruediger Dahlke“ auf Facebook
Der Beitrag von „Dr. Ruediger Dahlke“ auf Facebook (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Der Beitrag bezieht sich auf ein englischsprachiges Merkblatt der FDA. Es handelt sich um ein Merkblatt für Impfstoff-Empfänger und Impf-Betreuer im Rahmen der erteilten „Notfallzulassung (EUA)“ für den Impfstoff von Pfizer/Biontech. Das Dokument ist hier auch auf Deutsch verfügbar.

Vergleich von Nebenwirkungen der Impfung und Symptomen bei Covid-19 ist irreführend

Das Merkblatt enthält also Informationen für Menschen, die sich gegen Covid-19 impfen lassen wollen. Es enthält aber kaum Informationen über die Krankheit und keine Informationen über das Sterberisiko oder mögliche Folgeschäden nach einer Infektion. 

Das deutsche Gesundheitsministerium schreibt zum Beispiel: „Bei einem schweren Verlauf verschlechtern sich die Symptome typischerweise nach 7 bis 10 Tagen. Besonders die Lunge wird dann durch Entzündungsvorgänge stark angegriffen.“ Erkrankte Menschen, die an Covid-19 sterben, seien durchschnittlich 82 Jahre alt. Etwa 86 Prozent der Verstorbenen in Deutschland seien 70 Jahre und älter.

Zu den Nebenwirkungen der Impfung äußert sich die FDA auf ihrer Webseite. Der Anteil „schwerwiegender unerwünschter Ereignisse“ liege bei unter einem Prozent. Eine aktuelle Liste aller gemeldeten „schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse“ durch die Impfung findet sich auf der Internetseite des US-amerikanischen Centers for Disease Control (CDC), dazu gehören unter anderem Fieber oder großflächige Schwellungen an der Einstichstelle.

Auszug aus den „FAQ“ der US-Zulassungsbehörde zur Covid-19-Impfung von Biontech und Pfizer
Auszug aus den „FAQ“ der US-Zulassungsbehörde zur Covid-19-Impfung von Biontech und Pfizer (Quelle: FDA / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Dass nach einer Impfung eine Reaktion auftritt, ist in der Regel normal. Laut Robert Koch-Institut (RKI) sind Rötungen, Schwellungen oder Schmerzen an der Impfstelle „typische Beschwerden nach einer Impfung“. 

Bereits in einer Pressemitteilung der FDA vom 11. Dezember 2020 hieß es, dass „die bekannten und potenziellen Vorteile des Impfstoffs seine bekannten und potenziellen Risiken eindeutig überwiegen“. Darum erhielt der Impfstoff auch die „Notfallzulassung“.

Biontech hat eine „Notfallzulassung“ erhalten – also eine Zulassung auf Zeit

In dem Facebook-Beitrag wird folgender Satz aus dem Merkblatt zitiert: „Der Pfizer-BioNTech Covid-19-Impfstoff ist ein nicht zugelassener Impfstoff, der Covid-19 verhindern kann.“ Wie kann das sein?

Am 11. Dezember 2020 hat die FDA eine sogenannte Notfallzulassung (Emergency Use Authorization – EUA) erteilt, den Impfstoff also unter Vorbehalt zugelassen. „Die Notfallzulassung erlaubt den Vertrieb des Covid-19-Impfstoffs von Pfizer-BioNTech in den USA“, schreibt die FDA. 

Auf ihrer Internetseite erklärt die Behörde: „Im Rahmen einer EUA kann die FDA die Verwendung nicht zugelassener Medizinprodukte oder nicht zugelassener medizinischer Produkte im Notfall zur Diagnose, Behandlung oder Vorbeugung schwerer oder lebensbedrohlicher Krankheiten oder Zustände zulassen, wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind“. Die FDA bewerte den Antrag gemäß dieser Kriterien, wobei die ‘Gesamtheit der wissenschaftlichen Beweise für den Impfstoff’ berücksichtigt werde.

FDA-Kriterien für eine Notfallzulassung

Zu den Kriterien für die Notfallzulassung eines Impfstoffs gegen Covid-19 gehören (Seite 3):

  1. Der Erreger (SARS-CoV-2) kann eine schwerwiegende oder lebensbedrohliche Krankheit oder einen schwerwiegenden Zustand verursachen.
  2. Auf der Grundlage der Gesamtheit der verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse ist es vernünftig zu glauben, dass der Impfstoff wirksam sein kann.
  3. Der bekannte und potenzielle Nutzen des Impfstoffs überwiegt die bekannten und potenziellen Risiken des Produkts.
  4. Es gibt keine angemessene, zugelassene und verfügbare Alternative zu dem Produkt.

Laut der US-amerikanischen Zulassungsbehörde gilt der Impfstoff als sicher

Die Frage, ob Covid-19-Impfstoffe streng getestet werden, beantwortet die Behörde auf ihrer Webseite mit: „Ja. In klinischen Studien werden Covid-19-Prüfimpfstoffe in Zehntausenden von Studienteilnehmern evaluiert“. Die Impfstoffsicherheit werde auch nach der Zulassung kontinuierlich überwacht – unter anderem von der FDA –, „um Sicherheitsprobleme, falls vorhanden, schnell zu erkennen“. Gegebenenfalls könnte dem Unternehmen die Notfallzulassung entzogen werden.

Fazit: Der in dem Facebook-Beitrag dargestellte Vergleich von Nebenwirkungen der Impfung und Symptomen bei Covid-19 ist irreführend, weil er auf einem Dokument basiert, in dem es vorrangig um den Impfstoff von Biontech und Pfizer geht. Mögliche Gefahren durch Covid-19 sind dort nicht vollständig aufgelistet. Das Zitat, in dem es heißt, der Impfstoff sei nicht zugelassen, wurde aus dem Kontext gerissen. Im Dezember hat die FDA die Notfallzulassung erteilt. 

Redigatur: Tania Röttger, Steffen Kutzner

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Merkblatt der FDA (englisch): Link
  • Merkblatt der FDA (deutsch): Link
  • FDA über die Pfizer-BioNTech-Impfung: Link
  • Informationen der FDA über die Emergency Use Authorization (EUA) für Impfungen: Link
  • Leitfaden und Kriterien für die EUA: Link




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