Faktencheck

Keine Belege für eine Untersuchung von 1.500 PCR-Tests durch Dolores Cahill oder Todesfälle wegen Corona-Impfungen

Corona sei eigentlich nur Influenza, und in den USA seien bereits mehr als 650 Menschen aufgrund der Covid-19-Impfung gestorben. Das suggerieren zwei Beiträge auf Twitter. Doch ihre Behauptungen führen in die Irre.

von Sarah Thust

Mitarbeiter im Labor
Covid-19 ist nicht dasselbe wie Influenza, wie sich durch Tests schnell herausfinden lässt. (Symbolbild: Pexels / Martin Lopez)
Behauptung
Dolores Cahill habe in Irland 1.500 positive PCR-Tests sequenziert und nur Influenza A und B gefunden. In den USA seien in acht Wochen nach der Covid-19-Impfung 653 Menschen gestorben.
Bewertung
Unbelegt. Es gibt keine Hinweise darauf, dass Cahill eine Untersuchung von PCR-Tests durchgeführt hat. Die 653 Todesfälle in den USA stammen aus einer Datenbank, in die jeder ungeprüfte Fälle eintragen kann, daher ist ein Zusammenhang zur Impfung nicht verifiziert.

Ein Facebook-Beitrag der Seite „Exsuscitati“ kombiniert zwei Twitter-Beiträge von dem Arzt Rüdiger Pötsch und dem Immunologen und Unternehmer Stefan Hockertz. In einem geht es um eine Untersuchung von 1.500 positiven Corona-PCR-Tests, bei denen es sich angeblich eigentlich um Influenza A- und B-Fälle gehandelt habe. In dem zweiten Tweet geht es um Todesfälle in den USA nach Covid-19-Impfungen. Die Beiträge wurden einzeln und kombiniert hundertfach in Sozialen Netzwerken geteilt (hier, hier, hier oder hier).

In dem Facebook-Beitrag von „Exsuscitati“ wird auf der Grundlage des Tweets von Stefan Hockertz zudem behauptet, es würden Menschen „an der Impfung“ sterben.

Wir haben die Aussagen in den Tweets und die darauf basierende Schlussfolgerung auf Facebook überprüft: Es gibt für die Behauptungen keine Belege. 

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Der Beitrag auf Facebook vom 22. Februar, in dem zwei Tweets als Screenshots verbreitet werden
Der Beitrag auf Facebook vom 22. Februar, in dem zwei Tweets als Screenshots verbreitet werden (Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Erste Behauptung: Bei einer Corona-PCR-Test-Auswertung sei „nur Influenza A und B“ gefunden worden

In einem Tweet schrieb „Dr. Rüdiger Pötsch“ am 7. Februar: „Frau Prof. Cahill hat in Irland 1500 positive PCR-Tests sequenziert und keinen Covid-Patienten gefunden. Es waren lauter Influenza A und B-Fälle.“ Pötsch ist laut seines Twitter-Profils Facharzt für Allgemeinmedizin.

Wir haben bereits über diese angebliche Untersuchung berichtet. Es gibt keine Belege dafür. Dolores Cahill vom University College Dublin sprach zwar von einer solchen Untersuchung, sagte aber nicht, dass sie sie selbst durchgeführt habe. Sie erwähnte sie zum Beispiel in einem Youtube-Interview mit der „Stiftung Corona-Ausschuss“.

Cahill behauptete, dass 1.500 positive PCR-Tests im Oktober 2020 sequenziert worden seien, dabei habe man nur Influenza A und B gefunden. Die Auswertung sei nie veröffentlicht worden, aber „ein Professor“ habe sie an die US-amerikanische Gesundheitsbehörde CDC geschickt. Es gibt aber keinen Beleg dafür, dass das stimmt. 

Die Behauptung von der angeblichen Untersuchung positiver PCR-Tests erinnert stark an eine Falschinformation, die wir bereits im Januar überprüft haben: Damals wurde in einer Art Kettenbrief in Sozialen Netzwerken behauptet, der US-amerikanische Wissenschaftler Robert Oswald habe exakt eine solche Untersuchung in Südkalifornien durchgeführt und nur Influenza-Viren gefunden. Auf seinem Profil auf der Webseite der Cornell University stellte Oswald klar, dass er nicht der Urheber der Behauptungen war.

Dolores Cahill antwortet auf Fragen von Reiner Fuellmich.
Dolores Cahill beantwortet Fragen in einem Video der „Stiftung Corona-Ausschuss“ (Quelle: Youtube / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Dolores Cahill sagte, dass der „Professor“ die Auswertung an das „CDC und überall hin“ geschickt habe. Das Center for Disease Control and Prevention (CDC) in den USA hat uns bisher nicht dazu geantwortet. Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) bestätigte uns aber, dass eine solche Auswertung dort nie eingereicht wurde. „Solche Ergebnisse sind unmöglich, es sei denn, es liegen Verwechslungen von Proben oder andere administrative Fehler vor, die zu diesen Ergebnissen führen“, schrieb uns ein Sprecher der ECDC. Ähnliches bestätigte auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) der Nachrichtenagentur Reuters

Was sind PCR-Tests und was ist Sequenzierung?

PCR-Tests und Sequenzierungen sind unterschiedliche Dinge: Ein PCR-Test kann anzeigen, ob sich das SARS-CoV-2-Virus im Körper einer Person befindet. Die Grundvoraussetzung für einen solchen Test ist, dass man das Genom von SARS-CoV-2 bereits kennt – denn der PCR-Test reagiert auf spezifische Teile des Virus-Erbguts. 

Eine Sequenzierung dient dazu, das Genom eines Virus zu entschlüsseln. Das Genom des Coronavirus wurde jedoch bereits zu Beginn der Pandemie Anfang 2020 von Forschern sequenziert. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) wird eine Sequenzierung von Viren aus Corona-positiven Proben aktuell unter anderem dafür eingesetzt, um neue Virusvarianten zu entdecken. Sie ist aber auch aufwändig und teuer, wie die Tagesschau berichtet

PCR-Tests können Influenzaviren von Covid-19 zuverlässig unterscheiden

Covid-19 ist keine Influenza. Es handelt sich um unterschiedliche Viren, die mit unterschiedlichen Tests nachgewiesen werden.  

Ein Corona-PCR-Test kann nur das Coronavirus nachweisen und reagiert nicht auf Influenza-Viren. Der Virologe Christian Drosten sagte in einem NDR-Podcast im September 2020, es sei überprüft worden, ob der PCR-Test auf andere Erkältungsviren des Menschen anspreche. Das sei nicht der Fall. „Es gibt […] keine Verwechslungen mit anderen Viren, anderen Erkältungsviren, anderen Coronaviren oder sonst was für Krankheitserregern. Da ist einfach kein Raum für diese Diskussionen. Die PCR ist da einfach zweifelsfrei“, sagte Drosten. 

Zwischenfazit: Die Behauptung, Dolores Cahill habe eine Untersuchung von 1.500 PCR-Tests durchgeführt, ist unbelegt. Cahills Aussagen in einem Video lässt sich entnehmen, dass sie nicht selbst eine solche Studie durchgeführt hat – aber auch sonst findet sich kein Beleg dafür. Dass Corona-PCR-Tests auf Influenza-Viren grundsätzlich positiv reagieren, ist laut Experten nicht möglich. 

Zweite Behauptung: In den USA seien 653 Menschen nach der Impfung gestorben

Das zweite Bild in dem Facebook-Beitrag von „Exsuscitati“ zeigt einen Tweet von „Prof. Dr. Stefan Hockertz“. Hockertz ist laut eigener Angabe Unternehmer und Wissenschaftler. Er schrieb am 17. Februar auf Twitter unter anderem von 653 Todesfällen in den „USA nach 8 Wochen Covid19-Vaccines“. Als Quelle nennt er das Vaccine Adverse Event Reporting System (VAERS), eine Datenbank der US-Regierung. In der Datenbank wurden tatsächlich bis zum Tag, an dem Hockerts getwittert hat, 653 Todesfälle nach einer Covid-19-Impfung angezeigt (Stand: 4. Februar). 

„Exsuscitati“ interpretiert diese Angabe so, dass die Menschen „an der Impfung“ gestorben seien. Das lässt sich aus der Datenbank jedoch nicht ableiten.

Die VAERS-Datenbank umfasst nach eigenen Angaben „nicht verifizierte Berichte“ über unerwünschte Ereignisse nach Impfungen mit in den USA zugelassenen Impfstoffen. Berichte kann jeder Bürger elektronisch einreichen. Die Daten werden ungeprüft auf den Internetseiten MedAlerts und CDC Wonder veröffentlicht. 

Die Ärztin Harriet Hall kritisierte das VAERS bereits im Jahr 2018 in dem Blog The SkepDoc. „Impfgegner lieben das U. S. Vaccine Adverse Event Reporting System“, schrieb sie. „Sie verstehen nicht, wie VAERS funktioniert. Es sammelt weder systematisch Daten, noch ist es ein Beweis für Schäden durch Impfstoffe.“ Jeder könnte lügen und dort einen falschen Bericht einreichen. 

Bisher sind in Deutschland keine Todesfälle durch Impfungen gegen Covid-19 belegt

In Deutschland wurden dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI) vom 27. Dezember 2020 bis zum 12. Februar 223 Todesfälle zeitlich nach einer Covid-19-Impfung gemeldet (Seite 7 und 8). Bei keinem davon hat das PEI bisher einen Zusammenhang zur Impfung bestätigt. Ein Großteil verstarb dem Bericht zufolge nachweislich an anderen Krankheiten. Und auch bei der „überwiegenden Mehrheit der anderen Personen“ seien mehrere Vorerkrankungen bekannt gewesen. Bei 96 Menschen wurde die Todesursache als „unbekannt“ angegeben. 

Das PEI schreibt weiter: „Wenn ältere Menschen oder Menschen mit schweren Vorerkrankungen und einem erhöhten Sterberisiko geimpft werden, wird es eine gewisse Anzahl von Todesfällen geben, die kurz nach der Impfung auftreten, ohne aber kausal mit der Impfung assoziiert zu sein.“ Die beobachtete Anzahl an Todesfällen nach der Impfung übersteige die erwartete Anzahl Todesfälle ohne Impfung derzeit nicht. 

Redigatur: Alice Echtermann, Steffen Kutzner

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck: 

  • Über den Laborbefund mit Polymerase-Ketten-Reaktion (PCR): Link 
  • Publikation über eine Sequenzierung des Coronavirus (3. Februar 2020): Link (englisch)
  • Handlungsanleitung für Labore zur Sequenzierung im Rahmen der Coronavirus-Surveillance vom Robert-Koch-Institut: Link 
  • Über die VAERS-Datenbank: Link (englisch)
  • Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts zu den Covid-Schutzimpfungen (18. Februar 2021): Link

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